KategorieAngeflogen werden

heißer tee im glas

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Ich bin schon ziemlich alt. Und durcheinander. Und grundlos gereizt.
Und jetzt bin ich so richtig wütend, weil mein Körper das Klima nicht mehr erträgt. Oder weil ich nicht imstande bin, mein Leben der Hitze anzupassen. Es ist nicht möglich, zu schlafen.Ich denke an niemanden mehr, nur noch an mich. Und daran, wie ich wieder zur Schreibruhe komme. Wie toll, wenn eine Bäckerei schon um 5.30 Uhr öffnet und ich da einen Kaffee bekomme. Und Morgenstille.
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Beim Türken in der Provinzstadt ist wenig los. Die bosnische Kellnerin versprüht Humor. Ein Schluck Tee im Glas für einen Euro, Lächeln inklusive.
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Es gibt Frauen, die widmen sich ausschließlich der Wissenschaft und dem Denken. Eine davon ist Anna L. Tsing. Allein, dass ich das aufschreibe, ist diskriminierend und/oder doch gesellschaftskritisch?

Sie arbeitet unter anderem an einem digitalen Feral Atlas, der die reale Welt so zeigt, wie sie von Menschen geschaffen wurde. Müllfressende Marabu-Störche in Kampala. Einwandernde Kaulquappen im Schwarzen Meer, die Fische fressen, um nach einiger Zeit von einer noch größeren Quallenart gefressen zu werden. All das wird akribisch beobachtet, erforscht.
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Es gibt so etwas wie eine Vergiftung der Wahrnehmung.
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In den kommenden Wochen werde ich den Zufall als Quelle der Neugierde ansehen.

Laptop

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Jetzt ist mein Laptop da und ich benutze ihn nicht. Es wäre halt eine Entscheidung. Hauptsächlich zu schreiben. Feige Sau, sag ich zu mir.

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Ich beziehungsweise mein Hals ist leicht angeschlagen und so bin ich schön zahm und schweige und lasse meine Vogelapp laufen, während wir mit dem Boot auf der Thaya dahingleiten.

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Ich sitze einer mitteilungsbedürftigen Person gegenüber und kann es nicht fassen, welcher Wortschwall da über mich hereinprasselt. Ich langweile mich zu Tode, schaue wahrscheinlich völlig entgeistert, was aber keinen Einfluss auf den Redefluss hat. Sogar meine Kopfschmerzen verschwinden unter diesem massiven Wortangriff.

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Er sieht gut aus. Er hat jetzt 6 Wochen lang nur von Wasser, Gazpacho und Kaffee gelebt. Nichts Süßes. Und harte, körperliche Arbeit draußen in freier Natur. Da haben ihm auch die 40 Grad nichts anhaben können.

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Der Hochzeitstagausflug an die Donau zum Uferhaus in Klosterneuburg war perfekt. Hab erst aus diesem Anlass das Strombad Kritzendorf kennengelernt.

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Wir besuchen ein älteres Paar, das wir von „früher“ kennen. Lange haben wir uns nicht gesehen. Als wir ankommen, steht der Wurstsalat schon auf dem Tisch. Der Zwetschkenkuchen wird später serviert, der ist vom Feinsten. Die Wohnung ist noch so, wie ich sie von früher kenne. Die Zeit hat sich darauf abgelegt, alles wirkt ein wenig schäbig, abgenutzt.

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Für ein Ehepaar ist es eine große Anstrengung, gemeinsam unter einem Regenschirm zu gehen.

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Und wir finden kein Kissen, auf das wir unser Haupt legen können.

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Das Warten an der Haltestalle und das Busfahren kann ich als einen Akt der Einsamkeit erfahren. Oder als Akt der Öffnung zur Welt, zur Öffentlichkeit. Gegenüber denen, die auch Bus fahren. „Bruder, wenn ich sterbe, dann sterbe ich“, erklärt der schwarze Radfahrer dem weißen Radfahrer seine Haltung zum Leben. Wir sitzen zu dritt im Bus von Floridsdorf nach Zistersdorf. Die beiden Räder sind an der dafür vorgesehenen Stange befestigt.
Das Arbeiten am Laptop ist nicht möglich, weil zwischen den Sitzen kein Platz dafür vorgesehen ist.

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Im Krankenhaus muss ich 0 Geschirrtücher bestellen, um 10 zu kriegen. Und das auf jeden Fall vor 8 Uhr morgens. Sonst krieg ich gar nix. Das nenne ich mal eine einfallsreiche Schikane, die nicht weh tut.

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Es gibt Menschen, die gehen mit 58 in Pension. Das wäre für mich: JETZT.

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Meine Verkühlung dauert nun schon seit Wochen und ich erhole mich nur langsam. Oder gar nicht. Der Husten ist so stark, dass ich mich übergeben muss.

Yoga mit Ziegen


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Es wäre angebracht, auf dem neuen Laptop als allererstes einen Liebesbrief zu schreiben.
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Ich im Baumkreis finde ich eine aufgekratzte Freundin vor. Es hat ein Unwetter gegeben. Das Ferienspiel wurde abgesagt. Das heisst, die vielen Vorbereitungen wieder wegräumen. Die schönen Ideen verstauen. Das nervt sie. Aus dem gleichen Grund fällt auch unsere Wanderung über die Felder kurz aus. Alles ist nass. Und für Hund und Mensch ungeeignet, weit auszuschreiten. Trotzdem lassen wir den Ausflug mit einem ausgiebigen Mahl unter den Lauben ausklingen. Das Ambiente lädt ein und die vorbereitete Jause im Baumkreiskeller. Der Gemischte Satz mundet hervorragend. Wir lassen es regnen.
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Hanno Rauterberg schreibt mir gefällige Essays. Über Nacktschnecken. Über Komposthaufen. Über den Strand …: „Alles ist offen, alles wird uns geschenkt, hier am Strand. Wir sammeln Muscheln, nehmen sie mit nach Hause, diese eigenwilligen Zeugnisse erschöpften Lebens, die Überreste schutzbedürftiger Tiere.“
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Yoga mit Ziegen! Das muss man nicht erlebt haben, ich kann aber ab nun mitreden, nachdem ich es erlebt habe: 15 Ziegen, 15 Teilnehmende, 15 Yogamatten, eine Ziegenversteherin und eine Yogalehrerin auf einer schiefen, angeschissenen Wiese. Alle Anwesenden – außer den Teilnehmenden – gehen ihrer Profession nach und tun so, als ob das alles ganz normal wäre. Es ist unglaublich.
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Die Generation, die jetzt stirbt, ist die letzte, die Bücher hat. Und gleichzeitig verabschieden sich die wichtigsten Menschen aus meiner Kindheit.
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Urteilskraft ist etwas, das ich dann doch nicht aus Büchern lerne, sondern nur, indem ich mich dem Leben aussetze.
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Meine Libidogruppe verliert an Biss. Ich hoffe, das ist nur eine kleine Sommerschwäche.

Hitze

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Die Kühe rufen sich seltsame Dinge zu.
Ich verstehe fast alles. Es wird ein heißer Tag.

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Im Sommerkino sehe ich einen recht langweiligen Film, meine Bankberaterin von früher spricht mich an, sie möchte einmal ohne Druck mit mir reden und sich privat treffen und ich verkühle mich, obwohl der Beton, auf dem ich sitze, warm ist.

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Ab 8 Uhr muss ich einer Patientin die Daumen drücken.

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Sie ist eine etwas ältere Lady, cirka 7 Jahre älter als ich oder 6 oder 5, wunderbar, gerade verblüht, wie ich es großartig finde.

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Müde macht der Besuch doch.

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Da gibt es halt eine Armseligkeit, zu der die Ehe uns zwingt. Dieser unscheinbare Punkt, an dem es nicht weitergeht, den man nicht galant überspringen oder elegant umschleichen kann. Ich suche Rat dort, wo ich ihn am meisten suche, wenn ich das Leben nicht verstehe: in der Literatur. Dort finde ich keinen Ausweg. Ich finde nur Bestätigung
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Sind wir als Paar so stark, dass es sich dieser Tanz noch ausgeht? Dieser Tanz im Regen?

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Wir essen noch ein gekochtes Ei für unsere Kühnheit.

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Ich brauche einen Briefwechsel, wie seinerzeit die Liebeskraft.

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Das ist heuer kein altmodischer Sommer. Es ist ausschließlich heiß.

Kleinspecht


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Wir sehen einen Kleinspecht.
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Auf meinem Fußweg von daheim zur Bushaltestelle staune ich über das Moos, das zwischen zwei Polocalrohren wächst.
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Jetzt bin ich einmal dran.
Ich wende mich mir selbst zu, dem Detail, das mich gerade angeht, ich gehe auf Erkundung in mir selbst, suche nach den Zusammenhängen in mir, die mich zusammenhalten. Ich suche nach angemessenen und erwartbaren Gedanken und spüre keine Not, weil darunter auch Erhellendes zu entdecken ist und Überraschendes und Ungeahntes. Ich sehe und spüre dieses Detail, das zu schwingen beginnt, indem ich diesem Detail Bedeutung gebe. Ich durchlebe zugleich eine Verdichtung in einem Gewebe von Wirklichkeiten, von vielen, vielen Wirklichkeiten
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Das Leben ist ein endloser Umbruch. Es ist schön, darin zu baden. Und dabei tue ich nichts, was ich nicht wirklich will.
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Bei mir gibt immer noch die Natur den Ton an. Nicht der Geist.

Marder


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Jäger haben sich im Jagdstüberl zum Mittagessen versammelt. An den Wänden hängen zahlreiche Trophäen. Zähne und Penisknochen von Fuchs, Iltis und Marder, Geweihe von Hirsch, Reh und Gams und die Krallen des letzten Hahns aus Omas Hühnerstall. Der größte Singvogel der Welt, der Kolkrabe und der kleinste Eulenvogel, ein Sperlingskauz, stehen ausgestopft auf der Kredenz. Das Wildschweinragout, das für die Gäste aufgetischt wird, schmeckt vorzüglich.
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Waldrappe fliegen 1000 Kilometer in die falsche Richtung.
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Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, mich bunt zu kleiden. Ein anderer Teil besteht darin, die Leute zu grüßen, die auf den Krankenhausfluren an mir vorbeigehen. Ich wundere mich immer wieder, dass das nicht selbstverständlich ist. Vor allem junge ÄrztInnen machen beim Vorbeigehen ein grüblerisches, finsteres Gesicht. Wahrscheinlich hängen sie unglaublich großen, lebensrettenden Gedanken nach. Oder sie sind mit der Gesamtsituation überfordert. Ich kann es nicht unterscheiden. Da hilft auch meine bunte Kleidung nicht.
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Nicht alle müssen „woke“ sein. Ich gehöre zu allen.
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Ich muss mich sehr anstrengen, um schlecht über andere zu denken oder gar zu reden, sagt Clemens Setz in einem Interview.
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Wenn ich dich beiße, dann weiß ich, ich bin daheim.

Schwanken

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Ob die Liebe übrigens ebenso bewundert würde, wenn sie nicht müde machte?

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Wir sind zu Besuch im Pflegeheim. Ich sitze da und versuche mich wohlzufühlen. Schließlich sitzen wir in gewohnter Runde und trinken miteinander Kaffee und suchen das Gespräch. Aber die Tristesse bleibt. Mein Neffe, der Psychologe meint, das sei eine Übertragung, dass man sich da so unwohl fühle, verlegen, nicht wissend, was man sagen soll, unfähig, der Schwere etwas entgegenzusetzen.

Wenn ich einmal nicht mehr schreiben und denken kann, dann wird es haarig …

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Ein Kernbeisser fliegt ins Badezimmerfenster und bleibt tot auf dem Boden liegen.

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Das ist eine Aussage über mich: Ich bin nicht volksnah.

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Sie: Erzähl mir eine Geschichte!
Er: Eine wahre oder eine erfundene?

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Von vielen Vögeln umgeben zu sein, macht mindestens so glücklich wie eine Gehaltserhöung.

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Es gibt keine Wahrheit.

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Zukunft ist weit mehr als einfach nur etwas, was geschehen wird oder geschehen könnte. Zukunft meint auch, was hätte geschehen können.

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Blühenden Lavendel mit blühendem Frauenmantel zu kombinieren, das stimmt.

Klima

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Montagmorgen um 7.35 Uhr im Radio zu hören: Dann werfen wir doch einmal einen Blick aufs Wetter vom Wochenende.

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Einer der großen Verlierer dieser Krise ist das Wort „unmöglich“. Es ist möglich, die Wirtschaft teilweise lahm zu legen und innerhalb kürzester Zeit riesige Milliardenbeträge aus dem Boden zu stampfen, es ist anscheinend fast alles möglich, wenn man es nur will (außer dem ewigen Leben).

„Alternativlos!“ und „unmöglich!“ können wir ab jetzt vergessen. Es wird eine vergessene Kulturtechnik, jene des Argumentierens zurückkehren!

Die Traurigkeit bleibt, denn sie erscheint als angemessene Beziehung zur Welt. Sie ist realistisch. Darin steckt ihre Kraft und Würde: Wer der Traurigkeit in der Klimakrise Raum gibt, verabschiedet sich von unrealistischen Hoffnungen und öffnet den Sinn für die Wirklichkeit.

Wenn die Menschheit über ein mächtiges Talent verfügt, dann ist es die ruhelose Suche nach Alternativen und der Drang zum Neubeginn. Es braucht keine höhere Moral, um die Katastrophe abzuwenden, die härteste Währung der Welt reicht völlig aus – das Interesse am nackten Leben.

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Oder noch besser: Ein Wunder geschieht.

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Eine junge isländische Sängerin die „up“ ist, singt Lieder über das Wetter. Sie heißt Arny Margret.

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Der Morgen ist die schönste Zeit. Und noch schöner ist es, wenn die Musik im Pasticcio genau die Stimmung trifft.

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Sie: Ist die Maus auch heilig, wenn sie eine Reliquie gefressen hat?
Er: Endlich werden die wichtigen Dinge angegangen – hat Konsequenzen. I Love it .

 

Abfall


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Seit im Krankenhaus wieder Besuche erlaubt sind, wird wieder mehr Dreck ins Spital gebracht.

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Eine Person verrichtet ihre Notdurft in der Kapelle.

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Die Blätter auf dem Boden vor der physikalischen Ambulanz lassen sich nicht bändigen. Immer wenn die Tür zum Hof aufgeht, weht es ein paar neue herein. Der Gang wirkt wie eine Allee mitten in der Krankenhaussterilität.

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Sollen wir weiterhin Hühner halten, damit wir Mist zum Düngen haben?

Wende


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Es ist gut zu wissen, auf welcher Seite man steht, bevor man sich umdreht.

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Das einzige Machtmittel, das junge Menschen zu haben scheinen, ist die Regulierung von Sprech- und Verhaltensweisen. Die Rollen sind getauscht. Früher kämpften Jugendliche für etwas, dass sie unbedingt wollten, zum Beispiel sexuelle Freiheit, um sie dann selbst zu praktizieren. Jetzt setzen sich Jugendliche für den Verzicht, die Beschränkung ein. Und müssen dann auch selbst danach leben.

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Da, wo es weh tut, liegen unsere Aufgaben, da werden wir uns engagieren!

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Ich trete diesem Niedergang stolz entgegen.

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Heute beschäftige ich mich mit Banalitäten.

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Ich möchte nicht aus der Gesellschaft fallen, nur weil ich älter werde und mir mehr Rückzug gönne. Ich bin nicht eingebildet, ich möchte immer öfter meine Ruhe haben.

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Auf der Mariahilfer Straße stolpert eine Frau über den Stock einer Blinden.

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Die Wiese lacht.