Autormartha

Schwelle

1
Es ist ganz leicht mit ihr, wenn sie zu Besuch kommt, weil sie in sehr guter körperlicher und seelischer Verfassung ist. Sie kann nicht umfallen, sagt sie, sie wird immer von irgendjemandem gehalten. Sie hat das sehr gut gemacht mit ihrem Leben, warum auch immer. Ihre souveräne Art. Abgeklärt und doch versöhnt. Weltzugewandt. Großzügig mit Intuition ausgestattet und mit Neugierde. Über meine Mutter zu sprechen ist so umfassend, wie über Wasser zu sprechen. Sie ist eine Künstlerin, die nicht dazu kam, Kunst zu machen. Es gab keinen Raum und keine Zeit dafür. Sie kam dazu, Kleider zu machen, um Geld zu verdienen Sie kam dazu, sich Gedanken zu machen, um sich zu zeigen. Natürlich denkt man immer daran, er könnte der letzte gewesen sein, dieser Besuch. Aber wer kann das schon sagen.

2
Ich sollte an einem Ort bleiben, sollte arbeiten, meine Kräfte bündeln und hinter den Büchern verschwinden.

3
Der Mensch braucht gut fünfzig Gramm Eibennadeln für den Exodus, eingekocht in Paradeisersauce zum Beispiel, anstelle von Rosmarin.

 

 

 

Jetzt

1 In der Neuropsychologie sagt man, das, was das Gehirn als reine Gegenwart empfindet, umfasse ein Zeitfenster von drei Sekunden. Diese Information blendet mich so, als ob ich direkt ohne Sonnenbrille ins Licht schaue.

2
Mitten im Winter riecht es nach Akazien. Er riecht nach Körper. Die räumlichen Gelegenheiten, Sex zu haben, ergeben sich auch bei schlechtem Wetter manchmal von alleine. Kauf mir doch eine Sanduhr, sagt sie.

3
…………Freund David sagt: Das Jetzt ist nicht in der Zeit, die Zeit ist vielmehr im Jetzt. Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, ist sie im Jetzt, wenn die Zukunft kommt, wird sie nicht als Zukunft sondern auch als Jetzt erfahren……

……………

S. Eliot.: Alles ist immer jetzt………………

……………unversehrt………

……………………………

….Schwebezustand Konzentration………

4
Zunehmend gefällt mir das Realistische am Festhalten des Augenblicks immer weniger. Das ständige Gewahrsein der eigenen Präsenz. Diesem Bemühen, ganz da zu sein, fehlt jegliche Poesie.

5
Wie gesagt, in Venedig habe ich mir eine neue Brillenfassung gekauft. Spontan, ohne Vorbereitung. Der Sinn stand mir nach einer kräftigen Brille, die aufträgt und mich dahingehend adelt, eine dieser typischen Nonnas zu sein (expressive Aufsteckfrisur, große Ohrringe und sonst noch allerhand Geklimper um Hals und Arme). Wieder daheim angekommen, bringe ich das erworbene Schmuckstück zum Optiker meines Vertrauens. Natürlich wird er ein Glas nach meinen Sehbedürfnissen einpassen. Aber vorher müsse man diese Fassung an meinen Nasenrücken anpassen und überlegen, ob Glas oder Kunststoff mit Tönung die bessere Wahl sei; oder lieber ohne, also, so einfach sei das wiederum nicht. Wir vereinbaren einen Termin. Bei diesem würde ich auf Herz und Nieren geprüft. Denn schließlich stehe mein zukünftiges Sehvermögen auf dem Spiel. Diese eingehende Untersuchung dauert eine Stunde und 50 Minuten. Mit diesen Messungen könne er weiterarbeiten. Für einen erneuten Termin zu einer neuerlichen Anpassung kontaktiert er mich telefonisch. Diese Prüfung und anschließende Aufklärung dauern nur mehr 50 Minuten. Jetzt werden die Gläser bestellt. Kunststoff. Die können dann alles, was mein Auge nicht mehr kann: Ferne, Nähe, ausgelotete Blau- und Grüntöne, Kratzfestigkeit, … Beim nächsten Termin möchte ich sie abholen, die Brille. Doch ich liege ziemlich falsch! Etwas sei beim Einpassen des Glases kaputt gegangen und nun müsse man, … Um das Ganze abzukürzen: insgesamt hatte ich bis jetzt fünf Dates mit meinem Optiker, zwischendurch einige Telefonate. Bei einem sagt mir ein Mitarbeiter, dass mittlerweile das unvollendete Kunstwerk firmenintern zur Brille des Jahres gekürt wurde – denn normalerweise dauert ein Brillenkauf plus Anpassung höchstens 14 Tage. Wann darf ich bloß diese Wunderbrille mein Eigen nennen, um durch sie in eine neue Welt zu blicken?

 

 

 

 

 

 

Gehen

1
Heute, beim ziellosen Draufloswandern, komme ich drauf, dass ich Rundwege gar nicht gern mag. Am liebsten gehe ich in eine Richtung ohne umzudrehen, weg vom Ausgangspunkt.

2
Kommt es zu einem längeren Aufenthalt in der Welt des Profanen, dann geht’s bergab.

3
Die Philosophin pflanzt Granatapfel- und Feigenbäume. Sie schaut, woher der Wind weht. Sie steht mit beiden Beinen in der Welt. Sie wendet sich vermehrt den Göttinnen zu. Von all dem erwartet sie sich Klarheit. Und in der Mittagspause nimmt sie ihre Scheibtruhe und geht einkaufen.

4
Die Fischer am Teich campen im Schlamm. Teilweise im strömenden Regen. Auch ich bin wetterfest gekleidet, ich, die Spaziergängerin. Wenn ich auf diese Landschaft blicke, dränge ich die verbürokratisierte und versicherte Welt zurück in den Traum einer vergangenen Nacht.

5
Ich überlege mir, welchen Unterschied es für Kinder macht, in der Nähe von Wien aufzuwachsen oder – im Vergleich dazu – am Ende eines Hochgebirgstales. Einer ist, dass man vom Bergdorf mindestens einmal wegziehen muss. Da stehen die Chancen, jener Mensch zu werden, von dem man noch nichts geahnt hat, ziemlich gut. Andererseits ist das beständige Plätschern des Baches, der neben dem Kinderzimmerfenster vorbeirauscht, mit keinem anderen Geräusch der Welt aufzuwiegen.

6
Wir gehen ständig unter, damit verbringen wir unser Leben.

 

Vergehen

1
Die Nacht ist sternenlos. Die Möll rauscht laut. Kaum ein Auto stört dieses harmonische Geräusch. Orion ist erst ab Mitternacht in voller Größe zu sehen. Die Intensität der Dunkelheit erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist eng hier im Tal – ich krieg’s nicht weiter, auch wenn ich meine Gedanken ausführlich damit betraue. Die Anzahl und Machart der Häuser, die hier stehen, verändern sich seit Jahrzehnten kaum. Die Menschen leben in einem Museum. Ich tröste mich mit dem Verweilen bei einer Melodie von Fuzzmann, im wiederholten Hinhören auf Worte wie Wiese und blühen. Laufen  und Wildheit und Weite.

2
Die Frau trägt die Leiter am Waldrand entlang den Anger hinauf. Sie sucht nach Bäumen, deren Äste sie absägen kann, um sie auf das Mistbeet als Abdeckung für die Wintermonate zu legen. Sie muss unverrichteter Dinge umkehren, weil alle Äste zu hoch wachsen und die Leiter dafür zu kurz ist.

3
Der Borkenkäfer gewinnt Oberhand, die Bäume werden gefällt. Und der künstliche Lawinenschutz greift nicht. Die Natur kommt zusehends bedrohliche nahe.

4
Ein Wolf reißt neuerdings junge Kälber. Der Almwirtschaftsverband dreht einen Werbespot gegen das wilde Tier. Die Musikgruppe soll dafür die Nummer „das verlassene Tal“ zur Verfügung stellen.

5
Die Hautfarbe des neuen Bergdorfpriesters ist identisch mit jener des Scheinmarmors des Hochaltares. Wenn er genau davor steht, kann ich ihn nicht vom Hintergrund, vor dem er steht, unterscheiden. Nach der Messe, die nur spärlich besucht ist, trinken wir Schnaps beim Kirchenwirt. Hier sitzen noch weniger Gäste als in der Kirche.

6
Der alte Mann stirbt vor seiner Frau. Auch sie ist schon alt. Trotzdem kauft sie sich jetzt mit 80 ihr erstes eigenes Auto. Hier hilft ein Klimaticket nicht aus der Abhängigkeit!

7
Wir gehen beim Haus eines ehemaligen Schulkollegen vorbei. Er hat sich vor einem halben Jahr auf seiner Terrasse erhängt. Kaum jemand spricht mehr davon. Aus Herzensmenschen wurden Herkunftsmenschen und in weiterer Folge Vergessene.

8
Im gemeinsamen Erinnern kommt die Sprache auf heimlich gelesene Schundromane und Winkeltänze (In früheren Zeiten traf man sich zum Tanz in den Bauernstuben).  Sollte es auch hier so sein, dass die größten Offenbarungen des Lebens im Sex,  in der Literatur und bei der Beobachtung von Vögeln zu finden ist, dass somit auch diese Welt voller Möglichkeiten ist?

Regen


1
Man muss sich nur eine Katze ansehen. Eine Katze, die den ganzen Tag schläft. Da weiß man, dass der Sinn des Lebens das Leben ist. RUTH KLÜGER

2
Hilft es, wenn man weiß, dass sehr intelligente Persönlichkeiten unter dieser Krankheit litten?

3
Ich genieße es, daheim herumzuräumen. Meine Keramiken ins Trockene zu bringen.

4
Es reizt mich darüber zu schreiben, wie sinnlos und lächerlich jede menschliche Anstrengung und jeder Ehrgeiz sind.

5
Es stürmt draußen, wo ist bitte dieser Schirm, mit dem ich jetzt fliegen kann?

Sorge

 

1
Er verwendet das Wort Thrombose für unsere aufgestauten Sorgen.

2
Er schreibt ein Puppenspiel aus Freude über die herannahende Geburt seines Enkelkindes. Die Freude darüber, dass jemand das Licht der Welt erblickt, von dem ein Teil des eigenen Wesens weiterleben wird, Grashüpfer und Schnecke…

3
Sie geht auf den Friedhof und gießt die Plastikblumen auf dem Grab ihres verstorbenen Mannes.

4
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang haben sie mit- und nebeneinander gewirtschaftet. Jetzt sind sie alt und hilfsbedürftig. Er kann es immer noch nicht lassen, den Frauen unter den Rock zu greifen. Dieses Mal ist die Pflegerin dran. Sie will nicht mehr hören, wenn er die Krankenglocke läutet. Die ausführliche Altersversorgung bis zur Geschmacklosigkeit!

5
Und wenn einer sagt, ich solle mich nicht sorgen, dann soll er mir sagen, was ich stattdessen machen soll!

 

 

Dorf

1
Ich liebe dieses milde Sterben. *

2
Ein Dorf kann dich töten. Zeig dich nicht! Such einen Schlupfwinkel.
Das Schönste an meinem Dorf ist die Nähe zu Wien. Und der Garten. Der ist nicht zu unterschätzen.

3
Im Winter ist es hier noch ruhiger als sonst. Die Decke aus Dunkelheit, Nebel, Schnee. Sie lädt mich ein, mit meinem Denken ins Freie zu gehen.

 

*Pepi Geissler zitiert Nikolaus Lenau

 

Körper

 

1
Ich bin von meinem Körper existentiell abhängig, jedoch nur selten mit ihm im Einklang.

2
Ich werde darauf aufmerksam gemacht, hinzuhören, welche Körperteile vorkommen, wenn jemand von sich erzählt.

3
Die Grundlagen unserer Kultur sind eng mit der Notwendigkeit unmittelbarer Präsenz verknüpft. Darin sehe ich den Grund dafür, dass ich nicht gerne telefoniere. Es bedarf der Anwesenheit beider beteiligter Körper, um ein Gespräch zu einer Begegnung zu machen.

4
Über Weihnachten stelle ich eine Krippe auf. Über ihr steht der Text: „Der Körper ist unser erster Ort“.
Daneben hängen eine Aktzeichnung, Fotos von mir lieben Menschen, ein paar Reiseandenken. Ein Glasengel aus Rom, ein kleines Weihwasserbecken, die Ikone der Heiligen Nino aus Georgien, ein Weihrauchgefäß aus Zypern. Ein Hostien-Kunstwerk. Ein geschlossener Keramikschrein. Ein Kreuz mit einem Christuskorpus, ein Geigenhals und ein Totenkopf. Alles handgreiflich. Alles augenscheinlich. Alles Körper.
Beim Betrachten dieser Ansammlung von Reliquien könnte man meinen, hier habe jemand seinen Hausverstand verloren.

5
Lass Dich wieder einmal anschauen!

Damit ist wohl gemeint: Komm wieder einmal zu Besuch.

Und: Lass dich erkennen, lass dich anschauen von oben bis unten.

Auch: Ich möchte dich ganz sehen.

6
„Es kann kein Mensch fühlen, wie ich fühle, wenn ich hier, eingesperrt in meinem Körper, wie ein Stück Fleisch im Bett liege“ sagt eine Patientin zu mir.

7
Sie sagt: Immer wieder sehe ich meinen Vater als Häufchen Asche. Begraben in der Urne. Nicht einmal diese Zeit bleibt mir mit ihm, mir vorzustellen, wie sein Leichnam langsam verwest.

8
Ab wann ist ein Mensch liebend?
Ab wann ist ein Mensch sterbend?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kostbarkeit

1
Seit seinem Unfall meditiert er die beiden Worte Demut und Dankbarkeit.
Widerwärtige Situationen schenken uns ungefragt die Gelegenheit, dagegen kreativ zu protestieren.

 2
Er trägt das Hemd, das seine Schwiegermutter für ihren Mann genäht hat. Es ist blau weiß grün kariert und es steht ihm hervorragend.

3
Sie hat ein Kosewort für ihn gefunden: Schatzkästchen

4
Ich will nicht leben, was kein Leben ist.

5
Ich werde eine neuen Korb kaufen, einen geräumigen, groß genug für alle Möglichkeiten.

 

 

 

 

 

Blume

1
Einmal in der Woche bekomme ich einen Strauß Blumen geschenkt. Was für ein Prassen! Daran möchte ich mich nicht gewöhnen. Ich möchte es unverblümt lieben, jeden Tag.

2
Um zu beschreiben, was einen Wald ausmacht, reicht es nicht, die Bäume zu zählen.