KategorieRingsum Nacht

Schreibresidenz


1
Was hindert mich daran, es endlich umzusetzen?
Einen Monat lang nur zu schreiben. Solange ich und meine Liebsten noch leben. Von ihnen zu erzählen. Von uns zu erzählen.

2
Wenn ich von einer Tätigkeit zur nächsten eile, bekomme ich Kopfweh. Das geschieht täglich.

3
An einem guten Gedicht muss ich wohl nicht monatelang schreiben!

4
Es ist schön, wenn Menschen, die etwa 20 Jahre jünger sind als ich, auf mich zukommen und sagen, dass sie mich treffen möchten. Für die kurze Zeit der Begegnung gehören wir einander. Wir machen es uns gut, wir erzählen einander Geschichten, fragen um Rat, tun unsere Meinung kund, vergolden einander Zeit.

5
Und doch habe ich das Gefühl, meine Zeit nicht richtig zu nutzen. Das ist ein Irrtum.

Geheimnislos


1
Er gibt mir einen guten Rat:
Wir Männer brauchen Frauen, die uns auf die Füße treten und Dampf machen.

Sie sagt:
Ich habe die Männer nie richtig verstanden, aber ich hatte sie gerne an meiner Seite.

Eine Freundin sagt:
Ich möchte verschwinden.

Eine andere sagt viel zu viel.

Eine dritte zeigt mir ein Video von ihrem Enkelsohn, aufgenommen in der 24. Schwangerschaftswoche. Das Kind sieht aus wie ein Greis.

2
Am Krankenbett:
Der eine besucht ihn, weil er etwas von ihm braucht.
Der andere kommt, weil er ihn mag.
Der dritte kommt, weil er sich selbst mag.

3
Der Mensch ist geheimnislos.

Zumutungen

1
Ich unterhalte mich sehr gerne mit unseren Kindern! Zum Beispiel darüber, welche Musik sie gerne hören oder warum man heutzutage noch Kinder bekommen sollte.
2
Ich kenne einen Künstler, er ist derart verletzlich, dass er sich jeder Form von Kritik entzieht,  weil ihn Kritik nicht nur verletzt, sondern vernichtet. Deshalb geht er mit seinen Werken nicht an die Öffentlichkeit, er zeigt sie niemandem außer seiner Frau. Ich halte ihn für einen beseelten, begnadeten Künstler mit vielen Kunstwerken, die niemand sehen darf. Ich denke gerne an ihn und an seine mir unbekannten Arbeiten.
3
Kann man ein Luftschloss zerstören, das man sich in der Vergangenheit gebaut hat?
4
Dass junge Menschen von ihren Eltern über alle Maßen behütet werden, dass sie dann beim ersten Menschen, der ihnen einen Wunsch nicht erfüllt, zum Beispiel die Liebe nicht erwidert, in einen derart großen Kummer verfallen, dass sie in der Psychiatrie landen oder im schlimmsten Fall sogar unter einem fahrenden Zug, das fällt auf.
5
Veranstalterin: „Martha, vertrittst du die Hohe Geistlichkeit?“
Ich: „????“
6
Wie soll das denn gelingen? Wertschätzung des immer größer werdenden Angewiesenseins?
7
Weglassen. Loslassen. Zulassen. Einlassen.
Es stimmt.
8
Ich höre, dass die junge Frau ihr Kind abtreiben lässt. Es wurde das Downsyndrom diagnostiziert. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht. Ich versuche, sie zu stützen. Eigentlich versuche ich, ihr familiäres Umfeld zu stützen. Der Zufall will es so, dass ich gerade heute beim Mittagessen einem Mann gegenübersitze, der mit dieser Krankheit (?) lebt.
9
Weint mein Kollege manchmal?
10
Die rote Gartenbank bricht unter uns zusammen. Der Nachbar geht mir gut zu. Meine Mutter geht mir nicht gut zu. Aber alles ist, wie es ist. Ich bemühe mich, wertfrei zu bleiben. Die Muse küsst mich nicht. Was soll ich sagen, ich falle dann in ein Loch. Und meine Tochter sagt, in jedem Loch ist es scheiße. Es gibt kein gutes Loch.
11
Nüsse vergolden hilft heute nicht.
12
Ich messe mit zweierlei Maß. Und diese Frechheit erlaube ich mir voll und ganz.
13
Was ist los mit mir? Einmal am Tag weinen? Was alles ist mir zu viel? Ich fühle mich hin und hergeschubbst.
14
Er findet Bologna sehr schön – ist das die schönste Stadt Italiens?
15
Sie möchte über Sex reden. Sie möchte nicht über Sex reden. Sie möchte Sex haben.

Spinne


1
Ein ganzer Freitag, der nur mir und meinen Ideen gehört. Und wie lautet der erste Gedanke in der Früh? „Soll ich einen Tisch im Stundenhotel reservieren oder selbst ein Fünf-Gänge-Menü kochen?“ Ich habe Lust darauf, unprätentiös und fein, geschmacklich komplex und perfekt aufeinander abgestimmtes Essen zu mir zu nehmen und mit allen Sinnen in einer zeremoniellen Langsamkeit zu genießen.
2
Plötzlich sitze ich im Dorfkaffee und wohne einer seichten Theateraufführung bei. Es kommt mir vor, als müsste ich jeden Sonntag bei meiner Schwiegermutter zu Mittag essen (was nie der Fall war!) In diesem Zusammenhang lerne ich, dass unser Gehirn offenbar keine Überraschungen mag. Stimmt das? Und wenn es gute sind?
3
Ich trinke mit meiner Tochter einen hervorragenden Welschriesling aus dem Südburgenland. Ich unterhalte mich mit ihr über die Grenzen des Dorflebens, über ihre Zukunft an der Uni und darüber, dass sie ihre Wohnung in Wien neu einrichten will. Die Leute rund um uns meinen: „Monogamie, das klingt so verführerisch!“
4
In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es laut. Man setzt sich in die U-Bahn, um mit der Familie in einem fernen Land zu chatten. Oder um Videos zu schauen (ohne Kopfhörer). Oder alles auf einmal.
5
Das Café am Heumarkt bleibt unverändert außergewöhnlich. Ruhig. Verschroben. Wir essen zusammen ein Menü. Nudelsuppe und einen Schweinsbraten mit Knödeln, Sauerkraut. Und einen Schnaps, den trinken wir dazu.Es ist still im Raum. Nur eine große Säule, ein Nistplatz aus Heu unter den Heizkörpern für die Mäuse und ein paar Gäste, die sich ruhig verhalten, und immer wieder zum Rauchen vor die Tür gehen.
6
Trennen oder zusammenbleiben? Diese Frage stellt sich oft. Und es ist das Einzige, worüber wir reden wollen, wenn es nichts mehr gibt, was noch vor uns liegt. Vielleicht sind wir nur auf der Welt, um die Menschen zu lieben, die wir kennen, um uns um sie zu kümmern, und selbst dann noch zu lieben und uns um sie zu sorgen, wenn es Wichtigeres zu tun gäbe.
7
Wir machen vieles deshalb, weil wir es können.
8
Ich lasse mich von seinem wachen Geist ein bisschen hin- und herschubsen. Zwei Gläser Prosecco, ein gefülltes Salzstangerl und die Nusskekse meiner Freundin sind unsere Nahrung, um abzunehmen. Wir sitzen in einem Raum mit dunkler Tapete und Fotografien mit grünen Motiven an den Wänden. Die Fenster sind weiß und der Ausblick auf den Stephansdom ist einzigartig.
9
Es ist da ein Innenraum, ausgespannt mit jenen Fäden, die meine sind, die mein Hirngespinst sind, meine Gedankenfäden, mein Spinnennetz. Der Boden unter meinen Füßen wird fester, wenn ich diesen Raum manchmal aufräume, ausräume, nur mit jenen Gespinsten bestücke, die mir gefallen. Mein kurzes, kostbares Leben erkennend, selbstvoll … der Raum einer Liebenden.
10
Weiterspinnen
11
Faulenzen macht nur Sinn, wenn man ausgeschlafen ist.

Am Abend

1
Die Anstrengung der Freundlichkeit für einen Abend lang riskieren.

2
Der Beginn eines Tanzes soll eine Umarmung sein.

3
Sie kommt nach einem zehnwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nach Hause. Im Haus ist es kalt. Unter dem Benjamin-Ficus liegen viele Blätter. Im Kühlschrank findet sie eingetrocknetes Gemüse, ein Stück Butter, ein paar Gläser Eingemachtes.

4
Der Mann ist um die 80 Jahre alt. Seine Schwester spielt mit ihm seit neuestem bei ihren wöchentlichen Besuchen im Heim mit Duplosteinen. Das rührt sie zutiefst. Sie erinnert sich an ihre gemeinsame Kindheit. Sie empfindet eine Mischung aus Scham und großer Nähe.

5
Wir spielen ein Wortspiel
„Glas berührt nicht, Baum schon!“
Die Regel dahinter: Unterscheide Wörter, bei denen sich die Lippen berühren von Wörtern, bei deren Aussprache sich die Lippen nicht berühren.

6
Er hat Angst vor Schmerzen oder Atemnot beim Sterben. Er möchte gerne gehen und wie ein Kind glauben. Dass vieles offen bleibt, findet er gut. Beten Sie für mich, sagt er zum Abschied. Später schickt er mir eine Weihnachtskarte aus dem Hospiz: Ich würde mich freuen, wenn wir uns in einem offenen Himmel wiederfinden.

7
Seine Bilder will er nicht hergeben.

8
Sie möchte erfolgreich sein bei der Suche nach einer Gemeinschaft, einer Familie und einem inneren Einklang mit der Welt, nach einem Ort, an dem sie aufhört, wegzulaufen, nach einem Ort, der die Möglichkeit birgt, bei sich selbst anzukommen … Weil ich grad dran bin, werde ich jetzt einmal für sie beten. Dass sie vorerst einmal einen eleganten Liebhaber findet.

9
Solange ich der Meinung bin, dass es darum geht, den Dingen auf den Grund zu gehen, kann ich im Leichten nicht froh werden.

10
Ich bin Heiligabend – Ultra.

11
Ich räuchere, was das Zeug hält.

12
Meine Augen leuchten.

13
Sei nicht verloren!

Bruch


1
Niemand muss irgendwo hinziehen. Niemand muss bleiben, wo er ist. Niemand muss festsitzen.

2
Im Dorf kümmert man sich gerne um frisch gebackene, junge Witwen und Witwer. Ohne Rücksicht auf Verluste. Einkochen. Ans Fenster klopfen. Behaupten: Du willst doch nicht allein bleiben, oder?

3
Im Krankenhaus:

Opfer und Täter, das liegt hier sehr nahe beieinander.

Nach der erschreckenden Diagnose ist sie natürlich außer sich. Sie wird zur kontrollierenden Beobachterin ihrer selbst und ihrer Liebsten.

Jede Gesunde ist für jede Kranke eine Zumutung.

Traum


1
Für Verrücktheiten muss ich selbst sorgen. Das kannst nicht Du für mich erledigen. Ich hake mich bei Dir unter und schließe die Augen. So gehe ich ein Stück des Weges mit Dir als Blindenführer. Für Augenblicke bin ich im Reinen mit der Welt, mit uns.

2
Ist es möglich, dass vorhin eine Ringelnatter hier drinnen war?

Hat sie Dich geweckt?

Gut, dann habe ich das schon mal nicht geträumt.

3
Meine Träume beschäftigen mich. Vergangene Nacht hatte ich einen sehr schönen. Ich habe von Bäumen geträumt, alten Bäumen, die in meiner Nähe wuchsen. Ich glaube, es war im Hochgebirge, an einem Ort, den ich kannte. Uralte Kopfweiden waren es, Bäume als Ungeheuer und Bäume als Wesen, als Sehnsuchtsobjekte. Heute verstehe ich diesen zuweilen wunderlich anmutenden Wunsch, dass jemand Bäume umarmen möchte. Ich will auch!

4
Einmal erkannt sein: das ist nicht schrecklich, sondern ein unglaubliches Glück.

5
Eine Zaubernacht am Wasserbiotop. Unzählige Glühwürmchen tanzen am Waldrand, in der Wiese. „Leuchtkäfer haben sehr wenig Leben und dieses bisschen verbringen sie hauptsächlich mit der Partnersuche.

6
Ich kann nur an ihn denken. Vielleicht noch ein bisschen an alle Namenstagkinder dieser Erde und an eine neue Skulptur in der Werkstatt. Und an das Zucchinirelish, das ich um diese Jahreszeit einzukochen pflege, und daran, ob der Garten zu gießen sei. Ich denke an die durch Krankheit geforderte Freundin und daran, ob die Kinder heil von den Urlaubsreisen zurückkehren. Ich denke daran, was ich für den nächsten Ausflug in die Hohen Tauern alles in den Koffer packen muss, ob es dort kalt, warm oder unwirtlich sein wird. Die Wetter-App ist nicht immer verlässlich. Ob die Wäsche wohl noch trocknet, wenn ich sie morgen früh aufhänge? Ich denke daran, die Böden aufzuwischen und an den Traum vergangener Nacht. Er war voller Gurken.

7
Nicht alles ist einfach mit ihr. Heute Morgen passen ein paar Blatt Papier zwischen uns.

8
Was lege ich auf meinen Altar?

Zwecklos


1
Kraft meiner Person rufe ich nun im Bereich Seelsorge die vollkommene Zwecklosigkeit aus. So ist es!
2
Ein möglicher Zweck, geradezu der Sinn des Lebens, könnte darin liegen, als Martha eine Variation des Lebens ins Spiel zu bringen und zu erproben, ob das geht.
3
Ich mache die Erfahrung, dass die Intensität der Verwirklichung (und Erfüllung) meiner Ideen in direktem Verhältnis zur Länge und Schwierigkeit des Weges steht.
4
Es ist zwecklos, einen genauen Plan zu haben, es kommt ohnehin so, wie es kommen muss.

Geduld


1
Der Beruf einer Profitaucherin schwirrt mir öfter durch den Kopf. Das wäre eine richtige Alternative zu dem, was ich jetzt mache.
2
Das Gefühl ist viel schneller als der Verstand.
3
Bevor man mit einem Menschen spricht, doch lieber mit dem Herrgott sprechen. Das war wohl über lange Zeit das Motto der „typischen“ Weinviertler Bevölkerung. Liege ich dmita richtig? Und mit wem wird heute gesprochen?
4
Der Arzt fragt: „Was war denn am 25. Dezember los? Welche Aufregung hat da Ihr Herz belastet?“
„Das war der 20. Todestag meines Sohnes.“
5
Meine Eltern waren nicht die besten Eltern der Welt. Sie waren nur die einzigen Eltern in meiner Welt. So geht es uns allen.
6
Er ist Optimist, weil er nicht jeden Morgen daran denken möchte, was ihm ohnehin bekannt ist. Dass die Welt ungerecht und die Menschen grausam sind.
7
„Ich bin sehr dankbar für Deine Geduld. Heulsuse Martha

Dreck


1
Ungezählte Male am Tag schmiere ich mir die Hände mit Desinfektionsmittel ein.

2
Meiner Tochter fällt in den Weinkellern des Jura-Weinbaugebietes der viele Schimmel auf. Zudem lassen die Winzer*innen Naturhefen im Keller arbeiten und ziehen die Kellerkatze den Nirosta-Hygienevorschriften vor.

3
Wir sind uns einig darüber, dass es mit der Digitalisierung und Robotisierung gleichzeitig ein anderes Programm geben muss. Ein dreidimensionales. Er spürt es in seiner Reinigungsfirma, ich spüre es im Krankenhaus. Je hygienischer die Abläufe werden, desto mehr bröselt der Mensch weg. Vor allem jene Menschen, die schon etwas länger auf der Welt sind. Manche Menschen werden selber zur Oberfläche, zum Hygienegegenstand, zu einer hygienischen Figur. Manche Menschen werden hochsensibel. Eine Zeit der Dreidimensionalität klopft an. Und eine Zeit der Fokussierung.

4
Heute Morgen war ich im Jörgerbad. Schwimmen. In Unterwäsche. 20 Minuten lang. Das darf man zwar nicht, aber geschehen ist geschehen. Woher soll ich das auch wissen, bin ja fremd hier. Wie gut, dass ich nie nachfrage.

5
Weil wir‘s grade so schön haben, breche ich einen Streit vom Zaun.

6
Meine Mutter behauptet unter anderem, dass sich die Leute bei ihr im Haus so wohlfühlen, weil sie sich vor der Tür die Schuhe nicht ausziehen müssen. So geschah es unlängst, dass die beim Nachbarn arbeitenden Handwerker in den Pausen zu ihr zum Kaffeetrinken kamen und nicht zur Nachbarin. Das erfüllte sie mit stillem Stolz. 

Die Häufchen Dreck, die sie dann am Abend immer mit einem Besen zusammenkehrt, lässt sie einfach liegen. Zum Einsammeln mit Kehrschaufel und Beser‘l hat sie keine Lust oder das Bücken in jedem Raum ist ihr zu anstrengend.

Auch ich lebe in einem Haushalt ohne Staubsaugerroboter. Auch ich ertappe mich dabei, diese Kehr-Häufchen zu machen, mit dem Unterschied, dass ich nicht allein lebe und deshalb die Hoffnung hege
a) mein Mann sieht, wie fleißig ich bin und
b) er es in anerkennender Weise wegkehrt.

Ist das Ganze eine vererbte Verhaltensweise? Auf jeden Fall ist sie ziemlich durchgeknallt.

7
Ich krieg‘ die dunkel gefärbten Ränder unter meinen Fingernägeln nicht weg. Hab beim Hollerausdrücken vergessen, Handschuhe anzuziehen.

8
… wieder eine Tür in mir, hinter die ich nicht schauen mag?