KategorieEinsinken ins Land

Kostbarkeit

1
Seit seinem Unfall meditiert er die beiden Worte Demut und Dankbarkeit.
Widerwärtige Situationen schenken uns ungefragt die Gelegenheit, dagegen kreativ zu protestieren.

 2
Er trägt das Hemd, das seine Schwiegermutter für ihren Mann genäht hat. Es ist blau weiß grün kariert und es steht ihm hervorragend.

3
Sie hat ein Kosewort für ihn gefunden: Schatzkästchen

4
Ich will nicht leben, was kein Leben ist.

5
Ich werde eine neuen Korb kaufen, einen geräumigen, groß genug für alle Möglichkeiten.

 

 

 

 

 

Zerknirschte Reue

1
Maßlosigkeit, ihr fühle ich mich verwandt. Ergriffenes Dasein führt dahin und das hedonistische Hamsterrad. Und dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhne und immer mehr davon brauche. Der hohe Druck, den ich mir mache, immer glücklich zu sein und viele Erfahrungen zu machen. Mir zu erlauben, nicht so glücklich sein zu müssen, wäre ein Ausweg.

2
Das Mühsame und Verbindliche der Wahrheit.

3
Ein Stück Zerdepschtes.

4
Seine Zwillingsschwester ist plötzlich gestorben. Mit einem Mal erkennt er wieder viele Ähnlichkeiten, die er mit ihr teilt, sogar idente körperlichen Beschwerden – alle Symptome spürt auch er – nur viel schwächer. Er lebt ja noch.

5
Alles was ich angreife ist immer nur Mittelmaß. Ich mag sie nicht, meine Unbeholfenheit im Betrachten von Details, meine Ungeduld, im genauen Hinschauen erst wieder zu verkrampfen und alles hinschmeißen zu wollen, weil es viel leichter und richtiger ist, einen florierenden Gemüsegarten zu betreiben oder jeden Tag das beste Essen zu kochen.

6
Es komme auf die innere Einstellung an, postulierte der Philosoph, darauf, Herr über die eigenen Begierden und Emotionen zu sein – denen man in Maßen aber nachgeben müsse. Ach, Epikur! 

Poesie

1
Man erzählte von einer Ärztin, die glaubte, dass Poesie nahezu jede Krankheit heilen oder zumindest viel zur Heilung beitragen könne. Sie verschrieb ihren PatientInnen Gedichte, wie andere Arzneien verschrieben.

2
Ich sitze nun schon über drei Jahre lang an meinem Honigtisch, Seite an Seite mit ihm und lasse mich beatmen von seinem Geist.

3
Ich frage ihn, was ihn beschäftigt. Arbeit und Poesie, meint er.

4
Er zeigt mir ein Foto von seinen Eltern. Ich suche Spuren von ihm in ihren Gesichtszügen.

5
Der Mann in der U-Bahn spricht in sein Smartphone: Das hat schon etwas, Obst zu verschenken!

6
Die wohlüberlegten Worte eines Gedichtes machen die Welt noch komplizierter, als sie ohnehin ist. Nur so kann man ihr gerecht werden.

7
Den Tod dieses besonderen Menschen nehme ich zum Anlass, hemmungslos zu weinen. Ich weine über sein Weggehen. Ich weine über den langsamen Untergang seines Berufungsstandes, der, so wie er ihn gelebt hatte, Poesie als Überschrift trug, über seine Handlungen legte. Er, dem es genügte, nichts in der Hand zu haben außer ein paar Worte, vor allem die Stille und das Schweigen. Er verkörperte das Ahnen, über das nicht gesprochen werden kann.
Er sah das Grandiose am Verzicht, dass Zeit und Raum bleiben, für den größten Reichtum – menschliche Substanz. Er liebte die neue alte Erzählung, wie Menschen miteinander eine Weise des Fühlens erdenken. Er behauptete, es genüge, dass man da ist. Darin war er sich sicher.
Darüber zu klagen, dass es ein tiefes, dunkles Tal ist, durch das er immer wieder schreiten musste, mutete er kaum jemandem zu.
Ich weiß, dass jetzt eine Zeit zum Weinen ist. Die großen Ströme stehen noch aus.

 

 

 

Fürsorge

1
Die Pflegerin auf der Urologie erzählt: Zu viel steht am Wochenprogramm. Neben dem Dienst im Krankenhaus und der Arbeit, die sie mit nach Hause nimmt, den krebskranken Vater begleiten, den Garten der Mutter pflegen, das Wochenendhaus renovieren, das tägliche Kochen für die Familie.

2
Friedericke Mayröcker ist gestorben. Meine Freundin schickt mir das Foto, auf dem zu sehen ist, wie die Literatin inmitten ihrer Bücher und Zettel in der Schreibwohnung thront. Die Freundin merkt an, dass sie mir diesen Luxus wünsche. Es fehle ja nicht viel in diese Richtung. Bloß meine konsequente Entscheidung, mich nicht ablenken zu lassen.

3
Die Grundthemen des Menschen müssen in regelmäßigen Abständen (und die Abstände werden immer kleiner) medial abgehandelt werden. Die Resultate ändern sich nur minimal. Ich höre einen Psychotherapeuten über Heimat reden. Am schönsten daheim ist man in einer Liebesbeziehung, am sichersten daheim in den eigenen Gedanken.

4
Mit den Jahren nimmt die Fürsorge für den eigenen Körper zu, so man auf ihn hört. An die Stelle der fruchtbaren Phase des Kümmerns um andere tritt jene, die die Zeichen des eigenen Herzens, Magens oder Verdauungstraktes achtet und ehrt.

5
Ich spaziere durch die kleine Stadtwildnis, nehme Platz an einem Tisch im Straßenkaffee und schnappe Gesprächsfetzen der Vorbeiziehenden auf. Klingt wie ein Text von Ansichtskartengrüßen aus dem Urlaub. Vom Nachbartisch her weht das Wort Kanapee aus dem Munde einer nicht mehr ganz jungen Frau. Das Gewitter während des Stelldicheins auf der Couch wird besprochen, ganz unverblümt die Lust, Haut zu sehen und Haut zu spüren, die Lust, mit beiden Händen zu nehmen. Die Stadt lehrt mich Leichtsinn.

Dinge, seltsam

1
Drei Anmerkungen:
* Für welches andere Leben hebe ich mich denn auf, zu sagen, was ich ernstlich über die Dinge denke, die sich mir jetzt zeigen?

* Wie viele Ecken und Dinge der Welt es gibt, die sich mir nie aufschließen, die ich nie entdecken werde!

* Die seltsamen Dinge sollten seltsam bleiben.

2
An manchen Tagen bin ich so weit, dass ich für Vokale und Konsonanten mehr Liebe aufbringe als für die daraus gebildeten Wörter oder für Dinge oder für Menschen.

3
Sie hat eine Idee. Sie will heimlich einen zweiten Kühlschrank im ehemaligen Kinderzimmer aufstellen, verstecken. Da gibt sie dann alles rein, was ihr schmeckt. Keinem wird sie das verraten.

4
Mein Großvater war ein Genussraucher und kam wohl auf die 5 bis 10 Zigaretten am Tag. Er besaß eine Zigarettendose. Sie passte genau in die kleine Tasche seines Gilets, das er werk- wie sonntags trug. Die Dose war vielgebraucht. Dementsprechend lag sie samtig weich in der Hand, das silbrig schimmernde Metall abgegriffen, das eingravierte ornamentreiche Muster  kaum noch ertastbar. Innen war sie ausstaffiert mit einem braunen Stück Stoff.
Unlängst bekam auch ich eine solche Dose geschenkt. Eine alte, abgegriffene, jener meines Großvaters ähnliche.
Ich nehme die Dose in die Hand und sofort steigt mir sein Geruch in die Nase…, …er roch nach einer Mischung aus Tabak  feuchter Wollkleidung, Schmieröl und Sägespänen. Obwohl er Bauer war und eigentlich nach Kuhstall riechen hätte sollen.

5
Was hat für mich den Glanz eines wertvollen Schatzes, der im Ackerboden versteckt ist? Genau dieser Acker ist ja überfüllt mit Dingen.

 

 

 

 

 

Nichts

1
Vor einigen Jahren habe ich Handschmeichler aus Ton geformt, das Wort „NICHTS“ darauf eingeschrieben und es an ein paar Menschen verschenkt. Heute nehme ich es selber zur Hand, eine diffuse Sehnsucht im Nacken.

2
(M)eine Ärztin spricht mich darauf an, ich möge mich doch dem Nichts hingeben.  Ich möge täglich üben, dass das Nichts mich erfasse, es aushalten, in welche Abgründe ich dadurch gerate.
Wow, mit diesem befremdlichen Therapievorschlag hatte ich nicht gerechnet. 
Mein Nichts tut mir nicht weh! Es ist der Kopf!

3
Obwohl ich es nicht beherrsche, macht es mir Freude, einen Gedanken ganz bis zu seinem Ende zu denken.

4
Ich denke darüber nach, wie viel ich der Gesellschaft weiterhin an Arbeitseinsatz schulde.  Wie viel muss ich tun, damit es meinem Lohn gerecht wird? (Vergleiche mit anderen Menschen, ihren Tätigkeiten und ihren Löhnen sind in diesem Fall sowieso mehr als unangebracht.) Wie viel muss ich tun, damit ich mich zufrieden und selbstbestätigt fühle? Wenn ich viel mache, mache ich viele Fehler. Das macht keinen Sinn. Wenn ich nichts mache, störe ich am wenigsten und stütze das mir so unliebsam gewordene „System“ nicht unnötig. Wenn ich wenig mache, ist das für die Welt besser. Ressourcenschonender auf jeden Fall. Ich mische mich so wenig wie möglich ein. Ich mische mich gar nicht mehr ein?

5
Otto Grünmandl: „Jedes Loch endet mit einem Stein.“
Meine Großmutter: „Ein Loch fällt nicht um.“

Lust

1
Worin liegt deine Lust?
Im Spüren des Morgenfrostes und der Sonnenstrahlen auf der Haut,
im geistigen Wahrnehmen einer ganzheitlichen Nähe,
in einem ausgedehnten Spaziergang im Licht,
in der Aussicht auf Sauna bei kaltem Regen,
im Ausprobieren eines neuen Rezeptes,
im Duft der angesetzten Vogelbeermaische?
Vor alledem oder währenddessen?

2
Granatäpfelschälen.
Die blutroten, saftigen Samen herauslösen.
Meine Hände nicht waschen.

3
Es ist Sonntag. Während Mutter und ich telefonieren, sitze ich am Fenster meines Zimmers in Wien, mit Blick auf die ruhige Straße. Selbst die Donaulände ist fast menschenleer. Das Wasser rinnt schnell. Die Möwen sind aufgeregt. Noch ist Winter. Es bereitet mir Freude, das Fenster am Haus gegenüber zu betrachten. Den Stuck an der Fassade. Die Farbe der Fensterrahmen. Die Vorhänge, die das Geheimnis dahinter nicht preisgeben. Auch unser Gespräch plätschert dahin. Wir tauschen Belanglosigkeiten aus. Mutters Stimme ist mir vertraut und nah. Wir haben Zeit.

4
Mich macht das Wandern zwischen zwei Welten traurig, diese vielen Abschiede dazwischen.

5
Um die Stimmung auf einem Berggipfel am frühen Morgen zu erleben, muss man das Haus verlassen.

6
Geht eine Liebe, die ohne Lust ist, tiefer?

 

Zerbrechlichkeit

1
Ein großer Koffer rollt mit meiner Nachbarin im Schlepptau an unserem Fenster vorbei. Beide ziehen wieder für ein paar Wochen um. In die Sonne. Vom vertrauten Heim in eine unbekannte Wohn- und  Arbeitsgemeinschaft. Die Nachbarin setzt sich regelmäßig dem Neuen ganz aus. Dabei wirkt sie immer so zerbrechlich.

2
Den Wunsch des Radiosprechers am Ende seiner Sendung nehme ich mit auf den Weg, erstaunt darüber, wie gut ich ihn brauchen kann: „Danke fürs Zuhören, geben Sie auf sich acht!“

3
Um der Absurdität und Zerbrechlichkeit der Welt etwas entgegenzuhalten, geht die Freundin mit einer Sonnenlaterne in der Hand laut singend durch die dunklen Straßen ihrer Stadt.

4
Mein Einschlafritual beginnt Stunden vor dem Hinübergleiten in die Nacht. Ein wichtiger Teil dessen ist das Lesen. Das mache ich während ich schon im Bett liege. Wenn ich nach der Lektüre die Augen schließe und klarer sehe, die Widersprüche des Lebens gelassener ertrage, kann mir nichts Schlimmes passieren.

 

 

 

Einfachheit

1
Gegen die Einfachheit spricht die Fülle der unmittelbaren Gegenwart. Es macht unbedingt Sinn, eine Pflanze präzise zu beschreiben. Sodass sie mir – wenn ich die Augen schließe – klar erscheint, mit allen Sinnen erfassbar, sogar der Schatten, den sie wirft. Ich wähle heute als Objekt der Begierde den scharlachroten Kelchbecherling. Er fällt besonders in der vegetationsarmen Zeit auf, weil er wenig Konkurrenz für seine strahlende Farbe hat. Er säumt den Weg zu unseren Hühnern, die im Wald leben, schält sich heraus aus dem dunklen Boden. Münzgroßes Fabelwesen. Glitschiger Fleck. Jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, irritiert mich seine Anwesenheit.

2
Für die Einfachheit verlangt meine Sehnsucht nach Schlichtheit. Die Sehnsucht nach einem klaren Ja oder Nein, Richtig oder Falsch. Nach einer tragfähigen Ordnung. Der Anblick einer verfallenden Holzhütte am Waldrand kann mich zu Tränen rühren.

3
Ich sammle, was einfach ist: Gehen, lieben, mich in den Regen stellen, schauen, den Fußboden zusammenkehren, Erdäpfel kochen und sie zusammen mit Butter und Salz essen.

4
Mit Dir eine sichere Stätte zu haben, das ist nicht einfach.

5
Du rufst aus Tanzania an. Erzählst davon, am liebsten mit den Massai unterwegs zu sein. Unter freiem Himmel. Ihre Sprache zu sprechen, die Tiere hüten, feiern, schlafen. Trotzdem machst Du Dir Gedanken darüber, weshalb es anscheinend kein Problem für den Besitzer darstellt, dass 200 Kühe verdursten, hingegen eine Kuh zu verkaufen, um das Schulgeld für das Kind zu bezahlen, schon.