Berührung

1
Ich besuche einen Kurs zum Thema Basale Stimulation. Die Essenz daraus ist die Erfahrung, dass der Mensch sich seiner erst durch die Berührung eines anderen bewusst wird. Ich werde durch die körperliche Berührung eines anderen Lebewesens erschaffen. Ich wundere mich sehr über mich, das nicht schon lange gewusst zu haben: Wir müssen unsere Moleküle austauschen, unsere Spuren auf unseren Körpern und Seelen hinterlassen, um Mensch zu werden.

2
Meine Vorratskiste an Trauer füllt sich mehr und mehr.  Scheinbar grundlos wird sie schwerer. Mit zunehmendem Alter und abnehmender Sehkraft.

3
Wir stellen uns mit vorgeschriebenem Abstand an. Fragt mich die Frau vor mir in der Warteschlange: „Ob wir das dann noch können, wenn wir es wieder dürfen? Einander um den Hals fallen?“

4
Das Wort „ätzend“ fällt mir zu.

5
Sie sagt: „Ich verbrenne nicht, ich brenne. Da kann ich gar nichts dagegen machen.“ Er sagt: „Genießen Sie es!“

6
Weil sich die Welt um mich herum so schnell dreht, verschaffe ich mir Gleichgewicht durch Gleichgültigkeit. Ich erlebe nichts Besonderes. Jede Nachricht scheint gleich viel Bedeutung zu haben: dass ein paar Räume weiter in einer Stunde das Beatmungsgerät abgeschaltet wird und ich dabei Beistand leisten soll, dass meine Tochter Erbsenlaibchen fürs Abendessen zubereiten will, dass der Holzpreis gestiegen ist, dass das Testergebnis negativ ist, dass der Sohn meiner Kollegin einen lebensbedrohlichen Autounfall hatte.
Ein Frühlingsspaziergang im Schneesturm erschüttert mich bis in die Knochen. Ich friere herzzerreißend.

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