Autormartha

Haus

1
Ich entschuldige mich nicht dafür, in meiner Reflexion nicht tiefer zu gehen, als zu behaupten, das Elternhaus als Hafen erlebt zu haben. Beseelt worden zu sein. begleitet von der körperlichen Anwesenheit der Mutter, dem Geist des Vaters, der Weisheit der Geschwister. Ich möchte ein volles Haus haben.

2
Er hat das, was in den nächsten Jahrzehnten besonders zählen wird, schon immer gefühlt und in sich getragen.

3
Es wird kühl hier drinnen. Nur draußen im Garten vor dem Psychosozialen Zentrum nicht. Da stricken sie die Bäume ein.

4
Ich höre ihm gerne zu. Ihm, dem alten Bauern. Immer ist Verdauung Thema. Immer ist Landwirtschaft Thema. Immer sind Körperöffnungen Thema. Tiere, die geboren werden, Ferkel, Kälber, denen auf die Welt geholfen werden muss. Das Zupacken mit beiden Händen. Das Reißen seines schmerzenden Backenzahns mit einer Beißzange. Das erledigt er selber. Keine Zeit für den Zahnarzt.  Das Vergessen darauf, dass es neben der Arbeit noch etwas anderes gibt. Adieu sagen, das ist jetzt Thema.

 

 

Selbsterkundung

1
Ich bin dem Alter entwachsen, in dem in gruppendynamisch zentrierten Weiterbildungen das Maß der Dinge zerredet wird. Ich lege mich als Patientin ins Bett und erfahre mehr über meine Aufgaben als Seelsorgerin, als in diesen gekünstelten Selbsterfahrungsgruppen. Hinzu kommt das Erleben der eigenen Bedeutungslosigkeit auf dem Gipfel eines Berges. Da ist es zuträglicher als in den Gängen des Krankenhauses. Ich wünsche mir, ich wäre Tauchlehrerin.

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Die Todo-Liste wird immer länger. Ich atme. Langsam.

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Ich möchte zu viel des Guten, auch ein bisschen des Schlechten. Es steht grübelnde Selbstbefragung versus private Rede – als wäre ich in einem ständigen Bewerbungsgespräch. Ich bin es leid, mich ständig verkaufen zu müssen. Es ist doch alles da, mehr da, als jemand anderer je fassen kann! Auf jeden Fall vollkommen, ausreichend für diesen Platz, den ich in dieser Welt einnehme.
Durch die vielen Beschränkungen im Vorjahr hab ich mehr Selbstbestimmung erfahren als ich vorher hatte. Meine Erfahrung ist nicht falsch gefühlt, vielleicht falsch interpretiert? Ich möchte einen Lockdown ohne Pandemie!

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Ich zähle mir auf, was mir im Laufe eines Tages begegnet.

* die große Sehnsucht  nach der Konzentration auf das Wattmeer beim Lesen des Buches der Vogelkundlerin von Trischen

* das Staunen darüber, wie schnell ich darin bin, ein Essen zu kochen

* die vielen Details in mir und rund um mich herum, die einzigartig sind. Alle sind es, ich dränge danach, die Einzigartigsten der Einzigartigen zu erkennen

* die Museumspädagogin, die mein Bruder und ich ganz allein für uns haben; in den ersten Minuten schaut sie während ihrer Ausführungen nur mich an. Mein Bruder wird schon unruhig und zappelt ein bisschen neben mir. Ab nun zwingt sie sich, uns beide gleichermaßen im Visier zu behalten. Das amüsiert mich.

* die Erzählung meiner Mutter am Telefon. Sie liest das Buch über Bäume, das ich ihr geschenkt habe. Sie hat die Nerven für Kurzgeschichten. Und für die Betrachtung des Waldes, der rund um ihr Haus steht und durch einen heftigen Orkan zerstört wurde.

* die Freude eines Freundes darüber, einen Gedanken bis zum (vorläufigen) Ende denken zu können

* die Bank im Garten, auf der ich gerne sitze, weil da den Blick über die Dächer schweifen lasse und das Friedvolle des Augenblicks einsauge, wie ein Schwamm

* mir geht durch den Kopf, dass ich mehr singen und weniger zu Ärzten gehen sollte

* die besondere Energie, die über die Haut verschwendet und weitergegeben wird

* dein Atmen, wie er dabei ist, das Kopfweh weg zu atmen

* das Licht des Mondes

* die Nacht, in der ich halb wach und halb munter dahindämmere, Bewegung und Kraft die da ist, mich nicht schlummern lässt, obwohl ich schon so müde bin, die Wärme der Menschen, die um mich sind, das Bett, die Höhle, die sie mir bereiten

* ein Tag birgt das ganze Leben

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Zeig mir, was Du kannst!

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Es ist seit je eine Herausforderung: mich von äußeren Umständen möglichst unabhängig zu machen.

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Ich bekomme eine Sanduhr geschenkt. Der Sand rieselt. Mich bedrückt die Stille, die eintritt, wenn der Sand durchgerieselt ist, der kurze Moment, bevor ich sie wieder umdrehe.

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Phantasievoller zu denken, als in den ausgetretenen Pfaden meiner Wirklichkeit – dahingehend gibt es keine Grenzen.

 

Vorstellungskraft


1
Was geht mir durch den Kopf?
Endlich, das schöne Wetter!

2
Wir pflanzen Bäume, die vielleicht in 50 Jahren anderen hier Schatten und Früchte schenken werden. Land, auf dem man Bäume pflanzen darf, wird eine Bleibe für mein gutes Gewissen. Ich nenne es Quitten-, Dirndl-, Speierling-, Mispelgewissen.

3
Er wohnt eine Zeit lang neben toten Kühen. Die Zähne in seinem Mund faulen. Er versteckt weder das eine noch das andere. Verwesung in und um ihn. Er sieht dabei zu, wie sich die Leiber, der eigene Leib, zersetzen. Er setzt sich den Begleiterscheinungen aus. Dem Gestank, der Anhäufung von Insekten. Dem Schmerz der langsamen Veränderung. Die Ursache hinter derartigen Ereignissen interessiert mich.

4
…in den großen Kunstwerken den Anteil des Absoluten erkennen, und was fehlt dann noch…?

 

Poesie

1
Man erzählte von einer Ärztin, die glaubte, dass Poesie nahezu jede Krankheit heilen oder zumindest viel zur Heilung beitragen könne. Sie verschrieb ihren PatientInnen Gedichte, wie andere Arzneien verschrieben.

2
Ich sitze nun schon über drei Jahre lang an meinem Honigtisch, Seite an Seite mit ihm und lasse mich beatmen von seinem Geist.

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Ich frage ihn, was ihn beschäftigt. Arbeit und Poesie, meint er.

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Er zeigt mir ein Foto von seinen Eltern. Ich suche Spuren von ihm in ihren Gesichtszügen.

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Der Mann in der U-Bahn spricht in sein Smartphone: Das hat schon etwas, Obst zu verschenken!

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Die wohlüberlegten Worte eines Gedichtes machen die Welt noch komplizierter, als sie ohnehin ist. Nur so kann man ihr gerecht werden.

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Den Tod dieses besonderen Menschen nehme ich zum Anlass, hemmungslos zu weinen. Ich weine über sein Weggehen. Ich weine über den langsamen Untergang seines Berufungsstandes, der, so wie er ihn gelebt hatte, Poesie als Überschrift trug, über seine Handlungen legte. Er, dem es genügte, nichts in der Hand zu haben außer ein paar Worte, vor allem die Stille und das Schweigen. Er verkörperte das Ahnen, über das nicht gesprochen werden kann.
Er sah das Grandiose am Verzicht, dass Zeit und Raum bleiben, für den größten Reichtum – menschliche Substanz. Er liebte die neue alte Erzählung, wie Menschen miteinander eine Weise des Fühlens erdenken. Er behauptete, es genüge, dass man da ist. Darin war er sich sicher.
Darüber zu klagen, dass es ein tiefes, dunkles Tal ist, durch das er immer wieder schreiten musste, mutete er kaum jemandem zu.
Ich weiß, dass jetzt eine Zeit zum Weinen ist. Die großen Ströme stehen noch aus.

 

 

 

Sabotage

 

1
„Arbeitet nie!“
Mittlerweile ist ein Bekenntnis zur Faulheit ein rebellisches Konzept.

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Natürlich bin nicht ich allein für die Rettung der Welt verantwortlich. Allerdings will ich mir nach wie vor öffentlich viel mehr erlauben, als bloß geboren zu sein und zu sterben. Ähnliches erwarte ich von meinen Nachkommen. Die Unduldsamkeit des Alters spricht aus mir.

3
Ich schau mir selber dabei zu, wie ich ihr zuhöre, während sie mir Langweiliges erzählt.

4
Ich erkundige mich zum Thema Nacktschnecken, die mir heuer sehr nahegehen. Jene rot-braunen, von denen es bislang hieß, sie kämen aus Spanien, invasiv, neophyt. Nein, sie waren immer schon da. Nur treffen sie jetzt auf weitaus bessere Umstände, um sich fortzupflanzen: Es ist trockener, sie lieben kahle Vorgärten, weil es dadurch weniger „Feinde“ gibt, weniger Vögel, Frösche, Igel…; sie breiten sich also deshalb aus, weil es der Mensch so will.

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Er ist gegen Voodoo Jürgens, denn: Hier wird nicht falsch gesungen!

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Sie ist so krank! Sie bügelt nicht einmal mehr!

7
Ich bin Kundin bei einem Arzt, der weder im Vorzimmer noch im Behandlungsraum einen Computer benötigt. Das, was geschrieben werden muss, wird mit der Hand oder auf einer elektrischen Schreibmaschine erledigt.

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Die betagte Patientin liegt mit einem großen Plastiksackerl bewaffnet in ihrem Bett. Darin verstaut sie ihre Habseligkeiten. Mit beiden Händen hält sie alles fest umklammert. Die Frau ist wie ein Fremdkörper in diesem Krankenhauszimmer. Wir sind unbeholfen, ihr zu begegnen. Bis zu ihrem 51. Lebensjahr übte sie den Beruf der Krankenschwester aus. Dann hat sie sich ein psychiatrisches Attest schreiben lassen, dass sie nicht mehr ganz dicht ist. Und seit dieser Zeit ist sie nicht mehr ganz dicht. Sie verkleidet sich in Richtung Verrückte.

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Alle auf der Welt ziehen sich gleich an. Zu wenig Vielfalt jedoch ernüchtert meine Seele. Anzuerkennen, dass die Uneindeutigkeit der Welt die Norm ist, sei mir allzeit gegenwärtig.

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Es war eine gute Idee von ihm, eine Flasche Sekt und Gläser einzupacken, mich von der Arbeit abzuholen und auf den Berg zu fahren, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Das fühlt sich heutzutage schon wie ein Sabotageakt an, nach der Arbeit einfach Feierabend zu machen.

 

 

 

Italien I

1
Pass, Impfpass, Passagier-Lokalisierungsformular

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Der Reiseführer trägt große DIN-A3-Blätter mit sich. Es sind Ausdrucke von allen möglichen Routen zu Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, ausgehend von unserem Quartier. Am Ende dieser Reise schenkt er sie mir – teilweise zerknittert, teilweise noch unberührt. Das Ungesehene soll ein baldiges Wiederkommen manifestieren.

3
Fritz H. schreibt in der Zeitung über den Regensburger Gelbling. Aufrüttelnd, poetisch. Der besagte Schmetterling wurde seit 10 Jahren nicht mehr gesichtet. Ein fliegendes Kunstwerk, ein Verwandlungslebewesen, ein Sehnsuchtsobjekt. Gelb-orange hat er geleuchtet. Ein Symbol unserer Seele. Ich erinnere mich daran, dass sich meine Seele meinen Körper zum Gefäß genommen hat. Diese Erinnerung formuliert mein Reiseziel aus: Zeit verlieren!

4
Fingernägel, Fußnägel

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Weshalb ist sie nicht schon längst vergangen, untergegangen, diese Zumutung von Stadt? Sie übertreibt das Dunkel, das ich in ihr sehe, ich nehme es von ihrer Oberfläche. Ich streiche durch ihr Haar, wie ich durch einen finsteren Saal streife, streife ihr Inneres in mir ab. Was ich in der Überwältigung fühle? Zusperren müsste man sie, diese Stadt! So fühle ich! Diesen Zauber konservieren! Festhalten! Gefangennehmen!

6
Die Nacht ertönt in 100 Gesängen. Das Plätschern der Wasserstraßen. Das Landen der Flugzeuge. Das Motorengeräusch der Boote. Das Anschlagen einer Kirchenglocke. Möwen. Enten. Mein ruhiger Atem. Hier ist Straßenlärm das Aufschlagen eines Paddels im Kanal.

7
Ich bin wie erschlagen. Ich bin nicht durchlässig für irgendetwas. Ich bin zu klein für diese Kulisse, für den großen Bretterboden aus Marmor. Ich bin beschäftigt mit meiner Not. Mit meiner Intensität und unserem Zugleich. Ich möchte nicht schlafen gehen, weil die Zeit so kurz ist. Die Zeit kommt. Es ist die Zeit. Jetzt. Ich bin beschäftigt mit mir. Verändert durch deinen Aufprall in mir. Ich bin beschäftigt mit dem Symbol dieser Stadt. Mit der Vergänglichkeit von der Wurzel ausgehend gedacht, von unten her, vom Grund auf. Ein Untergang . Alles steht auf wackeligen Beinen und blüht. Ich stammle.

8
Mein Herz geht über vor lauter Ästhetik, die üppig und fein ziseliert auf mich trifft. Hier stehen die Häuser und Brücken wie Menschen. Ich möchte nüchtern dahinfließen. Derweil lasse ich mich überwältigen vom Spiel des Innen und Außen. Jede Kirche birgt einen Schatz. Selbst ein Bettelorden leistete sich damals ein prunkvolles Chorgestühl. Alles andere hätte sich dem Tinzianblau von Gegenüber als unwürdig erwiesen. Auf der Grabplatte Monteverdis liegen zwei leicht angewelkte Blumensträuße. Und ein Taschenbuch, das mich irritiert.

9
Die Frau hantiert am improvisierten Blumenkiosk mitten am Campo Santa Margherita. Ein paar große Plastikbehältnisse fassen Schnittblumen, Gräser und Strauchäste. Gladiolen, Astern, Hortensien, Lilien. Auf einem Tischchen liegen Papiere, Scheren, Schnüre, Kartons. In lässigem Tempo entsteht ein Strauß nach dem anderen. Keiner gleicht dem vorangegangenen. Sie arrangiert Gewöhnliches mit Ungewöhnlichem. Mit dem bunten Tuch in ihrem Haar, der flatternden Latzhose und der Zigarette im Mundwinkel, sieht sie selbst aus wie eine besondere Pflanze. Die Menschen stehen Schlange bei ihr. Es ist Samstag. Alle nehmen sich einen Strauß Gelassenheit und Freude fürs Wochenende mit nach Hause.

10
Dass ich mich dir so unaufdringlich wie möglich offenbare, erweist sich als barmherzige Geste. Gehen wir von einem Molekül aus – nichts existiert unabhängig, nicht ein einziges Molekül, nicht ein Gedanke. So wacht das Geheimnisvolle über unserer Unschuld. Wir haben kein Rezept, nur eine Provokation.

11
Hier eine Brille zu kaufen entspricht einem Klischee. Ich wähle eine gelbe. Sie steht mir. Wie feiern mit Prosecco und Espresso. Wir haben Gegenwart.

12
Ich schlafe mit 50 Gelsen im Zimmer. Ich genieße den unterbrochenen Schlaf. Ein leichtes Beben stellt sich ein, das Körperbeben bleibt den ganzen Tag über. Ab und zu leuchte ich auf, blitzartig, unkontrolliert, einer Wunderkerze gleich.

13
Wie fühlst Du Dich? Ich fühle das Meer unter meinem Arsch.

 

 

 

Holpern

1
An welche Stelle dieser Welt konnte sich die Hoffnung klammern? Lass uns das Ende miteinander verbringen.

2
Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.

3
Unser Dreigespann für zwei Stunden Nachmittagschillen unterm Baum, kaffeetrinkend und frizzanteschlürfend. Das Gespräch will nicht in die Gänge kommen. Wir sind ineinander verstrickt durch unfreiwillige Nähe und begehen den schmalen Grat, nicht ins Beschämende abzugleiten. Wir überschreiten die Grenze des gute Geschmacks nur geringfügig. Höchstens zum Zwecke der Erforschung, was genau möglich ist und was nicht.

4
Er beruhigt mich mit der schlichten Aufforderung, jetzt noch ein bisschen durchzuhalten und darauf zu achten, dass nicht alle Freundschaften aufgrund unterschiedlicher Ansichten zerschellen, noch ein bisschen zu impfen und dann wieder auf Normalität umzuschwenken.

5
Ein paar wenige Tage bleiben ihm noch.  Er entschließt sich jetzt, daran zu glauben, dass seine verstorbene Frau im Jenseits in Vorbereitung auf seine baldige Ankunft einen Schweinsbraten ins Rohr schiebt, sein bester Freund den Wein kühl stellt und seine Eltern den Tisch bereits gedeckt haben.

 

Trost

1
Ich stehe zögernd auf der Schwelle und schaue, ob mein Schlüssel passt, für etwas, das in Vergessenheit geraten ist.

2
Auf meiner Autofahrt in die Arbeit singe ich, damit meine Stimmbänder nicht ganz verrosten. Ich singe Lieder aus meiner Erinnerung. Heute ist „Foah ma hoam…“ dran, die Gruppe Broadlahn hat es einmal interpretiert. Ab der Liedzeile, in der der Rauhreif auf der Wiese vor der Hütte besungen wird, beginne ich zu weinen. Es gibt momentan keinen Grund, den Tränen freien Lauf zu lassen. Alles ist gut, und trotzdem bringe ich keinen Ton über meine Lippen.

3
Mein Freund leidet sehr an der sozialen Isolierung. Einmal in der Woche kommt der Nachbar zu Besuch. Gott sei Dank. Den Rest der Woche  lebt er für und mit seinen Hühnern. Sie bedeuten Leben im Haus, Beschäftigung, vier frische Eier am Tag.

4
Ein rotes Blatt  – es stammt wohl von einer Dahlie– liegt am langen, grauen Krankenhausgang am Fußboden. Es entfaltet eine große Wirkung.

5
Nach dem Film stelle ich mir die Frage: Was ist richtig? Die volle Wahrheit bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu erfahren oder ein Darüberhinwegleben und –feiern? Der junge, chinesische Arzt im Film sagt einen erstaunlichen Satz: Ja, es ist eine Lüge, aber es ist eine gute Lüge!

6
Tanzen

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Es ist nötig, die Angst der anderen zu teilen, selbst wenn man keine eigene Angst hätte. Es ist eine Form, sich der schlichten Schönheit des Zusammenhaltens im Aufgeschmissensein zu bedienen.

8
Die sterbenskranke Opernsängerin tröstet sich damit, dass sie sich eine wunderschöne Urne aus Meissener Porzellan gekauft hat. Darin will sie sich aufbewahrt wissen.

9
Sie verstand es, alles in Schönheit zu verwandeln. In Kunst zu verwandeln, ohne je von der Welt abgewandt zu sein. Die niederdrückendsten Selbstzweifel, Todesbetrübnis, Trauer, Angst vor der Gegenwart. Daraus wird das vertrocknete Blumenarrangement gegenüber, im Fenster zum engen Lichthof. Die erste Schwalbe des Sommers. Die berauschende Lektüre. Die Ekstase des Schreibens selbst. Kunst muss erschüttern, sonst ist es mit dem Trost nicht weit her, sagte sie. Sie sprach vom Denkflattern von der Schädelfreude, vom Hirnwunder, von der Kopfheiligkeit.

10
Ich bete liebend gerne mit dem Kopf in den Sand. Ich will nichts sehen und hören, ich will, dass alles harmonisch und im Lot ist. Ich bete natürlich, weil ich liebe. Lass es nie aufhören!

11
Mir geht durch den Kopf, wie gut es ist, Kinder zu haben.