KategorieLicht am Stelldichein

Offenbarung

1
Das Leben hat keine Handlung.

2
Da bin ich unerschrocken!

3
Und?“, sagt der Bruder zur Schwester. Das waren seine klugen Worte.

4
Ich finde mehr und mehr zu einem Ablauf der Dinge, der mich glauben lässt, es sei immer schon so gewesen. Mehr noch: genau das habe ich immer schon gesucht. Als sei es immer schon so in mir angelegt gewesen und jetzt habe ich jenen Ort gefunden, wo ich mich so richtig entfalten kann. Er befindet sich unter meinen Füßen. Am frühen Morgen stecke ich die Füße in ein warmes Bad, creme sie danach ein und stelle mich dem Tag.

6
Zufälle sind zuverlässig.

5
Irgendwann ist man zu alt fürs Kino.

7
Ich schaue mir keine Serien an, lebe selber in einer.

Versuchung

1
Neue, ekstatische Wahrheiten über das Leben festhalten

2
Ein Krankenbesuch. Eine Frau von 80 Jahren singt mir ein Lied vor:
„i kumm heit zu dir, oba net durch die tür, i klopf an die fenstal an. i muass da wos sogn und muass di wos frogn, es hängt unsa glück davon ob.“

Das habe ihr verstorbener Mann immer wieder gesungen, wenn er schlafen ging. Unabhängig davon, ob sie selber noch wach war oder schon geschlafen habe. Mit zunehmendem Alter habe er immer öfter und frohlockender gesungen.

3
Ilse Aichinger: Schreiben kann man wie beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.

4
Frage: Soll ich mir den Briefwechsel von Camus und Maria Casares, Schreib ohne Furcht und viel, kaufen? Antwort: Schreib lieber!

5
Es macht keinen Sinn, am Abend fernzusehen.
Es macht Sinn, den ganzen Tag und den Abend im Freien zu verbringen.

 

 

 

 

Meer

1
Die March bringt uns in Stimmung, der Fluss, der stetig neben uns rinnt. Ein Rotmilan, ein Graureiher, die singende Meise, die Weidenbachmündung und die tanzenden Bäume, das Schwemmholz, der Sand unter den Füßen. Den Kreislauf der Natur vor Augen, das Leben vergehen sehen, dich an meiner Seite wissen. Limoncello im Picknickkorb. Alles wie ein Tag am Meer.

2
Ich werde nie ankommen. Immer wieder. Der Jenseitsgedanke hat sich aufgelöst.

3
Wir nehmen die Fähre. Das Paar, das die Fähre betreibt, muss nicht zwangsläufig ein Ehepaar sein. Eine Frau und ein Mann. Sie bringen im Halbstundentakt Menschen von einem Seeufer zum anderen. Von der Zugstation zum Ortskern. Und wieder zurück. Den ganzen Tag lang bei (wahrscheinlich) jedem Wetter. Den Fahrgästen geben sie bereitwillig Auskunft darüber, wo die besten Wirtshäuser im Dorf zu finden sind, darüber, ob die Berge eine Gefahr für die Menschen, die da leben, darstellen, wie viel Kriminalität es hier gibt, wo sich das nächste Krankenhaus befindet.
Ungefragt beschreiben sie, wie wir die tiefste Stelle des Sees zu Fuß erreichen können. Wir finden den Weg zur Hängebrücke, die über besagte Stelle führt.  Wir bleiben stehen und staunen in die Tiefe.

4
Der Zaunkönig huscht wie eine Maus im Gebüsch von Strauch zu Strauch. Wir stören ihn kurz im Vorbeigehen. Er bleibt hier über den Winter, ihn zieht nichts Richtung Süden.

 

 

 

Blume

1
Einmal in der Woche bekomme ich einen Strauß Blumen geschenkt. Was für ein Prassen! Daran möchte ich mich nicht gewöhnen. Ich möchte es unverblümt lieben, jeden Tag.

2
Um zu beschreiben, was einen Wald ausmacht, reicht es nicht, die Bäume zu zählen.

Nähe

1
gekitzelt werden

2
Wir wandern auf die Rax. Auf einen Thörlkopf. Ich komme ins Schwitzen beim Raufgehen und genieße das. Wir achten auf jeden Schritt und jede körperliche Regung. Wir teilen uns die Jause gut ein und die Luft, das Wasser. Wir schmecken alles sehr deutlich. Wir bewundern die Schneerosen und den Kalkstein und verstehen uns gut.  Alles, was dabei offen bleibt, vollendet der Gipfel.

3
Ein Mann mit Traktor arbeitet zwischen den Bäumen, sammelt abgeworfene Äste und morsche Holzstämme auf, lädt sie auf den Anhänger. Der starke Wind ist wohl der Grund dafür, dass wir zwei die einzigen Gäste unter diesen Bäumen sind. Ödön von Horvath-Angst hält alle anderen davon ab, hier einen Spaziergang zu machen. Wir leben in den Nachmittag hinein, wir drei.

4
Der Abend verspricht schön zu sein. Wir feiern 35 Jahre gemeinsamen Lebens. Er besteht darauf, dass ich es einmal erwähnt habe, dass er mein Lieblingsmensch sei. Ich kann mich daran erinnern. Es ist nicht wichtig für heute. Wir sitzen in der Abendsonne. Mit uns die Freude beim Anblick des verblühenden Gartens, des absterbenden Grüns. Die Freude an der Zweisamkeit im Haus, des in den Abend Hineinwachens, bis man müde wird und ins Bett geht und einschläft. Die Freude an den kleinen Handgriffen im Garten, ein paar Blumen einstellen, bevor sie endgültig verblühen, den Schnittlauch ein letztes Mal für heuer gießen. Die Erkenntnis, dass alles zu einer Anstrengung wird, wenn man es sich einmal vorgenommen hat, dran zu bleiben.

5
Ein ferner Bekannter hinterlässt eine Nachricht auf meiner Mailbox. Nachdem ich sie mir zweimal angehört habe, weiß ich, dass sie nicht für mich bestimmt ist. Seine Stimme klingt aufgeregt. Er bittet um dringenden Rückruf, mit seiner Frau stimme etwas nicht, es sei schlimm und er müsse mir zwei unaufschiebbare Fragen stellen. Ich rufe sofort zurück, um ihn über seinen Irrtum aufzuklären. Eine unvermutete Nähe stellt sich ein.

6
Jahrelang waren die beiden Matratzen vom Ehebett in unterschiedlicher Höhe eingerichtet. Jetzt hat sie sie auf gleiche Höhe gebracht. Eine neue Ära beginnt.

7
Es ist eine schöne Frage, die Du mir stellst, mir zu überlegen, wie ich mich im Laufe der gemeinsamen Jahre verändere.

8
Dieser Mensch ist Bewohner in mir,  ist meine Käseschmiere und mein Lebendigkeitselexier.

9
Wir haben schon so viel erlebt ohne einander.

 

 

Früchte


1
Mich überfluten Geschichten, die von einem Gegenstand ausgehen, von einem beseelten Ding, das mich erinnert, das an Gefühle anklopft; zum Beispiel eine Pflanze, die schon lange eine Rolle spielt, eine Speise, ein Geruch. Der Wind an meiner Wange oder der am Fensterbrett abgelegte Stein. Das alles sammle ich und horte es, staple es übereinander, betrachte es. Suche Worte dafür. Ich spüre den Drang, alles herauszulassen, was ich so allmählich in mich hineingestopft habe.

2
Ich beobachte eine Frau dabei, wie sie ihrem bettlägerigen Mann kleinen Löffel für kleinen Löffel voll süßer Speise reicht. Gierig verschlingt er das Dargebotene. Später, im Supermarkt, nehme ich mir einen Obstgarten aus dem Regal und lege ihn in meinen Einkaufskorb. Was ich sonst nie tu. Obstgarten einkaufen. Ich will nachspüren.

3
Wir hinterlassen Spuren, indem wir Fingerringe im Fluss versenken. In verschiedenen Flüssen. Es werden immer mehr. Was für ein verschwenderisches Spiel! Außerdem streue ich Deine Erde in meinen Garten und meinen Sand auf Deinen Acker. Wir zeichnen einander ein, tragen einander in den Gesichtszügen. So zeigen wir uns.

 

Gebet

1
Ich bete nicht so, wie du dir das vorstellst!


2
Er schenkt mir eine Handvoll verrosteter Eisentrümmer, Fundstücke  eines Umbruchsortes. Er verbindet die Gabe mit der Aufforderung: „Spiel damit!“ Ich spiele also damit. Regelmäßig. Immer wieder einmal wenn ich vorbeigehe an der Bank, auf der ich sie zwischenzeitlich deponiert habe. Lege sie einmal so, einmal anders.

3
Stoßgebet, heute:
Du!

4
Man muss schon sehr gut aufpassen auf sich selber.

5
Ernst Jandl:
ich bekreuzige mich vor jeder kirche,
ich bezwetschkige mich vor jedem obstgarten…

6
Jener unbekannte Liebhaber, das bist du auch.

7
Beten ist jedermann möglich.
Den Dingen mit einer besonderen Geistesgegenwart begegnen, mit einer freundlichen Zugewandtheit, mit einem verzweifelten Ruf, mit einer vertrauten Regelmäßigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

Berührung

1
Ich besuche einen Kurs zum Thema Basale Stimulation. Die Essenz daraus ist die Erfahrung, dass der Mensch sich seiner erst durch die Berührung eines anderen bewusst wird. Ich werde durch die körperliche Berührung eines anderen Lebewesens erschaffen. Ich wundere mich sehr über mich, das nicht schon lange gewusst zu haben: Wir müssen unsere Moleküle austauschen, unsere Spuren auf unseren Körpern und Seelen hinterlassen, um Mensch zu werden.

2
Meine Vorratskiste an Trauer füllt sich mehr und mehr.  Scheinbar grundlos wird sie schwerer. Mit zunehmendem Alter und abnehmender Sehkraft.

3
Wir stellen uns mit vorgeschriebenem Abstand an. Fragt mich die Frau vor mir in der Warteschlange: „Ob wir das dann noch können, wenn wir es wieder dürfen? Einander um den Hals fallen?“

4
Das Wort „ätzend“ fällt mir zu.

5
Sie sagt: „Ich verbrenne nicht, ich brenne. Da kann ich gar nichts dagegen machen.“ Er sagt: „Genießen Sie es!“

6
Weil sich die Welt um mich herum so schnell dreht, verschaffe ich mir Gleichgewicht durch Gleichgültigkeit. Ich erlebe nichts Besonderes. Jede Nachricht scheint gleich viel Bedeutung zu haben: dass ein paar Räume weiter in einer Stunde das Beatmungsgerät abgeschaltet wird und ich dabei Beistand leisten soll, dass meine Tochter Erbsenlaibchen fürs Abendessen zubereiten will, dass der Holzpreis gestiegen ist, dass das Testergebnis negativ ist, dass der Sohn meiner Kollegin einen lebensbedrohlichen Autounfall hatte.
Ein Frühlingsspaziergang im Schneesturm erschüttert mich bis in die Knochen. Ich friere herzzerreißend.

Umarmung


1
Ich kenn da jemanden, der mit Umarmungen nicht geizt. Ihn durfte ich unlängst dabei beobachten, wie er Josef umarmt. Josef ist nun wirklich niemand, den man kurz in die Arme schließt. Abseits jeglicher Koketterie strahlt er respekteinflößende Schüchternheit aus. Ganz und gar nicht lädt er zum Kuscheln ein. Nun fand da diese unverblümte Umarmung statt. Das Ausbreiten zweier Arme, das Umfassen des auserwählten Körpers, das Ablegen des Kopfes auf dessen Schulter. Kein ausgedehnter Akt, allerdings lang und innig genug, um die Anwesenden in Staunen zu versetzen. Eindeutig war Irritation in Josefs Gesicht zu erkennen. Und verschämte Freude. 

2
Heute endet jedes Gespräch damit: „Hoffentlich dürfen wir einander bald wieder berühren.“ 

3
Es erfüllt mich mit Freude, dass Menschen trotz des herannahenden Endes dankbar sind, mit jenen Banalitäten konfrontiert zu sein, wie sonst auch. Die Umarmung des Todes wird zu einer selbstverständlichen Gegebenheit – so, wie man eben zwischendurch einen mittelmäßigen Film anschaut oder über den Gartenzaun mit der Nachbarin die Wetterlage bespricht.

 

 

 

Fragen


1
Es kristallisiert sich die bedeutsamste Frage in diesem Jahr der Enthaltsamkeit heraus: Wie viel Menschenkontakt ist mir zuträglich? So, dass alle etwas davon haben, ohne zu viel zu verlangen.  Der wohlwollende Gefährte weist mit Nachdruck darauf hin, das Leben dauere nicht ewig. Das eigene Kind meint, es gäbe eine Zeit fürs Geben und eine fürs Nehmen.
Jetzt ist es Zeit für das, was auf der täglichen Aufgabenliste an letzter Stelle steht. Oder gar nicht draufsteht. Die Lieblingsdinge. Das Alleinsein. Das Nichts-leisten-Müssen. Das Nichts-Müssen. Das Bescheiden-Sein. Das Genau-Schauen. Das In-den-Tag-hinein-Leben. Das Sich-selbst-Beobachten. Das Aufeinander-Zugehen ohne Termin. Die Gedächtnisschule Langsamkeit. Das Lustwandeln im eigenen Körper, noch bevor er gebrechlich und schmerzhaft wird. Das Großzügig-Sein. Das Beachten des Überfließenden. Der Rhythmus, angepasst an das natürliche Licht. Das Einssein. Das Geborgensein im Nichtwissen. Das Mich-fallen-Lassen in die Unsicherheit, bis sie trägt.

2
Zeitlebens bin ich dabei, einen Standpunkt zu finden, von dem aus ich möglichst viele Fragen stellen kann.

3
Zwei Geschwister sprechen über ihre Kindheit, die lange zurückliegt. Obwohl sie nur ein paar Lebensjahre trennen, sind ihre Erinnerungen an Gemeinsames fast gegensätzlich.
Welche Erfahrung stimmt?
Woraus setzt sie sich zusammen?
Worum geht es?
Es liegt alles sehr nahe beieinander, unabhängig davon, ob man die Provinz verachtet oder sie erfrischend erlebte. Ob man dem engen Tal und der erlernten Alltagssprache Erweiterung abringen konnte oder nicht. Ob man es wichtig fand, Wörter wie Küssen, Sex oder Vagina mit den Jahren in den alltäglichen Sprachgebrauch aufzunehmen oder nicht.
Ob man die Menschen, die damals dort lebten, lieben durfte oder nicht.

4
Ich bedränge mich selber damit, die richtige Frage zu stellen. Ich schieße sie ab wie einen Pfeil. Zurück kommt die wohlüberlegte Antwort. Einmal bin ich enttäuscht. Ein anderes Mal erkenne ich das Wahrscheinliche darin und freue mich ob des getanen Schrittes.
Wer auf eine wesentliche Frage eine Antwort gibt, scheint auf dem Holzweg zu sein. Eine wesentliche Frage führt ins Offene, ins schillernde Versprechen. Und trotzdem bin ich verrückt nach dem Frage-Antwort-Spiel, nach dem Fremden, das in ihm liegt, dem reizvollen Unerkannten, verheißungsvollen Ungefähren…

5
Eine echte Frage macht viel Arbeit. Zum Bespiel jene, die einen aufregenden Wendepunkt im eigenen Leben markiert. Zum Beispiel: Willst du mich heiraten?

6
Sie fragt: Warum siehst Du mit 68 noch so aus, als wärst du 58?
Er sagt schon seit vielen Jahren, er sei 68.
(Verliebte sind doch immer schön, oder?)

7
Wo in Österreich gibt es noch Urwald?