KategorieAlle Sieben am Tisch

Denken


1
Ich hatte in den vergangenen Monaten Zeit dafür.
Das allein genügt nicht, begünstig allerdings das Vorhaben.

2
Nachdenken…
…über das Ende der Tage
über Zuversicht
über Abwegiges
über die zündende Ideen
über bescheidenes Leben
über Trägheit
über Langsamkeit
über Unwissenheit
über eine einsame Insel und Natur
über meinen Rückzug
darüber, wie vieler Schritte es bedarf, die Handysignatur zu installieren
darüber, ob ich noch anarchisch denken kann

Alle meine Mitbewohner*innen denken. An die Ökologisierung des Weinbaus. An den ersten Moment des Wiedersehens; daran, was der nächste Anrufer wohl will; an die Grundaufgeregtheit dem eigenen Leben gegenüber; daran, ob es Sinn macht, eine Busreise ins Stift Schlägl zu machen; an Murau und an ihn; an das Befüllen des Muttertagskorbes; daran, wann es wieder normal wird; an das Leben, das schöne; an die Liebe und an die Arbeit im Atelier.

Ohne Bedeutung keine Gedanken. Was nun?

3
Mein Mann sagt: „Zuerst nachdenken, dann reden.“  Er denkt immer noch.

4
Die Ökonomie verliert für einen Moment ihr Primat, die Natur darf sich einen Atemzug lang erholen und die Menschheit darf nachdenken. Es gibt kaum Wolken am Himmel, die paar wenige versammeln sich akkurat direkt vor der Sonne.

5
Welche ungeheure Leistung heute ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut! Es bedarf vieler Sprünge der Aufmerksamkeit, die Anstrengungen der Augenmuskeln, die Abgleichung der Gehörnerven, das Ausgesetzsein des Geruchsinns, die Pendelbewegungen der Seele,… um sich im Fluss eines Tages aufrecht zu halten. Wir müssen in rasantem Tempo sehr genau schauen und abwägen und wählen.

6
Menschen, die alt werden und geschmeidig bleiben im Denken, glauben an ihr Bewusstsein. Das ist eine Alternative. Ich möchte mit den Jahren nicht verstummen!

7
Denken hilft beim Fühlen nicht.

 

 

 

 

 

 

Geste


1
Ich verabschiede mich von dir. Deine immer wiederkehrende, vertraute Geste, wie du die Hand hebst, mit der typischen Haltung jedes einzelnen Fingers zueinander, in deinem Tempo, deinem Rhythmus, dieses Wiedererkennungsmerkmal, das dich von allen anderen acht Milliarden Menschen unterscheidet, sehe ich heute, als hätte ich es noch nie gesehen. Ich löse mich auf beim Anblick dieses flüchtigen Augenblicks, der mir in seiner Einmaligkeit fast das Herz bricht.

2
Das Herz ausschütten.
Das stell ich mir jetzt einmal bildlich vor.

3
Ein Handwerker verlässt das Haus. An der Gartentür schüttelt er dem Hausherrn die Hand. Ich sehe das beim Vorbeigehen und zucke kurz zusammen – wir sind doch mitten in einer Pandemie! Danach bin ich lang irritiert von meiner Reaktion.

4
Er liegt im Bett. Sie sitzt neben dem Bett und hält seine Hand. Schlicht ist das. Im Anbetracht seines schnellen Davonmachens bekommt dieses Geschehen teure Bedeutung: das Halten der Hände und ihr Blick wird zur letzten zärtlichen Vertrautheit am Sterbebett.

 

 

 

 

 

Sex


1
Im Alter wolle er nur mehr Kuschelsex, Sex vom Feinsten, meint der Mann, dem ich in der Krankenhaus-Cafeteria zufällig begegne. Wie sieht das nun aus mit den sexuellen Bedürfnissen von Menschen in den Krankenhäusern? In den Pflegeheimen und Hospizen? Haben wir das schon zur Genüge geklärt?

2
Beim Hören einiger Folgen des Podcasts über Sex, den zwei junge Frauen gestalten, merke ich mein fortgeschrittenes Alter. Ihr Wortschall aus einer mir fremden Mischung aus Aufklärung und Konservativismus überschüttet mich. Sie singen das Hohelied der Masturbation. Sie begeistern sich ob der vielen handlichen Dinge, die man zu diesem Thema kaufen kann. Sie machen alles richtig. Ich rede mir selber gut zu, sage mir, dass ich dankbar bin, eigene Erfahrungen der anderen Art gemacht zu haben, schütze mich dadurch, dass ich mir einrede, sowieso nicht genau zu wissen, ob da im Podcast jetzt Menschen oder Roboter sprechen. Endlich drehe ich das Gekreische ab.

3
Meine Körperkompetenz hat ihren Höhepunkt dann erreicht, wenn sie ganzheitlich zur Überzeugung kommt, dass ich vor allem mich selbst erkenne durch dich. Ich halte diesen Zustand für das Schönste, das die Natur mir schenkt.

4
…ein Gebet vom Feinsten…

Zärtlichkeit

1
Im Versuch, mein Gedankenchaos zu ordnen, würde ich vier Bücher schreiben wollen. Wovon sie handeln müssten: von der Zärtlichkeit des Augenblicks, von der Unmöglichkeit, etwas festzuhalten, von der Farbe eines Libellenflügels und von deiner Hand auf meiner Wange.

2
Du verteilst blaue Wegwartenblüten auf dem weißen Leintuch und bemerkst dabei einen Zwirnfaden, den du mit einer leichten Bewegung zu Boden wischt. Du ziehst den Korken aus der Weinflasche. Sobald es dunkel wird, machst Du das Licht an. Danach gehst Du in die Küche, um die Suppe zu wärmen.

3
Ab dem Zeitpunkt, als ich bei der Hauptdarstellerin, die eine Zopffrisur trägt, jene Spangerl entdecke, die ich selbst als Kind getragen habe, nimmt er mich mit in seine Geschichte, der Film im Hauptabendprogramm.

4
Ich träume vom Stillsein, Schweigen, Aushalten.
Kommen unmöglich. Lüge folgt“ schreibt Marcel Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit.
Ist es ein Ausdruck von zärtlicher Gelassenheit, für zwei weitere Monate einfach still zu halten? Oder vielmehr ein Eingeständnis, keine Ahnung davon zu haben, was gerade geschieht?

5
Mein Wohlwollen gilt all jenen Menschen, die plötzlich ein vollkommen neues Betätigungsfeld bespielen: Contact-Tracing, ZOOM-Administration, Coronatelefon, Coronatestungen, Intensivstationen, Coronaimpfungen, und Kunst&Kultur.

6
Heute lege ich all meine traurige Empfindsamkeit in die verglühende Sonne, in die stürzende Schöpfung und in die Beobachtung meiner selbst.

Fest

1
Ich lege ein Tuch mit rot-orangen Farbklecksen auf den großen Tisch. Dann steige ich die Stiegen hinauf in den Garten, vorbei am spätherbstlich gefärbten Eschenbaum, um letzte Blumen mit ähnlichen Farben zu suchen. Ich gruppiere die gewählten Blumen in kleine Vasen und stelle sie auf dem Tisch neben den Klecksen ab.

2
Jedes Fest, das seinem Namen Ehre gereicht, ist radikal. Unproduktiv. Unnütz und verführerisch in Richtung Untätigkeit. Außerdem: „Ka guats Doaf, wos ned amol im Johr an Kiritog gibt!“

3
Im Dorf meiner Kindheit schneit es heuer vor Weihnachten derart viel, dass ich, selbst mit Schneeketten auf den Autoreifen, nicht hinfahren könnte. Die Züge pausieren auch. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen, dass das Dach die Last des Schnees nicht mehr hält. Den ganzen Tag über hört sie die Bäume stöhnen. Ich erwähne die Tiere im Wald. Welche Überlebensstrategie sie wohl haben? Der dritte Herbst in Folge, der die Natur an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Die unvergleichbare Stille, die die Schneemasse in sich birgt, setzt sich in die abgelegenen Winkel des Hauses.
Jetzt ist es gut, einen Holzherd zu haben und Batterien fürs Radio. Die langen Abende und die Angst versucht man mit Kartenspiel im Kerzenschein zu bannen. Wer kann, spielt Zither oder probiert es mit Familiengesang. Rosenkranzbeten hat früher schon nicht geholfen. Zum Schluss wird man einfach wortkarg, nimmt wieder die Schaufel und bahnt sich den Weg zum Hühnerstall und hofft.

4
Die Karte der weit verzweigten Landgemeinde wird heuer anhand von 24 Interviews abgesteckt und ins Internet gestellt. Sie erzählen mit dem je eigenen Blick auf die Weihnachts-Welt von damals. In einer mir vertrauten, verschwundenen Sprache. Erzählen von Lorenz Marie, für die die Mutter Kaffee kocht und vom Weg von der Kirche zur  Schule, durch den hohen Schnee, zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, von der Wasserleitung, eingebettet in ein Baumstamm-Holzrohr, die bei den winterlichen Temperaturen einfriert, dort, wo sie nicht tief genug vergraben wurde, vom Auffüllen des Weihwasservorrates am Stephanitag oder von der Einsamkeit am Sonnblick zu Silvester…Zum Schluss, im You-Tube-Abspann, ein leichtes Flirren des Logos, ein Nachflackern des Gehörten, als ob der Sprecher sich des Gesagten gar nicht mehr sicher wäre. Als ob die Erinnerung mit einer Träne in den Augen verschwände.

5
Wir waren sehr bedacht darauf, unseren Kindern nie das Märchen vom Christkind zu erzählen. Deren Reaktion darauf war, dass sie uns nicht geglaubt  haben, sondern den anderen, die das Christkind gesehen haben, wie es geheimnisvoll durch die dunklen Lüfte schwebt und Geschenke verteilt.

 

 

 

Verbundenheit

1
Zwischen zwei Terminen, zwischen Tür und Angel spricht sie aus, was den Tag krönt: Ich staune zunehmend über mein Erkennen, mit wie wenigen sozialen Kontakten ich glücklich sein kann. Meine Verbundenheit ist keine Frage des ständigen Sich-Treffens, ist viel feinstofflicher und überdauert räumliche und geographische Distanzen. Sind wir miteinander verbunden, ohne uns zu treffen?

2
Unser aller Gegner ist ein Virus. Und die eigene Gruppe ist die ganze Welt. Diese Verbundenheit ist einzigartig.

3
Mein Liebling zu mir: Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich dir Überheblichkeit unterstellen. Dieser Ausdruck einer Beziehungsunsicherheit lässt mich grübeln. Welche gemeinsamen Wachstumsaufgaben haben wir?

4
Den bislang makellosesten Augenblick des Jahres verbringe ich zu Füßen des Wasserfalls.  Die vollkommene Abwesenheit von Einsamkeit macht die Frage, wie viel ich davon vertrage, zur Gänze überflüssig. Die Berge, die in mir eine Fortsetzung finden, der Wasserstrom, der durch dich fließt. Die sprühende Gischt, ein unsichtbarer Schleier in der Luft um uns.

Wir sind ein Tempo, ein Rhythmus, eine Bewegung.

5
Der Radiomoderator stellt die vieles entscheidende Frage, was mich denn zu jener gemacht hat, die ich jetzt bin, und trifft damit meinen wunden Punkt: Ich brauche Dich!

 

 

 

Begleiten


1
Jahrelang schon gehen sie zu dritt, hintereinander, Tag für Tag und nehmen immer den gleichen Weg für ihren Spaziergang. Vorne die Tochter und mit einem Abstand von 200 Metern dahinter das Elternpaar. Sie nehmen für das große Ausschreiten täglich den gleichen Weg, vorbei an meinem Garten, von wo aus ich sie sehen kann. Einander im Schweigen begleitend, das Tagwerk vertretend, den Feierabend eingehend. Wie leben sie, wenn ich sie nicht sehe?

2
Ich werde Dich führen, wohin Du nicht willst.

3
Ich beobachte, dass es sich manchmal mit Lebensgefährt*innen, die in den späteren Jahren in ein Leben treten, so verhält, dass diese neuen Beziehungen in einer eigentümlichen Distanz wachsen. Einer Mischung aus Respekt und Kühle. Zu müde, sich noch einmal Hals über Kopf in ein neues Leben zu zweit zu stürzen, tut sich zum Gegenüber der späten Jahre ein verspielter Zwischenraum auf: sich bekochen lassen mit Obst und Gemüse der Saison, gemeinsam am Tisch sitzen, die Zungen in die heiße Suppe stecken, sie sich freiwillig verbrennen, versalzen ist sie nicht, den Mund noch einmal aufreißen…    .

4
Unlängst kommen wir in ein Gespräch darüber, welche zeitgenössischen Bauten uns gefallen. Das allererste Gebäude, das mir einfällt, ist unsere Leichenhalle. Seit einem halben Jahr gibt es sie. Und schneller, als mir lieb ist, stehe ich als Hinterbliebene in ihr, erlebe, wie ein Raum Gefühle steuert. Das Begräbnis ist ein traurig unabänderlicher Anlass, die Verstorbene in einem für den Tod annehmbaren Alter (es steht mir natürlich nicht zu, das zu behaupten) von uns gegangen und mein Abschiedsschmerz gilt zu gleichen Maßen den Erinnerungen an die unwiederbringliche Leichtigkeit der Kindertage und der Tatsache der eigenen Vergänglichkeit. Der Raum, ein zur Gänze geöffnetes Tor gleich einem Scheunentor, die Wand gegenüber eine Glasfront. Sichtbare Landschaft rundherum. Ich kann unbeobachtet entscheiden, ob ich meinen Blick in den Wolkenhimmel hefte, den nahen Wald oder an die Menschen, die zur Linken und Rechten der Toten Platz finden. Ich vermurmle den Lebenskreislauf mit den sich wiederholenden Gebeten, sehe den Zirbensarg selbstverständlich in unserer Mitte, weil doch gleich daneben eine frisch gemähte Wiese zu riechen ist, ein Flugzeug über den Himmel zieht und der Wind das Haar meiner Trauernachbarin zerzaust…

 

 

 

 

Leichtsinn


1
„Herauszufinden, was wir lieben, was wir glauben, das lässt sich nur mit Abenteuerlust und Leichtsinn bewältigen“, sagt Pater A., nachdem er nach verrichtetem Gebet sein Stundenbuch schließt. „Für jedes Abenteuer brauchst du Vertrauen, wissen kannst du nichts. So oft wie möglich leichten Sinnes in ein Wagnis eingehen, das macht mein Leben aus.“

2
Mein Mann rudert mit mir über den See. In die untergehende Sonne hinein. Der Himmel und die Berge rundherum in wunderschöne Lichtspiele verwickelt. Eine gekühlte Flasche Wein neigt sich dem Ende zu. Wir sind zufrieden, wie mir scheint. Mein Handy läutet, ich nehme den Anruf entgegen. Bestürzende Nachrichten gesellen sich zu uns ins Boot. Nachdem ich aufgelegt habe, halte ich meine Nase in den Wind, schnuppere nach der Leichtigkeit, diese zwei Welten zusammenzudenken.

3
Seine Schwester behauptet, glücklich war er nur als junges Kind. Zu seinem Begräbnis erscheinen zwei Männer, die ich noch nie gesehen habe. Sie schauen aus, als seien sie dem Mafiamilieu direkt entsprungen. Blütenweißes Hemd, schwarzer Anzug, dunkle Sonnenbrillen. Und vor allem: eine verwegene Ausstrahlung. Diese Typen mischen die Verabschiedungsparty auf. Geben ihr einen dekadent-glamourösen Anstrich, vergolden das Fest, beweisen durch Anwesenheit: der Verblichene war nicht ausschließlich ein vom Schicksal Geschlagener; nicht sein scheinbar dumpfes Dahinsiechen während der letzten Jahre im Pflegeheim bleibt, sondern eine Ahnung von den philosophischen Trinkereien mit diesen seinen Freunden, eine Ahnung von ausführlichen Reisen an die Nordsee, eine Ahnung von seinen geistigen Ausflügen, wenn ihn der lange Arm des patriarchalen Vaters nicht erreichte, um die Phantasie in Richtung Ekstase zu lenken. Einer Ekstase, die sich implodierte, die die vergangenen 60 Jahre nie mehr nach außen drang. Wir sahen: sein Fallen während eines epileptischen Anfalls, sein hervorragendes Gedächtnis, MonChérie und Raphaelo als Geschenke zu Weihnachten, seine düsteren Ansagen bei Familienfeiern, sein langes Schweigen.

4
Ich hab‘ noch viele Wünsche…

 

 

 

Erinnerung

 

1
Ich stelle mir die Frage, was es ist, das all jene Männer verbindet, die ein Handwerk gelernt haben. Eine schwer zu definierende Ähnlichkeit zeigt sich unter den Malern, den Tischlern oder den Gärtnern, die in diesem Krankenhaus arbeiten. Da ist ein Etwas, das alle an sich haben. Ich werde jedes Mal an meinen Vater, den Maurer, erinnert, wenn ich einen von ihnen zwischen Tür und Angel treffe. Eine Mischung aus Kraft und Staub und Gemütlichkeit, körperlichem Einsatz, Geruch und Feierabend. Etwas davon ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

2
Im Urlaub sitze ich jeden Tag am See. Ich schaue auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche und auf die schaukelnden vertäuten Boote. Ich schätze die Gnade der Wiederholung und ich bin dabei, mir Unvergänglichkeit einzuheimsen. Sie rieselt dennoch durch meine Finger wie der Sand am Seestrand.

3
Wir schauen uns eine Ausstellung in einer ehemaligen Fischhalle an. Alle Bilder und Fotografien zeigen den Verfall von Dingen: Collagen mit Schnittblumen, Rosen, Tulpen, Iris, großzügig arrangiert auf einem undefinierbaren Hintergrund. Auch: Fotos von verlassenen Gebäuden, den Dachboden eines alten Fabrikgebäudes, die Schwimmhalle eines geschlossenen Hallenbades, eine geschlossene Kanzlei, den Behandlungsraum einer alten Psychiatrischen Klinik. Derart festgehalten scheint das Abgebildete dem zeitlichen Strom des Vergehens entrissen zu sein.

4
In der ersten Nacht kann ich nicht schlafen. Die Kälber des Nachbarbauern schreien, weil sie von der Mutter getrennt wurden. In der zweiten Nacht ist es schon ruhiger.

5
Gespräche am Frühstückstisch im Haus meiner Kindheit: Der Name Franz Klammer ist mir bis heute in Erinnerung geblieben, obwohl Zuschauersport mich noch nie im Leben interessiert hat. Die Namen der unzähligen Bergspitzen der Dolomiten hingegen merke ich mir bis heute nicht. Es war wohl nie wichtig, sie zu kennen. Genauso wenig wie jene der Wasserfälle auf der anderen Talseite, die selbstverständlich den Weg von oben nach unten finden. Heuer kann man Eierschwammerl mit der Sense mähen und immer liegt jemand aus der großen Sippe im Sterben. Die Mutter hört letzte Nacht die Habergeiß rufen, so wie schon unzählige Male, immer dann, wenn jemand das Zeitliche segnet. Ob es sich dabei um die Schreie eines Kauzes oder um die Gebärklage eines Rehes handelt, ist jetzt nicht wichtig. Vom Vergangenen wissen wir nicht, ob es schon vergangen ist…

Habseligkeit

dürftiger, [kümmerlicher] Besitz, der aus meist wenigen [wertlosen] Dingen besteht

1 Gerhard erzählt: Ich bin Polizist. Am Ostersonntagmorgen greife ich gemeinsam mit einem Kollegen einen bekannten kleinkriminellen Obdachlosen auf, während er am Parkplatz des großen Einkaufszentrums im Freien Würstel grillt. Wohin geht ein Obdachloser in Zeiten von Ausgangssperre, denk ich mir, sage hingegen, Das hier ist verboten, Würstel grillen um halb sieben auf einem öffentlichen Parkplatz! Ich lösche das Grillfeuer mit der vermeintlich unscheinbaren, transparenten Flüssigkeit im Tetrapack, der in unmittelbarer Nähe steht. Eine Stichflamme zischt empor. War wohl Wodka drinnen. Mein Kollege und ich bringen den Landstreicher ins Dorf an der Grenze. Er ist tschechischer Staatsbürger und wird von uns angewiesen, zu Fuß über die Grenze zu gehen. Zwei Stunden später, wieder zurück am Polizeiposten, kommt ein Anruf rein: Einbruch in einem Privathaus im (zuvor besuchten) Grenzdorf. Es fehlen zwei Flaschen Whisky und Würstchen aus dem Kühlschrank.

2 Weil Wohlstand nicht satt macht, denke ich darüber nach, was ich vermisse: Einen Kapitän, der mich blinde Passagierin mitnimmt auf seinem Frachter, den Donauweg von Wien bis Sulina.

3 Es ist mein Glück, einen Menschen zu kennen, der die Bereitschaft zeigt, auch gewöhnliche Gedanken zu teilen; jene Habseligkeiten zusammenzutragen, die jede dunkle Hütte erhellen.

4 Mein Licht ist ein Abschiedslicht, meine Form, die Dinge zu sehen, ist ein permanentes Abschiednehmen: Haben, als hätte ich nichts.