Selbsterkundung

1
Ich bin dem Alter entwachsen, in dem in gruppendynamisch zentrierten Weiterbildungen das Maß der Dinge zerredet wird. Ich lege mich als Patientin ins Bett und erfahre mehr über meine Aufgaben als Seelsorgerin, als in diesen gekünstelten Selbsterfahrungsgruppen. Hinzu kommt das Erleben der eigenen Bedeutungslosigkeit auf dem Gipfel eines Berges. Da ist es zuträglicher als in den Gängen des Krankenhauses. Ich wünsche mir, ich wäre Tauchlehrerin.

2
Die Todo-Liste wird immer länger. Ich atme. Langsam.

3
Ich möchte zu viel des Guten, auch ein bisschen des Schlechten. Es steht grübelnde Selbstbefragung versus private Rede – als wäre ich in einem ständigen Bewerbungsgespräch. Ich bin es leid, mich ständig verkaufen zu müssen. Es ist doch alles da, mehr da, als jemand anderer je fassen kann! Auf jeden Fall vollkommen, ausreichend für diesen Platz, den ich in dieser Welt einnehme.
Durch die vielen Beschränkungen im Vorjahr hab ich mehr Selbstbestimmung erfahren als ich vorher hatte. Meine Erfahrung ist nicht falsch gefühlt, vielleicht falsch interpretiert? Ich möchte einen Lockdown ohne Pandemie!

4
Ich zähle mir auf, was mir im Laufe eines Tages begegnet.

* die große Sehnsucht  nach der Konzentration auf das Wattmeer beim Lesen des Buches der Vogelkundlerin von Trischen

* das Staunen darüber, wie schnell ich darin bin, ein Essen zu kochen

* die vielen Details in mir und rund um mich herum, die einzigartig sind. Alle sind es, ich dränge danach, die Einzigartigsten der Einzigartigen zu erkennen

* die Museumspädagogin, die mein Bruder und ich ganz allein für uns haben; in den ersten Minuten schaut sie während ihrer Ausführungen nur mich an. Mein Bruder wird schon unruhig und zappelt ein bisschen neben mir. Ab nun zwingt sie sich, uns beide gleichermaßen im Visier zu behalten. Das amüsiert mich.

* die Erzählung meiner Mutter am Telefon. Sie liest das Buch über Bäume, das ich ihr geschenkt habe. Sie hat die Nerven für Kurzgeschichten. Und für die Betrachtung des Waldes, der rund um ihr Haus steht und durch einen heftigen Orkan zerstört wurde.

* die Freude eines Freundes darüber, einen Gedanken bis zum (vorläufigen) Ende denken zu können

* die Bank im Garten, auf der ich gerne sitze, weil da den Blick über die Dächer schweifen lasse und das Friedvolle des Augenblicks einsauge, wie ein Schwamm

* mir geht durch den Kopf, dass ich mehr singen und weniger zu Ärzten gehen sollte

* die besondere Energie, die über die Haut verschwendet und weitergegeben wird

* dein Atmen, wie er dabei ist, das Kopfweh weg zu atmen

* das Licht des Mondes

* die Nacht, in der ich halb wach und halb munter dahindämmere, Bewegung und Kraft die da ist, mich nicht schlummern lässt, obwohl ich schon so müde bin, die Wärme der Menschen, die um mich sind, das Bett, die Höhle, die sie mir bereiten

* ein Tag birgt das ganze Leben

5
Zeig mir, was Du kannst!

6
Es ist seit je eine Herausforderung: mich von äußeren Umständen möglichst unabhängig zu machen.

7
Ich bekomme eine Sanduhr geschenkt. Der Sand rieselt. Mich bedrückt die Stille, die eintritt, wenn der Sand durchgerieselt ist, der kurze Moment, bevor ich sie wieder umdrehe.

9
Phantasievoller zu denken, als in den ausgetretenen Pfaden meiner Wirklichkeit – dahingehend gibt es keine Grenzen.

 

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