Fürsorge

1
Die Pflegerin auf der Urologie erzählt: Zu viel steht am Wochenprogramm. Neben dem Dienst im Krankenhaus und der Arbeit, die sie mit nach Hause nimmt, den krebskranken Vater begleiten, den Garten der Mutter betreuen, das Wochenendhaus renovieren, das tägliche Kochen für die Familie.

2
Friedericke Mayröcker ist gestorben. Meine Freundin schickt mir das Foto, auf dem zu sehen ist, wie die Literatin inmitten ihrer Bücher und Zettel in der Schreibwohnung thront. Die Freundin merkt an, dass sie mir diesen Luxus wünsche. Es fehle ja nicht viel in diese Richtung. Außer meine konsequente Entscheidung, mich nicht ablenken zu lassen.

3
Die Grundthemen des Menschen müssen in regelmäßigen Abständen (und die Abstände werden immer kleiner“) medial abgehandelt werden. Die Resultate ändern sich nur minimal. Ich höre einen Psychotherapeuten über Heimat reden. Am schönsten daheim ist man in einer Liebesbeziehung, am sichersten daheim ist man in den eigenen Gedanken.

4
Mit den Jahren nimmt die Fürsorge für den eigenen Körper zu, so man auf ihn hört. An die Stelle der fruchtbaren Phase des Kümmerns um andere tritt jene, die die Zeichen des eigenen Herzens, Magens oder Verdauungstraktes achtet und ehrt.

5
Ich spaziere durch die kleine Stadtwildnis, nehme Platz an einem Tisch im Straßenkaffee und schnappe Gesprächsfetzen der Vorbeiziehenden auf. Klingt wie ein Text von Ansichtskartengrüßen aus dem Urlaub. Vom Nachbartisch her weht das Wort Kanapee aus dem Munde einer nicht mehr ganz jungen Frau. Das Gewitter während des Stelldicheins auf der Couch wird besprochen, ganz unverblümt die Lust, Haut zu sehen und Haut zu spüren, die Lust, mit beiden Händen zu nehmen. Die Stadt lehrt mich Leichtsinn.

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