KategorieLicht am Stelldichein

Gebet

1
Ich bete nicht so, wie du dir das vorstellst!


2
Er schenkt mir eine Handvoll verrosteter Eisentrümmer, Fundstücke  eines Umbruchsortes. Er verbindet die Gabe mit der Aufforderung: „Spiel damit!“ Ich spiele also damit. Regelmäßig. Immer wieder einmal wenn ich vorbeigehe an der Bank, auf der ich sie zwischenzeitlich deponiert habe. Lege sie einmal so, einmal anders.

3
Stoßgebet, heute:
Du!

4
Man muss schon sehr gut aufpassen auf sich selber.

5
Ernst Jandl:
ich bekreuzige mich vor jeder kirche,
ich bezwetschkige mich vor jedem obstgarten…

6
Jener unbekannte Liebhaber, das bist du auch.

7
Beten ist jedermann möglich.
Den Dingen mit einer besonderen Geistesgegenwart begegnen, mit einer freundlichen Zugewandtheit, mit einem verzweifelten Ruf, mit einer vertrauten Regelmäßigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

Berührung

1
Ich besuche einen Kurs zum Thema Basale Stimulation. Die Essenz daraus ist die Erfahrung, dass der Mensch sich seiner erst durch die Berührung eines anderen bewusst wird. Ich werde durch die körperliche Berührung eines anderen Lebewesens erschaffen. Ich wundere mich sehr über mich, das nicht schon lange gewusst zu haben: Wir müssen unsere Moleküle austauschen, unsere Spuren auf unseren Körpern und Seelen hinterlassen, um Mensch zu werden.

2
Meine Vorratskiste an Trauer füllt sich mehr und mehr.  Scheinbar grundlos wird sie schwerer. Mit zunehmendem Alter und abnehmender Sehkraft.

3
Wir stellen uns mit vorgeschriebenem Abstand an. Fragt mich die Frau vor mir in der Warteschlange: „Ob wir das dann noch können, wenn wir es wieder dürfen? Einander um den Hals fallen?“

4
Das Wort „ätzend“ fällt mir zu.

5
Sie sagt: „Ich verbrenne nicht, ich brenne. Da kann ich gar nichts dagegen machen.“ Er sagt: „Genießen Sie es!“

6
Weil sich die Welt um mich herum so schnell dreht, verschaffe ich mir Gleichgewicht durch Gleichgültigkeit. Ich erlebe nichts Besonderes. Jede Nachricht scheint gleich viel Bedeutung zu haben: dass ein paar Räume weiter in einer Stunde das Beatmungsgerät abgeschaltet wird und ich dabei Beistand leisten soll, dass meine Tochter Erbsenlaibchen fürs Abendessen zubereiten will, dass der Holzpreis gestiegen ist, dass das Testergebnis negativ ist, dass der Sohn meiner Kollegin einen lebensbedrohlichen Autounfall hatte.
Ein Frühlingsspaziergang im Schneesturm erschüttert mich bis in die Knochen. Ich friere herzzerreißend.

Umarmung


1
Ich kenn da jemanden, der mit Umarmungen nicht geizt. Ihn durfte ich unlängst dabei beobachten, wie er Josef umarmt. Josef ist nun wirklich niemand, den man kurz in die Arme schließt. Abseits jeglicher Koketterie strahlt er respekteinflößende Schüchternheit aus. Ganz und gar nicht lädt er zum Kuscheln ein. Nun fand da diese unverblümte Umarmung statt. Das Ausbreiten zweier Arme, das Umfassen des auserwählten Körpers, das Ablegen des Kopfes auf dessen Schulter. Kein ausgedehnter Akt, allerdings lang und innig genug, um die Anwesenden in Staunen zu versetzen. Eindeutig war Irritation in Josefs Gesicht zu erkennen. Und verschämte Freude. 

2
Heute endet jedes Gespräch damit: „Hoffentlich dürfen wir einander bald wieder berühren.“ 

3
Es erfüllt mich mit Freude, dass Menschen trotz des herannahenden Endes dankbar sind, mit jenen Banalitäten konfrontiert zu sein, wie sonst auch. Die Umarmung des Todes wird zu einer selbstverständlichen Gegebenheit – so, wie man eben zwischendurch einen mittelmäßigen Film anschaut oder über den Gartenzaun mit der Nachbarin die Wetterlage bespricht.

 

 

 

Fragen


1
Es kristallisiert sich die bedeutsamste Frage in diesem Jahr der Enthaltsamkeit heraus: Wie viel Menschenkontakt ist mir zuträglich? So, dass alle etwas davon haben, ohne zu viel zu verlangen.  Der wohlwollende Gefährte weist mit Nachdruck darauf hin, das Leben dauere nicht ewig. Das eigene Kind meint, es gäbe eine Zeit fürs Geben und eine fürs Nehmen.
Jetzt ist es Zeit für das, was auf der täglichen Aufgabenliste an letzter Stelle steht. Oder gar nicht draufsteht. Die Lieblingsdinge. Das Alleinsein. Das Nichts-leisten-Müssen. Das Nichts-Müssen. Das Bescheiden-Sein. Das Genau-Schauen. Das In-den-Tag-hinein-Leben. Das Sich-selbst-Beobachten. Das Aufeinander-Zugehen ohne Termin. Die Gedächtnisschule Langsamkeit. Das Lustwandeln im eigenen Körper, noch bevor er gebrechlich und schmerzhaft wird. Das Großzügig-Sein. Das Beachten des Überfließenden. Der Rhythmus, angepasst an das natürliche Licht. Das Einssein. Das Geborgensein im Nichtwissen. Das Mich-fallen-Lassen in die Unsicherheit, bis sie trägt.

2
Zeitlebens bin ich dabei, einen Standpunkt zu finden, von dem aus ich möglichst viele Fragen stellen kann.

3
Zwei Geschwister sprechen über ihre Kindheit, die lange zurückliegt. Obwohl sie nur ein paar Lebensjahre trennen, sind ihre Erinnerungen an Gemeinsames fast gegensätzlich.
Welche Erfahrung stimmt?
Woraus setzt sie sich zusammen?
Worum geht es?
Es liegt alles sehr nahe beieinander, unabhängig davon, ob man die Provinz verachtet oder sie erfrischend erlebte. Ob man dem engen Tal und der erlernten Alltagssprache Erweiterung abringen konnte oder nicht. Ob man es wichtig fand, Wörter wie Küssen, Sex oder Vagina mit den Jahren in den alltäglichen Sprachgebrauch aufzunehmen oder nicht.
Ob man die Menschen, die damals dort lebten, lieben durfte oder nicht.

4
Ich bedränge mich selber damit, die richtige Frage zu stellen. Ich schieße sie ab wie einen Pfeil. Zurück kommt die wohlüberlegte Antwort. Einmal bin ich enttäuscht. Ein anderes Mal erkenne ich das Wahrscheinliche darin und freue mich ob des getanen Schrittes.
Wer auf eine wesentliche Frage eine Antwort gibt, scheint auf dem Holzweg zu sein. Eine wesentliche Frage führt ins Offene, ins schillernde Versprechen. Und trotzdem bin ich verrückt nach dem Frage-Antwort-Spiel, nach dem Fremden, das in ihm liegt, dem reizvollen Unerkannten, verheißungsvollen Ungefähren…

5
Eine echte Frage macht viel Arbeit. Zum Bespiel jene, die einen aufregenden Wendepunkt im eigenen Leben markiert. Zum Beispiel: Willst du mich heiraten?

6
Sie fragt: Warum siehst Du mit 68 noch so aus, als wärst du 58?
Er sagt schon seit vielen Jahren, er sei 68.
(Verliebte sind doch immer schön, oder?)

7
Wo in Österreich gibt es noch Urwald?

Haut


1
Mein größtes Sinnesorgan, frech, charmant und trostreich.

2
Heute verraten Dich Deine Gesichtszüge. Wenn der Mund etwas ganz anderes spricht, als im Gesicht zu lesen ist. Die Mischung aus der Stellung jeder einzelnen Falte, des Glanzes der Augen und der Farbe der Haut. Die Muskeln lassen sich nicht kontrollieren während der beschwichtigenden Rede. Sodann die Worte nicht zum Gesagten passen. „Ich bin ganz leicht“ – und die Haut aschfahl, bläulich grau. „Was für ein schöner Tag“ –  und die Mundwinkel hängen herab. Vor allem aber sind es die Lachfalten rund um die Augen, die Dich verraten, die wie ein Trauerflor die Wange hinab fallen, während Du sagst, dass alles gut ist.

3
Ein kurzer Adrenalinstoß aus Wehmut und Ungeduld sucht mich heim, während ich den Christbaum abräume. Ich verspreche mir, Weihrauch noch bis zum zweiten Februar aufzulegen. Diesen Luxus gönn ich uns. Vor der kleinen Maisstrohkrippe zünde ich die Kerze an, lege etwas Schimmerndes dazu zum langsam heller werdenden Tag. Hoffentlich bleibt mir diese schwere Zartheit erhalten, bis mir wieder Frühlingsflügel wachsen.

4
Es geht mir ab. Zu zwölft im Kreis sitzen. Einander anschauen. Einander zuhören.

5
Ich stelle den eigenen Sarg als Sitzbank im Schlafzimmer auf.

6
Wir suchen Schutz in einer leeren Kirche.

7
JedeR leistet zurzeit Außergewöhnliches.

8
„Am Ofen links steht noch Tee für dich.“

 9
Ich sehne mich nach der Wucht eines Wasserfalles auf der nackten Haut.

10
Ich berühre nichts an dir. Nicht deine Hände, nicht deine Wange und kein Hauch meines Atems streicht über dein Gesicht. Eine neue Nähe ist spürbar. Sie hat sich verlagert in unsere Gedanken, in unsere Rede und in das Blinzeln unserer Augen. Wenn ich an dir vorbeigehe, gebe ich dir einen Luftstupser.

 

Begehren

1
Mich schaudert angesichts dieser herbstlichen Nebellandschaft. Ein Zauberwald, ein Silbersee, ein großes Geheimnis hinter dem grauen Vorhang. Die unheimlichen Empfindungen beim Anblick tiefer Schluchten und aufragender Felsen im Sommer weichen dieser stillen Euphorie beim Fragen: Wer steckt da dahinter? Und: Wie bin ich derart geliebt? Entwickle ich antwortend eine Geographie, wirft diese eine Landkarte auf meinen Körper, schau ich mich an und sehe Ewigkeit; ein junges Mädchen, eine reife Frau und die weise Alte.

2
Die mich umgebende vertraute Gegend lädt sich durch Dich mit einer völlig neuen Bedeutung auf. Ich wandere mit Dir zwischen den abgeernteten Äckern, am Waldrand vorbei hinauf auf die Lichtung. Zwei Menschen in derselben Landschaft, jeder auf seinem Stern, unberührbar für den anderen. Du gehst. Die Gegend bleibt. Ich bleibe.

3
Ein Mann erzählt mir von seiner Frau, die da meint, wenn Melancholie ihre Laune trübt, ziehe sie schon morgens die schönste rote Unterwäsche an. Das helfe ungemein. Ganz egal, welche Hüllen sie darüber werfe. Der Tag sei gerettet.
Sodann zeigt mir der Mann gleich seine roten Socken, versteckt unter der langen, dunkelgrauen Anzughose. Von weiteren Enthüllungen haben wir abgesehen.

4
Das Übermaß an Fülle und das Fehlen von Leere ist kein fruchtbarer Boden für das Begehren. So schätze ich mich glücklich, nicht immer vor vollen Töpfen zu sitzen. Die Begierde nach etwas Bestimmtem ersetzt nicht das Bestimmte. Ich kann auch warten. Indes ist Humor mir lieb und ein Daheim.

Nackt

1
Anfang Oktober 2020: Mindestens einmal am Tag denke ich mir, was ist das für eine Kunstperformance, bei der nun schon seit einigen Monaten die ganze Welt mitmacht? Der Zeitgeist steht nackt auf der Bühne.

2
Selten ist der Mensch so ausgeliefert wie liegend in einem Krankenhausbett. Hier klopft der Tod an die Tür, auch wenn die Diagnose eine hoffnungsvolle ist. Hier wird unweigerlich an die eigene Endlichkeit erinnert. Hier werden To-do-Listen verworfen, fallen Masken und jahrelang antrainierte Schutzschilde. Hier ist Gelegenheit, das innerste Gut hervorzukehren.

3
Das Gefühl, mich selber zu zeigen, das soll geübt sein, das ist nicht täglich Brot, ist vielmehr überraschendes Zubrot, ist wärmende Wohligkeit, dem Urvertrauen geschuldet. Niste ich mich ein in einem Ort der Vereinigung mit dem Himmel, einem gehofften Du-Kennst-Mich, Du-Schützt-Mich, Du-Hast-Mich-In-Deine-Hand-Geschrieben. Habe ich Bedeutung und Sinn vor Dir. Ich war noch nie so nackt wie bei Dir. Erschütternd, das gesagt zu bekommen. Du: Unbekleidet, ungeschminkt, verletzlich. Das Wesentliche vor mir ausgebreitet. Dein Urbild, das Beständige, das Unwandelbare, Unauflösliche. Die Idee von Dir, ist sie mit Haut und Haar erfassbar, mit meinem Denken, meinem Umherschweifen in Deinen Gedanken, Deiner Aura, dem, was ich sehe? Finde dabei eine transzendente Zuflucht, bin nie fertig damit, immer tiefere Erklärungsnot zu empfinden, ein Erklärungsbedürfnis zu entwickeln. Je näher ich Dich betrachte, desto mehr zerrinnst Du zwischen meinen Gedankensträngen.

4
Von jeder Erfahrung unbefleckt, wer kann das von sich behaupten? Vielleicht ein Säugling kurz vor der Geburt oder kurz danach?

Brief


1 Mein Mann ruft: „Post für dich!“ Ich halte also einen Brief in meinen Händen. Die schönen Sondermarken, Esther Stocker, CliniClowns und die Festung Hohensalzburg. Wer sie wählt, kitzelt mit dem Kuvert an meinem Herzen.
Die Selbstoffenbarung anhand dieser Hülle schon ahnen, ein haptisches Vergnügen, sie mit dem Brieföffner aus Apfelbaumholz zu öffnen. Innen weißes, glattes Papier. Blauer Kugelschreiber. Tanzende Buchstaben. Linkswalzer, eher Schostakowitsch als Strauss, klingende Zeichen, manche unleserlich. Ich muss raten, mich vortasten zu einer schlüssigen Botschaft. Sie endet mit: „…auf Dich zukommen.

2 Das poetische Ich exotisch verkleiden, das Unmögliche verwirklichen, es in Tinte fließen lassen, das flüstert mir ein Floh ins Ohr.
In Briefen hat meine Urururgroßtante in den Anreden meist einen Stern über die Namen gezeichnet. So hat sie ihre Freunde gesegnet. Herz und Haut vereinigen sich – da kann man nicht in der kühlen Hautoberfläche der Berührung mit fremdem Leben bleiben. Bring es zu Papier! Wage dich in die Tiefe!

3 Der Becher geht über.*

 

*(Psalm 95)

Atem

1 Beim Zäunen auf der Alm, dem großen, einzigen Sehnsuchtsort, das Leben aushauchen, weil das Herz aufhört zu schlagen. Eine Familie hinterlassen, eine schwerwiegende Lücke auftun. Als Kind sehr schüchtern sein, neben der Zwillingsschwester in der Schulbank sitzen, sich kaum getrauen, sich einmal umzudrehen zu mir, seiner weniger schüchternen Schulkollegin, nie in eine damals so beliebte Schlägerei zwischen Burschen verwickelt sein, kaum etwas erzählen von sich, dadurch mit allen Mitschüler*innen verbunden sein, diese Wortkargheit bis ins Erwachsenenalter zur Perfektion treiben, sein Innerstes nur zeigen, wenn Alkohol fließt. Die Sanftheit, einen Wohlgeruch, eine Berührung in der Musik und in der Annäherung an eine Frau suchen, gehofft haben, das alles und mehr in der Frau zu finden. Die großen Tiere lieben, Kühe in ihrer Wärme und dampfenden Mütterlichkeit. Den aufsteigenden Atemwolken in der milden Kälte der frühen Sommermorgen auf der Hochweide hinterherschauen, am Boden milchweiße Pfützen, kein Himmel spiegelt sich darin. Dahinter eine zarte Kinderseele vermuten.

2 Dass jeder Augenblick zur Erfahrung des Ewigen werden kann, 

das bedarf eines langen Atems, sagt mein Chef. Ich sage, wenn ich während eines Kusses aus dem Atem des anderen schöpfe, reicht er für mehrere Leben.

Annäherung

1 Ich erzähle der Ärztin zu meiner Beruhigung vor der Blutabnahme davon, dass ich mir aus Versehen in meiner Schusseligkeit beim Stricken eine Stricknadel in den Unterarm gerammt habe. So weh kann die Blutabnahme keinesfalls tun!
Sie kann im Gegenzug mit ihrer Geschichte aufwarten: Sie habe sich unlängst beim Kochen ein großes Fleischmesser mit der Spitze nach unten auf die große Zehe fallen lassen. Schon rinnt mein Blut in die vorgesehenen Abnahmeröhrchen.

2 Erwähne ich nach einem ausführlichen Gedankenaustausch etwas, das ihm, dem alten Freund, gerecht wird:
Ich bin hier lange nicht gewesen.“ oder
Ich bin nach wie vor unfähig, mich in nur irgendeine Form von Lektüre zu vertiefen, zu aufregend ist das Lesen in dir!“
oder schweige ich?  
Wenn Schweigen nicht hilft, wird es auch keines meiner Worte schaffen.

3 Heute gehört mir die Thaya auf ihren sieben letzten Kilometern, bevor sie in die March mündet. Keine Menschenseele hindert mich daran, es unwirklich luxuriös zu finden, mich lautlos im kleinen Boot flussabwärts treiben zu lassen, gesäumt allein vom geschäftigen Lärmen der Vögel und dem Wassergeplätscher, dem Wind in den riesigen Baumkronen. Die Fischerhütten am Flussrand sind montags bis freitags wie ausgestorben. 
Ich, (ganz) klein, Tarnfarbe: Ruderleiberlgrau.
Gegenüber, (ganz) groß der Auwald: Grün in tausend Facetten.
Nur das kleine Loch im Schlauchboot, provisorisch mit einem Kaugummi geflickt, lenkt zwischendurch meine Aufmerksamkeit auf sich.
In einem Landstrich zu leben, dem es nicht und nicht gelingt, Tourismus zu etablieren, halte ich für eine große Gnade!