Autormartha

Hand

1
Er zeigt auf einen Stern und sagt Jupiter. Er zeigt auf einen Stern und sagt Saturn. Ich glaube es ihm.

2
Schneidet man einem Axolotl die Hand ab, wächst sie wieder nach. Verliert ein Axolotl ein Körperteil, weil es von einem Fressfeind abgebissen wurde, kann er es innerhalb weniger Monate vollständig und ohne Narben nachbilden. Er kann sogar ganze Organe wie das Herz oder Teile des Gehirns ersetzen, wenn diese verletzt sind.

3
Du warst einer von uns.

4
Ich bin eine Pore meiner Haut.

5
Ich bin genug, um bis jetzt von dir geliebt zu werden.

6
Meine Taschen sind voll.

Bittgang


1
Ich liebe G’stanzln: „Des gonze Weihwasser in Mariazell hab i mit LSD veseicht, des is tragisch aber es is glogn“ (gehört von den Strottern)

2
In welche Richtung gehen wir nun wirklich?

3
Ich suche traditionelle Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft. Ich finde und verwerfe: die parlamentarische Monarchie der Briten, die katholischen Bittgänge rund um Christi Himmelfahrt, die Venus von Dolnî Vêstonice und den Hollerstrauch vor meinem Haus, der jetzt in voller Blüte steht.

4
Ich bleibe an der Spinnwirtel hängen, die unlängst im Urzeit-Museum von Stillfried an der March meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Ich bleibe an diesem (scheibenförmigen) Objekt mit dem Loch in der Mitte hängen, Jahrtausende alt, bis mindestens ins 14. Jahrhundert verwendet zum Spinnen von Fäden für Kleidung und andere Textile … Textur … Text … Ich darf sie natürlich nicht in die Hand nehmen, so bleibt es beim Lesen des Textes, der als Erklärung angebracht wurde: wenn ich dem glauben darf, ist sie an die 7500 Jahre alt. Dieses Artefakt liegt also nur in der Phantasie in meiner Hand, schwer, um zu Boden zu gehen, um einen Faden zu spinnen, der verwoben wird mit vielen anderen, um dann zu halten oder zu tragen oder getragen zu werden von unzähligen Frauen und Männern und Kindern. Die Welt überhaupt als ein Gewebe zu sehen, in dem alles mit allem verbunden ist, das ist für mich die Geschichtsdeutung dieser Tage. Die Welt ist ein Netz. Was eine Einzelne/ein Einzelner tut oder lässt, hat Auswirkungen auf alle. Wir existieren nicht ohne einander, wir können nur miteinander und füreinander existieren.

5
Meine Mutter hat mir ein neues Kleid aus rotem Stoff genäht. Die Knöpfe fehlen noch. Ich werde sie aus Ton formen, brennen und an den dafür vorgesehenen Stellen anbringen.

6
Sehr gerne spinne ich mir in den zu seltenen Tagträumen (m)eine Welt zusammen. Sie trägt mich. Ich lasse mich in sie fallen. Sie hält ewig.

7
Du am Meer und ich nicht online. So sieht die Realität aus.

Trauer

1
Ein gebrochenes Herz sieht anders.

2
Der Begriff „Trauerarbeit“ impliziert, dass es mit den richtigen Werkzeugen ein Leichtes ist, Trauer abzuhandeln und bei Seite zulegen. Man sollte sich nicht täuschen lassen.

3
Die Künstlerin Evgenia Tsanana betreibt ein „Büro öffentlicher Entlastung“. Hier kann man ihr schlechte Träume erzählen oder „Grüße nach drüben“ schicken. Sie sitzt dabei an einem Holztisch unter freiem Himmel und ritzt auf Wunsch der Besucher*innen die Namen ihrer Toten in Holzstäbe. Die Angehörigen können dazu einen Gruß an die Verstorbenen formulieren oder einen Wunsch für sie verfassen. Hinterher verbrennt Tsanana die Stäbe und lädt ein, gemeinsam eine Totenspeise zu essen.

4
Wann wird das Begräbnis sein, damit ich eine Kerze anzünden kann?

5
Manchmal möchte ich, wenn ich aus dem Krankenhaus rausgehe, nur mehr unversehrte Körper sehen.

6
Ereignisarmut passt nicht zu Erlebnishunger. Ereignisarmut lebt von Nähe. Erst dann entfaltet das Nichtssagende seine Kraft.

7
Es gibt nichts Erregenderes, als beim Verlassen eines Landes mit dem Schiff, von einer wohligen Trauer durchrieselt zu werden, die alles umfasst, das ganze Leben, das ganze Sein, die Welt, und zu fühlen, wie viel mir fehlt, ohne sagen zu können, worin es besteht.

8
Trauer braucht Schonung; man spürt sie erst, wenn sie weg ist.

Abfall


1
Seit im Krankenhaus wieder Besuche erlaubt sind, wird wieder mehr Dreck ins Spital gebracht.

2
Eine Person verrichtet ihre Notdurft in der Kapelle.

3
Die Blätter auf dem Boden vor der physikalischen Ambulanz lassen sich nicht bändigen. Immer wenn die Tür zum Hof aufgeht, weht es ein paar neue herein. Der Gang wirkt wie eine Allee mitten in der Krankenhaussterilität.

4
Sollen wir weiterhin Hühner halten, damit wir Mist zum Düngen haben?

Verhängnis


1
Ich kriege das mit Hunden nicht auf die Reihe. Ihn zum Gefährten haben und gleichzeitig über ihn verfügen, wie geht das denn?

2
Wir müssen darauf beharren, dass die Lüge eine Gewalttat ist.

3
Stress bedeutet für mich, dass ich immer wieder Gedächtnisverlusten ausgesetzt bin …

4
Mir geht wieder einmal durch den Kopf, wie sich Bildung – konkret die Schulpflicht – in einen Menschen einschreibt. Einprägt. Wie schmal doch der Grat zwischen Selbstermächtigung und Unterjochung ist. Ich war meistens knapp daneben. Bin meistens der Unterdrückung auf den Leim gegangen. Schule war ein Ort der Domestizierung, des Kleinmachens bzw. des Nursogroßwachsens, wie es den Lehrpersonen gefiel. Also nie größer als sie selber. Zur gefälligen Dienerin des hierarchischen Systems erzogen werden, das war ungeschriebenes Gesetz. Das liegt dahinter. Auch wieder nur knapp. Die paar wenigen (wer war das überhaupt?), die das Große in den Menschen, das Leuchtende sahen, hatten nicht die Kraft, gegen die Regeln zu verstoßen. Waren zuvor ja selbst Schüler.

5
Einfach draufloszugehen ist nicht langweilig. Und ein ernsthaftes Gespräch zu führen, ist auch nicht langweilig. Aber zehn ernsthafte Gespräche zu führen, das ist zu viel.

6
Zwei Tage in Wien und ich bemerke – jeder bleibt in seinem Grätzel. Im Kaffeehaus, im Supermarkt, im Bad. Und im Weidinger traust dich wirklich nur zu flüstern …

7
Ich hör’ mir gerne die Meinung von Menschen an, die in meinem Alter sind. Da gibt es eine Übereinkunft.

Inspiration


1
Der Gesang der Mönchsgrasmücke gibt dem Morgen einen Sinn. Ein kleiner Vogel mit ausgeprägt heller Stimme.

2
Als Landpomeranze erlebt man sehr viel in Wien.

3
Was gibt es Spannenderes und Befriedigenderes als eine gute Idee? Meine Kinder liefern gleich:  „Brauchst‘ nur uns zwei Heulenden anschauen. Das ist Dein Stoff!“

4
Ich lerne gerne freie und selbstbewusste Leute kennen, deren Leben sich sowohl im Glück wie in der Katastrophe auf differenzierte Weise entfaltet.

5
Mit ihm ist alles so, wie nach einem echt guten Witz. Und der Witz ist natürlich von ihm …

6
Meine Schwester wohnt gegenüber den Dolomiten. Ein kleiner Wasserfall ist von ihrem Balkon aus zu sehen. Er wird von allen „Blick zwischen die Beine einer Frau“ – oder so ähnlich – genannt.

8
Verrückte interessieren mich am meisten. Solche, die Scherze machen, die ins Mark gehen. Solche, die alles wollen und nicht nach der Vernunft fragen und solche, die brennen, brennen an beiden Enden.

9
Ich liebe den Alltag mit seinem Rhythmus, weil ich das dann für eine universale Wirklichkeit halte. Also: alles scheint irgendwie gut zu sein. Weil alles geordnet ist. Deshalb wäre es angebracht, eine weite Reise zu machen. In ein fremdes Land. Um zu sehen, es ist auch alles ganz anders. Die Sprache, die Kleidung, das Tempo und der Wein.

10
Während ich Nachrichten höre, drängt sich mir die Frage auf: Zahlt es sich überhaupt noch aus, in die Arbeit zu fahren, wenn rund um mich die Welt einbricht?  … Keine großen Fragen stellen, oder?

11
Sie hat schon gestöbert und festgestellt, dass ihr die stressige Voranschlag Zeit nicht mehr richtig gefällt und sie sich nach Ruhe und Genuss ihrer Habseligkeiten sehnt.

12
Mit alten Menschen aufmerksam zusammen sein bedeutet mehr als jedes Achtsamkeitstraining!

13
Während ich mich am Buffet im Speisesaal anstelle, fliegen mir folgende Worte zu: „… Ich interessiere mich in letzter Zeit immer mehr für …“. Leider kann ich den zweiten Teil des Satzes nicht mehr hören.

14
Vieles, das ich während meiner Dienste zu Ohren bekomme, sollte vertont werden:
„Die Brüste wohnen im Dekolleté dicht beieinander.“
„Seine Augen hören!“
„Ich will hier nicht übernachten! Zu viel fremder Kummer treibt sich zwischen den Fenstern, der Wand, der Decke, den Vorhängen.“

15
Ich will im Freien am Wasser übernachten. Ich kaufe mir eine aufblasbare Matratze und einen leichten Schlafsack.

16
Lebendig sein ist überhaupt ein rechter Übermut. Eine Frau sein, die ein gesegnetes Leben führt, eine Frau, die jeden Tag das Leben ausprobiert, als wäre es immer wieder neues, überraschendes Geschenk.
So gesehen ist das Leben einfach nur ein Glück, solange es währt. Nämlich ein richtiges Leben, in dem man sich Niederlagen und Siege erlaubt, bei denen keine siegt und keiner unterliegt.

17
Er will sich einen Papierdrachen – einen Oktopus – basteln und ihn fliegen lassen …

Mutter

1
Muttersein macht die Illusion der totalen Autonomie deutlich.

2
Eine gute Mutter ist die personifizierte heile Welt?!

3
Eine gute Mutter bereitet auf die Welt vor und sie lehrt, diese Welt in allen ihren Schattierungen, von schwarz bis bunt, zu sehen. Und sie wartet nicht immer zuhause mit Trost und Suppe, sondern begleitet durch die Welt von schwarz bis bunt – und sie ist dort als eigenständiger Mensch unterwegs.

4
Mutterschaft ist eine Beziehung, die nicht verhandelbar ist, weil das Gegenüber zumindest in den ersten Jahren nicht verhandlungsfähig ist.

5
Sonst noch was????

6
Nützliche Menschen sind eine Seltenheit. Das ist eine Tatsache, die ich wertfrei und emotionslos zur Kenntnis nehme.

7
Die Kinder meiner Schwester sind aus der Kirche ausgetreten. Ab jetzt kriegen die nichts mehr von ihr zu Weihnachten geschenkt. Das zeugt von der humorvollen und theologisch konsequenten Einstellung meiner Schwester.

8
Mutterwerden ist keine Kunst. Ein schönes Kleid nähen schon, das sagt meine Mutter immer wieder zu mir. Sie ist mittlerweile an die 80 Jahre alt. Ich schätze diese nüchterne Betrachtung einer Gegebenheit. Und bin stolz darauf, von solch einer Frau geboren worden zu sein.

9
Ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich für meine Kinder mehr als für jeden Menschen dieser Welt zu tun bereit wäre…

10
Meine Mutter ist der einzige Mensch, dem ich zeitlebens vertraue. Hoffentlich geht das noch lange so.

Toleranz


1
„Wer darf Bruder zu mir sagen?“ „Meine Schwester. Und sonst genau niemand!“ 

2
Meine Schwester sagt sich selber immer öfter einen kurzen Befehl, bevor sie mit bestimmten Menschen telefoniert. Der Befehl hängt mit den zu erwartenden Gesprächsinhalten und der Gesprächspartnerin zusammen.
„Milde!“, „Atmen, atmen, atmen!“, „Freundlich bleiben!“, oder „Pfeif di nix!“ sind u.a. solche Mantras.

3
Mein Mann hat einfach vergessen, mich zu verlassen.

4
Ich sitze an der Simmeringer Hauptstraße. Der 71er fährt zwischen Kaiserebersdorf und der Börse. All das hier ist Klischee: Die MA 48 holt den Mist ab. Wien macht gutes Klima. Der Postler bringt die Post. Frei von CO₂. (Kolleg*innen gesucht). Eine im Tschador versucht gemeinsam mit drei Kindern die Straße zu überqueren. Sie kichern, weil es so lange nicht gelingt, weil immer wieder ein Auto daher kommt. Die Kaffeehausbesitzerin wird in einem Jahr in Pension gehen. Ob das Lokal von ihrer jüngeren Schwester weiter geführt wird, ist fraglich. Sie serviert zur Marmeladesemmel ein Erfrischungstuch, das ich sehr gut gebrauchen kann, weil ich mir natürlich die Finger mit Sauerkirschmarmelade klebrig mache. Jetzt legt meine Kaffeehausbesitzerin grüne Tischdecken auf die Stehtische, die sie am Tischfuß festbindet. Auf den Tischen liegen grüne Mitteldeckchen. Alles passt adrett zusammen und wirkt trotzdem abgelebt. Kurz vor der Pension. Die grau-beigen gegenüberliegenden Fassaden wirken genauso abgenutzt. Sie haben Alufenster mit verschlissenen Jalousien davor, die die Sommerhitze aussperren sollten. Drei Stöcke hat das Haus. Das Erdgeschoss wird von einer Billig-Supermarktkette eingenommen. Da herrscht reges Kommen und Gehen. Die Platanen wurden vor geschätzten 50 Jahren zwischen Straße und Tram-Fahrbahn gepflanzt. Sie beherrschen die Situation und kompensieren die Baufälligkeit der Umgebung. Hier möble ich auch meine Vorurteile gegenüber muslimischen Männern auf. Er, das Oberhaupt der Familie, kommt in Turnschuhen, kurzärmeligem T-Shirt und einer smarten Uhr am rechten Handgelenk daher. Sie, die Frau trägt die Ganzkörperverhüllung, die nur das Gesicht freilässt. Sie trägt die zwei gefüllten Einkaufstaschen. Zur Kleingruppe gehören auch sechs Kinder. Es sieht nach Söhnen aus. Können natürlich auch zufällig eingesammelte Jungscharkinder sein.  Alle acht Personen betreten die Bank, vor der schon die ganze Zeit ein Wachebeamter die Stellung hält.

5
Spontane Schönheiten. Jetzt. Sammeln.

Leidenschaft


1
Lange Gespräche mit wenigen Patient*innen und danach müde sein. Das liebe ich.

 2
Cohen: Da ist ein Riss, durch den ein Licht fällt.

3
„Aneignung“ ist ein kapitalistisches Wort. Kulturelle Aneignung, das ist ja gar nicht möglich, wenn man Kultur zu verstehen versucht.

4
Ideologiefreiheit. Soweit möchte ich kommen.

5
Meine Freundin, die gar nicht weiß, dass sie meine Freundin ist, hat 3600mal das Wort Nein auf weiße Blätter Papier geschrieben. Mit der Hand. Depressionsprophylaxe, meint sie.

6
Meine Mutter meint, vielleicht sollte man Kinder nicht zu lange stillen, sie neigen laut ihrer Erfahrung zur Verweichlichung. Milupa sei besser als sein Ruf. Die durchaus widerlegbaren Thesen meiner Mutter liebe ich. Sie versucht mit großem Erfolg die Welt zu verstehen und den Laden zu schupfen.

Grenzen


1
Es ist nicht gut, ständig auf mich zu schauen, darauf, was ich jetzt möchte, was ich jetzt brauche. Erklär mir die Welt. Gleichzeitig die Idee gut zu finden, Sex ausschließlich positiv zu sehen, als selbstverständlichen Lebensausdruck, als Geschenk, das mich weiterbringt, mich erhellt und darin zum Beispiel Hingabe weiterzuentwickeln. Erklär mir die Welt.vAlles miteinander zeigt mich so gar nicht selbstlos.

2
Demenz. Darüber möchte ich mehr erfahren. Ich treffe auf zwei Frauen. Einmal Angst und Freundlichkeit und einmal Angst und Aggression. Ich komm mir vor wie ein neugieriger Haufen.

3
Wie unverblümt offen sie über eigene Erfahrungen spricht und über ihre privaten Pläne. Es ist mir zu intim. Sie spricht laut und alle, die wollen, können mithören. Intim ist auch, die Nase zu rümpfen bei einer Begegnung.

4
„Man hat mich in einem Büro abseits vom Schuss abgestellt. Ohne Infrastruktur, ohne Anbindung. Sie bezahlen mich fürs Nichtstun.“ Die Entrüstung der Sekretärin ein paar Monate vor der Pension ist nicht gespielt.

5
Auf einem Foto sehe ich Körper auf weißen Laken.

6
Der Satz „Ich bin so!“ gilt bei dir nicht.

7
Ich komm mir manchmal sehr bescheiden vor, weil ich mich darin eingefunden habe, einfach und bescheiden zu leben.

8
Das ist ein steter, neuer Auftrag an mich: Geh an die eigenen Grenzen. Und staune darüber, was dann passiert. Staune darüber, wie tief das Loch ist, in das du manchmal fällst oder wie schwach die Brücke ist, die einstürzt, wenn du zur falschen Jahreszeit drübergehst, und was passiert, wenn du dir selbst genügst.