Brief


1 Mein Mann ruft: „Post für dich!“ Ich halte also einen Brief in meinen Händen. Die schönen Sondermarken, Esther Stocker, CliniClowns und die Festung Hohensalzburg. Wer sie wählt, kitzelt mit dem Kuvert an meinem Herzen.
Die Selbstoffenbarung anhand dieser Hülle schon ahnen, ein haptisches Vergnügen, sie mit dem Brieföffner aus Apfelbaumholz zu öffnen. Innen weißes, glattes Papier. Blauer Kugelschreiber. Tanzende Buchstaben. Linkswalzer, eher Schostakowitsch als Strauss, klingende Zeichen, manche unleserlich. Ich muss raten, mich vortasten zu einer schlüssigen Botschaft. Sie endet mit: „…auf Dich zukommen.

2 Das poetische Ich exotisch verkleiden, das Unmögliche verwirklichen, es in Tinte fließen lassen, das flüstert mir ein Floh ins Ohr.
In Briefen hat meine Urururgroßtante in den Anreden meist einen Stern über die Namen gezeichnet. So hat sie ihre Freunde gesegnet. Herz und Haut vereinigen sich – da kann man nicht in der kühlen Hautoberfläche der Berührung mit fremdem Leben bleiben. Bring es zu Papier! Wage dich in die Tiefe!

3 Der Becher geht über.*

 

*(Psalm 95)

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