Autormartha

Staub


1
Der Wind saust wieder ums Haus. Es macht gar keine Freude, im Hof zu sitzen, um zu schreiben. So suche ich das Zimmer im oberen Stock auf. Hier ist alles voller Staub. Man muss dran bleiben an der Putzerei, damit das Gefühl wohnlich bleibt.

2
Es ließ sich nicht verbergen, dass meine Fingernägel schmutzig waren.

3
Sie hat damit angefangen, jedem Jahr einen eigenen Namen zu geben.

4
Ich werde nicht die gekränkte Eitle spielen. Ich lasse die Kirche links liegen und freue mich über das Geistvolle, das sie nach wie vor heimlich zeigt und das ich manchen Menschen und ihrem Treiben entlocken kann. In meinem metaphorischen Tagebuch wird dann unter heute stehen: Sie wollten es nicht anders.

5
Seit sie ein Stück versteinertes Holz geschenkt bekommen hat, denkt sie in unüberschaubaren Zeitsprüngen. Eine Hand, die findet, wird immer da sein.

Kisten

 

 

2021
brauner und weißer Ton, Rakubrand

Keramik ist dem Alltag deutlich näher als etwa Ölmalerei, kann sich diesem durch abstrakte Formen, die überdies keinen praktischen Nutzen erlauben, auch wieder völlig entziehen.

Wut


1
Es bereitet keine Freude, genau 1400 Zeichen zu schreiben, um einen Förderantrag für ein Kulturereignis (in vager Zukunft) zu stellen. Die Förderstelle möchte mich erziehen. In genau eine Richtung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Immer brav machen, was verlangt wird. Und ein Businesskostüm dazu tragen, möglichst ein farbenfrohes!

 2
Die Pandemie hat viele latente Verrücktheiten freigelegt.Es gibt viele Einsame, die Welt hält nicht zusammen, Bescheidenheit hat keinen Reiz und nur für die Armen macht es Sinn, über diesen Reiz nachzudenken; die Reichen werden reicher und das sehr schnell, Hierarchien werden ausgebaut, ja zu Massentourismus und wachsender Wirtschaft, nein zur Menschenfreundlichkeit. Es ist bequemer, die Welt so zu lassen, wie sie ist.

3
Ich will einen richtigen Sabotageakt tätigen!

4
Ich brauche keinen anregenden Wochenausklang!, schreie ich der Ö1 Moderatorin zu.

Unsinn


1
Vernünftig sein macht tendenziell keinen Spaß. Unsinn schon. Meistens und kurzfristig. Ich muss immer mit allem rechnen und ich möchte mich nicht immer entscheiden müssen.

2
Auf Genuss oder auf körperliche Nähe zu verzichten, weil das gesünder ist, um letztendlich mein Überleben zu sichern, scheint mir nicht zielführender zu sein, als mit Genuss und menschlicher Nähe dem natürlichen Verlauf des Lebens entgegenzublicken. Ich will mich jetzt noch nicht freiwillig selbst abschaffen.

3
Heute in der Früh höre ich im Radio einen Mann sprechen. Er redet übers Schönschreiben. Dass es oft monatelanger Übung bedarf, um in einen Rhythmus zu kommen. Mit einer Stunde am Tag sei es da nicht abgetan. Manchem sei es schon passiert, dass er jahrelang übte um zum Entschluss zu kommen, dass es nichts sei für einen.
Schönschreiben hat eine doppelte Bedeutung, mit der Hand schön schreiben oder inhaltlich schön schreiben.
Überhaupt schreiben: Wenn das alles nur Unsinn ist?

4
Kinder müssen immer wieder herhalten und ein Lied singen oder einen Spruch aufsagen, wenn eine dubiose Gemeinheit ( zum Beispiel eine Hubertusmesse/der Parteitag/eine Flucht…) organisiert wird.

5
Bist du katholisch? Aber sicher doch!

 

 

 

 

Kraft

1
Ich suche den Ort, an dem ich an eine bessere Welt denken kann. An dem irgendwelche gewagten Gedanken die Chance erhalten, Wirklichkeit zu werden.

2
Ich muss mich sehr oft in meinem Leben verabschieden. Ich muss mich sehr oft von jemandem verabschieden, von dem ich weiß, dass wir uns jetzt das letzte Mal sehen.

3
Beim Blick über die Landschaft kann ich sagen: So weit mein Auge reicht, bin ich die Königin! Ja!

4
Du

5
Außerdem macht es mich glücklich, dass ich Pflanzen setzen darf.

Wandlung

Wandlung

1
Um 8. 56  Uhr läuten die Glocken zur Wandlung. Ich sitze in meinem Garten über den Dächern des Dorfes, das Fernglas neben mir. In den Büschen und Bäumen die Distelfinke und Spatzen. Die Ringeltauben, die der Nachbar züchtet, die Hausrotschwänzchen, Amseln und  Kohlmeisen. Da ist keine Leerstelle mehr. Ich denke mit Staunen darüber nach, dass es Menschen gibt, die Wandlung symbolhaft vollziehen. Dazu gehöre ich nicht. Wandlung geschieht in mir täglich. Sie überholt mein Denken. Am Abend nimmt mir die hohe Silbertanne in Nachbars Garten die untergehende Frühjahrssonne weg. So viel Schatten muss auch ihn stören. Das Vogelgezwitscher hüllt mich ein.

2
Ein Buntspecht hat sich in ihre Hand gesetzt. Langsam hat er sich angenähert, jeden Tag ist er ein Stückchen näher gekommen. Vom entfernt stehenden Baum zum Vogelhaus. Von da zum Strauch und dann war es nur mehr ein Flügelschlag bis in ihre Hand. Als nächstes wagen sich die Rehe vor. Sie fressen schon von der Hauswurz, die in der Kräuterspirale vor ihrem Haus wächst. Von der Kräuterspirale bis zu ihrem Sitzplatz auf der Terrasse sind es nur mehr zwei Meter. Es wird sie nicht wundern, wenn sich eines von ihnen in ihren Schoß setzt.

 

 

 

Gespinst

2022
weißer Ton, Rakubrand

Mein Lieblingskunstwerk ist eines der Gespinste. Als ich es in die Vitrine stellen wollte, brach ein kleines Stück davon ab. Dieses Bruchstück, das ist es. Nun liegt es  zerbröselt am Boden.

 

Spur

1
Man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man nach ihren Vorschriften lebt. Ein Leben in Einfachheit, Unabhängigkeit, Großzügigkeit und Vertrauen.

2
Sie erzählt mir ihr Leben in Briefen, das große Leben in ein kleines Format gebracht.
Die Eltern sterben schnell hintereinander. Von einem gewalttägigen Mann flüchten. Töchter großziehen und loslassen. In der politischen Gemeinde mitarbeiten. Auch des notwendigen Geldes wegen. Geld überhaupt. Zuerst keines haben und dann viel haben. Freundinnen haben. Irgendwann dann doch in einem leitenden Job arbeiten. Geschwister haben, mit denen es einen Beziehungseinbruch gibt. Kitten wollen. Aber vor allem eines: Nicht mehr spuren wollen. Hilfe benötigen. Eine Raphaela kennenlernen. Sie ist grün und nur ein Schleier. Ihr Gesicht nicht sehen. Sie beschützt. Geführt und beschützt sein. Und doch nicht mehr spuren wollen. Schwer krank sein. Es nicht mehr aushalten. Ein Glas Honig über den Körper gießen. Ummantelt sein mit süßer, klebriger Masse.

3
Wie kann ein neues Gewand passen, wenn der Mensch nicht neu ist?

4
Du hilfst mir, eine neue Sprache zu lernen, jene, die die Vögel sprechen und die Sterne.

 

 

Versuchung

1
Neue, ekstatische Wahrheiten über das Leben festhalten

2
Ein Krankenbesuch. Eine Frau von 80 Jahren singt mir ein Lied vor:
„i kumm heit zu dir, oba net durch die tür, i klopf an die fenstal an. i muass da wos sogn und muass di wos frogn, es hängt unsa glück davon ob.“

Das habe ihr verstorbener Mann immer wieder gesungen, wenn er schlafen ging. Unabhängig davon, ob sie selber noch wach war oder schon geschlafen habe. Mit zunehmendem Alter habe er immer öfter und frohlockender gesungen.

3
Ilse Aichinger: Schreiben kann man wie beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.

4
Frage: Soll ich mir den Briefwechsel von Camus und Maria Casares, Schreib ohne Furcht und viel, kaufen? Antwort: Schreib lieber!

5
Es macht keinen Sinn, am Abend fernzusehen.
Es macht Sinn, den ganzen Tag und den Abend im Freien zu verbringen.