Autormartha

Semmering

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Der Sommer fängt so an: Sarah Kirsch, Tagebuch 1990.
Und wir halten Sommerfrische.

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Dieses Weltkulturerbe „Semmering-Bahn“ hat es uns angetan. Und der Regen und das Faulenzen. Landschaft fällt uns zu und die alten Villen. Kunst fällt uns nicht zu. KeineR von uns hat Lust darauf, sich eine Lesung anzuhören.

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Jene Gebäude, die den Skifahrern zur Verfügung stehen, sind schrecklich anzusehen: Talstation. Bergstation. Essensbuden. Und dazwischen die Pisten, die im Sommer zur Radfahrstrecke umfunktioniert werden. Der Berg voller Wunden, Krusten, Narben. Nur der Wasserteich für die Schneekanone hat Versöhnliches an sich.

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„Auch wir hinterlassen Spuren. Von Venedig bis New York“

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Panhans und die Plakate von anno dazumal, die diese Gegend bewerben, sind einmalig. Das Bahnhofmuseum wir liebevoll von Ehrenamtlichen betreut. Sie sind schon etwas gebrechlich und zerknittert. Das passt gut zur Nostalgie, die in der ganzen Geschichte der Semmering-Bahn steckt. In einer Demokratie wäre so ein Bau nicht möglich!

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Es zwei Frauen recht zu machen, das ist nicht einfach.

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Alle langgedienten Paare schweigen, wenn sie zu zweit im Restaurant sitzen. Oder sie schauen auf ihre Handys. Oder einer von ihnen schaut aufs Handy. Und, hast Du morgen schon etwas vor?

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Sarah schreibt: Das Licht von Alpha Centauri (der Stern, der uns am nächsten ist) braucht fünf Jahre, bis wir es sehen können. Das heißt, sein Licht, das jetzt bei uns ankommt, ist gestartet, als ich Dich das erste Mal geküsst habe.

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Im Nationalpark Kalkalpen haben Forscher im Jahr 2023 einen sensationellen Fund gemacht: den Rothalsigen Düsterkäfer, eine Urwaldreliktart! Es ist ein schwarzer Käfer mit rotem Hals.

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Ich fühle mich jedenfalls wehmütig, wenn ich meinen Kalender für kommende Woche ansehe. Er ist bumsvoll. Entweder ich habe sehr viel zu tun oder ich bin krank und mache mir Sorgen, dass ich vereinsame und am Sinn des Lebens vorbei dämmere. Kann ich mich im Schreiben zeigen und verbunden sein mit den Menschen, die mir am Herzen liegen und jenen, die ich unbedingt noch kennenlernen möchte?

Bootfahren

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Dem Älterwerden soll ich Verrücktheit und Schrägheit entgegensetzen, sagt meine Freundin, sonst ist das ja gar nicht auszuhalten.

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Was, wenn alle mit ihrem Bild von mir daneben liegen?
Ich dürfte jetzt – mit 57 Jahren – wirklich ich sein. Als wäre ich sieben Jahre alt und könnte tun und lassen, was ich will; da anknüpfen, wo ich nach meiner Erinnerung wirklich glücklich war?

3
Ich war mein Leben lang katholisch, aber seit den Wechseljahren kann ich nicht mehr an Gott glauben. Es macht für mich einfach keinen Sinn mehr. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Dadurch kann ich jetzt Bereiche des Lebens erkunden, die wegen meines Glaubens früher tabu waren. (Miranda July)

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Meine Tochter sagt zu ihrem Vater: „So einen Menschen, wie du einer bist, so einen kann man sich gar nicht ausdenken!“

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Urlaub kommt vom althochdeuschen Urloub und bedeutet, dass die Knechte und Mägde zum Altbauern gingen, dem Ur, gingen und ihn um Erlaubnis baten, sich für eine gewisse Zeit entfernen zu dürfen.
Ferien kommt aus dem Lateinischen, von feriae, Feiertag, Ruhetag, freie Zeit, „faire rien“.
Beide Erklärungen sind an den Haaren herbeigezogen. Mir reicht es, Muse zu finden im Schöntun.

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Jetzt ist es soweit, dass alle E-Cars kaufen.

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Ich finde im Secondhandladen zwei Kleider für mich. Die Verkäuferin entschuldigt sich fast, dass sie dafür 12 Euro verlangt. „Wenn das okay ist, 10 würden auch gehen“, sagt sie. „Wenn jemand arm ist, gebe ich es auch noch für weniger her.“
Jetzt fallen mir die Frauen ein, die zur Martin Krucej-Lesung in Bleiburg gekommen sind. Durchgestylt von oben bis unten. Bei den Kosten für diese Garderobe muss man wohl noch 3 Nullen dranhängen.

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„Meine Tür steht Dir immer offen. Aber komm nur dann, wenn Du aufrichtig sein kannst.“

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In der Leserunde geht es um Familie. Das Buch einer 27-Jährigen ist unsere Grundlage. Alle reden mit wie sonst nie. Familie ist immer Thema und in jungen Menschen schlummert die Weisheit der ganz Alten. Wie gut, dass einige das zeigen.

10
Sie findet den halb verwesten Körper ihres Bruders im Bett vor. Er ist nicht mehr zu erkennen. Es ist ein Schock. Die Rosenblätter, die sie Wochen später in das offene Grab streut, legen sich wie Balsam über diesen schrecklichen Anblick.

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Lebe für die Erfahrung. Naja, …

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Mit den Strottern, dem Kollegium Kalksburg und den Klangviertlern kann man hervorragend Abschied feiern! Wovon auch immer … vom Sommer, von einem liebgewonnenen Menschen, von guten Manieren oder von der Sinnhaftigkeit des Daseins…

Laptop

1
Jetzt ist mein Laptop da und ich benutze ihn nicht. Es wäre halt eine Entscheidung. Hauptsächlich zu schreiben. Feige Sau, sag ich zu mir.

2
Ich beziehungsweise mein Hals ist leicht angeschlagen und so bin ich schön zahm und schweige und lasse meine Vogelapp laufen, während wir mit dem Boot auf der Thaya dahingleiten.

3
Ich sitze einer mitteilungsbedürftigen Person gegenüber und kann es nicht fassen, welcher Wortschwall da über mich hereinprasselt. Ich langweile mich zu Tode, schaue wahrscheinlich völlig entgeistert, was aber keinen Einfluss auf den Redefluss hat. Sogar meine Kopfschmerzen verschwinden unter diesem massiven Wortangriff.

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Er sieht gut aus. Er hat jetzt 6 Wochen lang nur von Wasser, Gazpacho und Kaffee gelebt. Nichts Süßes. Und harte, körperliche Arbeit draußen in freier Natur. Da haben ihm auch die 40 Grad nichts anhaben können.

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Der Hochzeitstagausflug an die Donau zum Uferhaus in Klosterneuburg war perfekt. Hab erst aus diesem Anlass das Strombad Kritzendorf kennengelernt.

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Wir besuchen ein älteres Paar, das wir von „früher“ kennen. Lange haben wir uns nicht gesehen. Als wir ankommen, steht der Wurstsalat schon auf dem Tisch. Der Zwetschkenkuchen wird später serviert, der ist vom Feinsten. Die Wohnung ist noch so, wie ich sie von früher kenne. Die Zeit hat sich darauf abgelegt, alles wirkt ein wenig schäbig, abgenutzt.

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Für ein Ehepaar ist es eine große Anstrengung, gemeinsam unter einem Regenschirm zu gehen.

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Und wir finden kein Kissen, auf das wir unser Haupt legen können.

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Das Warten an der Haltestalle und das Busfahren kann ich als einen Akt der Einsamkeit erfahren. Oder als Akt der Öffnung zur Welt, zur Öffentlichkeit. Gegenüber denen, die auch Bus fahren. „Bruder, wenn ich sterbe, dann sterbe ich“, erklärt der schwarze Radfahrer dem weißen Radfahrer seine Haltung zum Leben. Wir sitzen zu dritt im Bus von Floridsdorf nach Zistersdorf. Die beiden Räder sind an der dafür vorgesehenen Stange befestigt.
Das Arbeiten am Laptop ist nicht möglich, weil zwischen den Sitzen kein Platz dafür vorgesehen ist.

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Im Krankenhaus muss ich 0 Geschirrtücher bestellen, um 10 zu kriegen. Und das auf jeden Fall vor 8 Uhr morgens. Sonst krieg ich gar nix. Das nenne ich mal eine einfallsreiche Schikane, die nicht weh tut.

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Es gibt Menschen, die gehen mit 58 in Pension. Das wäre für mich: JETZT.

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Meine Verkühlung dauert nun schon seit Wochen und ich erhole mich nur langsam. Oder gar nicht. Der Husten ist so stark, dass ich mich übergeben muss.

Chillen


1
Einsam sein heißt, mit sich selbst zusammen sein. Das Alleinsein als Befreiung von der pluralistischen Vielfalt erleben und für die Entdeckung der Differenziertheit der eigenen Stimme plädieren, darauf stürze ich mich jetzt einmal frischfröhlich.

2
In guten Büchern liegt der der Gewinn in der Sprache.

3
Dass Geld immer Thema ist!

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Dass Liebe so schrecklich hart sein kann! Ihre französische Liebhaberin beherrscht die ganz, ganz feine Klinge. Mitten ins Herz damit, aber schön langsam, dass es richtig lange weh tut.

5
Dass der Sommer so intensiv ist! I Halb taumelnd bewege ich mich durch Mistelbach. Hitze, Türke, Schwarztee, Bus.Hitze.

6
Ich möchte ihm immer wieder zeigen, dass ich (auch) noch die bin, in die er sich damals verliebt hat. Das ist eine Mischung aus harter Knochenarbeit, Selbstüberschätzung und Dummheit.

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Ich klebe mir die deutsche Tastatur wie eine zweite Haut auf die englische. Das erleichtert mir den frühen Tagesstart. Der neue Laptop kann von Haus aus nur Englisch. In der Früh soll ich Briefe schreiben und WhatsApp-Nachrichten beantworten. Danach richte ich ein Frühstück für die Gäste und denke an meine Schwester, die einen guten Gedanken braucht.

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Ein schöner Spaziergang von Niedersulz nach Nexing. Mit Freunden und ihrem Lieblingshund. Aus einer Müdigkeit heraus umkreisen unsere Gespräche die Veränderungen des Lebens, das Wechselspiel, den Wechsel, die Veränderungen von Beziehungen und die Schönheit von Landschaften. Es ist alles doch irgendwie aufregend. Wir atmen frischen Wind.

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Ein Leben voller Sehnsucht versus ein Leben, das voller Überraschungen steckt.

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Kunekune hüten seinen Weingarten. Das sind Schweinchen aus Neuseeland, Hausschweine der Maori. Ich finde das sehr exotisch und findet in unserer Nachbarschaft statt.

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Verwandte sind zu Besuch in der Wiener Vorstadt. Alles sehr beschaulich und gemütlich. Mit Swimmingpool und vertrauten Geräuschen aus der Nachbarschaft. Wir essen Weißwürste mit Brezen. Ich gebe schon nach 3 Stunden w.o. Ich kann ein paar Dinge, aber chillen in Gemeinschaft, das kann ich nicht gut …

Triest

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Ich habe noch nie in meinem Leben drei Stunden im Stau gestanden. Man verfällt dabei in eine selbstschützende Lethargie.

2
Der „Edammer“ auf dem Karsthügel, der zum Meer hin abfällt,  ist immer noch da. Er scheint unverwüstlich. Genauso wie die Spelunke mit dem Kunstgrasteppich auf der schmalen Mole.

3
Bei der Ankunft liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen. Das entrüstet mich. Das freundliche Personal im Hotel Vis á Vis macht dieses Ärgernis wett. Eine Stunde später ist das Schiff verschwunden. Vielleicht habe ich mir das alles auch nur eingebildet.

4
Der Blick aus dem Hotelzimmerfenster fällt auf in eine schmale Gasse. Dort ist der Schriftzug „Ulysses“ angebracht. Eine poetische Spur ist gelegt.

5
Ein Spaziergang führt bergauf. Wir kommen ins Schwitzen und werden mit dem Ausblick auf den Hafen und das Meer belohnt. In der Kirche Maria Maggiore lauschen wir für einige Minuten den für uns unverständlichen Worten eines Priesters, der die Messe liest. Die Atmosphäre ist beruhigend. Immer wieder baue ich mir einen Leuchtturm aus den zum Teil schrecklichen Bausteinen der katholischen Kirche, die mir zur Verfügung stehen. Über diese Tatsache möchte ich nicht mehr viel nachdenken.

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Der Mann in der Vinothek füllt uns für 3,5 Euro Wein aus der Zapfanlage ab. Das geht hier auch. Er schmeckt uns sehr gut, der Friulano, der Ribolla Gialla und der Prosecco. Selbst einige Wochen später wieder daheim im Weinviertel hat er nichts von seiner Frische eingebüßt!

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Kurz vor Miramare finden wir einen Parkplatz. Auf der Promenade tummeln sich die Badegäste. Wie (fast) immer strahlt die Sonne auf die Schlossmauern. Spektakuläre Architektur. Ich schwimme eine Runde und schaue mir Triest vom Wasser aus an. Viel Stadt ist da zu sehen.

8
Wir schöpfen wieder einmal aus dem Vollen. Mein Reisegefährte legt den großen Bogen Papier, auf dem das Periodensystem abgebildet ist, auf dem Boden aus. Ein weiterer Schritt auf der poetischen Spur dieser Stadt. Ich habe mir das so sehr gewünscht, wieder einmal hier zu sein! Man kann dazu nichts beitragen, dass das eigene Leben manchmal wie eine Operette daherkommt. Einfach ignorieren!

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Aquileia ist wie aus der Zeit gefallen. Wir staunen über die Zedern des Libanons, die im Garten des Archäologischen Museums stehen. Eine mit massivem Mittelstamm und weit ausladenden Ästen, die gestützt werden. Die andere mit 7 Stämmen, die aus einem Wurzelstock wachsen. Auf jeden Fall gefallen mir die Bäume mindestens so gut wie die Mosaike, Grabbeigaben und Statuen. Goldringe fliegen mir zu.
Was ist nicht poetisch hier im Friaul? Die Politik? Ich denke immer wieder an Grado, es liegt in unmittelbarer Nähe.

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Unsere Agrotourismo – Zimmer – Vermieterin heißt Alissa und ist blutjung. Im Emailverkehr hat sie immer mit Luis unterschrieben, mit dem Namen ihres im Februar verstorbenen Vaters. Jetzt führt sie den Laden.

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Grappa schmeckt überall gut. Am besten nach dem Essen und Cividale del Friulano hält, was der Reiseführer verspricht. Kleines Städtchen mit viel Space für Schönheit. Der Spaziergang führt zum Wasser. Der Fluss nennt sich Natisone. An die 11. 000 EinwohnerInnen leben hier. Ein Hund wird im Kinderwagen vorbeigefahren. Die Hundebesitzer fotografiert die Szene.

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Unter dem Dom von Cividale del Friuli hängen einer Menge Kränze aus Efeu und Trockenblumen. Sträußen aus wilder Karde und Girlanden schmücken die Gassen und Laubengänge für das Fest am Wochenende. Die zwei Damen in der Bar gehen sogar zum Fluss hinunter, um frisches Grünzeug dafür zu sammeln. Sie tragen eng geschnittene Blusen mit tiefen Ausschnitten und stimmen sich und die Gäste auf das Fest ein. In der Pizzeria wird den ganzen Tag gebacken und über die Straße verkauft.
Wir sehen immer wieder Männer, die für das Fest vorbereiten – wahrscheinlich schon seit Tagen. Schilder montieren, Fahnen hissen, Sand aufstreuen, Buden dekorieren. Besprechungen abhalten. Der Alkohol fließt und die Milch in der Milchflasche, auf die man zu Hause wahrscheinlich schon seit Stunden wartet, wird sauer. Irgendwie denke ich an das Dörfchen Erdpreß, da gab es früher auch einmal ein Fest, mit legendärem Herrichten.

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Auf einem Bein zu stehen, das ist nicht leicht.

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Das Werner Berg Museum in Bleiburg liegt auf dem Weg. In ihm tut sich eine neue Welt auf. Die Welt der Christine Lavant. Dass ich eine empfindsame Frau bin, das ehrt mich. Man muss sich mit mir nicht abrackern. Drehe die Herzspindel. Ein Kreis schließt sich.

Yoga mit Ziegen


1
Es wäre angebracht, auf dem neuen Laptop als allererstes einen Liebesbrief zu schreiben.
2
Ich im Baumkreis finde ich eine aufgekratzte Freundin vor. Es hat ein Unwetter gegeben. Das Ferienspiel wurde abgesagt. Das heisst, die vielen Vorbereitungen wieder wegräumen. Die schönen Ideen verstauen. Das nervt sie. Aus dem gleichen Grund fällt auch unsere Wanderung über die Felder kurz aus. Alles ist nass. Und für Hund und Mensch ungeeignet, weit auszuschreiten. Trotzdem lassen wir den Ausflug mit einem ausgiebigen Mahl unter den Lauben ausklingen. Das Ambiente lädt ein und die vorbereitete Jause im Baumkreiskeller. Der Gemischte Satz mundet hervorragend. Wir lassen es regnen.
3
Hanno Rauterberg schreibt mir gefällige Essays. Über Nacktschnecken. Über Komposthaufen. Über den Strand …: „Alles ist offen, alles wird uns geschenkt, hier am Strand. Wir sammeln Muscheln, nehmen sie mit nach Hause, diese eigenwilligen Zeugnisse erschöpften Lebens, die Überreste schutzbedürftiger Tiere.“
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Yoga mit Ziegen! Das muss man nicht erlebt haben, ich kann aber ab nun mitreden, nachdem ich es erlebt habe: 15 Ziegen, 15 Teilnehmende, 15 Yogamatten, eine Ziegenversteherin und eine Yogalehrerin auf einer schiefen, angeschissenen Wiese. Alle Anwesenden – außer den Teilnehmenden – gehen ihrer Profession nach und tun so, als ob das alles ganz normal wäre. Es ist unglaublich.
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Die Generation, die jetzt stirbt, ist die letzte, die Bücher hat. Und gleichzeitig verabschieden sich die wichtigsten Menschen aus meiner Kindheit.
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Urteilskraft ist etwas, das ich dann doch nicht aus Büchern lerne, sondern nur, indem ich mich dem Leben aussetze.
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Meine Libidogruppe verliert an Biss. Ich hoffe, das ist nur eine kleine Sommerschwäche.

Hitze

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Die Kühe rufen sich seltsame Dinge zu.
Ich verstehe fast alles. Es wird ein heißer Tag.

2
Im Sommerkino sehe ich einen recht langweiligen Film, meine Bankberaterin von früher spricht mich an, sie möchte einmal ohne Druck mit mir reden und sich privat treffen und ich verkühle mich, obwohl der Beton, auf dem ich sitze, warm ist.

3
Ab 8 Uhr muss ich einer Patientin die Daumen drücken.

4
Sie ist eine etwas ältere Lady, cirka 7 Jahre älter als ich oder 6 oder 5, wunderbar, gerade verblüht, wie ich es großartig finde.

5
Müde macht der Besuch doch.

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Da gibt es halt eine Armseligkeit, zu der die Ehe uns zwingt. Dieser unscheinbare Punkt, an dem es nicht weitergeht, den man nicht galant überspringen oder elegant umschleichen kann. Ich suche Rat dort, wo ich ihn am meisten suche, wenn ich das Leben nicht verstehe: in der Literatur. Dort finde ich keinen Ausweg. Ich finde nur Bestätigung
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Sind wir als Paar so stark, dass es sich dieser Tanz noch ausgeht? Dieser Tanz im Regen?

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Wir essen noch ein gekochtes Ei für unsere Kühnheit.

9
Ich brauche einen Briefwechsel, wie seinerzeit die Liebeskraft.

10
Das ist heuer kein altmodischer Sommer. Es ist ausschließlich heiß.

Ausleuchten

1
In Amerika stellt sich eine neue Präsidentschaftskandidatin vor. In Frankreich schwimmt die Bürgermeisterin zur Eröffnung der Olympischen Spiele eine Runde in der Seine. In Niedersulz bereite ich Haus und Garten auf eine einwöchige Urlaubsabwesenheit vor.

2
Ich erlaube mir, Unerhörtes aufzuschreiben, unliebsame Ecken auszuleuchten und zu blenden.

3
Er erzählt von getrennten Schlafzimmern aufgrund einer Prostataoperation seit seinem 57 Lebensjahr und jammert, während er erzählt. Ist Sex ausschließlich Penetration?

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Sie sagt, dass es unglaublich schnell geht, dass man sich daran gewöhnt, keine Hoffnung mehr zu haben. Du hörst auf, Teil der Welt zu sein, noch bevor du sie verlässt, du liegst drinnen, während draußen die Menschen gehen. Aber andererseits – vielleicht ist das eine andere Art von Hoffnungslosigkeit – habe ich das Gefühl, dass ich erst jetzt, vor ein paar Monaten, zu leben begonnen habe und dass der Tod nicht mein Feind ist, sondern ein Freund, der mich abholt, mir aber die Zeit lässt, die ich brauche, um mich zu verabschieden. Der geduldig wartet, bis ich damit fertig bin, der mir sogar erlaubt, dabei zu trödeln.
Ich denke, Hoffnung ist im Grunde ihres Wesens schon Hoffnungslosigkeit.

5
Aus einem Buch mit dem Titel „Was mir Freude macht“ vorlesen, das geht angeblich immer.

6
Was wollen die beiden Psychologinnen von mir? Die sind doch in jedem Fall besser dran als ich! Ich kenn mich nicht aus.

7
Eine Kollegin hat absichtlich das Auto eines Kollegen zerkratzt. Sie gibt es freimütig zu. Ist sie verrückt?

8
Ich liebe die tropisch heißen Sommernächte. Sie machen mich total schwindelig.

9
Sie möchte
a) so schnell wie möglich sterben oder
b) wenn das nicht geht, wieder etwas Lebensfreude zurückgewinnen

10
Ich pflücke mit Vorliebe Blumensträuße.

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Sie hatte vielleicht gar eine der Rosen getrocknet und ihre Blütenblätter in einer Schatulle aufbewahrt.

Üben


1
Dürnkrut. Ich nehme die Nordbahn nach Wien. Die ist mir sehr recht. Notgedrungen höre ich zu: „So ein Gespräch hatten wir schon mal“, sagt die junge Frau zu ihrem Begleiter. In Stillfried sehe ich in einem fast ausgetrockneten Tümpel Fische nach Luft schnappen. Tallesbrunn, auch so ein schöner Name. Dörfles. Ich sitze in der S-Bahn nach Wien und denke an Kaminke. „Wer hat dich vorhun angerufen?“, fragt die Frau ihren Partner. Silberwald. Süßenbrunn. Bob Marley war wahnsinnig eifersüchtig. Er hatte offiziell 12 Kinder von 8 Frauen. Von den inoffiziellen wird gar nicht gesprochen. Stadlau. Der Schaffner schaut mein Kleid sehr genau an.

2
Der Platz neben dem Nice Guys, der gefällt mir, weil er so unordentlich ist. Kreativ unordentlich. Ein Flecken in Wien, wie du ihn suchen musst! St. Marx für alle. In einem Dorf wäre das nicht erlaubt.

3
Er hat sich ein apfelgrünes Fahrrad gekauft.

4
Ich will nicht alt und senil werden. Ich sag zu meiner Tochter:  80 ist schon zu viel. Während ich es sage, fällt mir ein: Da habe ich allerdings nicht mehr lange. Meine Tochter erschrickt, obwohl sie mich schon vor Jahren dazu aufgefordert hat, für eine Seniorenresidenz am Ossiachersee Geld zu sparen.

5
Briefe und Geschenke mit der Post zu verschicken ist kostspielig aber ideal.

6
Meine Schwester schickt mir ein Buch, in dem Sex eine herausragende Rolle spielt. Sie meint, ich solle beim Lesen des Buches nicht auf sie zurückschließen. Sie schreibt auch: Hab dich lieb.

7
Ich will nicht ernst sein. Oder so ernst wirken. Da heißt es: üben! üben! üben!

8
Zuhören = Energie

9
„Warum sollte ich schreiben?“

Vertrau doch!


1
Atmen

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Ich muss eine Entscheidung treffen.
Still werden. Hören. Wählen und tun.

3
Ich habe gehört, dass frühe Reife und ewige Kindheit bedeutende Ingredienzien für ein Künstlerinnenleben sind.

4
Das in die Jahre gekommene Künstlerpaar, das im Stadtcafé am Nachbartisch sitzen, gibt ein sehr trauriges Bild ab. Sie versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen, aber es gelingt ihnen nicht. Es hat sogar den Anschein, dass sich die beiden Körper auf die Nerven gehen, nicht nur die beiden Wesen. Eine Liebe sieht ihr Ende nahen.

5
Wie lange trägt uns das Glück unserer Liebe durch den Alltag?

6
Strassergut. Ein bisschen Kitsch, ein bisschen gutes Essen und gutes Trinken, ein bisschen Ästhetik.

7
Zur Feier des Tages lesen wir uns laut die Zeitungsartikel vor, die darüber schreiben, warum wir die Franzosen doch mögen, obwohl wir sie nicht lieben.. Joseph Roth spielt dabei eine Rolle. Und die Frauen in der Bretagne, die immer ihren Mann stellen mussten, weil die Männer auf See waren.
In einer anderen Passage wird die typische Parieserinnen unter anderem so beschrieben, dass sie sich täglich Croissants in sich reinstopft, nie dick wird, betörend hübsch ist, ohne etwas dafür zu tun, sehr intellektuell und trotzdem lustig-frivol sein kann, sich zwei bis drei Liebhaber hält, zugleich aber auch eine sehr glückliche Ehe führt.

8
Im Weinviertel: überall Traktoren und Mähdrescher. Eleganz hat später wieder ihren Auftritt.

9
Es lohnt sich sehr, einen guten Film zweimal anzuschauen. Bei „Perfect day‘s” darf es ruhig auch ein drittes Mal sein.

10
Unser Freund in Zürich ist eines natürlichen Todes gestorben.