KategorieRingsum Nacht

Leere

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Aus heutiger Sicht habe ich etwas übrig für die totale Leere.

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Nashornbulle, Riesenschildkröte, Fransenzehen-Laubfrosch, Chinesischer Flussdelfin, Gelblinge, Brillenbär und Gelber Enzian.

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Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.

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Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern bei denen, die noch später sein werden. Kohelet 1,11

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Das Misstrauen über sich selbst lohnt sich ausschließlich dann, wenn man die Leere aushält.

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Von den Nöten bestimmter Bedürfnisse erlöst sein.

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Ich kann‘s nicht leiden, wenn du krank bist, mir ist dann so langweilig!

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Sie ganz leer denken, unsere Erde.

Spur

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Man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man nach ihren Vorschriften lebt. Ein Leben in Einfachheit, Unabhängigkeit, Großzügigkeit und Vertrauen.

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Sie erzählt mir ihr Leben in Briefen, das große Leben in ein kleines Format gebracht.
Die Eltern sterben schnell hintereinander. Von einem gewalttägigen Mann flüchten. Töchter großziehen und loslassen. In der politischen Gemeinde mitarbeiten. Auch des notwendigen Geldes wegen. Geld überhaupt. Zuerst keines haben und dann viel haben. Freundinnen haben. Irgendwann dann doch in einem leitenden Job arbeiten. Geschwister haben, mit denen es einen Beziehungseinbruch gibt. Kitten wollen. Aber vor allem eines: Nicht mehr spuren wollen. Hilfe benötigen. Eine Raphaela kennenlernen. Sie ist grün und nur ein Schleier. Ihr Gesicht nicht sehen. Sie beschützt. Geführt und beschützt sein. Und doch nicht mehr spuren wollen. Schwer krank sein. Es nicht mehr aushalten. Ein Glas Honig über den Körper gießen. Ummantelt sein mit süßer, klebriger Masse.

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Wie kann ein neues Gewand passen, wenn der Mensch nicht neu ist?

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Du hilfst mir, eine neue Sprache zu lernen, jene, die die Vögel sprechen und die Sterne.

 

 

Sorge

 

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Er verwendet das Wort Thrombose für unsere aufgestauten Sorgen.

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Er schreibt ein Puppenspiel aus Freude über die herannahende Geburt seines Enkelkindes. Die Freude darüber, dass jemand das Licht der Welt erblickt, von dem ein Teil des eigenen Wesens weiterleben wird, Grashüpfer und Schnecke…

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Sie geht auf den Friedhof und gießt die Plastikblumen auf dem Grab ihres verstorbenen Mannes.

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Mehr als ein halbes Jahrhundert lang haben sie mit- und nebeneinander gewirtschaftet. Jetzt sind sie alt und hilfsbedürftig. Er kann es immer noch nicht lassen, den Frauen unter den Rock zu greifen. Dieses Mal ist die Pflegerin dran. Sie will nicht mehr hören, wenn er die Krankenglocke läutet. Die ausführliche Altersversorgung bis zur Geschmacklosigkeit!

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Und wenn einer sagt, ich solle mich nicht sorgen, dann soll er mir sagen, was ich stattdessen machen soll!

 

 

Vertrauen


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Jetzt können Sie die Seele baumeln lassen, sagt die Schwester zu mir.
Träumen Sie etwas Schönes, sagt die Anästhesistin.
Alles Gute für die OP, sag ich zum operierenden Arzt.

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Stechuhren sind mir von jeher suspekt. Wer kommt auf die Idee, jetzt, während der ersten berechtigten Aufatmungsphase dieser Pandemie, Stechuhren im Krankenhaus zu installieren und in Betrieb zu setzen? Es ist eine eindeutige Ansage an das Personal. Wir vertrauen Euch nicht.

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Mein Selbstvertrauen geht mit der Selbstverständlichkeit einer Heimat einher, jenen Orten auf der Welt, an denen ich meinen Platz kenne und sein kann.

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Eine Kollegin und ich besprechen die Verhältnismäßigkeit von Tun und Lassen. Wir reden vom „Dranbleiben“ und dem tatenlosen Vertrauen, die richtigen Dinge geschehen zu lassen.
Meine Erfahrung, dass mir immer die richtigen Menschen über den Weg laufen, während ich mit einem Gedanken schwanger gehe und ich diese weitertreiben möchte, ist kein Wert sondern ein Verhaltensmodus!

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Es ist ein Lieblingsspiel aus meiner Kindheit. Vermutlich habe ich es in der Jungschar kennengelernt. Der Vertrauenskreis: Ich schließe meine Augen und lasse mich fallen. In eine Gruppe von anderen, die mich auffangen und hin- und herschaukeln. Für mich war dieses Spiel eine Annäherung an den wiederkehrenden Traum vom Fliegen. Genauso wie das Tanzen, das Wirbeln im Kreis um die eigene Achse, bis zum Umfallen. Gekoppelt an die Sicherheit, dass mich die Erde trägt. Dieses Gefühl habe ich hoffentlich bis in meine Erbsubstanz hinein gespeichert!

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Der kürzeste Weg zum Schwimmbad führt über die Bahngleise. Sie nimmt ihn. Er ist genau 150 Schwellen lang. Dadurch erspart sie sich zwanzig Minuten Fußmarsch und kann länger im Wasser bleiben. Sollte ein Zug kommen, hört sie ihn ja. 

 

 

 

 

 

 

 

Geheimnis

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Es ist groß und einfach. Die „Unbetretbarkeit“, die „Mitte aus Innen“.

2
Die Diagnose kommt wie ein Schreckgespenst über ihn. Er trägt das Herz nicht auf der Zunge. Er ist wund ob seiner Erkenntnis, dass er nicht stark genug ist, sie auch anderen zuzumuten. So behält er sie als düsteres Geheimnis und ist angewiesen auf die Feinfühligkeit seiner Frau, seiner Kinder, dass sie ihn und seine Angst erspüren mögen.

3
Die Allee in Ladendorf zaubert aus sich heraus eine Kulisse und eine Stimmung, die man mit nichts anderem genau so erschaffen könnte. Die uralten Linden und Kastanien stehen da wie allwissende Wesen, säumen den Weg, geben ihn vor, lenken und locken mich, Hörende zu werden. Ihr Botendienst überdauert die Jahrhunderte. Hier sitzen bleiben mitten unter ihnen, Wurzeln schlagen, Baum werden.

4
Ob es stimmt, dass das Leben eine Richtung hat?
Dass es Lebendigkeit will und Veränderung, Vielfalt, Zusammenhalt,…?
Und was sich dagegen stellt, geht gegen den Strich?
Ist es so?

 5
Beim Betrachten eines Bildes setze ich mich einer Unbestimmtheit aus.
Ich sehe zum Beispiel einen Felsen und das Meer. Was dahinter ist, sehe ich nicht. Da kann ich mir alles Mögliche vorstellen. Ich kann also hinter den Felsen sehen und bis zum Ende des Meeres. Ich kann auch die Farbtupfen auf der Leinwand anschauen, die Striche, die Flächen und mir Gedanken darüber machen, was die Künstlerin während des Malprozesses getrunken hat, ob sie vor Ort gemalt hat oder bei geschlossenem Fenster. Ich kann das Bild sogar vorsichtig umdrehen, um zu schauen, was dahinter steckt. Da gibt es für mich unerschöpfliche Möglichkeiten der Betrachtungsweise. Niemand mag das kontrollieren. Logik ist nicht das oberste Prinzip.

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Diese Tür lässt sich auch andersrum öffnen: Die Worte, die ich spreche und schreibe, die Dinge, die ich gestalte, die Konzepte, die ich mir ausdenke, sie mögen immer weniger klar daher kommen, immer weniger ausdrücklich. Schemenhaft, versponnen, verwischt. Diffuses Licht.

 

Bedrängnis

1
Es stört mich, dass  gerade jetzt, wo ich frisch angerichtet mit meinem Laptop und der Tasse Kaffee zwischen den Wein-Zeilen im Weinberg sitze und über die Hügellandschaft blicke, der Nachbar mit dem Traktor durch seinen Acker fährt, Staub aufwirbelt, weil es schon lange nicht geregnet hat . Nachdem er wieder weg ist, bin ich noch da, mit einer feinen Erdschicht überzogen.

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Tagtäglich bin ich gefordert, die sozialen Situationen, an denen ich teilnehme, aufzuwerten.

3
Sagt mir ein Patient ein paar Stunden vor seiner Beinamputation: „Es ist leichter ein Kalb zu gebären, als den Dreck aus meinem Darm loszuwerden.“

4
Bis vor einem Jahr hatte das Krankenhaus die Atmosphäre eines Gefängnisses. Mit ein paar wenigen Maßnehmen ist sie hergestellt: Sofort nach der Aufnahme bekommst du ein Nachthemd – ob wohl es noch früh am Morgen ist. Sofort bekommst du möglichst wenig Infos .Sofort wird Dir eine Nadel gesetzt und Deine Bewegungsfreiheit auf ein Minimum eingeschränkt. Sofort bekommst Du eine Namensschlaufe mit Registriernummer um das Handgelenk gebunden.
Seit dieser Krise ziehe ich an jedem Arbeitstag in den Krieg und die Maßnahmen bis vor einem Jahr gleichen Lappalien.

5
Es trägt sich zu, gesagt zu bekommen: „Ich frag Dich da jetzt nicht, wer damit gemeint ist…“
Da ist mir diese Aufforderung schon lieber: „Überraschen Sie mich!“

6
Es fällt mir immer schwerer, das halbe Jahr Zwielicht (dieses schöne Licht!) und Dunkelheit auszuhalten.

Glanz


1
Ich liebe den Glanz, dies wird mein Teil jetzt im Leben…
Hell, strahlend und schön: dem füg ich mich,
weil ich die Sonne liebe.  SAPHO

2
Da legen wir noch etwas Gold auf, mehr Gold noch!  
Ich kenn da jemanden, der trägt Sommer wie Winter keine Socken. Jetzt, mit sich einnistendem Rheuma, nimmt das bei ihm schmerzhaft bewegungseinschränkende Ausmaße an. Unlängst hab ich aus diesem Grund eine Sockenanziehhilfe für ihn gekauft. Er wird sie wohl nicht verwenden, eine Ausrede dafür finden. Sich bedingungsadäquat anzuziehen ist zu zeitaufwendig. Seine ganze Energie fließt in anderes. Der Körper stört, es sei denn, er unterstützt seine Sache. Seine Sache ist, große, alte Häuser zu retten, sie wiederaufzubauen. Seine Sache ist, alten sakralen Gegenständen einen neuen Glanz zu verleihen. Seine Sache ist, Geschichten zu erzählen, die Geschichten der Gegenstände und Geschichten der Dorfnarren. Seine Sache ist, alte Musik zu hören und seine Sache ist, offenen Auges übers Land zu fahren. Seine Sache ist, guten Wein zu genießen. Seine Sache ist der romantisch leidenschaftliche Blick auf die Welt. Seine Sache ist der große Wurf.
Wie verrückt ist in Anbetracht all dessen eine Sockenanziehhilfe!

3
Der Gedanke, einen Menschen so lange anzusehen, bis er glänzt, der gefällt mir besonders gut.

4
Ich umgebe mich in den komplizierten Tagen meines Lebens mit angenehmen Menschen, kann ich sie nicht sehen, telefoniere ich mit ihnen, kann ich nicht telefonieren, schreibe ich einen Brief, kann ich keinen Brief schreiben, denke ich an sie, kann ich nicht an sie denken, legt sich Glanz über meinen Zustand.

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Grabe, wo du bist.

6
Heute reicht es, dass das weiße Licht der Jännersonne mich überrascht, wie es auf das Dach vor meinem Fenster fällt und meine Sinne weit öffnet.

 

 

 

 

 

Zweifel

1
Dieser Tage hab ich Zweifel am eigenen Hausverstand. Zudem wird er mir jetzt auch von außen endgültig aberkannt. Ich kann nicht zurück in eine weniger verrückte Welt. 

2
Noch einmal möchte ich erwähnen,  dass die Gesündesten in einem Krankenhaus die Patientinnen und Patienten auf der Palliativstation sind. Hier sind die Menschen dem Leben unglaublich nah.

4
Ich kannte da jemanden,
der ist gestorben, weil er in den Miststreuer gekommen ist.

3
Angeblich werden Tiere in einer Tierklinik freundlicher und aufmerksamer behandelt, als Menschen in einer Menschenklinik. Ich weiß nicht, welchen Schluss ich aus dieser Information ziehen möchte.

4
Ich schenke den zahllosen inneren Stimmen ausführlich Beachtung. Sie sind jener Stoff, aus dem alles andere kommt. Mein Urschrei.
Geh auf das Feuer zu
Wehr dich gegen Ungerechtigkeit!
Erkenne den Mittelpunkt der Welt
Wisse, du bist verbunden
Sei empört
Kauf nichts
Schaff etwas Neues
Sei still
Sei groß
Sing ein Lied

5
Zauberstäbe aus Ebenholz verzaubern besonders zuverlässig. Hab mir einen zugelegt. Für den Winter. Denn: Unter einer dicken Schneedecke kann man schon einmal verschwinden. Ich zaubere mich unsichtbar in das vergoldete Innere eines Menschenkörpers um mir den Apfel vom Baum in den Mund fallen zu lassen, süß und bekömmlich. Zucker auf der Straße als Wegweiser für den nächsten Schritt ins Dunkel-Verborgene.

 

Entblößung

1
Bei meinen körperlichen Erscheinungs- und Empfindungsbildern, vor allem im Bereich der Gebärmutter, der Brüste und des Kopfes, ist es jetzt naheliegend, einen Gedanken in seine Richtung zu schicken.
Er hat genau in diesen Körperregionen Platz gefunden. Ihm hab ich mit großer Sehnsucht und innigem Vergnügen Einlass gewährt mit aller Hingabe, die ich aufbringen konnte. Und nun diese eigenartige Irritation, die mich erschüttert, nahezu verschüttet. Unbeeinflussbar, unfreiwillig und ohne erkennbaren Sinn. Ich verbiete es mir zu denken, dass es ein Hinweis sei.

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Sie spricht von der Last, einen Röntgenblick zu haben, gar nicht anders zu können, als in Menschen hineinzusehen.

3
Unlängst lese ich einen Artikel gegen das Stillen in der Öffentlichkeit. Es sei unästhetisch, meint die Schreiberin. Ich ärgere mich darüber. 

4
Wir gehen in die Nacht hinaus. Unsere Gespräche werden mit den Jahren anders. Reduzierter. Offener. Wir werden freier zu sehen, was geschieht.