Autormartha

Verletzlichkeit

1
Verletzlichkeit und Sterblichkeit sind kein Defekt des Menschen. Sie sind unsere wichtigste Ressource, weil sie uns miteinander auf das Innigste verbinden. Man sollte meinen, sie seien dazu in der Lage, unser Leben zu verdichten und zu vertiefen. Das Sterbenmüssen konfrontiert uns mit der Nichtigkeit unseres Daseins.

2
Ich hab keine Lust auf Unbeholfenheit und Dilettantismus, obwohl ich selber mittendrinnen stecke, mit den Füßen in der Luft statt am Boden.

3
Immer wieder bin ich auf der Flucht vor Menschen. Diese Selbsterkenntnis erschüttert mich. Ich suche nach allen möglichen Ausreden, damit ich eine Stunde für mich habe. Noch lieber ist es mir, einen ganzen Tag für mich zu haben. Da hat sich Wesentliches verändert in mir, die nichts lieber tat, als zu kommunizieren. Jetzt genügt mir schon oft die Kommunikation mit einer Pflanze oder einem Berg. Oder mit mir, wenn ich so laut vor mich hinbrabble. Natürlich, das Alter. Und natürlich, die unendlich vielen Einflüsse im Alltag, die sich in mir einnisten. Sobald ein zweiter Mensch in meiner Nähe ist, spüre ich immer öfter und deutlich Verzweiflung.

3
Wenn du im Traum der anderen gefangen bist, dann bist du erledigt.

4
Beschreibe mir Deine Not.

 

 

Bescheidenheit

1
Ich werde gar nicht erst über Bescheidenheit nachdenken. Ich bleibe Zeit meines Lebens in der Hütte wohnen. Ich lege das Augenmerk ganz woanders hin. Auf die Geschichte, die meine ist. Auf deren Unfassbarkeit.

2
Ignoriert zu werden, das hat Vorteile.

3
Ich beobachte eine Strömung in der jungen Weinbauszene, in der es keine Scheu vor der Handarbeit gibt oder davor, mit den Händen in der Erde zu sein und an der Pflanze, obwohl die Schaffenden aus ganz anderen Lebensbereichen kommen. Sie kennen sich theoretisch gut aus und können nächtelang Wein trinken und sich über Wein unterhalten. Sie sind weltoffen. Und bescheiden.

4
Geld ist nur eine Form von Energie. Eine andere ist Langeweile.

5
Ich mache einen Tagesausflug mit ihm. Wir vertreiben uns die Stunden mit einer Ausstellung und einigen Wirtshausbesuchen. Nach monatelangem Abstand nähern wir uns so einander an. Mich drückt mein Bauch ein bisschen. Weil er davon erzählt, wie ihm seine Verdauung zu schaffen macht. Er ist mit sich selbst beschäftigt. Sich mit anderen Menschen zu befassen, fällt ihm schwer. Viel Angst steckt in ihm. Und viele Tränen. Ihn belebt der neue Job, ihn belebt ein volles Haus daheim, ihn beleben Menschen, ihn belebt der Unterricht mit SchülerInnen, die ihn fordern. Er ist ein Gestalter. Und er würde wieder einmal gern auf dem Sofa liegen und einfach nur fernsehen und etwas in sich hineinessen. Zwei Wochen später am Telefon sagt er, auf einer Zufriedenheitsskala von 10 sei er bei 6 gelandet! Er hat sich vertrauensvoll dem Sofa angenähert.

 

 

Meer

1
Die March bringt uns in Stimmung, der Fluss, der stetig neben uns rinnt. Ein Rotmilan, ein Graureiher, die singende Meise, die Weidenbachmündung und die tanzenden Bäume, das Schwemmholz, der Sand unter den Füßen. Den Kreislauf der Natur vor Augen, das Leben vergehen sehen, dich an meiner Seite wissen. Limoncello im Picknickkorb. Alles wie ein Tag am Meer.

2
Ich werde nie ankommen. Immer wieder. Der Jenseitsgedanke hat sich aufgelöst.

3
Wir nehmen die Fähre. Das Paar, das die Fähre betreibt, muss nicht zwangsläufig ein Ehepaar sein. Eine Frau und ein Mann. Sie bringen im Halbstundentakt Menschen von einem Seeufer zum anderen. Von der Zugstation zum Ortskern. Und wieder zurück. Den ganzen Tag lang bei (wahrscheinlich) jedem Wetter. Den Fahrgästen geben sie bereitwillig Auskunft darüber, wo die besten Wirtshäuser im Dorf zu finden sind, darüber, ob die Berge eine Gefahr für die Menschen, die da leben, darstellen, wie viel Kriminalität es hier gibt, wo sich das nächste Krankenhaus befindet.
Ungefragt beschreiben sie, wie wir die tiefste Stelle des Sees zu Fuß erreichen können. Wir finden den Weg zur Hängebrücke, die über besagte Stelle führt.  Wir bleiben stehen und staunen in die Tiefe.

4
Der Zaunkönig huscht wie eine Maus im Gebüsch von Strauch zu Strauch. Wir stören ihn kurz im Vorbeigehen. Er bleibt hier über den Winter, ihn zieht nichts Richtung Süden.

 

 

 

Schonen

1
Ich bin sehr vergesslich. Meine Kreditkarte verschwindet unbeabsichtigt im Müll.

2
Wie können wir die entschleunigte Atmosphäre der Zeit des Lockdowns in unsere Anwesenheit mitnehmen?

3
Wenn ich könnte, würde ich eine schonende Gesellschaft aufbauen (stimmt nicht!).

4
Wenn jemand mich fragen würde, welche Katastrophe über mein Leben hereingebrochen sei, könnte ich zurückfragen, ob er die Geschichte hören wolle oder die Wahrheit.

5
Wenn in Filmen eine Figur allzu peinlich ist bzw. wenn eine Figur sich um Kopf und Kragen redet oder handelt, muss ich wegschauen oder abdrehen. Das geht am Laptop besser als im Kino…

6
Wie soll ich diesem Krieg begegnen?

 

 

 

 

 

Zeit

 

1
Die reine Zeit ist ohne Zufriedenheit wertlos. Das ist einer meiner Gedanken, wenn ich meine Sanduhr wende. Ein anderer ist, wenn mir nicht schade um die Zeit ist, die verrinnt, ist das unendlich. Meistens jedoch macht mir diese Uhr ein schlechtes Gewissen, weil ich verschwenderisch mit dieser kostbaren Gabe umgehe.

2
Es ist unmöglich, den eigenen Kindern zu viel Liebe entgegenzubringen. Ich bin dankbar für jedes neue Jahr, das sie erleben.

3
Letzte Devise: viel Zeit verlieren

 

 

Verstehen

1
Zu wenig Überraschung. Selbst wenn ich in der Erschöpfung die Schöpfung entdecke. Das reicht höchstens für heute.

2
In Zeiten der Pandemie sind wir ungefähr so zufrieden wie nach einer unglücklichen Scheidung oder nach dem Tod eines lieben Menschen. Das gibt Hoffnung!

3
Ein Gedicht lesen zu können ist eine gute Voraussetzung dafür, in einem Menschen etwas erkennen zu können, und zwar so, wie er erkannt werden möchte. Jedes Wesen atmet danach, sich so zu zeigen, wie es ist.

4
#ichichich#verstehmich#bitte

5
Wer von uns darf trösten?

6
Das Denken daran, dass ich weniger Energie habe als früher und sorgsamer damit umgehe.

Das Wissen, es geht im Gespräch um die Beschreibung kleiner, sehr persönlicher Details.

Die Beobachtung, unbändigen Heißhunger zu verspüren, wenn Kommunikation nicht gilt. Ich stille ihn mit Buttermilch.

7
„Trink den Bourbon! Am Ende dieser Tage möchte ich eine leere Flasche sehen!“