Autormartha

Berührung

1
Ich besuche einen Kurs zum Thema Basale Stimulation. Die Essenz daraus ist die Erfahrung, dass der Mensch sich seiner erst durch die Berührung eines anderen bewusst wird. Ich werde durch die körperliche Berührung eines anderen Lebewesens erschaffen. Ich wundere mich sehr über mich, das nicht schon lange gewusst zu haben: Wir müssen unsere Moleküle austauschen, unsere Spuren auf unseren Körpern und Seelen hinterlassen, um Mensch zu werden.

2
Meine Vorratskiste an Trauer füllt sich mehr und mehr.  Scheinbar grundlos wird sie schwerer. Mit zunehmendem Alter und abnehmender Sehkraft.

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Wir stellen uns mit vorgeschriebenem Abstand an. Fragt mich die Frau vor mir in der Warteschlange: „Ob wir das dann noch können, wenn wir es wieder dürfen? Einander um den Hals fallen?“

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Das Wort „ätzend“ fällt mir zu.

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Sie sagt: „Ich verbrenne nicht, ich brenne. Da kann ich gar nichts dagegen machen.“ Er sagt: „Genießen Sie es!“

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Weil sich die Welt um mich herum so schnell dreht, verschaffe ich mir Gleichgewicht durch Gleichgültigkeit. Ich erlebe nichts Besonderes. Jede Nachricht scheint gleich viel Bedeutung zu haben: dass ein paar Räume weiter in einer Stunde das Beatmungsgerät abgeschaltet wird und ich dabei Beistand leisten soll, dass meine Tochter Erbsenlaibchen fürs Abendessen zubereiten will, dass der Holzpreis gestiegen ist, dass das Testergebnis negativ ist, dass der Sohn meiner Kollegin einen lebensbedrohlichen Autounfall hatte.
Ein Frühlingsspaziergang im Schneesturm erschüttert mich bis in die Knochen. Ich friere herzzerreißend.

Lust

1
Worin liegt deine Lust?
Im Spüren des Morgenfrostes und der Sonnenstrahlen auf der Haut,
im geistigen Wahrnehmen einer ganzheitlichen Nähe,
in einem ausgedehnten Spaziergang im Licht,
in der Aussicht auf Sauna bei kaltem Regen,
im Ausprobieren eines neuen Rezeptes,
im Duft der angesetzten Vogelbeermaische?
Vor alledem oder währenddessen?

2
Granatäpfelschälen.
Die blutroten, saftigen Samen herauslösen.
Meine Hände nicht waschen.

3
Es ist Sonntag. Während Mutter und ich telefonieren, sitze ich am Fenster meines Zimmers in Wien, mit Blick auf die ruhige Straße. Selbst die Donaulände ist fast menschenleer. Das Wasser rinnt schnell. Die Möwen sind aufgeregt. Noch ist Winter. Es bereitet mir Freude, das Fenster am Haus gegenüber zu betrachten. Den Stuck an der Fassade. Die Farbe der Fensterrahmen. Die Vorhänge, die das Geheimnis dahinter nicht preisgeben. Auch unser Gespräch plätschert dahin. Wir tauschen Belanglosigkeiten aus. Mutters Stimme ist mir vertraut und nah. Wir haben Zeit.

4
Mich macht das Wandern zwischen zwei Welten traurig, diese vielen Abschiede dazwischen.

5
Um die Stimmung auf einem Berggipfel am frühen Morgen zu erleben, muss man das Haus verlassen.

6
Geht eine Liebe, die ohne Lust ist, tiefer?

 

Zerbrechlichkeit

1
Ein großer Koffer rollt mit meiner Nachbarin im Schlepptau an unserem Fenster vorbei. Beide ziehen wieder für ein paar Wochen um. In die Sonne. Vom vertrauten Heim in eine unbekannte Wohn- und  Arbeitsgemeinschaft. Die Nachbarin setzt sich regelmäßig dem Neuen ganz aus. Dabei wirkt sie immer so zerbrechlich.

2
Den Wunsch des Radiosprechers am Ende seiner Sendung nehme ich mit auf den Weg, erstaunt darüber, wie gut ich ihn brauchen kann: „Danke fürs Zuhören, geben Sie auf sich acht!“

3
Um der Absurdität und Zerbrechlichkeit der Welt etwas entgegenzuhalten, geht die Freundin mit einer Sonnenlaterne in der Hand laut singend durch die dunklen Straßen ihrer Stadt.

4
Mein Einschlafritual beginnt Stunden vor dem Hinübergleiten in die Nacht. Ein wichtiger Teil dessen ist das Lesen. Das mache ich während ich schon im Bett liege. Wenn ich nach der Lektüre die Augen schließe und klarer sehe, die Widersprüche des Lebens gelassener ertrage, kann mir nichts Schlimmes passieren.

 

 

 

Laufende Dokumentation

1
Ein Patient erzählt mir:  „Mein Vater hat mir sein Leben zu verdanken. Kurz nachdem ich geboren wurde, durfte er Fronturlaub machen, weil ich ein Junge war. Zur selben Zeit kam auch die Tochter seines Kriegskameraden zur Welt. Die Geburt eines Mädchens war allerdings kein triftiger Grund für einen Besuch in der Heimat. Der Kamerad starb genau in diesen Tagen meines Urlaubes an einer Schussverletzung. Mein Vater hat den Krieg überlebt.“

2
Ich frage eine Patientin: „Welche Ankerpunkte haben Sie?“ Sie antwortet: „Die Namen meiner drei Pferde, die Erinnerung an zwei tote Katzen und die Nibelungensage.“

3
Eine Mitarbeiterin ringt mit den Händen: „Ich brauch jetzt die Hilfe von oben!“

4
Was Kinder im vergangenen Jahr gelernt haben könnten: Rücksicht zu nehmen, zu kochen, die Welt rund ums Haus, rund um die Wohnung kennenzulernen, nachzudenken darüber, wie’s die Ameisen machen, verantwortlich zu sein, eigenständig zu handeln, die Schule zu vergessen, nicht alles machen zu können, mit dem Leben zu dichten, den Himmel abzuräumen, sich nach Freund*innen zu sehnen, die Unaustauschbarkeit der Eltern zu sehen, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, eine Scheinfährte zu legen,…

5
Die meisten Kräfte, die die Welt vorantreiben, sind nicht mess- und evaluierbar. Mein Cousin, der in den Hohen Tauern lebt, meint: „Denk mal, wenn sich ein Felsen löst und auf das Dorf stürzt, erübrigen sich unsere Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Schiliften. Die Natur siegt.“

 6
Ich will eine moralische Debatte führen über Dokumentationswahn, Herrschaftswahn, Kontrollwahn, Lenkungswahn, Qualtitätsmanagementwahn, Evaluierungswahn, Sicherheitswahn, Verwaltungswahn, Hygienewahn, Tätigkeitswahn, Aktionismuswahn. Sorglosigkeit. Sie führt mich in die innere Emigration.

 

 

 

 

 

 

 

Schmerz

1
Ein ununterbrochener Schlaf in der Nacht ist nur mit Zuhilfenahme von Schlafmitteln möglich. Dafür gibt es keine Alternative. Woran denkt er tagsüber, um nicht an das Weh denken zu müssen? Das eine ist die Somatik. Das andere die Psyche. Ein erfolgreiches Team. Er steht vor einer Wand.

2
Der Krankenpfleger ist dafür verantwortlich, dass immer genügend schwarze Plastiksäcke auf der Covid-Station bereitstehen. Da hinein werden die Verstorbenen gelegt. Obendrauf eine Blume zu legen, verdeutlicht die ausweglose Situation. Heute, beim Bestellen einer neuen Lieferung, kommen ihm die Tränen.

3
Der Künstler entdeckt unerwartet eines seiner Kunstwerke auf dem Krankenhausgang. Er stellt sich davor, versinkt in eine Betrachtung und fragt sich wehmütig, wie er dieses Bild jemals verkaufen konnte.

4
Jede Intensität schmerzt.
Ich ziehe die Liebe der Selbstausbeutung vor.
Ich ziehe die Kunst der Behaglichkeit vor.
Ich ziehe die Langsamkeit dem starren Stillstand vor.
Ich ziehe den Genuss der Gesundheit vor.
Ich ziehe die Verwandlung dem Überleben vor.
Eine schmerzende Wunde ist eine Öffnung.

Welche Wahrheit zeigt Schmerz? Es ist wie mit der berühmten Leerstelle zwischen zwei Worten.

5
Selbst wenn er einen Großteil meiner Aufmerksamkeit bindet, erlaubt er mir gleichzeitig darüber nachzudenken, wie ich in Zukunft ein gutes Brot backen könnte oder ob der Bärlauch schon aus dem Boden schießt.

 

 

Einfachheit

1
Gegen die Einfachheit spricht die Fülle der unmittelbaren Gegenwart. Es macht unbedingt Sinn, eine Pflanze präzise zu beschreiben. Sodass sie mir – wenn ich die Augen schließe – klar erscheint, mit allen Sinnen erfassbar, sogar der Schatten, den sie wirft. Ich wähle heute als Objekt der Begierde den scharlachroten Kelchbecherling. Er fällt besonders in der vegetationsarmen Zeit auf, weil er wenig Konkurrenz für seine strahlende Farbe hat. Er säumt den Weg zu unseren Hühnern, die im Wald leben, schält sich heraus aus dem dunklen Boden. Münzgroßes Fabelwesen. Glitschiger Fleck. Jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, irritiert mich seine Anwesenheit.

2
Für die Einfachheit verlangt meine Sehnsucht nach Schlichtheit. Die Sehnsucht nach einem klaren Ja oder Nein, Richtig oder Falsch. Nach einer tragfähigen Ordnung. Der Anblick einer verfallenden Holzhütte am Waldrand kann mich zu Tränen rühren.

3
Ich sammle, was einfach ist: Gehen, lieben, mich in den Regen stellen, schauen, den Fußboden zusammenkehren, Erdäpfel kochen und sie zusammen mit Butter und Salz essen.

4
Mit Dir eine sichere Stätte zu haben, das ist nicht einfach.

5
Du rufst aus Tanzania an. Erzählst davon, am liebsten mit den Massai unterwegs zu sein. Unter freiem Himmel. Ihre Sprache zu sprechen, die Tiere hüten, feiern, schlafen. Trotzdem machst Du Dir Gedanken darüber, weshalb es anscheinend kein Problem für den Besitzer darstellt, dass 200 Kühe verdursten, hingegen eine Kuh zu verkaufen, um das Schulgeld für das Kind zu bezahlen, schon.

Vernunft

1
Lena fragt, ob ich es für vernünftig halte, dass sie in nahezu jedes Gespräch fällt, das sie führt. Ohne Bekümmernis.Sei es mit der Kassiererin im Supermarkt oder mit dem Schwerbetagten am  Krankenbett. Das koste sie allerdings mehr Energie, als ihr zur Verfügung stehe.

2
Der Blick ins leere Klassenzimmer – die Lehrperson allein am Pult, vorm PC. Jede*r Schüler*in ist nicht mehr als eine Kachel im Onlinemeeting. Was die Gesellschaft alles dafür tut, dass es auf den Intensivstationen nicht zu einem Kollaps kommt! Man merkt es an den erhobenen Häuptern des Intensivpersonals.

3
Der Goaschnig Sepp hält es nicht aus, wenn Holzreisige oder Holzzweige über Kreuz auf dem Waldboden herumliegen. Immer richtet er sie gerade und fordert auch andere dazu auf, es ihm gleichzutun. „Das bringt Unglück. Oder mindestens einen Toten mehr!“, so seine Begründung.
Im Radio hör ich den Philosophen darüber sprechen, ob eine völlig versachlichte Welt ohne Glauben und Geheimnis, ohne Alltagsmythen und Irrationalität wirklich so lebenswert sei. Die beiden könnten Freunde werden.

4
Auf die Natur Rücksicht nehmen, das ist eine neue Erfahrung!

5
Ich kenn da jemanden,
der in der Stadt am Meer
das eigene Logo auf den Betonzaun an der Uferpromenade malt –  direkt unter der Webcam –, um in Zeiten der Ferne, daheim über Internet zu überprüfen, ob das Logo noch da ist.

 

 

 

 

 

Weite


1
Offen bleiben, trotz aller Kontemplation!
Ich erlebe die meditativste Phase meines Lebens. Durch die Eingrenzungen des freizeitlichen Bewegungs- und Beziehungsradius bleibt mir viel Zeit für mich. Die Kinder sind außer Haus. Der Herr Gemahl kennt mich schon. Wann also, wenn nicht jetzt. Widerstehe ich der Versuchung, mich abzulenken, passiert diese Innenschau, die ich genieße und die mich verschließt. Irgendetwas mache ich noch falsch. Das meinen die großen Meister dann wohl mit üben, wenn sie sagen, dass diese Kunst einem nicht einfach geschenkt ist.

2
Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Glücklich, wer eine gesunde Lunge und eine Wasserflasche im Rucksack hat!

3
Ich habe das drängende Bedürfnis, mich Dir immer mehr anzunähern. Genau schauen. Genau denken. Genau fühlen. Viele Worte machen. Genau damit befinde ich mich auf dem Holzweg.

Umarmung


1
Ich kenn da jemanden, der mit Umarmungen nicht geizt. Ihn durfte ich unlängst dabei beobachten, wie er Josef umarmt. Josef ist nun wirklich niemand, den man kurz in die Arme schließt. Abseits jeglicher Koketterie strahlt er respekteinflößende Schüchternheit aus. Ganz und gar nicht lädt er zum Kuscheln ein. Nun fand da diese unverblümte Umarmung statt. Das Ausbreiten zweier Arme, das Umfassen des auserwählten Körpers, das Ablegen des Kopfes auf dessen Schulter. Kein ausgedehnter Akt, allerdings lang und innig genug, um die Anwesenden in Staunen zu versetzen. Eindeutig war Irritation in Josefs Gesicht zu erkennen. Und verschämte Freude. 

2
Heute endet jedes Gespräch damit: „Hoffentlich dürfen wir einander bald wieder berühren.“ 

3
Es erfüllt mich mit Freude, dass Menschen trotz des herannahenden Endes dankbar sind, mit jenen Banalitäten konfrontiert zu sein, wie sonst auch. Die Umarmung des Todes wird zu einer selbstverständlichen Gegebenheit – so, wie man eben zwischendurch einen mittelmäßigen Film anschaut oder über den Gartenzaun mit der Nachbarin die Wetterlage bespricht.

 

 

 

Arbeit


1
Auch Warten ist Arbeit.

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Erzählt mir doch eine Sekretärin, dass sie nun schon seit Wochen dazu angehalten sei, die Kästen im Büro aufzuräumen. Der Lockdown hätte nichts Besseres für sie im Talon.

Meine Freundin ist Volksschullehrerin. Sie produziert kurze Videoclips, in denen sie zu sehen ist, während sie Gedichte rezitiert, dazu tanzt, singt oder Bilder zeichnet. Manchmal verkleidet sie sich. Und spielt eine Rolle. Diese Dokumente schickt sie an ihre Schüler*innen.

Für einige ist der Kontakt zu den Arbeitskolleg*innen die intensivste Begegnung am Tag.

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Ich mache mich auf den Weg. Ich entscheide mich dafür, mich nicht irgendwohin zu quälen. Ich suche das Leichte. Das Helle. Das Licht suche ich. An einer Weggabelung steht ein Bildstock mit der Inschrift Zum Angedenken an die slowakische Dienstmagd, die hier um die Jahrhundertwende in einer bitterkalten Winternacht erfror.
Um die Erderwärmung an das aktuelle Ziel der internationalen Klimapolitik anzupassen, müssten wir 9 Stunden in der Woche arbeiten. Die helle Weite rückt immer näher!

4
„Wirf mich ins Meer!“, sagt ein Seethaler
und
„Hoffentlich dreht sich die Welt bald langsamer!“