KategorieWillkommen Unbestimmtes!

Staub


1
Der Wind saust wieder ums Haus. Es macht gar keine Freude, im Hof zu sitzen, um zu schreiben. So suche ich das Zimmer im oberen Stock auf. Hier ist alles voller Staub. Man muss dran bleiben an der Putzerei, damit das Gefühl wohnlich bleibt.

2
Es ließ sich nicht verbergen, dass meine Fingernägel schmutzig waren.

3
Sie hat damit angefangen, jedem Jahr einen eigenen Namen zu geben.

4
Ich werde nicht die gekränkte Eitle spielen. Ich lasse die Kirche links liegen und freue mich über das Geistvolle, das sie nach wie vor heimlich zeigt und das ich manchen Menschen und ihrem Treiben entlocken kann. In meinem metaphorischen Tagebuch wird dann unter heute stehen: Sie wollten es nicht anders.

5
Seit sie ein Stück versteinertes Holz geschenkt bekommen hat, denkt sie in unüberschaubaren Zeitsprüngen. Eine Hand, die findet, wird immer da sein.

Verletzlichkeit

1
Verletzlichkeit und Sterblichkeit sind kein Defekt des Menschen. Sie sind unsere wichtigste Ressource, weil sie uns miteinander auf das Innigste verbinden. Man sollte meinen, sie seien dazu in der Lage, unser Leben zu verdichten und zu vertiefen. Das Sterbenmüssen konfrontiert uns mit der Nichtigkeit unseres Daseins.

2
Ich hab keine Lust auf Unbeholfenheit und Dilettantismus, obwohl ich selber mittendrinnen stecke, mit den Füßen in der Luft statt am Boden.

3
Immer wieder bin ich auf der Flucht vor Menschen. Diese Selbsterkenntnis erschüttert mich. Ich suche nach allen möglichen Ausreden, damit ich eine Stunde für mich habe. Noch lieber ist es mir, einen ganzen Tag für mich zu haben. Da hat sich Wesentliches verändert in mir, die nichts lieber tat, als zu kommunizieren. Jetzt genügt mir schon oft die Kommunikation mit einer Pflanze oder einem Berg. Oder mit mir, wenn ich so laut vor mich hinbrabble. Natürlich, das Alter. Und natürlich, die unendlich vielen Einflüsse im Alltag, die sich in mir einnisten. Sobald ein zweiter Mensch in meiner Nähe ist, spüre ich immer öfter und deutlich Verzweiflung.

3
Wenn du im Traum der anderen gefangen bist, dann bist du erledigt.

4
Beschreibe mir Deine Not.

 

 

Zeit

 

1
Die reine Zeit ist ohne Zufriedenheit wertlos. Das ist einer meiner Gedanken, wenn ich meine Sanduhr wende. Ein anderer ist, wenn mir nicht schade um die Zeit ist, die verrinnt, ist das unendlich. Meistens jedoch macht mir diese Uhr ein schlechtes Gewissen, weil ich verschwenderisch mit dieser kostbaren Gabe umgehe.

2
Es ist unmöglich, den eigenen Kindern zu viel Liebe entgegenzubringen. Ich bin dankbar für jedes neue Jahr, das sie erleben.

3
Letzte Devise: viel Zeit verlieren

 

 

Schwelle

1
Es ist ganz leicht mit ihr, wenn sie zu Besuch kommt, weil sie in sehr guter körperlicher und seelischer Verfassung ist. Sie kann nicht umfallen, sagt sie, sie wird immer von irgendjemandem gehalten. Sie hat das sehr gut gemacht mit ihrem Leben, warum auch immer. Ihre souveräne Art. Abgeklärt und doch versöhnt. Weltzugewandt. Großzügig mit Intuition ausgestattet und mit Neugierde. Über meine Mutter zu sprechen ist so umfassend, wie über Wasser zu sprechen. Sie ist eine Künstlerin, die nicht dazu kam, Kunst zu machen. Es gab keinen Raum und keine Zeit dafür. Sie kam dazu, Kleider zu machen, um Geld zu verdienen Sie kam dazu, sich Gedanken zu machen, um sich zu zeigen. Natürlich denkt man immer daran, er könnte der letzte gewesen sein, dieser Besuch. Aber wer kann das schon sagen.

2
Ich sollte an einem Ort bleiben, sollte arbeiten, meine Kräfte bündeln und hinter den Büchern verschwinden.

3
Der Mensch braucht gut fünfzig Gramm Eibennadeln für den Exodus, eingekocht in Paradeisersauce zum Beispiel, anstelle von Rosmarin.

 

 

 

Jetzt

1 In der Neuropsychologie sagt man, das, was das Gehirn als reine Gegenwart empfindet, umfasse ein Zeitfenster von drei Sekunden. Diese Information blendet mich so, als ob ich direkt ohne Sonnenbrille ins Licht schaue.

2
Mitten im Winter riecht es nach Akazien. Er riecht nach Körper. Die räumlichen Gelegenheiten, Sex zu haben, ergeben sich auch bei schlechtem Wetter manchmal von alleine. Kauf mir doch eine Sanduhr, sagt sie.

3
…………Freund David sagt: Das Jetzt ist nicht in der Zeit, die Zeit ist vielmehr im Jetzt. Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, ist sie im Jetzt, wenn die Zukunft kommt, wird sie nicht als Zukunft sondern auch als Jetzt erfahren……

……………

S. Eliot.: Alles ist immer jetzt………………

……………unversehrt………

……………………………

….Schwebezustand Konzentration………

4
Zunehmend gefällt mir das Realistische am Festhalten des Augenblicks immer weniger. Das ständige Gewahrsein der eigenen Präsenz. Diesem Bemühen, ganz da zu sein, fehlt jegliche Poesie.

5
Wie gesagt, in Venedig habe ich mir eine neue Brillenfassung gekauft. Spontan, ohne Vorbereitung. Der Sinn stand mir nach einer kräftigen Brille, die aufträgt und mich dahingehend adelt, eine dieser typischen Nonnas zu sein (expressive Aufsteckfrisur, große Ohrringe und sonst noch allerhand Geklimper um Hals und Arme). Wieder daheim angekommen, bringe ich das erworbene Schmuckstück zum Optiker meines Vertrauens. Natürlich wird er ein Glas nach meinen Sehbedürfnissen einpassen. Aber vorher müsse man diese Fassung an meinen Nasenrücken anpassen und überlegen, ob Glas oder Kunststoff mit Tönung die bessere Wahl sei; oder lieber ohne, also, so einfach sei das wiederum nicht. Wir vereinbaren einen Termin. Bei diesem würde ich auf Herz und Nieren geprüft. Denn schließlich stehe mein zukünftiges Sehvermögen auf dem Spiel. Diese eingehende Untersuchung dauert eine Stunde und 50 Minuten. Mit diesen Messungen könne er weiterarbeiten. Für einen erneuten Termin zu einer neuerlichen Anpassung kontaktiert er mich telefonisch. Diese Prüfung und anschließende Aufklärung dauern nur mehr 50 Minuten. Jetzt werden die Gläser bestellt. Kunststoff. Die können dann alles, was mein Auge nicht mehr kann: Ferne, Nähe, ausgelotete Blau- und Grüntöne, Kratzfestigkeit, … Beim nächsten Termin möchte ich sie abholen, die Brille. Doch ich liege ziemlich falsch! Etwas sei beim Einpassen des Glases kaputt gegangen und nun müsse man, … Um das Ganze abzukürzen: insgesamt hatte ich bis jetzt fünf Dates mit meinem Optiker, zwischendurch einige Telefonate. Bei einem sagt mir ein Mitarbeiter, dass mittlerweile das unvollendete Kunstwerk firmenintern zur Brille des Jahres gekürt wurde – denn normalerweise dauert ein Brillenkauf plus Anpassung höchstens 14 Tage. Wann darf ich bloß diese Wunderbrille mein Eigen nennen, um durch sie in eine neue Welt zu blicken?

 

 

 

 

 

 

Dorf

1
Ich liebe dieses milde Sterben. *

2
Ein Dorf kann dich töten. Zeig dich nicht! Such einen Schlupfwinkel.
Das Schönste an meinem Dorf ist die Nähe zu Wien. Und der Garten. Der ist nicht zu unterschätzen.

3
Im Winter ist es hier noch ruhiger als sonst. Die Decke aus Dunkelheit, Nebel, Schnee. Sie lädt mich ein, mit meinem Denken ins Freie zu gehen.

 

*Pepi Geissler zitiert Nikolaus Lenau

 

Körper

 

1
Ich bin von meinem Körper existentiell abhängig, jedoch nur selten mit ihm im Einklang.

2
Ich werde darauf aufmerksam gemacht, hinzuhören, welche Körperteile vorkommen, wenn jemand von sich erzählt.

3
Die Grundlagen unserer Kultur sind eng mit der Notwendigkeit unmittelbarer Präsenz verknüpft. Darin sehe ich den Grund dafür, dass ich nicht gerne telefoniere. Es bedarf der Anwesenheit beider beteiligter Körper, um ein Gespräch zu einer Begegnung zu machen.

4
Über Weihnachten stelle ich eine Krippe auf. Über ihr steht der Text: „Der Körper ist unser erster Ort“.
Daneben hängen eine Aktzeichnung, Fotos von mir lieben Menschen, ein paar Reiseandenken. Ein Glasengel aus Rom, ein kleines Weihwasserbecken, die Ikone der Heiligen Nino aus Georgien, ein Weihrauchgefäß aus Zypern. Ein Hostien-Kunstwerk. Ein geschlossener Keramikschrein. Ein Kreuz mit einem Christuskorpus, ein Geigenhals und ein Totenkopf. Alles handgreiflich. Alles augenscheinlich. Alles Körper.
Beim Betrachten dieser Ansammlung von Reliquien könnte man meinen, hier habe jemand seinen Hausverstand verloren.

5
Lass Dich wieder einmal anschauen!

Damit ist wohl gemeint: Komm wieder einmal zu Besuch.

Und: Lass dich erkennen, lass dich anschauen von oben bis unten.

Auch: Ich möchte dich ganz sehen.

6
„Es kann kein Mensch fühlen, wie ich fühle, wenn ich hier, eingesperrt in meinem Körper, wie ein Stück Fleisch im Bett liege“ sagt eine Patientin zu mir.

7
Sie sagt: Immer wieder sehe ich meinen Vater als Häufchen Asche. Begraben in der Urne. Nicht einmal diese Zeit bleibt mir mit ihm, mir vorzustellen, wie sein Leichnam langsam verwest.

8
Ab wann ist ein Mensch liebend?
Ab wann ist ein Mensch sterbend?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorstellungskraft


1
Was geht mir durch den Kopf?
Endlich, das schöne Wetter!

2
Wir pflanzen Bäume, die vielleicht in 50 Jahren anderen hier Schatten und Früchte schenken werden. Land, auf dem man Bäume pflanzen darf, wird eine Bleibe für mein gutes Gewissen. Ich nenne es Quitten-, Dirndl-, Speierling-, Mispelgewissen.

3
Er wohnt eine Zeit lang neben toten Kühen. Die Zähne in seinem Mund faulen. Er versteckt weder das eine noch das andere. Verwesung in und um ihn. Er sieht dabei zu, wie sich die Leiber, der eigene Leib, zersetzen. Er setzt sich den Begleiterscheinungen aus. Dem Gestank, der Anhäufung von Insekten. Dem Schmerz der langsamen Veränderung. Die Ursache hinter derartigen Ereignissen interessiert mich.

4
…in den großen Kunstwerken den Anteil des Absoluten erkennen, und was fehlt dann noch…?

 

Holpern

1
An welche Stelle dieser Welt konnte sich die Hoffnung klammern? Lass uns das Ende miteinander verbringen.

2
Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.

3
Unser Dreigespann für zwei Stunden Nachmittagschillen unterm Baum, kaffeetrinkend und frizzanteschlürfend. Das Gespräch will nicht in die Gänge kommen. Wir sind ineinander verstrickt durch unfreiwillige Nähe und begehen den schmalen Grat, nicht ins Beschämende abzugleiten. Wir überschreiten die Grenze des gute Geschmacks nur geringfügig. Höchstens zum Zwecke der Erforschung, was genau möglich ist und was nicht.

4
Er beruhigt mich mit der schlichten Aufforderung, jetzt noch ein bisschen durchzuhalten und darauf zu achten, dass nicht alle Freundschaften aufgrund unterschiedlicher Ansichten zerschellen, noch ein bisschen zu impfen und dann wieder auf Normalität umzuschwenken.

5
Ein paar wenige Tage bleiben ihm noch.  Er entschließt sich jetzt, daran zu glauben, dass seine verstorbene Frau im Jenseits in Vorbereitung auf seine baldige Ankunft einen Schweinsbraten ins Rohr schiebt, sein bester Freund den Wein kühl stellt und seine Eltern den Tisch bereits gedeckt haben.

 

Seele Suppe

1
Da bildete sie den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase Lebensatem. So wurde der Mensch eine lebendige Seele. Genesis 2,7.

2
In der Seele ist ein Wurm. Ein Tief jagt das andere.

3
Ich möchte mich jetzt um Police, Sting und Nina Hagen und um Beethoven und die Strottern kümmern und darum, dass meine Stimmbänder wieder in Übung geraten. Bei Einbruch der Dunkelheit möchte ich mich in eine Decke einwickeln und die ganze Nacht lang unter freiem Himmel sitzen und zuhören.

4
Deine Erzählung von Deiner Einsamkeit berührt mich peinlich. Wie du mich flehentlich darum bittest, dich jetzt nicht alleine zu lassen. Ich möge dir doch Hühnersuppe kochen und damit beginnen, dir einen Seidenschal fürs Herz zu stricken.

5
Sie versteht es, kein Wort zu viel zu schreiben. Über die Liebe zum Beispiel. Über das Gespräch mit ihrem Exmann nach dem Sex. Dass es da sehr innig zugeht. Beim Reden. (Kein Buchstabe zu viel.)

6
Es herrscht gute Stimmung daheim. Das Wissen, dass im Nebenraum ein Mensch ist, den ich jederzeit rufen kann, und eine Antwort bekomme. Der Austausch am Abend, was tagsüber geschah. Das Fragen, woran wir gerade arbeiten, was wir lesen, welche Menschen wir treffen.

7
Ich könnte heulen darüber, wie schnell die Zeit vergeht.