Schoß

1
Wir sitzen beim Mittagessen. Liebeskummer wird serviert und  Weltschmerz. Wir üben uns darin, aus Bequemlichkeit und Gewohnheit dem Leben in stiller Verzweiflung treu zu bleiben, anstelle sich selber am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, etwas zu verändern. Warum machen wir das nicht, obwohl wir davon wissen, dass das Glück gelockt und willkommen geheißen werden möchte? Derweil fällt es uns während unseres Murmelns und Grummelns und Schweigens wie von alleine in den Schoß. Liegt es doch oft im Bekannten und Vertrauten, darin Intimität ruht.
2
Niemand weiß, was ein neuer Tag und eine entlaufene Wölfin in ihrem Schoß tragen. Dieses Sprichwort aus Schweden entdecke ich im Roman des Bestsellerautors. Das Buch liegt offen vor mir auf dem Kaffeehaustisch. Ich sitze am Fenster zur Straße hin. Den Gürtel vor Augen. Der Verkehr fließt wie ein Fluss an mir vorbei. Wo verbirgt sich der Schoß dieser Stadt?
3
Ich befinde mich mitten im Jahr des großen Umbruchs. Drei Eingriffe durchgeführt im Krankenhaus, zwei Auswürfe einer Geburt gleich. Alles dreht sich um Blut und seine Abwesenheit. Ich erwarte eine Wende. Ich lebe nicht in einer Gemeinschaft, in der man sich zu gegebener Zeit die Nachgeburt als Mixgetränk zum Frühstück serviert. Wie sollte man also hierzulande den Abschied der Fruchtbarkeit feiern? Indem man sich einen blauen Schal kauft? Oder sich Gratisratschläge von Allwissenden einholt? Oder noch besser: sich sündteure Nahrungsergänzungsmittel besorgt?
Jetzt gefragt werden: Wie geht es Deinem Schoß? bedeutet, über mein lust-schmerzvolles Frauenleben zu sinnieren, mich zu verabschieden von dem vielen großen Kleinklein, zu atmen, zu wiegen, zu bewegen, mich zu schönen und dem Born der Freude eine Landschaft des Begehrens zu malen.
4
„Brich an du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tragen.“ Diesen Choral singen wir in vier unterschiedlichen Stimmen, zwei Männer, zwei Frauen…wir erklären nichts, wir deuten nicht. Wir lassen uns fallen in unsere Mitte, ins Hören und Klingen.

 

 

 

 

 

 

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