KategorieAlle Sieben am Tisch

Trost

1
Ich stehe zögernd auf der Schwelle und schaue, ob mein Schlüssel passt, für etwas, das in Vergessenheit geraten ist.

2
Auf meiner Autofahrt in die Arbeit singe ich, damit meine Stimmbänder nicht ganz verrosten. Ich singe Lieder aus meiner Erinnerung. Heute ist „Foah ma hoam…“ dran, die Gruppe Broadlahn hat es einmal interpretiert. Ab der Liedzeile, in der der Rauhreif auf der Wiese vor der Hütte besungen wird, beginne ich zu weinen. Es gibt momentan keinen Grund, den Tränen freien Lauf zu lassen. Alles ist gut, und trotzdem bringe ich keinen Ton über meine Lippen.

3
Mein Freund leidet sehr an der sozialen Isolierung. Einmal in der Woche kommt der Nachbar zu Besuch. Gott sei Dank. Den Rest der Woche  lebt er für und mit seinen Hühnern. Sie bedeuten Leben im Haus, Beschäftigung, vier frische Eier am Tag.

4
Ein rotes Blatt  – es stammt wohl von einer Dahlie– liegt am langen, grauen Krankenhausgang am Fußboden. Es entfaltet eine große Wirkung.

5
Nach dem Film stelle ich mir die Frage: Was ist richtig? Die volle Wahrheit bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu erfahren oder ein Darüberhinwegleben und –feiern? Der junge, chinesische Arzt im Film sagt einen erstaunlichen Satz: Ja, es ist eine Lüge, aber es ist eine gute Lüge!

6
Tanzen

7
Es ist nötig, die Angst der anderen zu teilen, selbst wenn man keine eigene Angst hätte. Es ist eine Form, sich der schlichten Schönheit des Zusammenhaltens im Aufgeschmissensein zu bedienen.

8
Die sterbenskranke Opernsängerin tröstet sich damit, dass sie sich eine wunderschöne Urne aus Meissener Porzellan gekauft hat. Darin will sie sich aufbewahrt wissen.

9
Sie verstand es, alles in Schönheit zu verwandeln. In Kunst zu verwandeln, ohne je von der Welt abgewandt zu sein. Die niederdrückendsten Selbstzweifel, Todesbetrübnis, Trauer, Angst vor der Gegenwart. Daraus wird das vertrocknete Blumenarrangement gegenüber, im Fenster zum engen Lichthof. Die erste Schwalbe des Sommers. Die berauschende Lektüre. Die Ekstase des Schreibens selbst. Kunst muss erschüttern, sonst ist es mit dem Trost nicht weit her, sagte sie. Sie sprach vom Denkflattern von der Schädelfreude, vom Hirnwunder, von der Kopfheiligkeit.

10
Ich bete liebend gerne mit dem Kopf in den Sand. Ich will nichts sehen und hören, ich will, dass alles harmonisch und im Lot ist. Ich bete natürlich, weil ich liebe. Lass es nie aufhören!

11
Mir geht durch den Kopf, wie gut es ist, Kinder zu haben.

 

 

Frohsinn

1
Oft steht mir der Sinn nach jener Art Humor, der freundlich und gewinnend daher kommt, der alles leicht nimmt und leichter macht.
Der sich – wenn alles gut läuft – entwickelt, sobald man sich mit der Geburt eines eigenen Kindes selbst ein Stück aufgegeben hat. Ich will mich selber nicht allzu ernst nehmen; eine Zeit der reinen Fröhlichkeit ausrufen, eine Farbenlehre der Freundlichkeit.

2
Das ist die Biographie eines Freundes, zusammengefasst in einem Satz: Wenn er müde ist, macht er gleich im Sitzen ein sehr kurzes Nickerchen, um beim Wiedererwachen zu verkünden: „Hab mir ein paar schöne Engel gekauft!“

3
Den ganzen Morgen über fühle ich mich schwer. Unsicher. Ob ich das Richtige mache. Ob es gut ist, das eine zu tun und das andere zu lassen. Ich grüble vor mich hin. So lange, bis ich einen Schritt vor die Tür mache, einen kurzen Schimmer Sonne erwische, mich am Handy verwähle und unabsichtlich meine Schwester anrufe. „Oh – ich hab mich verwählt, guten Morgen, ist alles gut?“ Gleich danach lege ich wieder auf und mit einem Mal bin ich glücklich darüber, auf nichts warten zu müssen, weil alles schon da ist.

4
Ich habe Dich heute als unsichtbaren Zaungast mit in die Ausstellung genommen und vertrauensvoll zwischen den Karikaturen aufgehängt.

5
Monika zeigt mir ein Kurzvideo. Ein Baby-Turmfalke ist darauf zu sehen. Er wird mit einer Pinzette mit Mäusefleisch gefüttert – aus der Hand einer Vogelkundlerin, die den Vogel gerettet hat. Der Falke zetert, regt sich fürchterlich auf,  jammert, als ob er das ärmste Wesen der Welt sei und schnappt schlussendlich doch das Dargebotene. Seine Schimpftiraden werden mit jedem Leckerbissen versöhnlicher, bis er fast fröhlich das letzte Stück Fleisch gnädig annimmt.

6
Krise ist immer irgendwo.
Deshalb – planen wie Epikur:

  • in einem Garten eine Philosophenschule gründen
  • Gedichte lernen
  • unabhängig sein von den großen Begierden und den äußeren Geschehnissen
  • das Diesseits lieben
  • Seelenruhe und innere Gelassenheit erlangen

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug und wer fast nichts braucht, hat alles!

 

 

 

Paar


0
Die Autofahrt über die Großglockner Hochalpenstraße (bildschön und spektakulär) und die Zugreise von Salzburg nach Zürich (entspannt und verträumt) sind besonders. Der Zug ist nicht voll, es gibt einen Speisewagen und ein langsames Herantasten an die Mitreisenden.

1
Die Beiden, die wir in der Stadt besuchen, sind ein Hit. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar. Sie leben in getrennten Wohnungen, zusammen mit Büchern und Kunstwerken. Ein respektvolles Nebeneinander. Gezankt wird trotzdem. Man hört gerne zu, wenn sie erzählen. Zum Beispiel von ihren großen und kleinen Lieben. „Meine Kinder, Deine Kinder, unsere Kinder…“ . Sie passen nicht so recht in diese aalglatte Stadt, die langweilig daherkommt. Wie soll ich mir hier Robert Walser, Bruno Ganz oder Pipilotti Rist vorstellen?

2
Er: Mein erstes Date mit ihr hatte ich im „Weißen Wind“. Da servierten sie Stierhoden als Spezialität. Diese Probe bestand sie. Ich brachte sie im Auto nach Hause, ich verabschiedete mich leidenschaftlich. Daraufhin erwiderte sie: „Verschwinde schnell, sonst nehme ich Dich mit ins Haus!“

3
Wir schlendern mit ihm durch das Uni-Gelände. Ich befrage ihn nach drei Ringen an seinen Fingern. Der Siegelring, von der Mutter geschenkt und der Ring seines Sohnes, den er nach dessen Tod trägt. Den dritten, einen ägyptischen, gibt es doppelt. Der andere fand Platz an ihrem Finger: vor vielen Jahren, während eines Fluges in die deutsche Heimat, hoch in den Lüften, als improvisierte Hochzeit an ihren Finger gesteckt.

4
Er: Bei einem Antiquitätenhändler sehe ich eine Taschenuhr, begutachte sie, finde Gefallen an ihr und denke mir, ich muss ja nicht alles haben, was mir gefällt und verlasse unverrichteter Dinge den Laden. Das schöne Stück geht  mir nicht aus dem Sinn. Am darauffolgenden Tag bin ich so weit zu denken: Warum soll ich denn nicht haben, was mir gefällt! Ich gehe zum Händler. Die Uhr ist weg. Schon verkauft, leider!
Ein halbes Jahr später bekomme ich sie von ihr als Geschenk verpackt zu Weihnachten.

 5
Sie: „Alles in Butter!“

6
Am Abend sitze ich in seiner Wohnung auf der Terrasse und schaue auf die Stadt hinunter. Frisch geduscht, gestärkt mit Kaffee und Schweizer Schokolade. Nach dem gemeinschaftlichen Tagesausflug mit dem Schiff über den See auf die Insel Ufenau, bin ich jetzt alleine. Auf seinem Terrassentisch steht eine Buddhafigur, in der Ecke lehnt eine Krippe, geschnitzt aus einem großen Stück Holz. Räucherwerk, Kerzen und Tabakbesteck. Ein Aschenbecher, aus Beton gegossen. Ornament. Auf dem Betonsockel eine lebensgroße Mutter-Kind-Skulptur. Hier wird wohl meditiert . Auf einem Holzbrett an der Wand macht ein Engel einem anderen scheinbar einen Einlauf,  daneben –  ein Frauenakt. In der Wohnung gibt es sicher zehn solcher Akte. Er mag Frauenkörper. Im Badezimmer hängen fast ausschließlich Fotos von ihr; im Wohnzimmer ein überdimensionales Ölporträt von ihr. So hat er sie immer bei sich, wenn sie getrennt von ihm lebt.

7
Vor dem Schlafengehen trinken wir Champagner aus den Moser-Gläsern seiner verstorbenen Mutter. Sie haben einen breiten Goldrand aus 14 karätigem Gold.  Das Geschirr, das die Englische Königin verwendet, war gerade gut genug für seine Mutter.

8
Am Morgen serviert mir der Mann schlaftrunken eine Tasse Kaffee. Fein gemahlenes Kaffeepulver, ein Stück Schokolade, aufgebrüht mit kochend heißem Wasser. Er ist noch kein Greis aber schon lange auf der Welt. So wie früher, trägt er Schwarz. Die Pyjamahose ist lang und weich, das T-Shirt ausgebleicht und schlottrig auf seinem Körper hängend.
In der Besteckschublade liegt Silberbesteck.

9
Sie wohnt unten. Der Barockengel wirft seinen Schatten durch den Glasterrassenboden nach oben zum Nachbarn. Dieser fühlt sich gestört. Vom Schatten des Engels. Philipp Roth schreibt von seinem Wunsch, jeden Abend die reinweiße Unterhose gleich einem Engel in den Wäschekorb werfen zu wollen.

10
Hemina, das Maß des heiligen Benedikt von Nursia für die tägliche Ration Wein. Im Kloster Einsiedeln wurde entschieden, es in 50 cl-Flaschen abzufüllen, obwohl niemand genau weiß, wie viel der Vorschlag des Heiligen beinhaltete.

11
Unter der Bahnhofstraße, da liegen die Goldbarren. In dieser Stadt geht es nicht um Gefühle. Hier fehlt ein heftiger Crash. Oder wenigstens Dreck auf den Straßen. Alle sprechen Dialekt. Niemand fährt schwarz. Alles solide. Alles höflich. Alles in Erd- und Steinfarben. Alles unbeweglich. Nur nicht das Wasser. Der Fluss hier heißt Limat. Ich nehme das Wort wie Eis auf die Zunge.

12
Er: Bescheidenheit ist die widerlichste Form des Egoismus, sagte mein Großvater. Daraufhin macht er mir noch eine Tasse Kaffee.

13
Sie arbeitet an einem Text über zwei sich ähnelnde Gemälde, die eine osteuropäische Braut darstellen. Warten ist der Titel.

14
Das jahrelange Leben im slowakischen Dorf war die Erfüllung eines Traumes. Es war allerdings zu viel. Zu viel Arbeit. Zu viel offensichtliche Korruption. Zu wenig Sicherheit. Außerdem kann man hier, wenn man will, dem Leben offiziell ein Ende setzen.

15
Die Beiden kennen Kapitalismus und Kommunismus von Innen. Ersterer behält die Oberhand. Weil seine Korruption verdeckt ist. Und scheinbar demokratischer. Leszek Kolakowski hilft denken. Und Bruder Klaus möge uns alle beschützen. Zum Schluss zitiert er den Sonnenhymnus des Echnatons. Um leichter zu werden im Kopf. Es fügt sich alles, weil alles vergeht.

Schön erscheinst du im Horizont des Himmels,
du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land.

16
Bis zur Abfahrt meines Zuges dauert es noch. Es regnet. Die Menschen tragen Gummistiefel. Mein Mantel ist schon nass. Ich muss mir einen Regenschirm kaufen. Ich nehme einen blau-weiß-schwarz gestreiften.
Im Bahnhofsrestaurant stellt die Kellnerin mit großem Schwung Teelichter in geschmackvollen Behältnissen auf die Tische: „Ein bisschen Stimmung in den tristen Tag!“  Der Mann am Nebentisch jammert, ihm fehle die Frau dazu. Die Kellnerin: “Aber, da laufen ja so viele vorbei, ist denn keine für sie?“
Auch hier wirft ein hängender Engel seinen Schatten. Diesmal nach unten. Ein „Philosophisches Ei“  mäandert hoch oben durch die Fensterfront. Ich denke an Wien und denke: Daheim in Wien.

Kuss


1
Heute hat mich beim Verabschieden nach einem Gespräch ein Patient mitten auf den Mund geküsst. Es war nicht unangenehm oder übergriffig. Dennoch war ich sehr überrascht!

2
Du schickst mir ein Kuss-Foto von uns beiden aus vergangenen Tagen. Da, wo unsere Lippen einander berühren, entsteht eine kunstvoll geschwungene Linie.  Ich zeichne diesen Slalomschwung mit meinen Fingern in der Luft nach.

3
Er wendet sich der Gastgeberin zu und erhebt das Glas auf sie. Unvermutet küsst er sie. Länger, als es der Anstand gebietet. Der Gastgeber und Koch weist auf mögliche Eifersuchtsszenarien hin, schöpft allerdings ruhig noch eine Portion Nudel auf den Teller. Auch das geschieht mit natürlicher Eleganz. Plötzlich wird aus dem Mittagessen ein Festmahl.

 

Denken


1
Ich hatte in den vergangenen Monaten Zeit dafür.
Das allein genügt nicht, begünstig allerdings das Vorhaben.

2
Nachdenken…
…über das Ende der Tage
über Zuversicht
über Abwegiges
über die zündende Ideen
über bescheidenes Leben
über Trägheit
über Langsamkeit
über Unwissenheit
über eine einsame Insel und Natur
über meinen Rückzug
darüber, wie vieler Schritte es bedarf, die Handysignatur zu installieren
darüber, ob ich noch anarchisch denken kann

Alle meine Mitbewohner*innen denken. An die Ökologisierung des Weinbaus. An den ersten Moment des Wiedersehens; daran, was der nächste Anrufer wohl will; an die Grundaufgeregtheit dem eigenen Leben gegenüber; daran, ob es Sinn macht, eine Busreise ins Stift Schlägl zu machen; an Murau und an ihn; an das Befüllen des Muttertagskorbes; daran, wann es wieder normal wird; an das Leben, das schöne; an die Liebe und an die Arbeit im Atelier.

Ohne Bedeutung keine Gedanken. Was nun?

3
Mein Mann sagt: „Zuerst nachdenken, dann reden.“  Er denkt immer noch.

4
Die Ökonomie verliert für einen Moment ihr Primat, die Natur darf sich einen Atemzug lang erholen und die Menschheit darf nachdenken. Es gibt kaum Wolken am Himmel, die paar wenige versammeln sich akkurat direkt vor der Sonne.

5
Welche ungeheure Leistung heute ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut! Es bedarf vieler Sprünge der Aufmerksamkeit, die Anstrengungen der Augenmuskeln, die Abgleichung der Gehörnerven, das Ausgesetzsein des Geruchsinns, die Pendelbewegungen der Seele,… um sich im Fluss eines Tages aufrecht zu halten. Wir müssen in rasantem Tempo sehr genau schauen und abwägen und wählen.

6
Menschen, die alt werden und geschmeidig bleiben im Denken, glauben an ihr Bewusstsein. Das ist eine Alternative. Ich möchte mit den Jahren nicht verstummen!

7
Denken hilft beim Fühlen nicht.

 

 

 

 

 

 

Geste


1
Ich verabschiede mich von dir. Deine immer wiederkehrende, vertraute Geste, wie du die Hand hebst, mit der typischen Haltung jedes einzelnen Fingers zueinander, in deinem Tempo, deinem Rhythmus, dieses Wiedererkennungsmerkmal, das dich von allen anderen acht Milliarden Menschen unterscheidet, sehe ich heute, als hätte ich es noch nie gesehen. Ich löse mich auf beim Anblick dieses flüchtigen Augenblicks, der mir in seiner Einmaligkeit fast das Herz bricht.

2
Das Herz ausschütten.
Das stell ich mir jetzt einmal bildlich vor.

3
Ein Handwerker verlässt das Haus. An der Gartentür schüttelt er dem Hausherrn die Hand. Ich sehe das beim Vorbeigehen und zucke kurz zusammen – wir sind doch mitten in einer Pandemie! Danach bin ich lang irritiert von meiner Reaktion.

4
Er liegt im Bett. Sie sitzt neben dem Bett und hält seine Hand. Schlicht ist das. Im Anbetracht seines schnellen Davonmachens bekommt dieses Geschehen teure Bedeutung: das Halten der Hände und ihr Blick wird zur letzten zärtlichen Vertrautheit am Sterbebett.

 

 

 

 

 

Sex


1
Im Alter wolle er nur mehr Kuschelsex, Sex vom Feinsten, meint der Mann, dem ich in der Krankenhaus-Cafeteria zufällig begegne. Wie sieht das nun aus mit den sexuellen Bedürfnissen von Menschen in den Krankenhäusern? In den Pflegeheimen und Hospizen? Haben wir das schon zur Genüge geklärt?

2
Beim Hören einiger Folgen des Podcasts über Sex, den zwei junge Frauen gestalten, merke ich mein fortgeschrittenes Alter. Ihr Wortschall aus einer mir fremden Mischung aus Aufklärung und Konservativismus überschüttet mich. Sie singen das Hohelied der Masturbation. Sie begeistern sich ob der vielen handlichen Dinge, die man zu diesem Thema kaufen kann. Sie machen alles richtig. Ich rede mir selber gut zu, sage mir, dass ich dankbar bin, eigene Erfahrungen der anderen Art gemacht zu haben, schütze mich dadurch, dass ich mir einrede, sowieso nicht genau zu wissen, ob da im Podcast jetzt Menschen oder Roboter sprechen. Endlich drehe ich das Gekreische ab.

3
Meine Körperkompetenz hat ihren Höhepunkt dann erreicht, wenn sie ganzheitlich zur Überzeugung kommt, dass ich vor allem mich selbst erkenne durch dich. Ich halte diesen Zustand für das Schönste, das die Natur mir schenkt.

4
…ein Gebet vom Feinsten…

Zärtlichkeit

1
Im Versuch, mein Gedankenchaos zu ordnen, würde ich vier Bücher schreiben wollen. Wovon sie handeln müssten: von der Zärtlichkeit des Augenblicks, von der Unmöglichkeit, etwas festzuhalten, von der Farbe eines Libellenflügels und von deiner Hand auf meiner Wange.

2
Du verteilst blaue Wegwartenblüten auf dem weißen Leintuch und bemerkst dabei einen Zwirnfaden, den du mit einer leichten Bewegung zu Boden wischt. Du ziehst den Korken aus der Weinflasche. Sobald es dunkel wird, machst Du das Licht an. Danach gehst Du in die Küche, um die Suppe zu wärmen.

3
Ab dem Zeitpunkt, als ich bei der Hauptdarstellerin, die eine Zopffrisur trägt, jene Spangerl entdecke, die ich selbst als Kind getragen habe, nimmt er mich mit in seine Geschichte, der Film im Hauptabendprogramm.

4
Ich träume vom Stillsein, Schweigen, Aushalten.
Kommen unmöglich. Lüge folgt“ schreibt Marcel Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit.
Ist es ein Ausdruck von zärtlicher Gelassenheit, für zwei weitere Monate einfach still zu halten? Oder vielmehr ein Eingeständnis, keine Ahnung davon zu haben, was gerade geschieht?

5
Mein Wohlwollen gilt all jenen Menschen, die plötzlich ein vollkommen neues Betätigungsfeld bespielen: Contact-Tracing, ZOOM-Administration, Coronatelefon, Coronatestungen, Intensivstationen, Coronaimpfungen, und Kunst&Kultur.

6
Heute lege ich all meine traurige Empfindsamkeit in die verglühende Sonne, in die stürzende Schöpfung und in die Beobachtung meiner selbst.

Fest

1
Ich lege ein Tuch mit rot-orangen Farbklecksen auf den großen Tisch. Dann steige ich die Stiegen hinauf in den Garten, vorbei am spätherbstlich gefärbten Eschenbaum, um letzte Blumen mit ähnlichen Farben zu suchen. Ich gruppiere die gewählten Blumen in kleine Vasen und stelle sie auf dem Tisch neben den Klecksen ab.

2
Jedes Fest, das seinem Namen Ehre gereicht, ist radikal. Unproduktiv. Unnütz und verführerisch in Richtung Untätigkeit. Außerdem: „Ka guats Doaf, wos ned amol im Johr an Kiritog gibt!“

3
Im Dorf meiner Kindheit schneit es heuer vor Weihnachten derart viel, dass ich, selbst mit Schneeketten auf den Autoreifen, nicht hinfahren könnte. Die Züge pausieren auch. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen, dass das Dach die Last des Schnees nicht mehr hält. Den ganzen Tag über hört sie die Bäume stöhnen. Ich erwähne die Tiere im Wald. Welche Überlebensstrategie sie wohl haben? Der dritte Herbst in Folge, der die Natur an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Die unvergleichbare Stille, die die Schneemasse in sich birgt, setzt sich in die abgelegenen Winkel des Hauses.
Jetzt ist es gut, einen Holzherd zu haben und Batterien fürs Radio. Die langen Abende und die Angst versucht man mit Kartenspiel im Kerzenschein zu bannen. Wer kann, spielt Zither oder probiert es mit Familiengesang. Rosenkranzbeten hat früher schon nicht geholfen. Zum Schluss wird man einfach wortkarg, nimmt wieder die Schaufel und bahnt sich den Weg zum Hühnerstall und hofft.

4
Die Karte der weit verzweigten Landgemeinde wird heuer anhand von 24 Interviews abgesteckt und ins Internet gestellt. Sie erzählen mit dem je eigenen Blick auf die Weihnachts-Welt von damals. In einer mir vertrauten, verschwundenen Sprache. Erzählen von Lorenz Marie, für die die Mutter Kaffee kocht und vom Weg von der Kirche zur  Schule, durch den hohen Schnee, zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, von der Wasserleitung, eingebettet in ein Baumstamm-Holzrohr, die bei den winterlichen Temperaturen einfriert, dort, wo sie nicht tief genug vergraben wurde, vom Auffüllen des Weihwasservorrates am Stephanitag oder von der Einsamkeit am Sonnblick zu Silvester…Zum Schluss, im You-Tube-Abspann, ein leichtes Flirren des Logos, ein Nachflackern des Gehörten, als ob der Sprecher sich des Gesagten gar nicht mehr sicher wäre. Als ob die Erinnerung mit einer Träne in den Augen verschwände.

5
Wir waren sehr bedacht darauf, unseren Kindern nie das Märchen vom Christkind zu erzählen. Deren Reaktion darauf war, dass sie uns nicht geglaubt  haben, sondern den anderen, die das Christkind gesehen haben, wie es geheimnisvoll durch die dunklen Lüfte schwebt und Geschenke verteilt.

 

 

 

Verbundenheit

1
Zwischen zwei Terminen, zwischen Tür und Angel spricht sie aus, was den Tag krönt: Ich staune zunehmend über mein Erkennen, mit wie wenigen sozialen Kontakten ich glücklich sein kann. Meine Verbundenheit ist keine Frage des ständigen Sich-Treffens, ist viel feinstofflicher und überdauert räumliche und geographische Distanzen. Sind wir miteinander verbunden, ohne uns zu treffen?

2
Unser aller Gegner ist ein Virus. Und die eigene Gruppe ist die ganze Welt. Diese Verbundenheit ist einzigartig.

3
Mein Liebling zu mir: Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich dir Überheblichkeit unterstellen. Dieser Ausdruck einer Beziehungsunsicherheit lässt mich grübeln. Welche gemeinsamen Wachstumsaufgaben haben wir?

4
Den bislang makellosesten Augenblick des Jahres verbringe ich zu Füßen des Wasserfalls.  Die vollkommene Abwesenheit von Einsamkeit macht die Frage, wie viel ich davon vertrage, zur Gänze überflüssig. Die Berge, die in mir eine Fortsetzung finden, der Wasserstrom, der durch dich fließt. Die sprühende Gischt, ein unsichtbarer Schleier in der Luft um uns.

Wir sind ein Tempo, ein Rhythmus, eine Bewegung.

5
Der Radiomoderator stellt die vieles entscheidende Frage, was mich denn zu jener gemacht hat, die ich jetzt bin, und trifft damit meinen wunden Punkt: Ich brauche Dich!