Umarmung


1
Ich kenn da jemanden, der mit Umarmungen nicht geizt. Ihn durfte ich unlängst dabei beobachten, wie er Josef umarmt. Josef ist nun wirklich niemand, den man kurz in die Arme schließt. Abseits jeglicher Koketterie strahlt er respekteinflößende Schüchternheit aus. Ganz und gar nicht lädt er zum Kuscheln ein. Nun fand da diese unverblümte Umarmung statt. Das Ausbreiten zweier Arme, das Umfassen des auserwählten Körpers, das Ablegen des Kopfes auf dessen Schulter. Kein ausgedehnter Akt, allerdings lang und innig genug, um die Anwesenden in Staunen zu versetzen. Eindeutig war Irritation in Josefs Gesicht zu erkennen. Und verschämte Freude. 

2
Heute endet jedes Gespräch damit: „Hoffentlich dürfen wir einander bald wieder berühren.“ 

3
Es erfüllt mich mit Freude, dass Menschen trotz des herannahenden Endes dankbar sind, mit jenen Banalitäten konfrontiert zu sein, wie sonst auch. Die Umarmung des Todes wird zu einer selbstverständlichen Gegebenheit – so, wie man eben zwischendurch einen mittelmäßigen Film anschaut oder über den Gartenzaun mit der Nachbarin die Wetterlage bespricht.

 

 

 

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