KategorieLicht am Stelldichein

Schreiborte Mallorca


S-Bahn zwischen Wolkersdorf und Flughafen Schwechat
Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Am Frühstückstisch lag heute ein Zeitungsbericht über Mallorca in der Nachsaison. Wie passend. Darin wird vorgeschlagen: Einfach ins Meer starren. Zwischentöne zulassen, weil es ruhig ist. Die Wellen rauschen hören. Einen gemeinsamen Fluss finden.
Was werde ich finden? Was werde ich hören?
Es macht wenig Sinn, auf Mallorca ständig an die Arbeit zu denken. Den Gedanken daran sollte ich jetzt loswerden.
Die Kürze des Lebens schockiert mich immer wieder und lähmt mich manchmal. Vielleicht gelingt es mir im Laufe der Reise, der Leichtigkeit Einzug zu gewähren. Nicht zu viel zu wollen, nicht fleißig sein zu müssen. Leider habe ich oft den Eindruck, nichts mehr wert zu sein, sobald ich nichts leiste.

Flughafen Wien Schwechat
Ein Monolog meines Reisegefährten:
Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die einen See kaufen?
Wie kann man einen See kaufen?
Und von wem?

Vis-à-vis  vom Café Franzel am Flughafen gibt es ein Klo.

Im Flugzeug
Mein Reisegefährte darf sich im Flugzeug für ein paar Minuten im Cockpit des AUA-Flugzeugs, das uns von Wien nach Palma bringt, umschauen und ein paar Fragen stellen. Das sind wohl besondere Werbemaßnahmen. Hier klärt sich auch auf, dass die Funkverbindung im Flugzeug nicht nur über WLAN läuft. Das beruhigt uns beide.

Die Terrasse des  Hotelzimmers mit Blick auf den Playa de Palma
Die Terrasse ist wunderbar. So stelle ich mir eine Traumschreibstube vor. Das Hotel ist austauschbar, der Blick aufs Meer nicht. Auf Mallorca gibt es neben Touristen viele Kapernsträucher. Das beruhigt mich auch. Hab Salz in den Augen. Mehr als gewohnt. Das Meer ist grün, ultramarinblau, weiß, grau und türkis.
Für den Maler William Turner gab es nur die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Mischfarben waren für den Puristen out, sagt der Künstlerfreund.
Der Wind macht das Meer sehr wild. In der Nacht ist ein konstantes Rauschen zu hören, nicht das melodische Auf und Ab einer sanften Flut. Mir ist das Wilde lieber.
Mallorca wurde 2025 zum overtourismreichsten Landstrich der Welt erklärt. Ich verstehe die Menschen, die hier Urlaub machen. Es ist schön hier. Und jetzt sehe ich auch, wie der „Ballermann“ geographisch angelegt ist.
Er besteht aus 15 direkt am Strand gelegenen Stützpunkten. Hier gibt’s Alkohol. Hier gibt’s Meer und Sonne, also Naturromantik und Musik. Hier kann man tanzen. Und laut sein. Und hier ist man Tourist. Dass man sich dabei von seiner schlechtesten Seite zeigt, das ist nicht nachvollziehbar.

Ich bin umgeben von inspirierenden Dingen und freundlichen Menschen. Zum Beispiel von jenen, die in Gelb-Türkis gekleidet sind.
Ich habe keine Termine. Ich höre zu. Der Wind ist nach wie vor stark im Kommen. Heute allerdings scheint den ganzen Tag über die Sonne. Und die wärmt. Meine Schwester betont manchmal, wie befriedigend es doch ist, etwas ganz gut zu können. Zum Beispiel ein Instrument zu beherrschen oder einen Chor zu leiten. Ich kann jetzt ganz gut hier sitzen und in den Tag leben.
Später werde ich im Mittelmeer schwimmen. Noch ist eine Insel unter mir. Wir wohnen bei Ballermann 12.


Palma
In der Straße Passeig del Born, Born 8
Der Tag dauert noch relativ lange, da wir weit im Südwesten von Wien einquartiert sind. Ich kann von allem nehmen, es ist ja alles da.
Das Paar am Nachbartisch bestellt einen Kübel voll mit Sangria. Der Typ versucht wahrscheinlich, die Frau damit gefügig zu machen. Es sieht ganz danach aus.
Wenn ich wieder im Weinviertel bin, werde ich meine Mutter bitten, mir eine Pipi-Langstrumpf-Schürze zu nähen.

In der Nikolauskirche findet ein Familien- bzw. Kindergottesdienst statt. Die Kleinen tragen feine Schuhe und Stutzen oder Söckchen und schauen zuckersüß aus.
Ein alter Beichtpriester, ein mittelalter Hauptzelebrant und ein junger Kaplanschönling, an dem die jungen Mädchen und deren Mütter picken. Alles beim Alten!  Mein Reisebegleiter sagt: „So etwas mag ich nicht sehen, wenn die Kirche funktioniert.“

 Alleen mit sehr hohen Platanen – eine Prachtstraße, links und rechts gehen schmale Gässchen weg. Die Bäume sind herbstlich gefärbt. Jedes kleine Eck hat seine Berechtigung. Die Architektur ist außergewöhnlich pompös und alle Gebäude, Kirchen und Straßen sind sehr gut erhalten. Hier fließt natürlich viel Geld. Auf dem Place de la Cort laufen wir auf einen über 600 Jahre alten Olivenbaum zu. Eine gewachsene Skulptur. In Anlehnung daran serviert man im Lokal Martini mit drei Oliven. Ich zeige meinem Reisegefährten ein rosarotes „Nichts“- Bild. Er sagt: „Schöne Unterwäschfarbe!“
Im Stadtzentrum stellen jede Menge Galerien gefällige Kunst in den Schaufenstern zur Schau. Überall hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Es ist warm. Es muss schön sein hier am Abend, denke ich. Mein Reisegefährte schwärmt von der Stadt am Morgen. Vielleicht schaffen wir es, noch zweimal hereinzukommen.

Deutsch ist die zweite Landessprache.
Dass die Insel voller alter Menschen ist, darf mich nicht schrecken, denn ich gehöre ja auch schon dazu.
Allerdings muss ich nicht akzeptieren, dass ich auch Scheisskerlen gehören soll, die überall meckern und die sich hier eine Wohnung leisten, um dann ein paar Monate im Jahr unter der Sonne zu leben.
Die Brillen passen perfekt, die Kleidung auch und überhaupt alles. Alles ist durchgestylt und man spricht natürlich auch ein bisschen Spanisch.
Mein Blick fällt auf die Haut einer jungen Frau, die neben mir in ein Schaufenster schaut.


Placa de Weyler
In der Galerie sehen wir 3.000 tiefblaue Schnüre, die von der Decke hängen. Auf der Spiegeltreppe erblicken wir das Paradies. Dann wird uns mitgeteilt, dass der Künstler tot ist und die KI lebt. Die Innenräume der öffentlichen Gebäude protzen dezent.
Der Platz vor dem Dom: Wasser trifft auf Wasser. Süßwasser und Salzwasser. Brunnen und Meer. Im Haus Caixa Forum gibt es eine weitere Ausstellung. Werke aus dem Centre Pompidou, das derzeit renoviert wird, finden hier eine Zwischenbleibe. Picasso Miró, Georgia O’Keeffe. Das Gebäude selbst ist voll mit feinstem Kunsthandwerk. Es gibt Steinhauerarbeiten, Kunstschmiedearbeiten,  pompöse Glasfenster, Mosaike und Marmor. Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet. Die Schulklassen, die durch die Ausstellung geführt werden, sind johlende Kindertrauben.
In der Straße La Rambla befindet sich der Blumenmarkt. Die Platanenallee wächst in den Baumkronen zusammen.

La Biblioteca de Babel.
Wir erarbeiten Space zwischen uns, indem wir gemeinsam unterwegs sind.
Wir schauen uns zwei Kirchen an: San Miguel und San Nicolas. In der Kirche San Miguel, einer Rundkirche, zünden wir eine große, weiße Kerze an.
Im Hintergrund läuft das Lied „Nada te turbe”. Ich könnte dankbarer sein für mein Leben, als ich es bin.
Zwei Ecken weiter befindet sich die wunderbare Bibliotheca de Babel.
Mein Reisegefährte liebte früher Thomas Mann und Jules Verne, „20.000 Meilen unter dem Meer” und andere Fantasygeschichten. Genauso liebte er Penderecki, weil während seiner Ausbildung immer eine Verbindung zur Malerei hergestellt wurde. Während wir in der Bibliothek ein Glas Wein trinken, rücken wir ein paar Geschichten von Bekannten zurecht.

Der Markt in La Palma
besticht durch ausgeklügelte Lichtverhältnisse. Die Ware wird mit besonderen Spots beleuchtet. Da lassen sie sich nicht lumpen, die Mallorquiner.
Jetzt habe ich den Green Flash versäumt”, sagt mein Reisegefährte eine halbe Sekunde nach Sonnenuntergang. Für mich sind am Horizont nur ein Leuchtturm und ein Sendemast zu sehen.

Faro di Cargo Faguera. Der Leuchtturm.
Die Nikolaikirche imponiert mir. Auch der kleine Hafen zwischen La Palma und unserem Allsun-Hotel macht gute Laune. Lieber ist mir der Pfarrer als ein echter Kitesurfer, was Gehabe und Kleidung betrifft. Die Wolken, die hier schweben, leuchten noch lange rosa. Badeschluss – es sieht ganz danach aus – ist traurig und macht melancholisch. Ich kann üben, einfach am Meer zu sitzen und zur Ruhe zu kommen. Ich spüre die Salzluft in meinen Lungen. Es kühlt ab.

Hoffentlich habe ich genug warme Sachen mit! Der Mantel wärmt. Jetzt ist es so, wie ich es mir so oft wünsche: Das Wichtigste ist schon geschehen. Wir haben uns gefunden.


Das All Inklusive Hotel
hat einen für mich bislang unbekannten Speed. Die Art, wie man hier Menschen beglückt und vor allem, die Art, wie sich Menschen hier beglücken lassen, ist ziemlich menschenfremd – Der Mensch denkt sich halt Eigenartiges aus, um sich oder die anderen zu vergnügen. Zum Beispiel den ganzen Tag in der großen Gruppe zu verbringen. Morgengymnastik, tolles Frühstück, Vormittagsprogramm, tolles Mittagessen, Strand, Sauna, Fitnessraum, Jause, Spaziergang, tolles Abendessen, Abendprogramm. Und alles auf sehr hohem Niveau und perfekter Infrastruktur. Es funktioniert perfekt. Alles fließt, es gibt kaum einen Leerlauf. Man muss das Ressort nicht verlassen. Es ist wie die Vorstufe zum Altersheim.
Das Personal macht seine Sache mit höchst professioneller Freundlichkeit und sorgt dafür, dass alles am Laufen gehalten wird. Das Personal ist grandios freundlich. Aus allen Hähnen fließen Kaffee, heißes Wasser oder Fruchtsaft. Nur Alkohol muss man extra ordern. Mein Lieblingsessen: Wilder Meerfenchel.
Ich treffe die Großeltern von Joachim Meyerhoff – also sinnbildlich, jene aus seiner Münchner Zeit, die mit den klar definierten Alkoholkonsumzeiten. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!
Während der Mahlzeiten beobachten wir zwei Reisenden uns selbst sehr genau und wir beobachten uns, während die anderen uns beobachten. Und wir sehen uns selbst an, wie wir uns beobachtet fühlen. Es ist dann doch ein sehr interessantes Spiel, ohne dass es gesellig wird.
Und niemand hindert uns daran, von hier immer wieder wegzugehen.

Der Meerblick vom Zimmer aus ist kitschig schön. Sogar bei Regenwetter. Mich stört Regenwetter nur, wenn ich eine Outdoorveranstaltung plane oder während der Weinlese.

Im Meer
Das Schwimmen am Morgen im warmen Meer, während die Luft rundherum kalt ist, gibt mir ein besonderes Körpergefühl: Ich bin rundum warm. Auch die Seele ist es. Es ist mit nichts zu vergleichen. Und am Abend tropft die Sonne für uns ins Meer.

Can Pastilla
Von Can Pastilla gehen wir zu Fuß zu unserem Hotel. Der Weg führt entlang des Meeres. Wir bewegen uns in einem Rhythmus, der still macht. An allen Ecken und Enden wird etwas gerichtet, der neue Boden rund um die majestätischen Palmen, der Zufluss des Flusses wird wieder von Sand freigemacht, die Hecken werden geschnitten, das Laub wird weggeblasen und aufgekehrt. Die Menschen tragen Jacken und lange Hosen. Es hat auf 18 Grad abgekühlt.
Mein Reisegefährte kümmert sich, dass alles gut und schön ist. Es fällt mir leicht und ich genieße, es geschehen zu lassen. Normalerweise ist das gar nicht meine Art.


Sóller. Botanischer Garten
„Komm hoch und lass dich gehen“ – das ist der Werbeslogan der historischen Straßenbahn von Sóller.
Man könnte ihn auch für den Katamaran auf dem Meer verwenden. Seit einigen Tagen liegt er dort und wankt. Wir stellen uns vor, wie unmöglich es sein muss, darauf eine Tasse Kaffee zu trinken! Hoffentlich haben die Passagiere ein Notquartier. Wir nehmen trotzdem den Bus bis Soller. Die Berge, die links an uns vorbeirauschen, sind ziemlich hoch. Sie gehören zu den Ausläufern der Serra de Tramuntana, die erst so richtig in Sóller loslegen. Der höchste Berg, der Puig Major, ist 1450 Meter hoch. Wir lassen die Berge hinter uns und kehren in der Kneipe „Bar Stop“ ein, wo wir ein einfaches Mittagessen mit Okra-Gemüse und einen gut gelaunten Koch vorfinden.

Mittlerweile regnet es ganz beträchtlich, aber es ist relativ warm. Im Botanischen Garten kaufe ich mir einen Regenschirm für fünf Euro. Zu zweit geht es sich doch leichter unter zwei Schirmen. Ich bin von den Pflanzen begeistert. Vor allem von den vielen Kakteen, die bis in den Himmel ragen. Endlich sehe ich Zwergpalmen, die einzigen Palmen, die hier ohne menschlichen Eingriff vorkommen würden. Und ich sehe, wie hohe Kokospalmen aussehen, wenn man sie nicht schneidet und zurechtstutzt. Das sieht eher wie ein Fell aus.
Die Kellnerinnen am Hauptplatz in Sóller sind so unfreundlich wie in Wien. Das ist ungewöhnlich für Mallorca. Aber wir sitzen so gut, dass wir den Nostalgiezug vorbeifahren sehen. So machen das die Touristen.


Nach dem Ausflug nach Sóller kann ich die Größe der Insel und die Rolle der Berge hier besser einordnen. Am Abend beobachte ich, wie zwei männliche Hotelgäste sich streiten. Am Morgen spricht mich eine freundliche Frau auf das Thema Schwimmen an. Solche kleinen Bemerkungen hie und da halte ich gut aus. Mit allen Menschen, die hier wohnen, habe ich Mitleid. Ein vollkommen deplatziertes Gefühl, und trotzdem ist es einfach da.


Im öffentlichen Bus
kommen wir einer Schulklasse nahe. Die Stimmung ist gut. Mir fällt die ungewöhnlich dichte Haarpracht der Jugendlichen auf.


Und innen? Was passiert da?
Der Wind höhlt aus. Das ist innen.

Und der wohltuende Rhythmus, einfach in den Tag hineinzugehen, sich hier und da etwas anzuschauen, zu essen, Kaffee zu trinken und am Markt guten Wein zu trinken.


Flughafen in La Palma
Auf Mallorca gibt es überall Dauerberieselung durch Partymusik oder Longemusik. Sogar auf dem Flughafen. Die Musik lullt ein.

Wien. Rennweg.
In unserem Lieblingslokal an der Ecke stillen wir unseren Ankommenshunger mit einer Grießnockerlsuppe und Ingwertee mit Zitrone. Das Einschleusen in den Alltag, nachdem man an der langen Leine war, hat eine arge Kante. Ich rede schon wieder im Dialekt. Ich stehe dazu, Touristin zu sein. Unberechenbares kann ich daheim ohnehin erleben. Warum sollte ich immer wie ein Sonderfall und eine Geheimtouristin behandelt werden? Allein die Möglichkeit, dieses Meer zu sehen und zu hören, ist ein Privileg.

Ich spüre meine Meerbesuche noch auf der Haut. Wir hatten jetzt eine Woche lang Auslauf. Wie schon gesagt, jeden Tag einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang, und am letzten Tag gab es sogar etwas Hagel für mich Winterkind!

Fleisch


1
Die Tante tischt Wurstbrote auf und reicht mir armenischen Granatapfelwein dazu.
2
Ganz, ganz viele rohe Eier zerschlagen! Am besten auf dem Körper einer geliebten Person.
3
Mein Besuch bei ihr fällt frisch und belebend aus. Sie berichtet von ein paar gescheiterten psychotherapeutischen Begleitungen: „Bitte stell dir niemanden vor“, so beginnt sie ihre Erzählung. Das bewirkt natürlich das Gegenteil bei mir, aber zum Glück fällt mir niemand ein. „Die Mutter meiner Klientin schaut mich nicht mehr an. Dabei hatte ich nur von einer Analyse abgeraten, da diese zu lange dauern würde und dass es einfachere Methoden der Bewältigung gäbe …“
Sie erzählt von einem Lehrmeister, der ihr beim gemeinsamen Mittagessen selbst wie ein von einer Manie geplagter Mensch vorkam. Als sie ihm das rückmeldet, meint dieser bloß: „Ja, manisch, das bin ich schon lange, ich habe nur vergessen, die Medikamente zu nehmen!“
Sie erzählt vom Café Savoy, das untertags zwar plüschig daherkommt aber dezent freundlich im Umgang mit den Gästen ist. Am Abend wird aus dem Café eine Schwulenbar. Sie und ihr Liebhaber wurden von der diensthabenden Oberkellnerin gefragt: „Wie lange seid ihr schon zusammen? Es ist so schön, euch zuzuschauen!“ Das tat der Liebhaberin gut!
4
Nur wenn man vergisst, kann man neu beginnen …

Neapel


1
Er erzählt mir eine wunderschöne Begebenheit, die er gerade in Neapel erlebt hat:

„Seit einigen Tagen beobachte ich einen Mann, der mich an einen behinderten Mitarbeiter aus seiner Firma erinnert. Er steht vermutlich ganz unten auf der Karriereleiter. Ich entdecke ihn, während ich in der Spelunke auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitze. Er arbeitet in einem kleinen Geschäft. Die schmale Straße zwischen uns ist sehr stark befahren, trotzdem lasse ich mich ganz auf meine Betrachtung ein. Er gefällt mir sehr. Er scheint in diesem Mini-Gemischtwarenladen für alles zuständig zu sein. Der Chef sagt ihm immer wieder Jobs an: Gelieferte Ware einsortieren. (Er hat Stress, wenn eine Lieferung kommt!) Eine Bestellung zur Nonna XY ausliefern. Am Abend zusammenkehren, aufwischen und abschließen. Dazwischen bleibt Freiraum. Er hantiert mit dem Handy. Er liest Zeitung. Er führt Konversation. Er raucht halbstündlich eine Zigarette. An einem Tag der Woche hat er frei.
Ich frage mich, ist er der Schwager des Chefs und seine Frau, die Schwester, hat ihn gebeten, ihm Arbeit zu geben? Ich stelle mir vor, er ist verliebt, hoffnungslos, in eine Donna, die leider etwas schwierig ist. Daher versucht er, etwas Geld zur Seite zu legen, damit er sie dann gebührend überraschen kann. Ich liebe es, mir solche Geschichten auszudenken!
Ab nun komme ich jeden Tag in dieses kleine Lokal gegenüber dem Laden, in dem mein neuer Freund arbeitet. Er weiß nichts davon. Ich beobachte ihn. Ich fotografiere ihn. Ich zeichne ihn. Ich hab ihn sehr gern. Am letzten Tag meines Neapelaufenthalts gehe ich zu ihm und reiche ihm meine Zeichnungen. Jetzt weiß ich, dass er Fernando heißt. Dann verschwinde ich wieder und lasse ihn mit dem Geschenk allein. Ich habe ihn damit doch überrumpelt.
Eine kurze Zeit später holt mich Fernando noch einmal und lässt fragen, ob ich auch seine Bekannte zeichnen könnte. Leider muss ich absagen, denn in ein paar Stunden fliege ich wieder zurück nach Wien. Fernando ist ganz aufgeregt, lächelt mich an und bei der Verabschiedung umarmt er mich mehrmals.
Jetzt hat Fernando etwas, das die anderen nicht haben. Eine Gabe, die nur ihm allein gehört, die ausschließlich für ihn angefertigt wurde und ihn abbildet, ihn zeigt. Und er hat einen neuen Freund in Wien.“

2
Überraschung. Erschütterung. Ver-rückung. Verzauberung. Gesehen zu werden, so, wie man ist … So wird aus dieser Art der Distanzlosigkeit, jemanden ungefragt zu zeichnen und ihm das Bild zu schenken, eine einzigartige Liebeserklärung.

Tau


1
Er wird herabfahren wie der Regen auf die Aue, wie die Tropfen, die das Land feuchten. Psalm 72

2
Die Räume des Klosters sind in gewohnter Weise schlicht und schön. Die morgendliche Rorate im Kapitelsaal wird unter dem Schein von 100 Kerzen- Lichtern gefeiert. Rorate. Tauet. Die Hoffnung auf einen Messias, der daherkommt wie der frische Tau am Morgen. Der Advent ist voller Hoffnungstexte. Nach der Rorate gibt es Frühstück für alle.
Mein Abstand zur Kirche, ist der Tatsache geschuldet, wie sie mit Frauen umgeht. Ein paar wenige Kriminelle und ein paar Dummköpfe haben da sehr viel verbockt. Der Mensch ist zudem  nicht für die Freiheit geschaffen.
Ich bin froh, dass sich ein paar Menschen weiterhin um diese Traditionen kümmern. Kerzenschein. Kirchenräume. Einfachheit. Essen für alle. Die Reichen unterstützen die Armen aus vollen Händen. Grund- und Urvertrauen. Menschenwürde. Gastfreundschaft. All das bleibt in der Geschichte immer wieder und täglich im Dornengestrüpp hängen.

3
Siri Hustvedt hält eine schöne Idee fest: Die Frau trug tatsächlich eine heimliche Vergnüg bei sich. In den Taschen ihres Kleides hielt sie eine subversive Botschaft verborgen, eine erotische Stickerei oder einen schlüpfrigen Gegenstand. Das Kleid war sozusagen eine geladene Geheimwaffe.

4
Im Kaffeehaus dicht hinter mir sitzen alte Menschen und reden über ihre nächste Reise. Diesmal soll es an den Nordpol gehen, nach Spitzbergen zu den Eisbären. Da lässt man sich dann ein Reiseandenken stanzen. Ich frage mich, ob ich mir eine solche Reise in meiner Pension auch leisten kann. Hier wird vorerst einmal locker darüber gesprochen. Wohlstandsverwahrloste Alte, denke ich. Bald gehöre ich auch dazu.

5
Und doch, dachte ich, als ich verrückt war, war ich da ich selbst oder nicht?
Wann wird ein Mensch ein anderer?
Mit kleinen Schritten, wenn er genügend Rückhalt dafür hat und nicht ins Bodenlose sondern nur ins Unbekannte stürzt. Oder wenn er durch die Umstände dazu gezwungen wird? Koste es, was es wolle?
Ihr denkt, ich bin …aber eigentlich bin ich …….

6
Wird es in 1000 Jahren noch Adventlieder geben? Solche, in denen der Schnee besungen wird, der Schein, der vor 3000 Jahren aufstrahlte? Wird es dann noch Menschen geben?

7
Dass du mir nahe bist, macht mich stark. Ps 18

Schockverliebt


1
Wer außer den wirklich Betroffenen versteht denn schon die Lebensgemeinschaft zweier Menschen?
Wir – sofern wir nicht schon getrennt leben – haben uns auseinanderentwickelt, auch wenn wir ein gutes Team sind. Das scheint normal zu sein. In unserem Alter. Das gemeinsame Essen genießen wir trotzdem.

2
Sie findet bei Amazon ein Gerät für Umarmungen. Wenn man genau diese Worte ins Internet eingibt, wird das vorgeschlagen. Sie bestellt es über den Amazon-Account ihres Mannes. Kaufen ist in vielerlei Hinsicht eine krückenhafte Ersatzhandlung für nicht eingelösten körperlichen Ausdruck von Zuneigung: Schöne Kleidungsstücke die ganz genau zu ihr und an ihr passen, liegen dann auf ihrer bedürftigen Haut. Die berühmte Therapeutin Virginia Satir sagte, dass wir am Tag vier Umarmungen zum Überleben, acht für Wohlbefinden und zwölf für Wachstum brauchen.

3
Sie können über all das nicht offen reden. Obwohl sie im selben Zimmer sitzen, kommunizieren sie über die WhatsApp.

4
Was bedeutet „aktive“ Trauer?

5
Wir telefonieren ein bisschen und verbleiben in inniger Distanz.

6
Ich schlafe sehr schlecht, weil mich ein lang anhaltender Kopfweh und eine Nackenverspannung peinigen. Ich mache mir wieder einmal Sorgen, welche Krankheit das schon wieder ist, welches Insekt mir welches Nervengift schon wieder gespritzt hat … Am liebsten würde ich zu ihm ins Bett kriechen, unterlasse es aber, um ihn nicht auch noch zu wecken.

7
Wir sind ein miteinander alt werdendes Paar, wir versuchen ein bisschen weniger miteinander zu kämpfen.

8
Phoebe Violet gibt alles her. Ihr beim Singen zuzuhören und zuzuschauen ist uns allen ein Vergnügen. Ich lasse alles laufen. Auch das Hören. Phoebe singt vor allem von der Liebe. Wir verstehen den Text nicht. Wir verstehen, was sie sagen will.

9
Jetzt, nachdem unsere Schockverliebtheit vorbei ist, können wir uns ernüchtert anderen Dingen zuwenden.

Zurückwatscheln


1
Laut dem Männerforscher Romeo Bissuti haben sich die Männerbilder nicht deshalb verändert, weil Männer plötzlich miteinander geredet und festgestellt haben, dass auch sie unter Männlichkeitsnormen leiden. Männlichkeit hat sich verändert, weil sich die Frauen verändert haben und die Männer mitbekommen haben, dass sie mit der Macho-Nummer nicht mehr bei Frauen landen.

Wir schaffen es allerdings locker, das Blatt wieder zu wenden und ins vorige Jahrtausend zurückzuwatscheln.
2
In einer Fernsehschnulze höre ich vier Sätze, die eine Mutter ihrer Tochter zur Entdeckung der „wahren Liebe“ mitgibt.
„Frag dich,
ob du ihm alles erzählen kannst,
ob er Herzenswärme besitzt,
ob er dir dabei hilft, zu dir selbst zu finden
und ob er der Vater deiner Kinder sein soll.“
3
Eines der schönsten Dinge als Paar: als Paar zu wachsen!
4
Wir erwecken Sehnsucht und Verlangen bei jenen, die uns sehen.
5
Ich bin verwirrt.

Haushalten

1
Ich werde meinem Mann von meiner Reise ein Haushaltsgerätmitbringen. Kurz vor meiner Abreise antwortete er auf meine Frage, ob wir ein gemeinsames Hobby hätten: „Ja, den Haushalt“.

2
Mein Alltag ist viel zu viel Verschiedenes. Das erschöpft mich, macht mir Verspannungen im Nacken und im Kopf.

3
Ihre Bilder, die sie im Kopf trägt – Prinzessinnenvorstellungen vom Leben, vom geplanten Schönen, von einer perfekten und heilen Welt – sie machen ihr Angst.

4
Er mag das Abenteuer. Er mag es, glücklich zu sein. Dieses Jahr macht er nur das Nötigste im Garten, weil er zu wenig Zeit zum Gießen haben wird. Vielleicht steckt er Zwiebeln. Wenn er wandert und zeltet, trägt er höchstens einen 9 kg schweren Rucksack auf dem Rücken. Wenn er ihm zu schwer wird, denkt er an all jene, die Tag für Tag Lasten schleppen, am Bau, im Lager, in der Gastro, im Gesundheitswesen, … Gesundheit, das wünscht er für uns alle. Wir trinken spanischen Sekt, stoßen auf seine Pensionierung an und bleiben bis 1 Uhr nachts zusammen.

5
Wir sollten Respekt voreinander haben.

Mehr Bologna, Martha!


1
Ideen für die Reise:
Tröstlich wohnen. Die alten Plätze besuchen. Morandi besuchen. Zeitgenössische Museen besuchen. Natürlich essen und trinken. Einen Tagesausflug nach Florenz machen. Über Mestre und Venedig wieder nach Hause fahren.

2
Viele Kleinigkeiten
daheim lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Das nennt man wohl Reisefieber. Ich verzettle mich mit Reiseführern und dem Kofferpacken und der Idee, die Vorbereitungsphase doch zu genießen. Der Wetterbericht sagt für das Reiseziel Regen voraus. Bologna ist dafür die geeignetste Stadt. Die Laubengänge von Bologna entstanden fast spontan, wahrscheinlich im frühen Mittelalter, als Vorsprünge privater Gebäude auf öffentlichem Grund errichtet, um den Wohnraum zu vergrößern. Wir werden trockenen Fußes vorankommen. Mein Sohn, der die Stadt von einer Reise vor einiger Zeit kennt, schwärmt bei der Verabschiedung vom Platz am höchsten, schiefen Turm und vom Essen und den Märkten …

3
Mein Reisegefährte hat Kunstkarten vorbereitet,
die wir als „Spuren“ hinterlassen können.
Worüber denken sie gerade nach? A che cosa sta pesando in questo momento?
Worin besteht ihr Schmerz? Qual e in tuo dolore?
Ich schreibe hier nicht über den Schmerz. Ich wende mich der Veränderung zu.

Welche Geschichten werden wir einander später erzählen?

4
Der frühe Reisemorgen ist aufregend. Die Schnürsenkel meiner Schuhe sind fest ineinander verknotet. Ich arbeite mit zwei spitzen Gabeln, um sie aufzulösen. Der Kaffee schmeckt mir heute nicht. Qualitytime liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor mir

5
Seit ich fliege,
sind die Sicherheitskontrollstellen zum ersten Mal mit freundlichem Personal besetzt. So geht alles viel leichter. Wir haben Zeit am Flughafen, noch (k)ein Ottakringer und einen Kaffee zu trinken – der Flug vergeht rasch und am Ankunftsflughafen wartet der erste italienische Kaffee auf uns. Jetzt schmeckt er. Busfahren, die ersten Eindrücke der Stadt. Die Unterkunft lässt einen Blick auf eine Straßenkreuzung, den ich sofort liebgewinne. Dieser Blick wird mir in sehr guter Erinnerung bleiben, das weiß ich jetzt schon.

6
Bologna, die Rote und Bologna, die Fette,
das sieht man bereits am ersten Tag. Unglaublich gutes Essen – leider kann man nicht so viel davon nehmen, wie man gerne möchte. Wir essen sehr spät zu Mittag. Einfach, am Markt. Mit den besten Fischzutaten, direkt vom Fischhändler nebenan. Ribola Chialla und Friulano dazu. Die Stadt ist nicht zu vergleichen mit Venedig, dort weist uns ja der Tourismus in die Schranken. Hier in Bologna kann man auch leben.

7
Torre del Orologio, Piazza Maggiore, Basilika San Petronio, Gewürzmarkt.
Für mich im Mittelpunkt: das Uhrwerk und ein Fensterbrett als Sonnenuhr. Tauben. Eine Abendsonne und fahles Licht. Der Aufstieg auf den Uhrturm, um über die Stadt zu blicken, ist leicht und schön steil. Von oben wirkt die Stadt kompakt, massiv, die Häuser im Stadtkern sind mit roten Ziegeln gedeckt. Der erste Eindruck übertrifft meine Erwartungen. Das hat einen beglückenden Effekt. Vom Uhrturm aus sehen wir sogar das Stadion und eine Figur, die hoch oben in den Lüften schwebt – wahrscheinlich ein Engel. Er kommt mir surreal vor, so mitten im Himmel platziert, ohne erkennbaren Zweck, außer der Schönheit zu dienen. Wir haben Glück, die Sonne kommt raus. Ich bin jetzt schon müde, aber vielleicht trinken wir doch noch ein Glas Wein … nicht nur Tee. Am Ende des Tages sind wir an die 12 Kilometer weit gegangen.

8
Im Theatro Anatomica fühle ich mich vorerst wohl.
Ein ganz mit Holz ausgekleideter Raum schafft Geborgenheit. Die Holzstufen im Saal sind abgenutzt, und ich stelle mir eine Leiche vor, wie sie da in der Mitte auf dem Seziertisch liegt, zur Schau gestellt, umringt von Männern, die etwas sehen wollen, etwas lernen wollen oder es treibt sie noch etwas ganz anderes an, diesem Schauspiel beizuwohnen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es mir als Frau nicht möglich gewesen, hier drinnen zu sitzen. Ich stelle mir hier eine Supervisionssitzung im großen Stil vor, ein Treffen von Menschen, die sich für die Psyche des Menschen interessieren, von dem mir eine Freundin immer wieder erzählt. Ein ständiges Kommen und Gehen und Mitreden, ohne das Gesagte zu bewerten. Ich höre den Regen aufs Dach trommeln. In Florenz ist Hochwasser, südlich von Bologna auch. In einem nächsten Raum fällt mein Blick durch eine vergitterte Tür in einen elendslangen Gang der Bibliothek.

9
Am Abend tummeln sich viele Menschen
vor und in den Gassenlokalen. Obwohl es regnet. Wir gehen trockenen Fußes durch die Laubengänge zurück in unser Quartier. Vorher trinken wir richtig gut in der Osteria del Sole. Hier ist es üblich, das Essen selbst mitzubringen und nur die Getränke in Selbstbedienung zu holen. Die Bude ist gedroschen voll. Nachdem wir das System durchschaut haben, besorgen wir uns in der Fleischhauerei und beim Bäcker nebenan eine Kleinigkeit zu essen und tun bei diesem bunten Treiben mit. Mir fällt ein, dass die Wiener Heurigenlokale in ihrer Ursprünglichkeit auch so organisiert waren. Zum Rauchen geht man vor die Tür. Dort ist der Platz sehr knapp und so stehen alle Raucher in der Tür. Chi non bene fuori … steht auf einem Schild an der Tür – wir befinden uns also in einem Lokal für die Nicht-Wohlhabenden.

10
Ein Brandteigkrapferl
mit einem knochentrockenen Prosecco im besten Sinne genießen wir im Cafe Gamberini. Die Vitrine mit den süßen und pikanten Bäckereien ist eine Augenweide. Ich denke laut nach und frage mich, was mit den appetitlich angerichteten Häppchen nach Dienstschluss geschieht? So etwas kann man doch nicht wegschmeißen. Aber haltbar ist das Ganze auch nicht … Zwei Tage später bekomme ich durch Zufall die Antwort geliefert: In der letzten Stunde vor Dienstschluss werden die nicht verkauften kleinen Köstlichkeiten auf 4 großen Etageren und 7 Tabletts an der Theke angeboten (Minibrötchen, Chicettis, Pastetchen, Balls, Frittiertes, …) und jeder Gast darf sich davon nehmen. Wieder ein „System“, das mir sehr imponiert.  Wie einige andere Touristinnen bin ich von diesem Angebot freudig überrascht. Andere wissen davon: Neben mir setzt sich kurz vor der Sperrstunde eine feine Lady in hochbetagtem Alter, bestellt sich ein Glas Prosecco, nimmt sich ausführlich von den Appetizern, trinkt noch ein Glas Prosecco und geht dann wieder, nachdem sie ein ordentliches Trinkgeld hinterlassen hat. Passend zum Ambiente hat sie sich fein herausgeputzt: gefärbte Fingernägel, gefärbte Lippen, Schmuck an Fingern, Ohren und um den Hals.
Ich hingegen überlege mir, ob es Sinn macht, für irgendein Fest solche Etageren zu töpfern? Ganz schlicht in der Ausführung, damit die Speisen wirken können? Aber, wer bereitet dann bloß die ganzen Köstlichkeiten vor? Ich bin begeistert, auch wenn der Anblick der Bar im Vergleich zu den Obdachlosen draußen auf der Straße sehr dekadent ist. Es regnet.

11
Das Beste kommt noch: das Museo Morandi.
Ein bildender Künstler, der mich an Christine Lavant erinnert, nachdem ich etwas über ihn erfahren und vor allem seine Bilder im Original gesehen habe. Sehr zurückgezogen machte er unbeirrt sein Ding. Stillleben bis hin zur Abstraktion, ohne laut zu werden. Zurückhaltend und haltend. Man kann sich darin verlieren und wird doch getragen von ihm, von dem Leben, das er geführt haben mag, das sehr asketisch schien… Es ist auch ein Glück, seine Bilder im Original zu sehen. Seine Krüge und Dosen. Die zarten Pastellfarben. Grafik und Malerei. Frühe und späte Werke. Ein Himmel. Eine Stromleitung, die ihn teilt. Ein Haus.
Das Museum befindet sich in einer verlassenen städtischen Bäckerei, dem forno del pane di Bologna. In einem Raum des Museums läuft ein Film über die Teppichherstellung in dieser Gegend in früheren Zeiten. Auch er zieht mich in seinen Bann. Eine Künstlerin hat ihn in Schwarzweiß mit ihrer Mutter als Hauptfigur gedreht. Er zeigt diese Frau bei verschiedenen halbmechanischen Tätigkeiten an großen Maschinen. Ständig flimmert eine leichte Staubschicht durch den Film. Die Mutter hat lange, lackierte Fingernägel und bewegt sich dennoch mutig zwischen Maschinen und Wolle.
Wir kaufen einen Morandi-Katalog. Ein darin abgebildetes Foto zeigt einen langen Trauerzug durch die Via Sant Alo, die Straße, an deren Ende die beiden Türme stehen. Das Foto ist ein beeindruckendes Zeugnis von Morandis Beliebtheit in der Heimatstadt.

12
Wir essen frisches Brot vom Markt,
frische Salami vom Markt. Ein gekochtes Ei. Wir reden über Morandi. Und seine Einfachheit, seine Suche nach Einfachheit. In der Stadt fand er diese Schlichtheit wohl nicht, sie ist üppig und stark und reich an Ornamenten. Es macht Freude, zuzuschauen, wie in den Auslagen Nudeln per Hand hergestellt werden, es macht Freude, die vielen verführerischen Brötchen, Speisen to go und Süßigkeiten anzuschauen. Es scheint so, dass man es sich in Bologna nicht erlaubt, etwas nicht Gutes aus der Hand zu geben. Dahinter steckt viel eintönige Kleinarbeit.

13
Bologna, die Gelehrte. Wir freuen uns über die vielen Lorbeerkränze und die noch schöneren Blumensträuße, die die frisch gebackenen DoktorandInnen bekommen haben und nun stolz in Händen tragen. Sie sind in der Stadt unterwegs, um mit ihren Familien zu feiern. Der schönste Strauß ist der mit Artischocken, Spargel, Radicchio und Lorbeer. Die junge Frau, die ihn bekommt, ist außergewöhnlich gekleidet. Obwohl sie mindestens 180 cm groß ist, trägt sie Clogsschlapfen mit sehr hohen Absätzen.

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Schade, dass mein Tablet nicht sehen kann! Wir sitzen vor den beiden schiefen Türmen, Le dui Torre, in der Via Rizzoli zwischen den Arkaden und ich versuche, diesen Eindruck festzuhalten. Die Türme reißen meinen Blick immer wieder nach oben. Mitten in der kleinen Fußgängerzone hat ein Künstler eine Poesiebox installiert. Ich nehme ein Gedicht heraus. Es ist auf ein weißes Blatt geschrieben, zusammengerollt, mit einem kurzen roten Band zusammengebunden. Der Künstler heißt Antonio Melis:

Nell’aria sobria
di pensieri non pensati…
Medito un mondo, liberarsi nella sua natura semplice…
improvvisa…
gli oceani salgono
la superficie del mondo
abbandonato da tiranni e sudditi
il divino ha il potere di far morire e rinascere le anime in pena,
su questa terra…
vedo un dipinto di arcobaleno riflettere le vite risorte degli
uomini
in virtù del coraggio…

In der nüchternen Luft
Von ungedachten Gedanken…
Ich meditiere eine Welt,
befreie mich in ihrer einfachen Natur …
Plötzlich…
Die Ozeane steigen
Die Oberfläche der Welt
Verlassen von Tyrannen und Untertanen
Das Göttliche hat die Macht, Seelen in Trauer sterben und wiedergeboren zu lassen,
Auf dieser Erde…
Ich sehe ein Regenbogengemälde, das das auferstehene Leben der
Männer
Aufgrund von Mut…

Der Künstler kommt auf uns zu, spricht uns an, fragt, wo wir herkommen, erwähnt, dass er heute schon mit Leuten aus Österreich gesprochen hat. Heute sind viele Menschen unterwegs. Vielleicht bleiben sie auf dem Weg nach Florenz hier hängen, weil es wegen des Hochwassers nicht ratsam ist, dorthin zu fahren?

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Klamotten sind hier wichtig.
So wie fast überall in Italien. Heuer trägt man weite Hosen – ich kenne sie von New York im Vorjahr: da gab es auffallend viele weite Jeans zu sehen. Wir sehen jede Menge junger Frauen mit einem Hang zum Tussihaften.
Ich sehe eine Frau, sie trägt ein langes T-Shirt, ein kurzes Leiberl drüber und ein warmes Kleid ohne Ärmel, und dann noch einen ärmellosen Mantel. Alles in dezenten Farben.
Eine andere Frau trägt ein buntes, kurzärmeliges Kleid, darunter ein langärmeliges Shirt, eine gestrickte Kette, eine sehr bunte Tasche. Ich sehe eine sehr, sehr weite Hose. Das alles gefällt mir.

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Rot, orange, braun, ziegelfarben. So würde ich die Stadt in Farbe beschreiben. Ein Kontrast dazu: Eine Bettlerin. Ihr Gesicht ist weiß geschminkt, sie trägt weiße Kleidung und sieht aus wie eine Bäckersfrau. Sie spricht kein Wort, macht einen pantomimischen Gruß und hält dann die offene Hand hin, um Almosen zu empfangen.
Es gibt auffallend viele Büchereien in dieser Stadt und auch einige Männer mit Hut. Die Arkaden lassen alle Menschen mit der gleichen Würde durch die Straßen gehen. Man hat ein erhabenes Gefühl, wenn man durch diese Gänge geht, die sich manchmal über zwei Stockwerke erstrecken. Die nach oben strebenden Bögen und Säulen lenken, genauso wie die Türme, den Blick nach oben. Unter den Arkaden ist es kälter als draußen auf der Straße, das sollte man bedenken, wenn man sich einen Platz zum Sitzen und Verweilen sucht.

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In einer kleinen Kapelle
treffe ich auf eine Nonne, die sich in heller Aufregung mit einem (vermutlich) Obdachlosen unterhält. Es sieht so aus, als hätte er hier übernachtet, zumindest riecht es danach. Wie und ob sie ihn überzeugen kann, diesen warmen Ort zu verlassen, erfahre ich nicht mehr, es zieht mich weiter.

Über der Kirche des Heiligen Franziskus hat sich ein Regenbogen gebildet. Auf dem Platz davor spielen Kinder Fußball, trotz des leichten Regens. Ich koste vom Eis, das hier besonders professionell angeboten wird. Den Hinweis auf diesen Laden, mit dem besten Eis der Stadt, habe ich in von einem deutschen Podcaster gehört. Vermutlich lügt er nicht.

In der Kirche des Heiligen Bartholomä, gleich neben dem höchsten Turm, beim heiligen Josef, zünden wir zwei Kerzen für uns an. Diese Kirche war bisher die schönste. Weil sie im Inneren dunkel ist und das Gold dann besser wirkt. Alle Kirchen – und derer gibt es viele – sind sehr groß und relativ ruhig eingerichtet. Die Stile sind zum Teil sehr gemischt – eh klar – vom Romanischen bis in den Barock.

Die Basilika San Petronio mit ihrer aufwendigen Backsteinfassade schmückt den Hauptplatz Sich an einem Brunnen zu verabreden ist sehr poetisch, poetischer, als zu sagen, wir treffen uns in der Straße XY/ Ecke Soundso.

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In unmittelbarer Nähe des Neptunbrunnens
sehe ich einige Menschen, die ihr Ohr an das Gewölbe legen. Ich spreche eine Frau daraufhin an und erfahre, dass es sich um ein besonderes Klangspiel handelt, das die Stimme wie ein schnurloses Telefon von einer Ecke in die andere leitet. Später lese ich nach, dass Mayors Vault zu einem der sieben Geheimnisse Bologna zählt.

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Wir bleiben bis zur Sperrstunde in der Osteria del Sole:
Der Oberkellner läuft mit einem selbstgebastelten Schild herum, auf dem ein Kondom klebt, darunter steht: Sperrstunde! Ora di chiusura! Geht ficken!

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Sonntagsausflug nach Florenz.
Das klingt gut! Unsere Anreise mit dem Zug klappt sehr gut – sowohl hin als auch zurück. Hin brauchen wir knapp 35 Minuten – der Zug fährt ein paar Kilometer mit 300 km/h! – Zurück fahren wir mit dem Regionalzug ca. 1 1/2 Stunden.

Santa Maria del Fiore,  Ponte Vecchio (älteste Brücke Europas), Brunelleschi-Kuppel, das Babtisterium St. Giovanni mit dem Goldenen Tor – geschaffen von Lorenzo Ghiberti – alttestamentarische Szenen an der Ostseite, Uffizien, Pallazo Veggio, …  an all diesen Sehenswürdigkeiten schlendern wir vorbei. Um hineinzukommen, müsste man für manche Räume Wochen vorher einen „Timeslot“ buchen. Florenz ist ein Museum.

In einem Café vor dem Dogenpalast lassen wir die Stadt auf uns wirken. Mit dem Einsermenü: Bier, Grappa, Espresso.

Wir verbringen auch hier viel Zeit auf dem Markt. Mit drei wunderbaren Brötchen. Ich soll die jeweils 4 Köche beschreiben, die mit Professionalität und Leichtigkeit, Freude und Stolz zeigen. Sie bereiten die angebotenen Speisen in der Schauküche zu. Die Köche schauen zum Anbeißen aus.

Florenz protzt. Diese machtgierigen Dogen und Päpste vergangener Tage kann ich mir nicht wegdenken. Sie verstellen die Künstler, obwohl von denen natürlich mehr bleibt als von den Machthabern, und von den Frauen ist hier gar nichts zu sehen. Eine neuere Figur steht vor den Uffizien, eine riesengroße Bronzefigur einer Frau aus diesem Jahrtausend, die ein Handy in Händen hält. Naja….kommt nicht durch, aber immerhin.

Bologna ist mehr meine Stadt (entschuldige, Florenz, natürlich habe ich dich und deinen geistigen Reichtum nicht erfassen können … ). Auf dem Heimweg vom Bahnhof fällt auf, dass trotz der vielen Straßenlokale das meiste Essen wohl vom Lieferservice gebracht wird. Sogar von MacDonalds wird geliefert.

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Ich schaue mir den preisgekrönten Film No Other Land in einem Kino in der Innenstadt an. In Originalsprache (hebräisch, arabisch) mit italienischen Untertiteln. Ich langweile mich keine Sekunde lang, obwohl ich die Worte nicht verstehe. Ein Dokumentarfilm, der im Westjordanland spielt. Man muss ihn, obwohl er mich fasziniert hat, nicht gesehen haben, er zeigt die Sinnlosigkeit dieses Landes. Aber, wo geht es schon sinnvoll zu? In Amerika? Nach so einem Film kann man nur Nestroy zitieren. „Mein einziger Trost ist die Verzweiflung“.

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Es gibt kein Meer in Bologna,
ich kann keine Muscheln am Strand sammeln.

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Vor der Abreise kaufen wir a
m frühen Morgen auf dem Markt ein. Artischocken. Radicchio. Spargel, Käse. Zitronen, Salami. Das sind meine Mitbringsel. Sogar wilden Brokkoli nehme mit, die wilden Mohnblätter lasse ich liegen. Alles sieht ähnlich aus wie in Galipoli im Jänner – allerdings ist hier alles „schöner“ fürs Auge hergerichtet. Es gibt unglaublich viel Fisch und Meerestiere zu sehen und es ist mir ein Vergnügen, meinen Reisegefährten über Fisch reden zu hören! Die Unterscheidung zwischen Orangen zum Essen und Orangen zum Auspressen schmeckt man. Ich teste es. Tatsächlich kaufe ich sehr viel gutes, frisches Zeugs. Es erfüllt mich mit Freude, dass ich Gemüse mit nach Hause nehmen, das ich später dann die Reise einkochen kann. Das alles wird uns daheim noch wochenlang erfreuen.

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Es ist gut, dass noch etwas offen bleibt
… Hinter dem Bahnhof liegt die monumentale Church of de Secret Heart Of Jesus. Ich esse noch einmal Tagliatelle Bolognese und wir trinken einen Grappa in einer Spelunke. Gut schmeckt es!

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Mit der Trenitalia zu
fahren, das ist richtig komfortabel. Von Bologna über Ferrara, Padua, … nach Mestre. Kurz hinter Ferrara überqueren wir den Fluss Po. Die flachen Felder sind vom Regen durchtränkt, selbst die kleinen Kanäle voller Wasser. Hier wird bereits Spargel gestochen. Zu Hause werde ich Bärlauch pflücken. Bärlauchnudeln kochen, Bärlauchschnitzel, Bärlauchcremesuppe.

Bei Padua denke ich automatisch an den heilige Antonius, der für die verlorenen Dinge steht, der uns hilft, das Verlorene wieder zu finden. Und ich denke an Bodo Hell. Er hat ihn oft in seinen Texten erwähnt und ist nun selbst verloren gegangen. Es klingt wie Musik in meinen Ohren, wenn die Chris Lohner der Italienischen Bahn ansagt: Venezia Santa Lucia!

Die vergangenen Tage zieht gleichzeitig mit der norditalienischen Landschaft am Fenster vorbei. Ein Industriegebiet vor Pordenone, ein ungepflegter, riesiger Weingarten mit Weingartenhütte. Viel Müll und Traktorspuren zwischen den Zeilen. Der Boden bei den Weinstöcken ist aufgebrochen, er ist steinig, die Erde  dunkelbraun. Dazwischen weiden ein paar Kühe.

Wir überqueren den Piave, den breiten, türkisfarbenen Fluss. Nach den vergangenen Regentagen ist das Flussbett gut gefüllt. Der Zug trägt uns. Ich drücke meiner Tochter die Daumen für einen Vitiforst-Vortrag, den sie heute hält.

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Im M9
in Mestre zeigen sie eine Ausstellung über „gerettete Kunst“/Arte Salvata. Das Museum hat sich mit dieser Ausstellung richtig herausgeputzt, wir sehen Bilder, die vor dem Anschlag 1944 in Le Havre aus dem Museum für Moderne Kunst gerettet wurden. Mein Reisegefährte ist vor allem von den beiden Monetbildern begeistert: eine Ansicht aus der Serie über das Londoner Parlament und ein Landschaftsbild mit Sonne, Busch und Wiese. Monet konnte besonders gut mit Farben umgehen, meint er. Blickfang des Ausstellungsplakats ist ein Mädchenporträt von Renoir. Eines meiner Lieblingsbilder ist von Pierre Bonnard. Auf ihm scheint alles verrückt zu sein: ein Tisch, darauf zwei Tischdecken und ein Tablett mit ein paar leeren Gefäßen. Ein Fenster, durch das man auf ein Geländer schaut, dahinter Wasser und ein Boot. Ganz unten rechts in der Ecke, nur schemenhaft zu erkennen, ein Mädchenkopf.

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Der Zug Venedig-Wien hält in Pordenone. Mein Reisegefährte zeigt mir auf seinem Handy die Bilder der Live-Kamera, die auf den Hauptplatz von Bologna gerichtet ist. Er liebt es, jeden Tag die Live-Kameras seiner Lieblingsdestinationen zu sehen. So vermischen sich Traum und Wirklichkeit. Nächster Halt: Udine. Italienisch lernen wäre eine Option.
Wir überqueren den Tagliamento, den zweiten großen Fluss, der aus den Bergen Friauls herabfließt, türkis und wieder in einem sehr breiten Flussbett.
Der Grenzberg zwischen Arnoldstein und Italien heißt Ofen. Im Friaul mit dem Zug Richtung Villach zu fahren, ist ein Vergnügen. Die Berge sind schon da, diesmal mit Schnee bedeckt. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Unbeirrt sein. Das ist sehr oft das Wichtigste.

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Sohn: Wie ist die Mama so, wenn sie reist?
Reisegefährte: Wie eine Sechzehnjährige!

Verrückt

1
Durch die Stadt gehen und mich dabei streng an diese Vorgaben halten: 1 x rechts abbiegen, danach 2 x links abbiegen – und das solange es geht. Oder mich einfach treiben lassen? Das ist bedeutend schwieriger. Am einfachsten finde ich den Vorschlag: Picknick im Wohnzimmer!

2
Ich belausche ungewollt das Gespräch eines Ehepaares, das am Tisch neben mir mit Blick auf den See sitzt.
Sie: Siehst du den Schwan da hinten? Der brütet da.
Er: Nein, der sitzt einfach so da
Sie: Woher willst du das wissen?
Er: Weil es ungewöhnlich wäre, dass hier ein Schwan brütet.
Sie: Du weißt immer alles besser!“
_
_

Sie: Weshalb sprichst du nicht?
Er: Weil ich nicht sprechen will.
Sie: Du willst nur mit mir nicht sprechen! Nie willst du mit mir reden.
Er: Nein, ich will mit der ganzen Welt nicht sprechen!
_
_

Sie: Wir hätten nicht hierher fahren sollen. Es gefällt dir hier nicht. Gib es zu.
_

Sie: Hätten wir nach Mistelbach fahren sollen? Oder nach Gaweinstal? Wäre dir das lieber gewesen?
_

Sie: Ich merke es doch. Ich habe es vorher schon gespürt, es war ein Fehler, hierher zu fahren. Es gefällt dir hier nicht.

Er geht, kommt mit einem Stapel Zeitungen wieder und legt ihr ein paar davon hin.
Sie: Danke dir. Wie gut du dich kümmerst!

Wachau


1
Ein aus der Zeit gefallenes Haus mit dicken Mauern, das uns vom blasmusikumwobenen Sturmfest abschirmt, beherbergt uns für zwei Nächte. Ein bisschen Lust auf Zuhören haben wir dann doch. Wir stellen fest, dass die Einheimischen alle gleich aussehen, auch die Kinder. Und sie sind freundlicher als ihr Ruf.

Auf meiner Wanderung sehe ich die Schäden, die der Regen angerichtet hat. Zum Beispiel sind diese für die Wachau so typischen Steinmäuerchen, die die Weinterrassen bilden, teilweise durch den Starkregen eingebrochen und haben Drähte, Steher und Reben mitgerissen. An vielen Stellen sehe ich noch Schlammspuren.

Ich freue mich sehr über den Champignongfund, putze die Pilze gleich und schau dann doch noch einmal im Internet nach, weil ich mir bei einigen mit der Bestimmung nicht sicher bin. Und dann: Ja, es haben sich da wohl ein paar Karbolchampignons daruntergemischt. Die sind giftig. Also übergebe ich meinen so knackig-frischen Fund wieder der Wiese.

Das Gehen tut mir gut. Die Kirche von St. Michael lädt mich zu keiner ausführlichen Rast ein. Der Heurige nebenan schon. Zumindest zu einem Achterl Weißen.

In meinem Buch lese ich von den Geräuschen, die ein Liebespaar im Nebenzimmer macht, und hier in der Wachau erlebe ich es in Wirklichkeit.  Realität und Phantasie verschwimmen. Genau wie beim Lesen der Biografie von Christine Lavant. So vieles erinnert mich an sie. Zum Beispiel, wie sehr sie die Einfachheit ihres Aufwachsens geprägt hat. Lavant blieb zeitlebens der Lyrik treu, um sich gegen Angriffe der Menschen aus dem Dorf zu widersetzten. Die Prosa war oft zu verständlich, und die Leute brüskierten sich, wenn sie sich in ihren Texten wiederzufinden glaubten. Spaziergänge waren nur nachts möglich. Tagsüber fürchtete sie sich vor der Verleumdung, sie sei verrückt und faul.

Während der Wanderung finde ich eine Schraubenmutter auf dem Weg liegen. Ich hebe sie auf und nehme sie zu mir. Christine Lavants Mutter hat für andere genäht und gestrickt (oft für Gottes Lohn). Sie war Beichtmutter für viele Kundinnen, die sich da ausgeweint und ausgekotzt haben und dann verrichtete Dinge, mit einem neuen Gewand und einer reinen Seele von dannen gezogen sind. In der Nähstube unserer Mutter erlebte ich Ähnliches. Ähnliches habe ich in der Schneiderei meiner Mutter erlebt. Kein Wunder also, dass es mir seltsam vorkommt, dass es mittlerweile fast 160 Euro kostet, sich mit jemandem zusammenzusetzen und über Seelisches zu reden. Von einem neuen Gewand ist dabei auch überhaupt keine Rede.

Das Wachaumuseum tut sich vor unserer Quartiertür auf. Es befindet sich in einem mächtige Gebäude, dem Teisenhoferhof. Die Frau an der Kassa gibt uns eine gastfreundliche Einführung.  Sie erzählt von der Zeit Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die neue Wachauerstraße gebaut wurde. Auffallend viele Bilder des Wachauer Heimatmalers Erich Giese hängen an den Wänden. Im Laufe des Urlaubs stelle ich fest, dass viele seiner Motive auf Weinetiketten oder als Raumschmuck in den unterschiedlichsten Räumlichkeiten verwendet werden. Am besten gefallen mir die Bleistiftzeichnungen aus seiner frühen Zeit und ein kleinformatiges Aquarell, auf dem Zermatt zu sehen ist.

2
Die Minibar am Ostufer des größten Nexinger Teiches ist eröffnet. Wir beobachten einen Fledermaustanz am Abendhimmel. Außer den Fledermäusen ist niemand da. Sie kommen uns sehr nahe.

3
Ich nehme mich hoffentlich nicht allzu wichtig und lache mich ab und zu kräftig über all meine Unzulänglichkeiten aus.

4
Es kommt auf die Idee an und auf das Wissen, dass Worte Konsequenzen haben.

5
Ein altes, weises Wort (?): Am besten ist es, niemanden zu lieben.