Erinnerung

 

1
Ich stelle mir die Frage, was es ist, das all jene Männer verbindet, die ein Handwerk gelernt haben. Eine schwer zu definierende Ähnlichkeit zeigt sich unter den Malern, den Tischlern oder den Gärtnern, die in diesem Krankenhaus arbeiten. Da ist ein Etwas, das alle an sich haben. Ich werde jedes Mal an meinen Vater, den Maurer, erinnert, wenn ich einen von ihnen zwischen Tür und Angel treffe. Eine Mischung aus Kraft und Staub und Gemütlichkeit, körperlichem Einsatz, Geruch und Feierabend. Etwas davon ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

2
Im Urlaub sitze ich jeden Tag am See. Ich schaue auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche und auf die schaukelnden vertäuten Boote. Ich schätze die Gnade der Wiederholung und ich bin dabei, mir Unvergänglichkeit einzuheimsen. Sie rieselt dennoch durch meine Finger wie der Sand am Seestrand.

3
Wir schauen uns eine Ausstellung in einer ehemaligen Fischhalle an. Alle Bilder und Fotografien zeigen den Verfall von Dingen: Collagen mit Schnittblumen, Rosen, Tulpen, Iris, großzügig arrangiert auf einem undefinierbaren Hintergrund. Auch: Fotos von verlassenen Gebäuden, den Dachboden eines alten Fabrikgebäudes, die Schwimmhalle eines geschlossenen Hallenbades, eine geschlossene Kanzlei, den Behandlungsraum einer alten Psychiatrischen Klinik. Derart festgehalten scheint das Abgebildete dem zeitlichen Strom des Vergehens entrissen zu sein.

4
In der ersten Nacht kann ich nicht schlafen. Die Kälber des Nachbarbauern schreien, weil sie von der Mutter getrennt wurden. In der zweiten Nacht ist es schon ruhiger.

5
Gespräche am Frühstückstisch im Haus meiner Kindheit: Der Name Franz Klammer ist mir bis heute in Erinnerung geblieben, obwohl Zuschauersport mich noch nie im Leben interessiert hat. Die Namen der unzähligen Bergspitzen der Dolomiten hingegen merke ich mir bis heute nicht. Es war wohl nie wichtig, sie zu kennen. Genauso wenig wie jene der Wasserfälle auf der anderen Talseite, die selbstverständlich den Weg von oben nach unten finden. Heuer kann man Eierschwammerl mit der Sense mähen und immer liegt jemand aus der großen Sippe im Sterben. Die Mutter hört letzte Nacht die Habergeiß rufen, so wie schon unzählige Male, immer dann, wenn jemand das Zeitliche segnet. Ob es sich dabei um die Schreie eines Kauzes oder um die Gebärklage eines Rehes handelt, ist jetzt nicht wichtig. Vom Vergangenen wissen wir nicht, ob es schon vergangen ist…

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