KategorieAlle Sieben am Tisch

Haus

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Ich entschuldige mich nicht dafür, in meiner Reflexion nicht tiefer zu gehen, als zu behaupten, das Elternhaus als Hafen erlebt zu haben. Beseelt worden zu sein. begleitet von der körperlichen Anwesenheit der Mutter, dem Geist des Vaters, der Weisheit der Geschwister. Ich möchte ein volles Haus haben.

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Er hat das, was in den nächsten Jahrzehnten besonders zählen wird, schon immer gefühlt und in sich getragen.

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Es wird kühl hier drinnen. Nur draußen im Garten vor dem Psychosozialen Zentrum nicht. Da stricken sie die Bäume ein.

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Ich höre ihm gerne zu. Ihm, dem alten Bauern. Immer ist Verdauung Thema. Immer ist Landwirtschaft Thema. Immer sind Körperöffnungen Thema. Tiere, die geboren werden, Ferkel, Kälber, denen auf die Welt geholfen werden muss. Das Zupacken mit beiden Händen. Das Reißen seines schmerzenden Backenzahns mit einer Beißzange. Das erledigt er selber. Keine Zeit für den Zahnarzt.  Das Vergessen darauf, dass es neben der Arbeit noch etwas anderes gibt. Adieu sagen, das ist jetzt Thema.

 

 

Selbsterkundung

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Ich bin dem Alter entwachsen, in dem in gruppendynamisch zentrierten Weiterbildungen das Maß der Dinge zerredet wird. Ich lege mich als Patientin ins Bett und erfahre mehr über meine Aufgaben als Seelsorgerin, als in diesen gekünstelten Selbsterfahrungsgruppen. Hinzu kommt das Erleben der eigenen Bedeutungslosigkeit auf dem Gipfel eines Berges. Da ist es zuträglicher als in den Gängen des Krankenhauses. Ich wünsche mir, ich wäre Tauchlehrerin.

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Die Todo-Liste wird immer länger. Ich atme. Langsam.

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Ich möchte zu viel des Guten, auch ein bisschen des Schlechten. Es steht grübelnde Selbstbefragung versus private Rede – als wäre ich in einem ständigen Bewerbungsgespräch. Ich bin es leid, mich ständig verkaufen zu müssen. Es ist doch alles da, mehr da, als jemand anderer je fassen kann! Auf jeden Fall vollkommen, ausreichend für diesen Platz, den ich in dieser Welt einnehme.
Durch die vielen Beschränkungen im Vorjahr hab ich mehr Selbstbestimmung erfahren als ich vorher hatte. Meine Erfahrung ist nicht falsch gefühlt, vielleicht falsch interpretiert? Ich möchte einen Lockdown ohne Pandemie!

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Ich zähle mir auf, was mir im Laufe eines Tages begegnet.

* die große Sehnsucht  nach der Konzentration auf das Wattmeer beim Lesen des Buches der Vogelkundlerin von Trischen

* das Staunen darüber, wie schnell ich darin bin, ein Essen zu kochen

* die vielen Details in mir und rund um mich herum, die einzigartig sind. Alle sind es, ich dränge danach, die Einzigartigsten der Einzigartigen zu erkennen

* die Museumspädagogin, die mein Bruder und ich ganz allein für uns haben; in den ersten Minuten schaut sie während ihrer Ausführungen nur mich an. Mein Bruder wird schon unruhig und zappelt ein bisschen neben mir. Ab nun zwingt sie sich, uns beide gleichermaßen im Visier zu behalten. Das amüsiert mich.

* die Erzählung meiner Mutter am Telefon. Sie liest das Buch über Bäume, das ich ihr geschenkt habe. Sie hat die Nerven für Kurzgeschichten. Und für die Betrachtung des Waldes, der rund um ihr Haus steht und durch einen heftigen Orkan zerstört wurde.

* die Freude eines Freundes darüber, einen Gedanken bis zum (vorläufigen) Ende denken zu können

* die Bank im Garten, auf der ich gerne sitze, weil da den Blick über die Dächer schweifen lasse und das Friedvolle des Augenblicks einsauge, wie ein Schwamm

* mir geht durch den Kopf, dass ich mehr singen und weniger zu Ärzten gehen sollte

* die besondere Energie, die über die Haut verschwendet und weitergegeben wird

* dein Atmen, wie er dabei ist, das Kopfweh weg zu atmen

* das Licht des Mondes

* die Nacht, in der ich halb wach und halb munter dahindämmere, Bewegung und Kraft die da ist, mich nicht schlummern lässt, obwohl ich schon so müde bin, die Wärme der Menschen, die um mich sind, das Bett, die Höhle, die sie mir bereiten

* ein Tag birgt das ganze Leben

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Zeig mir, was Du kannst!

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Es ist seit je eine Herausforderung: mich von äußeren Umständen möglichst unabhängig zu machen.

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Ich bekomme eine Sanduhr geschenkt. Der Sand rieselt. Mich bedrückt die Stille, die eintritt, wenn der Sand durchgerieselt ist, der kurze Moment, bevor ich sie wieder umdrehe.

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Phantasievoller zu denken, als in den ausgetretenen Pfaden meiner Wirklichkeit – dahingehend gibt es keine Grenzen.

 

Sabotage

1
„Arbeitet nie!“
Mittlerweile ist ein Bekenntnis zur Faulheit ein rebellisches Konzept.

2
Natürlich bin nicht ich allein für die Rettung der Welt verantwortlich. Allerdings will ich mir nach wie vor öffentlich viel mehr erlauben, als bloß geboren zu sein und zu sterben. Ähnliches erwarte ich von meinen Nachkommen. Die Unduldsamkeit des Alters spricht aus mir.

3
Ich schau mir selber dabei zu, wie ich ihr zuhöre, während sie mir Langweiliges erzählt.

4
Ich erkundige mich zum Thema Nacktschnecken, die mir heuer sehr nahegehen. Jene rot-braunen, von denen es bislang hieß, sie kämen aus Spanien, invasiv, neophyt. Nein, sie waren immer schon da. Nur treffen sie jetzt auf weitaus bessere Umstände, um sich fortzupflanzen: Es ist trockener, sie lieben kahle Vorgärten, weil es dadurch weniger „Feinde“ gibt, weniger Vögel, Frösche, Igel…; sie breiten sich also deshalb aus, weil es der Mensch so will.

5
Er ist gegen Voodoo Jürgens, denn: Hier wird nicht falsch gesungen!

6
Sie ist so krank! Sie bügelt nicht einmal mehr!

7
Ich bin Kundin bei einem Arzt, der weder im Vorzimmer noch im Behandlungsraum einen Computer benötigt. Das, was geschrieben werden muss, wird mit der Hand oder auf einer elektrischen Schreibmaschine erledigt.

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Die betagte Patientin liegt mit einem großen Plastiksackerl bewaffnet in ihrem Bett. Darin verstaut sie ihre Habseligkeiten. Mit beiden Händen hält sie alles fest umklammert. Die Frau ist wie ein Fremdkörper in diesem Krankenhauszimmer. Wir sind unbeholfen, ihr zu begegnen. Bis zu ihrem 51. Lebensjahr übte sie den Beruf der Krankenschwester aus. Dann hat sie sich ein psychiatrisches Attest schreiben lassen, dass sie nicht mehr ganz dicht ist. Und seit dieser Zeit ist sie nicht mehr ganz dicht. Sie verkleidet sich in Richtung Verrückte.

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Alle auf der Welt ziehen sich gleich an. Zu wenig Vielfalt jedoch ernüchtert meine Seele. Anzuerkennen, dass die Uneindeutigkeit der Welt die Norm ist, sei mir allzeit gegenwärtig.

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Es war eine gute Idee von ihm, eine Flasche Sekt und Gläser einzupacken, mich von der Arbeit abzuholen und auf den Berg zu fahren, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Das fühlt sich heutzutage schon wie ein Sabotageakt an, nach der Arbeit einfach Feierabend zu machen.

 

 

 

Italien I

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Pass, Impfpass, Passagier-Lokalisierungsformular

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Der Reiseführer trägt große DIN-A3-Blätter mit sich. Es sind Ausdrucke von allen möglichen Routen zu Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, ausgehend von unserem Quartier. Am Ende dieser Reise schenkt er sie mir – teilweise zerknittert, teilweise noch unberührt. Das Ungesehene soll ein baldiges Wiederkommen manifestieren.

3
Fritz H. schreibt in der Zeitung über den Regensburger Gelbling. Aufrüttelnd, poetisch. Der besagte Schmetterling wurde seit 10 Jahren nicht mehr gesichtet. Ein fliegendes Kunstwerk, ein Verwandlungslebewesen, ein Sehnsuchtsobjekt. Gelb-orange hat er geleuchtet. Ein Symbol unserer Seele. Ich erinnere mich daran, dass sich meine Seele meinen Körper zum Gefäß genommen hat. Diese Erinnerung formuliert mein Reiseziel aus: Zeit verlieren!

4
Fingernägel, Fußnägel

5
Weshalb ist sie nicht schon längst vergangen, untergegangen, diese Zumutung von Stadt? Sie übertreibt das Dunkel, das ich in ihr sehe, ich nehme es von ihrer Oberfläche. Ich streiche durch ihr Haar, wie ich durch einen finsteren Saal streife, streife ihr Inneres in mir ab. Was ich in der Überwältigung fühle? Zusperren müsste man sie, diese Stadt! So fühle ich! Diesen Zauber konservieren! Festhalten! Gefangennehmen!

6
Die Nacht ertönt in 100 Gesängen. Das Plätschern der Wasserstraßen. Das Landen der Flugzeuge. Das Motorengeräusch der Boote. Das Anschlagen einer Kirchenglocke. Möwen. Enten. Mein ruhiger Atem. Hier ist Straßenlärm das Aufschlagen eines Paddels im Kanal.

7
Ich bin wie erschlagen. Ich bin nicht durchlässig für irgendetwas. Ich bin zu klein für diese Kulisse, für den großen Bretterboden aus Marmor. Ich bin beschäftigt mit meiner Not. Mit meiner Intensität und unserem Zugleich. Ich möchte nicht schlafen gehen, weil die Zeit so kurz ist. Die Zeit kommt. Es ist die Zeit. Jetzt. Ich bin beschäftigt mit mir. Verändert durch deinen Aufprall in mir. Ich bin beschäftigt mit dem Symbol dieser Stadt. Mit der Vergänglichkeit von der Wurzel ausgehend gedacht, von unten her, vom Grund auf. Ein Untergang . Alles steht auf wackeligen Beinen und blüht. Ich stammle.

8
Mein Herz geht über vor lauter Ästhetik, die üppig und fein ziseliert auf mich trifft. Hier stehen die Häuser und Brücken wie Menschen. Ich möchte nüchtern dahinfließen. Derweil lasse ich mich überwältigen vom Spiel des Innen und Außen. Jede Kirche birgt einen Schatz. Selbst ein Bettelorden leistete sich damals ein prunkvolles Chorgestühl. Alles andere hätte sich dem Tinzianblau von Gegenüber als unwürdig erwiesen. Auf der Grabplatte Monteverdis liegen zwei leicht angewelkte Blumensträuße. Und ein Taschenbuch, das mich irritiert.

9
Die Frau hantiert am improvisierten Blumenkiosk mitten am Campo Santa Margherita. Ein paar große Plastikbehältnisse fassen Schnittblumen, Gräser und Strauchäste. Gladiolen, Astern, Hortensien, Lilien. Auf einem Tischchen liegen Papiere, Scheren, Schnüre, Kartons. In lässigem Tempo entsteht ein Strauß nach dem anderen. Keiner gleicht dem vorangegangenen. Sie arrangiert Gewöhnliches mit Ungewöhnlichem. Mit dem bunten Tuch in ihrem Haar, der flatternden Latzhose und der Zigarette im Mundwinkel, sieht sie selbst aus wie eine besondere Pflanze. Die Menschen stehen Schlange bei ihr. Es ist Samstag. Alle nehmen sich einen Strauß Gelassenheit und Freude fürs Wochenende mit nach Hause.

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Dass ich mich dir so unaufdringlich wie möglich offenbare, erweist sich als barmherzige Geste. Gehen wir von einem Molekül aus – nichts existiert unabhängig, nicht ein einziges Molekül, nicht ein Gedanke. So wacht das Geheimnisvolle über unserer Unschuld. Wir haben kein Rezept, nur eine Provokation.

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Hier eine Brille zu kaufen entspricht einem Klischee. Ich wähle eine gelbe. Sie steht mir. Wie feiern mit Prosecco und Espresso. Wir haben Gegenwart.

12
Ich schlafe mit 50 Gelsen im Zimmer. Ich genieße den unterbrochenen Schlaf. Ein leichtes Beben stellt sich ein, das Körperbeben bleibt den ganzen Tag über. Ab und zu leuchte ich auf, blitzartig, unkontrolliert, einer Wunderkerze gleich.

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Wie fühlst Du Dich? Ich fühle das Meer unter meinem Arsch.

 

 

 

Trost

1
Ich stehe zögernd auf der Schwelle und schaue, ob mein Schlüssel passt, für etwas, das in Vergessenheit geraten ist.

2
Auf meiner Autofahrt in die Arbeit singe ich, damit meine Stimmbänder nicht ganz verrosten. Ich singe Lieder aus meiner Erinnerung. Heute ist „Foah ma hoam…“ dran, die Gruppe Broadlahn hat es einmal interpretiert. Ab der Liedzeile, in der der Rauhreif auf der Wiese vor der Hütte besungen wird, beginne ich zu weinen. Es gibt momentan keinen Grund, den Tränen freien Lauf zu lassen. Alles ist gut, und trotzdem bringe ich keinen Ton über meine Lippen.

3
Mein Freund leidet sehr an der sozialen Isolierung. Einmal in der Woche kommt der Nachbar zu Besuch. Gott sei Dank. Den Rest der Woche  lebt er für und mit seinen Hühnern. Sie bedeuten Leben im Haus, Beschäftigung, vier frische Eier am Tag.

4
Ein rotes Blatt  – es stammt wohl von einer Dahlie– liegt am langen, grauen Krankenhausgang am Fußboden. Es entfaltet eine große Wirkung.

5
Nach dem Film stelle ich mir die Frage: Was ist richtig? Die volle Wahrheit bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu erfahren oder ein Darüberhinwegleben und –feiern? Der junge, chinesische Arzt im Film sagt einen erstaunlichen Satz: Ja, es ist eine Lüge, aber es ist eine gute Lüge!

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Tanzen

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Es ist nötig, die Angst der anderen zu teilen, selbst wenn man keine eigene Angst hätte. Es ist eine Form, sich der schlichten Schönheit des Zusammenhaltens im Aufgeschmissensein zu bedienen.

8
Die sterbenskranke Opernsängerin tröstet sich damit, dass sie sich eine wunderschöne Urne aus Meissener Porzellan gekauft hat. Darin will sie sich aufbewahrt wissen.

9
Sie verstand es, alles in Schönheit zu verwandeln. In Kunst zu verwandeln, ohne je von der Welt abgewandt zu sein. Die niederdrückendsten Selbstzweifel, Todesbetrübnis, Trauer, Angst vor der Gegenwart. Daraus wird das vertrocknete Blumenarrangement gegenüber, im Fenster zum engen Lichthof. Die erste Schwalbe des Sommers. Die berauschende Lektüre. Die Ekstase des Schreibens selbst. Kunst muss erschüttern, sonst ist es mit dem Trost nicht weit her, sagte sie. Sie sprach vom Denkflattern von der Schädelfreude, vom Hirnwunder, von der Kopfheiligkeit.

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Ich bete liebend gerne mit dem Kopf in den Sand. Ich will nichts sehen und hören, ich will, dass alles harmonisch und im Lot ist. Ich bete natürlich, weil ich liebe. Lass es nie aufhören!

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Mir geht durch den Kopf, wie gut es ist, Kinder zu haben.

 

 

Frohsinn

1
Oft steht mir der Sinn nach jener Art Humor, der freundlich und gewinnend daherkommt, der alles leicht nimmt und leichter macht.
Der sich – wenn alles gut läuft – entwickelt, sobald man sich mit der Geburt eines eigenen Kindes selbst ein Stück aufgegeben hat. Ich will mich selber nicht allzu ernst nehmen; eine Zeit der reinen Fröhlichkeit ausrufen, eine Farbenlehre der Freundlichkeit.

2
Das ist die Biographie eines Freundes, zusammengefasst in einem Satz: Wenn er müde ist, macht er gleich im Sitzen ein sehr kurzes Nickerchen, um beim Wiedererwachen zu verkünden: „Hab mir ein paar schöne Engel gekauft!“

3
Den ganzen Morgen über fühle ich mich schwer. Unsicher. Ob ich das Richtige mache. Ob es gut ist, das eine zu tun und das andere zu lassen. Ich grüble vor mich hin. So lange, bis ich einen Schritt vor die Tür mache, einen kurzen Schimmer Sonne erwische, mich am Handy verwähle und unabsichtlich meine Schwester anrufe. „Oh – ich hab mich verwählt, guten Morgen, ist alles gut?“ Gleich danach lege ich wieder auf und mit einem Mal bin ich glücklich darüber, auf nichts warten zu müssen, weil alles schon da ist.

4
Ich habe Dich heute als unsichtbaren Zaungast mit in die Ausstellung genommen und vertrauensvoll zwischen den Karikaturen aufgehängt.

5
Monika zeigt mir ein Kurzvideo. Ein Baby-Turmfalke ist darauf zu sehen. Er wird mit einer Pinzette mit Mäusefleisch gefüttert – aus der Hand einer Vogelkundlerin, die den Vogel gerettet hat. Der Falke zetert, regt sich fürchterlich auf, jammert, als ob er das ärmste Wesen der Welt sei und schnappt schlussendlich doch das Dargebotene. Seine Schimpftiraden werden mit jedem Leckerbissen versöhnlicher, bis er fast fröhlich das letzte Stück Fleisch gnädig annimmt.

6
Krise ist immer irgendwo.
Deshalb: planen wie Epikur:

  • in einem Garten eine Philosophenschule gründen
  • Gedichte lernen
  • unabhängig sein von den großen Begierden und den äußeren Geschehnissen
  • das Diesseits lieben
  • Seelenruhe und innere Gelassenheit erlangen

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug und wer fast nichts braucht, hat alles!

 

 

 

Paar

0
Die Autofahrt über die Großglockner Hochalpenstraße (bildschön und spektakulär) und die Zugreise von Salzburg nach Zürich (entspannt und verträumt) sind besonders. Der Zug ist nicht voll, es gibt einen Speisewagen und ein langsames Herantasten an die Mitreisenden.  

1
Die Beiden, die wir in der Stadt besuchen, sind ein Hit. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar. Sie leben in getrennten Wohnungen, zusammen mit Büchern und Kunstwerken. Ein respektvolles Nebeneinander. Gezankt wird trotzdem. Man hört gerne zu, wenn sie erzählen. Zum Beispiel von ihren großen und kleinen Lieben. „Meine Kinder, Deine Kinder, unsere Kinder…“. Sie passen nicht so recht in diese aalglatte Stadt, die langweilig daherkommt. Wie soll ich mir hier Robert Walser, Bruno Ganz oder Pipilotti Rist vorstellen?

2
Er: Mein erstes Date mit ihr hatte ich im „Weißen Wind“. Da servierten sie Stierhoden als Spezialität. Diese Probe bestand sie. Ich brachte sie mit dem Auto nach Hause, verabschiedete mich leidenschaftlich. Daraufhin erwiderte sie: „Verschwinde schnell, sonst nehme ich Dich mit ins Haus!“

3
Wir schlendern mit ihm durch das Uni-Gelände. Ich befrage ihn nach drei Ringen an seinen Fingern. Der Siegelring, von der Mutter geschenkt, und der Ring seines Sohnes, den er seit dessen Tod trägt. Den dritten, einen ägyptischen, gibt es doppelt. Der andere fand Platz an ihrem Finger: vor vielen Jahren, während eines Fluges in die deutsche Heimat, hoch in den Lüften, als improvisierte Hochzeit an ihren Finger gesteckt.

4
Er: Bei einem Antiquitätenhändler sehe ich eine Taschenuhr, begutachte sie, finde Gefallen an ihr, denke mir, ich muss ja nicht alles haben, was mir gefällt, und verlasse unverrichteter Dinge den Laden. Das schöne Stück geht mir nicht aus dem Sinn. Am darauffolgenden Tag bin ich so weit, zu denken: Warum soll ich denn nicht haben, was mir gefällt! Ich gehe zum Händler. Die Uhr ist weg. Schon verkauft, leider! Ein halbes Jahr später bekomme ich sie von ihr als Geschenk verpackt zu Weihnachten.

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Sie: „Alles in Butter!“

6
Am Abend sitze ich in seiner Wohnung auf der Terrasse und schaue auf die Stadt hinunter. Frisch geduscht, gestärkt mit Kaffee und Schweizer Schokolade. Nach dem gemeinschaftlichen Tagesausflug mit dem Schiff über den See auf die Insel Ufenau bin ich jetzt alleine. Auf seinem Terrassentisch steht eine Buddhafigur, in der Ecke lehnt eine Krippe, geschnitzt aus einem großen Stück Holz. Räucherwerk, Kerzen und Tabakbesteck. Ein Aschenbecher, aus Beton gegossen. Ornament. Auf dem Betonsockel eine lebensgroße Mutter-Kind-Skulptur. Hier wird wohl meditiert. Auf einem Holzbrett an der Wand macht ein Engel einem anderen scheinbar einen Einlauf, daneben:  ein Frauenakt. In der Wohnung gibt es sicher zehn solcher Akte. Er mag Frauenkörper.
Im Badezimmer hängen fast ausschließlich Fotos von ihr; im Wohnzimmer ein überdimensionales Ölporträt von ihr. So hat er sie immer bei sich, wenn sie getrennt von ihm lebt.

7
Vor dem Schlafengehen trinken wir Champagner aus den Moser-Gläsern seiner verstorbenen Mutter. Sie haben einen breiten Goldrand aus 14 karätigem Gold.  Das Geschirr, das die Englische Königin verwendet, war gerade gut genug für seine Mutter.

8
Am Morgen serviert mir der Mann schlaftrunken eine Tasse Kaffee. Fein gemahlenes Kaffeepulver, ein Stück Schokolade, aufgebrüht mit kochend heißem Wasser. Er ist noch kein Greis, aber schon lange auf der Welt. So wie früher trägt er Schwarz. Die Pyjamahose ist lang und weich, das T-Shirt ausgebleicht und schlottrig an seinem Körper hängend. In der Besteckschublade liegt Silberbesteck.

9
Sie wohnt unten. Der Barockengel wirft seinen Schatten durch den Glasterrassenboden nach oben zum Nachbarn. Dieser fühlt sich gestört. Vom Schatten des Engels. Philipp Roth schreibt von seinem Wunsch, jeden Abend die reinweiße Unterhose gleich einem Engel in den Wäschekorb werfen zu wollen.

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Hemina, das Maß des heiligen Benedikt von Nursia für die tägliche Ration Wein. Im Kloster Einsiedeln wurde entschieden, es in 50 cl-Flaschen abzufüllen, obwohl niemand genau weiß, wie viel der Vorschlag des Heiligen beinhaltete.

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Unter der Bahnhofstraße, da liegen die Goldbarren. In dieser Stadt geht es nicht um Gefühle. Hier fehlt ein heftiger Crash. Oder wenigstens Dreck auf den Straßen. Alle sprechen Dialekt. Niemand fährt schwarz. Alles solide. Alles höflich. Alles in Erd- und Steinfarben. Alles unbeweglich. Nur nicht das Wasser. Der Fluss hier heißt Limat. Ich nehme das Wort wie Eis auf die Zunge.

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Er: Bescheidenheit ist die widerlichste Form des Egoismus, sagte mein Großvater. Daraufhin macht er mir noch eine Tasse Kaffee.

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Sie arbeitet an einem Text über zwei sich ähnelnde Gemälde, die eine osteuropäische Braut darstellen. Warten ist der Titel.

 14
Das jahrelange Leben im slowakischen Dorf war die Erfüllung eines Traumes. Es war allerdings zu viel. Zu viel Arbeit. Zu viel offensichtliche Korruption. Zu wenig Sicherheit.
Außerdem kann man hier, wenn man will, dem Leben offiziell ein Ende setzen.

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Die Beiden kennen Kapitalismus und Kommunismus von Innen. Ersterer behält die Oberhand. Weil seine Korruption verdeckt ist. Und scheinbar demokratischer. Leszek Kolakowski hilft denken. Und Bruder Klaus möge uns alle beschützen. Zum Schluss zitiert er den Sonnenhymnus des Echnatons. Um leichter zu werden im Kopf. Es fügt sich alles, weil alles vergeht.

„Schön erscheinst du im Horizont des Himmels,
du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land.“

16
Bis zur Abfahrt meines Zuges dauert es noch. Es regnet. Die Menschen tragen Gummistiefel. Mein Mantel ist schon nass. Ich muss mir einen Regenschirm kaufen. Ich nehme einen blau-weiß-schwarz gestreiften.
Im Bahnhofsrestaurant stellt die Kellnerin mit großem Schwung Teelichter in geschmackvollen Behältnissen auf die Tische: „Ein bisschen Stimmung in den tristen Tag!“  Der Mann am Nebentisch jammert, ihm fehle die Frau dazu. Die Kellnerin: “Aber da laufen ja so viele vorbei, ist denn keine für sie?“
Auch hier wirft ein hängender Engel seinen Schatten. Diesmal nach unten. Ein „Philosophisches Ei“ mäandert hoch oben durch die Fensterfront. Ich denke an Wien und verstehe: Daheim in Wien.

Kuss


1
Heute hat mich beim Verabschieden nach einem Gespräch ein Patient mitten auf den Mund geküsst. Es war nicht unangenehm oder übergriffig. Dennoch war ich sehr überrascht!

2
Du schickst mir ein Kuss-Foto von uns beiden aus vergangenen Tagen. Da, wo unsere Lippen einander berühren, entsteht eine kunstvoll geschwungene Linie.  Ich zeichne diesen Slalomschwung mit meinen Fingern in der Luft nach.

3
Er wendet sich der Gastgeberin zu und erhebt das Glas auf sie. Unvermutet küsst er sie. Länger, als es der Anstand gebietet. Der Gastgeber und Koch weist auf mögliche Eifersuchtsszenarien hin, schöpft allerdings ruhig noch eine Portion Nudeln auf den Teller. Auch das geschieht mit natürlicher Eleganz. Plötzlich wird aus dem Mittagessen ein Festmahl.

 

Denken


1
Ich hatte in den vergangenen Monaten Zeit dafür.
Das allein genügt nicht, begünstig allerdings das Vorhaben.

2
Nachdenken…
…über das Ende der Tage
über Zuversicht
über Abwegiges
über die zündende Ideen
über bescheidenes Leben
über Trägheit
über Langsamkeit
über Unwissenheit
über eine einsame Insel und Natur
über meinen Rückzug
darüber, wie vieler Schritte es bedarf, die Handysignatur zu installieren
darüber, ob ich noch anarchisch denken kann

Alle meine Mitbewohner*innen denken. An die Ökologisierung des Weinbaus. An den ersten Moment des Wiedersehens; daran, was der nächste Anrufer wohl will; an die Grundaufgeregtheit dem eigenen Leben gegenüber; daran, ob es Sinn macht, eine Busreise ins Stift Schlägl zu machen; an Murau und an ihn; an das Befüllen des Muttertagskorbes; daran, wann es wieder normal wird; an das Leben, das schöne; an die Liebe und an die Arbeit im Atelier.

Ohne Bedeutung keine Gedanken. Was nun?

3
Mein Mann sagt: „Zuerst nachdenken, dann reden.“  Er denkt immer noch.

4
Die Ökonomie verliert für einen Moment ihr Primat, die Natur darf sich einen Atemzug lang erholen und die Menschheit darf nachdenken. Es gibt kaum Wolken am Himmel, die paar wenige versammeln sich akkurat direkt vor der Sonne.

5
Welche ungeheure Leistung heute ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut! Es bedarf vieler Sprünge der Aufmerksamkeit, die Anstrengungen der Augenmuskeln, die Abgleichung der Gehörnerven, das Ausgesetzsein des Geruchsinns, die Pendelbewegungen der Seele,… um sich im Fluss eines Tages aufrecht zu halten. Wir müssen in rasantem Tempo sehr genau schauen und abwägen und wählen.

6
Menschen, die alt werden und geschmeidig bleiben im Denken, glauben an ihr Bewusstsein. Das ist eine Alternative. Ich möchte mit den Jahren nicht verstummen!

7
Denken hilft beim Fühlen nicht.