Autormartha

Veränderung


1  Ein leeres weißes Blatt Papier liegt auf dem Küchentisch. Das aufdringliche Wort als Überschrift, jene Einladung, das Vertraute zu verlassen. Die Ausrichtung von Tun und Lassen am Tageslicht gibt einen Rhythmus vor, der gegen den Strich bürstet. So verrückt ist meine Welt, dass ich am Ende meine Verbundenheit zu Menschen aufs Spiel setze, weil ich im dunklen Winter gar nicht mehr aus meiner Höhle krieche.
Was kostet es, den Richtungspfeil auf dem Kompass um einen Grad zu ändern?
Ich stelle dieser Fernreise eine Mohnblüte als Navigatorin zur Seite
und im Herbst die aufrechte Zinnie.

2 Per WhatsApp erreicht mich eine Textnachricht von Maria: „…mich nur nicht mehr verletzen lassen! Mir dabei zu helfen, darum bitte ich meinen Vater an seinem Grab stehend und zünde eine Kerze an!“

3 Das Bedürfnis nach Veränderung, das ein Gedicht wecken kann…
Sohrab Sepehri ruft mir zu: „Ja, solange es den Klatschmohn gibt, solange müssen wir leben!“
Ich betrachte den schwarzen Mittelpunkt dieser seidigen Blume, fixiere ihn, starre ihn an. Alles beginnt sich im Kreis zu drehen. Ist der dunkle Schmerz groß genug, wirft er mich aus der Bahn, ist der Bann gebrochen.

Gesang

1 Die Freundin spricht mit aufgelöster Stimme am Telefon:
Vor einer Stunde habe sie wie aus dem Nichts geweint. Über das Ableben eines Nahestehenden: Er hat die steile Kirchenchorstiege, die er sein Leben lang unzählige Male auf und ab gegangen war, ein letztes Mal erklommen, ist hinabgestürzt, hat sich schwer verletzt und ist kurz darauf an den Folgen dieses Unglücks gestorben, derweil die Schutzpatronin der Kirche, die Heilige Dorothea, geschlafen hat. Er hat als Kantor, Chorsänger, Bittgangsänger, Gstanzlsänger seine Stimme zum Klingen gebracht und – oft beschwipst vom Wein – immer seinen einzigartigen Ton getroffen, im Gesang wie im Leben.  Wird die Freundin ihren Kontrabass in Position bringen, den Bogen schwingen und auffideln?

2 Meine Gesangslehrerin kommt aus Kanada. Die Provincial Flower ihres Heimat-WohndistriktesAlberta ist die Wildrose. Seit langem lebt sie nun schon in Österreich und entdeckt auch dieserorts hie und da im Frühling die rosa Blüte.
Während der Stimmbildungseinheiten trägt die Gesangslehrerin immer wunderschöne Kleider. Das Singen mit ihr ist eine Einladung, die Welt in Bildern zu sehen, diesen Bildern ein schillerndes Gegenüber zu sein, ein reizvolles, melodienreiches Gespräch zu beginnen und damit nie wieder aufzuhören. Flatternd, blühend, fließend bewegen wir uns von Ton zu Ton.

3 Bald aber sind wir alle Gesang.

Bürde

1  Bernhard setzt meine Blog-Ideen technisch um. Das betreibt er sehr grundsätzlich und philosophisch, indem er mir gleich zu Beginn die  weitreichende Frage stellt: „Der Anfang ist geschafft. Wann möchtest Du mit Deiner Bürde beginnen?“

2 Ich finde in einer Box mit guten Ratschlägen folgenden Tipp auf einer Karte zu lesen: Stell dir das nächste Mal, wenn du gern etwas in den sozialen Medien posten würdest, das Bild und den Text vor. Schreibe es stattdessen in ein Notizbuch. Eine Woche ohne digitale Medien verbessert unser Wohlbefinden signifikant. Das lässt sich sicher neurobiologisch beweisen [sic! Amen!]. Eine Woche lang Selbstbeobachtung auf der Alm bringt ein ähnliches Resultat. Was ist mir nun wichtiger? Die neue Füllfeder zu kaufen, um ins Notizbuch zu schreiben oder ein vielversprechender, transportabler Internetzugang, weil es immer noch schwierig ist, in unserem Haus am Ende des Dorfes einen passablen Internetzugang per Festnetzanbieter herzustellen? In beiden Fällen sollte ich mir nicht anmaßen, mich auch nur bruchstückhaft anzunähern an das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt. Im Gegenteil. Es verschwindet tagtäglich mit dem letzten Sonnenstrahl hinter der übernächsten Bergkuppe.

3 Nelly Sachs sucht Asyl im Krankenhaus. Hier findet sie die notwendige Ruhe und Konzentration zum Schreiben. Die ist außerhalb der geschlossenen Mauern nur mit großem Aufwand zu kriegen, meint eine Kollegin.

4 Kauf Dir doch bitte einen Hund, sagt mein Supervisor zu mir, und nutze die Nacht für ausgedehnte Spaziergänge!

5 Atmen. Schauen. Schreiben. Warten.

 

 

Wild

1 Mein Großvater hat beim abendlichen Tischgebet immer den Vorbeter gemacht. Waren die üblichen Vaterunser und die abschließende „Bitte für die armen Seelen“  vollendet, fügte er stets noch die „Bitte um einen guten Hausverstand“ an. Er tat es zum Wohle aller und im Wissen, dass es sich bei dieser besagten Gabe um keine Selbstverständlichkeit handelt. Meine Mutter erzählt mir diese verschollene Erinnerung erst Jahrzehnte später, jetzt, in Zeiten der Hochkonjunktur aufkeimender Verschwörungstheorien.

2 Indem ich Genuss empfinde, wenn ich einen Girlitz (sehr kurz) oder eine Wilde Karde (lang) betrachte, offenbart sich eine uralte Zusammengehörigkeit. Es zeigt sich, dass eine ursprüngliche Kraft überspringt, von Lebewesen zu Lebewesen: Ich bin also am Leben! Ich bin ein Nachtfalter und ein Rabe und ein Regenwurm und ich bin alle Pflanzen, die ich mir nur vorstellen kann. Ich mache mir heute die Spielregel eines Sperbers zu eigen und morgen jene eines Apfelbaums. Ich flüchte in den Wald, auf den Berg, in den Fluss. Hier kann mich nichts erschüttern. Weil ich unendlich schön und wild bin!