KategorieLicht am Stelldichein

Brief


1 Mein Mann ruft: „Post für dich!“ Ich halte also einen Brief in meinen Händen. Die schönen Sondermarken, Esther Stocker, CliniClowns und die Festung Hohensalzburg. Wer sie wählt, kitzelt mit dem Kuvert an meinem Herzen.
Die Selbstoffenbarung anhand dieser Hülle schon ahnen, ein haptisches Vergnügen, sie mit dem Brieföffner aus Apfelbaumholz zu öffnen. Innen weißes, glattes Papier. Blauer Kugelschreiber. Tanzende Buchstaben. Linkswalzer, eher Schostakowitsch als Strauss, klingende Zeichen, manche unleserlich. Ich muss raten, mich vortasten zu einer schlüssigen Botschaft. Sie endet mit: „…auf Dich zukommen.

2 Das poetische Ich exotisch verkleiden, das Unmögliche verwirklichen, es in Tinte fließen lassen, das flüstert mir ein Floh ins Ohr.
In Briefen hat meine Urururgroßtante in den Anreden meist einen Stern über die Namen gezeichnet. So hat sie ihre Freunde gesegnet. Herz und Haut vereinigen sich – da kann man nicht in der kühlen Hautoberfläche der Berührung mit fremdem Leben bleiben. Bring es zu Papier! Wage dich in die Tiefe!

3 Der Becher geht über.*

 

*(Psalm 95)

Atem

1 Beim Zäunen auf der Alm, dem großen, einzigen Sehnsuchtsort, das Leben aushauchen, weil das Herz aufhört zu schlagen. Eine Familie hinterlassen, eine schwerwiegende Lücke auftun. Als Kind sehr schüchtern sein, neben der Zwillingsschwester in der Schulbank sitzen, sich kaum getrauen, sich einmal umzudrehen zu mir, seiner weniger schüchternen Schulkollegin, nie in eine damals so beliebte Schlägerei zwischen Burschen verwickelt sein, kaum etwas erzählen von sich, dadurch mit allen Mitschüler*innen verbunden sein, diese Wortkargheit bis ins Erwachsenenalter zur Perfektion treiben, sein Innerstes nur zeigen, wenn Alkohol fließt. Die Sanftheit, einen Wohlgeruch, eine Berührung in der Musik und in der Annäherung an eine Frau suchen, gehofft haben, das alles und mehr in der Frau zu finden. Die großen Tiere lieben, Kühe in ihrer Wärme und dampfenden Mütterlichkeit. Den aufsteigenden Atemwolken in der milden Kälte der frühen Sommermorgen auf der Hochweide hinterherschauen, am Boden milchweiße Pfützen, kein Himmel spiegelt sich darin. Dahinter eine zarte Kinderseele vermuten.

2 Dass jeder Augenblick zur Erfahrung des Ewigen werden kann, 

das bedarf eines langen Atems, sagt mein Chef. Ich sage, wenn ich während eines Kusses aus dem Atem des anderen schöpfe, reicht er für mehrere Leben.

Annäherung

1 Ich erzähle der Ärztin zu meiner Beruhigung vor der Blutabnahme davon, dass ich mir aus Versehen in meiner Schusseligkeit beim Stricken eine Stricknadel in den Unterarm gerammt habe. So weh kann die Blutabnahme keinesfalls tun!
Sie kann im Gegenzug mit ihrer Geschichte aufwarten: Sie habe sich unlängst beim Kochen ein großes Fleischmesser mit der Spitze nach unten auf die große Zehe fallen lassen. Schon rinnt mein Blut in die vorgesehenen Abnahmeröhrchen.

2 Erwähne ich nach einem ausführlichen Gedankenaustausch etwas, das ihm, dem alten Freund, gerecht wird:
Ich bin hier lange nicht gewesen.“ oder
Ich bin nach wie vor unfähig, mich in nur irgendeine Form von Lektüre zu vertiefen, zu aufregend ist das Lesen in dir!“
oder schweige ich?  
Wenn Schweigen nicht hilft, wird es auch keines meiner Worte schaffen.

3 Heute gehört mir die Thaya auf ihren sieben letzten Kilometern, bevor sie in die March mündet. Keine Menschenseele hindert mich daran, es unwirklich luxuriös zu finden, mich lautlos im kleinen Boot flussabwärts treiben zu lassen, gesäumt allein vom geschäftigen Lärmen der Vögel und dem Wassergeplätscher, dem Wind in den riesigen Baumkronen. Die Fischerhütten am Flussrand sind montags bis freitags wie ausgestorben. 
Ich, (ganz) klein, Tarnfarbe: Ruderleiberlgrau.
Gegenüber, (ganz) groß der Auwald: Grün in tausend Facetten.
Nur das kleine Loch im Schlauchboot, provisorisch mit einem Kaugummi geflickt, lenkt zwischendurch meine Aufmerksamkeit auf sich.
In einem Landstrich zu leben, dem es nicht und nicht gelingt, Tourismus zu etablieren, halte ich für eine große Gnade!