Fest

1
Ich lege ein Tuch mit rot-orangen Farbklecksen auf den großen Tisch. Dann steige ich die Stiegen hinauf in den Garten, vorbei am spätherbstlich gefärbten Eschenbaum, um letzte Blumen mit ähnlichen Farben zu suchen. Ich gruppiere die gewählten Blumen in kleine Vasen und stelle sie auf dem Tisch neben den Klecksen ab.

2
Jedes Fest, das seinem Namen Ehre gereicht, ist radikal. Unproduktiv. Unnütz und verführerisch in Richtung Untätigkeit. Außerdem: „Ka guats Doaf, wos ned amol im Johr an Kiritog gibt!“

3
Im Dorf meiner Kindheit schneit es heuer vor Weihnachten derart viel, dass ich, selbst mit Schneeketten auf den Autoreifen, nicht hinfahren könnte. Die Züge pausieren auch. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen, dass das Dach die Last des Schnees nicht mehr hält. Den ganzen Tag über hört sie die Bäume stöhnen. Ich erwähne die Tiere im Wald. Welche Überlebensstrategie sie wohl haben? Der dritte Herbst in Folge, der die Natur an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Die unvergleichbare Stille, die die Schneemasse in sich birgt, setzt sich in die abgelegenen Winkel des Hauses.
Jetzt ist es gut, einen Holzherd zu haben und Batterien fürs Radio. Die langen Abende und die Angst versucht man mit Kartenspiel im Kerzenschein zu bannen. Wer kann, spielt Zither oder probiert es mit Familiengesang. Rosenkranzbeten hat früher schon nicht geholfen. Zum Schluss wird man einfach wortkarg, nimmt wieder die Schaufel und bahnt sich den Weg zum Hühnerstall und hofft.

4
Die Karte der weit verzweigten Landgemeinde wird heuer anhand von 24 Interviews abgesteckt und ins Internet gestellt. Sie erzählen mit dem je eigenen Blick auf die Weihnachts-Welt von damals. In einer mir vertrauten, verschwundenen Sprache. Erzählen von Lorenz Marie, für die die Mutter Kaffee kocht und vom Weg von der Kirche zur  Schule, durch den hohen Schnee, zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, von der Wasserleitung, eingebettet in ein Baumstamm-Holzrohr, die bei den winterlichen Temperaturen einfriert, dort, wo sie nicht tief genug vergraben wurde, vom Auffüllen des Weihwasservorrates am Stephanitag oder von der Einsamkeit am Sonnblick zu Silvester…Zum Schluss, im You-Tube-Abspann, ein leichtes Flirren des Logos, ein Nachflackern des Gehörten, als ob der Sprecher sich des Gesagten gar nicht mehr sicher wäre. Als ob die Erinnerung mit einer Träne in den Augen verschwände.

5
Wir waren sehr bedacht darauf, unseren Kindern nie das Märchen vom Christkind zu erzählen. Deren Reaktion darauf war, dass sie uns nicht geglaubt  haben, sondern den anderen, die das Christkind gesehen haben, wie es geheimnisvoll durch die dunklen Lüfte schwebt und Geschenke verteilt.

 

 

 

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