KategorieAlle Sieben am Tisch

Utensilien


1
Im Regen Pflanzen setzen und dann in die Sauna gehen. Der erste Arbeitstag nach den Exerzitien fühlt sich fruchtbar an, und ich werfe mich hinein.
2
Die Tochter bringt Frisches und Schwung in die Bude. Sie lebt begeistert in der Welt. Sie erwähnt, dass ihre Eltern eine aufgeklärte Erziehung betrieben haben, also wenig Mythen und Märchen und offensichtliche „Weil-das-so-ist“-Antworten.
Dass ich die Geschichte mit dem Christkind nicht mitgespielt habe, tut mir heute leid. Dass ich ihr einen Ring zur ersten Menstruation geschenkt habe, tut mir nicht leid.
3
Viele Frauen, denen ich im Weinviertel begegne, sind herb und brav. Ich wohne nun schon lange hier, diese Mischung färbt auf mich ab. Das ist nicht komisch.
4
Eine meiner Freundinnen ist Heilerin. Sie sieht unter anderem „Bilder“, wenn sie sich auf einen Menschen konzentriert.
„Du darfst niemanden zurückschicken, du kannst deine Verwandten nicht heilen, nur die Fremden. Du darfst kein Geld für dein Talent nehmen. Irgendeine Ordnung muss die Welt zusammenhalten, damit man getrost in die Zukunft blicken kann!“, erklärt sie mir.
5
Der Mann beschenkt mich ausführlich mit Licht: Sternspritzer. Solaraufgeheizte Lichterkette, eine Leuchtschrift fürs Fenster, ein frisch aufgefülltes Feuerzeug, Wärme.
6
Guter Kompost riecht nach Walderde.

Putzfrau


1
Wenn man müde ist, wird man dünnhäutig. Wenn man nicht müde ist, lässt man sich sehr viel gefallen, weil das Grobe nicht so durchkommt. Schlimm ist es, wenn man es schon gewohnt ist, dass sich die Menschen über einen lustig machen. Ganz schlimm ist es, wenn es zum Hobby wird, sich dieser Lächerlichmachung aktiv auszusetzen und sich nicht zu wehren. Manche Leute im Dorf können unglaublich grob sein. Standardmäßig.
2
Wir drei Ehefrauen schauen im Vergleich zu den verrückten Singlefrauen ziemlich normal/durchschnittlich/langweilig/unspektakulär/grau aus der frisch gewaschenen Wäsche.
3
Jetzt, wo es so richtig schön brennt, dürfen Frauen allerorts an die Spitze der Kirchen, um den Sauhaufen aufzuräumen.
4
Sie schenkt mir drei Messingkerzenständer, Erbstücke ihrer Mutter. Ich putze sie mit Sidol aus einer neu erworbenen Flasche. Das Putzen erinnert mich daran, wie ich früher immer wieder mein Flügelhorn aufpolieren musste. Marke und Geruch haben sich in 50 Jahren nicht geändert.
5
Vielleicht sollten wir unseren Immobilieneifer ja auf die Gartenpflege verlegen, wo die Pflanzen wie gutartige Wolkenkratzer gedeihen und uns mit ihrem Anblick erfreuen.
6
Sich öfter verneigen.

Belanglosigkeiten


1
Wozu ist man verpflichtet? Zum Beispiel zur Unschicklichkeit. Jede sollte mehr Gefallen an Unschicklichem als an Beschönigtem finden. Zwar stört das Beschönigte niemanden, aber es ist belanglos.
2
Der Verkäufer im Keramikladen begegnet mir ganz pragmatisch und geht mir gar nicht auf die Nerven. Wir sind uns schnell einig, so wie ich das mag, das Einkaufen. Kurz und schmerzlos. Man zahlt ja eh genug, da will ich ausschließlich kompetent beraten und nicht irgendwie betudelt werden.
3
„Du weißt, wo du mich findest!“
Männer in meinem Alter sind schon oft ungenießbar: Sie haben keine Ahnung (mehr) von angewandtem Feminismus, sind resigniert, griesgrämig. Und gleichzeitig patriarchalisch dominant in der Öffentlichkeit. Da ist jetzt nichts mehr zu machen. Warten wir auf die nächste Generation?
4
Seine Bücher riechen nach Literatur und nicht nach gelebtem Leben.
5
Sein Haus ist abgebrannt. Aber er kramt nun das Sprichwort aus seiner Kindheit hervor: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“
6
Ich freue mich darauf, etwas zu stricken! 🙂
7
Mut muss man lernen.
8
Busfahren ist supercool.

Paradies


1
Mia hom goarbat, mia tan ned schlofn! Frühstück gibt`s den ganzen Tag!

2
Es ist ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden.

3
Wohin ist mein Liebster veschwunden? Wie es war, als ich an nichts anderes denken konnte, als an ihn – das war auch schön.

4
Die patriarchale Mutterrolle entlarven wir ja, aber das Bild der eigenen Mutter sitzt so tief, dass wir ihr nicht auskommen. Es mag helfen zu wissen, dass Männer und Frauen zu gleichen Teilen dafür verantwortlich dafür sind, dass wir so sind, wie wir sind. Ja, und wir selbst haben hoffentlich auch ein bisschen mitzureden.

5
Jeder Mensch, dem du begegnest, ist ein Aspekt von dir selbst, der nach Liebe verlangt.

6
Große Literatur bedeutet nicht einfältige Widerspieglung sondern kunstvolle Verwandlung ewiger irdischer Fragen. Ich warte auf Eingebung! Meine einzige kulturelle Intervention kann doch nicht das Binden eines Adventkranzes sein!

Meidung


1
Bei den Amischen gibt es die sogenannte Meidung. Wenn ein Mitglied gegen ein Gesetz verstößt, wird es gemieden.
So weit möchte ich es nicht kommen lassen.

2
Ironie, Humor und Gleichmut helfen dabei, eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegenüber der weitverbreiteten gesinnungsängstlichen Konformität zu bewahren. Eine weitere Möglichkeit ist die Flucht. Wohin es für mich gehen soll, ist dabei ungeklärt.

3
Ich versuche ab nun, das Wort „Diversität“ wieder aus meinem Wortschatz verschwinden zu lassen. Der Begriff „Differenz“ bringt viel deutlicher zum Ausdruck, dass wir alle individuell sind und aß wir gerne so gesehen werden. Und es hält verbal den nötigen Respektabstand zu meinem Gegenüber.

4
Sobald sie unser Haus betritt, wird hier alles fröhlicher, obwohl sie dafür Psychopharmaka benötigt. Diese Hilfsmittel sind eine Form von Unbeugsamkeit.

5
In der Sauna werden die Gespräche intensiver. Zum Beispiel darüber, wie die Einbettung der KI gelingen mag. Zum ersten Mal haben Eliten Angst vor dem technischen Fortschritt, nicht das sogenannte „Volk“. Wir sprechen darüber, welches Gefühl das stärkste ist, zu dem der Mensch in der Lage ist. Ist es die Angst oder die Liebe? Ich tendiere zur Liebe, vorausgesetzt man akzeptiert, dass der Mensch nicht von Natur aus gut ist.
Wir essen gemeinsam, weil allein zu essen echt fad ist.

5
Ich liebe Sie, fliegen Sie!

6
Das eine Wort trägst du in dir, ganz an dein Herz

Harmoniesucht


1
Im Bahnhof von Mistelbach sitzen und auf den Zug warten. Die Bänke im Warteraum hier sind auch nicht bohemien- und sandlertauglich. Der Bahnhofkiosk hat schon lange geschlossen und der dafür vorgesehene Raum hat immer noch keinen alternativen Zweck gefunden. Er ist leer, es gibt offene Elektrobüchsen und die Kabel hängen aus der Wand. Der Boden wird nicht gereinigt. Ich sehne mich nach einer Tasse Kaffee.

2
Heute spüre ich ganz deutlich, wie sehr ich auszugleichen versuche, während sich die beiden anderen unseres Dreiergespanns kaum um Kompromisse bemühen. Sie verlassen sich auf meine Harmoniebedürftigkeit. Dem will ich mich entziehen. So weit wie möglich. Was kümmern mich die Konflikte anderer!

3
Meine Schwester lässt sich am Straßenrand auf einer schwach befahrenen Landesstraße 50 Euro abknöpfen. Die britische Familie scheint zu herzergreifend echt: eine weinende Frau, ein weinendes Kleinkind, ein engagiert jammernder Vater. Daheim angekommen, hört sie in den Medien, dass solche Betrüger unterwegs sind.

4
Beim Krankenhaus Lilienfeld gibt es Extraparkplätze für Leitungspersonen. Das ist in Mistelbach auch so. Wenn ich so etwas sehe, möchte ich am liebsten nach Schweden oder Dänemark auswandern.
Dort gibt es diese verrückten hierarchischen Frechheiten nicht.

5
Wie geht das, meinen Charakter so zu festigen, dass er von keinem Menschen beleidigt und herabgesetzt werden kann? Derart ausgestattet wäre ich dann vielleicht frei von Ärger und Wut? Zum Beispiel auf Golfrasen?

6
Wir reden über unsere Sommerfrischen in unserer Kindheit. Also, alle anderen reden. Ich hör zu. Immer, wenn ich mir etwas denke, das passend dazu zu sagen wäre, kommt schon ein nächste Gesprächswendung daher und meine Geschichte passt nicht mehr.

7
Indifferent, dieses Wort ist nicht in meinem Wortschatz verfügbar. Ich treffe einen Mann, für den genau diese Bezeichnung zu passen scheint. Ein Freund hilft mir, den richtigen Begriff dafür zu finden. Sowohl der Mann als auch Indifferenz sind mir suspekt.

8
Traismauer. Kaffeehaus. Zwei Kellnerinnen und ein Mann unter sich. Ich sitze am Nebentisch und höre ganz deutlich, was die miteinander reden: „Du trägst ja keine Unterhose!“, sagt die eine zur anderen, die keine Unterhose unter dem kurzen, schwarzen Strickkleid trägt. „Natürlich trag ich eine Unterhose!“

Bernstein


1
Ich wandere mit der Tochter rund um den Hutsaulberg in Althöflein. Sie wird als erste Wanderung in meinem neu erworbenen Weinviertel-Wanderbuch beschrieben. Eine alte Kopfweide und der Ausblick von der Hutsaulbergwarte sind unsere Höhepunkte der Wanderung. Beim Radltreff in St. Ulrich trinken wir einen Abschlussschluck.

2
Der Mann ist beim Feuerwehrfrühschoppen versumpft.

3
Teamarbeit ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man alles zu persönlich nimmt. Nach meinem Geschmack ist es freundlicher, bei den zwischenmenschlichen Abgründen ein bisschen schlampig zu sein und sich davor zu hüten, voll hineinzugehen in eine Missstimmung. Denn aus so etwas kommt man nie wieder raus.

4
Der Arbeitskreis macht mir Freude. Es sind Menschen, die wie ich mit bestimmten rituellen und sprachlichen Traditionen aufgewachsen sind und versuchen, diese regelmäßig auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Überall wird so genau hingehört und hingesehen.

5
Er schenkt mir einen durchsichtigen Halbedelstein, der sehr gut in der Hand liegt. Über den Feiertag liegt er neben einem Rosenkranz aus ähnlichem Material. Sie duellieren sich. Das Match gefällt mir.

6
Der Priester muss keine Kommunion zur Krankensalbung mitnehmen. Die Kranke kann nur noch mit eingedickter Flüssigkeit ernährt werden, sagt die diensthabende Diplomkrankenschwester am Telefon. In welchem Kontext hat solch ein Satz Bestand?

7
Ich muss einen neuen Menschen kennenlernen! Sofort!

Budapest, Fragment


Siehst du, die Bilder bewegen sich. [1]
1
Wir nehmen den Zug und lassen uns im Speisewagen nieder und verbringen die Fahrt mit der Rede über die eigenen Befindlichkeiten. Der Ostbahnhof ist unser Zielbahnhof. Er nimmt uns großzügig auf. Er ist mondän. Die ganze (Innen-) Stadt ist mondän. Es gibt nicht genug Geld, um alles abzureißen und mehr oder weniger aufregende Neubauten hinzustellen. Es gibt genug Geld, um manche schöne alte Bauten mit einer neuen Fassade auszustatten.

2
Im Hotel Astoria wohnt man gemeinsam mit der Geschichte einer Radioquizsendung von anno dazumal: „Wer gewinnt heute? Spiel und Musik in 10 Minuten vor 12.“ In der Hotellobby fand fast über 40 Jahre lang eine Sendung mit Livebeteiligung statt. Die Signation dazu klingt entzückend. Man kann sie im Internet nachhören.

3
Wir finden traditionelles Essen in einem Gasthaus mit schlichter Einrichtung: Pörkölt mit Spätzle und Topfennudel, Turos csuszas. Diese bereitet man aus Nudeln, Bröseltopfen, Sauerrahm und gebratenem Speck zu.

4
Im Nationalmuseum in Pest werden Bilder von Magyar Tivadar Csontvary Kosztka gezeigt, einem Maler, der für seine eigenwilligen Phantasiegemälde von Orten bekannt ist, die er selbst nie besucht hat. Bilder mit Titeln wie: „Die Zedern des Libanon“ oder „Das Griechische Theater in Taormina“. Wir sehen „Eine (verträumte) Dame in Lila“ von Pal Szinyei Merse, „Drei steinewerfende Jungs am Wasser“ von Karoly Ferenczy oder „Ein Paar beim Kukuruzschälen“ von Simon Hollósy. Besonders liebe ich ein Bild von Sándor Bihari aus dem Jahr 1890, das drei nähende Frauen auf einer Veranda darstellt. Ein Mann sitzt dabei und wir scherzen, dass er wahrscheinlich besonders Geistreiches von sich gibt und den Frauen Ratschläge für die Herstellung der Handarbeiten erteilt.

5
Das Ludwigmuseum liegt etwas außerhalb des Zentrums. Wir nehmen die Tram und übersehen die Zeit, sodass sich nur ein paar Augen – Blicke auf zeitgenössiche Kunst der SiegerInnen des Esterhazy Art Award 2025 ausgehen. Ich brauch sehr lange, um zu kapieren, dass es für die Entwertung der Tramkarte noch das alte Lochsystem gibt.

6
Die Donau begleitet uns während des ganzen Tages. Am Abend finden wir “Liz & Chain“, eine erfreulich schlichte Bar direkt am Fluss. Wasser, Fähren, Kreuzschiffe, Boote, Menschen. Alles fließt. Man fragt sich, welche Touristen außer uns Budapest besuchen? Und bekommt darauf ein paar Antworten.

7
Ich darf ein paar Längen im Gelertbad schwimmen. Für einen Moment werde ich an „Perfect Days“ erinnert, während ich verstohlen einen japanischen Gast dabei beobachte, wie er mit großer Langsamkeit und genussvoll in ein Becken mit heißem Wasser steigt.

Und ich habe gesehen, wie ein Fest ist, wenn alle Angst haben.
8
Beim Streifen durch die Straßen, beim Betrachten bestimmter Häuser, ziehen vergangene Künstlerfreundschaften vorbei.

Sie waren die größten Künstler aller Zeiten.
Sie waren zornig.
Sie waren Einheizer auf der Hochschule.
Sie bauten eine simple Lokomotive aus Blechdosen und wurden nicht von der Schule geschmissen, obwohl der Arbeitsauftrag ein ganz anderer war.
Sie legten provokativ ein weißes Blatt Papier über die neue grafische Arbeit, damit der Professor nicht in die Zeichnung pfuschte, sondern seine Verbesserungsvorschläge auf dem Extrablatt skizzierte.

Das Begräbnis des Kunsttheoretikers und Künstlers Ernö Tolvay liegt viele Jahre zurück. Es ist eiskalt. Einer aus der Gruppe schlägt vor, noch etwas trinken zu gehen. Daraufhin driften alle erschrocken auseinander und verschwinden. In Ungarn endet Trinken immer im Desaster. Das wissen alle. Es gibt kaum jemanden in der Runde, dem Alkohol nicht ein schlechter Freund war oder ist. „Wir feiern, bis wir in der Traurigkeit untergehen!“ Immer fließen Tränen.

Und ich habe den alten Mann gesehen, mit dem Stock in der Hand, damit er nicht allein ist.
9
Hier in Ungarn sind wir Nationalhelden, aber 500 Meter weiter über der Grenze kennt uns niemand“, sagt Gabor Presser, der Sänger von Locomotiv GT.
Natürlich gibt es die Wiese in Pest noch, auf der – besonders in den kommunistischen Jahren –  wichtige Konzerte stattgefunden haben. Gabors Lieder mit den versteckten Botschaften, die für viele Tausende junger Menschen Hoffnung und Trost bedeuteten, hängen noch in den Bäumen. Lieder mit Texten, wie aus der Seele gestochen.

Ich habe es gesehen, mein Leben ist nicht genug, um nicht zerrissen zu werden.
10
Ein paar Wochen später höre ich daheim im Radio Fatima Szalay‘s Konzert beim Festival „Glatt und Verkehrt“. Die junge Musikerin lebt  in Budapest und all ihre Lieder klingen so melancholisch und traurig, wie es Lieder in Ungarn seit eh und jäh tun. Sie singt von rohen Verhältnissen. Sie singt von der Armut, davon, ohne festen Wohnplatz zu sein, immer bei Bekannten oder in leerstehenden Häusern unterzukommen und morgens ein Sackerl mit Milch und ein Stück Brot zu stehlen, um etwas in den Magen zu kriegen. Sie singt davon, einen streunenden Hund zum Freund zu haben, ihn Baghira zu nennen, mit ihm zur Erfrischung an die Donau zu gehen und Hühnerkrägen zu organisieren, die dieser im Ganzen verschluckt.
Sie singt vom Sohn, den die Eltern aus der gemeinsamen Wohnung aussperren, weil er zu teuer kommt, sie singt von Ungarn, in dem die Menschen immer schwermütig, enttäuscht und alkoholisiert sind. „Zuerst haben uns die Türken belagert, dann die Habsburger, die Russen und nun die EU.“ Es ändert sich im Grunde gar nichts!

Denn du bist noch da, und unsere Hände sind noch nicht auseinandergerissen.
11
Kann es in dieser Stadt sein, dass sich irgendetwas Bedeutsames in großer Klarheit zeigt, die Schönheit der Welt, die Größe einer Liebe oder die Tiefe einer Trauer? Oder muss man dazu wieder weg von ihr?
Was außerhalb der Norm ist, hat eine besondere Kraft, sagt die Geschichtsschreibung. Wenn wir wüssten, wie sehr wir einander brauchen, würden wir das nicht aushalten.

12
… und der grinsende Erwachsenen lernte, wie man leben muss.

[1] Gabor Presser/ Horvath Peter/ Mozi/ Kino

Neugierde


1
Sie sitzt mit ihren Freundinnen im Gasthaus und hört – halb verstohlen – den Gesprächen am Nebentisch zu. Das passt den Freundinnen nicht, dass ihre Aufmerksamkeit nicht ihnen gilt. Daraufhin meint sie lapidar: „Euch habe ich ja eh immer, aber die anderen sehe ich vielleicht nie wieder!“
2
„Ein guter Freund ist wie heiße Schokolade.“ Dieser Satz gefällt meiner Tochter. Woher sie ihn hat, weiß ich nicht.
3
Wir sind nicht glücklicher, wenn wir viele Kontakte pflegen. Wir sind glücklich, wenn wir die richtigen Kontakte pflegen. Einmal im Monat Familie sollte reichen. Und einmal im Monat mit FreundInnen.
4
Die Länge einer psychotherapeutischen Therapie ist oft nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Eine Stunde kann genauso gut wirken wie 60 Stunden. Der Unterschied zwischen Gruppen- und Einzeltherapie ist nicht signifikant groß. Kurzfristig wirken Psychopharmaka und Gesprächstherapie gleich gut, langfristig gewinnt die Psychotherapie.
Der Mensch braucht immer ein Gegenüber.5
Mit meiner Physiotherapeutin rede ich heute über meine Migräneanfälle. Mir wird erklärt, dass es viele mögliche Ursachen geben kann. Veranlagung, Stress, Wetter, bestimmte Lebensmittel, Hormone …
Mir wird erklärt, dass demnach der Tränenfluss nach meiner Attacke auf ein Erschlaffen der Augenmuskulatur oder der Tränendrüsen zurückzuführen sein könnte. Der Kopf ist ein sehr kompliziertes und weitgehend unerforschtes Organ. Es gibt viele feine Knöchelchen und Faszienpunkte. Faszinierend!
6
Der HNO-Arzt zum Patienten, der ihn wegen seines Tinnitus aufsucht: „Hören Sie einfach nicht zu.“
7
Seelsorgerin: „Was führt Sie zu uns ins Krankenhaus?“
Patient: „Das muss ein Irrtum sein, dass ich hier gelandet bin!“
8
Am besten gefallen mir die Lichtflecken, die sich auf die Äcker werfen. Sonne und Wolken betreiben Lichtspiele.

Tür und Angel

1
Immer noch singe ich, wenn ich allein mit dem Auto unterwegs bin. Mittlerweile ist das der wichtigste und bedeutende Grund überhaupt, mit dem Auto zu fahren. Alles andere spräche ja dafür, den Bus zu nehmen.

2
Alle haben eine Geschichte mitgebracht, die sie mir zwischen Tür und Angel servieren:

Er erzählt von seiner Hochzeit, die er trotz Bandscheibenvorfalls nicht absagen wollte. Doch dann erlitt sein Bräutigam unmittelbar vor der Trauungszeremonie in einen epileptischen Anfall. Wunderschönes Orgelspiel begleitete die Tragödie.

Sie erzählt vom Verwöhntsein. Vom Vater, der sie mit dem Auto aus Bordeaux holt, damit sie nicht mit dem Zug fahren muss, das sind immerhin 1000 km.

Sie erzählt davon, dass sie ein Maulwurf ist, der sich am liebsten immer im Zimmer verkriechen würde. Nur die Mutter schafft es, sie da rauszuholen.

Er erzählt vom Dark Retreat. Das bedeutet, sich fünf Tage lang in einem dunklen Keller einsperren zu lassen, sich der Dunkelheit auszusetzen. Mitten im Frühling auf Mallorca. Im Laufe der Tage hat er zu halluzinieren begonnen.

Er spricht über die Mutter von Meyerhoff, die er in seinem jüngsten Buch ausführlich beschreibt. Sie erinnert ihn an seine Frau und an Pippi Langstrumpf.

Das frisch verliebte Pärchen erzählt vom Urlaub in Vietnam. Dort haben sie Gibbons gesehen. Und Baguette gegessen.

Sie hat ein Künstlerkind geboren.

Mein Mann bringt mir vom Weinviertler Heurigen einen Kärntner Reindling mit. Er schmeckt wie daheim im Mölltal.

3
Ich sitze im Straßencafé und beobachte. Ein junger Vater bringt sein Kind wohl in den Kindergarten. Es sitzt im Anhänger. Er sitzt am Fahrrad und singt gut gelaunt sehr laut vor sich hin. Das Kind lässt alles mit stoischem Gleichmut über sich ergehen.
Eine Karikatur in der Zeitung fällt mir auf. Unter der Zeichnung steht: „Ein kleiner Hund. Von so was lass ich mich abschlecken, im Bett liegend, und mir graut vor Ausländern?“ In Wien sind überall Hunde. Leon de Winter singt in „Stadt der Hunde“ auch eine Ode an die allseits geliebten Tiere. Überall Hunde. Und Menschen, die sich darüber freuen. Ich glaub jene, die sich nicht darüber freuen, sind einfach leise und sagen aus Selbstschutz kaum was dazu.

4
Wie hilflos manche Egozentriker sind! Damit meine ich durchaus auch Menschen mit Kindern.