KategorieEinsinken ins Land

Weite


1
Offen bleiben, trotz aller Kontemplation!
Ich erlebe die meditativste Phase meines Lebens. Durch die Eingrenzungen des freizeitlichen Bewegungs- und Beziehungsradius bleibt mir viel Zeit für mich. Die Kinder sind außer Haus. Der Herr Gemahl kennt mich schon. Wann also, wenn nicht jetzt. Widerstehe ich der Versuchung, mich abzulenken, passiert diese Innenschau, die ich genieße und die mich verschließt. Irgendetwas mache ich noch falsch. Das meinen die großen Meister dann wohl mit üben, wenn sie sagen, dass diese Kunst einem nicht einfach geschenkt ist.

2
Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Glücklich, wer eine gesunde Lunge und eine Wasserflasche im Rucksack hat!

3
Ich habe das drängende Bedürfnis, mich Dir immer mehr anzunähern. Genau schauen. Genau denken. Genau fühlen. Viele Worte machen. Genau damit befinde ich mich auf dem Holzweg.

Glück

1
Wenigstens einmal in meinem Leben
gehalten werden und in die Nacht fliegen, ganz weit in die Lüfte der mutigsten Küstenseeschwalben.
Der Sterne kundig sein und sie zu unseren Gunsten deuten.
Mich in die Umarmung Deiner Richtung fallen lassen.
Die Liebenswürdigkeit in Person sein.
Schwach und zerbrechlich der Welt die Stirn bieten, über die Schnur hauen.
Ich berge mich in die Sicherheit: wir sehen einander wieder.

2
„Heute, “ sagt meine Schwester, die seit zwei Wochen die Wohnung nicht verlassen hat und währenddessen jeden Tag von ihrem Mann mit den köstlichsten Gerichten bekocht wird, am Telefon, „heute hab ich uns Berner Würstchen gemacht, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich das Beste satt habe!“
Es macht mich glücklich, wenn ich mit drei, vier Freunden zusammen bin, etwas zu trinken und etwas zu essen, mich dabei einfach zu unterhalten, nichts zu machen, über nichts Ernstes zu reden, mit Freunden, die einander schon fast alles gesagt haben, nur einfach ich selbst sein zu können, einander so zu nehmen, wie man ist und isst und trinkt.

3
Du wirst nie glücklich, wenn Du nicht die wichtigen Fragen gestellt bekommst, sagt mein Mann beim Abendessen und ich denke mir, hier stimmt etwas zusammen, das auch auseinanderliegen könnte.

4
Meine gefühlte Verbindung mit der Natur birgt von jeher sehr viel Sinn in sich. Tief in meinem Innersten verborgen gibt es diese Bilder von einem mit frischem Heu gefüllten Schuppen, dessen Duft mich zur Rast einlädt.
Oder von einer Badewanne, die draußen im üppig bewachsenen Garten steht, während warmer Mairegen auf mich fällt.
Oder von den in ihrem Schoß gefalteten Händen meiner Großmutter, tief zerfurcht und müde von der Arbeit am Hof, am Feld, im Stall.
Das Nachdenken über eine intakte Erde ist eine aufregende Aufgabe, ein verlockendes Ziel!

5
Am Morgen, nachdem mich mein Kaffee endgültig alle Mühe des Aufstehens vergessen lässt, schießt es mir ein, das Glück, weil es bereits ein Glück ist, auf dieser Welt zu leben, für mich privilegierte Mitteleuropäerin, die ich schon einmal überschritten habe, die Schwelle zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit. Es gibt keinen Grund, mich in die engen Grenzen meiner selbst und meiner Welt einzuschließen. Es steht mir frei, die offene Tür zu wählen und neugierig drauflos zu stapfen.

6
Welch ein Glück ist die Heiterkeit!

7
Es gibt so etwas wie mein hedonistisches Hamsterrad. Dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhnen und immer mehr davon brauche. Dass ich mich dem Druck , immer glücklich zu sein und maximal viele Erfahrungen zu machen, beuge. Wie gut, dass es jetzt erlaubt ist, einmal nicht so glücklich zu sein. Oder das Glück in der Einfachheit des kleinen Alltäglichen zu sehen, ohne viel Aufhebens. Sich zum Beispiel darüber freuen, dass die Gasthäuser wieder aufsperren.
Ich kenn da jemanden, der mir sagt: „Die 4 G’spritzten beim Heurigen, getrunken mit dem Bruder nach einer sportlichen Einheit, dabei über das Leben zu sinnieren, macht mich von jeher zufrieden und dankbar. Das ist so einfach. Ein „großer“ Urlaub kann nicht mehr!“

8
Das Glück ist jeden Tag etwas anderes. Vom Glück bleiben immer nur Fragmente. Mein Glück ist nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, schreib ich mir auf meinen Merkzettel. Das Unglück gehört dazu.

Besonnenheit

1
Kurz vor Allerheiligen 2020: Jetzt gewinne ich also Tiefe und Selbsterfahrung wieder dadurch, dass sich mein Bewegungsfreiraum einschränkt und sich meine Aktivitäten innerhalb engerer Grenzen entfalten.
Sieh dir das Licht an!
Zwischen den zur Ruhe kommenden Gräsern. Dunkel. Zurückhaltend. Verirrt es sich durch das letzte Hochstreben der Stämme, prallt es ab auf der grün-gelb-braunen Pflanzenwand. Allein die Wasserfläche strahlt unverschämt.
Wir sitzen abgeschirmt am Teich, eingebettet in eine Oase aus Schilf. Wasser, Pappelrund, Weiden, Steg und Himmel. Nach einer Weile schärfen sich meine Sinne. Was hier alles geschieht! Ein Massaker nach dem anderen: Der Eisvogel fischt. Der Fisch libellt. Die Libelle paart. Das Schilf rauscht. Das Wasser meert.

2
Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.
*Jesaja 30,15a

3
Jetzt ist kein guter Zeitpunkt dafür, so zu tun, als sei nie etwas gewesen. Das Leben dauert nur einen kurzen Augenblick. Derart endlich zu sein, derart zerbrechlich und leicht und derart unfähig mein Leben ganz zu begreifen, legt Besonnenheit nahe: Ich will mich nicht anpassen lassen, wie ein maßgeschneidertes Kleid sich an meinen Körper gießt; ich will mich nicht anpassen lassen an eine Welt, die immer deutlicher zur Verzweiflung treibt. Ich will meine kleinen Träume vergessen, damit die großen nicht vergessen werden.

4
Dass er mit seinem Gleichmut und seiner nie allzu besitzergreifenden Zuneigung maßgeblich dazu beiträgt, dass alles gut geht, wird mir heute im Morgengrauen bewusst. So ist ein einsames Leben gemeinsam leichter zu ertragen.

5
Aus Vernunft sind schwerwiegende Entscheidungen wie eine Liebesbeziehung einzugehen, ein Kind zu bekommen oder in ein anderes Land zu ziehen nicht zu treffen, weil man nicht weiß, zu welchem Menschen man dadurch wird. Wann Vernunft wirklich angebracht ist, darüber muss ich erst gründlich nachdenken.

6
Hab ich doch unlängst einen schwarzen Schwan gesehen! Hat er hoch über mir den Himmel durchkreuzt mit ruhigem, ausladendem Flügelschwung. Hat sich sehr viel Zeit dabei gelassen.

 

 

 

 

 

 

 

Müde sein

1
Die Stunde des Wolfes (Ingmar Bergmann hat sie so genannt), also jene Spanne vor dem Morgengrauen, in der ich trotz Müdigkeit oft meines Schlafes beraubt bin, kehrt Düsteres hervor. Das Andenken der Aufgaben des anbrechenden Tages wird zur schweren Last – die Planung des restlichen Lebens zum Fegefeuer… Das alles schaff ich nie! Wie nur um Himmels willen schläft die Deutsche Bundeskanzlerin? Und wie schlafen all die Gestrandeten?

2
„…schade, dass Du nicht zu uns zu Besuch kommst, wir hätten auch Liegestühle zum Chillen und gute Musik vorbereitet…“

3
Die Erschöpfung am Ende des Tages, an dem ich alle meine Topfpflanzen neu versorgt und neu gestellt hab, die Erschöpfung am Ende eines Werkes, dem ich ein Stück meiner Seele anvertraut hab, die Erschöpfung am Ende eines Lebens, nach dem die Frau am Sterbebett sagt: „Ich bin froh erschöpft“.  Müdigkeit hat etwas Tröstliches.

4
Weinlese und Bescheidenheit schließen heuer einander aus. Diese Üppigkeit im Weinberg, im Keller und in der Küche ist unverschämt. Alles ist im Übermaß da. Ich fühl mich erschlagen von der Fülle.

5
Kinder laufen, junge Hunde laufen. Sie machen den Weg zehnmal. Sie denken nicht an Müdigkeit.

6
Gesetzt den Fall, ich finde meine ureigenste kreative Balance für die Bewältigung meines Tagwerkes, also jenen Zustand des Begehrens oder der Berufung,
so gehören unabdingbar dazu: Spielräume, Orte der Untätigkeit, Erholung und Sinn und meine große Erzählung. Ich weiß, dass das notwendig ist, um jene Fragen zu stellen, die sonst niemand stellt, um zu strahlen, um zu stehen.

Antlitz

1 Ich übe mich darin, in Augen zu lesen, die einzige Gesichtsoffenbarung, die mir zur Verfügung steht, während wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wage ich die Grenzüberschreitung eines tiefen Blickes und lege gleichzeitig mehr als üblich hinein in mein Schauen, lerne ich das Wort Augenblinzeln neu kennen.

2 Strahlen sie nicht so, sonst werden sie noch verhaftet!

3 Es ist ein großes Vergnügen, in deinen Gesichtszügen zu lesen: Mal blitzt Neugierde, mal tiefe Dankbarkeit in deinem Blick auf, rücksichtslose Ehrlichkeit und sanfte Zuneigung. Mit diesem Lächeln zuinnerst im Augenwinkel gibst du dem nächsten Moment diese innige Prägung. Ziehst du die Augenbrauen hoch, legst du die Stirn in Falten und reckst das Kinn nach vor, im Profil eine kecke Ansage bis hin zur Nasenspitze. Die trotzigen Mundwinkel, wenn du dir eine zynische Bemerkung verkneifst oder versucht bist, einen unverschämten Wunsch zu äußern. Das ganze Gesicht unüberschaubare Landschaft, jede Ecke im Prozess, in steter Bewegung und in der Lage, sich von einer Sekunde auf die andere zu wandeln: das offene Buch und das undurchdringliche Pokerface. „Schau mich an, mit einem Blick, auf das, was ist und mit einem Blick auf das, was sein könnte!“

 4 Nichts ist so still wie ein Mensch, der aufgehört hat zu atmen. Die tote Frau liegt vor mir, sorgsam gebettet in weiße Laken und Pölster.  Sie anschauen zu dürfen in ihrer vollkommenen Hingabe, lässt meine Verneigung tief ausfallen;
ihr ins Antlitz zu sehen bedeutet, die Zusammenfassung eines ganzen Lebens zu würdigen. Eine leichte Brise bewegt die Vorhänge am offenen Fenster.

Veränderung


1  Ein leeres weißes Blatt Papier liegt auf dem Küchentisch. Das aufdringliche Wort als Überschrift, jene Einladung, das Vertraute zu verlassen. Die Ausrichtung von Tun und Lassen am Tageslicht gibt einen Rhythmus vor, der gegen den Strich bürstet. So verrückt ist meine Welt, dass ich am Ende meine Verbundenheit zu Menschen aufs Spiel setze, weil ich im dunklen Winter gar nicht mehr aus meiner Höhle krieche.
Was kostet es, den Richtungspfeil auf dem Kompass um einen Grad zu ändern?
Ich stelle dieser Fernreise eine Mohnblüte als Navigatorin zur Seite
und im Herbst die aufrechte Zinnie.

2 Per WhatsApp erreicht mich eine Textnachricht von Maria: „…mich nur nicht mehr verletzen lassen! Mir dabei zu helfen, darum bitte ich meinen Vater an seinem Grab stehend und zünde eine Kerze an!“

3 Das Bedürfnis nach Veränderung, das ein Gedicht wecken kann…
Sohrab Sepehri ruft mir zu: „Ja, solange es den Klatschmohn gibt, solange müssen wir leben!“
Ich betrachte den schwarzen Mittelpunkt dieser seidigen Blume, fixiere ihn, starre ihn an. Alles beginnt sich im Kreis zu drehen. Ist der dunkle Schmerz groß genug, wirft er mich aus der Bahn, ist der Bann gebrochen.

Wild

1 Mein Großvater hat beim abendlichen Tischgebet immer den Vorbeter gemacht. Waren die üblichen Vaterunser und die abschließende „Bitte für die armen Seelen“  vollendet, fügte er stets noch die „Bitte um einen guten Hausverstand“ an. Er tat es zum Wohle aller und im Wissen, dass es sich bei dieser besagten Gabe um keine Selbstverständlichkeit handelt. Meine Mutter erzählt mir diese verschollene Erinnerung erst Jahrzehnte später, jetzt, in Zeiten der Hochkonjunktur aufkeimender Verschwörungstheorien.

2 Indem ich Genuss empfinde, wenn ich einen Girlitz (sehr kurz) oder eine Wilde Karde (lang) betrachte, offenbart sich eine uralte Zusammengehörigkeit. Es zeigt sich, dass eine ursprüngliche Kraft überspringt, von Lebewesen zu Lebewesen: Ich bin also am Leben! Ich bin ein Nachtfalter und ein Rabe und ein Regenwurm und ich bin alle Pflanzen, die ich mir nur vorstellen kann. Ich mache mir heute die Spielregel eines Sperbers zu eigen und morgen jene eines Apfelbaums. Ich flüchte in den Wald, auf den Berg, in den Fluss. Hier kann mich nichts erschüttern. Weil ich unendlich schön und wild bin!