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Wandlung

Wandlung

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Um 8. 56  Uhr läuten die Glocken zur Wandlung. Ich sitze in meinem Garten über den Dächern des Dorfes, das Fernglas neben mir. In den Büschen und Bäumen die Distelfinke und Spatzen. Die Ringeltauben, die der Nachbar züchtet, die Hausrotschwänzchen, Amseln und  Kohlmeisen. Da ist keine Leerstelle mehr. Ich denke mit Staunen darüber nach, dass es Menschen gibt, die Wandlung symbolhaft vollziehen. Dazu gehöre ich nicht. Wandlung geschieht in mir täglich. Sie überholt mein Denken. Am Abend nimmt mir die hohe Silbertanne in Nachbars Garten die untergehende Frühjahrssonne weg. So viel Schatten muss auch ihn stören. Das Vogelgezwitscher hüllt mich ein.

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Ein Buntspecht hat sich in ihre Hand gesetzt. Langsam hat er sich angenähert, jeden Tag ist er ein Stückchen näher gekommen. Vom entfernt stehenden Baum zum Vogelhaus. Von da zum Strauch und dann war es nur mehr ein Flügelschlag bis in ihre Hand. Als nächstes wagen sich die Rehe vor. Sie fressen schon von der Hauswurz, die in der Kräuterspirale vor ihrem Haus wächst. Von der Kräuterspirale bis zu ihrem Sitzplatz auf der Terrasse sind es nur mehr zwei Meter. Es wird sie nicht wundern, wenn sich eines von ihnen in ihren Schoß setzt.

 

 

 

Vergehen

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Die Nacht ist sternenlos. Die Möll rauscht laut. Kaum ein Auto stört dieses harmonische Geräusch. Orion ist erst ab Mitternacht in voller Größe zu sehen. Die Intensität der Dunkelheit erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist eng hier im Tal – ich krieg’s nicht weiter, auch wenn ich meine Gedanken ausführlich damit betraue. Die Anzahl und Machart der Häuser, die hier stehen, verändern sich seit Jahrzehnten kaum. Die Menschen leben in einem Museum. Ich tröste mich mit dem Verweilen bei einer Melodie von Fuzzmann, im wiederholten Hinhören auf Worte wie Wiese und blühen. Laufen  und Wildheit und Weite.

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Die Frau trägt die Leiter am Waldrand entlang den Anger hinauf. Sie sucht nach Bäumen, deren Äste sie absägen kann, um sie auf das Mistbeet als Abdeckung für die Wintermonate zu legen. Sie muss unverrichteter Dinge umkehren, weil alle Äste zu hoch wachsen und die Leiter dafür zu kurz ist.

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Der Borkenkäfer gewinnt Oberhand, die Bäume werden gefällt. Und der künstliche Lawinenschutz greift nicht. Die Natur kommt zusehends bedrohliche nahe.

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Ein Wolf reißt neuerdings junge Kälber. Der Almwirtschaftsverband dreht einen Werbespot gegen das wilde Tier. Die Musikgruppe soll dafür die Nummer „das verlassene Tal“ zur Verfügung stellen.

5
Die Hautfarbe des neuen Bergdorfpriesters ist identisch mit jener des Scheinmarmors des Hochaltares. Wenn er genau davor steht, kann ich ihn nicht vom Hintergrund, vor dem er steht, unterscheiden. Nach der Messe, die nur spärlich besucht ist, trinken wir Schnaps beim Kirchenwirt. Hier sitzen noch weniger Gäste als in der Kirche.

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Der alte Mann stirbt vor seiner Frau. Auch sie ist schon alt. Trotzdem kauft sie sich jetzt mit 80 ihr erstes eigenes Auto. Hier hilft ein Klimaticket nicht aus der Abhängigkeit!

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Wir gehen beim Haus eines ehemaligen Schulkollegen vorbei. Er hat sich vor einem halben Jahr auf seiner Terrasse erhängt. Kaum jemand spricht mehr davon. Aus Herzensmenschen wurden Herkunftsmenschen und in weiterer Folge Vergessene.

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Im gemeinsamen Erinnern kommt die Sprache auf heimlich gelesene Schundromane und Winkeltänze (In früheren Zeiten traf man sich zum Tanz in den Bauernstuben).  Sollte es auch hier so sein, dass die größten Offenbarungen des Lebens im Sex,  in der Literatur und bei der Beobachtung von Vögeln zu finden ist, dass somit auch diese Welt voller Möglichkeiten ist?

Blauweide


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Am liebsten würde ich ins Astner Moos beißen. Jeder Quadratzentimeter springt mich mit seiner Schönheit an. Üppigkeit. Zartheit. Grün. Ich wünsch mir einen lebenslangen Vortrag zu dieser mäandernden Wasserlandschaft rund um das Niedermoor in den Hohen Tauern. Im Radio gibt es einen Schwerpunkt zum Lebensraum Pfütze. Die große Welt in einer Lache. Möge mir ein wissender Mensch diese Welt erklären und mit ihr die ganze Welt!

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Der Sternenhimmel passt. Die Milchstraße auch. Untertags kommen wir schön langsam ins Gehen. Im Kopf bin ich sehr müde. Ich spüre den Schnee auf den Almen lasten. Es ist keine Wochen her, dass er weggeschmolzen ist. Es waren insgesamt wohl an die fünf Meter in diesem Jahr. Noch fällt mir nichts wie Schuppen von den Augen. Die Asten macht mich schwer. Weil die Zeit hier so schnell vergeht. Weil hier unmittelbar sichtbar ist, wie die Natur zur Gewalt wird und der Mensch klein und verschwindend.

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Vielleicht beginnt jetzt das Ordnen. „Die Landschaft kommt dir doch entgegen!“, meint mein Mann am Telefon. Wer ist das denn, mein Mann?

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In der Nachbarhütte schaffen zwei Frauen. Sie räumen die Hütte auf. Sie hängen die Bettwäsche im Freien auf. Sie reparieren den Lattenzaun. Ich höre sie lachen, während sie zu Mittag essen. Oder zumindest mit dem Geschirr klappern.

5
Die Bäche sind während der Schneeschmelze sehr laut. Im Vergleich zur restlichen Geräuschkulisse. Ich höre Unterschiede während des Regens. Der nieselt leise vor sich hin. Das Wasser tropft dumpf vom Dach in die Dachrinne.

6
Heute habe ich einen morschen Lärchenbaum fotografiert. Gegen den Himmel. Die nadellosen Äste zeichnen eine düstere Grafik in die Luft. Ich werde es Dir schicken, wenn ich einmal sehr traurig bin.

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Wie heißt der kleine Vogel, der uns während unseres Frühstücks unterhält? Ich kenn nur das landläufige „Zirbengreck“. Die Tannenmeise ist größer und besucht uns erst am Nachmittag. Du wartest am Telefon mit einer Rohrdommel auf. Die passt hier gar nicht dazu. Ich kontere mit einem Gimpel.

8
Im kleinen Handwerksmuseum erfahren wir: Die Kummets wurden zu Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts selbst im abgeschiedenen Mölltal mit einem Füllstoff aus Afrika aufgepeppt. Zuerst wurde das Innenleben allerdings mit einem Gerüst aus Holz mit einer bestimmten Biegung stabilisiert. Diese passenden Biegungen stellten Wind, Wetter und Schnee her – man suchte eine von der Schneelast gebogene Birke mit der genau passenden Biegung. Das nenne ich arbeiten mit der Natur.

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Ist es so, wie der erfolgreiche Künstler sagt, dass die heile Welt einer großelterlichen Idylle nicht aufs Leben vorbereitet? Dass sie zu wenig hart macht? Ich widerspreche. Diese Idylle war höchstens eine aus Zuneigung und Fürsorge zurechtgezimmerte Schein-Idylle . Außerdem: Wer mag sich denn eine ausschließlich abgebrühte Welt vorstellen?

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Ein Lawinenkegel verändert sich ein paarmal pro Jahr wenn es die Wetterlage begünstigt. Die Blauweide verhält sich unscheinbar und aussterbend. Gold Pippau findet nur mehr gelegentlich in der Schweiz Einsatz bei der Färbung von Butter und Käse. Und  Bodza, das ungarische Wort für Holunder, klingt sanft und unbeholfen, wenn ich es ausspreche.

 

Schönheit

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Die Rettungseinfahrt ist mit einem langen Spalier aus Zierkirschen gesäumt. Sie blühen heuer ungewöhnlich lang, der kalte April bewirkt das. Ein Baum, der nur blüht und keine Früchte trägt. Ein Baum, dessen Sinn darin besteht, schön zu sein, nicht fruchtbar.

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Wir nehmen als schön wahr, was für unser Hirn am wenigsten anstrengend ist!

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Schönheit ist Schlichtheit, Einfachheit, Stille.
Verbunden mit einer undefinierbaren Abgründigkeit an Weisheit, Erfahrung und Denken.

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Die Frau des Totengräbers steht frühmorgens vor dem Spiegel, sieht ihr Spiegelbild und sagt zu sich selber mit Inbrunst: „ De schiache Sau vagun i eahm!“ So hat es jedenfalls der Nachbar zu erzählen gewusst.

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Wieder einmal ein kalter  Samstagnachmittag im Lockdown. Wir schlendern den Franziskusweg entlang. Rundherum Schönheit. Die Schönheit unseres Gespräches, wie es sich entwickelt, dahinplätschert; die Schönheit des Weges, der Erhöhung am Waldrand entlang mit Blick auf das weite Marchfeld; die Schönheit des Schritt für Schritt: Rhythmus, Bewegung, leises Geräusch; die Schönheit der Landschaft, die sich hinter dem Nebel als Geheimnis versteckt. Hier sollte man in der Nacht vorbeikommen, am besten mit jemandem, den man küssen möchte, in dieser Kulisse der vielen Lichter der nahen Stadt, oben, mitten in den Weingärten. Hinan! Man lässt den Blick schweifen über die Ebene bis zu den Dörfern, Städten und den hohen Bergen dahinter. Dunkle Gestalten in gestalteter Welt.

 

Laufende Dokumentation

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Ein Patient erzählt mir:  „Mein Vater hat mir sein Leben zu verdanken. Kurz nachdem ich geboren wurde, durfte er Fronturlaub machen, weil ich ein Junge war. Zur selben Zeit kam auch die Tochter seines Kriegskameraden zur Welt. Die Geburt eines Mädchens war allerdings kein triftiger Grund für einen Besuch in der Heimat. Der Kamerad starb genau in diesen Tagen meines Urlaubes an einer Schussverletzung. Mein Vater hat den Krieg überlebt.“

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Ich frage eine Patientin: „Welche Ankerpunkte haben Sie?“ Sie antwortet: „Die Namen meiner drei Pferde, die Erinnerung an zwei tote Katzen und die Nibelungensage.“

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Eine Mitarbeiterin ringt mit den Händen: „Ich brauch jetzt die Hilfe von oben!“

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Was Kinder im vergangenen Jahr gelernt haben könnten: Rücksicht zu nehmen, zu kochen, die Welt rund ums Haus, rund um die Wohnung kennenzulernen, nachzudenken darüber, wie’s die Ameisen machen, verantwortlich zu sein, eigenständig zu handeln, die Schule zu vergessen, nicht alles machen zu können, mit dem Leben zu dichten, den Himmel abzuräumen, sich nach Freund*innen zu sehnen, die Unaustauschbarkeit der Eltern zu sehen, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, eine Scheinfährte zu legen,…

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Die meisten Kräfte, die die Welt vorantreiben, sind nicht mess- und evaluierbar. Mein Cousin, der in den Hohen Tauern lebt, meint: „Denk mal, wenn sich ein Felsen löst und auf das Dorf stürzt, erübrigen sich unsere Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Schiliften. Die Natur siegt.“

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Ich will eine moralische Debatte führen über Dokumentationswahn, Herrschaftswahn, Kontrollwahn, Lenkungswahn, Qualtitätsmanagementwahn, Evaluierungswahn, Sicherheitswahn, Verwaltungswahn, Hygienewahn, Tätigkeitswahn, Aktionismuswahn. Sorglosigkeit. Sie führt mich in die innere Emigration.

 

 

 

 

 

 

 

Vogel

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Jetzt finde ich die Ruhe, die schon vor langer Zeit installierte Vogel-App auf meinem Handy zu aktivieren. Ich nehme eine Vogelstimme auf und innerhalb von einer halben Minute meldet mir eine Datenbank vom Naturhistorischen Museum zurück, um welchen Vogel es sich handelt. Ich bin fasziniert von dieser technischen Möglichkeit und noch mehr vom Reichtum der mich umgebenden Welt. Meine Sehnsucht wächst, unterschiedlichste Namen für die Freiheit zu finden. Heute heißt sie „Zilpzalp“.

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Morgen heißt sie „Nachtigall“. Ich erinnere mich an den Begriff „Stutz“, so wird sie im Mölltal genannt, die Nachtigall. Dieser unromantische Name ist sicher seiner Körpergröße und dem unspektakulären Federkleid geschuldet. Dabei hält ein Nachtigallenmännchen durchschnittlich 180 Strophen bereit, ein körperloses Werben, bei dem nur das Gehör entscheidet. Nichts und niemand soll mich daran hindern, heuer einen Nachtigallensommer zu erleben. Auf das durchdringende, perlenklare Singen hinzuhören. Es unterscheiden zu lernen von jenem des Rotkehlchens, das sich laut Kim Mortega wiederum „wie ein Vorhang aus goldenen Wassertropfen“ anhört. Ich werde mir im Unterholz ein Nest bauen.

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Das Leben eines Vogels ist grundverschieden von meinem.
Vögel sind immer schon da. Für kurze Momente begegnen wir einander. Ich vermute, dass sie für mich wichtiger sind, als ich für sie.

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Noch bestimmt der Weinviertler Winter die  Landschaft. Nebel, Feuchtigkeit und Dämmerung. Den ganzen Tag. Wir sitzen vor der Teichhütte im Wald, in warme Tarnkleidung gehüllt und sprechen ein Gebet. Wir sind dabei, einen Hund zu taufen. Denn, weshalb soll es der Hund nicht auch so gut haben wie wir? Der Zelebrant segnet das Wasser und schüttet es großzügig über den Täufling. Die Patin zündet eine Kerze an. Der Pate nennt den Namen. Wir sehen einen Eisvogel dicht über der Wasseroberfläche dahinzischen.

 

 

Müßiggang


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Während eines Müßigganges bin ich ins Wasser gefallen. Ein unbekannter Weg, eine dünne Eisschicht, die sich im Laufe der kalten Nacht gebildet hat und ein paar darüber liegende Schneeflocken. Der kleine Tümpel war nicht zu sehen und ich setzte unbekümmert meinen Schritt in diese Untiefe. So unvermutet und plötzlich, hüfthoch, in voller Winterbekleidung im kalten Wasser zu stehen, hat mich erfrischt. Ich kam mir vor wie ein kleines Mädchen, dem ein Missgeschick rote Farbe auf die Wangen pinselt.

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Torgny Lindgren schreibt, man solle versuchen, im gleichen Tempo wie eine Bartflechte zu leben. Sie wächst 0,1 bis 10 mm im Jahr. Vor diesem willkürlich gewählten Hintergrund stelle ich mir täglich am Morgen die Frage, die mir unter den Nägeln brennt:  Was ist heute wichtig zu tun?

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Die Vortragende versucht mir klarzumachen, dass ich unbedingt etwas tun müsse. Dass mir die Themen der Zeit zeigen würden, welche Aufgaben ich jetzt unbedingt zu erledigen habe. Dass ich für irgendjemanden gehen müsse. Dass ich Sinn durch den Einsatz für Andere erführe.
Während ich zuhöre, bewirkt ihre vernünftige Aufforderung zur Aktion bei mir eine immer größer werdende Abwehrhaltung. Das ist mir unangenehm. Dennoch würde ich alles unterschreiben, was sie sagt.
Wäre da nicht mein Lieblingsszenario im Kopf, dieses Hirngespinst: absichtsloses Nichtstun.

 

 

 

 

Rhythmus

 

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Bis vor Kurzem kannte ich ein Pärchen, das sich jeden Tag zur Mittagszeit im Tankstellenbistro ein Bier und eine Leberkäsesemmel als Menü genehmigte. Zur Nachspeise bestellten sie zwei rote G’spritzte.

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Die Routine in einem Krankenhaus ist enorm. Jeden Tag scheinbar die gleichen Handlungen, die gleichen Fragen. Nur mit anderen Menschen. Jeder Mensch hat seine je eigene Art und Weise zu kommunizieren. Ständig sind wir auf der Suche nach Einfachheit und Klarheit. Nicht die Resultate des Denkens, sondern die Teilhabe am Denkprozess selber hilft. Nicht selten verschwimmt ungewollt der Unterschied zwischen Cliniclown und Arzt.

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Zweimal im Jahr rege ich mich zu Recht auf, allerdings ohne jegliche Resonanz, nämlich darüber, dass sich die Mächtigen einig sind, Herr über die Zeit zu sein, die Uhr um eine Stunde – wenn sie es wollen, könnten es auch mehr sein – vor oder zurückzustellen und meinen Tagesrhythmus dadurch komplett durcheinander zu bringen. Da bin ich wie eine Kuh.

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Heuer haben einige meiner Freundinnen schon Anfang November damit begonnen, Weihnachtskekse zu backen. In der Kirche von Mailand beginnt der Advent schon am 15. November. Was kann ich daraus ableiten?

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Die heiligen Zeiten waren wie ein Reigen für uns Kinder.

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Ich kenne jemanden, der es sich angewöhnt hat, täglich im Internet den Wasserstand der March zu erfragen. Unabhängig davon, ob er in See sticht oder nicht.

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Mein Rhythmus mit Dir: das Atmen zwischen den zufälligen Begegnungen.

 

 

Entdeckung

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„Ich war noch nie so frei wie jetzt“
, sagt der Sterbenskranke zu mir. Auf seinem T-Shirt lese ich: „Veganer Indianer“.
Seine vieles entscheidende Lebenskraft erwächst aus einer unmittelbaren Ergriffenheit von allem, das ihn umgibt. „Ein warmes Herz. Die große Stärke der Familie. Ein volles Haus. Ein gutes Essen. Mittelpunkt finden und sein. Der Garten. Die gewonnene Freiheit in der eigenen Krankheit …“  Was für ein Talent!
Er spricht davon, schmerzfrei zu sein. Davon, dass er versucht, seinem schmerzgeplagten Zimmernachbarn den „Schmerz zu nehmen“, damit dieser wieder Boden unter den Füßen hat und ein paar Stunden ruhig schlafen kann.
Er sieht sich im Internet ein Video an, das ihm zeigt, wie er den gezogenen Apfelstrudel am besten hinkriegt. Er kann hervorragend Bohnensuppe mit Buchteln kochen. Er fragt sich, was zuerst ist, der Donner oder der Blitz. Er nimmt „Ja, Schatzi“ in sein Gebrauchsvokabular auf – das war der bislang letzte gute Tipp vom Anästhesisten.

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Alles im Leben ist einmalig. Diese Reise, die einem nicht enden wollenden, inneren Drang nachgeht, einem Fernweh gleich, einem Heimweh. Mich zieht es in diesem Jahr ganz unkontrolliert immer wieder in ein nächstes Dorf. Da geh ich zu Fuß dahin und wähne mich daheim in der sich laufend verändernden Bewegung.

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Heuer hab ich regelmäßig den Biberbau am Bach besucht, ein winziges, verwildertes Dschungelgebiet, umgeben von Intensivlandwirtschaft und gemähtem Wald. Der Biber schert sich weder um das eine noch um das andere.

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Dem Hinweis, nicht bloß spazieren zu gehen, sondern dabei Pilze zu sammeln, kann ich sehr viel abgewinnen. Er entspricht meiner Eigenart, von jedem Spaziergang etwas mit nach Hause zu nehmen – wenigstens eine Nuss oder einen Feldblumenstrauß.

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Sagt das Kind zu mir, auf der Anhöhe des Baumkreises stehend und in die Weite blickend: „Schau, da sieht man die ganze Welt!“

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Was mag es wohl bedeuten, Waldseelsorge zu betreiben? Habe das Wort im Radio aufgeschnappt.

 

Askese

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Ich stelle bei mir zwar einen fatalen Hang zum Austrocknen fest, aber ebenso jenes Potential, das mich geistig zeitlos jung erhalten kann. Ich wachse in der Überzeugung, ich müsse mir nur meiner Imaginations- und Intuitionskräfte bewusst werden, sie ausbilden, pflegen und üben. Mich mehr und mehr dem Vertrauen verschreiben.