KategorieWillkommen Unbestimmtes!

Dorf

1
Ich liebe dieses milde Sterben. *

2
Ein Dorf kann dich töten. Zeig dich nicht!  Such einen Schlupfwinkel.
Das Schönste an meinem Dorf ist die Nähe zu Wien. Und der Garten. Der ist nicht zu unterschätzen.

3
Im Winter ist es hier noch ruhiger als sonst. Die Decke aus Dunkelheit, Nebel, Schnee. Sie lädt mich ein, mit meinem Denken ins Freie zu gehen.

 

* Pepi Geissler zitiert Nikolaus Lenau

 

Körper

 

1
Ich bin von meinem Körper existentiell abhängig, jedoch nur selten mit ihm im Einklang.

2
Ich werde darauf aufmerksam gemacht, hinzuhören, welche Körperteile vorkommen, wenn jemand von sich erzählt.

3
Die Grundlagen unserer Kultur sind eng mit der Notwendigkeit unmittelbarer Präsenz verknüpft. Darin sehe ich den Grund dafür, dass ich nicht  gerne telefoniere. Es bedarf der Anwesenheit beider beteiligter Körper, um ein Gespräch zu einer Begegnung zu machen.

4
Über Weihnachten stelle ich eine Krippe auf. Über ihr steht der Text: „Der Körper ist unser erster Ort“.
Daneben hängen eine Aktzeichnung, Fotos von mir lieben Menschen, ein paar Reiseandenken. Ein Glasengel aus Rom, ein kleines Weihwasserbecken, die Ikone der Heiligen Nino aus Georgien, ein Weihrauchgefäß aus Zypern. Ein Hostien-Kunstwerk. Ein geschlossener Keramikschrein Ein Kreuz mit einem Christuskorpus, ein Geigenhals und ein Totenkopf. Alles handgreiflich. Alles augenscheinlich. Alles Körper.
Im Betrachten dieser Ansammlung von Reliquien könnte man meinen, hier hat jemand seinen Hausverstand verloren.

5
Lass Dich wieder einmal anschauen!
Damit ist wohl gemeint: Komm wieder einmal zu Besuch. Und: Lass dich erkennen, lass dich anschauen von oben bis unten. Auch: Ich möchte dich ganz sehen.

6
„Es kann kein Mensch fühlen, wie ich fühle, wenn ich hier, eingesperrt in meinem Körper, wie ein Stück Fleisch im Bett liege“ sagt eine Patientin zu mir.

7
Sie sagt: Immer wieder sehe ich meinen Vater als Häufchen Asche. Begraben in der Urne. Nicht einmal diese Zeit bleibt mir mit ihm, mir vorzustellen, wie sein Leichnam langsam verwest.

8
Ab wann ist ein Mensch liebend?
Ab wann ist ein Mensch sterbend?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorstellungskraft


1
Was geht mir durch den Kopf?
Endlich, das schöne Wetter!

2
Wir pflanzen Bäume, die vielleicht in 50 Jahren anderen hier Schatten und Früchte schenken werden. Land, auf dem man Bäume pflanzen darf, wird eine Bleibe für mein gutes Gewissen. Ich nenne es Quitten-, Dirndl-, Speierling-, Mispelgewissen.

3
Er wohnt eine Zeit lang neben toten Kühen. Die Zähne in seinem Mund faulen. Er versteckt weder das eine noch das andere. Verwesung in und um ihn. Er sieht dabei zu, wie sich die Leiber, der eigene Leib, zersetzen. Er setzt sich den Begleiterscheinungen aus. Dem Gestank, der Anhäufung von Insekten. Dem Schmerz der langsamen Veränderung. Die Ursache hinter derartigen Ereignissen interessiert mich.

4
…in den großen Kunstwerken den Anteil des Absoluten erkennen, und was fehlt dann noch…?

 

Holpern

1
An welche Stelle dieser Welt konnte sich die Hoffnung klammern? Lass uns das Ende miteinander verbringen.

2
Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.

3
Unser Dreigespann für zwei Stunden Nachmittagschillen unterm Baum, kaffeetrinkend und frizzanteschlürfend. Das Gespräch will nicht in die Gänge kommen. Wir sind ineinander verstrickt durch unfreiwillige Nähe und begehen den schmalen Grat, nicht ins Beschämende abzugleiten. Wir überschreiten die Grenze des gute Geschmacks nur geringfügig. Höchstens zum Zwecke der Erforschung, was genau möglich ist und was nicht.

4
Er beruhigt mich mit der schlichten Aufforderung, jetzt noch ein bisschen durchzuhalten und darauf zu achten, dass nicht alle Freundschaften aufgrund unterschiedlicher Ansichten zerschellen, noch ein bisschen zu impfen und dann wieder auf Normalität umzuschwenken.

5
Ein paar wenige Tage bleiben ihm noch.  Er entschließt sich jetzt, daran zu glauben, dass seine verstorbene Frau im Jenseits in Vorbereitung auf seine baldige Ankunft einen Schweinsbraten ins Rohr schiebt, sein bester Freund den Wein kühl stellt und seine Eltern den Tisch bereits gedeckt haben.

 

Seele Suppe

1
Da bildete sie den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase Lebensatem. So wurde der Mensch eine lebendige Seele. Genesis 2,7.

2
In der Seele ist ein Wurm. Ein Tief jagt das andere.

3
Ich möchte mich jetzt um Police, Sting und Nina Hagen und um Beethoven und die Strottern kümmern und darum, dass meine Stimmbänder wieder in Übung geraten. Bei Einbruch der Dunkelheit möchte ich mich in eine Decke einwickeln und die ganze Nacht lang unter freiem Himmel sitzen und zuhören.

4
Deine Erzählung von Deiner Einsamkeit berührt mich peinlich. Wie du mich flehentlich darum bittest, dich jetzt nicht alleine zu lassen. Ich möge dir doch Hühnersuppe kochen und damit beginnen, dir einen Seidenschal fürs Herz zu stricken.

5
Sie versteht es, kein Wort zu viel zu schreiben. Über die Liebe zum Beispiel. Über das Gespräch mit ihrem Exmann nach dem Sex. Dass es da sehr innig zugeht. Beim Reden. (Kein Buchstabe zu viel.)

6
Es herrscht gute Stimmung daheim. Das Wissen, dass im Nebenraum ein Mensch ist, den ich jederzeit rufen kann, und eine Antwort bekomme. Der Austausch am Abend, was tagsüber geschah. Das Fragen, woran wir gerade arbeiten, was wir lesen, welche Menschen wir treffen.

7
Ich könnte heulen darüber, wie schnell die Zeit vergeht.

Schmerz

1
Ein ununterbrochener Schlaf in der Nacht ist nur mit Zuhilfenahme von Schlafmitteln möglich. Dafür gibt es keine Alternative. Woran denkt er tagsüber, um nicht an das Weh denken zu müssen? Das eine ist die Somatik. Das andere die Psyche. Ein erfolgreiches Team. Er steht vor einer Wand.

2
Der Krankenpfleger ist dafür verantwortlich, dass immer genügend schwarze Plastiksäcke auf der Covid-Station bereitstehen. Da hinein werden die Verstorbenen gelegt. Obendrauf eine Blume zu legen, verdeutlicht die ausweglose Situation. Heute, beim Bestellen einer neuen Lieferung, kommen ihm die Tränen.

3
Der Künstler entdeckt unerwartet eines seiner Kunstwerke auf dem Krankenhausgang. Er stellt sich davor, versinkt in eine Betrachtung und fragt sich wehmütig, wie er dieses Bild jemals verkaufen konnte.

4
Jede Intensität schmerzt.
Ich ziehe die Liebe der Selbstausbeutung vor.
Ich ziehe die Kunst der Behaglichkeit vor.
Ich ziehe die Langsamkeit dem starren Stillstand vor.
Ich ziehe den Genuss der Gesundheit vor.
Ich ziehe die Verwandlung dem Überleben vor.
Eine schmerzende Wunde ist eine Öffnung.

Welche Wahrheit zeigt Schmerz? Es ist wie mit der berühmten Leerstelle zwischen zwei Worten.

5
Selbst wenn er einen Großteil meiner Aufmerksamkeit bindet, erlaubt er mir gleichzeitig darüber nachzudenken, wie ich in Zukunft ein gutes Brot backen könnte oder ob der Bärlauch schon aus dem Boden schießt.

 

 

Vernunft

1
Lena fragt, ob ich es für vernünftig halte, dass sie in nahezu jedes Gespräch fällt, das sie führt. Ohne Bekümmernis.Sei es mit der Kassiererin im Supermarkt oder mit dem Schwerbetagten am  Krankenbett. Das koste sie allerdings mehr Energie, als ihr zur Verfügung stehe.

2
Der Blick ins leere Klassenzimmer – die Lehrperson allein am Pult, vorm PC. Jede*r Schüler*in ist nicht mehr als eine Kachel im Onlinemeeting. Was die Gesellschaft alles dafür tut, dass es auf den Intensivstationen nicht zu einem Kollaps kommt! Man merkt es an den erhobenen Häuptern des Intensivpersonals.

3
Der Goaschnig Sepp hält es nicht aus, wenn Holzreisige oder Holzzweige über Kreuz auf dem Waldboden herumliegen. Immer richtet er sie gerade und fordert auch andere dazu auf, es ihm gleichzutun. „Das bringt Unglück. Oder mindestens einen Toten mehr!“, so seine Begründung.
Im Radio hör ich den Philosophen darüber sprechen, ob eine völlig versachlichte Welt ohne Glauben und Geheimnis, ohne Alltagsmythen und Irrationalität wirklich so lebenswert sei. Die beiden könnten Freunde werden.

4
Auf die Natur Rücksicht nehmen, das ist eine neue Erfahrung!

5
Ich kenn da jemanden,
der in der Stadt am Meer
das eigene Logo auf den Betonzaun an der Uferpromenade malt –  direkt unter der Webcam –, um in Zeiten der Ferne, daheim über Internet zu überprüfen, ob das Logo noch da ist.

 

 

 

 

 

Arbeit


1
Auch Warten ist Arbeit.

2
Erzählt mir doch eine Sekretärin, dass sie nun schon seit Wochen dazu angehalten sei, die Kästen im Büro aufzuräumen. Der Lockdown hätte nichts Besseres für sie im Talon.

Meine Freundin ist Volksschullehrerin. Sie produziert kurze Videoclips, in denen sie zu sehen ist, während sie Gedichte rezitiert, dazu tanzt, singt oder Bilder zeichnet. Manchmal verkleidet sie sich. Und spielt eine Rolle. Diese Dokumente schickt sie an ihre Schüler*innen.

Für einige ist der Kontakt zu den Arbeitskolleg*innen die intensivste Begegnung am Tag.

3
Ich mache mich auf den Weg. Ich entscheide mich dafür, mich nicht irgendwohin zu quälen. Ich suche das Leichte. Das Helle. Das Licht suche ich. An einer Weggabelung steht ein Bildstock mit der Inschrift Zum Angedenken an die slowakische Dienstmagd, die hier um die Jahrhundertwende in einer bitterkalten Winternacht erfror.
Um die Erderwärmung an das aktuelle Ziel der internationalen Klimapolitik anzupassen, müssten wir 9 Stunden in der Woche arbeiten. Die helle Weite rückt immer näher!

4
„Wirf mich ins Meer!“, sagt ein Seethaler
und
„Hoffentlich dreht sich die Welt bald langsamer!“

 

 

 

 

 

Rest

 

1
Ich zimmere mir einen Rest von Kontrolle. Zum Beispiel verwende ich seit einigen Monaten eine Waage, obwohl ich seit 30 Jahren mit einem „Zirka“ ausgekommen bin. Meine Kaffeetasse misst zirka 180 Gramm Vollkorn und zirka 200 Gramm Zucker.
Ich kann mir sicher sein, die neue Waage misst genau. Aufregender allerdings war die Bechermesserei: Wird der Kuchen was oder wird er was anderes? Der offene Rest beflügelt.

2
Wenn die Welt in Stücke zerbricht, können wir mit der Wiederverwertung beginnen, mit Feuereifer eine neue Welt konstruieren, spielen, tun. Aus Resten, die keinen vordefinierten Charakter haben, etwas machen. Dann wird Kunst wieder gefragt sein.

3
Der Mann einer Freundin hat sich langsam aufgelöst. Sie und ich stehen vor seinem Sarg. Er müsste viel größer sein als menschengroß, das denk ich mir beim Anblick der Holztruhe und dem Wissen, da drinnen liegt ein geliebter Mensch.
Stellen Menschen, die Liebe füreinander empfinden, die Frage nach dem Sinn nicht mehr? Und endet wahre Liebe nie mit dem Tod? Wie soll sich meine Freundin jetzt neu verstehen? Welchen Ausdruck wird sie dafür finden, dass der andere Bedeutung hat und wie wird sie das bewahren? Diese unausweichliche Unglaublichkeit beschäftigt uns.

4
Mit dem 60. Geburtstag  beginnt sie, aus dem Rest ihres Lebens etwas zu machen. In der Früh ist sie schon vor ihrer Schwester wach, sie zieht sich an und macht das Frühstück für alle beide. Eine feste Struktur gibt ihr Halt. Ihre Krankheit treibt sie regelmäßig in die Isolation, die ihr gut tut. Eine Geschichte nach der anderen für die Enkelkinder aufschreiben. Drei Zehen bewegen. Die Häkelsachen, die der Sohn vorbeibringt, in den Schoß legen.

5
Tröstlich, dass zwischen zwei Unwiederbringlichkeiten viele weitere liegen. Das ist gleichbedeutend wie tröstlicher Chorgesang. https://youtu.be/ziNQ7CrUMlA

 

 

Abschied

1
Bevor sie von ihrem Besuch vom Krankenhaus heimfährt, sagt sie zu ihrem schwerkranken Mann: Ich fahr‘ jetzt nach Hause, morgen komm‘ ich wieder zu Dir. Wie oft kann man sich von einem Menschen verabschieden?

2
Mein Abschied von ihr erfolgte drei Jahre vor ihrem Tod bei einem Besuch in ihrem knorrigen Bauernhaus. Sie starb über eine Dauer von zwölf Jahren hinweg und ich hatte keine Kraft mehr, ihr dabei zuzusehen. Sie war mein Inbegriff einer bösen Frau, ihrer Geschichte geschuldet, ihren Genen und ihren darausfolgenden Entscheidungen. Mir steht es in keiner Weise zu, das zu sagen. Aber nur, wenn ich sie derart grob auf Distanz halte, komme ich mit der eigenen Unzulänglichkeit einigermaßen zurecht.

Als sie dann wirklich starb, zahlte mein Bruder zwölf Messen im Stephansdom. Wir besuchten diese Gottesdienste gemeinsam. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, diese Frau braucht diesen Ablasshandel, um nicht gemeinsam mit mir in der Hölle schmoren zu müssen.

3
Große Platten mit Schweinebraten stehen auf dem Tisch, Flaschen mit Selbstgebranntem und Zuckerkipferl. 

Der Bruder ist tot. Der Onkel ist tot. Der Vater ist tot. Und wir sind die Nächsten. Vorerst aber leben wir noch, feiern diese Tatsache ausgelassen beim Totenmahl in liebevollem Gedenken, bis die Tränen fließen. Werden nicht müde, dem Kellner um den Hals zu fallen, die halbleeren Bierflaschen von der Bar zu schubsen, die Augen zu schließen und auf den Schultern der Sitznachbarin eine kleine Pause zu machen, zusammenzustehen, zusammenzubleiben, für immer;
und für den Moment dem Tod eine lange Nase zu zeigen.

4
Zum Tagesausklang öffne ich eine Flasche Chianti. Das Etikett ist schwer zu entziffern. Der Wein riecht nach sattem Waldboden und schmeckt wie Latwerge, ein Leckwerk aus Honig und Zwetschken.

5
Das alles ist auch in mir.