Vergehen

1
Die Nacht ist sternenlos. Die Möll rauscht laut. Kaum ein Auto stört dieses harmonische Geräusch. Orion ist erst ab Mitternacht in voller Größe zu sehen. Die Intensität der Dunkelheit erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist eng hier im Tal – ich krieg’s nicht weiter, auch wenn ich meine Gedanken ausführlich damit betraue. Die Anzahl und Machart der Häuser, die hier stehen, verändern sich seit Jahrzehnten kaum. Die Menschen leben in einem Museum. Ich tröste mich mit dem Verweilen bei einer Melodie von Fuzzmann, im wiederholten Hinhören auf Worte wie Wiese und blühen. Laufen  und Wildheit und Weite.

2
Die Frau trägt die Leiter am Waldrand entlang den Anger hinauf. Sie sucht nach Bäumen, deren Äste sie absägen kann, um sie auf das Mistbeet als Abdeckung für die Wintermonate zu legen. Sie muss unverrichteter Dinge umkehren, weil alle Äste zu hoch wachsen und die Leiter dafür zu kurz ist.

3
Der Borkenkäfer gewinnt Oberhand, die Bäume werden gefällt. Und der künstliche Lawinenschutz greift nicht. Die Natur kommt zusehends bedrohliche nahe.

4
Ein Wolf reißt neuerdings junge Kälber. Der Almwirtschaftsverband dreht einen Werbespot gegen das wilde Tier. Die Musikgruppe soll dafür die Nummer „das verlassene Tal“ zur Verfügung stellen.

5
Die Hautfarbe des neuen Bergdorfpriesters ist identisch mit jener des Scheinmarmors des Hochaltares. Wenn er genau davor steht, kann ich ihn nicht vom Hintergrund, vor dem er steht, unterscheiden. Nach der Messe, die nur spärlich besucht ist, trinken wir Schnaps beim Kirchenwirt. Hier sitzen noch weniger Gäste als in der Kirche.

6
Der alte Mann stirbt vor seiner Frau. Auch sie ist schon alt. Trotzdem kauft sie sich jetzt mit 80 ihr erstes eigenes Auto. Hier hilft ein Klimaticket nicht aus der Abhängigkeit!

7
Wir gehen beim Haus eines ehemaligen Schulkollegen vorbei. Er hat sich vor einem halben Jahr auf seiner Terrasse erhängt. Kaum jemand spricht mehr davon. Aus Herzensmenschen wurden Herkunftsmenschen und in weiterer Folge Vergessene.

8
Im gemeinsamen Erinnern kommt die Sprache auf heimlich gelesene Schundromane und Winkeltänze (In früheren Zeiten traf man sich zum Tanz in den Bauernstuben).  Sollte es auch hier so sein, dass die größten Offenbarungen des Lebens im Sex,  in der Literatur und bei der Beobachtung von Vögeln zu finden ist, dass somit auch diese Welt voller Möglichkeiten ist?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.