Glück

1
Wenigstens einmal in meinem Leben
gehalten werden und in die Nacht fliegen, ganz weit in die Lüfte der mutigsten Küstenseeschwalben.
Der Sterne kundig sein und sie zu unseren Gunsten deuten.
Mich in die Umarmung Deiner Richtung fallen lassen.
Die Liebenswürdigkeit in Person sein.
Schwach und zerbrechlich der Welt die Stirn bieten, über die Schnur hauen.
Ich berge mich in die Sicherheit: wir sehen einander wieder.

2
„Heute, “ sagt meine Schwester, die seit zwei Wochen die Wohnung nicht verlassen hat und währenddessen jeden Tag von ihrem Mann mit den köstlichsten Gerichten bekocht wird, am Telefon, „heute hab ich uns Berner Würstchen gemacht, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich das Beste satt habe!“
Es macht mich glücklich, wenn ich mit drei, vier Freunden zusammen bin, etwas zu trinken und etwas zu essen, mich dabei einfach zu unterhalten, nichts zu machen, über nichts Ernstes zu reden, mit Freunden, die einander schon fast alles gesagt haben, nur einfach ich selbst sein zu können, einander so zu nehmen, wie man ist und isst und trinkt.

3
Du wirst nie glücklich, wenn Du nicht die wichtigen Fragen gestellt bekommst, sagt mein Mann beim Abendessen und ich denke mir, hier stimmt etwas zusammen, das auch auseinanderliegen könnte.

4
Meine gefühlte Verbindung mit der Natur birgt von jeher sehr viel Sinn in sich. Tief in meinem Innersten verborgen gibt es diese Bilder von einem mit frischem Heu gefüllten Schuppen, dessen Duft mich zur Rast einlädt.
Oder von einer Badewanne, die draußen im üppig bewachsenen Garten steht, während warmer Mairegen auf mich fällt.
Oder von den in ihrem Schoß gefalteten Händen meiner Großmutter, tief zerfurcht und müde von der Arbeit am Hof, am Feld, im Stall.
Das Nachdenken über eine intakte Erde ist eine aufregende Aufgabe, ein verlockendes Ziel!

5
Am Morgen, nachdem mich mein Kaffee endgültig alle Mühe des Aufstehens vergessen lässt, schießt es mir ein, das Glück, weil es bereits ein Glück ist, auf dieser Welt zu leben, für mich privilegierte Mitteleuropäerin, die ich schon einmal überschritten habe, die Schwelle zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit. Es gibt keinen Grund, mich in die engen Grenzen meiner selbst und meiner Welt einzuschließen. Es steht mir frei, die offene Tür zu wählen und neugierig drauflos zu stapfen.

6
Welch ein Glück ist die Heiterkeit!

7
Es gibt so etwas wie mein hedonistisches Hamsterrad. Dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhnen und immer mehr davon brauche. Dass ich mich dem Druck , immer glücklich zu sein und maximal viele Erfahrungen zu machen, beuge. Wie gut, dass es jetzt erlaubt ist, einmal nicht so glücklich zu sein. Oder das Glück in der Einfachheit des kleinen Alltäglichen zu sehen, ohne viel Aufhebens. Sich zum Beispiel darüber freuen, dass die Gasthäuser wieder aufsperren.
Ich kenn da jemanden, der mir sagt: „Die 4 G’spritzten beim Heurigen, getrunken mit dem Bruder nach einer sportlichen Einheit, dabei über das Leben zu sinnieren, macht mich von jeher zufrieden und dankbar. Das ist so einfach. Ein „großer“ Urlaub kann nicht mehr!“

8
Das Glück ist jeden Tag etwas anderes. Vom Glück bleiben immer nur Fragmente. Mein Glück ist nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, schreib ich mir auf meinen Merkzettel. Das Unglück gehört dazu.

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