Autormartha

Brot


1
Ich bringe meine Seele dazu, nichts Irdisches zu vergöttern und mich frei zu machen vom weltlichen Ballast. Gleichzeitig esse ich mein Brot und trinke meinen Wein und wärme mich bei einem Mann, den ich liebe. Welche Farbe hat sie, meine Seele und wie schwer ist sie?

2
Der Künstler bäckt sein Brot im selbstgemauerten Ofen im Garten. Er hat Jahre dafür gebraucht, den perfekten Sauerteig herzustellen. Das Mehl, der Ofen, das Holz, die Zeit. Alles muss in richtiger Ballance zueinander finden. Dann erhält er Brot mit der richtigen Konsistenz, Kruste und Feuchtigkeit im Inneren. Alle drei Wochen heizt er den Ofen an.

3
Ich gehe am Morgen beim Fenster der Krankenhausküche vorbei. Mindestens 8 Personen stehen am Fließband, angezogen mit Schürze, Maske, Handschuhen. Mit dieser Verkleidung ist nahezu niemand erkennbar, alle sehen gleich aus. Sie verteilen die verschiedenen Details des Frühstücks, das die Patient*innen in Kürze bekommen werden, auf Tabletts: Brot, Marmelade, Butter, Kaffee. Ich stelle mir vor, was von dieser Situation noch spürbar ist, wenn das Frühstück bei der Zielperson landet?

4
Gestern Abend habe ich vor lauter Schusseligkeit Jesus und meine Büroschlüssel im Kanal versenkt.

Kindheit


1
Im Kaffeehaus schreit ein junger Vater seine Frau und seine zwei Kindern an: „In welche Scheiße habt Ihr mich denn geritten?!“ Der Zweijährige weint, weil er von der Bank gefallen ist. „Der Bursche geht mir so am Arsch wenn er dauernd rauf und runter will!“. Die Frau stillt das Baby und versucht zu schlichten: „Du musst den Kleinen in den Arm nehmen, er braucht Körperkontakt!“. Der Vater poltert weiter. Zwischendurch hängt er am Handy und managt lautstark seinen erfolgreichen Startup Betrieb. Am Telefon ist er wie ausgewechselt. Freundlich, eloquent, humorvoll. Ich gehe leider nicht zur Frau hin um ihr zu empfehlen, sich lieber heute als morgen von diesem Menschen zu trennen. In diesem Fall ist scheint mir ein Alleinerzieherinnendasein auf jeden Fall einfacher!

2
Wir trinken Grünen Veltliner im Rüdigerhof. Sehr wienerisch. Der Wein schmeckt nach Österreich. Die Spaghetti schmecken so, wie bei meiner Mutter daheim. Die Nudeln sind ganz durch.

3
Ich halte mich angeblich zu 99 Prozent unter Kontrolle. Diese Zuschreibung erschreckt mich.

4
Die berühmte Schriftstellerin sagt, alles worüber sie schreibt, sei in ihrer Kindheit grundgelegt.

5
Im Gespräch mit meiner Schwester kommt Mutter vor. Natürlich. Wenn es darum geht, dass wir Geschwister es gelernt haben, stark zu sein und viel zu leisten. Dass fünf von uns sechs Frauen sind, ist ein Detail am Rande. Wenn jetzt mit zunehmendem Alter die Kräfte schwinden, müssen wir sie besser einteilen. Wir werden uns ein Spiel daraus machen, nein zu sagen.

6
Ein ehemaliger Arbeitskollege ruft mich rund um die Feiertage an. Er hat eine verschrobene Sprache und mittlerweile einen vergangenheitsverliebten Blick auf eine untergehende Welt voller Wärme und Zauber. Ich lasse mich ein. Ich denke an die Stube bei meinen Großeltern zur Weihnachtszeit. Ich liege im Bett über dem Kachelofen. Rund um mich eine dunkelbraune Wandtäfelung. Die königrufende Kartenrunde am Tisch, im Eck dahinter die Krippe, umrahmt mit Fichtenzweigen, selbstgebastelten Papierblumen und Lametta. Ich schlafe ein und werde geweckt von der Stille nach dem Kartenspiel. Die Anwesenden nippen andächtig an den Schnapsgläsern.

Nein


1
In einem eindrucksvollen Stimmton erklärt mir ein Patient: „Das Gute am Alter ist, ich kann besser erkennen, wenn mich Menschen für sich vereinnahmen, aussaugen. Da gibt es nur ein klares Nein! Jetzt, im Älterwerden kommt mir das leicht über die Lippen.“

2
Als Vertreterin für irgendeine Firma zu arbeiten, das stelle ich mir unangenehm vor. Ich habe heute Mitleid mit jenem, der mir im Kaffeehaus im Krankenhaus gegenübersitzt und wartet, bis der Herr Primar Zeit für ihn findet.

3
Diskussionen über die Schule machen mich mittlerweile aggressiv. Ich werde in Zukunft keine Aussage mehr darüber machen, weil ich überhaupt nichts davon verstehe. Der Abstand zu meiner eigenen Schulzeit und zur Schulzeit meiner Kinder ist schon zu groß.

4
Das befreundete Paar bringt zwei tote Fasane und einen toten Hasen vorbei. Eine Woche später trennen sie sich. Und streiten darüber, wer die Hunde kriegt.

5
Sind wir bei jedem Hundsaustreiben dabei?

6
Ich werde mich viel weniger in den Weltenlauf einmischen und auf mich konzentrieren, auf meine Gedanken, auf die Essenz, die in mir steck, mich freischälen, mich fokussieren auf Mitgefühl und Erkenntnis …weil ich so vieles noch nicht geliebt habe…(Thomas Somlo)

7
Wenn es die richtigen sind, diene ich ihnen gerne.

Bank

1
In Simbabwe gibt es das Konzept der friendship – bench, einer Parkbank, auf der psychologisch geschulte Bürger sitzen und sich mit Menschen unterhalten, die gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken.

2
…zwei Wochen lang durchgehend auf einer Bank vor dem Haus sitzen. Nur aufstehen, um sich im Bett schlafen zu legen…

3
Für alles, was ich erlebe, brauche ich mittlerweile sehr viel Zeit, es zu verarbeiten. 

4
Der Mensch ist dabei, sich selber möglichst schnell an die Wand zu fahren. Wir sind nicht so weit, selbst zu entscheiden, was uns guttut.

5
In der Zeitung lese ich: Die Kinder und Jugendlichen sind Verlierer der Krisen. Niemand kümmert sich. Die Alten sind am Rande der Gesellschaft. Sie werden missachtet. Alle anderen sind erschöpft.

Wir alle sitzen in einem Boot und schauen in die Sterne.
Weite und Unbedeutsamkeit schenken pure Freiheit.

Echo


1
Die Fotos zeigen mich mit 10 und 54 Jahren, Klammern meiner Geschichte.

2
Er meint, er sei ein Süchtiger, ein Besessener im Schreiben. Er habe es auch mit Alkohol probiert. Das sei eher etwas für Lyriker oder Maler, die das Echo des Unterbewussten zeigen wollen; ihm selber gehe es nicht um das Unbewusste, es gehe ihm um Erinnerungen.

3
Die alte Schmiede ergäbe einen schönen Ausstellungsraum. Sie verfällt in langsamem Tempo vor sich hin, zeugt in vielen schönen Details von einer vergangenen Zeit.

4
Ich komme spät am Abend heim und schleiche mich über den Hintereingang ins Haus. Die Weinbauvereinssitzung tagt (nachtet?) in unserer Küche und ist noch in vollem Gange. Ich bin schon zu müde um mitzureden, ziehe mich also in mein Zimmer zurück. Die Lage der Bauern und überhaupt die Lage aller Außenseiter werden besprochen. Ich kann die Männer reden hören. Einer ist sehr laut und emotional, ein anderer verwendet Vokabel, die ich von den anderen nicht höre, zwei kommen kaum zu Wort, sie können zuhören oder sind schon am Tisch eingenickt. Leo hat Namenstag. Ob ihnen die Jause, die ich vorher zubereitet habe, schmeckt? Die Situation hat etwas Liebenswürdiges an sich. Ich stelle mir die Hände und Gesten der Protagonisten vor. Welche Männer sitzen da am Tisch?

5
Meine Mutter sitzt allein in der Kirche und möchte still sein. Nach einer Weile setzt sich ihre Nachbarin zu ihr und schlägt vor, den Rosenkranz beten. Mutter stimmt dem Wechselgebet halbherzig zu. Dann fallen ihr die einfachsten Gebete nicht mehr ein und sie dichtet einfach etwas.

6
Wir fahren im Auto in‘s Tal meiner Kindheit. Wenn ich den Berg sehe, der hinter meinem Elternhaus hinaufragt, empfinde ich einen Schmerz, der mit nichts zu vergleichen ist. Hauptsächlich Wehmut und die Erfahrung der nicht gelebten Möglichkeiten. Ungestilltes Verlangen. Ähnliches sehe ich in den Augen eines Freundes von früher oder wenn ich auf der Empore sitze und in den Kirchenraum hinunterschaue. War mein Ursprung derart vielversprechend, dass tiefgreifende Enttäuschung übrigbleibt? Nein, Heftigkeit bleibt übrig. Später in meinem Leben ist nichts mehr so Einschneidendes passiert.

7
„Zum Fuattan miass ma wieda daham sein“, schreit meine Tante von der einen Talseite zur anderen.

8
Die Welt ist erklärbar.

9
Mit wie wenig Falten im Gesicht man als Kind auskommt!

Leib


1
Es gibt so gut wie keine Frau, die ohne Büstenhalter ihr Haus oder ihre Wohnung verlässt. Die meisten BH‘s sind wattiert. So sieht man eine gleichermaßen wohlgeformte Brust, keine Brustwarzen, keine Hängebusen, nicht zu klein, nicht zu groß.
In Paris demonstrieren sie und werfen die BHs in die Luft, um sie los zu werden.
In mir regen sich Zweifel vor allem in eine Richtung. Ich schau nach unten.

2
„Gestalt des Leibes“ ist die Definition von Seele, meint Thomas von Aquin. Diese ganze Lebendigkeit machte den Menschen zu einem einzigartigen Wesen.

3
Mein Sohn legt sich jetzt für drei Tage ins Krankenhaus.
Außerdem hat er zehn Kisten Bier gewonnen.

4
Wenn ich meinen Kopf weit vorn über beuge und durch den schmalen Spalt zwischen meinen Füße durchschaue, sehe ich ein Stück Fluss.

5
Ich gestalte einen Tonstempel zur Körperbemalung.

6
Wir haben einen Teil des Tages unter der Erde verbracht. In Erdställen und Kellern. Das sind keine alltäglichen Orte für mich. Die Frage, weshalb der Mensch unter die Erde geht, bedrängt mich. Umschaid kann dazu was sagen. Und die Bergarbeiter aus dem Mölltal. Und der Totengräber.
Wir leben auf der Erde, manchmal in Höhlen, verstecken uns im Weinkeller, graben durch den Berg, durchlöchern ihn, ……finden in den Uterus zurück.

7
Der Friedhof in Györ ist groß, leicht chaotisch und so, wie man sich einen romantischen Friedhof vorstellt. Viel Grün, viel Kerzenlicht. Viel Schmiedeeisen und verwitterter Stein.
Er findet das Grab, in dem seine Eltern und seine Brüder begraben sind. Das Grab wird nun aufgelöst. Das macht mich trauriger als ihn. Wir legen drei bunte Blumensträuße auf die frisch umgegrabene Erde.

Weihnachten


1
Gestern Abend, eine wunderbare Theatervorstellung im Grünberg & Bronski: Effi Briest. Da wird einmal ein „alter Stoff“ vortrefflich in die Gegenwart übersetzt. Sechs Männer spielen sich die Seele aus dem Leib. Ein Zitat aus dem Theaterstück, es wurde sogar mehrmals wiederholt: „„Ich möchte, dass Du mir sagst, was ich in der Früh anziehen soll und wen ich wählen soll. Ich möchte, dass Du mich dazu zwingst, vegan zu werden, allein schaffe ich das alles nicht!“

2
Wir erkundigen uns bei meinem Cousin nach einem schönen Schneewanderweg in Apriach. „Zwischen alter Volksschule und Stockmühlen lasst‘s das Auto stehen und dann einfach rauf ins Lärche!“

3
Ich lasse meinen Führerschein ins Kartenformat umschreiben. Dazu muss ich auf die Behörde. Hier hat man grundsätzlich das Gefühl, mindestens zu stören. Oder kleinkriminell zu sein. Die Schreibweise meines Namens im alten Führerschein stimmt nicht mit jener im Zentralmelderegister überein. Das war damals wohl ein Fehler der Behörde, den ich bemerken hätte müssen. Ich habe es verabsäumt, vor 32 Jahren die Behörde zu kontrollieren. Das Problem ist immer das „ß“. Auf diesem Amt ist es auch nicht möglich, mein Passfoto in digitaler Form zu schicken oder zu hinterlegen. Die Frau hinterm Tisch schreibt noch mit Tinte und Federkiel. Ich verabschiede mich unabsichtlich mit „Frohe Ostern“; wollte Frohe Weihnachten wünschen. Das Ganze war ein sehr poetisches Erlebnis für mich!

4
Ich bestelle mir eine Sonnenbrille im Internetshop. Mein Pupillenabstand ist 66 mm. Das hat meine Laptopkamera fast wie von Zauberhand abgemessen.

5
Voll geil! Schick mir mehr von diesem Zeug!
Soweit die Reaktion einer Freundin auf ein Foto, das ich ihr per WA zukommen lasse.
Ist das schon Literatur?

6
Am großen Weihnachtsfamilientisch frage ich die nächste und übernächste Generation, in welche Netzwerke ich als schrullige Alte unbedingt einsteigen solle.

Wir reden darüber, dass TikTok doppelt so viele User*innen hat als Facebook und Twitter zusammen.
Meine Nichten und Neffen verschicken keine Weihnachtskarten, sondern schneiden kleine Kurzfilme von der Weihnachtsfeier zusammen und stellen das zur Verfügung.
Meine Tochter findet WA sehr anstrengend, weil man da mit jedem und jeder einzeln kommunizieren muss.

Mein Bruder hat vor zwei Monaten geheiratet. Das „Danke“ und die Hochzeitsfotos verschenkt das Brautpaar als QR-Code an alle Gäste.

Am Abend spielen wir ein Fragespiel, entnommen aus dem Podcast Gemischtes Hack. Es ist ein Kartenspiel. Man kann es ganz einfach in die Hand nehmen und braucht kein Handy dazu. Man kann es bei Kerzenschein spielen.

Meine Mutter schenkt mir ein Buch, es wurde auf Ö1 vorgestellt und könnte mein Gefallen finden.

Auf meinem Nachtkästchen liegt ein wirklich guter Krimi!

7
Familie reicht wieder.
Ich bin fine damit.

Scheitern


1
Sie geht in Pension. Diese Veränderung stürzt sie in eine bisher unbekannte Leere. Der geliebte Arbeitsplatz bricht weg. Alles bricht weg.
Die sinnliche Freude mit dem Liebhaber hat keine Kraft mehr. In ihrem Garten sieht sie nur den Schatten, der das Wachstum der Pflanzen einschränkt. Es macht keinen Sinn für sie, am Morgen das Bett zu verlassen.

2
Regelmäßig nehme ich Fühlung mit dem auf, „auf das es ankommt“. Gedanken, die mir die offene Straße, die offene Welt eingeben. Ich reise zu Fuß. Das ist allerdings keine Garantie dafür, mich zu schützen vor dem Absturz in den mühsamen Alltag, ins Grau, ins Scheitern.

3
Ich sehe seine Schwächen…. Ich suche seine Stärken.

4
Ich fordere Schmerzensgeld von der Kirche.

5
Ich hasse Rätsel.

Ruhe und Unruhe

1
Es gibt keine Hoffnung, außer für uns.
JONATHAN FRANZEN

 2
Mein Gesprächspartner ist heute sehr melancholisch. „Ich will doch nur einfach in aller Ruhe sein. Sonst nichts……Mit ihr ist das möglich.“  Was für ein schönes Kompliment an seine Frau!

3
Wir liegen am Boden und betrachten den Sternenhimmel, halten Ausschau nach Sternschnuppen für unsere Wünsche. Die Nacht kühlt sehr langsam ab. Unsere Körper gewöhnen sich daran, wir können bis über Mitternacht unter freiem Himmel bleiben.

4
Absichtlich denke ich an Schönes. An die Berge. An die Alm. An ein sorgenloses Atmen.