Autormartha

Stille


1
Man darf nie ganz erwachsen werden, denn wenn es eng wird, ist Unbefangenheit eine stille Reserve, auf die man dann zurück greifen muss.

2
Der Winter verströmt am Meer keine Stille wie am See, wo sogar die Vögel lautlos auf den Stromleitungen sitzen und stumm hinausblicken übers verschneite Land. Ein kleines Rauschen vernimmt man zwar auch dort, doch das Wasser am See hüllt sich in Schweigen. Hier am Strand wogt das Meer selbst in seiner Ruhe hin und her.

3
Mit ihrer Aufmerksamkeit scheint alles in Ordnung. Doch sie bleibt stumm. Die Frage, warum sie schweigt ist keine dumme Frage, sie ist nicht beantwortbar.

4
Wir wohnen zusammen und arbeiten in aller Stille.

5
Im Angesicht des Sternenhimmels ist das Fliegen auf einen anderen Kontinent gar keine Bewegung.

6
Es ist ein schöner Jänner. Immer wieder fällt Schnee im Weinviertel und mir stellen sich Wintergefühle ein. Behaglichkeit. Reinheit. Einsamkeit.

7
Der Buchfink beginnt kurz vor Sonnenaufgang mit seinem Gesang.

Tun

1
Wie bezeichne ich den Raum, der sich zwischen mir und meinem Tun befindet? Ich kenne das Bedürfnis nach diesem Raum, der mich zum Beispiel vor grenzenloser Müdigkeit schützt. Nenne ich diesen Raum Fest oder nenne ich ihn Lassen oder nenne ich ihn Vor-dem-Tun oder nenne ich ihn Gesang oder nenne ich ihn Zugfahren?

2
Solange es etwas zu erledigen gibt, ist alles leichter zu ertragen. Das Leben. Deshalb ist jeder Tag besser als die Nächte, in denen ich daliege und lausche. Und jeder Morgen eine kurze Rettung ins Tun.

3
Die Frau erzieht fünf Kinder und gibt dafür freiwillig die Berufstätigkeit auf.

4
Es ist heftig. Tun bis zum Umfallen und dann umfallen. 
Das Heraustreten aus jeglicher Gemütlichkeit.

5
Dampf ablassen

6
Sie kauft sich eine Schreckpistole, bedroht einen Busfahrer damit, wird dafür dreienhalbJahre eingesperrt. Endlich hat sie Ruhe.

7
Muss Arbeit immer anstrengend sein? Weshalb kann mir denn verdammt noch mal ein Gedicht nie ganz leicht von der Hand gehen?

8
Heute ist mein schwacher Tag.

9
Kleine Fabel von Franz Kafka:
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

10
Es ist Ende Jänner. Es hat drei cm geschneit. Alle sind glücklich und ziehen sich Schihosen, sportliche Daunenjacken, stylische Hauben und Handschuhe an, schnallen sich den Überlebensrucksack auf den Rücken und gehen zum Bäcker, um zwei Frühstücksemmeln zu kaufen.

Kochen


1
Meine Bekannte hat sich einen Kochroboter gekauft. Sie, die Kochen stets auch als Mittel gegen allzu depressiv-traurige Gedanken einsetzt, setzt jetzt auf Unterstützung durch intelligente Technik. Intelligent war meine Bekannte vorher schon. Wie wird jetzt von ihr zubereitetes Essen schmecken?

2
Heute werde ich daran erinnert, dass man Polsterzipf backen könnte. Und Äpfelknödel mit Zimt und Butter. Meine Küche ist im Alltag viel zu aufwändig.

3
Ich lese ein Stück Papier von der Straße auf. Es ist eine Einkaufsliste. Drauf steht: Leberpastete, Zitronen, Fischfilets, Rosinen, Striezel, Katzendosen. Ich komme nicht umhin, darüber nachzudenken, welcher Haushalt dahinter stecken mag.

4
Der Portier im Krankenhaus schenkt mir ein Stück Kardinalschnitte und kocht mir einen Espresso.

Brot


1
Ich bringe meine Seele dazu, nichts Irdisches zu vergöttern und mich frei zu machen vom weltlichen Ballast. Gleichzeitig esse ich mein Brot und trinke meinen Wein und wärme mich bei einem Mann, den ich liebe. Welche Farbe hat sie, meine Seele und wie schwer ist sie?

2
Der Künstler bäckt sein Brot im selbstgemauerten Ofen im Garten. Er hat Jahre dafür gebraucht, den perfekten Sauerteig herzustellen. Das Mehl, der Ofen, das Holz, die Zeit. Alles muss in richtiger Ballance zueinander finden. Dann erhält er Brot mit der richtigen Konsistenz, Kruste und Feuchtigkeit im Inneren. Alle drei Wochen heizt er den Ofen an.

3
Ich gehe am Morgen beim Fenster der Krankenhausküche vorbei. Mindestens 8 Personen stehen am Fließband, angezogen mit Schürze, Maske, Handschuhen. Mit dieser Verkleidung ist nahezu niemand erkennbar, alle sehen gleich aus. Sie verteilen die verschiedenen Details des Frühstücks, das die Patient*innen in Kürze bekommen werden, auf Tabletts: Brot, Marmelade, Butter, Kaffee. Ich stelle mir vor, was von dieser Situation noch spürbar ist, wenn das Frühstück bei der Zielperson landet?

4
Gestern Abend habe ich vor lauter Schusseligkeit Jesus und meine Büroschlüssel im Kanal versenkt.

Kindheit


1
Im Kaffeehaus schreit ein junger Vater seine Frau und seine zwei Kindern an: „In welche Scheiße habt Ihr mich denn geritten?!“ Der Zweijährige weint, weil er von der Bank gefallen ist. „Der Bursche geht mir so am Arsch wenn er dauernd rauf und runter will!“. Die Frau stillt das Baby und versucht zu schlichten: „Du musst den Kleinen in den Arm nehmen, er braucht Körperkontakt!“. Der Vater poltert weiter. Zwischendurch hängt er am Handy und managt lautstark seinen erfolgreichen Startup Betrieb. Am Telefon ist er wie ausgewechselt. Freundlich, eloquent, humorvoll. Ich gehe leider nicht zur Frau hin um ihr zu empfehlen, sich lieber heute als morgen von diesem Menschen zu trennen. In diesem Fall ist scheint mir ein Alleinerzieherinnendasein auf jeden Fall einfacher!

2
Wir trinken Grünen Veltliner im Rüdigerhof. Sehr wienerisch. Der Wein schmeckt nach Österreich. Die Spaghetti schmecken so, wie bei meiner Mutter daheim. Die Nudeln sind ganz durch.

3
Ich halte mich angeblich zu 99 Prozent unter Kontrolle. Diese Zuschreibung erschreckt mich.

4
Die berühmte Schriftstellerin sagt, alles worüber sie schreibt, sei in ihrer Kindheit grundgelegt.

5
Im Gespräch mit meiner Schwester kommt Mutter vor. Natürlich. Wenn es darum geht, dass wir Geschwister es gelernt haben, stark zu sein und viel zu leisten. Dass fünf von uns sechs Frauen sind, ist ein Detail am Rande. Wenn jetzt mit zunehmendem Alter die Kräfte schwinden, müssen wir sie besser einteilen. Wir werden uns ein Spiel daraus machen, nein zu sagen.

6
Ein ehemaliger Arbeitskollege ruft mich rund um die Feiertage an. Er hat eine verschrobene Sprache und mittlerweile einen vergangenheitsverliebten Blick auf eine untergehende Welt voller Wärme und Zauber. Ich lasse mich ein. Ich denke an die Stube bei meinen Großeltern zur Weihnachtszeit. Ich liege im Bett über dem Kachelofen. Rund um mich eine dunkelbraune Wandtäfelung. Die königrufende Kartenrunde am Tisch, im Eck dahinter die Krippe, umrahmt mit Fichtenzweigen, selbstgebastelten Papierblumen und Lametta. Ich schlafe ein und werde geweckt von der Stille nach dem Kartenspiel. Die Anwesenden nippen andächtig an den Schnapsgläsern.

Nein


1
In einem eindrucksvollen Stimmton erklärt mir ein Patient: „Das Gute am Alter ist, ich kann besser erkennen, wenn mich Menschen für sich vereinnahmen, aussaugen. Da gibt es nur ein klares Nein! Jetzt, im Älterwerden kommt mir das leicht über die Lippen.“

2
Als Vertreterin für irgendeine Firma zu arbeiten, das stelle ich mir unangenehm vor. Ich habe heute Mitleid mit jenem, der mir im Kaffeehaus im Krankenhaus gegenübersitzt und wartet, bis der Herr Primar Zeit für ihn findet.

3
Diskussionen über die Schule machen mich mittlerweile aggressiv. Ich werde in Zukunft keine Aussage mehr darüber machen, weil ich überhaupt nichts davon verstehe. Der Abstand zu meiner eigenen Schulzeit und zur Schulzeit meiner Kinder ist schon zu groß.

4
Das befreundete Paar bringt zwei tote Fasane und einen toten Hasen vorbei. Eine Woche später trennen sie sich. Und streiten darüber, wer die Hunde kriegt.

5
Sind wir bei jedem Hundsaustreiben dabei?

6
Ich werde mich viel weniger in den Weltenlauf einmischen und auf mich konzentrieren, auf meine Gedanken, auf die Essenz, die in mir steck, mich freischälen, mich fokussieren auf Mitgefühl und Erkenntnis …weil ich so vieles noch nicht geliebt habe…(Thomas Somlo)

7
Wenn es die richtigen sind, diene ich ihnen gerne.

Bank

1
In Simbabwe gibt es das Konzept der friendship – bench, einer Parkbank, auf der psychologisch geschulte Bürger sitzen und sich mit Menschen unterhalten, die gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken.

2
…zwei Wochen lang durchgehend auf einer Bank vor dem Haus sitzen. Nur aufstehen, um sich im Bett schlafen zu legen…

3
Für alles, was ich erlebe, brauche ich mittlerweile sehr viel Zeit, es zu verarbeiten. 

4
Der Mensch ist dabei, sich selber möglichst schnell an die Wand zu fahren. Wir sind nicht so weit, selbst zu entscheiden, was uns guttut.

5
In der Zeitung lese ich: Die Kinder und Jugendlichen sind Verlierer der Krisen. Niemand kümmert sich. Die Alten sind am Rande der Gesellschaft. Sie werden missachtet. Alle anderen sind erschöpft.

Wir alle sitzen in einem Boot und schauen in die Sterne.
Weite und Unbedeutsamkeit schenken pure Freiheit.

Echo


1
Die Fotos zeigen mich mit 10 und 54 Jahren, Klammern meiner Geschichte.

2
Er meint, er sei ein Süchtiger, ein Besessener im Schreiben. Er habe es auch mit Alkohol probiert. Das sei eher etwas für Lyriker oder Maler, die das Echo des Unterbewussten zeigen wollen; ihm selber gehe es nicht um das Unbewusste, es gehe ihm um Erinnerungen.

3
Die alte Schmiede ergäbe einen schönen Ausstellungsraum. Sie verfällt in langsamem Tempo vor sich hin, zeugt in vielen schönen Details von einer vergangenen Zeit.

4
Ich komme spät am Abend heim und schleiche mich über den Hintereingang ins Haus. Die Weinbauvereinssitzung tagt (nachtet?) in unserer Küche und ist noch in vollem Gange. Ich bin schon zu müde um mitzureden, ziehe mich also in mein Zimmer zurück. Die Lage der Bauern und überhaupt die Lage aller Außenseiter werden besprochen. Ich kann die Männer reden hören. Einer ist sehr laut und emotional, ein anderer verwendet Vokabel, die ich von den anderen nicht höre, zwei kommen kaum zu Wort, sie können zuhören oder sind schon am Tisch eingenickt. Leo hat Namenstag. Ob ihnen die Jause, die ich vorher zubereitet habe, schmeckt? Die Situation hat etwas Liebenswürdiges an sich. Ich stelle mir die Hände und Gesten der Protagonisten vor. Welche Männer sitzen da am Tisch?

5
Meine Mutter sitzt allein in der Kirche und möchte still sein. Nach einer Weile setzt sich ihre Nachbarin zu ihr und schlägt vor, den Rosenkranz beten. Mutter stimmt dem Wechselgebet halbherzig zu. Dann fallen ihr die einfachsten Gebete nicht mehr ein und sie dichtet einfach etwas.

6
Wir fahren im Auto in‘s Tal meiner Kindheit. Wenn ich den Berg sehe, der hinter meinem Elternhaus hinaufragt, empfinde ich einen Schmerz, der mit nichts zu vergleichen ist. Hauptsächlich Wehmut und die Erfahrung der nicht gelebten Möglichkeiten. Ungestilltes Verlangen. Ähnliches sehe ich in den Augen eines Freundes von früher oder wenn ich auf der Empore sitze und in den Kirchenraum hinunterschaue. War mein Ursprung derart vielversprechend, dass tiefgreifende Enttäuschung übrigbleibt? Nein, Heftigkeit bleibt übrig. Später in meinem Leben ist nichts mehr so Einschneidendes passiert.

7
„Zum Fuattan miass ma wieda daham sein“, schreit meine Tante von der einen Talseite zur anderen.

8
Die Welt ist erklärbar.

9
Mit wie wenig Falten im Gesicht man als Kind auskommt!