Autormartha

Es mir vorstellen

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Worauf sich stürzen, wenn die Wahlen so ausgehen? Die Rechtsextremen gewinnen. Wir reimen wieder einmal: Eine Kombination aus Dummheit, Faulheit und Ignoranz führt in diese Gasse. Naja, alles in allem: nicht gut. Aber real. Ich mache einen Spaziergang. Die Menschen waren schon immer hier und ich war schon immer Teil einer Minderheit.
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Ein Freund sagt: Wie kann man ein Wiener Schnitzel essen wollen und dann Rohkost bestellen?
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Ich habe gelesen, dass in Italien ein Dieb geschnappt wurde, weil er in der Wohnung, in die er eingebrochen war, von einem Buch so gefesselt war, dass er sich nicht losreißen konnte. Er war leicht zu überführen.
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Ich fahre zur Supervision und entscheide mich, es als einen Ausflug in die Stadt meiner Träume zu sehen. Das ist heute halt Wien.
Ich schaue auf die Gleise und bemerke, dass sie stabil sind. Die Welt ist nass. In der Wolkersdorfer Gegend stehen plötzlich Seen, wo sonst keine sind. Das Hochwasser ist sichtbar, obwohl die Sonne scheint. Ich stelle mir vor, es könnte immer so sein, das Weinviertel, eine Seenlandschaft.
Im Bus sitzt eine Frau, die ich vom Sehen kenne, sie hat eine ausführliche Chemotherapie hinter sich. Man sieht es ihr an. Ein Sterbesegenheftchen fällt aus meiner Arbeitstasche. Ich stelle mir vor, dass ich es an ihrem Krankenbett brauchen könnte. Aber, es ist viel besser, hier gemeinsam im Bus zu sitzen und gemeinsam auf einen Regenbogen zu schauen.
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Ich kann nur mit jenen Menschen zusammenleben, die da sind. Nicht mit denen, die ich mir vorstelle.

Hochwasser


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Mein Kollege schickt mir Fotos und Videos vom Taschelbach. Dieses Rinnsal, das man normalerweise nicht bemerkt, wird plötzlich zu einem reißenden Fluss. Ich schau mir ausnahmsweise Zeit im Bild Spezial an. Überall Wasser. Nur ernste Gesichter und tiefe Stimmen. Der Wahlkampf ist unterbrochen, macht Pause. „Wir müssen jetzt zusammenhalten.“  Irgendwie sind aber auch alle sensationsgeil oder froh, wieder einmal „richtig Mann“ und „rettender Held“ sein zu dürfen. Das ist meine böse Zunge. Sie weiß, was sie sagt. Ich hab Leichtes. Muss keine Sandsäcke füllen und keine Keller ausräumen. Ich kann mich zurückziehen.

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Zu Hause gehe ich wie auf rohen Eiern durch alle Räume und durch die Beziehung.

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Im Traum lande ich auf einer Insel. Sie heißt Raftin. Ein junges Kind ist bei mir. Es kann schon laufen. Es ist eine arabische Insel mit russischer Besatzung. Wir sind zu zweit allein in einer luxuriösen Wohnung und warten darauf, abgeholt zu werden. Während des Wartens sind wir die ganze Zeit mit Staunen beschäftigt.

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Bei den Schlüsseln hört sich der Spaß auf.

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Ich fürchte mich ein bisschen vor der fetten Schrift.

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Zur Feier des Tages.

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Ich fahr mit ihm an die March. Das Leben ist schön steht unter Wasser. Die Sonne glitzert im Marchsee. Wir rufen unsere Gedanken in die menschenleere Gegend.

Richtung Alm

0
Gehen, ging, gegangen.

VORHER

25.Juli
1
Auf der Autobahn ist genug los. Für einen Freitag wohl normal. Obwohl wir nur nach Kärnten fahren, spüre ich seit gestern Abend Reisefieber.

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Unbedingt erledigen steht auf meinem gedanklichen Merkzettel: Liebstöckl trocknen, Schwammerl in Salzlake einlegen, Pilze trocknen, Bauernbutter und Topfen besorgen, Speck für Peter organisieren,
Lasagne kochen, überhaupt sehr gut kochen, eine Wanderhose kaufen, Kontakt zu den Naturfreunden aufnehmen, Rezeptideen für SuppenTee’s und Shots besprechen.

3
Eine Marterlsegnung steht am ersten Wochenende im Mittelpunkt. Ich freue mich auf inspirierende Gespräche im Mölltal. Und auf die Ruhe zum Nachdenken.

4
Ich nehme Aufforderungen mit, die lauten wie:
Blühe auf in deinem Element.
Pflege deinen Körper mit allem, was du finden kannst.
Sei eine Vielgeherin.
Schau in den Wald.
Schau in die Sterne.
Schlaf dich aus.
Schreibe Briefe nur mit der Hand.
Plaudere mit deiner Tochter und deiner Mutter.

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Es ist ein großes Glück, mit Tochter und Mutter Urlaub machen zu dürfen. Anna selbdritt. Wir hängen eine Lichterkette im Alm-Schlafzimmer auf. Dann sieht das schon sehr nach Heiligenschrein aus!

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Er gibt mir einen Brief mit. „Diesmal bleib ich da und freue mich übers wundersame Leben. Du lässt einen glücklichen Menschen zurück.“

GESTERN

26. Juli

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Der Mann ist schon an der Möll, um Weihwasser für die Marterlsegnung zu holen. Ich beobachte, er fühlt sich wohl hier im Tal.

27. Juli

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Die Mutter erschrickt angesichts des eigenen Mutes, wieder ein grosses Fest zu feiern. Die Gürtelrose schmerzt und die Kraft lässt nach. Trotzdem tun wir es. Ein Fest am Annatag feiern. Und uns einander zeigen: Der Cousin erzählt vom letzten Schlachttag, er ist Metzger, die Cousine hat mittlerweile vier Enkelsöhne. Der Onkel trinkt nur mehr Wasser – no alkohol! – und die Tante muss nach einer Stunde Fest schon wieder heim zum Hund. Die nächste Cousine hat ein herzliches Lachen und die andere trägt zu Hause täglich Schmuck, obwohl sie schon in Pension ist. Ein Cousin ist frisch und wild verliebt in eine schöne, vom Leben gezeichnete Frau. Der Mann hört sich gerne reden, die Schwiegertochter macht überall mit, der Sohn lässt sich nicht zu Feierlaune überreden und hält einen Kurzvortrag über Männer, die sich zu sehr von ihren Frauen beeinflussen lassen und von ihnen abhängig werden.
Die Nachbarin bringt 20 Liter Bowle. Die andere Nachbarin stellt mir ihr Herzpinki vor, das mit ADHS leben muss, nicht dem Mainstream entspricht und ihr Leben als große Party sieht. Der Nachbar hat vor ein paar Tagen zwei Kilometer Weg in den Berg sprengen lassen und der Marterlbauer kaut mir gefühlte hundert Mal seine Lebensgeschichte durch. Der eine Hausfreund erzählt, dass seine wichtigste Morgenübung darin besteht, sich den Gedanken zurechtzurichten, dass der Tag gut wird, und der andere Hausfreund ist unendlich müde. Die Schwester ist bissig, weil es nicht leicht ist, so vielen Geschwistern (Ansprüchen) gerecht zu werden. Die zweite Schwester ist ausgebrannt. Die dritte Schwester ist guter Dinge und sieht sich nicht als Chamäleon (ein Vorwurf, der sie schmerzt). Die Schwägerin und der Bruder funktionieren, sie haben viel zu tun. Das macht rastlos. Der eine Schwager hat Angst, der andere ist lustig und nimmt jede Menge Psychopharmaka. Die Nichte geht seit neuestem in Psychotherapie und die Verhältnisse passen nicht immer. Die andere Nichte sucht eine neue Wohnung, der Neffe punktet mit einem Vortrag über ChatGPT. Der andere Neffe lässt seine neue Drohne fliegen. Eine weitere Nichte ist im Ausland zur Familientherpeutin mutiert, und der Neffe kommt nicht, weil er sich dieser Festgesellschaft nicht ausliefern will. Wer ist für wen Ehemannersatz?  Diese Frage wird nicht offen besprochen. Man möge sich doch nicht so viele Sorgen machen! Ich denke mir: Schon sehr viel Familie und meine Harmoniesucht ist in dieser Gesellschaft ein Drahtseilakt. Mam steht über all dem, so scheint es.

HEUTE

28. JULI
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Mein Leben besteht aus Zuhören, Gehen und einen Haushalt führen. Das ist hier auf der Alm nicht anders. Ich möchte mich diesbezüglich auch nicht neu definieren, wohin auch.Und darüber hinaus: Morgenübungen in der aufgehenden Sonne. Einer Grille beim Zirpen zuhören. Baden im Trog. Schlafen unter Sternen. Schreiben.

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Hinter mir geht es jeden Tag ins Holz. Die heulende Motorsäge, das laute Knacksen der Äste, wenn der Stamm fällt. Nervensäge kommt sicher von Motorsäge.

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Die Kuhglocken.

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Mein Büro ist im großen Almgarten auf einer breiten Holzbank unter einem kleinen Holzdach angesiedelt; den Laptop offenstehen lassen und im Laufe des Tages immer wieder am Tagebuch weiterschreiben.

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Die Sprache hier kann sehr grob sein.

29.Juli

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Die Cousine stellt uns Zirbenschnaps auf den Tisch in der Hütte und heißt uns so willkommen.
Auf der Schaukel sitzend, fällt mir die Almsonne in den Nacken. Wir sagen es nicht laut, wie schön es hier ist. Das würde zu viele Menschen anlocken. Lesen ist nicht möglich. Ins Grün starren. Sonst nichts. Die Schaukel nimmt uns alle auf. Neben dem neu aufgesetzten Herd in der Küche, bildet sie das Herzstück dieser Almdestination. Alles eingebettet in einen saftig grünen Körper. Man freut sich aufs Kochen und Essen. Was geht in mir vor? Ich liebe es, in die Gegend zu schauen, ich hege keine großen Gedanken, der Wiesenpipau wiegt sich im Wind.

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Die Nacht ist still. Die Tochter sieht eine Sternschnuppe. Ich schlafe draußen auf der Schaukel, das Sternenzelt über mir, ein Wunder. Der nächste Laurentiusregen wird rund um den 12. August erwartet. Beim Einschlafen sagt mir der Gedanke an warme Kuhmilch gute Nacht.

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Ich höre einen Hirsch röhren. Zeitig in der Früh geben Buchfink und Tannenmeise Laute von sich. Von Singen kann da nicht die Rede sein. Weckrufe sind das. Ein Hase macht sich über das Heu her, das vor der Hütte lagert. Am Nachmittag sitze ich wieder auf der Schaukel und bin noch etwas übernächtig. Unter freiem Himmel zu schlafen ist ganz anders als im Bett, viel aufregender, weil der Wind mit dir im Bett liegt.

30. Juli

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Ich betrachte mein Gegenüber: die Winklerner Alm, das Petzeck, den Friedrichskopf, den Großkopf, den Ochsenkopf und den Georgskopf. Und über mir Wetter und Wolkenfetzen. Richte ich den Blick nach links, die Lienzer Dolomiten im Regenschauer; blicke ich nach rechts: Apriach und die Hohen Tauern in der Abendsonne.

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Mutter behauptet, sie wird ein ähnliches grantiges Weiberl wie ihre Großmutter.

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Er sieht die Verhältnisse auf einen Blick sehr deutlich, er hat eine Begabung, soziale und zwischenmenschliche Bezüge zu erkennen. Nur mit sich selbst ist er manchmal auch aufgeschmissen.

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Schicksals- oder Zweckgemeinschaften, Frauen und Männer verstehen einander auf vielen Ebenen nicht. Sie sind darauf ausgerichtet, Kinder zu zeugen. Sonst nichts. Je planmäßiger der Mensch vorgeht, desto wirksamer vermag ihn der Zufall zu treffen.

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Ich bin beeindruckt von der handwerklichen Kraft und Geschicklichkeit der Almbesitzer. Ich entdecke einen Kühlraum, ein tiefes Loch in den Berg gegraben, mit einer dicken Steinmauer ausgekleidet. Das Almgartl mit den wichtigsten Kräutern, Liebstöckl, Schnittlauch, Kärntner Minze, Quendel, Almapfer. Permakulturelemente in den Lebensraum zu integrieren, das muss doch nicht mit rechtem Gedankengut einhergehen!

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Der Himmel ist klar, die Dolomiten sind frei, ich befrage meine Mutter nach ihren Urgroßeltern. Ich mag ihre Stimme, sie ist relativ hoch, die Stimme der Tochter ist sehr tief.

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Fällt es mir schwer, gelassen und freundlich zu bleiben? Nö. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.

31. Juli

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Wir legen Pilze ein. Einmal in Öl, einmal in Salzlake. Wir trocknen Pilze. Ich suche Holzfindlinge. Die Pizza auf der großen gusseisernen Platte beeindruckt mich.

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Das Gespräch mit den jugendlichen Verwandten am Abend vor der Hütte ist erheiternd. Wir reden viel übers Gehen und versinken ein wenig darin. Eine Großcousine lässt sich zur Bergretterin ausbilden. Ihre Erzählung klingt sehnsuchtsvoll.

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Ich schlafe sehr gut. Hab auch nicht von Pilzen geträumt.

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Ich bin aus dem Bild gefallen. Ich bitte Mam, mir eine Gretelfrisur zu machen. Wer fehlt?

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Wir müssen hier gar nichts. Und mein gutes Gewissen ist grenzenlos. Es sind sehr starke Pflichten, die ich spüre wenn ich im Alltag bin. Habe ich einen dazugehörigen Ruf? Ob ich den Tag gut überstehe, hängt davon ab, ob ich heute wieder in die Holzbadewanne gehe. Ich koche noch eine entzückende Suppe.

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Nach sechs Tagen Alm videotelefoniere ich wiede einmal. Du siehst glücklich aus. Du trägst eine Lockenpracht auf dem Kopf. Das kommt von den Zöpfen, die dir deine Frau macht.

1. August

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Mutter weckt uns ungestüm um acht. Kaffeetrinken mit Blick ins Tal. Haare waschen im Trog. Haare kämmen und flechten lassen. Kurze Wanderung machen. Schwägerin und Bruder kommen mit gutem Grillzeugs zu Besuch. Ich bin nur für das Feuer zuständig. Die Tochter für den Almsalat mit Erdbeeren, Himbeeren, Klee, Quendel, Schafgarbe und Frauenmantel. Die Stimmung ist hervorragend und leicht. Man denkt frei, wenn man aufs Tal runterschauen kann. Wir schicken eine Grußbotschaft an ein Geburtstagskind und singen dafür die Mölltalleitn ins Netz.

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Wir gehen heute den je eigenen Dingen nach. Die Tochter britschelt eine Stunde lang im Trog und ich schlafe und lese im rhythmischen Wechsel. Unser Leben spielt sich fast ausschließlich draußen ab. Ohne Radio. Ohne Zeitung. Die Nachrichten aus der Welt vermisse ich nicht.

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Es riecht so gut hier! Aber die Vögelein sind derer nicht zu viel. Gibt es zu wenig Insekten? Kann sein. Der Wald ist komplett ausgedünnt. Der Borkenkäfer und der Fichtennadelrost, eine Pilzkrankheit, die mit dem Almrausch zusammenhängt, machen ihm zu schaffen.

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Die Natur zaubert uns am Nachmittag Regen und ein Nebeltheater sondergleichen. Wir schauen fasziniert zu, wie sich große Nebelwürmer, Krokodile und Gespenster durchs Tal wälzen oder sich über unseren Köpfen zusammenbrauen. Die Luft ist wie ein erfrischendes Dampfbad. Ich wähne mich in einem dystopischen Film. Schön gruselig.

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Nach dem Aufwachen finde ich es schade, dass der Traum nicht wahr ist. Im Traum hat sich ein eleganter  Pirol gezeigt. Unser Unbewusstes arbeitet ganz nah an der Realität und findet Wendungen, an die wir sonst gar nicht denken. Soll ich meinen Dialekt mehr pflegen? Am Telefon hat er scherzhaft erwähnt, dass ich in diesen Tagen auch mit ihm dialektle.

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Meine zweistündige Wanderung Richtung Haselwand erdet mich. Der Nebel aber ist so fett, dass ich den grünen Weg nicht sehe.

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Und endlich koche ich mir Topfennockerl mit Restl-Latwerge und Birnenmehl. Die Tochter kocht Supersuppe. Wir leben im Luxus.

2. August
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Die Sonne ist um 10 Uhr voll da. Gut!

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Die Tochter erinnert mich an die Geschichte von meinem Onkel, dass er, weil ihm die vielen Alpe-Adria-Trailer zu viel wurden, die Orientierungsschilder einfach umgedreht hat, dass sie in die falsche Richtungen zeigten und die Wanderer desorientierten. Ob es ihm geholfen hat? Jedenfalls sind heute genug Wanderer unterwegs. Gehen an der Hütte vorbei, grüßen, finden, dass es bei uns gemütlich aussieht.

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Eine Mutter-Tochter-Wanderung ist angesagt. Mangels Autos und unserer Vorsicht, um den Holzfällern nicht in die Quere zu kommen, bleibt nur der Weg übers Marterl zum Ebeneck und Laitenkopf. Täglich werden wir Zeuginnen der Holzschlägerungsarbeiten, bei der uns schon der Anblick der Gerätschaften ehrfurchtsvoll staunen lässt. Es ist ein langer Hatscher und wir entschließen uns, doch nur bis zum Ebeneck zu gehen. Das letzte und schönste Stück Weg bis zum Gipfelkreuz bleibt uns verwehrt. Ich bin zu müde und das Wetter schlägt um. Wir müssen beim Raufgehen immer miteinberechnen, dass der ganze Rückweg noch vor uns liegt. Das ist für mich relevant. Meine Tochter ist um 26 Jahre jünger, die muss noch nicht so planen, sondern einfach drauflosgehen. Wir vertragen uns gut. Auch sie braucht Zeit für sich. Fast mehr als ich.Vom Ebeneck bringen wir ein paar Wacholderzweige mit zur Almhütte. Ich will ein paar verschenken. Sie tragen Hochgebirge in sich gespeichert.

3.August
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Obwohl nix los ist, überschlagen sich die Ereignisse. In der Früh bin ich heute die erste Ausgeschlafene. Vor der Hütte bricht der Morgen langsam an. Ich möchte die beiden anderen Almgäste nicht wecke, so gibt es vorerst keinen Kaffee. Ihn zu machen würde bedeuten, Holz zu holen, einzuheizen, mit dem Geschirr zu klappern, also zu viel Lärm zu machen. Ich trinke nur ein Glas Wasser, erledige meine Morgentoilette im Freien und verrichte die Rückenübungen auf der Wiese mit Blick ins Tal. Der Todl-Hund besucht mich. Natürlich ist der Hund kein Todl, er ist der Hund vom Nachbarn, dem Jäger, dem Todl. Der Hund tut so, als wäre ich in sein Jagdrevier eingedrungen, dabei ist es umgekehrt. Gott sei Dank bin ich nur ein bisschen erschrocken. Er zieht ab, nachdem ich ihm gesagt hab, dass ich keine Freundin von Hunden und Todln bin.

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Auf einer anderen Nachbaralm gibt es auch einen neuen Brunnentrog. Das sehen wir bei unserem Spaziergang, der dort vorbei führt. Auch hier kümmert sich eine junge Frau um die schweren Almarbeiten. Sie steht auf Frauen. Im Moment ist sie allerdings mit einem Baggerfahrer liiert und bildet mit ihm eine Vernunftgemeinschaft. Sie braucht seine Arbeitskraft. Er braucht Sex. So können sie einander unter die Arme greifen. All das erfahren wir auf diesem Spaziergang. Das Wasser am Brunnen schmeckt frisch.

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Wir verstauen die Sachen, die wir aus dem Weinviertel mitgebracht haben, wieder im Auto, ziehen die Bettwäsche von den Betten, genießen ein letztes ausgiebiges Frühstück vor der Hütte, schauen hoch, schauen runter, bleiben langsam, spülen, fegen, gehen. Das ist der Teil der Reise, der schwer macht. Melancholisch. Gut, wir haben uns gesammelt und sind sommerfrisch aufgestellt. Die Tochter nimmt schwer Abschied.  Ich auch.

MORGEN

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Das Grab meines Vaters ist ein Blumenmeer.

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Ich fühle mich wohl in meiner Sommerhaut. Das Gehen tut ihr gut. Und das viele Schlafen.

4. August
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Gertraud, Resi, Sigrid, Maria. Kleines Klassentreffen. Wir fünf Frauen haben es lustig miteinander. Die Erinnerung daran, wie ich mich als junges Mädchen gefühlt habe, wird wach, als wir uns über alte und neue Zeiten unterhalten. Wir tauschen uns über Schicksalsschläge, gute Taten von Mitmenschen, Vermisstenanzeigen und die beste Lasagne im Mölltal aus. Wir reden über die Verrücktheiten unserer Altvorderen und Enkelkinder. Wir reden über die stillen Übereinkünfte, die das Zusammenleben erträglich oder sogar lebenswert machen und wir reden von der Mühe, die das tägliche Putzen der Gästezimmer mit sich bringt. Wenn wir von der ewigen Liebe sprechen oder uns unausgesprochen unserer Vergänglichkeit bewusst sind, weil viele von uns schon gestorben sind, dann sind wir uns nahe wie eh und je. Wir lachen viel miteinander. Der Unterschied zu meinem jetzigen Leben ist nicht groß und gleichzeitig liegen Welten dazwischen.

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Kurz vor der Heimreise kaufe ich mir noch beim Fleischhauer Kärntner Geschmack ein. Dort arbeiten zwei meiner ehemaligen Schulkolleginnen. Ich werde vorzüglich bedient.

5. August
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Am ersten Nachmittag, den wir im Tal verbringen, schauen wir uns pflichtbewusst die Miniaturbauernhäuser eines Einheimischen an. Sie sind in einem Stadl ausgestellt. Für den Bastler ist es Psychotherapie, diese Kleinode herzustellen, weil ihm seine Bäuerin entschwunden ist.  Die Häuschen gefallen mir, ich kenne die Originale. Kunsthandwerke, fast mehr Lebewesen als Häuser. Die skurrile Situation erinnert mich an unseren Volksschulausflug ins Minimundus. Der Künstler macht eine Führung für uns. Er kommt dabei ganz außer Atem. Das alte Muschnighaus gefällt mir am besten. Mam`s Tante Symphorosa hatte darin gelebt, vage erinnere ich mich daran. Es war ein Haus mit Seele. Leider wurde es in den 90er Jahren abgerissen. Fotos mussten als Grundlage für die Nachbildung reichen.

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Ein einheimischer Bauer setzt sich zu uns an den Kaffeehaustisch. Er bewirtschaftet 3,7 Hektar schräge Wiese. Er braucht keinen Traktor. Das Heu wird den steilen Hang von oben nach unten gerecht oder geblasen und mit Seilwinden auf die Tenne transportiert. Heuer gab es 190 Buren. Das ist viel. Für die Bewirtschaftung der besonderen Flächen bekommt er 6.900 Euro Ausgleichszahlung im Jahr. Sein Hof ist der viertsteilste Hof in Kärnten. Im normalen Leben ist der Bauer Elektriker. Ich fordere ihn dazu auf, mich doch ein bisschen zu belügen, mich mit ein paar Geschichten zu unterhalten. Diese Aufforderung gefällt ihm.

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Der Mitarbeiter des Dorfkaffees ist Holländer, genau wie seine Arbeitgeber. Sie sind von Holland nach Pockhorn bei Heiligenblut gezogen, weil Holland bald untergeht. Er hat die Ausbildung zum Weinakademiker in Krems gemacht und mixt mir einen sehr süßen Campari Soda.

NACHHER

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Ich führe viele Kleinigkeiten (wieder) zusammen.

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Ich kann es mir aussuchen, ob ich vor mich hintümple, trauere oder ob ich am Morgen den Kopf in Richtung Himmel strecke und den neuen Tag wie ein unbeschriebenes Blatt empfange, willkommen heiße; wimwenderslike.

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Wieder überkommt mich das Gefühl, dass mir die Tage zu kurz werden.

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Eine Frau sein, die ein gesegnetes Leben führt, eine Frau, die jeden Tag das Leben ausprobiert, als wäre es immer wieder ein neues, überraschendes Geschenk

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Beim Hofer entdecke ich in der Ausverkaufkiste eine Hollerstaudenpflanze. Das heißt: Jemand ist auf die Idee gekommen, Hollerstauden zu verkaufen. Ich verstehe!

heißer tee im glas

1
Ich bin schon ziemlich alt. Und durcheinander. Und grundlos gereizt.
Und jetzt bin ich so richtig wütend, weil mein Körper das Klima nicht mehr erträgt. Oder weil ich nicht imstande bin, mein Leben der Hitze anzupassen. Es ist nicht möglich, zu schlafen.Ich denke an niemanden mehr, nur noch an mich. Und daran, wie ich wieder zur Schreibruhe komme. Wie toll, wenn eine Bäckerei schon um 5.30 Uhr öffnet und ich da einen Kaffee bekomme. Und Morgenstille.
2
Beim Türken in der Provinzstadt ist wenig los. Die bosnische Kellnerin versprüht Humor. Ein Schluck Tee im Glas für einen Euro, Lächeln inklusive.
3
Es gibt Frauen, die widmen sich ausschließlich der Wissenschaft und dem Denken. Eine davon ist Anna L. Tsing. Allein, dass ich das aufschreibe, ist diskriminierend und/oder doch gesellschaftskritisch?

Sie arbeitet unter anderem an einem digitalen Feral Atlas, der die reale Welt so zeigt, wie sie von Menschen geschaffen wurde. Müllfressende Marabu-Störche in Kampala. Einwandernde Kaulquappen im Schwarzen Meer, die Fische fressen, um nach einiger Zeit von einer noch größeren Quallenart gefressen zu werden. All das wird akribisch beobachtet, erforscht.
4
Es gibt so etwas wie eine Vergiftung der Wahrnehmung.
5
In den kommenden Wochen werde ich den Zufall als Quelle der Neugierde ansehen.

Semmering

1
Der Sommer fängt so an: Sarah Kirsch, Tagebuch 1990.
Und wir halten Sommerfrische.

2
Dieses Weltkulturerbe „Semmering-Bahn“ hat es uns angetan. Und der Regen und das Faulenzen. Landschaft fällt uns zu und die alten Villen. Kunst fällt uns nicht zu. KeineR von uns hat Lust darauf, sich eine Lesung anzuhören.

3
Jene Gebäude, die den Skifahrern zur Verfügung stehen, sind schrecklich anzusehen: Talstation. Bergstation. Essensbuden. Und dazwischen die Pisten, die im Sommer zur Radfahrstrecke umfunktioniert werden. Der Berg voller Wunden, Krusten, Narben. Nur der Wasserteich für die Schneekanone hat Versöhnliches an sich.

4
„Auch wir hinterlassen Spuren. Von Venedig bis New York“

5
Panhans und die Plakate von anno dazumal, die diese Gegend bewerben, sind einmalig. Das Bahnhofmuseum wir liebevoll von Ehrenamtlichen betreut. Sie sind schon etwas gebrechlich und zerknittert. Das passt gut zur Nostalgie, die in der ganzen Geschichte der Semmering-Bahn steckt. In einer Demokratie wäre so ein Bau nicht möglich!

6
Es zwei Frauen recht zu machen, das ist nicht einfach.

7
Alle langgedienten Paare schweigen, wenn sie zu zweit im Restaurant sitzen. Oder sie schauen auf ihre Handys. Oder einer von ihnen schaut aufs Handy. Und, hast Du morgen schon etwas vor?

8
Sarah schreibt: Das Licht von Alpha Centauri (der Stern, der uns am nächsten ist) braucht fünf Jahre, bis wir es sehen können. Das heißt, sein Licht, das jetzt bei uns ankommt, ist gestartet, als ich Dich das erste Mal geküsst habe.

9
Im Nationalpark Kalkalpen haben Forscher im Jahr 2023 einen sensationellen Fund gemacht: den Rothalsigen Düsterkäfer, eine Urwaldreliktart! Es ist ein schwarzer Käfer mit rotem Hals.

10
Ich fühle mich jedenfalls wehmütig, wenn ich meinen Kalender für kommende Woche ansehe. Er ist bumsvoll. Entweder ich habe sehr viel zu tun oder ich bin krank und mache mir Sorgen, dass ich vereinsame und am Sinn des Lebens vorbei dämmere. Kann ich mich im Schreiben zeigen und verbunden sein mit den Menschen, die mir am Herzen liegen und jenen, die ich unbedingt noch kennenlernen möchte?

Bootfahren

1
Dem Älterwerden soll ich Verrücktheit und Schrägheit entgegensetzen, sagt meine Freundin, sonst ist das ja gar nicht auszuhalten.

2
Was, wenn alle mit ihrem Bild von mir daneben liegen?
Ich dürfte jetzt – mit 57 Jahren – wirklich ich sein. Als wäre ich sieben Jahre alt und könnte tun und lassen, was ich will; da anknüpfen, wo ich nach meiner Erinnerung wirklich glücklich war?

3
Ich war mein Leben lang katholisch, aber seit den Wechseljahren kann ich nicht mehr an Gott glauben. Es macht für mich einfach keinen Sinn mehr. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Dadurch kann ich jetzt Bereiche des Lebens erkunden, die wegen meines Glaubens früher tabu waren. (Miranda July)

4
Meine Tochter sagt zu ihrem Vater: „So einen Menschen, wie du einer bist, so einen kann man sich gar nicht ausdenken!“

5
Urlaub kommt vom althochdeuschen Urloub und bedeutet, dass die Knechte und Mägde zum Altbauern gingen, dem Ur, gingen und ihn um Erlaubnis baten, sich für eine gewisse Zeit entfernen zu dürfen.
Ferien kommt aus dem Lateinischen, von feriae, Feiertag, Ruhetag, freie Zeit, „faire rien“.
Beide Erklärungen sind an den Haaren herbeigezogen. Mir reicht es, Muse zu finden im Schöntun.

6
Jetzt ist es soweit, dass alle E-Cars kaufen.

7
Ich finde im Secondhandladen zwei Kleider für mich. Die Verkäuferin entschuldigt sich fast, dass sie dafür 12 Euro verlangt. „Wenn das okay ist, 10 würden auch gehen“, sagt sie. „Wenn jemand arm ist, gebe ich es auch noch für weniger her.“
Jetzt fallen mir die Frauen ein, die zur Martin Krucej-Lesung in Bleiburg gekommen sind. Durchgestylt von oben bis unten. Bei den Kosten für diese Garderobe muss man wohl noch 3 Nullen dranhängen.

8
„Meine Tür steht Dir immer offen. Aber komm nur dann, wenn Du aufrichtig sein kannst.“

9
In der Leserunde geht es um Familie. Das Buch einer 27-Jährigen ist unsere Grundlage. Alle reden mit wie sonst nie. Familie ist immer Thema und in jungen Menschen schlummert die Weisheit der ganz Alten. Wie gut, dass einige das zeigen.

10
Sie findet den halb verwesten Körper ihres Bruders im Bett vor. Er ist nicht mehr zu erkennen. Es ist ein Schock. Die Rosenblätter, die sie Wochen später in das offene Grab streut, legen sich wie Balsam über diesen schrecklichen Anblick.

11
Lebe für die Erfahrung. Naja, …

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Mit den Strottern, dem Kollegium Kalksburg und den Klangviertlern kann man hervorragend Abschied feiern! Wovon auch immer … vom Sommer, von einem liebgewonnenen Menschen, von guten Manieren oder von der Sinnhaftigkeit des Daseins…

Laptop

1
Jetzt ist mein Laptop da und ich benutze ihn nicht. Es wäre halt eine Entscheidung. Hauptsächlich zu schreiben. Feige Sau, sag ich zu mir.

2
Ich beziehungsweise mein Hals ist leicht angeschlagen und so bin ich schön zahm und schweige und lasse meine Vogelapp laufen, während wir mit dem Boot auf der Thaya dahingleiten.

3
Ich sitze einer mitteilungsbedürftigen Person gegenüber und kann es nicht fassen, welcher Wortschwall da über mich hereinprasselt. Ich langweile mich zu Tode, schaue wahrscheinlich völlig entgeistert, was aber keinen Einfluss auf den Redefluss hat. Sogar meine Kopfschmerzen verschwinden unter diesem massiven Wortangriff.

4
Er sieht gut aus. Er hat jetzt 6 Wochen lang nur von Wasser, Gazpacho und Kaffee gelebt. Nichts Süßes. Und harte, körperliche Arbeit draußen in freier Natur. Da haben ihm auch die 40 Grad nichts anhaben können.

5
Der Hochzeitstagausflug an die Donau zum Uferhaus in Klosterneuburg war perfekt. Hab erst aus diesem Anlass das Strombad Kritzendorf kennengelernt.

6
Wir besuchen ein älteres Paar, das wir von „früher“ kennen. Lange haben wir uns nicht gesehen. Als wir ankommen, steht der Wurstsalat schon auf dem Tisch. Der Zwetschkenkuchen wird später serviert, der ist vom Feinsten. Die Wohnung ist noch so, wie ich sie von früher kenne. Die Zeit hat sich darauf abgelegt, alles wirkt ein wenig schäbig, abgenutzt.

7
Für ein Ehepaar ist es eine große Anstrengung, gemeinsam unter einem Regenschirm zu gehen.

8
Und wir finden kein Kissen, auf das wir unser Haupt legen können.

9
Das Warten an der Haltestalle und das Busfahren kann ich als einen Akt der Einsamkeit erfahren. Oder als Akt der Öffnung zur Welt, zur Öffentlichkeit. Gegenüber denen, die auch Bus fahren. „Bruder, wenn ich sterbe, dann sterbe ich“, erklärt der schwarze Radfahrer dem weißen Radfahrer seine Haltung zum Leben. Wir sitzen zu dritt im Bus von Floridsdorf nach Zistersdorf. Die beiden Räder sind an der dafür vorgesehenen Stange befestigt.
Das Arbeiten am Laptop ist nicht möglich, weil zwischen den Sitzen kein Platz dafür vorgesehen ist.

10
Im Krankenhaus muss ich 0 Geschirrtücher bestellen, um 10 zu kriegen. Und das auf jeden Fall vor 8 Uhr morgens. Sonst krieg ich gar nix. Das nenne ich mal eine einfallsreiche Schikane, die nicht weh tut.

11
Es gibt Menschen, die gehen mit 58 in Pension. Das wäre für mich: JETZT.

12
Meine Verkühlung dauert nun schon seit Wochen und ich erhole mich nur langsam. Oder gar nicht. Der Husten ist so stark, dass ich mich übergeben muss.

Chillen


1
Einsam sein heißt, mit sich selbst zusammen sein. Das Alleinsein als Befreiung von der pluralistischen Vielfalt erleben und für die Entdeckung der Differenziertheit der eigenen Stimme plädieren, darauf stürze ich mich jetzt einmal frischfröhlich.

2
In guten Büchern liegt der der Gewinn in der Sprache.

3
Dass Geld immer Thema ist!

4
Dass Liebe so schrecklich hart sein kann! Ihre französische Liebhaberin beherrscht die ganz, ganz feine Klinge. Mitten ins Herz damit, aber schön langsam, dass es richtig lange weh tut.

5
Dass der Sommer so intensiv ist! I Halb taumelnd bewege ich mich durch Mistelbach. Hitze, Türke, Schwarztee, Bus.Hitze.

6
Ich möchte ihm immer wieder zeigen, dass ich (auch) noch die bin, in die er sich damals verliebt hat. Das ist eine Mischung aus harter Knochenarbeit, Selbstüberschätzung und Dummheit.

7
Ich klebe mir die deutsche Tastatur wie eine zweite Haut auf die englische. Das erleichtert mir den frühen Tagesstart. Der neue Laptop kann von Haus aus nur Englisch. In der Früh soll ich Briefe schreiben und WhatsApp-Nachrichten beantworten. Danach richte ich ein Frühstück für die Gäste und denke an meine Schwester, die einen guten Gedanken braucht.

8
Ein schöner Spaziergang von Niedersulz nach Nexing. Mit Freunden und ihrem Lieblingshund. Aus einer Müdigkeit heraus umkreisen unsere Gespräche die Veränderungen des Lebens, das Wechselspiel, den Wechsel, die Veränderungen von Beziehungen und die Schönheit von Landschaften. Es ist alles doch irgendwie aufregend. Wir atmen frischen Wind.

9
Ein Leben voller Sehnsucht versus ein Leben, das voller Überraschungen steckt.

10
Kunekune hüten seinen Weingarten. Das sind Schweinchen aus Neuseeland, Hausschweine der Maori. Ich finde das sehr exotisch und findet in unserer Nachbarschaft statt.

11
Verwandte sind zu Besuch in der Wiener Vorstadt. Alles sehr beschaulich und gemütlich. Mit Swimmingpool und vertrauten Geräuschen aus der Nachbarschaft. Wir essen Weißwürste mit Brezen. Ich gebe schon nach 3 Stunden w.o. Ich kann ein paar Dinge, aber chillen in Gemeinschaft, das kann ich nicht gut …

Triest

1
Ich habe noch nie in meinem Leben drei Stunden im Stau gestanden. Man verfällt dabei in eine selbstschützende Lethargie.

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Der „Edammer“ auf dem Karsthügel, der zum Meer hin abfällt,  ist immer noch da. Er scheint unverwüstlich. Genauso wie die Spelunke mit dem Kunstgrasteppich auf der schmalen Mole.

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Bei der Ankunft liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen. Das entrüstet mich. Das freundliche Personal im Hotel Vis á Vis macht dieses Ärgernis wett. Eine Stunde später ist das Schiff verschwunden. Vielleicht habe ich mir das alles auch nur eingebildet.

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Der Blick aus dem Hotelzimmerfenster fällt auf in eine schmale Gasse. Dort ist der Schriftzug „Ulysses“ angebracht. Eine poetische Spur ist gelegt.

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Ein Spaziergang führt bergauf. Wir kommen ins Schwitzen und werden mit dem Ausblick auf den Hafen und das Meer belohnt. In der Kirche Maria Maggiore lauschen wir für einige Minuten den für uns unverständlichen Worten eines Priesters, der die Messe liest. Die Atmosphäre ist beruhigend. Immer wieder baue ich mir einen Leuchtturm aus den zum Teil schrecklichen Bausteinen der katholischen Kirche, die mir zur Verfügung stehen. Über diese Tatsache möchte ich nicht mehr viel nachdenken.

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Der Mann in der Vinothek füllt uns für 3,5 Euro Wein aus der Zapfanlage ab. Das geht hier auch. Er schmeckt uns sehr gut, der Friulano, der Ribolla Gialla und der Prosecco. Selbst einige Wochen später wieder daheim im Weinviertel hat er nichts von seiner Frische eingebüßt!

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Kurz vor Miramare finden wir einen Parkplatz. Auf der Promenade tummeln sich die Badegäste. Wie (fast) immer strahlt die Sonne auf die Schlossmauern. Spektakuläre Architektur. Ich schwimme eine Runde und schaue mir Triest vom Wasser aus an. Viel Stadt ist da zu sehen.

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Wir schöpfen wieder einmal aus dem Vollen. Mein Reisegefährte legt den großen Bogen Papier, auf dem das Periodensystem abgebildet ist, auf dem Boden aus. Ein weiterer Schritt auf der poetischen Spur dieser Stadt. Ich habe mir das so sehr gewünscht, wieder einmal hier zu sein! Man kann dazu nichts beitragen, dass das eigene Leben manchmal wie eine Operette daherkommt. Einfach ignorieren!

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Aquileia ist wie aus der Zeit gefallen. Wir staunen über die Zedern des Libanons, die im Garten des Archäologischen Museums stehen. Eine mit massivem Mittelstamm und weit ausladenden Ästen, die gestützt werden. Die andere mit 7 Stämmen, die aus einem Wurzelstock wachsen. Auf jeden Fall gefallen mir die Bäume mindestens so gut wie die Mosaike, Grabbeigaben und Statuen. Goldringe fliegen mir zu.
Was ist nicht poetisch hier im Friaul? Die Politik? Ich denke immer wieder an Grado, es liegt in unmittelbarer Nähe.

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Unsere Agrotourismo – Zimmer – Vermieterin heißt Alissa und ist blutjung. Im Emailverkehr hat sie immer mit Luis unterschrieben, mit dem Namen ihres im Februar verstorbenen Vaters. Jetzt führt sie den Laden.

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Grappa schmeckt überall gut. Am besten nach dem Essen und Cividale del Friulano hält, was der Reiseführer verspricht. Kleines Städtchen mit viel Space für Schönheit. Der Spaziergang führt zum Wasser. Der Fluss nennt sich Natisone. An die 11. 000 EinwohnerInnen leben hier. Ein Hund wird im Kinderwagen vorbeigefahren. Die Hundebesitzer fotografiert die Szene.

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Unter dem Dom von Cividale del Friuli hängen einer Menge Kränze aus Efeu und Trockenblumen. Sträußen aus wilder Karde und Girlanden schmücken die Gassen und Laubengänge für das Fest am Wochenende. Die zwei Damen in der Bar gehen sogar zum Fluss hinunter, um frisches Grünzeug dafür zu sammeln. Sie tragen eng geschnittene Blusen mit tiefen Ausschnitten und stimmen sich und die Gäste auf das Fest ein. In der Pizzeria wird den ganzen Tag gebacken und über die Straße verkauft.
Wir sehen immer wieder Männer, die für das Fest vorbereiten – wahrscheinlich schon seit Tagen. Schilder montieren, Fahnen hissen, Sand aufstreuen, Buden dekorieren. Besprechungen abhalten. Der Alkohol fließt und die Milch in der Milchflasche, auf die man zu Hause wahrscheinlich schon seit Stunden wartet, wird sauer. Irgendwie denke ich an das Dörfchen Erdpreß, da gab es früher auch einmal ein Fest, mit legendärem Herrichten.

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Auf einem Bein zu stehen, das ist nicht leicht.

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Das Werner Berg Museum in Bleiburg liegt auf dem Weg. In ihm tut sich eine neue Welt auf. Die Welt der Christine Lavant. Dass ich eine empfindsame Frau bin, das ehrt mich. Man muss sich mit mir nicht abrackern. Drehe die Herzspindel. Ein Kreis schließt sich.

Yoga mit Ziegen


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Es wäre angebracht, auf dem neuen Laptop als allererstes einen Liebesbrief zu schreiben.
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Ich im Baumkreis finde ich eine aufgekratzte Freundin vor. Es hat ein Unwetter gegeben. Das Ferienspiel wurde abgesagt. Das heisst, die vielen Vorbereitungen wieder wegräumen. Die schönen Ideen verstauen. Das nervt sie. Aus dem gleichen Grund fällt auch unsere Wanderung über die Felder kurz aus. Alles ist nass. Und für Hund und Mensch ungeeignet, weit auszuschreiten. Trotzdem lassen wir den Ausflug mit einem ausgiebigen Mahl unter den Lauben ausklingen. Das Ambiente lädt ein und die vorbereitete Jause im Baumkreiskeller. Der Gemischte Satz mundet hervorragend. Wir lassen es regnen.
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Hanno Rauterberg schreibt mir gefällige Essays. Über Nacktschnecken. Über Komposthaufen. Über den Strand …: „Alles ist offen, alles wird uns geschenkt, hier am Strand. Wir sammeln Muscheln, nehmen sie mit nach Hause, diese eigenwilligen Zeugnisse erschöpften Lebens, die Überreste schutzbedürftiger Tiere.“
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Yoga mit Ziegen! Das muss man nicht erlebt haben, ich kann aber ab nun mitreden, nachdem ich es erlebt habe: 15 Ziegen, 15 Teilnehmende, 15 Yogamatten, eine Ziegenversteherin und eine Yogalehrerin auf einer schiefen, angeschissenen Wiese. Alle Anwesenden – außer den Teilnehmenden – gehen ihrer Profession nach und tun so, als ob das alles ganz normal wäre. Es ist unglaublich.
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Die Generation, die jetzt stirbt, ist die letzte, die Bücher hat. Und gleichzeitig verabschieden sich die wichtigsten Menschen aus meiner Kindheit.
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Urteilskraft ist etwas, das ich dann doch nicht aus Büchern lerne, sondern nur, indem ich mich dem Leben aussetze.
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Meine Libidogruppe verliert an Biss. Ich hoffe, das ist nur eine kleine Sommerschwäche.