Antlitz

1 Ich übe mich darin, in Augen zu lesen, die einzige Gesichtsoffenbarung, die mir zur Verfügung steht, während wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wage ich die Grenzüberschreitung eines tiefen Blickes und lege gleichzeitig mehr als üblich hinein in mein Schauen, lerne ich das Wort Augenblinzeln neu kennen.

2 Strahlen sie nicht so, sonst werden sie noch verhaftet!

3 Es ist ein großes Vergnügen, in deinen Gesichtszügen zu lesen: Mal blitzt Neugierde, mal tiefe Dankbarkeit in deinem Blick auf, rücksichtslose Ehrlichkeit und sanfte Zuneigung. Mit diesem Lächeln zuinnerst im Augenwinkel gibst du dem nächsten Moment diese innige Prägung. Ziehst du die Augenbrauen hoch, legst du die Stirn in Falten und reckst das Kinn nach vor, im Profil eine kecke Ansage bis hin zur Nasenspitze. Die trotzigen Mundwinkel, wenn du dir eine zynische Bemerkung verkneifst oder versucht bist, einen unverschämten Wunsch zu äußern. Das ganze Gesicht unüberschaubare Landschaft, jede Ecke im Prozess, in steter Bewegung und in der Lage, sich von einer Sekunde auf die andere zu wandeln: das offene Buch und das undurchdringliche Pokerface. „Schau mich an, mit einem Blick, auf das, was ist und mit einem Blick auf das, was sein könnte!“

 4 Nichts ist so still wie ein Mensch, der aufgehört hat zu atmen. Die tote Frau liegt vor mir, sorgsam gebettet in weiße Laken und Pölster.  Sie anschauen zu dürfen in ihrer vollkommenen Hingabe, lässt meine Verneigung tief ausfallen;
ihr ins Antlitz zu sehen bedeutet, die Zusammenfassung eines ganzen Lebens zu würdigen. Eine leichte Brise bewegt die Vorhänge am offenen Fenster.

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