KategorieRingsum Nacht

Vertrauen


1
Jetzt können sie die Seele baumeln lassen, sagt die Schwester zu mir.
Träumen sie etwas Schönes, sagt die Anästhesistin.
Alles Gute für die OP, sag ich zum operierenden Arzt.

2
Stechuhren sind mir von jeher suspekt. Wer kommt auf die Idee, jetzt, während der ersten berechtigten Aufatmungsphase dieser Pandemie, Stechuhren im Krankenhaus zu installieren und in Betrieb zu setzen? Es ist eine eindeutige Ansage an das Personal. Wir vertrauen Euch nicht.

3
Mein Selbstvertrauen geht mit der Selbstverständlichkeit einer Heimat einher, jenen Orten auf der Welt, an denen ich meinen Platz kenne und sein kann.

4
Eine Kollegin und ich besprechen die Verhältnismäßigkeit von Tun und Lassen. Wir reden vom „Dranbleiben“ und dem tatenlosen Vertrauen, die richtigen Dinge geschehen zu lassen.
Meine Erfahrung, dass mir immer die richtigen Menschen über den Weg laufen, während ich mit einem Gedanken schwanger gehe und ich diese weitertreiben möchte, ist kein Wert sondern ein Verhaltensmodus!

5
Es ist ein Lieblingsspiel aus meiner Kindheit. Vermutlich habe ich es in der Jungschar kennengelernt. Der Vertrauenskreis: Ich schließe meine Augen und lasse mich fallen. In eine Gruppe von anderen, die mich auffangen und hin- und herschaukeln. Für mich war dieses Spiel eine Annäherung an den wiederkehrenden Traum vom Fliegen. Genauso wie das Tanzen, das Wirbeln im Kreis um die eigene Achse, bis zum Umfallen. Gekoppelt an die Sicherheit, dass mich die Erde trägt. Dieses Gefühl habe ich hoffentlich bis in meine Erbsubstanz hinein gespeichert!

6
Der kürzeste Weg zum Schwimmbad führt über die Bahngleise. Sie nimmt ihn. Er ist genau 150 Schwellen lang. Dadurch erspart sie sich zwanzig Minuten Fußmarsch und kann um des länger im Wasser bleiben. Sollte ein Zug kommen, hört sie ihn ja. 

 

 

 

 

 

 

 

Geheimnis

1
Es ist groß und einfach. Die „Unbetretbarkeit“, die „Mitte aus Innen“.

2
Die Diagnose kommt wie ein Schreckgespenst über ihn. Er trägt das Herz nicht auf der Zunge. Er ist wund ob seiner Erkenntnis, dass er nicht stark genug ist, sie auch anderen zuzumuten. So behält er sie als düsteres Geheimnis und ist angewiesen auf die Feinfühligkeit seiner Frau, seiner Kinder, dass sie ihn und seine Angst erspüren mögen.

3
Die Allee in Ladendorf zaubert aus sich heraus eine Kulisse und eine Stimmung, die man mit nichts anderem genau so erschaffen könnte. Die uralten Linden und Kastanien stehen da wie allwissende Wesen, säumen den Weg, geben ihn vor, lenken und locken mich, Hörende zu werden. Ihr Botendienst überdauert die Jahrhunderte. Hier sitzen bleiben mitten unter ihnen, Wurzeln schlagen, Baum werden.

4
Ob es stimmt, dass das Leben eine Richtung hat?
Dass es Lebendigkeit will und Veränderung, Vielfalt, Zusammenhalt,…?
Und was sich dagegen stellt, geht gegen den Strich?
Ist es so?

 5
Beim Betrachten eines Bildes setze ich mich einer Unbestimmtheit aus.
Ich sehe zum Beispiel einen Felsen und das Meer. Was dahinter ist, sehe ich nicht. Da kann ich mir alles Mögliche vorstellen. Ich kann also hinter den Felsen sehen und bis zum Ende des Meeres. Ich kann auch die Farbtupfen auf der Leinwand anschauen, die Striche, die Flächen und mir Gedanken darüber machen, was die Künstlerin während des Malprozesses getrunken hat, ob sie vor Ort gemalt hat oder bei geschlossenem Fenster. Ich kann das Bild sogar vorsichtig umdrehen, um zu schauen, was dahinter steckt. Da gibt es für mich unerschöpfliche Möglichkeiten der Betrachtungsweise. Niemand mag das kontrollieren. Logik ist nicht das oberste Prinzip.

 6
Diese Tür lässt sich auch andersrum öffnen: Die Worte, die ich spreche und schreibe, die Dinge, die ich gestalte, die Konzepte, die ich mir ausdenke, sie mögen immer weniger klar daher kommen, immer weniger ausdrücklich. Schemenhaft, versponnen, verwischt. Diffuses Licht.

 

Bedrängnis

1
Es stört mich, dass  gerade jetzt, wo ich frisch angerichtet mit meinem Laptop und der Tasse Kaffee zwischen den Wein-Zeilen im Weinberg sitze und über die Hügellandschaft blicke, der Nachbar mit dem Traktor durch seinen Acker fährt, Staub aufwirbelt, weil es schon lange nicht geregnet hat . Nachdem er wieder weg ist, bin ich noch da, mit einer feinen Erdschicht überzogen.

2
Tagtäglich bin ich gefordert, die sozialen Situationen, an denen ich teilnehme, aufzuwerten.

3
Sagt mir ein Patient ein paar Stunden vor seiner Beinamputation: „Es ist leichter ein Kalb zu gebären, als den Dreck aus meinem Darm loszuwerden.“

4
Bis vor einem Jahr hatte das Krankenhaus die Atmosphäre eines Gefängnisses. Mit ein paar wenigen Maßnehmen ist sie hergestellt: Sofort nach der Aufnahme bekommst du ein Nachthemd – ob wohl es noch früh am Morgen ist. Sofort bekommst du möglichst wenig Infos .Sofort wird Dir eine Nadel gesetzt und Deine Bewegungsfreiheit auf ein Minimum eingeschränkt. Sofort bekommst Du eine Namensschlaufe mit Registriernummer um das Handgelenk gebunden.
Seit dieser Krise ziehe ich an jedem Arbeitstag in den Krieg und die Maßnahmen bis vor einem Jahr gleichen Lappalien.

5
Es trägt sich zu, gesagt zu bekommen: „Ich frag Dich da jetzt nicht, wer damit gemeint ist…“
Da ist mir diese Aufforderung schon lieber: „Überraschen Sie mich!“

6
Es fällt mir immer schwerer, das halbe Jahr Zwielicht (dieses schöne Licht!) und Dunkelheit auszuhalten.

Glanz


1
Ich liebe den Glanz, dies wird mein Teil jetzt im Leben…
Hell, strahlend und schön: dem füg ich mich,
weil ich die Sonne liebe.  SAPHO

2
Da legen wir noch etwas Gold auf, mehr Gold noch!  
Ich kenn da jemanden, der trägt Sommer wie Winter keine Socken. Jetzt, mit sich einnistendem Rheuma, nimmt das bei ihm schmerzhaft bewegungseinschränkende Ausmaße an. Unlängst hab ich aus diesem Grund eine Sockenanziehhilfe für ihn gekauft. Er wird sie wohl nicht verwenden, eine Ausrede dafür finden. Sich bedingungsadäquat anzuziehen ist zu zeitaufwendig. Seine ganze Energie fließt in anderes. Der Körper stört, es sei denn, er unterstützt seine Sache. Seine Sache ist, große, alte Häuser zu retten, sie wiederaufzubauen. Seine Sache ist, alten sakralen Gegenständen einen neuen Glanz zu verleihen. Seine Sache ist, Geschichten zu erzählen, die Geschichten der Gegenstände und Geschichten der Dorfnarren. Seine Sache ist, alte Musik zu hören und seine Sache ist, offenen Auges übers Land zu fahren. Seine Sache ist, guten Wein zu genießen. Seine Sache ist der romantisch leidenschaftliche Blick auf die Welt. Seine Sache ist der große Wurf.
Wie verrückt ist in Anbetracht all dessen eine Sockenanziehhilfe!

3
Der Gedanke, einen Menschen so lange anzusehen, bis er glänzt, der gefällt mir besonders gut.

4
Ich umgebe mich in den komplizierten Tagen meines Lebens mit angenehmen Menschen, kann ich sie nicht sehen, telefoniere ich mit ihnen, kann ich nicht telefonieren, schreibe ich einen Brief, kann ich keinen Brief schreiben, denke ich an sie, kann ich nicht an sie denken, legt sich Glanz über meinen Zustand.

5
Grabe, wo du bist.

6
Heute reicht es, dass das weiße Licht der Jännersonne mich überrascht, wie es auf das Dach vor meinem Fenster fällt und meine Sinne weit öffnet.

 

 

 

 

 

Zweifel

1
Dieser Tage hab ich Zweifel am eigenen Hausverstand. Zudem wird er mir jetzt auch von außen endgültig aberkannt. Ich kann nicht zurück in eine weniger verrückte Welt. 

2
Noch einmal möchte ich erwähnen,  dass die Gesündesten in einem Krankenhaus die Patientinnen und Patienten auf der Palliativstation sind. Hier sind die Menschen dem Leben unglaublich nah.

4
Ich kannte da jemanden,
der ist gestorben, weil er in den Miststreuer gekommen ist.

3
Angeblich werden Tiere in einer Tierklinik freundlicher und aufmerksamer behandelt, als Menschen in einer Menschenklinik. Ich weiß nicht, welchen Schluss ich aus dieser Information ziehen möchte.

4
Ich schenke den zahllosen inneren Stimmen ausführlich Beachtung. Sie sind jener Stoff, aus dem alles andere kommt. Mein Urschrei.
Geh auf das Feuer zu
Wehr dich gegen Ungerechtigkeit!
Erkenne den Mittelpunkt der Welt
Wisse, du bist verbunden
Sei empört
Kauf nichts
Schaff etwas Neues
Sei still
Sei groß
Sing ein Lied

5
Zauberstäbe aus Ebenholz verzaubern besonders zuverlässig. Hab mir einen zugelegt. Für den Winter. Denn: Unter einer dicken Schneedecke kann man schon einmal verschwinden. Ich zaubere mich unsichtbar in das vergoldete Innere eines Menschenkörpers um mir den Apfel vom Baum in den Mund fallen zu lassen, süß und bekömmlich. Zucker auf der Straße als Wegweiser für den nächsten Schritt ins Dunkel-Verborgene.

 

Entblößung

1
Bei meinen körperlichen Erscheinungs- und Empfindungsbildern, vor allem im Bereich der Gebärmutter, der Brüste und des Kopfes, ist es jetzt naheliegend, einen Gedanken in seine Richtung zu schicken.
Er hat genau in diesen Körperregionen Platz gefunden. Ihm hab ich mit großer Sehnsucht und innigem Vergnügen Einlass gewährt mit aller Hingabe, die ich aufbringen konnte. Und nun diese eigenartige Irritation, die mich erschüttert, nahezu verschüttet. Unbeeinflussbar, unfreiwillig und ohne erkennbaren Sinn. Ich verbiete es mir zu denken, dass es ein Hinweis sei.

2
Sie spricht von der Last, einen Röntgenblick zu haben, gar nicht anders zu können, als in Menschen hineinzusehen.

3
Unlängst lese ich einen Artikel gegen das Stillen in der Öffentlichkeit. Es sei unästhetisch, meint die Schreiberin. Ich ärgere mich darüber. 

4
Wir gehen in die Nacht hinaus. Unsere Gespräche werden mit den Jahren anders. Reduzierter. Offener. Wir werden freier zu sehen, was geschieht.

 

Apokalypse

1 Überraschend fällt mir ein ungewöhnliches Geschenk zu: 16 Tafeln von Albrecht Dürers Apokalypse „Heimliche Offenbarung Johannis“. Als Nachdruck aus dem Jahr 1947. Die Originale erschienen 1493. Ich betrachte am liebsten die Tafel 6, „Vier Engel gebieten den Winden“.  Alle Abbildungen preisen eine neue, lebensbejahende Welt: kräftestrotzenden Figuren, die Heiterkeit eines Apfelbaumes, himmelwärts geöffnete Bewegungen. Wenn dann weiters von Räucherpfannen und viel Weihrauch die Rede ist, von zu schreibenden Worten, die zuverlässig und wahr sind, dann bekomme ich Lust, manch Vergangenem den Rücken zuzukehren. Siehe, ich mache alles neu.

2 Ihre Eltern sind Balletttänzer. Die Mutter verletzt sich bei einem Arbeitsunfall derart schwer, dass es für sie nichts mehr zu tanzen gibt. Der Vater fällt mit seiner Frau. Mit einem Spielzeugladen finden sie ihr Auskommen. Darüber hinaus lassen sie sich vom Alkohol auffangen. Die fordernde Kindheit  übertüncht sie mit Großmutter, Magersucht und Zimt-Orangenaromen. Wohin gehen, wenn das Gasthaus geschlossen hat?

3 Der Bauer setzt die Freude ob eines guten Erntejahres als vorläufiges Betäubungsmittel ein. Ob sie ihm dauerhaft bleibt, nach zwei OPs, in der ihm beide Füßen abgenommen werden, wird er erst im Frühjahr sehen. Vieles wird er noch machen können. Zum Beispiel den ganzen Winter über Walnüsse aufschlagen für die Nussstrudel und die Bäckereien, die die Töchter auf den Tisch zaubern.

4  „Heutzutage ist sogar die Schokolade bitter. Und das machen die auch noch mit Absicht, ist das nicht seltsam?“ Hakan Nesser

5 Die Vorstellungskraft als Geschenk sehen, als Möglichkeit, das Unmögliche zu enthüllen. Diese Kraft entzieht der Gegenwart die Macht über uns.

Bürde

1  Bernhard setzt meine Blog-Ideen technisch um. Das betreibt er sehr grundsätzlich und philosophisch, indem er mir gleich zu Beginn die  weitreichende Frage stellt: „Der Anfang ist geschafft. Wann möchtest Du mit Deiner Bürde beginnen?“

2 Ich finde in einer Box mit guten Ratschlägen folgenden Tipp auf einer Karte zu lesen: Stell dir das nächste Mal, wenn du gern etwas in den sozialen Medien posten würdest, das Bild und den Text vor. Schreibe es stattdessen in ein Notizbuch. Eine Woche ohne digitale Medien verbessert unser Wohlbefinden signifikant. Das lässt sich sicher neurobiologisch beweisen [sic! Amen!]. Eine Woche lang Selbstbeobachtung auf der Alm bringt ein ähnliches Resultat. Was ist mir nun wichtiger? Die neue Füllfeder zu kaufen, um ins Notizbuch zu schreiben oder ein vielversprechender, transportabler Internetzugang, weil es immer noch schwierig ist, in unserem Haus am Ende des Dorfes einen passablen Internetzugang per Festnetzanbieter herzustellen? In beiden Fällen sollte ich mir nicht anmaßen, mich auch nur bruchstückhaft anzunähern an das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt. Im Gegenteil. Es verschwindet tagtäglich mit dem letzten Sonnenstrahl hinter der übernächsten Bergkuppe.

3 Nelly Sachs sucht Asyl im Krankenhaus. Hier findet sie die notwendige Ruhe und Konzentration zum Schreiben. Die ist außerhalb der geschlossenen Mauern nur mit großem Aufwand zu kriegen, meint eine Kollegin.

4 Kauf Dir doch bitte einen Hund, sagt mein Supervisor zu mir, und nutze die Nacht für ausgedehnte Spaziergänge!

5 Atmen. Schauen. Schreiben. Warten.