Autormartha
Tontafeln
Schonen
1
Ich bin sehr vergesslich. Meine Kreditkarte verschwindet unbeabsichtigt im Müll.
2
Wie können wir die entschleunigte Atmosphäre der Zeit des Lockdowns in unsere Anwesenheit mitnehmen?
3
Wenn ich könnte, würde ich eine schonende Gesellschaft aufbauen (stimmt nicht!).
4
Wenn jemand mich fragen würde, welche Katastrophe über mein Leben hereingebrochen sei, könnte ich zurückfragen, ob er die Geschichte hören wolle oder die Wahrheit.
5
Wenn in Filmen eine Figur allzu peinlich ist bzw. wenn eine Figur sich um Kopf und Kragen redet oder handelt, muss ich wegschauen oder abdrehen. Das geht am Laptop besser als im Kino…
6
Wie soll ich diesem Krieg begegnen?
Zeit
1
Die reine Zeit ist ohne Zufriedenheit wertlos. Das ist einer meiner Gedanken, wenn ich meine Sanduhr wende. Ein anderer ist, wenn mir nicht schade um die Zeit ist, die verrinnt, ist das unendlich. Meistens jedoch macht mir diese Uhr ein schlechtes Gewissen, weil ich verschwenderisch mit dieser kostbaren Gabe umgehe.
2
Es ist unmöglich, den eigenen Kindern zu viel Liebe entgegenzubringen. Ich bin dankbar für jedes neue Jahr, das sie erleben.
3
Letzte Devise: viel Zeit verlieren
Nest
Verstehen
1
Zu wenig Überraschung. Selbst wenn ich in der Erschöpfung die Schöpfung entdecke. Das reicht höchstens für heute.
2
In Zeiten der Pandemie sind wir ungefähr so zufrieden wie nach einer unglücklichen Scheidung oder nach dem Tod eines lieben Menschen. Das gibt Hoffnung!
3
Ein Gedicht lesen zu können ist eine gute Voraussetzung dafür, in einem Menschen etwas erkennen zu können, und zwar so, wie er erkannt werden möchte. Jedes Wesen atmet danach, sich so zu zeigen, wie es ist.
4
#ichichich#verstehmich#bitte
5
Wer von uns darf trösten?
6
Das Denken daran, dass ich weniger Energie habe als früher und sorgsamer damit umgehe.
Das Wissen, es geht im Gespräch um die Beschreibung kleiner, sehr persönlicher Details.
Die Beobachtung, unbändigen Heißhunger zu verspüren, wenn Kommunikation nicht gilt. Ich stille ihn mit Buttermilch.
7
„Trink den Bourbon! Am Ende dieser Tage möchte ich eine leere Flasche sehen!“
Worte für die Hand
Schwelle
1
Es ist ganz leicht mit ihr, wenn sie zu Besuch kommt, weil sie in sehr guter körperlicher und seelischer Verfassung ist. Sie kann nicht umfallen, sagt sie, sie wird immer von irgendjemandem gehalten. Sie hat das sehr gut gemacht mit ihrem Leben, warum auch immer. Ihre souveräne Art. Abgeklärt und doch versöhnt. Weltzugewandt. Großzügig mit Intuition ausgestattet und mit Neugierde. Über meine Mutter zu sprechen ist so umfassend, wie über Wasser zu sprechen. Sie ist eine Künstlerin, die nicht dazu kam, Kunst zu machen. Es gab keinen Raum und keine Zeit dafür. Sie kam dazu, Kleider zu machen, um Geld zu verdienen Sie kam dazu, sich Gedanken zu machen, um sich zu zeigen. Natürlich denkt man immer daran, er könnte der letzte gewesen sein, dieser Besuch. Aber wer kann das schon sagen.
2
Ich sollte an einem Ort bleiben, sollte arbeiten, meine Kräfte bündeln und hinter den Büchern verschwinden.
3
Der Mensch braucht gut fünfzig Gramm Eibennadeln für den Exodus, eingekocht in Paradeisersauce zum Beispiel, anstelle von Rosmarin.
Jetzt
1 In der Neuropsychologie sagt man, das, was das Gehirn als reine Gegenwart empfindet, umfasse ein Zeitfenster von drei Sekunden. Diese Information blendet mich so, als ob ich direkt ohne Sonnenbrille ins Licht schaue.
2
Mitten im Winter riecht es nach Akazien. Er riecht nach Körper. Die räumlichen Gelegenheiten, Sex zu haben, ergeben sich auch bei schlechtem Wetter manchmal von alleine. Kauf mir doch eine Sanduhr, sagt sie.
3
…………Freund David sagt: Das Jetzt ist nicht in der Zeit, die Zeit ist vielmehr im Jetzt. Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, ist sie im Jetzt, wenn die Zukunft kommt, wird sie nicht als Zukunft sondern auch als Jetzt erfahren……
……………
S. Eliot.: Alles ist immer jetzt………………
……………unversehrt………
……………………………
….Schwebezustand Konzentration………
4
Zunehmend gefällt mir das Realistische am Festhalten des Augenblicks immer weniger. Das ständige Gewahrsein der eigenen Präsenz. Diesem Bemühen, ganz da zu sein, fehlt jegliche Poesie.
5
Wie gesagt, in Venedig habe ich mir eine neue Brillenfassung gekauft. Spontan, ohne Vorbereitung. Der Sinn stand mir nach einer kräftigen Brille, die aufträgt und mich dahingehend adelt, eine dieser typischen Nonnas zu sein (expressive Aufsteckfrisur, große Ohrringe und sonst noch allerhand Geklimper um Hals und Arme). Wieder daheim angekommen, bringe ich das erworbene Schmuckstück zum Optiker meines Vertrauens. Natürlich wird er ein Glas nach meinen Sehbedürfnissen einpassen. Aber vorher müsse man diese Fassung an meinen Nasenrücken anpassen und überlegen, ob Glas oder Kunststoff mit Tönung die bessere Wahl sei; oder lieber ohne, also, so einfach sei das wiederum nicht. Wir vereinbaren einen Termin. Bei diesem würde ich auf Herz und Nieren geprüft. Denn schließlich stehe mein zukünftiges Sehvermögen auf dem Spiel. Diese eingehende Untersuchung dauert eine Stunde und 50 Minuten. Mit diesen Messungen könne er weiterarbeiten. Für einen erneuten Termin zu einer neuerlichen Anpassung kontaktiert er mich telefonisch. Diese Prüfung und anschließende Aufklärung dauern nur mehr 50 Minuten. Jetzt werden die Gläser bestellt. Kunststoff. Die können dann alles, was mein Auge nicht mehr kann: Ferne, Nähe, ausgelotete Blau- und Grüntöne, Kratzfestigkeit, … Beim nächsten Termin möchte ich sie abholen, die Brille. Doch ich liege ziemlich falsch! Etwas sei beim Einpassen des Glases kaputt gegangen und nun müsse man, … Um das Ganze abzukürzen: insgesamt hatte ich bis jetzt fünf Dates mit meinem Optiker, zwischendurch einige Telefonate. Bei einem sagt mir ein Mitarbeiter, dass mittlerweile das unvollendete Kunstwerk firmenintern zur Brille des Jahres gekürt wurde – denn normalerweise dauert ein Brillenkauf plus Anpassung höchstens 14 Tage. Wann darf ich bloß diese Wunderbrille mein Eigen nennen, um durch sie in eine neue Welt zu blicken?
Gehen
1
Heute, beim ziellosen Draufloswandern, komme ich drauf, dass ich Rundwege gar nicht gern mag. Am liebsten gehe ich in eine Richtung ohne umzudrehen, weg vom Ausgangspunkt.
2
Kommt es zu einem längeren Aufenthalt in der Welt des Profanen, dann geht’s bergab.
3
Die Philosophin pflanzt Granatapfel- und Feigenbäume. Sie schaut, woher der Wind weht. Sie steht mit beiden Beinen in der Welt. Sie wendet sich vermehrt den Göttinnen zu. Von all dem erwartet sie sich Klarheit. Und in der Mittagspause nimmt sie ihre Scheibtruhe und geht einkaufen.
4
Die Fischer am Teich campen im Schlamm. Teilweise im strömenden Regen. Auch ich bin wetterfest gekleidet, ich, die Spaziergängerin. Wenn ich auf diese Landschaft blicke, dränge ich die verbürokratisierte und versicherte Welt zurück in den Traum einer vergangenen Nacht.
5
Ich überlege mir, welchen Unterschied es für Kinder macht, in der Nähe von Wien aufzuwachsen oder – im Vergleich dazu – am Ende eines Hochgebirgstales. Einer ist, dass man vom Bergdorf mindestens einmal wegziehen muss. Da stehen die Chancen, jener Mensch zu werden, von dem man noch nichts geahnt hat, ziemlich gut. Andererseits ist das beständige Plätschern des Baches, der neben dem Kinderzimmerfenster vorbeirauscht, mit keinem anderen Geräusch der Welt aufzuwiegen.
6
Wir gehen ständig unter, damit verbringen wir unser Leben.











