Autormartha

Gebärmutter

1
Die Frau hat ein Kind mit einem Trinker. Mittlerweile ist dieses Kind eine Jugendliche. Sie wollte es nicht und hat deshalb ein schlechtes Gewissen, weil sie meint, die seelischen Probleme der Tochter lägen in dieser vorgeburtlichen Ablehnung begründet. Wer ihr das wohl einredet? Mit 30 hat die Frau zu Gott gefunden. Vorher dürfte sie ein normales Leben gelebt haben. Sie sieht wunderschön aus – eine natürliche Schönheit mit einem üppig-warmen Körperbau.

2
Der Mann ist im Krieg. Der Sohn steht knapp davor, im Krieg mitzukämpfen. Die Frau lebt mit den zwei volksschulpflichtigen Kindern seit einigen Monaten als Flüchtlingsfamilie im Weinviertel. Das allein klingt schon wie einem dystopischen Film entliehen. Jetzt verlässt sie auch ihre Gesundheit. Sie liegt im Krankenzimmer, in das die Krankenschwestern gar nicht hineinwollen, weil sie es nicht aushalten, dass so junge Frauen dieses schicksalsschwere Leben ertragen müssen. Leben müssen. Mit Sinn erfüllen müssen. – Nein, damit müssen sie es nicht erfüllen.

3
Meine Reise durch das Krankenhaus führt mich in die Gebärmutter einer Rumänin. Darm, Gebärmutter, Eierstöcke sind miteinander verwachsen, bilden eine hochexplosive Insel mitten in ihrem Körper. Sie ist vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Mann und halbwüchsigem Sohn in das halbfertige Haus eines Scheidungspaares gezogen. Das kann man sich leisten. Seit der Diagnose steht ihr Leben Kopf. Über allem stehen Schock und Ende.
Ich suche Luft zwischen den Gesprächen mit ihr, finde Windhauch …

4
Der Mensch braucht sehr viel Kraft, um das Leben zu überstehen.

5
Meine Mutter: „Mach es mit Freude, auch das, was Du machen musst.“
Ihre Mutter: „S‘ is wia’s is.“

6
Meine Mutter weiß, dass es ein spezielles Training für Frauen gibt, um ihre Sprechstimmen tiefer zu legen. Angeblich ist es so, dass man Männern aufgrund ihrer tieferen Stimmlage lieber zuhört. Ich weiß nicht …

7
Wer kann nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was sein könnte?

8
… vor mich hin werkeln …

Verborgenes


1
Die Liebe ist nicht ohne Leiden zu haben.

2
Hoffentlich seid Ihr jetzt über den Berg und die vielgerühmte doppelte Kraft nach einer überstandenen Krankheit hält Einzug bei Euch! Ich trinke Hirtentäscheltee. Aber sonst geht’s mir sehr gut!

3
Mit der Zeit, also im Laufe der vergangenen 57 Jahre, gelingt es, mir einen Sinnierraum einzurichten. Einen Raum, den ich überall hin mitnehmen kann. Die Fähigkeit des Schauens von etwas, das bislang den Augen verborgen geblieben war, ist somit ein Vorzug des Älterwerdens.

4
Ich sehe eine Wildschweinfamilie quer über die Straße laufen. Ich sehe einen Silberreiher in der sumpfigen Brache stehen. Ich sehe Fledermäuse bei Nacht und Mauersegler bei Tag. Was haben wir einander zu sagen, was bedeuten wir einander?

5
An manchen Tagen muss ich verstummen, weil kaum Blut bleibt, um durch Herz und Hirn zu fließen.

6
Wenn man auf einen hohen Berg steigt, hat man schon einen Teil der Erdatmosphäre unter sich.

7
Je mehr ich nachdenke, desto mehr geht mir durch den Kopf. Heute trinke ich schon am Vormittag ein Glas Frizzante. Das benebelt mich ein bisschen.

8
Am Nachbarbalkon sitzt eine Krähe immer an derselben Stelle in derselben Haltung. Ich brauche zwei Tage, um zu bemerken, dass es eine Attrappe ist. Bei einem genaueren Rundblick auf das Häuser-Dächermeer aus der Dachgeschosswohnung entdecke ich noch eine zweite Plastikkrähe dieser Art. Sollen sie bewirken, dass sich weniger Tauben niederlassen? Sie lassen sich nicht abschrecken.

9
Er empfiehlt mir, zwischen den Zeilen zu leben, jetzt, hier in der Stadt, nicht „zu mir zu kommen“ (ist schon ziemlich abgelutscht, dieser Ausdruck!), sondern zwischen die Zeilen. Das ist ein ungewöhnlicher Wunsch, den ich mir auf die Stirn schreibe. Im Normalfall wiederhole ich mich zu oft. Neue Saiten aufziehen sei mir Programm!

10
Die Straßenbahngleise vom 71er beim Zentralfriedhof werden saniert. Tolles Werkzeug liegt neben den herausgerissenen Schienen. Und massive Holzpflöcke. Die Arbeiter sehen in dieser aufgeräumten Stadt aus, wie einer anderen Welt entstiegen. Zwischen den Schienen liegen lauter Betonplatten. Zum Teil sind sie herausgehoben. Darunter liegt blanke Erde. Die Abflussrohre werden neu verlegt. Hoffentlich wissen die Tiefbauer, was sie tun. Alles sieht trotz der massiven Baustoffe sehr verletzlich aus, leicht zerstörbar. Die Natur scheint mir bei diesem Anblick ungleich stärker gegenüber dem, was Menschen machen können.

11
Zuneigung zu Steinen empfinden…

Krank sein, gesund sein, meistens irgendetwas dazwischen sein …

Der Frau zuhören, die in der Nacht bei offenem Fenster lauthals in einer mir unbekannten Sprache mit irgendjemandem stundenlang telefoniert …

Daran glauben, dass es auf dieser Welt keinen uninteressanten Menschen gibt …

12
Viele Bücher liegen neben meinem Bett. In einigen lese ich. Hab diesbezüglich eine gute Phase. Was meinen wir, wenn wir das Wort »Liebe« in den Mund nehmen, worum geht es, wenn von »lieben« die Rede ist? Die zu lesenden Texte und die Figuren, die in ihnen zu Wort kommen, lassen verschiedene Interpretationen dieses Wortes zu. Was verdient es, »Liebe« genannt zu werden?

Wertschätzung

 


1
Wertschätzung, muss man sich selber entgegenbringen und manchmal von anderen bekommen. Sie muss körperlich erfahrbar sein. Ich stelle mit Erstaunen fest, dass es auch mit mir so ist.

2
Wo ist die Grenze zwischen Jammern auf hohem Niveau und echter Not?

3
Um einen so aggressiven Moralismus zu vertreten, wie er heute üblich ist, muss ich meiner eigenen Vortrefflichkeit schon sehr sicher sein.

4
Wenn ich jeden Menschen, den ich treffe, so ernst nehme, wie er es verdient, kann ich nicht so weitermachen mit meinen Menschenbegegnungen. Ich kann nur einer Person pro Tag begegnen. Mehr geht nicht. Was sollen sie sonst denn denken von mir oberflächlichen Frau?

7
… ein Gruß, ein Dank, ein richtiges Wort zu gegebener Zeit …

… Ansehen verliehen bekommen, beim Namen genannt werden, ermächtigt werden, Verantwortung tragen dürfen, einer sinnvollen Aufgabe nachgehen können, wichtige Arbeit leisten, gerecht entlohnt werden, …

8
Werden wir schwermütig, wenn wir zu wenig Aufmerksamkeit bekommen?

5
Die Tankstelle in Schrick findet immer Personal, das freundlich ist. Der Tankstelle in Hochleithen passiert das Gegenteil.

6
Die Dinge beim Namen nennen. Mariendistel. Baldrian. Alant. Herzgespann. Malve. Storchenschnabel. Minze. Bergbohnenkraut. Ysop. Meertraubenstrauch. Ich bestelle französischen und russischen Estragon zum Auspflanzen. Zum Kochen verwende ich ihn kaum. Mutterkraut. Thymian. Rosmarin. Lorbeer. Den lasse ich heuer im Garten überwintern – es ist einen Versuch wert. Ringelblumen. Holler …

9
Heute begegnet mir ein müder Mann. Er ist es satt, als erwerbsmäßiger Ernährer funktionieren zu müssen, Vollzeit zu arbeiten, dafür nicht wertgeschätzt zu werden. Er beschreibt mir sein Sehnsuchtsbild vom sinnvollen Leben: Holz schneiden und Erdäpfel setzen.

10
Ich kann das Buch von Daniela Dröscher nicht lesen: „Lügen über meine Mutter“. Weil wir noch mitten drinnen stecken in der vom Patriarchat zerfurchten Welt.

11
Die Literatin Tanja Maljartschuk um 6.55 auf Ö1: … dann werden auch Frauen zu Diktatoren, auch sie werden einmal die Welt zerstören dürfen.

 

Weben


foto: Christa Plößnig

1
Milena aus Prag kündigt ihren Besuch an. Sie kommt aus einem anderen Jahrhundert zu mir und sie wird nicht viel Zeit mitbringen. Wir werden sie zu nutzen wissen. Sie ist ein lebendiges Feuer. Sie sagt, zwei Stunden Leben sind mehr als zwei Seiten Schrift. Sie wird sehr früh mit dem Zug anreisen, so plane ich, sie am Hauptbahnhof in Wien abzuholen und bei einer Tasse Kaffee im Café am Heumarkt eine erste Plauderstunde einzulegen. Vielleicht mag sie einen Apfelstrudel. Oder doch lieber Reisfleisch mit grünem Salat?

2
Ich werde Milena bitten, mit mir ein bisschen durch die Stadt zu streunen, an jene Plätze, die ihr von früher in Erinnerung geblieben sind, die Bedeutung für sie haben. Sie war schon viele Jahre nicht mehr hier zu Gast, was sie wohl heute von dieser Stadt hält?
Ich nehme mir vor, sie nicht mit allzu vielen Fragen zu bedrängen, weil ich weiß, dass sie ungefragt erzählen wird, weil sie wachsam ist und in meinen Augen lesen kann…Sie wird mir erzählen von den Frauen in ihrem Leben, ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter, von ihren Arbeitskolleginnen im Verlag und ihren Mitstreiterinnen im Lager. Sie wird mir davon erzählen, wie sie es immer wieder verstanden hat und versteht, ihre Angst zu überwinden, um unerschrocken für Gerechtigkeit oder das Stillen einer Sehnsucht zu kämpfen. Sie wird mir sehr ausführlich von ihrer Tochter erzählen, von deren Entwicklung und den kleinen, feinen Geschichten, die sie beide einander zuflüstern, wenn sie sich nicht sehen können … was wünscht sie sich für diesen jungen Menschen?
Und spätestens nach dem zweiten Achterl Wein im Café Carmen wird sie mir davon erzählen, was es für sie bedeutet, ein Leben zu führen, in dem nichts fehlt, das durchtränkt ist von Einsamkeit, Glück und Liebe, ein Leben, das der Erde sehr nahe ist. Und ich, redselig geworden durch den Alkohol, werde nun doch von ihr wissen wollen, ob es eine Form der Beziehung gibt, die größer ist als die Liebe.

3
Ob wir es danach noch schaffen, pünktlich zum Abendessen mit Janosch, Fuzzman und meinem Mann im JüdischeMuseum zu erscheinen?

4
In der „Goldenen Spinne“ habe ich ein Zimmer für sie reserviert. Es bleiben ihr nur ein paar Stunden Schlaf, da ist dieses Hotel die richtige Wahl. Ich habe das Zimmer mit der goldenen Wand genommen. An ihr hängt ein Spiegel mit goldenem Rahmen und eine Frauenporträt. Das große Fenster lässt viel Licht herein. Sie kann den Blick auf Stadtpark und  Stephansdom richten. Sie wird ein Bad in der großen Wanne nehmen, das wird ihr guttun nach dem langen Tag.

5
Wohin wird ihre Reise sie nach dem Wienaufenthalt weiterführen? Sie hält sich diesbezüglich bedeckt.

6
Ich fahre heuer im Sommer an die Ostsee. Ich plane die Route so, dass ich am Schwedtsee eine kurze Rast einlegen kann.

Mail

1
Heute lese ich folgenden Satz in einer Mail: „Lieben geht nur in der Langsamkeit, Liebe braucht Zeit.“
Inhalt und Versandart stimmen nicht überein.

2
Ich bring eine weiße Flamingoblume zu unserem Treffen in einem einfachen Bistro in der Stadt. Wir kennen einander von frühester Kindheit an und haben uns Jahrzehntelang lang nicht gesehen.  Er kommt tadellos gekleidet zu unserer Verabredung: Anzug, Gilet, weißes Hemd. Seine Gesichtsfarbe ist sehr hell. So kenne ich ihn. Er nimmt sich kaum Zeit, an die frische Luft zu gehen. Er sitzt wohl nach wie vor lieber bei seinen Büchern.

Er erzählt von seiner Schulzeit. Er erzählt davon, viel zu spät erfasst zu haben, dass er gar nicht so viel tun muss, um durchzukommen. Er, der Introvertierte,  hatte keine Freunde in der Klasse. Er erzählt vom letzten Jahr vor der Matura, das er lieber zuhause verbrachte als in der Schule, dorthin nur zu den Prüfungen ging, weil das trostlose Absitzen in freudloser Umgebung keinen Sinn machte.

Vor Jahren hat er eine 1000seitige Glockenkunde von Österreich veröffentlicht. Er kann jede Kirchen- und Kapellenglocke Österreichs an ihrem Klang identifizieren.

Er macht jetzt eine weitere Ausbildung. Für die Erstellung eines Herbariums wird er eine alte Holzschatulle seines Vaters verwenden, eine Laubsägearbeit, die dieser vor 70 Jahren im Gymnasium in Tanzenberg anfertigte und die er, der Sohn, am Dachboden des Geburtshauses seines Vaters entdeckte. Bei der Bewertung der 120 gesammelten Pflanzen, wird auch die Aufmachung und Verzierung des Kästchens herangezogen und  sollte maßgeblich zum einem guten Prüfungsergebnis beitragen. (Schon wieder Schule?)

Jeden Abend telefoniert er mit seiner Mutter. Er mag keine E-Mails schreiben, das kostet ihn so viel Zeit, weil er den Ehrgeiz hat, keine Fehler zu machen, es formal auch gut hinzukriegen und eben einen guten „Aufsatz“ abzuliefern.

Mitten im Gespräch sagt er zu mir: “Ich freu mich sehr, ich kann es nur nicht zeigen, morgen werde ich es erst realisieren, und es mein Leben lang nicht vergessen.“ Es tut mir leid, kein Foto von uns beiden gemacht zu haben.

3
Immer wenn wir den Weg ins Mölltal über den Neumarktersattel nehmen, fahren wir an dem Dörfchen Mail vorbei. Liebenfels, auch das ist ein schöner Ortsname!

Gast

1
Wien liegt mir zu Füßen.

2
Es dünkt mir ungewöhnlich, bis weit nach Mitternacht in einem fremden Haus bei bislang fremden Menschen Wein zu trinken.

3
Mit meinen ungezählten Giveaways aus Keramik niste ich mich in Häuser, Wohnungen und Gärten von Menschen ein, die ich mehr oder weniger oder gar nicht kenne.
4
Der Buchtitel Adas Raum macht mich neugierig.
5
Meine Räume sind Sehnsuchtsräume. Einsamkeitsräume. Es zieht mich dahin, wo keine Menschen sind. So gelingt es mir besser, mein anerzogenes, positives Menschenbild nicht über Bord werfen zu müssen.
6
Sie ist zu ihm gezogen. Jetzt haben beide zu wenig Raum und das Häuschen muss neu definiert werden. „Wir sind zu Gast in unserem Haus, ein Zimmer für dich, ein Zimmer für mich…“
7
Er wächst auf am Land, gemeinsam mit sechs Geschwistern und viel Gewalt. Es gelingt ihm, sich daraus zu befreien und sich von der Vergangenheit zu lösen. Er lernt Koch und beginnt, viele Dinge auszuprobieren. Er erkundet Südamerika barfuß mit dem Rad, lebt ein paar Wochen im Regenwald. Er heuert als Schiffskoch an, u. a. auf einem U-Boot. Mit der Besatzung kommt er in Gefangenschaft in Dschibuti, woraus er sich durch einen Hungerstreik befreit. Zu einem seiner schönsten Erlebnisse zählt er einen heftigen Seesturm, den er festgeklammert auf einem Schiffsmast ganz oben über sich ergehen lässt und überlebt. In seinen späten Jahren hilft er einer verwitweten Freundin ein altes Bauernhaus herzurichten, er heiratet sie der Ordnung halber und bleibt. Er ist ein Hüne von einem Mann, kräftig, groß und trägt Haare und Bart lang. Manche Einheimischen sagen Jesus zu ihm. Ein alter Mann bekreuzigt sich sogar einmal, als er ihm begegnet. Jetzt ist er schwer krank, will keine Medikamente nehmen, weil er bis jetzt alles in seinem Leben mit mentaler Kraft überstanden hat. Er hat große Schmerzen und meint: Wir sind nur Gast auf Erden.

Erschöpfung

1
Die große Müdigkeit hat mich gestern Abend erreicht. Und heute ziehen deren Ausläufer wie ein feiner, zäher Schleim über den ganzen Tag. In der Arbeit ist die Ablenkung Erholung. Die anderen halten mich aufrecht. Das Arbeitspensum. Die Menschen, die etwas brauchen oder wollen. Die schönsten Stunden sind jene am frühen Morgen. Ich sollte wieder einmal zu essen aufhören, dann kommt die Energie zurück.

2
Jedes Mal vor meinem Dienst stehe ich vorm Spind und höre mich zu ihm sagen: „Kasten, ich möchte dich nie wieder aufsperren!“ Ich stelle mir vor, wenn ich ihn das letzte Mal ausräume, darin einen kleinen Zettel für meine Nachfolgerin zu hinterlassen, auf den ich schreibe: „Ich wünsche Dir Freiheit!“

3
„Du bist erschöpft, eh klar!“ Das darf genau niemand zu mir sagen!

4
Sechs Wochen Kur? Sechs Wochen im Kreis mit 12 anderen Belasteten zusammensitzen und mir ihre Geschichten anhören??

5
Die Gegenwartserschöpfung ist keine Befindlichkeit, sondern ein politischer Zustand.

6
Können bitte einmal alle damit aufhören!

7
Man sollte eine Zeitlang durch den Wald gehen und zu schreien beginnen. Es sollte ein lautes, unermüdliches Schreien sein bis hin zur Erschöpfung am Ende sollte man vergessen haben, was einen so umtreibt. Man sollte nur noch den Körper spüren, sein Zittern, seine Ermattung.

8
„Ich habe für eine Beschwerde bei der Mobbingstelle keine Kraft mehr!“, sagt er

 „Hoffnung habe ich keine mehr, aber Kraft hab ich noch!“, sagt sie.

„Die Therapeutin habe ich aufgrund ihres Vornamens ausgewählt. Sie heißt so wie meine Enkeltochter“, sagt eine andere.

 „Ich war meist etwas müde und konnte somit alles gut genießen“, schreibt mir meine Schwester.

Was mir das Auffallendste ist: meine Gefühlsarmut. „Blende es aus. Blende einmal alles aus, was weh tut“, sage ich zu mir.

9
Motorsensen können ganz schön penetrant sein.

Die Zeit haben, etwas ausklingen zu lassen, … das Gespräch oder einen Arbeitstag oder das gehörte Lied…

„Los lei lafn“, sagt Fuzzmann

10
Beide sitzen wir fest in unseren Leben und können nicht zueinander.

11
So tun, als ob es regnet.
Ins Grün schauen.

 

 

 

Verrückt


1
Ich will mich wieder so einkriegen, dass ich schön bin für andere!

2
Er studiert auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie, um so die eigene Meise zu therapieren.

3
Das Ganze dauert eine gute halbe Stunde am helllichten Tag. Die Frau, die rabiat wird, ist noch relativ jung und sieht gar nicht verwahrlost aus. Sie spricht sehr laut, schreit allerdings nicht und ist trotzdem im ganzen Lokal zu hören. Ihre Behauptungen und Anschuldigungen werden immer wüster und unzusammenhängender. Die Besatzung ist nicht in der Lage, sie – zuerst mit gutem Zureden und später mit eindringlichem Verweis – dazu zu bewegen, die Bar zu verlassen. Im Raum macht sich Unruhe breit. Inzwischen wird Unterstützung gerufen, drei Polizisten kommen und versuchen nun, die Frau zu beruhigen. Sie schaffen es. Wie auch immer. Es ist wohl die Mischung aus Uniform und ausführlicher Aufmerksamkeit. Drei Polizisten sind für eine halbe Stunde ganz für sie da. Zu viert verlassen sie in aller Ruhe die Bar, hinaus auf den Yppenplatz.

4
Wir telefonieren oft miteinander. Es gibt  große Unterschiede in diesen Gesprächen. Manchmal ist sie die große Weise und ein anderes Mal blickt sie nicht über ihren Tellerrand, der mit Nachbarinnen und Vereinsleben und derlei Hickhack vollgeräumt ist. Es gefällt mir, dass sie mich heute Abend dazu ermuntert, doch noch ein Schnäpschen zu trinken und mich dabei auf den Tisch zu setzen, um mit den Füßen zu baumeln.

5
Er sitzt auf einer Anhöhe über dem Dorf, in dem er seit 55 Jahren lebt. Er sagt: „Ich komme mir hier so richtig fremd vor, als wäre ich ein Flüchtling.“

6
Es hat Minus Acht Grad Celsius. Heute begegnet mir bereits der zweite Mann, der mit kurzer Hose unterwegs ist. Auf dem Kopf trägt er eine dicke Mütze.

7
Es ist verrückt, nicht alles liegen zu lassen, um Dich zu besuchen.

Rand


1
Ich höre die Windräder laufen.

2
Ästhetische Erfahrungen sind nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit Literatur, Kunst und schönen Dingen, sondern Wahrnehmungen, die uns im Alltag anfassen und überwältigen. Das Flüchtige, Ungeduldige, das Erstaunen, Ergriffensein. Kraft.

„Kraft ist eine Erfahrung, die ich machen kann, ohne etwas zu können“
Christoph Menke

Fotos sind präzise und wahr. Manchmal sind allerdings Lügen besser. Deshalb sollte ich schreiben.

3
Auch die Lauten haben einen Platz und die Esoteriker und die Alles-Zerredner und die Grüblerinnen und jene, die in der Nase bohren.

4
Ich zweifle derart an meinen künstlerischen Fähigkeiten, dass es weh tut.

5
Ich werde älter.

6
Meiner Psyche bin ich oft schutzlos ausgeliefert. Um damit fertig zu werden gibt es die Liebe.

Teneriffa

1
Der Kellner im Flughafenrestaurant hat nur mehr drei Stunden lang Dienst.
Ich verlange die Rechnung für meinen Espresso und die Eierspeise. 100 Euro, sagt er schmunzelnd.

2
Unter mir die Wolken, Schnee auf den Bergen. In den Tälern liegt Nebel. Unter mir ist‘s also finster. Wenn hier Schnee liegt, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, sag ich mir. Glaub ich mir. Halte ich mir fest.
Ja, die Berge sind mir die liebsten. Später sehe ich die Flüsse als silberne Bänder, ich sehe die Häuser als winzige Punkte, die Dörfer wie Ameisenhaufen. Die Dolomiten. Südtirol. Ein Spiegel, der Gardasee, ein Engel in Silber. Die Sonne in den Fenstern der Häuser sind Sterne, die Blechdächer leuchten. Ich vergesse, welche Jahreszeit wir haben. Die Felder sind grün.
Der Po zeigt sich in seinen vielen Windungen und Wendungen. Im Osten färbt sich das Meer in Orange ein. Eine Sinnestäuschung nach der anderen, Meer oder Horizont, Unten oder Oben, wo beginnt der Himmel? Auch die Flüsse reflektieren die Sonne als grellgelben Ball oder als güldenes Band. Die offene Adria sieht aus wie die Oberfläche eines Ledersofas. Der Stuart serviert mir überm Golf von Genua Hühnerschnitzel in einer Semmel, Prosecco und Wasser im Plastikbecher

3
Jeden Augenblick will ich genießen, hier über den Wolken. Was für ein Luxus! Eingebettet zu sein in eine großartige Welt auf der hüben wie drüben Menschen auf mich warten, die mich lieben. Ich erfinde Dankbarkeit, verschreibe ich mich, schreibe von Wundern, lass Theben links liegen.

4
Am Ende der Reise werde ich mir vornehmen, bei meinem nächsten Besuch hier in der Nacht am Strand zu liegen und in die Sterne zu schauen, um ins Universum zu fallen.

5
Ich brauche acht Stunden Schlaf. Den Sonnenaufgang am Morgen zu bewundern, das könnte zur Routine werden.

6
Es gibt hier ganz kleine Tauben, Wildtauben, die in großen Bäumen leben. Und Dattelpalmen und Kokosnüsse auf Palmen. Natürlich müssen die Pflanzen hier bewässert werden. Es fällt so gut wie kein Regen. Es gibt riesige Pflanzzelte, in denen Palmen, Bananensträucher oder Paradeiserpflanzen gezogen werden.

7
Los Abrigos heißt das Dorf, in das wir fahren. Wir sind ein kleines Wir auf einer Insel. Der Vulkan könnte jederzeit ausbrechen. Hier ist das Meer mein Wasserfall. Das Meer ist der Atlantik. Der Atlantik, der auf diese Insel schwappt. Ich trage Sand in den Augen und zwischen den Zähnen. Hier werde ich mich festkleben. In Tajao ist der schönste Anblick das Zusammenspiel von Land und Wasser. Felsskulpturen, Gischt. Der beste Hauswein und Tintenfisch mit Zitrone. Wenn es das Letzte ist, was ich genießen darf – ich bin sehr zufrieden.

8
Der Barraquito, eine geschichtete Kaffeespezialität, deren Zutaten ein Espresso, Milchschaum, Likör, Zimtpulver und Limettenschale sind. Die Kellner in der Rioja-Bar sind Profis mit rauem Schmäh. Testosterongeladen …und zum Wein servieren sie Serrano-Schinken. Am Abend stelle ich mich für ein Eis an. Der Bursche hinter dem Tresen wirkt konzentriert und lässt sich durch die immer länger werdende Warteschlange nicht aus der Ruhe bringen. Mit stoischer Genauigkeit bringt er Eiskugel um Eiskugel auf die Tüten. Es dauert sehr lange! Ich entdecke Gofio, eine Mehlspezialität, die ich bis dato nur im Himalaya und in den Hohen Tauern verortet wusste. Ich denke an meine Großmutter, in deren lauwarmen Brotbackofen ich als Kind gekrochen bin, um die gedörrten Getreidekörner für die Munggn herauszukehren.

9
Surfer finden hier beste Voraussetzungen für das, was sie nicht lassen können. Sie wohnen in Hotels wie dem unseren. Deshalb wird zum Frühstück sehr viel Obst und Gemüse aufgelegt. Die Surfbretter sind kurz geworden. Die auslaufenden Abrundungen sind mittlerweile an beiden Enden abgeschnitten. Das Brett ist fast quadratisch. Und der Schirm findet in einem winzigen Rucksack Platz.

10
Es gibt kaum Hunde auf der Insel. Viele Paare mit Kindern suchen den zentral nahe den Bars gelegenen Spielplatz auf. Besonders auffallend sind die Väter, die zugleich Machos und verantwortungsvolle Erziehungsberechtigte darstellen. Viele der Männer tragen Bärte in unterschiedlichen Längen. Das ist jetzt wohl Mode. Die Kinder laufen wir aufgezogen herum. Schnell und durcheinander. Alles ganz friedlich und laut. Ein lebendig gewordenes Wimmelbilderbuch.

11
Am Wochenmarkt kaufen wir ein paar Paradeiser und Paprika für ein Picknick am Berg. Ich weiß noch nicht, was auf mich zukommt.
Wir fahren Richtung San Isidro in den Nationalpark Teide. Zuerst fallen mir die Landwirtschaft und die Gärten auf. Wein und Erdäpfel in sehr karger, trockener Landschaft. Das Städtchen Vilaflor liegt quasi immer irgendwie im Nebel oder in den Wolken. Das ist für die Pflanzen eine der wenigen Möglichkeiten, zu Wasser zu kommen. Zudem Zisternen; und Bäumchen, die in Mulden gesetzt werden, damit sie das wenige Wasser auffangen.
Dann beginnt die Phase der langnadeligen, alten Föhren, Kiefern. Die Wolkendecke, auf die wir mittlerweile hinunterschauen, ist atemberaubend, die Felsenlandschaft macht mich sprachlos. Wir hanteln uns von Schönheit zu Schönheit. Ein bisheriger Höhepunkt dieser Reise ist die Sternenwanderung zu den Roques de García. Die meisten Pflanzen auf dem kargen Vulkangestein sind so hart wie Plastik. Es gibt eine endemische Pflanze hier, die wie eine Kerze in die Höhe ragt, den roten Teide-Natternkopf. Begleitet von blühender Aloe Vera, Strelitzie und Paradiesvogel. Im Moment sind nur ihre Samenstände da zu sehen. Die Farbenpracht des Frühjahrs hält sich jetzt noch zurück. Pastelltöne. Es ist der Auftritt der Steine. Die Formen sind derart spektakulär, dass es keine grellen Farben mehr verträgt, dieser visuelle Überfall… 

12
Immer wieder schüttet der Reisegefährte ein Schlückchen Wasser oder Alkohol quasi als Dank und Segen ins Meer, in die Luft oder auf die Erde. An besonderen Orten, die ihm viel geschenkt haben. Er ist ein zutiefst spiritueller Mensch. Das darf ich allerdings nicht erwähnen.

13
Zwei Tage Leben sind mehr als zwei Seiten schreiben, meint die Pragerin, deren Biographie ich zurzeit lese.

14
Was erlebst Du gerade, fragt mich mein Reisegefährte. Ich antworte, dass hier alles eine Geschichte ist, gewoben aus vielen Details. Das Muster im Sand. Die hellen und dunklen Staubkörner, die sich marmoriert zeigen, wenn das Meerwasser drüber schwappt, die pflanzlichen Muster, die sich bilden. Nie in gleicher Art und Weise. Der Glitzersand – Abermillionen Sternchen. Die Holzbretter, über die wir jedes Mal laufen, wenn wir vom Quartier ins Städtchen schlendern, abgenutzt von Wind, Wasser und Füßen. Die Nagelköpfe, die manchmal rausragen und zum Stolpern einladen.

15
Angeblich gibt es auf der Insel Ausschreitungen aufgrund der viele Engländer, die zum Fußballschauen herfliegen. In ein paar Tagen spielen die Engländer gegen die Walisen. Da wird es laut Prognosen rund gehen.

16
Während ich das schreibe, sitze ich unter zwei mehr oder weniger zerrupften Palmen an einem Kaffeehaustischen in El Medano und starre aufs Meer. „Das hier ist für Warmduscher“, meint der Reisegefährte, „die richtig wilden Wellen gibt es in Santa Cruz.“ Die Wellen in Los Americanos sind allerdings auch nicht übel. Deshalb treffen wir dort auf viele wellenreitenden Freaks. Der sympathischste Sport hier ist mir allerdings das Schwimmen. Ich sehe einen Schwimmer, er nimmt sich eine aufblasbare Boje mit und schwimmt eine Stunde lang hin, eine Stunde lang zurück. Mehr braucht man nicht. Und ich schließe das erste Mal in meinem Leben Freundschaft mit einem Schnorchel.

17
Wir wandern auf der Mauer ohne Geländer vor zum schönen Aussichtspunkt am Pier. Links von mir das Meer und im Anschluss eine Einladung auf ein Glas Weißwein in ein Lokal, das Fledermäuse zum Logo hat. Neben uns sitzt ein älteres Paar, das Französisch miteinander spricht. Wir verstehen kaum ein Wort. Es ist unbedeutend. Das Unausgesprochene ist hier sehr deutlich.

18
Das schwarz-goldene Feenkleid meiner Schwester hat hier seinen besten Auftritt. Ich spiel ein bisschen Theater damit. Am Strand um im Cafe Medano. Die beiden Kellnerinnen zeigen sich begeistert ob dem vielen Glitzer. Sie sind sehr charmant zu mir und schmeicheln mir. Wir vergraben einen Keramik-Kokon an der Stelle, wo mein Reisegefährte vor Jahren eine Ton-Kärntner-Nudel vergraben hat. Diese holen wir unversehrt zurück in meine Hände. Ich werde sie daheim auf den Tisch legen. Angereichert mit Meersalz und Meeresbrise und Erde.

19
Mein Reisegefährte weist mich auf ein großes Plakat hin, ein Foto von einer Meerprozession am zweiten Sonntag im September in dieser Stadt. Eine Marienskulptur mit Kind wird auf einem Boot ins Wasser gebracht und bejubelt. Am Strand sind Massen von Menschen zu sehen. Ein buntes Schauspiel.
Er zeigt mir auch eine Bildhauerwerkstatt, in der ein Künstler Workshops abhält.
Er zeigt mir den roten Berg.
Er zeigt mir die Kajaks, mit denen wir zu den Delphinen fahren könnten.
Er zeigt mir sein illegal aufgesprühtes Logo, das direkt in die Webcam leuchtet.
Er zeigt mir das Lokal in dem der beste Mojito ausgeschenkt wird.
Wo finde ich den Off-Knopf?

20
Ich bin nicht mehr aufnahmebereit.

21
Es regnet immer wieder ein bisschen.  Beim Frühstück reden zwei Urlauberinnen miteinander: „Ja wir waren jetzt drei Wochen lang hier. Den Winter ein bisschen verkürzen. Bis jetzt hatten wir Glück mit dem Wetter.“ Die andere: „Ja, wir kommen im November und dann im Februar und dann im März für jeweils drei Wochen.“ Scheinbar findet hier so etwas wie ewiger Frühling statt.

22
Natürlich kaufe ich auf dem Samstagmarkt Souvenirs ein. Bezauberndes Selbstgehäkeltes. Lesezeichen, Tintenfische, Bären– Eine deutsche Frau, die nun schon seit Jahren hier lebt, handarbeitet sie. Wir finden einen antiquarischen Reiseführer – Wanderwege auf den Kanaren. Schön langsam bekomme ich einen kleinen Überblick über diese Inseln. Tektonisch: Afrika. Politisch: Europa. Das nächste Mal muss ich mir leichte Wanderschuhe und eine wirklich warme Wanderjacke mitnehmen.