Begehren

1
Mich schaudert angesichts dieser herbstlichen Nebellandschaft. Ein Zauberwald, ein Silbersee, ein großes Geheimnis hinter dem grauen Vorhang. Die unheimlichen Empfindungen beim Anblick tiefer Schluchten und aufragender Felsen im Sommer weichen dieser stillen Euphorie beim Fragen: Wer steckt da dahinter? Und: Wie bin ich derart geliebt? Entwickle ich antwortend eine Geographie, wirft diese eine Landkarte auf meinen Körper, schau ich mich an und sehe Ewigkeit; ein junges Mädchen, eine reife Frau und die weise Alte.

2
Die mich umgebende vertraute Gegend lädt sich durch Dich mit einer völlig neuen Bedeutung auf. Ich wandere mit Dir zwischen den abgeernteten Äckern, am Waldrand vorbei hinauf auf die Lichtung. Zwei Menschen in derselben Landschaft, jeder auf seinem Stern, unberührbar für den anderen. Du gehst. Die Gegend bleibt. Ich bleibe.

3
Ein Mann erzählt mir von seiner Frau, die da meint, wenn Melancholie ihre Laune trübt, ziehe sie schon morgens die schönste rote Unterwäsche an. Das helfe ungemein. Ganz egal, welche Hüllen sie darüber werfe. Der Tag sei gerettet.
Sodann zeigt mir der Mann gleich seine roten Socken, versteckt unter der langen, dunkelgrauen Anzughose. Von weiteren Enthüllungen haben wir abgesehen.

4
Das Übermaß an Fülle und das Fehlen von Leere ist kein fruchtbarer Boden für das Begehren. So schätze ich mich glücklich, nicht immer vor vollen Töpfen zu sitzen. Die Begierde nach etwas Bestimmtem ersetzt nicht das Bestimmte. Ich kann auch warten. Indes ist Humor mir lieb und ein Daheim.

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