Autormartha

Verbundenheit

1
Zwischen zwei Terminen, zwischen Tür und Angel spricht sie aus, was den Tag krönt: Ich staune zunehmend über mein Erkennen, mit wie wenigen sozialen Kontakten ich glücklich sein kann. Meine Verbundenheit ist keine Frage des ständigen Sich-Treffens, ist viel feinstofflicher und überdauert räumliche und geographische Distanzen. Sind wir miteinander verbunden, ohne uns zu treffen?

2
Unser aller Gegner ist ein Virus. Und die eigene Gruppe ist die ganze Welt. Diese Verbundenheit ist einzigartig.

3
Mein Liebling zu mir: Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich dir Überheblichkeit unterstellen. Dieser Ausdruck einer Beziehungsunsicherheit lässt mich grübeln. Welche gemeinsamen Wachstumsaufgaben haben wir?

4
Den bislang makellosesten Augenblick des Jahres verbringe ich zu Füßen des Wasserfalls.  Die vollkommene Abwesenheit von Einsamkeit macht die Frage, wie viel ich davon vertrage, zur Gänze überflüssig. Die Berge, die in mir eine Fortsetzung finden, der Wasserstrom, der durch dich fließt. Die sprühende Gischt, ein unsichtbarer Schleier in der Luft um uns.

Wir sind ein Tempo, ein Rhythmus, eine Bewegung.

5
Der Radiomoderator stellt die vieles entscheidende Frage, was mich denn zu jener gemacht hat, die ich jetzt bin, und trifft damit meinen wunden Punkt: Ich brauche Dich!

 

 

 

Begleiten


1
Jahrelang schon gehen sie zu dritt, hintereinander, Tag für Tag und nehmen immer den gleichen Weg für ihren Spaziergang. Vorne die Tochter und mit einem Abstand von 200 Metern dahinter das Elternpaar. Sie nehmen für das große Ausschreiten täglich den gleichen Weg, vorbei an meinem Garten, von wo aus ich sie sehen kann. Einander im Schweigen begleitend, das Tagwerk vertretend, den Feierabend eingehend. Wie leben sie, wenn ich sie nicht sehe?

2
Ich werde Dich führen, wohin Du nicht willst.

3
Ich beobachte, dass es sich manchmal mit Lebensgefährt*innen, die in den späteren Jahren in ein Leben treten, so verhält, dass diese neuen Beziehungen in einer eigentümlichen Distanz wachsen. Einer Mischung aus Respekt und Kühle. Zu müde, sich noch einmal Hals über Kopf in ein neues Leben zu zweit zu stürzen, tut sich zum Gegenüber der späten Jahre ein verspielter Zwischenraum auf: sich bekochen lassen mit Obst und Gemüse der Saison, gemeinsam am Tisch sitzen, die Zungen in die heiße Suppe stecken, sie sich freiwillig verbrennen, versalzen ist sie nicht, den Mund noch einmal aufreißen…    .

4
Unlängst kommen wir in ein Gespräch darüber, welche zeitgenössischen Bauten uns gefallen. Das allererste Gebäude, das mir einfällt, ist unsere Leichenhalle. Seit einem halben Jahr gibt es sie. Und schneller, als mir lieb ist, stehe ich als Hinterbliebene in ihr, erlebe, wie ein Raum Gefühle steuert. Das Begräbnis ist ein traurig unabänderlicher Anlass, die Verstorbene in einem für den Tod annehmbaren Alter (es steht mir natürlich nicht zu, das zu behaupten) von uns gegangen und mein Abschiedsschmerz gilt zu gleichen Maßen den Erinnerungen an die unwiederbringliche Leichtigkeit der Kindertage und der Tatsache der eigenen Vergänglichkeit. Der Raum, ein zur Gänze geöffnetes Tor gleich einem Scheunentor, die Wand gegenüber eine Glasfront. Sichtbare Landschaft rundherum. Ich kann unbeobachtet entscheiden, ob ich meinen Blick in den Wolkenhimmel hefte, den nahen Wald oder an die Menschen, die zur Linken und Rechten der Toten Platz finden. Ich vermurmle den Lebenskreislauf mit den sich wiederholenden Gebeten, sehe den Zirbensarg selbstverständlich in unserer Mitte, weil doch gleich daneben eine frisch gemähte Wiese zu riechen ist, ein Flugzeug über den Himmel zieht und der Wind das Haar meiner Trauernachbarin zerzaust…

 

 

 

 

Barfuß

1
…mit dem Fuße schreiben… (Friedrich Nietzsche)

2
Stets trägt er zerfledderte Schuhe. Selbst im Winter zumeist ohne Socken. Er besitzt meines Erachtens drei Paare: braune Sandalen, dunkelblaue Garten-Clogs und ein Paar – ursprünglich schwarze – Halbschuhe. Auf jedem Schuh sind Farbspritzer, Fettflecken und vor allem Löcher, da, wo sie nicht hingehören. Darunter sieht man nackte Haut. Er trägt diese Fragmente als Ausdruck seiner geistigen Verwandtschaft zum Heiligen Franz und in Abgrenzung zur leiblichen Verwandtschaft, die sich für sein Statement schämt.

3
Barfußschuhe kaufen?
Warum nicht einfach barfuß gehen?
Einstehen (müssen) für Armut und Askese (früher einmal)
oder für Freiheit und Unanständigkeit (heute manchmal).
Ein Gestreichelt-Werden am anderen Ende des Kopfes, stete Erinnerung an den warmen Sand im Sommer, die Kühle des Taus, den Schmutz der Straße, den Schmerz eines Stoppelfeldes und das Liebkosen seiner Lippen.

Die spätsommerliche Wiese, taufeucht auch noch am frühen Nachmittag, drüberlaufen wie in Kindertagen. Erstaunt darüber sein, dieses unbeschwerte Gefühl von damals in gleicher Weise abrufen zu können. Mir beim Nachdenken darüber klar werden, es kann höchstens ein ähnliches Gefühl sein, viel zu viele Erfahrungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten dazugesellt und Freiheit bedeutet heute etwas ganz anderes. Sollte ich den Unterschied allerdings beschreiben, er lässt sich nicht festmachen, barfuß war damals so wie heute …
zu hoffen, es schaut mir jemand dabei zu, sieht, wie glücklich ich bin in diesen Momenten der Verbundenheit mit Grund und Boden, Grün und Saft, Oben und Unten.

4
Meine Mutter erzählt davon, dass sie als Geschenk bei Krankenbesuchen gern eine Fußmassage mitbringt, natürlich nur bei Menschen, die das zu schätzen wissen und es nicht in den falschen Schlund bekommen.

 

 

 

 

 

 

Leichtsinn


1
„Herauszufinden, was wir lieben, was wir glauben, das lässt sich nur mit Abenteuerlust und Leichtsinn bewältigen“, sagt Pater A., nachdem er nach verrichtetem Gebet sein Stundenbuch schließt. „Für jedes Abenteuer brauchst du Vertrauen, wissen kannst du nichts. So oft wie möglich leichten Sinnes in ein Wagnis eingehen, das macht mein Leben aus.“

2
Mein Mann rudert mit mir über den See. In die untergehende Sonne hinein. Der Himmel und die Berge rundherum in wunderschöne Lichtspiele verwickelt. Eine gekühlte Flasche Wein neigt sich dem Ende zu. Wir sind zufrieden, wie mir scheint. Mein Handy läutet, ich nehme den Anruf entgegen. Bestürzende Nachrichten gesellen sich zu uns ins Boot. Nachdem ich aufgelegt habe, halte ich meine Nase in den Wind, schnuppere nach der Leichtigkeit, diese zwei Welten zusammenzudenken.

3
Seine Schwester behauptet, glücklich war er nur als junges Kind. Zu seinem Begräbnis erscheinen zwei Männer, die ich noch nie gesehen habe. Sie schauen aus, als seien sie dem Mafiamilieu direkt entsprungen. Blütenweißes Hemd, schwarzer Anzug, dunkle Sonnenbrillen. Und vor allem: eine verwegene Ausstrahlung. Diese Typen mischen die Verabschiedungsparty auf. Geben ihr einen dekadent-glamourösen Anstrich, vergolden das Fest, beweisen durch Anwesenheit: der Verblichene war nicht ausschließlich ein vom Schicksal Geschlagener; nicht sein scheinbar dumpfes Dahinsiechen während der letzten Jahre im Pflegeheim bleibt, sondern eine Ahnung von den philosophischen Trinkereien mit diesen seinen Freunden, eine Ahnung von ausführlichen Reisen an die Nordsee, eine Ahnung von seinen geistigen Ausflügen, wenn ihn der lange Arm des patriarchalen Vaters nicht erreichte, um die Phantasie in Richtung Ekstase zu lenken. Einer Ekstase, die sich implodierte, die die vergangenen 60 Jahre nie mehr nach außen drang. Wir sahen: sein Fallen während eines epileptischen Anfalls, sein hervorragendes Gedächtnis, MonChérie und Raphaelo als Geschenke zu Weihnachten, seine düsteren Ansagen bei Familienfeiern, sein langes Schweigen.

4
Ich hab‘ noch viele Wünsche…

 

 

 

Finden

1 Er hat Pilze gefunden, weil er keine Pilze gesucht hat.

2 Nur ein einziges Mal spricht meine Tante so: „Ich werde nicht gesund und ich hab eine Hoffnung, ein Gegenüber, das die Tragödie sieht, das Gefängnis meines kranken Körpers. Jemanden, der mir versichert, dass der Sinn des Ganzen nicht ganz verborgen ist, jemanden, der die Idee hat, dass alles Eins ist.“

3 Es ist schön, dass wir einander kennengelernt haben!

4 Im Warteraum vor der Ambulanz. Der Eine: „Hier zahlt man 25 Euro, wenn man die Parkuhr nicht stellt oder die Zeit übersieht!“
Der Andere: „Da hab ich beim Schnapsen öfter schon mehr verloren!“

 5 Es gibt keine Pflicht zu leben. Die Frau stürzt sich von der Autobahnbrücke in den Fluss. Für diesen Akt fährt sie über 50 Kilometer Richtung Süden, weit außerhalb ihres Gemeindegebietes. Es hätte auch daheim Möglichkeiten gegeben. Ihr Mann ist bei der  örtlichen Feuerwehr, sie wollte nicht, dass er sie findet und bergen muss.

6 Mit Wortlücken leben zu lernen und mit zunehmender Sehschwäche und es damit wettzumachen, immer weniger hören zu müssen. In einem derartigen Wandel begriffen zu sein heisst, den Heiligen Antonius zur Wegbegleitung einzuladen und jedes Gestern mit dem schönen Titel „Tag der verlorenen Dinge“ zu bekrönen.

Erinnerung

 

1
Ich stelle mir die Frage, was es ist, das all jene Männer verbindet, die ein Handwerk gelernt haben. Eine schwer zu definierende Ähnlichkeit zeigt sich unter den Malern, den Tischlern oder den Gärtnern, die in diesem Krankenhaus arbeiten. Da ist ein Etwas, das alle an sich haben. Ich werde jedes Mal an meinen Vater, den Maurer, erinnert, wenn ich einen von ihnen zwischen Tür und Angel treffe. Eine Mischung aus Kraft und Staub und Gemütlichkeit, körperlichem Einsatz, Geruch und Feierabend. Etwas davon ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

2
Im Urlaub sitze ich jeden Tag am See. Ich schaue auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche und auf die schaukelnden vertäuten Boote. Ich schätze die Gnade der Wiederholung und ich bin dabei, mir Unvergänglichkeit einzuheimsen. Sie rieselt dennoch durch meine Finger wie der Sand am Seestrand.

3
Wir schauen uns eine Ausstellung in einer ehemaligen Fischhalle an. Alle Bilder und Fotografien zeigen den Verfall von Dingen: Collagen mit Schnittblumen, Rosen, Tulpen, Iris, großzügig arrangiert auf einem undefinierbaren Hintergrund. Auch: Fotos von verlassenen Gebäuden, den Dachboden eines alten Fabrikgebäudes, die Schwimmhalle eines geschlossenen Hallenbades, eine geschlossene Kanzlei, den Behandlungsraum einer alten Psychiatrischen Klinik. Derart festgehalten scheint das Abgebildete dem zeitlichen Strom des Vergehens entrissen zu sein.

4
In der ersten Nacht kann ich nicht schlafen. Die Kälber des Nachbarbauern schreien, weil sie von der Mutter getrennt wurden. In der zweiten Nacht ist es schon ruhiger.

5
Gespräche am Frühstückstisch im Haus meiner Kindheit: Der Name Franz Klammer ist mir bis heute in Erinnerung geblieben, obwohl Zuschauersport mich noch nie im Leben interessiert hat. Die Namen der unzähligen Bergspitzen der Dolomiten hingegen merke ich mir bis heute nicht. Es war wohl nie wichtig, sie zu kennen. Genauso wenig wie jene der Wasserfälle auf der anderen Talseite, die selbstverständlich den Weg von oben nach unten finden. Heuer kann man Eierschwammerl mit der Sense mähen und immer liegt jemand aus der großen Sippe im Sterben. Die Mutter hört letzte Nacht die Habergeiß rufen, so wie schon unzählige Male, immer dann, wenn jemand das Zeitliche segnet. Ob es sich dabei um die Schreie eines Kauzes oder um die Gebärklage eines Rehes handelt, ist jetzt nicht wichtig. Vom Vergangenen wissen wir nicht, ob es schon vergangen ist…

Antlitz

1 Ich übe mich darin, in Augen zu lesen, die einzige Gesichtsoffenbarung, die mir zur Verfügung steht, während wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wage ich die Grenzüberschreitung eines tiefen Blickes und lege gleichzeitig mehr als üblich hinein in mein Schauen, lerne ich das Wort Augenblinzeln neu kennen.

2 Strahlen sie nicht so, sonst werden sie noch verhaftet!

3 Es ist ein großes Vergnügen, in deinen Gesichtszügen zu lesen: Mal blitzt Neugierde, mal tiefe Dankbarkeit in deinem Blick auf, rücksichtslose Ehrlichkeit und sanfte Zuneigung. Mit diesem Lächeln zuinnerst im Augenwinkel gibst du dem nächsten Moment diese innige Prägung. Ziehst du die Augenbrauen hoch, legst du die Stirn in Falten und reckst das Kinn nach vor, im Profil eine kecke Ansage bis hin zur Nasenspitze. Die trotzigen Mundwinkel, wenn du dir eine zynische Bemerkung verkneifst oder versucht bist, einen unverschämten Wunsch zu äußern. Das ganze Gesicht unüberschaubare Landschaft, jede Ecke im Prozess, in steter Bewegung und in der Lage, sich von einer Sekunde auf die andere zu wandeln: das offene Buch und das undurchdringliche Pokerface. „Schau mich an, mit einem Blick, auf das, was ist und mit einem Blick auf das, was sein könnte!“

 4 Nichts ist so still wie ein Mensch, der aufgehört hat zu atmen. Die tote Frau liegt vor mir, sorgsam gebettet in weiße Laken und Pölster.  Sie anschauen zu dürfen in ihrer vollkommenen Hingabe, lässt meine Verneigung tief ausfallen;
ihr ins Antlitz zu sehen bedeutet, die Zusammenfassung eines ganzen Lebens zu würdigen. Eine leichte Brise bewegt die Vorhänge am offenen Fenster.

Apokalypse

1 Überraschend fällt mir ein ungewöhnliches Geschenk zu: 16 Tafeln von Albrecht Dürers Apokalypse „Heimliche Offenbarung Johannis“. Als Nachdruck aus dem Jahr 1947. Die Originale erschienen 1493. Ich betrachte am liebsten die Tafel 6, „Vier Engel gebieten den Winden“.  Alle Abbildungen preisen eine neue, lebensbejahende Welt: kräftestrotzenden Figuren, die Heiterkeit eines Apfelbaumes, himmelwärts geöffnete Bewegungen. Wenn dann weiters von Räucherpfannen und viel Weihrauch die Rede ist, von zu schreibenden Worten, die zuverlässig und wahr sind, dann bekomme ich Lust, manch Vergangenem den Rücken zuzukehren. Siehe, ich mache alles neu.

2 Ihre Eltern sind Balletttänzer. Die Mutter verletzt sich bei einem Arbeitsunfall derart schwer, dass es für sie nichts mehr zu tanzen gibt. Der Vater fällt mit seiner Frau. Mit einem Spielzeugladen finden sie ihr Auskommen. Darüber hinaus lassen sie sich vom Alkohol auffangen. Die fordernde Kindheit  übertüncht sie mit Großmutter, Magersucht und Zimt-Orangenaromen. Wohin gehen, wenn das Gasthaus geschlossen hat?

3 Der Bauer setzt die Freude ob eines guten Erntejahres als vorläufiges Betäubungsmittel ein. Ob sie ihm dauerhaft bleibt, nach zwei OPs, in der ihm beide Füßen abgenommen werden, wird er erst im Frühjahr sehen. Vieles wird er noch machen können. Zum Beispiel den ganzen Winter über Walnüsse aufschlagen für die Nussstrudel und die Bäckereien, die die Töchter auf den Tisch zaubern.

4  „Heutzutage ist sogar die Schokolade bitter. Und das machen die auch noch mit Absicht, ist das nicht seltsam?“ Hakan Nesser

5 Die Vorstellungskraft als Geschenk sehen, als Möglichkeit, das Unmögliche zu enthüllen. Diese Kraft entzieht der Gegenwart die Macht über uns.

Brief


1 Mein Mann ruft: „Post für dich!“ Ich halte also einen Brief in meinen Händen. Die schönen Sondermarken, Esther Stocker, CliniClowns und die Festung Hohensalzburg. Wer sie wählt, kitzelt mit dem Kuvert an meinem Herzen.
Die Selbstoffenbarung anhand dieser Hülle schon ahnen, ein haptisches Vergnügen, sie mit dem Brieföffner aus Apfelbaumholz zu öffnen. Innen weißes, glattes Papier. Blauer Kugelschreiber. Tanzende Buchstaben. Linkswalzer, eher Schostakowitsch als Strauss, klingende Zeichen, manche unleserlich. Ich muss raten, mich vortasten zu einer schlüssigen Botschaft. Sie endet mit: „…auf Dich zukommen.“

2 Das poetische Ich exotisch verkleiden, das Unmögliche verwirklichen, es in Tinte fließen lassen, das flüstert mir ein Floh ins Ohr.
In Briefen hat meine Urururgroßtante in den Anreden meist einen Stern über die Namen gezeichnet. So hat sie ihre Freunde gesegnet. Herz und Haut vereinigen sich – da kann man nicht in der kühlen Hautoberfläche der Berührung mit fremdem Leben bleiben. Bring es zu Papier! Wage dich in die Tiefe!

3 Der Becher geht über.*

 

*(Psalm 95)

Atem

1 Beim Zäunen auf der Alm, dem großen, einzigen Sehnsuchtsort, das Leben aushauchen, weil das Herz aufhört zu schlagen. Eine Familie hinterlassen, eine schwerwiegende Lücke auftun. Als Kind sehr schüchtern sein, neben der Zwillingsschwester in der Schulbank sitzen, sich kaum getrauen, sich einmal umzudrehen zu mir, seiner weniger schüchternen Schulkollegin, nie in eine damals so beliebte Schlägerei zwischen Burschen verwickelt sein, kaum etwas erzählen von sich, dadurch mit allen Mitschüler*innen verbunden sein, diese Wortkargheit bis ins Erwachsenenalter zur Perfektion treiben, sein Innerstes nur zeigen, wenn Alkohol fließt. Die Sanftheit, einen Wohlgeruch, eine Berührung in der Musik und in der Annäherung an eine Frau suchen, gehofft haben, das alles und mehr in der Frau zu finden. Die großen Tiere lieben, Kühe in ihrer Wärme und dampfenden Mütterlichkeit. Den aufsteigenden Atemwolken in der milden Kälte der frühen Sommermorgen auf der Hochweide hinterherschauen, am Boden milchweiße Pfützen, kein Himmel spiegelt sich darin. Dahinter eine zarte Kinderseele vermuten.

2 Dass jeder Augenblick zur Erfahrung des Ewigen werden kann, 

das bedarf eines langen Atems, sagt mein Chef. Ich sage, wenn ich während eines Kusses aus dem Atem des anderen schöpfe, reicht er für mehrere Leben.