KategorieEinsinken ins Land

Klarheit

1
Mich am Morgen nach bestimmten Vorgaben zu bewegen, das sichert mich. Einfach den Kopf nach vorne kippen zu lassen, ihn auf die linke Schulter zu legen, auf die rechte Schulter zu legen, ihn zwischen die Schultern zurückzuführen. Den Arm zu kreisen, hoch und weit nach hinten um anschließend den Handrücken in meinem Rücken abzulegen, mich zu strecken, das Kinn in Position zu bringen, Stand und Spannung zu haben.

2
Ich kann mein Leben an tausend einfachen Dingen ausrichten, zum Beispiel daran, dass dieselbe Sonne, die meine Früchte im Garten reifen lässt, zugleich ein ganzes System von Himmelskörpern wie unsere Erde beleuchtet. Mich regelmäßig daran zu erinnern, würde mir manche Umwege ersparen.

3
Es ist schrecklich, dass ich keine andere sein kann, als ich bin.
Ich würde lieber daran glauben, dass ich darin frei bin, mich jeden Moment neu zu erschaffen, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Gleichzeitig ist diese Vorstellung die strengste meiner Fesseln. Unbedeutend zu sein und zerbrechlich, ausschließlich vergänglich und klein, wie einfach scheint das!

4
Oberflächlich empfunden wünsche ich mir manchmal die Geborgenheit einer Großfamilie.

5
Ich möchte nicht, dass an meinem Krankenbett Radio NÖ, Radio Wien oder 88,6 gespielt wird.

Wut


1
Es bereitet keine Freude, genau 1400 Zeichen zu schreiben, um einen Förderantrag für ein Kulturereignis (in vager Zukunft) zu stellen. Die Förderstelle möchte mich erziehen. In genau eine Richtung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Immer brav machen, was verlangt wird. Und ein Businesskostüm dazu tragen, möglichst ein farbenfrohes!

 2
Die Pandemie hat viele latente Verrücktheiten freigelegt.Es gibt viele Einsame, die Welt hält nicht zusammen, Bescheidenheit hat keinen Reiz und nur für die Armen macht es Sinn, über diesen Reiz nachzudenken; die Reichen werden reicher und das sehr schnell, Hierarchien werden ausgebaut, ja zu Massentourismus und wachsender Wirtschaft, nein zur Menschenfreundlichkeit. Es ist bequemer, die Welt so zu lassen, wie sie ist.

3
Ich will einen richtigen Sabotageakt tätigen!

4
Ich brauche keinen anregenden Wochenausklang!, schreie ich der Ö1 Moderatorin zu.

Kraft

1
Ich suche den Ort, an dem ich an eine bessere Welt denken kann. An dem irgendwelche gewagten Gedanken die Chance erhalten, Wirklichkeit zu werden.

2
Ich muss mich sehr oft in meinem Leben verabschieden. Ich muss mich sehr oft von jemandem verabschieden, von dem ich weiß, dass wir uns jetzt das letzte Mal sehen.

3
Beim Blick über die Landschaft kann ich sagen: So weit mein Auge reicht, bin ich die Königin! Ja!

4
Du

5
Außerdem macht es mich glücklich, dass ich Pflanzen setzen darf.

Gehen

1
Heute, beim ziellosen Draufloswandern, komme ich drauf, dass ich Rundwege gar nicht gern mag. Am liebsten gehe ich in eine Richtung ohne umzudrehen, weg vom Ausgangspunkt.

2
Kommt es zu einem längeren Aufenthalt in der Welt des Profanen, dann geht’s bergab.

3
Die Philosophin pflanzt Granatapfel- und Feigenbäume. Sie schaut, woher der Wind weht. Sie steht mit beiden Beinen in der Welt. Sie wendet sich vermehrt den Göttinnen zu. Von all dem erwartet sie sich Klarheit. Und in der Mittagspause nimmt sie ihre Scheibtruhe und geht einkaufen.

4
Die Fischer am Teich campen im Schlamm. Teilweise im strömenden Regen. Auch ich bin wetterfest gekleidet, ich, die Spaziergängerin. Wenn ich auf diese Landschaft blicke, dränge ich die verbürokratisierte und versicherte Welt zurück in den Traum einer vergangenen Nacht.

5
Ich überlege mir, welchen Unterschied es für Kinder macht, in der Nähe von Wien aufzuwachsen oder – im Vergleich dazu – am Ende eines Hochgebirgstales. Einer ist, dass man vom Bergdorf mindestens einmal wegziehen muss. Da stehen die Chancen, jener Mensch zu werden, von dem man noch nichts geahnt hat, ziemlich gut. Andererseits ist das beständige Plätschern des Baches, der neben dem Kinderzimmerfenster vorbeirauscht, mit keinem anderen Geräusch der Welt aufzuwiegen.

6
Wir gehen ständig unter, damit verbringen wir unser Leben.

 

Kostbarkeit

1
Seit seinem Unfall meditiert er die beiden Worte Demut und Dankbarkeit.
Widerwärtige Situationen schenken uns ungefragt die Gelegenheit, dagegen kreativ zu protestieren.

 2
Er trägt das Hemd, das seine Schwiegermutter für ihren Mann genäht hat. Es ist blau weiß grün kariert und es steht ihm hervorragend.

3
Sie hat ein Kosewort für ihn gefunden: Schatzkästchen

4
Ich will nicht leben, was kein Leben ist.

5
Ich werde eine neuen Korb kaufen, einen geräumigen, groß genug für alle Möglichkeiten.

 

 

 

 

 

Zerknirschte Reue

1
Maßlosigkeit, ihr fühle ich mich verwandt. Ergriffenes Dasein führt dahin und das hedonistische Hamsterrad. Und dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhne und immer mehr davon brauche. Der hohe Druck, den ich mir mache, immer glücklich zu sein und viele Erfahrungen zu machen. Mir zu erlauben, nicht so glücklich sein zu müssen, wäre ein Ausweg.

2
Das Mühsame und Verbindliche der Wahrheit.

3
Ein Stück Zerdepschtes.

4
Seine Zwillingsschwester ist plötzlich gestorben. Mit einem Mal erkennt er wieder viele Ähnlichkeiten, die er mit ihr teilt, sogar idente körperlichen Beschwerden – alle Symptome spürt auch er – nur viel schwächer. Er lebt ja noch.

5
Alles was ich angreife ist immer nur Mittelmaß. Ich mag sie nicht, meine Unbeholfenheit im Betrachten von Details, meine Ungeduld, im genauen Hinschauen erst wieder zu verkrampfen und alles hinschmeißen zu wollen, weil es viel leichter und richtiger ist, einen florierenden Gemüsegarten zu betreiben oder jeden Tag das beste Essen zu kochen.

6
Es komme auf die innere Einstellung an, postulierte der Philosoph, darauf, Herr über die eigenen Begierden und Emotionen zu sein – denen man in Maßen aber nachgeben müsse. Ach, Epikur! 

Poesie

1
Man erzählte von einer Ärztin, die glaubte, dass Poesie nahezu jede Krankheit heilen oder zumindest viel zur Heilung beitragen könne. Sie verschrieb ihren PatientInnen Gedichte, wie andere Arzneien verschrieben.

2
Ich sitze nun schon über drei Jahre lang an meinem Honigtisch, Seite an Seite mit ihm und lasse mich beatmen von seinem Geist.

3
Ich frage ihn, was ihn beschäftigt. Arbeit und Poesie, meint er.

4
Er zeigt mir ein Foto von seinen Eltern. Ich suche Spuren von ihm in ihren Gesichtszügen.

5
Der Mann in der U-Bahn spricht in sein Smartphone: Das hat schon etwas, Obst zu verschenken!

6
Die wohlüberlegten Worte eines Gedichtes machen die Welt noch komplizierter, als sie ohnehin ist. Nur so kann man ihr gerecht werden.

7
Den Tod dieses besonderen Menschen nehme ich zum Anlass, hemmungslos zu weinen. Ich weine über sein Weggehen. Ich weine über den langsamen Untergang seines Berufungsstandes, der, so wie er ihn gelebt hatte, Poesie als Überschrift trug, über seine Handlungen legte. Er, dem es genügte, nichts in der Hand zu haben außer ein paar Worte, vor allem die Stille und das Schweigen. Er verkörperte das Ahnen, über das nicht gesprochen werden kann.
Er sah das Grandiose am Verzicht, dass Zeit und Raum bleiben, für den größten Reichtum – menschliche Substanz. Er liebte die neue alte Erzählung, wie Menschen miteinander eine Weise des Fühlens erdenken. Er behauptete, es genüge, dass man da ist. Darin war er sich sicher.
Darüber zu klagen, dass es ein tiefes, dunkles Tal ist, durch das er immer wieder schreiten musste, mutete er kaum jemandem zu.
Ich weiß, dass jetzt eine Zeit zum Weinen ist. Die großen Ströme stehen noch aus.

 

 

 

Fürsorge

1
Die Pflegerin auf der Urologie erzählt: Zu viel steht am Wochenprogramm. Neben dem Dienst im Krankenhaus und der Arbeit, die sie mit nach Hause nimmt, den krebskranken Vater begleiten, den Garten der Mutter pflegen, das Wochenendhaus renovieren, das tägliche Kochen für die Familie.

2
Friedericke Mayröcker ist gestorben. Meine Freundin schickt mir das Foto, auf dem zu sehen ist, wie die Literatin inmitten ihrer Bücher und Zettel in der Schreibwohnung thront. Die Freundin merkt an, dass sie mir diesen Luxus wünsche. Es fehle ja nicht viel in diese Richtung. Bloß meine konsequente Entscheidung, mich nicht ablenken zu lassen.

3
Die Grundthemen des Menschen müssen in regelmäßigen Abständen (und die Abstände werden immer kleiner) medial abgehandelt werden. Die Resultate ändern sich nur minimal. Ich höre einen Psychotherapeuten über Heimat reden. Am schönsten daheim ist man in einer Liebesbeziehung, am sichersten daheim in den eigenen Gedanken.

4
Mit den Jahren nimmt die Fürsorge für den eigenen Körper zu, so man auf ihn hört. An die Stelle der fruchtbaren Phase des Kümmerns um andere tritt jene, die die Zeichen des eigenen Herzens, Magens oder Verdauungstraktes achtet und ehrt.

5
Ich spaziere durch die kleine Stadtwildnis, nehme Platz an einem Tisch im Straßenkaffee und schnappe Gesprächsfetzen der Vorbeiziehenden auf. Klingt wie ein Text von Ansichtskartengrüßen aus dem Urlaub. Vom Nachbartisch her weht das Wort Kanapee aus dem Munde einer nicht mehr ganz jungen Frau. Das Gewitter während des Stelldicheins auf der Couch wird besprochen, ganz unverblümt die Lust, Haut zu sehen und Haut zu spüren, die Lust, mit beiden Händen zu nehmen. Die Stadt lehrt mich Leichtsinn.

Dinge, seltsam

1
Drei Anmerkungen:
* Für welches andere Leben hebe ich mich denn auf, zu sagen, was ich ernstlich über die Dinge denke, die sich mir jetzt zeigen?

* Wie viele Ecken und Dinge der Welt es gibt, die sich mir nie aufschließen, die ich nie entdecken werde!

* Die seltsamen Dinge sollten seltsam bleiben.

2
An manchen Tagen bin ich so weit, dass ich für Vokale und Konsonanten mehr Liebe aufbringe als für die daraus gebildeten Wörter oder für Dinge oder für Menschen.

3
Sie hat eine Idee. Sie will heimlich einen zweiten Kühlschrank im ehemaligen Kinderzimmer aufstellen, verstecken. Da gibt sie dann alles rein, was ihr schmeckt. Keinem wird sie das verraten.

4
Mein Großvater war ein Genussraucher und kam wohl auf die 5 bis 10 Zigaretten am Tag. Er besaß eine Zigarettendose. Sie passte genau in die kleine Tasche seines Gilets, das er werk- wie sonntags trug. Die Dose war vielgebraucht. Dementsprechend lag sie samtig weich in der Hand, das silbrig schimmernde Metall abgegriffen, das eingravierte ornamentreiche Muster  kaum noch ertastbar. Innen war sie ausstaffiert mit einem braunen Stück Stoff.
Unlängst bekam auch ich eine solche Dose geschenkt. Eine alte, abgegriffene, jener meines Großvaters ähnliche.
Ich nehme die Dose in die Hand und sofort steigt mir sein Geruch in die Nase…, …er roch nach einer Mischung aus Tabak  feuchter Wollkleidung, Schmieröl und Sägespänen. Obwohl er Bauer war und eigentlich nach Kuhstall riechen hätte sollen.

5
Was hat für mich den Glanz eines wertvollen Schatzes, der im Ackerboden versteckt ist? Genau dieser Acker ist ja überfüllt mit Dingen.