Autormartha

Kirschen


1
Die Welt wird mit Scheiße geflutet. Zumindest in den Nachrichten und Berichterstattungen. Reicht es, dieser Tatsache Schönheit entgegenzusetzen? Natürlich braucht diese Zeit eine Haltung. Eine Antwort. Oder reicht ein Schrei?
Reicht es, daheim weiterhin den Boden zu reinigen und Staub zu wischen? Empathisch an Krankenbetten zu sitzen und ein Gedicht auswendig zu lernen?
2
Das Nichtsprechenkönnen darüber, wofür man gebrannt hat und vielleicht noch brennt, breitet sich so weit aus, dass es ganz still um mich herum wird.
Wenn ich diese Stille in die wild-wüste Welt stelle, wie sie sich mir jetzt zeigt, denke ich sofort an früher, also an meine Kindheit, meine Jugendzeit. Ich habe damals richtig gelegen mit meinem Hang zur Einfachheit. Ich übe an mir paradoxe Interventionen, werfe das Gegenteil dessen als Frage zurück, was ich mir selbst als Frage stelle. Ich buchstabiere mir ganze Sätze mit der Zungenspitze auf den Gaumen, wo sie niemand verstehen kann. Aber es ist einerlei – wie sehr ich mich auch anstrenge, ich bringe keine Saite zum Klingen.
3
Wir besuchen ein uns unbekanntes Winzerehepaar im Burgenland, das den Weinbau im Nebenerwerb betreibt. Wir wollen ein paar Weine verkosten. Aber irgendetwas stimmt nicht. Und das liegt nicht am Wein. Die Kostproben schmecken gut, die Weine sind natürlich ausgebaut. Nach einer Viertelstunde sitze ich verspannt auf meinem Gartensessel. Nach einer halben Stunde bekomme ich sehr starke Kopfschmerzen. Nach einer Dreiviertelstunde ist mir zum Kotzen und wir verabschieden uns rasch. Es ist ein Idiot auf jedem Hof. Und manchmal sind es zwei.
4
Er schenkt mir ein selbst zusammengestelltes Büchlein über Morandi. In der Stille die ganze Welt sehen, sich nicht wegbewegen müssen, sich dem Malen von Naturbildern ausliefern. Am Boden bleiben. So entzieht sich alle Zeit der Welt.
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Ich versage bei Belastung.
6
Ich suche nach neuen Ekstaseräumen und finde sie unter einem Kirschbaum, der voller reifer Kirschen hängt.

Maulbeeren

1
Haushalten. Garten. Bei der Natur bleiben. Kleid. Putzen. Abwaschen. Angeben. Die Politik. Leise innere Ahnungen. Schreiben müssen. Mehr zu wissen, als man sagen kann. „Wir müssen zu den Menschen durchdringen“, sagt die ärztliche Leiterin einer Wiener Palliativstation. So kann man doch nicht arbeiten! Gewöhnliches Elend. Der individuelle Gott. Geht dorthin, wo die Kindheit war. Auf ein nächstes Bakterium warten. Auf Regen warten. Welche Fragen brennen unter den Nägeln? Maulbeeren pflücken, denn sie sind jetzt reif.
2
Drei Stunden sitzen und quatschen im Weidinger. Der Abend hat einen sehr guten Sound. Viele junge Erwachsene und wir zwei Fast-Senioren.
3
Er erzählt mir von seiner Hochsensibilität, wenn er Klassik hört. „Bilder einer Ausstellung, Mozarts Requiem, Schostakowitsch, Mahler … Mitunter kann er gar nicht aufhören zu weinen, sein Herz rast. Er macht sich schon Sorgen, gar nicht mehr ins Konzert gehen zu können, weil ihm das alles viel zu nahekommt.
4
Er schenkt mir ein getragenes, ungewaschenes T-Shirt, vakuumverpackt. Da drinnen sei seine Geschichte konzentriert, sagt er.
5
Sie haben sich nichts mehr zu sagen und sie würden alles füreinander tun.
6
Ein Schaltjahr leben.

Neugierde


1
Sie sitzt mit ihren Freundinnen im Gasthaus und hört – halb verstohlen – den Gesprächen am Nebentisch zu. Das passt den Freundinnen nicht, dass ihre Aufmerksamkeit nicht ihnen gilt. Daraufhin meint sie lapidar: „Euch habe ich ja eh immer, aber die anderen sehe ich vielleicht nie wieder!“
2
„Ein guter Freund ist wie heiße Schokolade.“ Dieser Satz gefällt meiner Tochter. Woher sie ihn hat, weiß ich nicht.
3
Wir sind nicht glücklicher, wenn wir viele Kontakte pflegen. Wir sind glücklich, wenn wir die richtigen Kontakte pflegen. Einmal im Monat Familie sollte reichen. Und einmal im Monat mit FreundInnen.
4
Die Länge einer psychotherapeutischen Therapie ist oft nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Eine Stunde kann genauso gut wirken wie 60 Stunden. Der Unterschied zwischen Gruppen- und Einzeltherapie ist nicht signifikant groß. Kurzfristig wirken Psychopharmaka und Gesprächstherapie gleich gut, langfristig gewinnt die Psychotherapie.
Der Mensch braucht immer ein Gegenüber.5
Mit meiner Physiotherapeutin rede ich heute über meine Migräneanfälle. Mir wird erklärt, dass es viele mögliche Ursachen geben kann. Veranlagung, Stress, Wetter, bestimmte Lebensmittel, Hormone …
Mir wird erklärt, dass demnach der Tränenfluss nach meiner Attacke auf ein Erschlaffen der Augenmuskulatur oder der Tränendrüsen zurückzuführen sein könnte. Der Kopf ist ein sehr kompliziertes und weitgehend unerforschtes Organ. Es gibt viele feine Knöchelchen und Faszienpunkte. Faszinierend!
6
Der HNO-Arzt zum Patienten, der ihn wegen seines Tinnitus aufsucht: „Hören Sie einfach nicht zu.“
7
Seelsorgerin: „Was führt Sie zu uns ins Krankenhaus?“
Patient: „Das muss ein Irrtum sein, dass ich hier gelandet bin!“
8
Am besten gefallen mir die Lichtflecken, die sich auf die Äcker werfen. Sonne und Wolken betreiben Lichtspiele.

Zurückwatscheln


1
Laut dem Männerforscher Romeo Bissuti haben sich die Männerbilder nicht deshalb verändert, weil Männer plötzlich miteinander geredet und festgestellt haben, dass auch sie unter Männlichkeitsnormen leiden. Männlichkeit hat sich verändert, weil sich die Frauen verändert haben und die Männer mitbekommen haben, dass sie mit der Macho-Nummer nicht mehr bei Frauen landen.

Wir schaffen es allerdings locker, das Blatt wieder zu wenden und ins vorige Jahrtausend zurückzuwatscheln.
2
In einer Fernsehschnulze höre ich vier Sätze, die eine Mutter ihrer Tochter zur Entdeckung der „wahren Liebe“ mitgibt.
„Frag dich,
ob du ihm alles erzählen kannst,
ob er Herzenswärme besitzt,
ob er dir dabei hilft, zu dir selbst zu finden
und ob er der Vater deiner Kinder sein soll.“
3
Eines der schönsten Dinge als Paar: als Paar zu wachsen!
4
Wir erwecken Sehnsucht und Verlangen bei jenen, die uns sehen.
5
Ich bin verwirrt.

Tür und Angel

1
Immer noch singe ich, wenn ich allein mit dem Auto unterwegs bin. Mittlerweile ist das der wichtigste und bedeutende Grund überhaupt, mit dem Auto zu fahren. Alles andere spräche ja dafür, den Bus zu nehmen.

2
Alle haben eine Geschichte mitgebracht, die sie mir zwischen Tür und Angel servieren:

Er erzählt von seiner Hochzeit, die er trotz Bandscheibenvorfalls nicht absagen wollte. Doch dann erlitt sein Bräutigam unmittelbar vor der Trauungszeremonie in einen epileptischen Anfall. Wunderschönes Orgelspiel begleitete die Tragödie.

Sie erzählt vom Verwöhntsein. Vom Vater, der sie mit dem Auto aus Bordeaux holt, damit sie nicht mit dem Zug fahren muss, das sind immerhin 1000 km.

Sie erzählt davon, dass sie ein Maulwurf ist, der sich am liebsten immer im Zimmer verkriechen würde. Nur die Mutter schafft es, sie da rauszuholen.

Er erzählt vom Dark Retreat. Das bedeutet, sich fünf Tage lang in einem dunklen Keller einsperren zu lassen, sich der Dunkelheit auszusetzen. Mitten im Frühling auf Mallorca. Im Laufe der Tage hat er zu halluzinieren begonnen.

Er spricht über die Mutter von Meyerhoff, die er in seinem jüngsten Buch ausführlich beschreibt. Sie erinnert ihn an seine Frau und an Pippi Langstrumpf.

Das frisch verliebte Pärchen erzählt vom Urlaub in Vietnam. Dort haben sie Gibbons gesehen. Und Baguette gegessen.

Sie hat ein Künstlerkind geboren.

Mein Mann bringt mir vom Weinviertler Heurigen einen Kärntner Reindling mit. Er schmeckt wie daheim im Mölltal.

3
Ich sitze im Straßencafé und beobachte. Ein junger Vater bringt sein Kind wohl in den Kindergarten. Es sitzt im Anhänger. Er sitzt am Fahrrad und singt gut gelaunt sehr laut vor sich hin. Das Kind lässt alles mit stoischem Gleichmut über sich ergehen.
Eine Karikatur in der Zeitung fällt mir auf. Unter der Zeichnung steht: „Ein kleiner Hund. Von so was lass ich mich abschlecken, im Bett liegend, und mir graut vor Ausländern?“ In Wien sind überall Hunde. Leon de Winter singt in „Stadt der Hunde“ auch eine Ode an die allseits geliebten Tiere. Überall Hunde. Und Menschen, die sich darüber freuen. Ich glaub jene, die sich nicht darüber freuen, sind einfach leise und sagen aus Selbstschutz kaum was dazu.

4
Wie hilflos manche Egozentriker sind! Damit meine ich durchaus auch Menschen mit Kindern.

 

 

Wolf


1
Manche Menschen sind mit goldenem Handshake mit 50 in Pension gegangen. Der Gedanke daran ist mein Freibrief, mir meine schlecht bezahlten Arbeitsstunden genussvoll und sinnreich einzurichten. Diese Form der Selbstjustiz lässt mich am Abend meinem Spiegelbild dankbar zunicken.
2
Ich sehe am Himmel in Niedersulz einen Rotmilan. Das ist sehr ungewöhnlich. Der Wind weht stark. Tauben machen beim Fliegen einen charakteristischen Schwung nach unten. Man kann sie dadurch gut von den anderen Vögeln unterscheiden. Die Stieglitze sind heuer wieder da. Wo waren die im Vorjahr bloß?
3
Eine seltene Nacht mit tiefem Schlaf liegt hinter mir. In der Früh lese ich ganz unpassend dazu einen Artikel über die Wolfsstunde. Sie liegt so zwischen drei und vier Uhr früh. Man wird plötzlich wach. Das ist ganz normal, denn wir haben bereits vier Stunden sehr gut geschlafen. Da macht der Schlaf eine Pause und wir können getrost aufstehen und ein paar Kleinigkeiten erledigen. Dann geht‘s eh wieder weiter. Ein guter Plan für die kommenden Nächte!
4
Ist „wolf“ ein Eigenschaftswort?
5
Sie hat sich ihre Brust verkleinern lassen. Ein schönheitschirurgischer Eingriff. Sie ist heute der glücklichste Mensch, schreibt sie mir. Was ich davon halte, ist unwesentlich.
6
Würde ich jetzt meine Memoiren schreiben, würde ich so lange schreiben, bis sich alles wirklich wahr anfühlt – unabhängig davon, ob es genauso stattgefunden hat –, mit allen Ungenauigkeiten, Geheimnissen und Ambitionen, die mich ausmachen.

Eiffel


1
Er berichtet mir voller Begeisterung von der außergewöhnlichen Beharrlichkeit Gustav Eiffels. Man hat ihm und seinen Projekten immer wieder Steine in den Weg gelegt. Gustav hat nicht aufgegeben.
2
Haben wir alle zu wenig zu tun? Oder viel zu viel? Haben wir uns zu verweichlichten Wesen entwickelt, die nicht mehr wissen, was Arbeiten heißt? Oder in den Krieg zu ziehen? Wird das wieder in? Ein Leben lang kämpfen? Wollen wir uns nicht damit begnügen, uns nach getaner Arbeit einfach auszuruhen oder etwas Schönes zu tun?
3
Während eines Gesprächs mit ihrer Schwester bekommt sie einen derart starken Migräneanfall, dass sie die Begegnung nach einer halben Stunde abbrechen muss, um sich zurückzuziehen. Eine knappe Viertelstunde später nach ihrem Rückzug ist alles wieder gut.
4
Wenn er länger über die ungeliebte Tätigkeit des Rasenmähens nachdenkt, so kommt er zum Schluss, dass er sich glücklich schätzen darf, überhaupt die Möglichkeit dazu zu haben.
5
Vergleiche machen im Normalfall unglücklich. Das war schon damals in der Schulzeit sehr hart!
6
Er läuft heuer wieder beim Marathon mit. Ich deute es als intellektuelle Verzweiflungstat eines Historikers.

Dosenbier


1
Ich bin echt so mehr die Einzelgängerin.
2
Mittlerweile ist mein Garten ein Zoo. Die Pflanzen sind Nebensache. Dort tummeln sich hauptsächlich Maulwürfe, Wühlmäuse, Nacktschnecken, Gelsen, Amseln, Wildkatzen, Buchsbaumzünsler, Gespinstmotten, Blattläuse, weiße Fliegen und Spinnmilben. Mein Name ist Zoowärterin!
3
Die Kellnerin im Café Freud trägt eine Hose, deren abgeschnittenes unteres Drittel mit Sicherheitsnadeln befestigt wurde. Schaut gut aus!
4
In Korneuburg bei der Rollfähre, unter der Wand, die Golif gestaltet hat, teilen wir uns ein Dosenbier.
5
Im Kino ist eine Komödie angekündigt. Die Bude ist voll und ich bin auch da. Zum Lachen bereit. Der Film hat ein sehr trauriges Ende und auch zwischendurch kann ich höchstens grinsen. Wir stellen fest: Mehr Komödie kannst du in Mistelbach nicht haben.

Gut Aich

1
Mitten auf der Wiese, hoch über dem Fuschlsee, steht ein großer Palmenbusch. Ich sehe ihn vom Bus aus. Er soll wohl zum Segen sein für die Menschen, die hier leben und für eine gute Ernte.

2
Die Franziskanerinnen sind Anfang der 90er Jahre gegangen und 4 innovative Benediktinermönche haben Ende der 90er Jahre begonnen, das Europakloster mit herausragendem Idealismus zu gründen, aufzubauen, zu erweitern. Die Gemeinschaft selbst bleibt immer klein. Zurzeit sind 9 Mönche hier. Ihre individuelle Handschrift ist deutlich zu sehen und gleichzeitig ist sie typisch für Klöster, die dem Leben dienen. Sie verstecken sich nicht und zeigen sich mit Stärken und Schwächen. Außerdem gibt es hier neben vielen Mitarbeitenden eine besetzte Pforte, ein Hildegard-Zentrum für die Gesundheit, Kunstwerkstätten, eine Kellereimanufaktur, viel Garten und Wald, eine Noreia-Abteilung, einfache Schlafräume, eine Klausur, eine Kapelle und weitere großzügige Räume für Begegnung und Stille. Bienen, Hühner, Gänse. Etwas Kitsch, etwas Weihwasser, sehr viel Kerzenlicht und Brunnen, die ich zu lieben beginne. Die frischen Blumen. Die Einfachheit der Speisen, die besonders fein abgeschmeckt sind. Die Spiritualität, die es mir überlässt, ob ich mitkomme oder nicht, was ich mir davon nehme. Wie gut ist es, nicht reden zu müssen.
3
Beim Essen in Gemeinschaft zu schweigen bedeutet für mich, aus Äußerlichkeiten Rückschlüsse zu ziehen. Obwohl ich versuche, genau diese Gedanken abzustellen. Und ich frage mich, wie weit es gelingen kann, sich bedeckt zu halten, wenn man nicht miteinander spricht. Ich möchte keine neuen Menschen kennenlernen und tu es trotzdem auf einer anderen Ebene. Wenn man in Stille isst, sieht man auf den Teller oder aus dem gegenüberliegenden Fenster auf die Wiese, in der die Hühner picken. Man schaut nicht in die Augen des Gegenübers. Das würde den Willen zu einem Gespräch implizieren. Ich denke an jene, die meistens in Stille essen.
4
JedeR bringt etwas mit, auch Lasten. Einfache Gesten freundlicher Wertschätzung. Handwaschung und Reisesegen. Ein Tischgebet. Ein Begrüßungsschnaps und eine Schale gefüllt mit Äpfeln. Die unbeirrte Einladung zur Teilnahme an den Liturgien. Meine unbeirrte Gewissheit, ganz wenig davon zu brauchen.
5
Mein Vorhaben, die Tage hier zur Konzentration zu nutzen, gelingt mir nach einer kurzen Eingewöhnungsphase gut. Ich muss auf viel Ablenkendes verzichten. Zum Beispiel eine Bergwanderung. Oder eine Schifffahrt auf dem Wolfgangsee.

6
David Steindl-Rast fasziniert immer noch. Er ist eine lebende Legende: Wenn ich mich in den Abgrund der Stille fallen lasse, kann ich still die große Stille feiern, in der alle Worte noch schlummern. Aber auch als Guru verheddert man sich leicht, wenn man zum Beispiel erklären will, warum Gott ist. Oder wer Gott sein könnte. Es gibt in mir einen natürlichen Widerstand gegen das allzu Fromme.
Meine Tradition liegt in der Einsamkeit der Berge. Von dort kommt alles immer wieder zurück. Am letzten Tag meines Aufenthaltes sehe ich Bruder David am Marienaltar beten und segnen, zusammen mit zwei Fans von ihm. Er ist ein Greis. Beim Verlassen des Raumes dreht er sich noch einmal um und winkt uns zu wie ein Kind, das sich verabschiedet.
7
Das jubelnde Geläut aus Glocken.

8
Am Wolfgangsee ist eine Entenmutter mit ihren 4 Jungen zu sehen, wie sie im Sonnenglitzer schwimmend das Seeufer erobern. Einer der Mönche hat bei der Einführungsrede darauf hingewiesen und jetzt sehe ich die schwimmende Bande.
9
Der Marienbrunnen in der Kapelle hat etwas Anziehendes. Nicht nur für mich. Man kann was dazulegen, man kann was wegnehmen, man kann sich was wünschen. Und man weiß den See in der Nähe. Da kann der Antonius(leuchter) nicht mithalten, obwohl ich ohne ihn in meinem Leben ganz schön verloren wäre!
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In der Pforte lege ich ganz schön viel Geld für Bücher, Schnäpse, Heilkräutertinkturen und Salben. Mitbringsel für die Lieben daheim. Der Reliquienhandel funktioniert. Kreislaufwirtschaft.
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Augentrost für klare Sicht, Drei-Königs-Tropfen für ganzheitliche Wegweisung, Frauenmantel für weibliche Harmonie, Kardenwurzel für kraftvollen Widerstand, Herzgespann für Herzlichkeit, Mädesüß für Lebensfreude, Mariendistel für Entspannung, Alant für befreites Durchatmen, IM_PHI+ für eine goldene Beziehungsquelle, Vogelbeere für belebende Perspektive … das alles und noch viel mehr gibt es zu kaufen ….
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Natürlich ist ein Kloster gerade in Zeiten wie diesen eine ganz andere Welt, die auch nur mit sehr viel Hirnschmalz aufrechterhalten werden kann. Hier gibt es viele Stellvertreterposten oder Handelsabkommen: Ich bete für dich, du machst für mich die Wäsche. Ich bete für dich, du machst für mich den Garten. Ich denke für dich über Gott und die Welt nach. Du machst mir einen guten Vertrag. Ich habe eine Vision. Du verwirklichst sie für mich.

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Das kurze Eintauchen in den See bringt meinen Kreislauf in Schwung. Mehr als 10 Schwimmzüge gehen sich bei 12 Grad nicht aus. Nacken und Fußsohlen wehren sich, der übrige Körper freut sich.
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Der See ist Seelsorger.

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Vor dem Haus steht eine Sommerlinde. Ganz zart. Eine Franziskanerschwester aus Au am Inn hat sie 1967 gepflanzt. Sie ist schon ganz schön groß. 15
Aus dem Zimmerfenster schaue ich auf den Schafberg.
Die Berge. Nacht und Tag und Nacht. In der späten Dämmerung schauen sie gegen den Himmel betrachtet aus wie große Zauberwesen.
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Br. David:
In meiner schriftstellerischen Tätigkeit ist es mir immer klarer geworden, dass auch gesprochene und geschriebene Worte geheimnisvolle Gebilde sind.
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Das Beste an den Sternen ist, dass sie sich kaum verändern, obwohl alles rasend schnell unterwegs ist. Ich kann mich darauf verlassen, dass im Frühjahr das Sternbild des Löwen  aus dem Süden heraufsteigt, auch wenn ich es nicht auf Anhieb erkenne.

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Welchem Gegenstand oder welcher Richtung wende ich mich in der Kapelle für einen Augenblick des Innehaltens zu? Dem Licht, das durch die bunten Glasfenster fällt? Dem Blumenstrauß vor dem Altar? Dem Vogelgezwitscher von draußen?
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Die schönsten Gebete werden in der Nacht „gesungen“. Der Raum ist voller Kerzenlicht und Stille.
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Das Gegenteil von Arbeit ist Muße? Oder Freizeit? Oder gar Spiel?
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Ich schließe mich aus dem Haus aus, in dem mein Zimmer ist. Ich werfe ein paar Steine gegen ein Fenster, hinter dem ich Licht sehe, in der Hoffnung, dass mich jemand hört. Es gelingt, und ein freundlicher Herr lässt mich ein.
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Am frühen Morgen höre ich 12 Böllerschüsse. Ist Krieg? Nein, es ist 1. Mai und ich bin im Salzkammergut. Die Nacht vom 31. April auf den 1. Mai wird hier als Bosheitsnacht bezeichnet. Der Hausmeister  erzählt mir von einigen Streichen, die in dieser Nacht passieren.  Zum Beispiel werden Dinge, die nicht niet- und nagelfest sind, irgendwo hingebracht und an unorthodoxen Orten präsentiert. Da wird eine Scheibtruhe in den Baum des Nachbarn gehängt oder Nummernschilder vertauscht oder Blumen umgepflanzt oder Blumenkästen verschoben und so weiter und so fort. Er erzählt mir auch, dass er in einer Garconniere in einem der Klostergebäude wohnt. Das Kloster gibt ihm Arbeit. Man kümmert sich um ihn.
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Der Hausmeister war gestern den ganzen Tag zwischen den vielen Klostergebäuden unterwegs, mit dem Bagger, mit dem Rad, mit und ohne Anhänger, hat Kompost ausgebracht, neuen angesetzt, sich um das Auf- und Zusperren der vielen Räume gekümmert und …
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Vor dem Kloster hängt heute eine Fahne mit einem Wildschwein als Wappentier. Es ist die Fahne des Heimatortes des Seniorpriors, der gestern Geburtstag hatte. Da wurde sie gehisst. Er hat sich in den vergangenen 20 Jahren derart verausgabt, dass er sich jetzt bedenklich verrückten Bräuchen hingibt.
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Es ist immer ein Paradoxon im Raum.

Security

1
Ich brauche Trost. Ich hole ihn mir bei einem Security-Experten, der als Patient im Krankenhaus liegt. Er ist als Kind durch die Rudolf Steiner Schule gegangen und hat dort seinen Blick auf die Welt geschärft. Zum Beispiel, dass alles mit allem verbunden ist. Wir sprechen viel über Macht und Dummheit. Und über die Bösartigkeit des Menschen und des Krebses. Er hat aufgehört, gegen den Krebs zu kämpfen, mit dem er schon lange lebt. Er ist enttäuscht von der Welt. Er wollte noch ein bisschen leben. Ich spüre, wie ich mich ein wenig über ihn erhebe, indem ich seine Erzählung schon bewerte, während er spricht. Auf der Stelle versuche ich, es abzustellen in mir.
Er zeigt mir einige Übungen, die ihm als Security geholfen haben, die Menschen wertzuschätzen. Bei seiner Arbeit ist er Ladendieben begegnet, die wirklich aus einer Not heraus stehlen. Zum Beispiel einen Sandler, der sich waschen will und ein Stück Seife stiehlt. Er traf Kriminelle, die so gut im Stehlen waren, dass man sie gar nicht fassen konnte. Es gab auch welche, die so auf den Einkaufswagen fixiert waren, dass sie ganz vergaßen, etwas von unten auf das Band zu legen.

2
Ein Arzt am Gang schreit ungehalten ins Telefon: Ja, eine Tablette am Morgen und eine am Abend!

3
Sie war eine Spinnerin und Gerechtigkeitsfanatikerin, wie sie sich selbst bezeichnete. Vor allem in ihrem Berufsleben. Ich höre heraus, dass sie beharrlich war und die eigenen Prinzipien und Ideen konsequent verfolgte. Der Erfolg gab ihr recht. Jetzt in der Krankheit spielt Gerechtigkeit keine Rolle mehr. Da gelten andere Spielregeln.

4
Wie fühlt sich eine Frau, die in der Krankenhauskapelle in der ersten Reihe sitzt, während ich eintrete und mich hinter sie stelle, ein paar Augenblicke verweile und dann wieder gehe?

5
Ich brauche Trost, weil so viele Menschen um mich herum Trost brauchen. Ich brauche Trost, ich merke es daran, dass mir schlecht wird.

6
Einen gestrickten Ganzkörperanzug tragen.