Autormartha

Seele Suppe

1
Da bildete sie den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase Lebensatem. So wurde der Mensch eine lebendige Seele. Genesis 2,7.

2
In der Seele ist ein Wurm. Ein Tief jagt das andere.

3
Ich möchte mich jetzt um Police, Sting und Nina Hagen und um Beethoven und die Strottern kümmern und darum, dass meine Stimmbänder wieder in Übung geraten. Bei Einbruch der Dunkelheit möchte ich mich in eine Decke einwickeln und die ganze Nacht lang unter freiem Himmel sitzen und zuhören.

4
Deine Erzählung von Deiner Einsamkeit berührt mich peinlich. Wie du mich flehentlich darum bittest, dich jetzt nicht alleine zu lassen. Ich möge dir doch Hühnersuppe kochen und damit beginnen, dir einen Seidenschal fürs Herz zu stricken.

5
Sie versteht es, kein Wort zu viel zu schreiben. Über die Liebe zum Beispiel. Über das Gespräch mit ihrem Exmann nach dem Sex. Dass es da sehr innig zugeht. Beim Reden. (Kein Buchstabe zu viel.)

6
Es herrscht gute Stimmung daheim. Das Wissen, dass im Nebenraum ein Mensch ist, den ich jederzeit rufen kann, und eine Antwort bekomme. Der Austausch am Abend, was tagsüber geschah. Das Fragen, woran wir gerade arbeiten, was wir lesen, welche Menschen wir treffen.

7
Ich könnte heulen darüber, wie schnell die Zeit vergeht.

Fürsorge

1
Die Pflegerin auf der Urologie erzählt: Zu viel steht am Wochenprogramm. Neben dem Dienst im Krankenhaus und der Arbeit, die sie mit nach Hause nimmt, den krebskranken Vater begleiten, den Garten der Mutter pflegen, das Wochenendhaus renovieren, das tägliche Kochen für die Familie.

2
Friedericke Mayröcker ist gestorben. Meine Freundin schickt mir das Foto, auf dem zu sehen ist, wie die Literatin inmitten ihrer Bücher und Zettel in der Schreibwohnung thront. Die Freundin merkt an, dass sie mir diesen Luxus wünsche. Es fehle ja nicht viel in diese Richtung. Bloß meine konsequente Entscheidung, mich nicht ablenken zu lassen.

3
Die Grundthemen des Menschen müssen in regelmäßigen Abständen (und die Abstände werden immer kleiner) medial abgehandelt werden. Die Resultate ändern sich nur minimal. Ich höre einen Psychotherapeuten über Heimat reden. Am schönsten daheim ist man in einer Liebesbeziehung, am sichersten daheim in den eigenen Gedanken.

4
Mit den Jahren nimmt die Fürsorge für den eigenen Körper zu, so man auf ihn hört. An die Stelle der fruchtbaren Phase des Kümmerns um andere tritt jene, die die Zeichen des eigenen Herzens, Magens oder Verdauungstraktes achtet und ehrt.

5
Ich spaziere durch die kleine Stadtwildnis, nehme Platz an einem Tisch im Straßenkaffee und schnappe Gesprächsfetzen der Vorbeiziehenden auf. Klingt wie ein Text von Ansichtskartengrüßen aus dem Urlaub. Vom Nachbartisch her weht das Wort Kanapee aus dem Munde einer nicht mehr ganz jungen Frau. Das Gewitter während des Stelldicheins auf der Couch wird besprochen, ganz unverblümt die Lust, Haut zu sehen und Haut zu spüren, die Lust, mit beiden Händen zu nehmen. Die Stadt lehrt mich Leichtsinn.

Frohsinn

1
Oft steht mir der Sinn nach jener Art Humor, der freundlich und gewinnend daherkommt, der alles leicht nimmt und leichter macht.
Der sich – wenn alles gut läuft – entwickelt, sobald man sich mit der Geburt eines eigenen Kindes selbst ein Stück aufgegeben hat. Ich will mich selber nicht allzu ernst nehmen; eine Zeit der reinen Fröhlichkeit ausrufen, eine Farbenlehre der Freundlichkeit.

2
Das ist die Biographie eines Freundes, zusammengefasst in einem Satz: Wenn er müde ist, macht er gleich im Sitzen ein sehr kurzes Nickerchen, um beim Wiedererwachen zu verkünden: „Hab mir ein paar schöne Engel gekauft!“

3
Den ganzen Morgen über fühle ich mich schwer. Unsicher. Ob ich das Richtige mache. Ob es gut ist, das eine zu tun und das andere zu lassen. Ich grüble vor mich hin. So lange, bis ich einen Schritt vor die Tür mache, einen kurzen Schimmer Sonne erwische, mich am Handy verwähle und unabsichtlich meine Schwester anrufe. „Oh – ich hab mich verwählt, guten Morgen, ist alles gut?“ Gleich danach lege ich wieder auf und mit einem Mal bin ich glücklich darüber, auf nichts warten zu müssen, weil alles schon da ist.

4
Ich habe Dich heute als unsichtbaren Zaungast mit in die Ausstellung genommen und vertrauensvoll zwischen den Karikaturen aufgehängt.

5
Monika zeigt mir ein Kurzvideo. Ein Baby-Turmfalke ist darauf zu sehen. Er wird mit einer Pinzette mit Mäusefleisch gefüttert – aus der Hand einer Vogelkundlerin, die den Vogel gerettet hat. Der Falke zetert, regt sich fürchterlich auf, jammert, als ob er das ärmste Wesen der Welt sei und schnappt schlussendlich doch das Dargebotene. Seine Schimpftiraden werden mit jedem Leckerbissen versöhnlicher, bis er fast fröhlich das letzte Stück Fleisch gnädig annimmt.

6
Krise ist immer irgendwo.
Deshalb: planen wie Epikur:

  • in einem Garten eine Philosophenschule gründen
  • Gedichte lernen
  • unabhängig sein von den großen Begierden und den äußeren Geschehnissen
  • das Diesseits lieben
  • Seelenruhe und innere Gelassenheit erlangen

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug und wer fast nichts braucht, hat alles!

 

 

 

Früchte


1
Mich überfluten Geschichten, die von einem Gegenstand ausgehen, von einem beseelten Ding, das mich erinnert, das an Gefühle anklopft; zum Beispiel eine Pflanze, die schon lange eine Rolle spielt, eine Speise, ein Geruch. Der Wind an meiner Wange oder der am Fensterbrett abgelegte Stein. Das alles sammle ich und horte es, staple es übereinander, betrachte es. Suche Worte dafür. Ich spüre den Drang, alles herauszulassen, was ich so allmählich in mich hineingestopft habe.

2
Ich beobachte eine Frau dabei, wie sie ihrem bettlägerigen Mann kleinen Löffel für kleinen Löffel voll süßer Speise reicht. Gierig verschlingt er das Dargebotene. Später, im Supermarkt, nehme ich mir einen Obstgarten aus dem Regal und lege ihn in meinen Einkaufskorb. Was ich sonst nie tu. Obstgarten einkaufen. Ich will nachspüren.

3
Wir hinterlassen Spuren, indem wir Fingerringe im Fluss versenken. In verschiedenen Flüssen. Es werden immer mehr. Was für ein verschwenderisches Spiel! Außerdem streue ich Deine Erde in meinen Garten und meinen Sand auf Deinen Acker. Wir zeichnen einander ein, tragen einander in den Gesichtszügen. So zeigen wir uns.

 

Paar

0
Die Autofahrt über die Großglockner Hochalpenstraße (bildschön und spektakulär) und die Zugreise von Salzburg nach Zürich (entspannt und verträumt) sind besonders. Der Zug ist nicht voll, es gibt einen Speisewagen und ein langsames Herantasten an die Mitreisenden.  

1
Die Beiden, die wir in der Stadt besuchen, sind ein Hit. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar. Sie leben in getrennten Wohnungen, zusammen mit Büchern und Kunstwerken. Ein respektvolles Nebeneinander. Gezankt wird trotzdem. Man hört gerne zu, wenn sie erzählen. Zum Beispiel von ihren großen und kleinen Lieben. „Meine Kinder, Deine Kinder, unsere Kinder…“. Sie passen nicht so recht in diese aalglatte Stadt, die langweilig daherkommt. Wie soll ich mir hier Robert Walser, Bruno Ganz oder Pipilotti Rist vorstellen?

2
Er: Mein erstes Date mit ihr hatte ich im „Weißen Wind“. Da servierten sie Stierhoden als Spezialität. Diese Probe bestand sie. Ich brachte sie mit dem Auto nach Hause, verabschiedete mich leidenschaftlich. Daraufhin erwiderte sie: „Verschwinde schnell, sonst nehme ich Dich mit ins Haus!“

3
Wir schlendern mit ihm durch das Uni-Gelände. Ich befrage ihn nach drei Ringen an seinen Fingern. Der Siegelring, von der Mutter geschenkt, und der Ring seines Sohnes, den er seit dessen Tod trägt. Den dritten, einen ägyptischen, gibt es doppelt. Der andere fand Platz an ihrem Finger: vor vielen Jahren, während eines Fluges in die deutsche Heimat, hoch in den Lüften, als improvisierte Hochzeit an ihren Finger gesteckt.

4
Er: Bei einem Antiquitätenhändler sehe ich eine Taschenuhr, begutachte sie, finde Gefallen an ihr, denke mir, ich muss ja nicht alles haben, was mir gefällt, und verlasse unverrichteter Dinge den Laden. Das schöne Stück geht mir nicht aus dem Sinn. Am darauffolgenden Tag bin ich so weit, zu denken: Warum soll ich denn nicht haben, was mir gefällt! Ich gehe zum Händler. Die Uhr ist weg. Schon verkauft, leider! Ein halbes Jahr später bekomme ich sie von ihr als Geschenk verpackt zu Weihnachten.

 5
Sie: „Alles in Butter!“

6
Am Abend sitze ich in seiner Wohnung auf der Terrasse und schaue auf die Stadt hinunter. Frisch geduscht, gestärkt mit Kaffee und Schweizer Schokolade. Nach dem gemeinschaftlichen Tagesausflug mit dem Schiff über den See auf die Insel Ufenau bin ich jetzt alleine. Auf seinem Terrassentisch steht eine Buddhafigur, in der Ecke lehnt eine Krippe, geschnitzt aus einem großen Stück Holz. Räucherwerk, Kerzen und Tabakbesteck. Ein Aschenbecher, aus Beton gegossen. Ornament. Auf dem Betonsockel eine lebensgroße Mutter-Kind-Skulptur. Hier wird wohl meditiert. Auf einem Holzbrett an der Wand macht ein Engel einem anderen scheinbar einen Einlauf, daneben:  ein Frauenakt. In der Wohnung gibt es sicher zehn solcher Akte. Er mag Frauenkörper.
Im Badezimmer hängen fast ausschließlich Fotos von ihr; im Wohnzimmer ein überdimensionales Ölporträt von ihr. So hat er sie immer bei sich, wenn sie getrennt von ihm lebt.

7
Vor dem Schlafengehen trinken wir Champagner aus den Moser-Gläsern seiner verstorbenen Mutter. Sie haben einen breiten Goldrand aus 14 karätigem Gold.  Das Geschirr, das die Englische Königin verwendet, war gerade gut genug für seine Mutter.

8
Am Morgen serviert mir der Mann schlaftrunken eine Tasse Kaffee. Fein gemahlenes Kaffeepulver, ein Stück Schokolade, aufgebrüht mit kochend heißem Wasser. Er ist noch kein Greis, aber schon lange auf der Welt. So wie früher trägt er Schwarz. Die Pyjamahose ist lang und weich, das T-Shirt ausgebleicht und schlottrig an seinem Körper hängend. In der Besteckschublade liegt Silberbesteck.

9
Sie wohnt unten. Der Barockengel wirft seinen Schatten durch den Glasterrassenboden nach oben zum Nachbarn. Dieser fühlt sich gestört. Vom Schatten des Engels. Philipp Roth schreibt von seinem Wunsch, jeden Abend die reinweiße Unterhose gleich einem Engel in den Wäschekorb werfen zu wollen.

10
Hemina, das Maß des heiligen Benedikt von Nursia für die tägliche Ration Wein. Im Kloster Einsiedeln wurde entschieden, es in 50 cl-Flaschen abzufüllen, obwohl niemand genau weiß, wie viel der Vorschlag des Heiligen beinhaltete.

11
Unter der Bahnhofstraße, da liegen die Goldbarren. In dieser Stadt geht es nicht um Gefühle. Hier fehlt ein heftiger Crash. Oder wenigstens Dreck auf den Straßen. Alle sprechen Dialekt. Niemand fährt schwarz. Alles solide. Alles höflich. Alles in Erd- und Steinfarben. Alles unbeweglich. Nur nicht das Wasser. Der Fluss hier heißt Limat. Ich nehme das Wort wie Eis auf die Zunge.

12
Er: Bescheidenheit ist die widerlichste Form des Egoismus, sagte mein Großvater. Daraufhin macht er mir noch eine Tasse Kaffee.

 13
Sie arbeitet an einem Text über zwei sich ähnelnde Gemälde, die eine osteuropäische Braut darstellen. Warten ist der Titel.

 14
Das jahrelange Leben im slowakischen Dorf war die Erfüllung eines Traumes. Es war allerdings zu viel. Zu viel Arbeit. Zu viel offensichtliche Korruption. Zu wenig Sicherheit.
Außerdem kann man hier, wenn man will, dem Leben offiziell ein Ende setzen.

15
Die Beiden kennen Kapitalismus und Kommunismus von Innen. Ersterer behält die Oberhand. Weil seine Korruption verdeckt ist. Und scheinbar demokratischer. Leszek Kolakowski hilft denken. Und Bruder Klaus möge uns alle beschützen. Zum Schluss zitiert er den Sonnenhymnus des Echnatons. Um leichter zu werden im Kopf. Es fügt sich alles, weil alles vergeht.

„Schön erscheinst du im Horizont des Himmels,
du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land.“

16
Bis zur Abfahrt meines Zuges dauert es noch. Es regnet. Die Menschen tragen Gummistiefel. Mein Mantel ist schon nass. Ich muss mir einen Regenschirm kaufen. Ich nehme einen blau-weiß-schwarz gestreiften.
Im Bahnhofsrestaurant stellt die Kellnerin mit großem Schwung Teelichter in geschmackvollen Behältnissen auf die Tische: „Ein bisschen Stimmung in den tristen Tag!“  Der Mann am Nebentisch jammert, ihm fehle die Frau dazu. Die Kellnerin: “Aber da laufen ja so viele vorbei, ist denn keine für sie?“
Auch hier wirft ein hängender Engel seinen Schatten. Diesmal nach unten. Ein „Philosophisches Ei“ mäandert hoch oben durch die Fensterfront. Ich denke an Wien und verstehe: Daheim in Wien.

Blauweide


1
Am liebsten würde ich ins Astner Moos beißen. Jeder Quadratzentimeter springt mich mit seiner Schönheit an. Üppigkeit. Zartheit. Grün. Ich wünsch mir einen lebenslangen Vortrag zu dieser mäandernden Wasserlandschaft rund um das Niedermoor in den Hohen Tauern. Im Radio gibt es einen Schwerpunkt zum Lebensraum Pfütze. Die große Welt in einer Lache. Möge mir ein wissender Mensch diese Welt erklären und mit ihr die ganze Welt!

2
Der Sternenhimmel passt. Die Milchstraße auch. Untertags kommen wir schön langsam ins Gehen. Im Kopf bin ich sehr müde. Ich spüre den Schnee auf den Almen lasten. Es ist keine Wochen her, dass er weggeschmolzen ist. Es waren insgesamt wohl an die fünf Meter in diesem Jahr. Noch fällt mir nichts wie Schuppen von den Augen. Die Asten macht mich schwer. Weil die Zeit hier so schnell vergeht. Weil hier unmittelbar sichtbar ist, wie die Natur zur Gewalt wird und der Mensch klein und verschwindend.

3
Vielleicht beginnt jetzt das Ordnen. „Die Landschaft kommt dir doch entgegen!“, meint mein Mann am Telefon. Wer ist das denn, mein Mann?

4
In der Nachbarhütte schaffen zwei Frauen. Sie räumen die Hütte auf. Sie hängen die Bettwäsche im Freien auf. Sie reparieren den Lattenzaun. Ich höre sie lachen, während sie zu Mittag essen. Oder zumindest mit dem Geschirr klappern.

5
Die Bäche sind während der Schneeschmelze sehr laut. Im Vergleich zur restlichen Geräuschkulisse. Ich höre Unterschiede während des Regens. Der nieselt leise vor sich hin. Das Wasser tropft dumpf vom Dach in die Dachrinne.

6
Heute habe ich einen morschen Lärchenbaum fotografiert. Gegen den Himmel. Die nadellosen Äste zeichnen eine düstere Grafik in die Luft. Ich werde es Dir schicken, wenn ich einmal sehr traurig bin.

7
Wie heißt der kleine Vogel, der uns während unseres Frühstücks unterhält? Ich kenn nur das landläufige „Zirbengreck“. Die Tannenmeise ist größer und besucht uns erst am Nachmittag. Du wartest am Telefon mit einer Rohrdommel auf. Die passt hier gar nicht dazu. Ich kontere mit einem Gimpel.

8
Im kleinen Handwerksmuseum erfahren wir: Die Kummets wurden zu Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts selbst im abgeschiedenen Mölltal mit einem Füllstoff aus Afrika aufgepeppt. Zuerst wurde das Innenleben allerdings mit einem Gerüst aus Holz mit einer bestimmten Biegung stabilisiert. Diese passenden Biegungen stellten Wind, Wetter und Schnee her – man suchte eine von der Schneelast gebogene Birke mit der genau passenden Biegung. Das nenne ich arbeiten mit der Natur.

9
Ist es so, wie der erfolgreiche Künstler sagt, dass die heile Welt einer großelterlichen Idylle nicht aufs Leben vorbereitet? Dass sie zu wenig hart macht? Ich widerspreche. Diese Idylle war höchstens eine aus Zuneigung und Fürsorge zurechtgezimmerte Schein-Idylle . Außerdem: Wer mag sich denn eine ausschließlich abgebrühte Welt vorstellen?

10
Ein Lawinenkegel verändert sich ein paarmal pro Jahr wenn es die Wetterlage begünstigt. Die Blauweide verhält sich unscheinbar und aussterbend. Gold Pippau findet nur mehr gelegentlich in der Schweiz Einsatz bei der Färbung von Butter und Käse. Und  Bodza, das ungarische Wort für Holunder, klingt sanft und unbeholfen, wenn ich es ausspreche.

 

Kuss


1
Heute hat mich beim Verabschieden nach einem Gespräch ein Patient mitten auf den Mund geküsst. Es war nicht unangenehm oder übergriffig. Dennoch war ich sehr überrascht!

2
Du schickst mir ein Kuss-Foto von uns beiden aus vergangenen Tagen. Da, wo unsere Lippen einander berühren, entsteht eine kunstvoll geschwungene Linie.  Ich zeichne diesen Slalomschwung mit meinen Fingern in der Luft nach.

3
Er wendet sich der Gastgeberin zu und erhebt das Glas auf sie. Unvermutet küsst er sie. Länger, als es der Anstand gebietet. Der Gastgeber und Koch weist auf mögliche Eifersuchtsszenarien hin, schöpft allerdings ruhig noch eine Portion Nudeln auf den Teller. Auch das geschieht mit natürlicher Eleganz. Plötzlich wird aus dem Mittagessen ein Festmahl.

 

Vertrauen


1
Jetzt können Sie die Seele baumeln lassen, sagt die Schwester zu mir.
Träumen Sie etwas Schönes, sagt die Anästhesistin.
Alles Gute für die OP, sag ich zum operierenden Arzt.

2
Stechuhren sind mir von jeher suspekt. Wer kommt auf die Idee, jetzt, während der ersten berechtigten Aufatmungsphase dieser Pandemie, Stechuhren im Krankenhaus zu installieren und in Betrieb zu setzen? Es ist eine eindeutige Ansage an das Personal. Wir vertrauen Euch nicht.

3
Mein Selbstvertrauen geht mit der Selbstverständlichkeit einer Heimat einher, jenen Orten auf der Welt, an denen ich meinen Platz kenne und sein kann.

4
Eine Kollegin und ich besprechen die Verhältnismäßigkeit von Tun und Lassen. Wir reden vom „Dranbleiben“ und dem tatenlosen Vertrauen, die richtigen Dinge geschehen zu lassen.
Meine Erfahrung, dass mir immer die richtigen Menschen über den Weg laufen, während ich mit einem Gedanken schwanger gehe und ich diese weitertreiben möchte, ist kein Wert sondern ein Verhaltensmodus!

5
Es ist ein Lieblingsspiel aus meiner Kindheit. Vermutlich habe ich es in der Jungschar kennengelernt. Der Vertrauenskreis: Ich schließe meine Augen und lasse mich fallen. In eine Gruppe von anderen, die mich auffangen und hin- und herschaukeln. Für mich war dieses Spiel eine Annäherung an den wiederkehrenden Traum vom Fliegen. Genauso wie das Tanzen, das Wirbeln im Kreis um die eigene Achse, bis zum Umfallen. Gekoppelt an die Sicherheit, dass mich die Erde trägt. Dieses Gefühl habe ich hoffentlich bis in meine Erbsubstanz hinein gespeichert!

6
Der kürzeste Weg zum Schwimmbad führt über die Bahngleise. Sie nimmt ihn. Er ist genau 150 Schwellen lang. Dadurch erspart sie sich zwanzig Minuten Fußmarsch und kann länger im Wasser bleiben. Sollte ein Zug kommen, hört sie ihn ja. 

 

 

 

 

 

 

 

Dinge, seltsam

1
Drei Anmerkungen:
* Für welches andere Leben hebe ich mich denn auf, zu sagen, was ich ernstlich über die Dinge denke, die sich mir jetzt zeigen?

* Wie viele Ecken und Dinge der Welt es gibt, die sich mir nie aufschließen, die ich nie entdecken werde!

* Die seltsamen Dinge sollten seltsam bleiben.

2
An manchen Tagen bin ich so weit, dass ich für Vokale und Konsonanten mehr Liebe aufbringe als für die daraus gebildeten Wörter oder für Dinge oder für Menschen.

3
Sie hat eine Idee. Sie will heimlich einen zweiten Kühlschrank im ehemaligen Kinderzimmer aufstellen, verstecken. Da gibt sie dann alles rein, was ihr schmeckt. Keinem wird sie das verraten.

4
Mein Großvater war ein Genussraucher und kam wohl auf die 5 bis 10 Zigaretten am Tag. Er besaß eine Zigarettendose. Sie passte genau in die kleine Tasche seines Gilets, das er werk- wie sonntags trug. Die Dose war vielgebraucht. Dementsprechend lag sie samtig weich in der Hand, das silbrig schimmernde Metall abgegriffen, das eingravierte ornamentreiche Muster  kaum noch ertastbar. Innen war sie ausstaffiert mit einem braunen Stück Stoff.
Unlängst bekam auch ich eine solche Dose geschenkt. Eine alte, abgegriffene, jener meines Großvaters ähnliche.
Ich nehme die Dose in die Hand und sofort steigt mir sein Geruch in die Nase…, …er roch nach einer Mischung aus Tabak  feuchter Wollkleidung, Schmieröl und Sägespänen. Obwohl er Bauer war und eigentlich nach Kuhstall riechen hätte sollen.

5
Was hat für mich den Glanz eines wertvollen Schatzes, der im Ackerboden versteckt ist? Genau dieser Acker ist ja überfüllt mit Dingen.

 

 

 

 

 

Geheimnis

1
Es ist groß und einfach. Die „Unbetretbarkeit“, die „Mitte aus Innen“.

2
Die Diagnose kommt wie ein Schreckgespenst über ihn. Er trägt das Herz nicht auf der Zunge. Er ist wund ob seiner Erkenntnis, dass er nicht stark genug ist, sie auch anderen zuzumuten. So behält er sie als düsteres Geheimnis und ist angewiesen auf die Feinfühligkeit seiner Frau, seiner Kinder, dass sie ihn und seine Angst erspüren mögen.

3
Die Allee in Ladendorf zaubert aus sich heraus eine Kulisse und eine Stimmung, die man mit nichts anderem genau so erschaffen könnte. Die uralten Linden und Kastanien stehen da wie allwissende Wesen, säumen den Weg, geben ihn vor, lenken und locken mich, Hörende zu werden. Ihr Botendienst überdauert die Jahrhunderte. Hier sitzen bleiben mitten unter ihnen, Wurzeln schlagen, Baum werden.

4
Ob es stimmt, dass das Leben eine Richtung hat?
Dass es Lebendigkeit will und Veränderung, Vielfalt, Zusammenhalt,…?
Und was sich dagegen stellt, geht gegen den Strich?
Ist es so?

 5
Beim Betrachten eines Bildes setze ich mich einer Unbestimmtheit aus.
Ich sehe zum Beispiel einen Felsen und das Meer. Was dahinter ist, sehe ich nicht. Da kann ich mir alles Mögliche vorstellen. Ich kann also hinter den Felsen sehen und bis zum Ende des Meeres. Ich kann auch die Farbtupfen auf der Leinwand anschauen, die Striche, die Flächen und mir Gedanken darüber machen, was die Künstlerin während des Malprozesses getrunken hat, ob sie vor Ort gemalt hat oder bei geschlossenem Fenster. Ich kann das Bild sogar vorsichtig umdrehen, um zu schauen, was dahinter steckt. Da gibt es für mich unerschöpfliche Möglichkeiten der Betrachtungsweise. Niemand mag das kontrollieren. Logik ist nicht das oberste Prinzip.

 6
Diese Tür lässt sich auch andersrum öffnen: Die Worte, die ich spreche und schreibe, die Dinge, die ich gestalte, die Konzepte, die ich mir ausdenke, sie mögen immer weniger klar daher kommen, immer weniger ausdrücklich. Schemenhaft, versponnen, verwischt. Diffuses Licht.