KategorieAngeflogen werden

Teneriffa

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Der Kellner im Flughafenrestaurant hat nur mehr drei Stunden lang Dienst.
Ich verlange die Rechnung für meinen Espresso und die Eierspeise. 100 Euro, sagt er schmunzelnd.

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Unter mir die Wolken, Schnee auf den Bergen. In den Tälern liegt Nebel. Unter mir ist‘s also finster. Wenn hier Schnee liegt, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, sag ich mir. Glaub ich mir. Halte ich mir fest.
Ja, die Berge sind mir die liebsten. Später sehe ich die Flüsse als silberne Bänder, ich sehe die Häuser als winzige Punkte, die Dörfer wie Ameisenhaufen. Die Dolomiten. Südtirol. Ein Spiegel, der Gardasee, ein Engel in Silber. Die Sonne in den Fenstern der Häuser sind Sterne, die Blechdächer leuchten. Ich vergesse, welche Jahreszeit wir haben. Die Felder sind grün.
Der Po zeigt sich in seinen vielen Windungen und Wendungen. Im Osten färbt sich das Meer in Orange ein. Eine Sinnestäuschung nach der anderen, Meer oder Horizont, Unten oder Oben, wo beginnt der Himmel? Auch die Flüsse reflektieren die Sonne als grellgelben Ball oder als güldenes Band. Die offene Adria sieht aus wie die Oberfläche eines Ledersofas. Der Stuart serviert mir überm Golf von Genua Hühnerschnitzel in einer Semmel, Prosecco und Wasser im Plastikbecher

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Jeden Augenblick will ich genießen, hier über den Wolken. Was für ein Luxus! Eingebettet zu sein in eine großartige Welt auf der hüben wie drüben Menschen auf mich warten, die mich lieben. Ich erfinde Dankbarkeit, verschreibe ich mich, schreibe von Wundern, lass Theben links liegen.

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Am Ende der Reise werde ich mir vornehmen, bei meinem nächsten Besuch hier in der Nacht am Strand zu liegen und in die Sterne zu schauen, um ins Universum zu fallen.

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Ich brauche acht Stunden Schlaf. Den Sonnenaufgang am Morgen zu bewundern, das könnte zur Routine werden.

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Es gibt hier ganz kleine Tauben, Wildtauben, die in großen Bäumen leben. Und Dattelpalmen und Kokosnüsse auf Palmen. Natürlich müssen die Pflanzen hier bewässert werden. Es fällt so gut wie kein Regen. Es gibt riesige Pflanzzelte, in denen Palmen, Bananensträucher oder Paradeiserpflanzen gezogen werden.

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Los Abrigos heißt das Dorf, in das wir fahren. Wir sind ein kleines Wir auf einer Insel. Der Vulkan könnte jederzeit ausbrechen. Hier ist das Meer mein Wasserfall. Das Meer ist der Atlantik. Der Atlantik, der auf diese Insel schwappt. Ich trage Sand in den Augen und zwischen den Zähnen. Hier werde ich mich festkleben. In Tajao ist der schönste Anblick das Zusammenspiel von Land und Wasser. Felsskulpturen, Gischt. Der beste Hauswein und Tintenfisch mit Zitrone. Wenn es das Letzte ist, was ich genießen darf – ich bin sehr zufrieden.

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Der Barraquito, eine geschichtete Kaffeespezialität, deren Zutaten ein Espresso, Milchschaum, Likör, Zimtpulver und Limettenschale sind. Die Kellner in der Rioja-Bar sind Profis mit rauem Schmäh. Testosterongeladen …und zum Wein servieren sie Serrano-Schinken. Am Abend stelle ich mich für ein Eis an. Der Bursche hinter dem Tresen wirkt konzentriert und lässt sich durch die immer länger werdende Warteschlange nicht aus der Ruhe bringen. Mit stoischer Genauigkeit bringt er Eiskugel um Eiskugel auf die Tüten. Es dauert sehr lange! Ich entdecke Gofio, eine Mehlspezialität, die ich bis dato nur im Himalaya und in den Hohen Tauern verortet wusste. Ich denke an meine Großmutter, in deren lauwarmen Brotbackofen ich als Kind gekrochen bin, um die gedörrten Getreidekörner für die Munggn herauszukehren.

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Surfer finden hier beste Voraussetzungen für das, was sie nicht lassen können. Sie wohnen in Hotels wie dem unseren. Deshalb wird zum Frühstück sehr viel Obst und Gemüse aufgelegt. Die Surfbretter sind kurz geworden. Die auslaufenden Abrundungen sind mittlerweile an beiden Enden abgeschnitten. Das Brett ist fast quadratisch. Und der Schirm findet in einem winzigen Rucksack Platz.

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Es gibt kaum Hunde auf der Insel. Viele Paare mit Kindern suchen den zentral nahe den Bars gelegenen Spielplatz auf. Besonders auffallend sind die Väter, die zugleich Machos und verantwortungsvolle Erziehungsberechtigte darstellen. Viele der Männer tragen Bärte in unterschiedlichen Längen. Das ist jetzt wohl Mode. Die Kinder laufen wir aufgezogen herum. Schnell und durcheinander. Alles ganz friedlich und laut. Ein lebendig gewordenes Wimmelbilderbuch.

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Am Wochenmarkt kaufen wir ein paar Paradeiser und Paprika für ein Picknick am Berg. Ich weiß noch nicht, was auf mich zukommt.
Wir fahren Richtung San Isidro in den Nationalpark Teide. Zuerst fallen mir die Landwirtschaft und die Gärten auf. Wein und Erdäpfel in sehr karger, trockener Landschaft. Das Städtchen Vilaflor liegt quasi immer irgendwie im Nebel oder in den Wolken. Das ist für die Pflanzen eine der wenigen Möglichkeiten, zu Wasser zu kommen. Zudem Zisternen; und Bäumchen, die in Mulden gesetzt werden, damit sie das wenige Wasser auffangen.
Dann beginnt die Phase der langnadeligen, alten Föhren, Kiefern. Die Wolkendecke, auf die wir mittlerweile hinunterschauen, ist atemberaubend, die Felsenlandschaft macht mich sprachlos. Wir hanteln uns von Schönheit zu Schönheit. Ein bisheriger Höhepunkt dieser Reise ist die Sternenwanderung zu den Roques de García. Die meisten Pflanzen auf dem kargen Vulkangestein sind so hart wie Plastik. Es gibt eine endemische Pflanze hier, die wie eine Kerze in die Höhe ragt, den roten Teide-Natternkopf. Begleitet von blühender Aloe Vera, Strelitzie und Paradiesvogel. Im Moment sind nur ihre Samenstände da zu sehen. Die Farbenpracht des Frühjahrs hält sich jetzt noch zurück. Pastelltöne. Es ist der Auftritt der Steine. Die Formen sind derart spektakulär, dass es keine grellen Farben mehr verträgt, dieser visuelle Überfall… 

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Immer wieder schüttet der Reisegefährte ein Schlückchen Wasser oder Alkohol quasi als Dank und Segen ins Meer, in die Luft oder auf die Erde. An besonderen Orten, die ihm viel geschenkt haben. Er ist ein zutiefst spiritueller Mensch. Das darf ich allerdings nicht erwähnen.

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Zwei Tage Leben sind mehr als zwei Seiten schreiben, meint die Pragerin, deren Biographie ich zurzeit lese.

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Was erlebst Du gerade, fragt mich mein Reisegefährte. Ich antworte, dass hier alles eine Geschichte ist, gewoben aus vielen Details. Das Muster im Sand. Die hellen und dunklen Staubkörner, die sich marmoriert zeigen, wenn das Meerwasser drüber schwappt, die pflanzlichen Muster, die sich bilden. Nie in gleicher Art und Weise. Der Glitzersand – Abermillionen Sternchen. Die Holzbretter, über die wir jedes Mal laufen, wenn wir vom Quartier ins Städtchen schlendern, abgenutzt von Wind, Wasser und Füßen. Die Nagelköpfe, die manchmal rausragen und zum Stolpern einladen.

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Angeblich gibt es auf der Insel Ausschreitungen aufgrund der viele Engländer, die zum Fußballschauen herfliegen. In ein paar Tagen spielen die Engländer gegen die Walisen. Da wird es laut Prognosen rund gehen.

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Während ich das schreibe, sitze ich unter zwei mehr oder weniger zerrupften Palmen an einem Kaffeehaustischen in El Medano und starre aufs Meer. „Das hier ist für Warmduscher“, meint der Reisegefährte, „die richtig wilden Wellen gibt es in Santa Cruz.“ Die Wellen in Los Americanos sind allerdings auch nicht übel. Deshalb treffen wir dort auf viele wellenreitenden Freaks. Der sympathischste Sport hier ist mir allerdings das Schwimmen. Ich sehe einen Schwimmer, er nimmt sich eine aufblasbare Boje mit und schwimmt eine Stunde lang hin, eine Stunde lang zurück. Mehr braucht man nicht. Und ich schließe das erste Mal in meinem Leben Freundschaft mit einem Schnorchel.

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Wir wandern auf der Mauer ohne Geländer vor zum schönen Aussichtspunkt am Pier. Links von mir das Meer und im Anschluss eine Einladung auf ein Glas Weißwein in ein Lokal, das Fledermäuse zum Logo hat. Neben uns sitzt ein älteres Paar, das Französisch miteinander spricht. Wir verstehen kaum ein Wort. Es ist unbedeutend. Das Unausgesprochene ist hier sehr deutlich.

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Das schwarz-goldene Feenkleid meiner Schwester hat hier seinen besten Auftritt. Ich spiel ein bisschen Theater damit. Am Strand um im Cafe Medano. Die beiden Kellnerinnen zeigen sich begeistert ob dem vielen Glitzer. Sie sind sehr charmant zu mir und schmeicheln mir. Wir vergraben einen Keramik-Kokon an der Stelle, wo mein Reisegefährte vor Jahren eine Ton-Kärntner-Nudel vergraben hat. Diese holen wir unversehrt zurück in meine Hände. Ich werde sie daheim auf den Tisch legen. Angereichert mit Meersalz und Meeresbrise und Erde.

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Mein Reisegefährte weist mich auf ein großes Plakat hin, ein Foto von einer Meerprozession am zweiten Sonntag im September in dieser Stadt. Eine Marienskulptur mit Kind wird auf einem Boot ins Wasser gebracht und bejubelt. Am Strand sind Massen von Menschen zu sehen. Ein buntes Schauspiel.
Er zeigt mir auch eine Bildhauerwerkstatt, in der ein Künstler Workshops abhält.
Er zeigt mir den roten Berg.
Er zeigt mir die Kajaks, mit denen wir zu den Delphinen fahren könnten.
Er zeigt mir sein illegal aufgesprühtes Logo, das direkt in die Webcam leuchtet.
Er zeigt mir das Lokal in dem der beste Mojito ausgeschenkt wird.
Wo finde ich den Off-Knopf?

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Ich bin nicht mehr aufnahmebereit.

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Es regnet immer wieder ein bisschen.  Beim Frühstück reden zwei Urlauberinnen miteinander: „Ja wir waren jetzt drei Wochen lang hier. Den Winter ein bisschen verkürzen. Bis jetzt hatten wir Glück mit dem Wetter.“ Die andere: „Ja, wir kommen im November und dann im Februar und dann im März für jeweils drei Wochen.“ Scheinbar findet hier so etwas wie ewiger Frühling statt.

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Natürlich kaufe ich auf dem Samstagmarkt Souvenirs ein. Bezauberndes Selbstgehäkeltes. Lesezeichen, Tintenfische, Bären– Eine deutsche Frau, die nun schon seit Jahren hier lebt, handarbeitet sie. Wir finden einen antiquarischen Reiseführer – Wanderwege auf den Kanaren. Schön langsam bekomme ich einen kleinen Überblick über diese Inseln. Tektonisch: Afrika. Politisch: Europa. Das nächste Mal muss ich mir leichte Wanderschuhe und eine wirklich warme Wanderjacke mitnehmen.

Leib


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Es gibt so gut wie keine Frau, die ohne Büstenhalter ihr Haus oder ihre Wohnung verlässt. Die meisten BH‘s sind wattiert. So sieht man eine gleichermaßen wohlgeformte Brust, keine Brustwarzen, keine Hängebusen, nicht zu klein, nicht zu groß.
In Paris demonstrieren sie und werfen die BHs in die Luft, um sie los zu werden.
In mir regen sich Zweifel vor allem in eine Richtung. Ich schau nach unten.

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„Gestalt des Leibes“ ist die Definition von Seele, meint Thomas von Aquin. Diese ganze Lebendigkeit machte den Menschen zu einem einzigartigen Wesen.

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Mein Sohn legt sich jetzt für drei Tage ins Krankenhaus.
Außerdem hat er zehn Kisten Bier gewonnen.

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Wenn ich meinen Kopf weit vorn über beuge und durch den schmalen Spalt zwischen meinen Füße durchschaue, sehe ich ein Stück Fluss.

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Ich gestalte einen Tonstempel zur Körperbemalung.

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Wir haben einen Teil des Tages unter der Erde verbracht. In Erdställen und Kellern. Das sind keine alltäglichen Orte für mich. Die Frage, weshalb der Mensch unter die Erde geht, bedrängt mich. Umschaid kann dazu was sagen. Und die Bergarbeiter aus dem Mölltal. Und der Totengräber.
Wir leben auf der Erde, manchmal in Höhlen, verstecken uns im Weinkeller, graben durch den Berg, durchlöchern ihn, ……finden in den Uterus zurück.

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Der Friedhof in Györ ist groß, leicht chaotisch und so, wie man sich einen romantischen Friedhof vorstellt. Viel Grün, viel Kerzenlicht. Viel Schmiedeeisen und verwitterter Stein.
Er findet das Grab, in dem seine Eltern und seine Brüder begraben sind. Das Grab wird nun aufgelöst. Das macht mich trauriger als ihn. Wir legen drei bunte Blumensträuße auf die frisch umgegrabene Erde.

Klang


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ein großer Klang sein

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Esel, Mufflons, Steinböcke, Wölfe, Ziegen, Schafe, Kleiber, Rothkehlchen, Hochlandrinder, Eichkätzchen, Wildschweine. Das Schönste im Tierpark waren die Wölfe. Das Heulen eines einzelnen Wolfes. Ein melancholisches Solo.

Bewunderung


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…macht nicht klein. Wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, man gibt sie freiwillig. Sie ist Ausdruck einer inneren Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.

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Die kleinen Spinnen am Marchstrand verweben die Uferlandschaft mit hauchdünnen Fäden. So dünn sind die, dass ich sie nur deshalb sehen kann, weil sich der Morgentau in Abermillionen von kleinen Tröpfchen drauflegt.

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…beim ersten Glockenschlag, der zum Gebet ruft, die Arbeit ruhen lassen, den I-Punkt nicht mehr auf das i setzen, sondern sofort aufhören mit Schreiben, um etwas anderes zu tun…

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Wen bewundern wir heute? Die Armen? Den Aufopfernden? Die Liebenden? Die Prophetinnen (die da wären)?…

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Der Garten ist zu viel Arbeit. Weil ich mir die Natur gefügig machen will. Nach meinen Vorstellungen. Die Natur hat meistens etwas anderes vor als ich.

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Auf dem Nachhauseweg sprechen wir wieder einmal über die Statik eines Grashalmes. Am Mühlbachufer wachsen welche, die weit über einen Meter hoch sind.

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Die ganze Welt, den ganzen Kosmos in einem kleinen Kosmos entdecken. Zum Beispiel im Quadratmeter vor der Haustür. Darin alles sehen. Die ganze Welt.

Sammeln

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Mich sammeln.

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In der U –Bahn setzt sich ein Mann neben mich. Im Schwung des Hinsetzens hält er mir ein kleines Büschel Eibenäste unter die Nase: „Eiben. Die blühen jetzt“. Der Zufall will es, ich lese gerade in einem Buch, das von den ältesten Bäumen der Welt erzählt. Darunter gibt es ein Kapitel über die Ankerwycke Yew, eine 2500 Jahre alte europäische Eibe, die in Großbritannien wächst. Ich zeige dem Mann wortlos ein Bild dieser Eibe, die auch im Buch abgebildet ist. Er nickt. Wir verstehen einander, weil wir voneinander wissen, dass wir Bäume mögen und mit und von ihnen leben. „Ich hoffe, sie essen sie nicht, die Eiben!“ „Aber nein, sie würden mir nicht bekommen.“ Zwei Stationen später beim Aussteigen, winkt er mir mit dem Eibenbüschel zu. Unscheinbar verschwindet er.

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Es kommt nicht oft vor, dass das zusammenpasst. Meistens will man nicht in Kontakt treten mit Fahrgästen, wollte man es aber, dann findet man grad keinen.

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Eine mögliche Art, auf Dokumentation zu reagieren: Was ist hier eigentlich die Frage?

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Ich will Ombudsfrau zur Endbürokratisierung sein.

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Wissenschaft bedeutet: Sammeln, Sammeln, Sammeln …ohne vorerst genau zu wissen, wofür und für wen. Welch schöne Beschäftigung!

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Kunst. Warum so etwas Nutzloses?
(Sie…erinnert, irritiert, enthüllt, befreit, deutet Herkunft, Gegenwart, Zukunft, hilft mir, mich selbst zu verstehen…?)

8
Die Früchte eines großen Obstgartens ernten, einkochen, vergehen lassen… Eine große Wanne füllen mit tiefroter Emotion.

9
Wenn wir sonst schon nichts im Leben weitergebracht haben, wir haben einen Keller voll mit gutem Wein!

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Weshalb sollte man innerhalb der Familie überhaupt Affinitäten zwischen den Mitgliedern finden?

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Ich könnte jeden Tag skizzieren, jede nur erdenkliche Auffälligkeit oder Bemerkung festhalten. Das alles einer poetischen Reflexion zuführen. Genaues Schauen hilft, die Perspektive zu ändern.

Reisen

 

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Jedes Jahr sage ich mir erfolglos aufs Neue: Nächstes Jahr fahre ich nicht in der Garten-Wachstumsphase in Urlaub!

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Heimlich reisen

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Ein Gipfelkreuz erzählt eine Geschichte, die vor geraumer Zeit von vielen verstanden wurde. Es gab Zustimmung. Welches Symbol für welche Geschichte stellen wir heute auf? Einen Geldschein? Eine Redbulldose? Die russische Fahne? Wie konzentriert man Individualismus, Turbokapitalismus und Mittelmaß in ein Symbol und bringt es dann auf einer Bergspitze an? Steht Allgemeingültiges noch zur Auswahl?

4
Auf der Großglockner Hochalpenstraße fahren wir mit dem Auto über die Berge. Jedes zweite Auto ist ein Cabrio. Die andere Hälfte sind Motorräder. Das kurze Stück Straße bis auf die Edelweißspitze ist mit Steinen gepflastert. Wir fahren sehr steil bergauf und bergab.

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Keinen am Tisch stehen haben, der ungefragt ein Lied singt und dem ich dafür etwas bezahlen soll.

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Ist es kühler geworden?

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Im Tourismus zu arbeiten bedeutet, keinen Sonntag zu kennen. Genauso wenig kennen diese Männer einen Sonntag, die mit Bagger und Lastboot auf der Donau arbeiten, den Schwemmsand herausbefördern.
In unserem Hotel gibt es keine Pflanzen. Keine Blumen auf den Zimmern oder Tischen.

8
Eine innere Veränderung geht leichter von statten, wenn man im Außen etwas verändert. Eine große Reise macht. Im Ausland arbeitet. Ein neues Projekt angeht. Die Persönlichkeit zu ändern ist ein unmöglich Ding. Weshalb sollte man das auch tun.

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Die Bahn steht am Gleis und macht mir Schatten. Hoffentlich fährt dieser Cityjet bald wieder weiter.

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Reisen entlang einer Linie. Zum Beispiel entlang verlorener Wörter. Oder alter Bäume.

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Nimmst Du mich mit in Deiner Manteltasche?

 

Liebhaberin


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Kauf einen Blumenstrauß und verschenke ihn an einen Unbekannten!

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Mein Liebhaber hat einen Weingarten. Mein Liebhaber möchte am liebsten ganz allein in einer alten Fabrik wohnen. Mein Liebhaber hält meine Website auf dem aktuellen Stand. Mein Liebhaber kümmert sich um schönes Wetter. Mein Liebhaber wünscht mir einen Menschen, der mich besser versteht als er. Mein Liebhaber mag keine Texte lesen, in denen zu oft das Wort Liebe vorkommt. Mein Liebhaber behauptet nachdrücklich, dass Liebe ein Synonym für Schmerz ist. Mein Liebhaber mietet mir ein Schloss auf Spitzbergen. Dahin ziehe ich mich jetzt zurück.

Wandlung

Wandlung

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Um 8. 56  Uhr läuten die Glocken zur Wandlung. Ich sitze in meinem Garten über den Dächern des Dorfes, das Fernglas neben mir. In den Büschen und Bäumen die Distelfinke und Spatzen. Die Ringeltauben, die der Nachbar züchtet, die Hausrotschwänzchen, Amseln und  Kohlmeisen. Da ist keine Leerstelle mehr. Ich denke mit Staunen darüber nach, dass es Menschen gibt, die Wandlung symbolhaft vollziehen. Dazu gehöre ich nicht. Wandlung geschieht in mir täglich. Sie überholt mein Denken. Am Abend nimmt mir die hohe Silbertanne in Nachbars Garten die untergehende Frühjahrssonne weg. So viel Schatten muss auch ihn stören. Das Vogelgezwitscher hüllt mich ein.

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Ein Buntspecht hat sich in ihre Hand gesetzt. Langsam hat er sich angenähert, jeden Tag ist er ein Stückchen näher gekommen. Vom entfernt stehenden Baum zum Vogelhaus. Von da zum Strauch und dann war es nur mehr ein Flügelschlag bis in ihre Hand. Als nächstes wagen sich die Rehe vor. Sie fressen schon von der Hauswurz, die in der Kräuterspirale vor ihrem Haus wächst. Von der Kräuterspirale bis zu ihrem Sitzplatz auf der Terrasse sind es nur mehr zwei Meter. Es wird sie nicht wundern, wenn sich eines von ihnen in ihren Schoß setzt.

 

 

 

Vergehen

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Die Nacht ist sternenlos. Die Möll rauscht laut. Kaum ein Auto stört dieses harmonische Geräusch. Orion ist erst ab Mitternacht in voller Größe zu sehen. Die Intensität der Dunkelheit erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist eng hier im Tal – ich krieg’s nicht weiter, auch wenn ich meine Gedanken ausführlich damit betraue. Die Anzahl und Machart der Häuser, die hier stehen, verändern sich seit Jahrzehnten kaum. Die Menschen leben in einem Museum. Ich tröste mich mit dem Verweilen bei einer Melodie von Fuzzmann, im wiederholten Hinhören auf Worte wie Wiese und blühen. Laufen  und Wildheit und Weite.

2
Die Frau trägt die Leiter am Waldrand entlang den Anger hinauf. Sie sucht nach Bäumen, deren Äste sie absägen kann, um sie auf das Mistbeet als Abdeckung für die Wintermonate zu legen. Sie muss unverrichteter Dinge umkehren, weil alle Äste zu hoch wachsen und die Leiter dafür zu kurz ist.

3
Der Borkenkäfer gewinnt Oberhand, die Bäume werden gefällt. Und der künstliche Lawinenschutz greift nicht. Die Natur kommt zusehends bedrohliche nahe.

4
Ein Wolf reißt neuerdings junge Kälber. Der Almwirtschaftsverband dreht einen Werbespot gegen das wilde Tier. Die Musikgruppe soll dafür die Nummer „das verlassene Tal“ zur Verfügung stellen.

5
Die Hautfarbe des neuen Bergdorfpriesters ist identisch mit jener des Scheinmarmors des Hochaltares. Wenn er genau davor steht, kann ich ihn nicht vom Hintergrund, vor dem er steht, unterscheiden. Nach der Messe, die nur spärlich besucht ist, trinken wir Schnaps beim Kirchenwirt. Hier sitzen noch weniger Gäste als in der Kirche.

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Der alte Mann stirbt vor seiner Frau. Auch sie ist schon alt. Trotzdem kauft sie sich jetzt mit 80 ihr erstes eigenes Auto. Hier hilft ein Klimaticket nicht aus der Abhängigkeit!

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Wir gehen beim Haus eines ehemaligen Schulkollegen vorbei. Er hat sich vor einem halben Jahr auf seiner Terrasse erhängt. Kaum jemand spricht mehr davon. Aus Herzensmenschen wurden Herkunftsmenschen und in weiterer Folge Vergessene.

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Im gemeinsamen Erinnern kommt die Sprache auf heimlich gelesene Schundromane und Winkeltänze (In früheren Zeiten traf man sich zum Tanz in den Bauernstuben).  Sollte es auch hier so sein, dass die größten Offenbarungen des Lebens im Sex,  in der Literatur und bei der Beobachtung von Vögeln zu finden ist, dass somit auch diese Welt voller Möglichkeiten ist?

Blauweide


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Am liebsten würde ich ins Astner Moos beißen. Jeder Quadratzentimeter springt mich mit seiner Schönheit an. Üppigkeit. Zartheit. Grün. Ich wünsch mir einen lebenslangen Vortrag zu dieser mäandernden Wasserlandschaft rund um das Niedermoor in den Hohen Tauern. Im Radio gibt es einen Schwerpunkt zum Lebensraum Pfütze. Die große Welt in einer Lache. Möge mir ein wissender Mensch diese Welt erklären und mit ihr die ganze Welt!

2
Der Sternenhimmel passt. Die Milchstraße auch. Untertags kommen wir schön langsam ins Gehen. Im Kopf bin ich sehr müde. Ich spüre den Schnee auf den Almen lasten. Es ist keine Wochen her, dass er weggeschmolzen ist. Es waren insgesamt wohl an die fünf Meter in diesem Jahr. Noch fällt mir nichts wie Schuppen von den Augen. Die Asten macht mich schwer. Weil die Zeit hier so schnell vergeht. Weil hier unmittelbar sichtbar ist, wie die Natur zur Gewalt wird und der Mensch klein und verschwindend.

3
Vielleicht beginnt jetzt das Ordnen. „Die Landschaft kommt dir doch entgegen!“, meint mein Mann am Telefon. Wer ist das denn, mein Mann?

4
In der Nachbarhütte schaffen zwei Frauen. Sie räumen die Hütte auf. Sie hängen die Bettwäsche im Freien auf. Sie reparieren den Lattenzaun. Ich höre sie lachen, während sie zu Mittag essen. Oder zumindest mit dem Geschirr klappern.

5
Die Bäche sind während der Schneeschmelze sehr laut. Im Vergleich zur restlichen Geräuschkulisse. Ich höre Unterschiede während des Regens. Der nieselt leise vor sich hin. Das Wasser tropft dumpf vom Dach in die Dachrinne.

6
Heute habe ich einen morschen Lärchenbaum fotografiert. Gegen den Himmel. Die nadellosen Äste zeichnen eine düstere Grafik in die Luft. Ich werde es Dir schicken, wenn ich einmal sehr traurig bin.

7
Wie heißt der kleine Vogel, der uns während unseres Frühstücks unterhält? Ich kenn nur das landläufige „Zirbengreck“. Die Tannenmeise ist größer und besucht uns erst am Nachmittag. Du wartest am Telefon mit einer Rohrdommel auf. Die passt hier gar nicht dazu. Ich kontere mit einem Gimpel.

8
Im kleinen Handwerksmuseum erfahren wir: Die Kummets wurden zu Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts selbst im abgeschiedenen Mölltal mit einem Füllstoff aus Afrika aufgepeppt. Zuerst wurde das Innenleben allerdings mit einem Gerüst aus Holz mit einer bestimmten Biegung stabilisiert. Diese passenden Biegungen stellten Wind, Wetter und Schnee her – man suchte eine von der Schneelast gebogene Birke mit der genau passenden Biegung. Das nenne ich arbeiten mit der Natur.

9
Ist es so, wie der erfolgreiche Künstler sagt, dass die heile Welt einer großelterlichen Idylle nicht aufs Leben vorbereitet? Dass sie zu wenig hart macht? Ich widerspreche. Diese Idylle war höchstens eine aus Zuneigung und Fürsorge zurechtgezimmerte Schein-Idylle . Außerdem: Wer mag sich denn eine ausschließlich abgebrühte Welt vorstellen?

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Ein Lawinenkegel verändert sich ein paarmal pro Jahr wenn es die Wetterlage begünstigt. Die Blauweide verhält sich unscheinbar und aussterbend. Gold Pippau findet nur mehr gelegentlich in der Schweiz Einsatz bei der Färbung von Butter und Käse. Und  Bodza, das ungarische Wort für Holunder, klingt sanft und unbeholfen, wenn ich es ausspreche.