Autormartha

Askese

1
Ich stelle bei mir zwar einen fatalen Hang zum Austrocknen fest, aber ebenso jenes Potential, das mich geistig zeitlos jung erhalten kann. Ich wachse in der Überzeugung, ich müsse mir nur meiner Imaginations- und Intuitionskräfte bewusst werden, sie ausbilden, pflegen und üben. Mich mehr und mehr dem Vertrauen verschreiben.

Entblößung

1
Bei meinen körperlichen Erscheinungs- und Empfindungsbildern, vor allem im Bereich der Gebärmutter, der Brüste und des Kopfes, ist es jetzt naheliegend, einen Gedanken in seine Richtung zu schicken.
Er hat genau in diesen Körperregionen Platz gefunden. Ihm hab ich mit großer Sehnsucht und innigem Vergnügen Einlass gewährt mit aller Hingabe, die ich aufbringen konnte. Und nun diese eigenartige Irritation, die mich erschüttert, nahezu verschüttet. Unbeeinflussbar, unfreiwillig und ohne erkennbaren Sinn. Ich verbiete es mir zu denken, dass es ein Hinweis sei.

2
Sie spricht von der Last, einen Röntgenblick zu haben, gar nicht anders zu können, als in Menschen hineinzusehen.

3
Unlängst lese ich einen Artikel gegen das Stillen in der Öffentlichkeit. Es sei unästhetisch, meint die Schreiberin. Ich ärgere mich darüber. 

4
Wir gehen in die Nacht hinaus. Unsere Gespräche werden mit den Jahren anders. Reduzierter. Offener. Wir werden freier zu sehen, was geschieht.

 

Fest

1
Ich lege ein Tuch mit rot-orangen Farbklecksen auf den großen Tisch. Dann steige ich die Stiegen hinauf in den Garten, vorbei am spätherbstlich gefärbten Eschenbaum, um letzte Blumen mit ähnlichen Farben zu suchen. Ich gruppiere die gewählten Blumen in kleine Vasen und stelle sie auf dem Tisch neben den Klecksen ab.

2
Jedes Fest, das seinem Namen Ehre gereicht, ist radikal. Unproduktiv. Unnütz und verführerisch in Richtung Untätigkeit. Außerdem: „Ka guats Doaf, wos ned amol im Johr an Kiritog gibt!“

3
Im Dorf meiner Kindheit schneit es heuer vor Weihnachten derart viel, dass ich, selbst mit Schneeketten auf den Autoreifen, nicht hinfahren könnte. Die Züge pausieren auch. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen, dass das Dach die Last des Schnees nicht mehr hält. Den ganzen Tag über hört sie die Bäume stöhnen. Ich erwähne die Tiere im Wald. Welche Überlebensstrategie sie wohl haben? Der dritte Herbst in Folge, der die Natur an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Die unvergleichbare Stille, die die Schneemasse in sich birgt, setzt sich in die abgelegenen Winkel des Hauses.
Jetzt ist es gut, einen Holzherd zu haben und Batterien fürs Radio. Die langen Abende und die Angst versucht man mit Kartenspiel im Kerzenschein zu bannen. Wer kann, spielt Zither oder probiert es mit Familiengesang. Rosenkranzbeten hat früher schon nicht geholfen. Zum Schluss wird man einfach wortkarg, nimmt wieder die Schaufel und bahnt sich den Weg zum Hühnerstall und hofft.

4
Die Karte der weit verzweigten Landgemeinde wird heuer anhand von 24 Interviews abgesteckt und ins Internet gestellt. Sie erzählen mit dem je eigenen Blick auf die Weihnachts-Welt von damals. In einer mir vertrauten, verschwundenen Sprache. Erzählen von Lorenz Marie, für die die Mutter Kaffee kocht und vom Weg von der Kirche zur  Schule, durch den hohen Schnee, zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, von der Wasserleitung, eingebettet in ein Baumstamm-Holzrohr, die bei den winterlichen Temperaturen einfriert, dort, wo sie nicht tief genug vergraben wurde, vom Auffüllen des Weihwasservorrates am Stephanitag oder von der Einsamkeit am Sonnblick zu Silvester…Zum Schluss, im You-Tube-Abspann, ein leichtes Flirren des Logos, ein Nachflackern des Gehörten, als ob der Sprecher sich des Gesagten gar nicht mehr sicher wäre. Als ob die Erinnerung mit einer Träne in den Augen verschwände.

5
Wir waren sehr bedacht darauf, unseren Kindern nie das Märchen vom Christkind zu erzählen. Deren Reaktion darauf war, dass sie uns nicht geglaubt  haben, sondern den anderen, die das Christkind gesehen haben, wie es geheimnisvoll durch die dunklen Lüfte schwebt und Geschenke verteilt.

 

 

 

Glück

1
Wenigstens einmal in meinem Leben
gehalten werden und in die Nacht fliegen, ganz weit in die Lüfte der mutigsten Küstenseeschwalben.
Der Sterne kundig sein und sie zu unseren Gunsten deuten.
Mich in die Umarmung Deiner Richtung fallen lassen.
Die Liebenswürdigkeit in Person sein.
Schwach und zerbrechlich der Welt die Stirn bieten, über die Schnur hauen.
Ich berge mich in die Sicherheit: wir sehen einander wieder.

2
„Heute, “ sagt meine Schwester, die seit zwei Wochen die Wohnung nicht verlassen hat und währenddessen jeden Tag von ihrem Mann mit den köstlichsten Gerichten bekocht wird, am Telefon, „heute hab ich uns Berner Würstchen gemacht, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich das Beste satt habe!“
Es macht mich glücklich, wenn ich mit drei, vier Freunden zusammen bin, etwas zu trinken und etwas zu essen, mich dabei einfach zu unterhalten, nichts zu machen, über nichts Ernstes zu reden, mit Freunden, die einander schon fast alles gesagt haben, nur einfach ich selbst sein zu können, einander so zu nehmen, wie man ist und isst und trinkt.

3
Du wirst nie glücklich, wenn Du nicht die wichtigen Fragen gestellt bekommst, sagt mein Mann beim Abendessen und ich denke mir, hier stimmt etwas zusammen, das auch auseinanderliegen könnte.

4
Meine gefühlte Verbindung mit der Natur birgt von jeher sehr viel Sinn in sich. Tief in meinem Innersten verborgen gibt es diese Bilder von einem mit frischem Heu gefüllten Schuppen, dessen Duft mich zur Rast einlädt.
Oder von einer Badewanne, die draußen im üppig bewachsenen Garten steht, während warmer Mairegen auf mich fällt.
Oder von den in ihrem Schoß gefalteten Händen meiner Großmutter, tief zerfurcht und müde von der Arbeit am Hof, am Feld, im Stall.
Das Nachdenken über eine intakte Erde ist eine aufregende Aufgabe, ein verlockendes Ziel!

5
Am Morgen, nachdem mich mein Kaffee endgültig alle Mühe des Aufstehens vergessen lässt, schießt es mir ein, das Glück, weil es bereits ein Glück ist, auf dieser Welt zu leben, für mich privilegierte Mitteleuropäerin, die ich schon einmal überschritten habe, die Schwelle zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit. Es gibt keinen Grund, mich in die engen Grenzen meiner selbst und meiner Welt einzuschließen. Es steht mir frei, die offene Tür zu wählen und neugierig drauflos zu stapfen.

6
Welch ein Glück ist die Heiterkeit!

7
Es gibt so etwas wie mein hedonistisches Hamsterrad. Dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhnen und immer mehr davon brauche. Dass ich mich dem Druck , immer glücklich zu sein und maximal viele Erfahrungen zu machen, beuge. Wie gut, dass es jetzt erlaubt ist, einmal nicht so glücklich zu sein. Oder das Glück in der Einfachheit des kleinen Alltäglichen zu sehen, ohne viel Aufhebens. Sich zum Beispiel darüber freuen, dass die Gasthäuser wieder aufsperren.
Ich kenn da jemanden, der mir sagt: „Die 4 G’spritzten beim Heurigen, getrunken mit dem Bruder nach einer sportlichen Einheit, dabei über das Leben zu sinnieren, macht mich von jeher zufrieden und dankbar. Das ist so einfach. Ein „großer“ Urlaub kann nicht mehr!“

8
Das Glück ist jeden Tag etwas anderes. Vom Glück bleiben immer nur Fragmente. Mein Glück ist nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, schreib ich mir auf meinen Merkzettel. Das Unglück gehört dazu.

Schoß

1
Wir sitzen beim Mittagessen. Liebeskummer wird serviert und  Weltschmerz. Wir üben uns darin, aus Bequemlichkeit und Gewohnheit dem Leben in stiller Verzweiflung treu zu bleiben, anstelle sich selber am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, etwas zu verändern. Warum machen wir das nicht, obwohl wir davon wissen, dass das Glück gelockt und willkommen geheißen werden möchte? Derweil fällt es uns während unseres Murmelns und Grummelns und Schweigens wie von alleine in den Schoß. Liegt es doch oft im Bekannten und Vertrauten, darin Intimität ruht.
2
Niemand weiß, was ein neuer Tag und eine entlaufene Wölfin in ihrem Schoß tragen. Dieses Sprichwort aus Schweden entdecke ich im Roman des Bestsellerautors. Das Buch liegt offen vor mir auf dem Kaffeehaustisch. Ich sitze am Fenster zur Straße hin. Den Gürtel vor Augen. Der Verkehr fließt wie ein Fluss an mir vorbei. Wo verbirgt sich der Schoß dieser Stadt?
3
Ich befinde mich mitten im Jahr des großen Umbruchs. Drei Eingriffe durchgeführt im Krankenhaus, zwei Auswürfe einer Geburt gleich. Alles dreht sich um Blut und seine Abwesenheit. Ich erwarte eine Wende. Ich lebe nicht in einer Gemeinschaft, in der man sich zu gegebener Zeit die Nachgeburt als Mixgetränk zum Frühstück serviert. Wie sollte man also hierzulande den Abschied der Fruchtbarkeit feiern? Indem man sich einen blauen Schal kauft? Oder sich Gratisratschläge von Allwissenden einholt? Oder noch besser: sich sündteure Nahrungsergänzungsmittel besorgt?
Jetzt gefragt werden: Wie geht es Deinem Schoß? bedeutet, über mein lust-schmerzvolles Frauenleben zu sinnieren, mich zu verabschieden von dem vielen großen Kleinklein, zu atmen, zu wiegen, zu bewegen, mich zu schönen und dem Born der Freude eine Landschaft des Begehrens zu malen.
4
„Brich an du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tragen.“ Diesen Choral singen wir in vier unterschiedlichen Stimmen, zwei Männer, zwei Frauen…wir erklären nichts, wir deuten nicht. Wir lassen uns fallen in unsere Mitte, ins Hören und Klingen.

 

 

 

 

 

 

Begehren

1
Mich schaudert angesichts dieser herbstlichen Nebellandschaft. Ein Zauberwald, ein Silbersee, ein großes Geheimnis hinter dem grauen Vorhang. Die unheimlichen Empfindungen beim Anblick tiefer Schluchten und aufragender Felsen im Sommer weichen dieser stillen Euphorie beim Fragen: Wer steckt da dahinter? Und: Wie bin ich derart geliebt? Entwickle ich antwortend eine Geographie, wirft diese eine Landkarte auf meinen Körper, schau ich mich an und sehe Ewigkeit; ein junges Mädchen, eine reife Frau und die weise Alte.

2
Die mich umgebende vertraute Gegend lädt sich durch Dich mit einer völlig neuen Bedeutung auf. Ich wandere mit Dir zwischen den abgeernteten Äckern, am Waldrand vorbei hinauf auf die Lichtung. Zwei Menschen in derselben Landschaft, jeder auf seinem Stern, unberührbar für den anderen. Du gehst. Die Gegend bleibt. Ich bleibe.

3
Ein Mann erzählt mir von seiner Frau, die da meint, wenn Melancholie ihre Laune trübt, ziehe sie schon morgens die schönste rote Unterwäsche an. Das helfe ungemein. Ganz egal, welche Hüllen sie darüber werfe. Der Tag sei gerettet.
Sodann zeigt mir der Mann gleich seine roten Socken, versteckt unter der langen, dunkelgrauen Anzughose. Von weiteren Enthüllungen haben wir abgesehen.

4
Das Übermaß an Fülle und das Fehlen von Leere ist kein fruchtbarer Boden für das Begehren. So schätze ich mich glücklich, nicht immer vor vollen Töpfen zu sitzen. Die Begierde nach etwas Bestimmtem ersetzt nicht das Bestimmte. Ich kann auch warten. Indes ist Humor mir lieb und ein Daheim.

Besonnenheit

1
Kurz vor Allerheiligen 2020: Jetzt gewinne ich also Tiefe und Selbsterfahrung wieder dadurch, dass sich mein Bewegungsfreiraum einschränkt und sich meine Aktivitäten innerhalb engerer Grenzen entfalten.
Sieh dir das Licht an!
Zwischen den zur Ruhe kommenden Gräsern. Dunkel. Zurückhaltend. Verirrt es sich durch das letzte Hochstreben der Stämme, prallt es ab auf der grün-gelb-braunen Pflanzenwand. Allein die Wasserfläche strahlt unverschämt.
Wir sitzen abgeschirmt am Teich, eingebettet in eine Oase aus Schilf. Wasser, Pappelrund, Weiden, Steg und Himmel. Nach einer Weile schärfen sich meine Sinne. Was hier alles geschieht! Ein Massaker nach dem anderen: Der Eisvogel fischt. Der Fisch libellt. Die Libelle paart. Das Schilf rauscht. Das Wasser meert.

2
Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.
*Jesaja 30,15a

3
Jetzt ist kein guter Zeitpunkt dafür, so zu tun, als sei nie etwas gewesen. Das Leben dauert nur einen kurzen Augenblick. Derart endlich zu sein, derart zerbrechlich und leicht und derart unfähig mein Leben ganz zu begreifen, legt Besonnenheit nahe: Ich will mich nicht anpassen lassen, wie ein maßgeschneidertes Kleid sich an meinen Körper gießt; ich will mich nicht anpassen lassen an eine Welt, die immer deutlicher zur Verzweiflung treibt. Ich will meine kleinen Träume vergessen, damit die großen nicht vergessen werden.

4
Dass er mit seinem Gleichmut und seiner nie allzu besitzergreifenden Zuneigung maßgeblich dazu beiträgt, dass alles gut geht, wird mir heute im Morgengrauen bewusst. So ist ein einsames Leben gemeinsam leichter zu ertragen.

5
Aus Vernunft sind schwerwiegende Entscheidungen wie eine Liebesbeziehung einzugehen, ein Kind zu bekommen oder in ein anderes Land zu ziehen nicht zu treffen, weil man nicht weiß, zu welchem Menschen man dadurch wird. Wann Vernunft wirklich angebracht ist, darüber muss ich erst gründlich nachdenken.

6
Hab ich doch unlängst einen schwarzen Schwan gesehen! Hat er hoch über mir den Himmel durchkreuzt mit ruhigem, ausladendem Flügelschwung. Hat sich sehr viel Zeit dabei gelassen.

 

 

 

 

 

 

 

Abschied

1
Bevor sie von ihrem Besuch vom Krankenhaus heimfährt, sagt sie zu ihrem schwerkranken Mann: Ich fahr‘ jetzt nach Hause, morgen komm‘ ich wieder zu Dir. Wie oft kann man sich von einem Menschen verabschieden?

2
Mein Abschied von ihr erfolgte drei Jahre vor ihrem Tod bei einem Besuch in ihrem knorrigen Bauernhaus. Sie starb über eine Dauer von zwölf Jahren hinweg und ich hatte keine Kraft mehr, ihr dabei zuzusehen. Sie war mein Inbegriff einer bösen Frau, ihrer Geschichte geschuldet, ihren Genen und ihren darausfolgenden Entscheidungen. Mir steht es in keiner Weise zu, das zu sagen. Aber nur, wenn ich sie derart grob auf Distanz halte, komme ich mit der eigenen Unzulänglichkeit einigermaßen zurecht.

Als sie dann wirklich starb, zahlte mein Bruder zwölf Messen im Stephansdom. Wir besuchten diese Gottesdienste gemeinsam. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, diese Frau braucht diesen Ablasshandel, um nicht gemeinsam mit mir in der Hölle schmoren zu müssen.

3
Große Platten mit Schweinebraten stehen auf dem Tisch, Flaschen mit Selbstgebranntem und Zuckerkipferl. 

Der Bruder ist tot. Der Onkel ist tot. Der Vater ist tot. Und wir sind die Nächsten. Vorerst aber leben wir noch, feiern diese Tatsache ausgelassen beim Totenmahl in liebevollem Gedenken, bis die Tränen fließen. Werden nicht müde, dem Kellner um den Hals zu fallen, die halbleeren Bierflaschen von der Bar zu schubsen, die Augen zu schließen und auf den Schultern der Sitznachbarin eine kleine Pause zu machen, zusammenzustehen, zusammenzubleiben, für immer;
und für den Moment dem Tod eine lange Nase zu zeigen.

4
Zum Tagesausklang öffne ich eine Flasche Chianti. Das Etikett ist schwer zu entziffern. Der Wein riecht nach sattem Waldboden und schmeckt wie Latwerge, ein Leckwerk aus Honig und Zwetschken.

5
Das alles ist auch in mir.

 

Müde sein

1
Die Stunde des Wolfes (Ingmar Bergmann hat sie so genannt), also jene Spanne vor dem Morgengrauen, in der ich trotz Müdigkeit oft meines Schlafes beraubt bin, kehrt Düsteres hervor. Das Andenken der Aufgaben des anbrechenden Tages wird zur schweren Last – die Planung des restlichen Lebens zum Fegefeuer… Das alles schaff ich nie! Wie nur um Himmels willen schläft die Deutsche Bundeskanzlerin? Und wie schlafen all die Gestrandeten?

2
„…schade, dass Du nicht zu uns zu Besuch kommst, wir hätten auch Liegestühle zum Chillen und gute Musik vorbereitet…“

3
Die Erschöpfung am Ende des Tages, an dem ich alle meine Topfpflanzen neu versorgt und neu gestellt hab, die Erschöpfung am Ende eines Werkes, dem ich ein Stück meiner Seele anvertraut hab, die Erschöpfung am Ende eines Lebens, nach dem die Frau am Sterbebett sagt: „Ich bin froh erschöpft“.  Müdigkeit hat etwas Tröstliches.

4
Weinlese und Bescheidenheit schließen heuer einander aus. Diese Üppigkeit im Weinberg, im Keller und in der Küche ist unverschämt. Alles ist im Übermaß da. Ich fühl mich erschlagen von der Fülle.

5
Kinder laufen, junge Hunde laufen. Sie machen den Weg zehnmal. Sie denken nicht an Müdigkeit.

6
Gesetzt den Fall, ich finde meine ureigenste kreative Balance für die Bewältigung meines Tagwerkes, also jenen Zustand des Begehrens oder der Berufung,
so gehören unabdingbar dazu: Spielräume, Orte der Untätigkeit, Erholung und Sinn und meine große Erzählung. Ich weiß, dass das notwendig ist, um jene Fragen zu stellen, die sonst niemand stellt, um zu strahlen, um zu stehen.

Nackt

1
Anfang Oktober 2020: Mindestens einmal am Tag denke ich mir, was ist das für eine Kunstperformance, bei der nun schon seit einigen Monaten die ganze Welt mitmacht? Der Zeitgeist steht nackt auf der Bühne.

2
Selten ist der Mensch so ausgeliefert wie liegend in einem Krankenhausbett. Hier klopft der Tod an die Tür, auch wenn die Diagnose eine hoffnungsvolle ist. Hier wird unweigerlich an die eigene Endlichkeit erinnert. Hier werden To-do-Listen verworfen, fallen Masken und jahrelang antrainierte Schutzschilde. Hier ist Gelegenheit, das innerste Gut hervorzukehren.

3
Das Gefühl, mich selber zu zeigen, das soll geübt sein, das ist nicht täglich Brot, ist vielmehr überraschendes Zubrot, ist wärmende Wohligkeit, dem Urvertrauen geschuldet. Niste ich mich ein in einem Ort der Vereinigung mit dem Himmel, einem gehofften Du-Kennst-Mich, Du-Schützt-Mich, Du-Hast-Mich-In-Deine-Hand-Geschrieben. Habe ich Bedeutung und Sinn vor Dir. Ich war noch nie so nackt wie bei Dir. Erschütternd, das gesagt zu bekommen. Du: Unbekleidet, ungeschminkt, verletzlich. Das Wesentliche vor mir ausgebreitet. Dein Urbild, das Beständige, das Unwandelbare, Unauflösliche. Die Idee von Dir, ist sie mit Haut und Haar erfassbar, mit meinem Denken, meinem Umherschweifen in Deinen Gedanken, Deiner Aura, dem, was ich sehe? Finde dabei eine transzendente Zuflucht, bin nie fertig damit, immer tiefere Erklärungsnot zu empfinden, ein Erklärungsbedürfnis zu entwickeln. Je näher ich Dich betrachte, desto mehr zerrinnst Du zwischen meinen Gedankensträngen.

4
Von jeder Erfahrung unbefleckt, wer kann das von sich behaupten? Vielleicht ein Säugling kurz vor der Geburt oder kurz danach?