KategorieLicht am Stelldichein

Gelegenheit


1
Wenn wir einen ganzen Tag herumgaukeln, kommt viel zur Sprache.

2
Selbst die Katastrophen meines eigenen Lebens bekam ich noch eindrucksvoll langsam hin.

3
Hoffentlich bereue ich nicht einmal meinen anständigen Lebenswandel! (Was für ein Dämon beherrscht mich, dass ich mich so gut benehme? H.D. Thoreau.)

4
Ich freue mich, unter Ihnen zu sein.

5
Wir zwei bauchen keine erneute Gelegenheit, wir haben uns einander schon ganz gezeigt, wir haben schon alles.

6
Mein Job, das ist eine Dokumentation des Untergangs.

Gabe

1
Zu sehr viel Geld kommt man am allerleichtesten, wenn man gar nix dafür tut. Man ist einfach Sohn oder Enkelin oder sonst irgendwie Erbin.
Am Zweitleichtesten verdient man viel Geld, wenn man andere für sich arbeiten lässt. Und zu kaum Geld kommt man durch Arbeit, sagt mein Freund.

2
Es gibt mich. Das als Aufgabe zu erkennen ist meine Antwort darauf.

3
Ich habe eine Freundin, sie ist Lehrerin und sie kann von jedem ihr anvertrauten Kind die gesamte Biographie erahnen. Sie kann alle Möglichkeiten und Talente sehen. Das ist eine wertvolle Gabe, die allerdings nur wenige sehen wollen.

4
Wenn wir auf Abstand leben, hat unsere Seele keine Geschichte, sie weiß nicht, womit sie sich verbunden fühlen soll. Wie soll Hingabe gelingen, oder Öffnung, oder Weite? Wir werden uns bedingungslos der Gnade unterwerfen, dort werden wir in Zukunft zu liegen kommen.

5
Die frisch geborene Mutter teilt ihre Gedanken mit mir, sie spricht über die Naturgewalt der Geburt, über des Messers Schneide, die über Leben und Tod entscheidet – in anderen Ländern zu anderen Zeiten hätten wir nicht  überlebt. Möglicherweise unberührt von unserem Nachsinnen reißt der Winzling an ihrer Brust die Augen auf, schwimmt mit den Ärmchen durch die Luft und gähnt gelassen.

6
Er:  Von wem sind die Rosen?
Sie: Von ihm.
Er:  Schon wieder?
Sie:  Ja. Ich nehme sie mit offenen Armen.
Er:  Ich muss mit ihm reden. Er darf dich nicht so verwöhnen.
Sie: Warum nicht?
Er:   Du verstehst keinen Spaß!
Sie: Ja, und dich in einen Prinzen verzaubern kann ich auch nicht.

Zuneigung

 

1
Ich schreibe mir am Abend eine E-Mail an meine Dienstadresse, damit ich etwas Erfreuliches lesen kann am ersten Tag nach dem Urlaub.

2
Wir trauen uns heute zu, Einfühlungsvermögen in einen Hund zu haben, nicht aber in einen anderen Menschen.

3
…eine nachhaltige Beziehung zu Objekten entwickeln. Bei Kunstwerken schlafen. Ein Buch in die Hand nehmen. Meistens zu ein und demselben Kochtopf greifen…

4
Mittlerweile möchte ich die meisten Menschen aus der Ferne lieben.

5
Sie ist empfänglich für detailreiche Schilderungen einer Körperwahrnehmung. Ich nutze diese Bereitschaft schamlos aus, um über meine Libido zu sprechen.

6
Jetzt schreibe ich zum Beispiel schon das Wort Ton mit weichem D. Weil aus jedem Wort, das ich festhalte, ein Du werden müsste. Also schreibe ich Don.

7
Immer wenn die Enkeltöchter das Haus verlassen, winkt sie zum Abschied. Damit diese Geste nicht allzu schwermütig daherkommt, ist ihr jeder Vorwand recht, um so unbeabsichtigt wie möglich vor die Tür zu treten. Zum Briefkasten oder in den Vorgarten zu gehen, ein paar unaufgeregte Handgriffe verrichtend.

8
Schon vor vielen Jahren hat mein Ehemann den Ehering an den Nagel gehängt. Jetzt hänge ich meinen dazu um zu schauen, was weiter passiert.

9
Es ist alles gut, vor allem, weil wir schon lange zusammenleben und miteinander suchen, ein gutes Auskommen zu finden, eine lebensbejahende Zugewandtheit. Es ist nichts gut, vor allem, weil wir schon lange zusammenleben und miteinander suchen, ein annehmbares Auskommen zu finden, eine immerwährende Zumutung.

Offenbarung

1
Das Leben hat keine Handlung.

2
Da bin ich unerschrocken!

3
Und?“, sagt der Bruder zur Schwester. Das waren seine klugen Worte.

4
Ich finde mehr und mehr zu einem Ablauf der Dinge, der mich glauben lässt, es sei immer schon so gewesen. Mehr noch: genau das habe ich immer schon gesucht. Als sei es immer schon so in mir angelegt gewesen und jetzt habe ich jenen Ort gefunden, wo ich mich so richtig entfalten kann. Er befindet sich unter meinen Füßen. Am frühen Morgen stecke ich die Füße in ein warmes Bad, creme sie danach ein und stelle mich dem Tag.

6
Zufälle sind zuverlässig.

5
Irgendwann ist man zu alt fürs Kino.

7
Ich schaue mir keine Serien an, lebe selber in einer.

Versuchung

1
Neue, ekstatische Wahrheiten über das Leben festhalten

2
Ein Krankenbesuch. Eine Frau von 80 Jahren singt mir ein Lied vor:
„i kumm heit zu dir, oba net durch die tür, i klopf an die fenstal an. i muass da wos sogn und muass di wos frogn, es hängt unsa glück davon ob.“

Das habe ihr verstorbener Mann immer wieder gesungen, wenn er schlafen ging. Unabhängig davon, ob sie selber noch wach war oder schon geschlafen habe. Mit zunehmendem Alter habe er immer öfter und frohlockender gesungen.

3
Ilse Aichinger: Schreiben kann man wie beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.

4
Frage: Soll ich mir den Briefwechsel von Camus und Maria Casares, Schreib ohne Furcht und viel, kaufen? Antwort: Schreib lieber!

5
Es macht keinen Sinn, am Abend fernzusehen.
Es macht Sinn, den ganzen Tag und den Abend im Freien zu verbringen.

 

 

 

 

Meer

1
Die March bringt uns in Stimmung, der Fluss, der stetig neben uns rinnt. Ein Rotmilan, ein Graureiher, die singende Meise, die Weidenbachmündung und die tanzenden Bäume, das Schwemmholz, der Sand unter den Füßen. Den Kreislauf der Natur vor Augen, das Leben vergehen sehen, dich an meiner Seite wissen. Limoncello im Picknickkorb. Alles wie ein Tag am Meer.

2
Ich werde nie ankommen. Immer wieder. Der Jenseitsgedanke hat sich aufgelöst.

3
Wir nehmen die Fähre. Das Paar, das die Fähre betreibt, muss nicht zwangsläufig ein Ehepaar sein. Eine Frau und ein Mann. Sie bringen im Halbstundentakt Menschen von einem Seeufer zum anderen. Von der Zugstation zum Ortskern. Und wieder zurück. Den ganzen Tag lang bei (wahrscheinlich) jedem Wetter. Den Fahrgästen geben sie bereitwillig Auskunft darüber, wo die besten Wirtshäuser im Dorf zu finden sind, darüber, ob die Berge eine Gefahr für die Menschen, die da leben, darstellen, wie viel Kriminalität es hier gibt, wo sich das nächste Krankenhaus befindet.
Ungefragt beschreiben sie, wie wir die tiefste Stelle des Sees zu Fuß erreichen können. Wir finden den Weg zur Hängebrücke, die über besagte Stelle führt.  Wir bleiben stehen und staunen in die Tiefe.

4
Der Zaunkönig huscht wie eine Maus im Gebüsch von Strauch zu Strauch. Wir stören ihn kurz im Vorbeigehen. Er bleibt hier über den Winter, ihn zieht nichts Richtung Süden.

 

 

 

Blume

1
Einmal in der Woche bekomme ich einen Strauß Blumen geschenkt. Was für ein Prassen! Daran möchte ich mich nicht gewöhnen. Ich möchte es unverblümt lieben, jeden Tag.

2
Um zu beschreiben, was einen Wald ausmacht, reicht es nicht, die Bäume zu zählen.

Nähe

1
gekitzelt werden

2
Wir wandern auf die Rax. Auf einen Thörlkopf. Ich komme ins Schwitzen beim Raufgehen und genieße das. Wir achten auf jeden Schritt und jede körperliche Regung. Wir teilen uns die Jause gut ein und die Luft, das Wasser. Wir schmecken alles sehr deutlich. Wir bewundern die Schneerosen und den Kalkstein und verstehen uns gut.  Alles, was dabei offen bleibt, vollendet der Gipfel.

3
Ein Mann mit Traktor arbeitet zwischen den Bäumen, sammelt abgeworfene Äste und morsche Holzstämme auf, lädt sie auf den Anhänger. Der starke Wind ist wohl der Grund dafür, dass wir zwei die einzigen Gäste unter diesen Bäumen sind. Ödön von Horvath-Angst hält alle anderen davon ab, hier einen Spaziergang zu machen. Wir leben in den Nachmittag hinein, wir drei.

4
Der Abend verspricht schön zu sein. Wir feiern 35 Jahre gemeinsamen Lebens. Er besteht darauf, dass ich es einmal erwähnt habe, dass er mein Lieblingsmensch sei. Ich kann mich daran erinnern. Es ist nicht wichtig für heute. Wir sitzen in der Abendsonne. Mit uns die Freude beim Anblick des verblühenden Gartens, des absterbenden Grüns. Die Freude an der Zweisamkeit im Haus, des in den Abend Hineinwachens, bis man müde wird und ins Bett geht und einschläft. Die Freude an den kleinen Handgriffen im Garten, ein paar Blumen einstellen, bevor sie endgültig verblühen, den Schnittlauch ein letztes Mal für heuer gießen. Die Erkenntnis, dass alles zu einer Anstrengung wird, wenn man es sich einmal vorgenommen hat, dran zu bleiben.

5
Ein ferner Bekannter hinterlässt eine Nachricht auf meiner Mailbox. Nachdem ich sie mir zweimal angehört habe, weiß ich, dass sie nicht für mich bestimmt ist. Seine Stimme klingt aufgeregt. Er bittet um dringenden Rückruf, mit seiner Frau stimme etwas nicht, es sei schlimm und er müsse mir zwei unaufschiebbare Fragen stellen. Ich rufe sofort zurück, um ihn über seinen Irrtum aufzuklären. Eine unvermutete Nähe stellt sich ein.

6
Jahrelang waren die beiden Matratzen vom Ehebett in unterschiedlicher Höhe eingerichtet. Jetzt hat sie sie auf gleiche Höhe gebracht. Eine neue Ära beginnt.

7
Es ist eine schöne Frage, die Du mir stellst, mir zu überlegen, wie ich mich im Laufe der gemeinsamen Jahre verändere.

8
Dieser Mensch ist Bewohner in mir,  ist meine Käseschmiere und mein Lebendigkeitselexier.

9
Wir haben schon so viel erlebt ohne einander.

 

 

Früchte


1
Mich überfluten Geschichten, die von einem Gegenstand ausgehen, von einem beseelten Ding, das mich erinnert, das an Gefühle anklopft; zum Beispiel eine Pflanze, die schon lange eine Rolle spielt, eine Speise, ein Geruch. Der Wind an meiner Wange oder der am Fensterbrett abgelegte Stein. Das alles sammle ich und horte es, staple es übereinander, betrachte es. Suche Worte dafür. Ich spüre den Drang, alles herauszulassen, was ich so allmählich in mich hineingestopft habe.

2
Ich beobachte eine Frau dabei, wie sie ihrem bettlägerigen Mann kleinen Löffel für kleinen Löffel voll süßer Speise reicht. Gierig verschlingt er das Dargebotene. Später, im Supermarkt, nehme ich mir einen Obstgarten aus dem Regal und lege ihn in meinen Einkaufskorb. Was ich sonst nie tu. Obstgarten einkaufen. Ich will nachspüren.

3
Wir hinterlassen Spuren, indem wir Fingerringe im Fluss versenken. In verschiedenen Flüssen. Es werden immer mehr. Was für ein verschwenderisches Spiel! Außerdem streue ich Deine Erde in meinen Garten und meinen Sand auf Deinen Acker. Wir zeichnen einander ein, tragen einander in den Gesichtszügen. So zeigen wir uns.

 

Gebet

1
Ich bete nicht so, wie du dir das vorstellst!


2
Er schenkt mir eine Handvoll verrosteter Eisentrümmer, Fundstücke  eines Umbruchsortes. Er verbindet die Gabe mit der Aufforderung: „Spiel damit!“ Ich spiele also damit. Regelmäßig. Immer wieder einmal wenn ich vorbeigehe an der Bank, auf der ich sie zwischenzeitlich deponiert habe. Lege sie einmal so, einmal anders.

3
Stoßgebet, heute:
Du!

4
Man muss schon sehr gut aufpassen auf sich selber.

5
Ernst Jandl:
ich bekreuzige mich vor jeder kirche,
ich bezwetschkige mich vor jedem obstgarten…

6
Jener unbekannte Liebhaber, das bist du auch.

7
Beten ist jedermann möglich.
Den Dingen mit einer besonderen Geistesgegenwart begegnen, mit einer freundlichen Zugewandtheit, mit einem verzweifelten Ruf, mit einer vertrauten Regelmäßigkeit.