KategorieAlle Sieben am Tisch

Kochen


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Meine Bekannte hat sich einen Kochroboter gekauft. Sie, die Kochen stets auch als Mittel gegen allzu depressiv-traurige Gedanken einsetzt, setzt jetzt auf Unterstützung durch intelligente Technik. Intelligent war meine Bekannte vorher schon. Wie wird jetzt von ihr zubereitetes Essen schmecken?

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Heute werde ich daran erinnert, dass man Polsterzipf backen könnte. Und Äpfelknödel mit Zimt und Butter. Meine Küche ist im Alltag viel zu aufwändig.

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Ich lese ein Stück Papier von der Straße auf. Es ist eine Einkaufsliste. Drauf steht: Leberpastete, Zitronen, Fischfilets, Rosinen, Striezel, Katzendosen. Ich komme nicht umhin, darüber nachzudenken, welcher Haushalt dahinter stecken mag.

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Der Portier im Krankenhaus schenkt mir ein Stück Kardinalschnitte und kocht mir einen Espresso.

Brot


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Ich bringe meine Seele dazu, nichts Irdisches zu vergöttern und mich frei zu machen vom weltlichen Ballast. Gleichzeitig esse ich mein Brot und trinke meinen Wein und wärme mich bei einem Mann, den ich liebe. Welche Farbe hat sie, meine Seele und wie schwer ist sie?

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Der Künstler bäckt sein Brot im selbstgemauerten Ofen im Garten. Er hat Jahre dafür gebraucht, den perfekten Sauerteig herzustellen. Das Mehl, der Ofen, das Holz, die Zeit. Alles muss in richtiger Ballance zueinander finden. Dann erhält er Brot mit der richtigen Konsistenz, Kruste und Feuchtigkeit im Inneren. Alle drei Wochen heizt er den Ofen an.

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Ich gehe am Morgen beim Fenster der Krankenhausküche vorbei. Mindestens 8 Personen stehen am Fließband, angezogen mit Schürze, Maske, Handschuhen. Mit dieser Verkleidung ist nahezu niemand erkennbar, alle sehen gleich aus. Sie verteilen die verschiedenen Details des Frühstücks, das die Patient*innen in Kürze bekommen werden, auf Tabletts: Brot, Marmelade, Butter, Kaffee. Ich stelle mir vor, was von dieser Situation noch spürbar ist, wenn das Frühstück bei der Zielperson landet?

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Gestern Abend habe ich vor lauter Schusseligkeit Jesus und meine Büroschlüssel im Kanal versenkt.

Kindheit


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Im Kaffeehaus schreit ein junger Vater seine Frau und seine zwei Kindern an: „In welche Scheiße habt Ihr mich denn geritten?!“ Der Zweijährige weint, weil er von der Bank gefallen ist. „Der Bursche geht mir so am Arsch wenn er dauernd rauf und runter will!“. Die Frau stillt das Baby und versucht zu schlichten: „Du musst den Kleinen in den Arm nehmen, er braucht Körperkontakt!“. Der Vater poltert weiter. Zwischendurch hängt er am Handy und managt lautstark seinen erfolgreichen Startup Betrieb. Am Telefon ist er wie ausgewechselt. Freundlich, eloquent, humorvoll. Ich gehe leider nicht zur Frau hin um ihr zu empfehlen, sich lieber heute als morgen von diesem Menschen zu trennen. In diesem Fall ist scheint mir ein Alleinerzieherinnendasein auf jeden Fall einfacher!

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Wir trinken Grünen Veltliner im Rüdigerhof. Sehr wienerisch. Der Wein schmeckt nach Österreich. Die Spaghetti schmecken so, wie bei meiner Mutter daheim. Die Nudeln sind ganz durch.

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Ich halte mich angeblich zu 99 Prozent unter Kontrolle. Diese Zuschreibung erschreckt mich.

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Die berühmte Schriftstellerin sagt, alles worüber sie schreibt, sei in ihrer Kindheit grundgelegt.

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Im Gespräch mit meiner Schwester kommt Mutter vor. Natürlich. Wenn es darum geht, dass wir Geschwister es gelernt haben, stark zu sein und viel zu leisten. Dass fünf von uns sechs Frauen sind, ist ein Detail am Rande. Wenn jetzt mit zunehmendem Alter die Kräfte schwinden, müssen wir sie besser einteilen. Wir werden uns ein Spiel daraus machen, nein zu sagen.

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Ein ehemaliger Arbeitskollege ruft mich rund um die Feiertage an. Er hat eine verschrobene Sprache und mittlerweile einen vergangenheitsverliebten Blick auf eine untergehende Welt voller Wärme und Zauber. Ich lasse mich ein. Ich denke an die Stube bei meinen Großeltern zur Weihnachtszeit. Ich liege im Bett über dem Kachelofen. Rund um mich eine dunkelbraune Wandtäfelung. Die königrufende Kartenrunde am Tisch, im Eck dahinter die Krippe, umrahmt mit Fichtenzweigen, selbstgebastelten Papierblumen und Lametta. Ich schlafe ein und werde geweckt von der Stille nach dem Kartenspiel. Die Anwesenden nippen andächtig an den Schnapsgläsern.

Weihnachten


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Gestern Abend, eine wunderbare Theatervorstellung im Grünberg & Bronski: Effi Briest. Da wird einmal ein „alter Stoff“ vortrefflich in die Gegenwart übersetzt. Sechs Männer spielen sich die Seele aus dem Leib. Ein Zitat aus dem Theaterstück, es wurde sogar mehrmals wiederholt: „„Ich möchte, dass Du mir sagst, was ich in der Früh anziehen soll und wen ich wählen soll. Ich möchte, dass Du mich dazu zwingst, vegan zu werden, allein schaffe ich das alles nicht!“

2
Wir erkundigen uns bei meinem Cousin nach einem schönen Schneewanderweg in Apriach. „Zwischen alter Volksschule und Stockmühlen lasst‘s das Auto stehen und dann einfach rauf ins Lärche!“

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Ich lasse meinen Führerschein ins Kartenformat umschreiben. Dazu muss ich auf die Behörde. Hier hat man grundsätzlich das Gefühl, mindestens zu stören. Oder kleinkriminell zu sein. Die Schreibweise meines Namens im alten Führerschein stimmt nicht mit jener im Zentralmelderegister überein. Das war damals wohl ein Fehler der Behörde, den ich bemerken hätte müssen. Ich habe es verabsäumt, vor 32 Jahren die Behörde zu kontrollieren. Das Problem ist immer das „ß“. Auf diesem Amt ist es auch nicht möglich, mein Passfoto in digitaler Form zu schicken oder zu hinterlegen. Die Frau hinterm Tisch schreibt noch mit Tinte und Federkiel. Ich verabschiede mich unabsichtlich mit „Frohe Ostern“; wollte Frohe Weihnachten wünschen. Das Ganze war ein sehr poetisches Erlebnis für mich!

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Ich bestelle mir eine Sonnenbrille im Internetshop. Mein Pupillenabstand ist 66 mm. Das hat meine Laptopkamera fast wie von Zauberhand abgemessen.

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Voll geil! Schick mir mehr von diesem Zeug!
Soweit die Reaktion einer Freundin auf ein Foto, das ich ihr per WA zukommen lasse.
Ist das schon Literatur?

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Am großen Weihnachtsfamilientisch frage ich die nächste und übernächste Generation, in welche Netzwerke ich als schrullige Alte unbedingt einsteigen solle.

Wir reden darüber, dass TikTok doppelt so viele User*innen hat als Facebook und Twitter zusammen.
Meine Nichten und Neffen verschicken keine Weihnachtskarten, sondern schneiden kleine Kurzfilme von der Weihnachtsfeier zusammen und stellen das zur Verfügung.
Meine Tochter findet WA sehr anstrengend, weil man da mit jedem und jeder einzeln kommunizieren muss.

Mein Bruder hat vor zwei Monaten geheiratet. Das „Danke“ und die Hochzeitsfotos verschenkt das Brautpaar als QR-Code an alle Gäste.

Am Abend spielen wir ein Fragespiel, entnommen aus dem Podcast Gemischtes Hack. Es ist ein Kartenspiel. Man kann es ganz einfach in die Hand nehmen und braucht kein Handy dazu. Man kann es bei Kerzenschein spielen.

Meine Mutter schenkt mir ein Buch, es wurde auf Ö1 vorgestellt und könnte mein Gefallen finden.

Auf meinem Nachtkästchen liegt ein wirklich guter Krimi!

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Familie reicht wieder.
Ich bin fine damit.

Reiz


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Die Irritation ist zum Reiz gedacht.

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Die Landesausstellung hatte ein paar Highligthts:

…die Farbe des Schlosses…
…die Info, dass die jungen Störche vorausfliegen in genetich bedingter Sicherheit, was die Zielrichtung angeht. Die Altvorderen müssen sich noch eine Woche lang erholen von der schweren Arbeit der Brutpflege. Auf Gibraltar warten sie zusammen…
…die March fließt stromaufwärts, wenn die Donau Hochwasser trägt…
…das ausgestopftes Modell einer Blauracke…
…die unterschiedlichen Körnungen des Sandes in der Region, ihrer Flüsse und Dünen…
…unter uns: die Alpen (aber das wusste ich schon!)…

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Sauna ist wunderbar heiß!

Hochzeit


Foto: Sara Foser

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Momente produktiv annehmen und aus Gesprächen den größtmöglichen Spaß destillieren. Ich schrieb mir das als Überschrift über die vielen Hochzeiten, die mir in diesem Sommer nach Corona blühten.

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Am Abend kocht die Tochter ein wohlschmeckendes Abendessen für die ganze Sippe. Eierschwammerl, Steinpilze, Hühnerfilet, frische Erdäpfel, Salate und Kräuter aus dem Garten. Wir reden über Familienkram, Hochzeiten, Schwiegermütter und Schwiegertöchter. Die Männer halten sich im Hintergrund und gehen entweder zur Weinbauvereinsitzung (Frauen sind da nicht zugelassen, obwohl man sich selber dazu eingeladen hätte) oder in einen tiefen Körperschmerz.

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Wo sind die Männer, die uns das Wasser reichen können???

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Er und sie wollen ihr Glück teilen und heiraten.
Ich und du nehmen es und beenden den Abend mit einem Streit.

5
„Bist Du grantig?“
Diese Frage bringt mich auf die Palme!

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Liebe = Schmerz

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Ein Universum zu sein für jemand anderes, so viel kann man vom Leben gar nicht verlangen.

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Der Bräutigam steigt auf dem Fußweg zur Kirche mit den glänzenden Hochzeitsschuhen in einen Haufen Kuhscheiße. Er streift den Schmutz in die Wiese und jemand nimmt ein Taschentuch und putzt den Rest weg. Alle gehen weiter in Gelassenheit, leicht und festlich.

Nackt II


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In Ö1 gestalten die RadiomacherInnen eine Sendung über das Nacktsein auf der Bühne.

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Der Mann im Stehkaffee an der Tankstelle ist verwahrlost gekleidet. Er zählt sicher schon an die 80 Jahre und weckt ein mitleidiges Gefühl in mir. Weil ich vergangenes Wochenende nur geprasst habe, nicht darüber nachgedacht habe, was das alles kostet. Der Mann zahlt mit einem zerknitterten 5 Euroschein. Die Hände sind voller Sommersprossen.  

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Er onaniert im Bett. Sie onaniert in der Badewanne. Ich onaniere nirgendwo gern. Außer ich erwache mit einem aufdringlichen Vibrieren zwischen den Beinen und es fast gar keiner mechanischen Unterstützung mehr bedarf, zu einem Lustgefühl zu kommen. Ansonsten ist mir das zu anstrengend und ein bisschen zu blöd.

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Mammographie, das ist noch blöder.

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Zwei ausführliche Gespräche im Krankenhaus:
Einmal sind Kinder Thema.
Ihre verlorenen Kinder. Kinder, die nur kurz leben und kurz nach der Geburt sterben.
Sein Thema sind seine Zähne und das Unglück.

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Hab schon wieder gebrauchte Klamotten geschenkt bekommen. Gut, dass ich diesbezüglich keine Berührungsängste verspüre und einfach reinschlüpfe ohne zu wissen, wer das vorher in welcher Art und Weise getragen hat. Auf manchen Teilen hängen noch Haare. In einer Tasche finde ich eine Lesebrille. Ich rieche mindestens zwei Parfumdüfte in den Stoffen.

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Sie legt ihre Hände auf die feuchten Erdkrumen, gräbt mit den Fingern hinein. Sie zieht wie eine Pflanze, Kraft aus der Erde.

Inbrunst

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Dein Geburtstag erinnert mich daran, dass wir nicht mehr alle Zeit der Welt haben.

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Menschen meines Alters sagen Liebe und meinen Ewiges Leben.

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Nicht veröffentlichtes Abendgebet von CHRISTINE NÖSTLINGER:

Lieber Herr im Himmel,
ich greif mir oft an den Pimmel,
Kann das wirklich Sünde sein?
Ich bin mir sicher, du sagst nein.

Dummheit

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Das Gegenteil von Dummheit ist Weisheit.

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„Der Klügere gibt nach.“ Das ist eine falsche Einstellung. Wenn alle Klügeren den Mund halten, dann kommen die Dummen durch.

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„Och, wär ich doch etwas dümmer“, sagte damals meine Mölltaler Großmutter im Anbetracht der verwirrenden Nachkriegsjahre.  

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Wissenszuwachs kann einem den Schlaf rauben. Nachrichtenhören auch.

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Es ist grundsätzlich fraglich, weshalb man recht haben sollte. Und es ist gefährlich, Dummes laut auszusprechen, weil es immer auch einen zweiten gibt, der da ist und sich nicht geniert, das zu bestätigen.

 

Kaffeehaus

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Ich begehe den schweren Fehler und frage nach WLAN. „Natürlich haben wir kein WLAN und keine Steckdosen und keine Kartenzahlung! Wir sind hier das Weidinger!“ Und natürlich ist es still hier. Kein Radio, die Kaffeehausgäste flüstern beim Reden. Das Lauteste ist der Autolärm, der vom Gürtel hereinbrummt und nur von der Rotphase unterbrochen wird. Gleich gefolgt vom Besteckgeklapper und der Kaffeemaschine.

Ein Gast fühlt sich von der Septembersonne, die am frühen Vormittag ins Lokal scheint, geblendet. Er bittet den Kellner, den Vorhang vorzuziehen. Er macht es.

Ich bestelle eine Marmeladensemmel. Ich bekomme sie fix und fertig aufgestrichen serviert.

In dieses Kaffeehaus geht man am besten alleine.

Früher sind da vor dem Kaffeehaus die Damen gestanden und es gab „a Beiz neben der anderen“, sagt der Kellner zu mir. Anscheinend hat er mir das mit dem WLAN schon verziehen.

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Ich habe erst spät begonnen, dem Genuss des Kaffeetrinkens zu frönen. Mein Einstieg als Kind war das Sammeln von Plastikfiguren in der Malzkaffeepackung.
Mein Kaffee zu Hause aus dem Espressokocher schmeckt – nach ernst zu nehmenden Aussagen mancher Gäste – schrecklich. Das wundert mich. Ich beziehe den Kaffee aus dem Weltladen und das Wasser aus der Leitung. Ich mag ihn sehr! Mindestens viermal am Tag.
Ich mag auch den Kaffee, der in vielen Häusern in Wien serviert wird. Oder jenen an der Tankstelle in Schrick. Auch in Amsterdam schmeckt er gut und in Brixen und Triest.

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Wir schlendern den Kanal entlang und kehren ein. Wir trinken schlichten Wein und gutes Wasser. Nicht zu viel. Das WC ist unzumutbar, für Männer ist das einfacher. Die Sonne scheint durch die großen Fenster in den Gastraum, Gläser klirren, meine Hände liegen im Schoß. Ich ruh mich aus. Wir leben im Luxus.