Autormartha

Mail

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Heute lese ich folgenden Satz in einer Mail: „Lieben geht nur in der Langsamkeit, Liebe braucht Zeit.“
Inhalt und Versandart stimmen nicht überein.

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Ich bring eine weiße Flamingoblume zu unserem Treffen in einem einfachen Bistro in der Stadt. Wir kennen einander von frühester Kindheit an und haben uns Jahrzehntelang lang nicht gesehen.  Er kommt tadellos gekleidet zu unserer Verabredung: Anzug, Gilet, weißes Hemd. Seine Gesichtsfarbe ist sehr hell. So kenne ich ihn. Er nimmt sich kaum Zeit, an die frische Luft zu gehen. Er sitzt wohl nach wie vor lieber bei seinen Büchern.

Er erzählt von seiner Schulzeit. Er erzählt davon, viel zu spät erfasst zu haben, dass er gar nicht so viel tun muss, um durchzukommen. Er, der Introvertierte,  hatte keine Freunde in der Klasse. Er erzählt vom letzten Jahr vor der Matura, das er lieber zuhause verbrachte als in der Schule, dorthin nur zu den Prüfungen ging, weil das trostlose Absitzen in freudloser Umgebung keinen Sinn machte.

Vor Jahren hat er eine 1000seitige Glockenkunde von Österreich veröffentlicht. Er kann jede Kirchen- und Kapellenglocke Österreichs an ihrem Klang identifizieren.

Er macht jetzt eine weitere Ausbildung. Für die Erstellung eines Herbariums wird er eine alte Holzschatulle seines Vaters verwenden, eine Laubsägearbeit, die dieser vor 70 Jahren im Gymnasium in Tanzenberg anfertigte und die er, der Sohn, am Dachboden des Geburtshauses seines Vaters entdeckte. Bei der Bewertung der 120 gesammelten Pflanzen, wird auch die Aufmachung und Verzierung des Kästchens herangezogen und  sollte maßgeblich zum einem guten Prüfungsergebnis beitragen. (Schon wieder Schule?)

Jeden Abend telefoniert er mit seiner Mutter. Er mag keine E-Mails schreiben, das kostet ihn so viel Zeit, weil er den Ehrgeiz hat, keine Fehler zu machen, es formal auch gut hinzukriegen und eben einen guten „Aufsatz“ abzuliefern.

Mitten im Gespräch sagt er zu mir: “Ich freu mich sehr, ich kann es nur nicht zeigen, morgen werde ich es erst realisieren, und es mein Leben lang nicht vergessen.“ Es tut mir leid, kein Foto von uns beiden gemacht zu haben.

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Immer wenn wir den Weg ins Mölltal über den Neumarktersattel nehmen, fahren wir an dem Dörfchen Mail vorbei. Liebenfels, auch das ist ein schöner Ortsname!

Gast

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Wien liegt mir zu Füßen.

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Es dünkt mir ungewöhnlich, bis weit nach Mitternacht in einem fremden Haus bei bislang fremden Menschen Wein zu trinken.

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Mit meinen ungezählten Giveaways aus Keramik niste ich mich in Häuser, Wohnungen und Gärten von Menschen ein, die ich mehr oder weniger oder gar nicht kenne.
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Der Buchtitel Adas Raum macht mich neugierig.
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Meine Räume sind Sehnsuchtsräume. Einsamkeitsräume. Es zieht mich dahin, wo keine Menschen sind. So gelingt es mir besser, mein anerzogenes, positives Menschenbild nicht über Bord werfen zu müssen.
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Sie ist zu ihm gezogen. Jetzt haben beide zu wenig Raum und das Häuschen muss neu definiert werden. „Wir sind zu Gast in unserem Haus, ein Zimmer für dich, ein Zimmer für mich…“
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Er wächst auf am Land, gemeinsam mit sechs Geschwistern und viel Gewalt. Es gelingt ihm, sich daraus zu befreien und sich von der Vergangenheit zu lösen. Er lernt Koch und beginnt, viele Dinge auszuprobieren. Er erkundet Südamerika barfuß mit dem Rad, lebt ein paar Wochen im Regenwald. Er heuert als Schiffskoch an, u. a. auf einem U-Boot. Mit der Besatzung kommt er in Gefangenschaft in Dschibuti, woraus er sich durch einen Hungerstreik befreit. Zu einem seiner schönsten Erlebnisse zählt er einen heftigen Seesturm, den er festgeklammert auf einem Schiffsmast ganz oben über sich ergehen lässt und überlebt. In seinen späten Jahren hilft er einer verwitweten Freundin ein altes Bauernhaus herzurichten, er heiratet sie der Ordnung halber und bleibt. Er ist ein Hüne von einem Mann, kräftig, groß und trägt Haare und Bart lang. Manche Einheimischen sagen Jesus zu ihm. Ein alter Mann bekreuzigt sich sogar einmal, als er ihm begegnet. Jetzt ist er schwer krank, will keine Medikamente nehmen, weil er bis jetzt alles in seinem Leben mit mentaler Kraft überstanden hat. Er hat große Schmerzen und meint: Wir sind nur Gast auf Erden.

Erschöpfung

1
Die große Müdigkeit hat mich gestern Abend erreicht. Und heute ziehen deren Ausläufer wie ein feiner, zäher Schleim über den ganzen Tag. In der Arbeit ist die Ablenkung Erholung. Die anderen halten mich aufrecht. Das Arbeitspensum. Die Menschen, die etwas brauchen oder wollen. Die schönsten Stunden sind jene am frühen Morgen. Ich sollte wieder einmal zu essen aufhören, dann kommt die Energie zurück.

2
Jedes Mal vor meinem Dienst stehe ich vorm Spind und höre mich zu ihm sagen: „Kasten, ich möchte dich nie wieder aufsperren!“ Ich stelle mir vor, wenn ich ihn das letzte Mal ausräume, darin einen kleinen Zettel für meine Nachfolgerin zu hinterlassen, auf den ich schreibe: „Ich wünsche Dir Freiheit!“

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„Du bist erschöpft, eh klar!“ Das darf genau niemand zu mir sagen!

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Sechs Wochen Kur? Sechs Wochen im Kreis mit 12 anderen Belasteten zusammensitzen und mir ihre Geschichten anhören??

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Die Gegenwartserschöpfung ist keine Befindlichkeit, sondern ein politischer Zustand.

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Können bitte einmal alle damit aufhören!

7
Man sollte eine Zeitlang durch den Wald gehen und zu schreien beginnen. Es sollte ein lautes, unermüdliches Schreien sein bis hin zur Erschöpfung am Ende sollte man vergessen haben, was einen so umtreibt. Man sollte nur noch den Körper spüren, sein Zittern, seine Ermattung.

8
„Ich habe für eine Beschwerde bei der Mobbingstelle keine Kraft mehr!“, sagt er

 „Hoffnung habe ich keine mehr, aber Kraft hab ich noch!“, sagt sie.

„Die Therapeutin habe ich aufgrund ihres Vornamens ausgewählt. Sie heißt so wie meine Enkeltochter“, sagt eine andere.

 „Ich war meist etwas müde und konnte somit alles gut genießen“, schreibt mir meine Schwester.

Was mir das Auffallendste ist: meine Gefühlsarmut. „Blende es aus. Blende einmal alles aus, was weh tut“, sage ich zu mir.

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Motorsensen können ganz schön penetrant sein.

Die Zeit haben, etwas ausklingen zu lassen, … das Gespräch oder einen Arbeitstag oder das gehörte Lied…

„Los lei lafn“, sagt Fuzzmann

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Beide sitzen wir fest in unseren Leben und können nicht zueinander.

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So tun, als ob es regnet.
Ins Grün schauen.

 

 

 

Verrückt


1
Ich will mich wieder so einkriegen, dass ich schön bin für andere!

2
Er studiert auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie, um so die eigene Meise zu therapieren.

3
Das Ganze dauert eine gute halbe Stunde am helllichten Tag. Die Frau, die rabiat wird, ist noch relativ jung und sieht gar nicht verwahrlost aus. Sie spricht sehr laut, schreit allerdings nicht und ist trotzdem im ganzen Lokal zu hören. Ihre Behauptungen und Anschuldigungen werden immer wüster und unzusammenhängender. Die Besatzung ist nicht in der Lage, sie – zuerst mit gutem Zureden und später mit eindringlichem Verweis – dazu zu bewegen, die Bar zu verlassen. Im Raum macht sich Unruhe breit. Inzwischen wird Unterstützung gerufen, drei Polizisten kommen und versuchen nun, die Frau zu beruhigen. Sie schaffen es. Wie auch immer. Es ist wohl die Mischung aus Uniform und ausführlicher Aufmerksamkeit. Drei Polizisten sind für eine halbe Stunde ganz für sie da. Zu viert verlassen sie in aller Ruhe die Bar, hinaus auf den Yppenplatz.

4
Wir telefonieren oft miteinander. Es gibt  große Unterschiede in diesen Gesprächen. Manchmal ist sie die große Weise und ein anderes Mal blickt sie nicht über ihren Tellerrand, der mit Nachbarinnen und Vereinsleben und derlei Hickhack vollgeräumt ist. Es gefällt mir, dass sie mich heute Abend dazu ermuntert, doch noch ein Schnäpschen zu trinken und mich dabei auf den Tisch zu setzen, um mit den Füßen zu baumeln.

5
Er sitzt auf einer Anhöhe über dem Dorf, in dem er seit 55 Jahren lebt. Er sagt: „Ich komme mir hier so richtig fremd vor, als wäre ich ein Flüchtling.“

6
Es hat Minus Acht Grad Celsius. Heute begegnet mir bereits der zweite Mann, der mit kurzer Hose unterwegs ist. Auf dem Kopf trägt er eine dicke Mütze.

7
Es ist verrückt, nicht alles liegen zu lassen, um Dich zu besuchen.

Rand


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Ich höre die Windräder laufen.

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Ästhetische Erfahrungen sind nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit Literatur, Kunst und schönen Dingen, sondern Wahrnehmungen, die uns im Alltag anfassen und überwältigen. Das Flüchtige, Ungeduldige, das Erstaunen, Ergriffensein. Kraft.

„Kraft ist eine Erfahrung, die ich machen kann, ohne etwas zu können“
Christoph Menke

Fotos sind präzise und wahr. Manchmal sind allerdings Lügen besser. Deshalb sollte ich schreiben.

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Auch die Lauten haben einen Platz und die Esoteriker und die Alles-Zerredner und die Grüblerinnen und jene, die in der Nase bohren.

4
Ich zweifle derart an meinen künstlerischen Fähigkeiten, dass es weh tut.

5
Ich werde älter.

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Meiner Psyche bin ich oft schutzlos ausgeliefert. Um damit fertig zu werden gibt es die Liebe.

Teneriffa

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Der Kellner im Flughafenrestaurant hat nur mehr drei Stunden lang Dienst.
Ich verlange die Rechnung für meinen Espresso und die Eierspeise. 100 Euro, sagt er schmunzelnd.

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Unter mir die Wolken, Schnee auf den Bergen. In den Tälern liegt Nebel. Unter mir ist‘s also finster. Wenn hier Schnee liegt, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, sag ich mir. Glaub ich mir. Halte ich mir fest.
Ja, die Berge sind mir die liebsten. Später sehe ich die Flüsse als silberne Bänder, ich sehe die Häuser als winzige Punkte, die Dörfer wie Ameisenhaufen. Die Dolomiten. Südtirol. Ein Spiegel, der Gardasee, ein Engel in Silber. Die Sonne in den Fenstern der Häuser sind Sterne, die Blechdächer leuchten. Ich vergesse, welche Jahreszeit wir haben. Die Felder sind grün.
Der Po zeigt sich in seinen vielen Windungen und Wendungen. Im Osten färbt sich das Meer in Orange ein. Eine Sinnestäuschung nach der anderen, Meer oder Horizont, Unten oder Oben, wo beginnt der Himmel? Auch die Flüsse reflektieren die Sonne als grellgelben Ball oder als güldenes Band. Die offene Adria sieht aus wie die Oberfläche eines Ledersofas. Der Stuart serviert mir überm Golf von Genua Hühnerschnitzel in einer Semmel, Prosecco und Wasser im Plastikbecher

3
Jeden Augenblick will ich genießen, hier über den Wolken. Was für ein Luxus! Eingebettet zu sein in eine großartige Welt auf der hüben wie drüben Menschen auf mich warten, die mich lieben. Ich erfinde Dankbarkeit, verschreibe ich mich, schreibe von Wundern, lass Theben links liegen.

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Am Ende der Reise werde ich mir vornehmen, bei meinem nächsten Besuch hier in der Nacht am Strand zu liegen und in die Sterne zu schauen, um ins Universum zu fallen.

5
Ich brauche acht Stunden Schlaf. Den Sonnenaufgang am Morgen zu bewundern, das könnte zur Routine werden.

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Es gibt hier ganz kleine Tauben, Wildtauben, die in großen Bäumen leben. Und Dattelpalmen und Kokosnüsse auf Palmen. Natürlich müssen die Pflanzen hier bewässert werden. Es fällt so gut wie kein Regen. Es gibt riesige Pflanzzelte, in denen Palmen, Bananensträucher oder Paradeiserpflanzen gezogen werden.

7
Los Abrigos heißt das Dorf, in das wir fahren. Wir sind ein kleines Wir auf einer Insel. Der Vulkan könnte jederzeit ausbrechen. Hier ist das Meer mein Wasserfall. Das Meer ist der Atlantik. Der Atlantik, der auf diese Insel schwappt. Ich trage Sand in den Augen und zwischen den Zähnen. Hier werde ich mich festkleben. In Tajao ist der schönste Anblick das Zusammenspiel von Land und Wasser. Felsskulpturen, Gischt. Der beste Hauswein und Tintenfisch mit Zitrone. Wenn es das Letzte ist, was ich genießen darf – ich bin sehr zufrieden.

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Der Barraquito, eine geschichtete Kaffeespezialität, deren Zutaten ein Espresso, Milchschaum, Likör, Zimtpulver und Limettenschale sind. Die Kellner in der Rioja-Bar sind Profis mit rauem Schmäh. Testosterongeladen …und zum Wein servieren sie Serrano-Schinken. Am Abend stelle ich mich für ein Eis an. Der Bursche hinter dem Tresen wirkt konzentriert und lässt sich durch die immer länger werdende Warteschlange nicht aus der Ruhe bringen. Mit stoischer Genauigkeit bringt er Eiskugel um Eiskugel auf die Tüten. Es dauert sehr lange! Ich entdecke Gofio, eine Mehlspezialität, die ich bis dato nur im Himalaya und in den Hohen Tauern verortet wusste. Ich denke an meine Großmutter, in deren lauwarmen Brotbackofen ich als Kind gekrochen bin, um die gedörrten Getreidekörner für die Munggn herauszukehren.

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Surfer finden hier beste Voraussetzungen für das, was sie nicht lassen können. Sie wohnen in Hotels wie dem unseren. Deshalb wird zum Frühstück sehr viel Obst und Gemüse aufgelegt. Die Surfbretter sind kurz geworden. Die auslaufenden Abrundungen sind mittlerweile an beiden Enden abgeschnitten. Das Brett ist fast quadratisch. Und der Schirm findet in einem winzigen Rucksack Platz.

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Es gibt kaum Hunde auf der Insel. Viele Paare mit Kindern suchen den zentral nahe den Bars gelegenen Spielplatz auf. Besonders auffallend sind die Väter, die zugleich Machos und verantwortungsvolle Erziehungsberechtigte darstellen. Viele der Männer tragen Bärte in unterschiedlichen Längen. Das ist jetzt wohl Mode. Die Kinder laufen wir aufgezogen herum. Schnell und durcheinander. Alles ganz friedlich und laut. Ein lebendig gewordenes Wimmelbilderbuch.

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Am Wochenmarkt kaufen wir ein paar Paradeiser und Paprika für ein Picknick am Berg. Ich weiß noch nicht, was auf mich zukommt.
Wir fahren Richtung San Isidro in den Nationalpark Teide. Zuerst fallen mir die Landwirtschaft und die Gärten auf. Wein und Erdäpfel in sehr karger, trockener Landschaft. Das Städtchen Vilaflor liegt quasi immer irgendwie im Nebel oder in den Wolken. Das ist für die Pflanzen eine der wenigen Möglichkeiten, zu Wasser zu kommen. Zudem Zisternen; und Bäumchen, die in Mulden gesetzt werden, damit sie das wenige Wasser auffangen.
Dann beginnt die Phase der langnadeligen, alten Föhren, Kiefern. Die Wolkendecke, auf die wir mittlerweile hinunterschauen, ist atemberaubend, die Felsenlandschaft macht mich sprachlos. Wir hanteln uns von Schönheit zu Schönheit. Ein bisheriger Höhepunkt dieser Reise ist die Sternenwanderung zu den Roques de García. Die meisten Pflanzen auf dem kargen Vulkangestein sind so hart wie Plastik. Es gibt eine endemische Pflanze hier, die wie eine Kerze in die Höhe ragt, den roten Teide-Natternkopf. Begleitet von blühender Aloe Vera, Strelitzie und Paradiesvogel. Im Moment sind nur ihre Samenstände da zu sehen. Die Farbenpracht des Frühjahrs hält sich jetzt noch zurück. Pastelltöne. Es ist der Auftritt der Steine. Die Formen sind derart spektakulär, dass es keine grellen Farben mehr verträgt, dieser visuelle Überfall… 

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Immer wieder schüttet der Reisegefährte ein Schlückchen Wasser oder Alkohol quasi als Dank und Segen ins Meer, in die Luft oder auf die Erde. An besonderen Orten, die ihm viel geschenkt haben. Er ist ein zutiefst spiritueller Mensch. Das darf ich allerdings nicht erwähnen.

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Zwei Tage Leben sind mehr als zwei Seiten schreiben, meint die Pragerin, deren Biographie ich zurzeit lese.

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Was erlebst Du gerade, fragt mich mein Reisegefährte. Ich antworte, dass hier alles eine Geschichte ist, gewoben aus vielen Details. Das Muster im Sand. Die hellen und dunklen Staubkörner, die sich marmoriert zeigen, wenn das Meerwasser drüber schwappt, die pflanzlichen Muster, die sich bilden. Nie in gleicher Art und Weise. Der Glitzersand – Abermillionen Sternchen. Die Holzbretter, über die wir jedes Mal laufen, wenn wir vom Quartier ins Städtchen schlendern, abgenutzt von Wind, Wasser und Füßen. Die Nagelköpfe, die manchmal rausragen und zum Stolpern einladen.

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Angeblich gibt es auf der Insel Ausschreitungen aufgrund der viele Engländer, die zum Fußballschauen herfliegen. In ein paar Tagen spielen die Engländer gegen die Walisen. Da wird es laut Prognosen rund gehen.

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Während ich das schreibe, sitze ich unter zwei mehr oder weniger zerrupften Palmen an einem Kaffeehaustischen in El Medano und starre aufs Meer. „Das hier ist für Warmduscher“, meint der Reisegefährte, „die richtig wilden Wellen gibt es in Santa Cruz.“ Die Wellen in Los Americanos sind allerdings auch nicht übel. Deshalb treffen wir dort auf viele wellenreitenden Freaks. Der sympathischste Sport hier ist mir allerdings das Schwimmen. Ich sehe einen Schwimmer, er nimmt sich eine aufblasbare Boje mit und schwimmt eine Stunde lang hin, eine Stunde lang zurück. Mehr braucht man nicht. Und ich schließe das erste Mal in meinem Leben Freundschaft mit einem Schnorchel.

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Wir wandern auf der Mauer ohne Geländer vor zum schönen Aussichtspunkt am Pier. Links von mir das Meer und im Anschluss eine Einladung auf ein Glas Weißwein in ein Lokal, das Fledermäuse zum Logo hat. Neben uns sitzt ein älteres Paar, das Französisch miteinander spricht. Wir verstehen kaum ein Wort. Es ist unbedeutend. Das Unausgesprochene ist hier sehr deutlich.

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Das schwarz-goldene Feenkleid meiner Schwester hat hier seinen besten Auftritt. Ich spiel ein bisschen Theater damit. Am Strand um im Cafe Medano. Die beiden Kellnerinnen zeigen sich begeistert ob dem vielen Glitzer. Sie sind sehr charmant zu mir und schmeicheln mir. Wir vergraben einen Keramik-Kokon an der Stelle, wo mein Reisegefährte vor Jahren eine Ton-Kärntner-Nudel vergraben hat. Diese holen wir unversehrt zurück in meine Hände. Ich werde sie daheim auf den Tisch legen. Angereichert mit Meersalz und Meeresbrise und Erde.

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Mein Reisegefährte weist mich auf ein großes Plakat hin, ein Foto von einer Meerprozession am zweiten Sonntag im September in dieser Stadt. Eine Marienskulptur mit Kind wird auf einem Boot ins Wasser gebracht und bejubelt. Am Strand sind Massen von Menschen zu sehen. Ein buntes Schauspiel.
Er zeigt mir auch eine Bildhauerwerkstatt, in der ein Künstler Workshops abhält.
Er zeigt mir den roten Berg.
Er zeigt mir die Kajaks, mit denen wir zu den Delphinen fahren könnten.
Er zeigt mir sein illegal aufgesprühtes Logo, das direkt in die Webcam leuchtet.
Er zeigt mir das Lokal in dem der beste Mojito ausgeschenkt wird.
Wo finde ich den Off-Knopf?

20
Ich bin nicht mehr aufnahmebereit.

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Es regnet immer wieder ein bisschen.  Beim Frühstück reden zwei Urlauberinnen miteinander: „Ja wir waren jetzt drei Wochen lang hier. Den Winter ein bisschen verkürzen. Bis jetzt hatten wir Glück mit dem Wetter.“ Die andere: „Ja, wir kommen im November und dann im Februar und dann im März für jeweils drei Wochen.“ Scheinbar findet hier so etwas wie ewiger Frühling statt.

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Natürlich kaufe ich auf dem Samstagmarkt Souvenirs ein. Bezauberndes Selbstgehäkeltes. Lesezeichen, Tintenfische, Bären– Eine deutsche Frau, die nun schon seit Jahren hier lebt, handarbeitet sie. Wir finden einen antiquarischen Reiseführer – Wanderwege auf den Kanaren. Schön langsam bekomme ich einen kleinen Überblick über diese Inseln. Tektonisch: Afrika. Politisch: Europa. Das nächste Mal muss ich mir leichte Wanderschuhe und eine wirklich warme Wanderjacke mitnehmen.

Stille


1
Man darf nie ganz erwachsen werden, denn wenn es eng wird, ist Unbefangenheit eine stille Reserve, auf die man dann zurück greifen muss.

2
Der Winter verströmt am Meer keine Stille wie am See, wo sogar die Vögel lautlos auf den Stromleitungen sitzen und stumm hinausblicken übers verschneite Land. Ein kleines Rauschen vernimmt man zwar auch dort, doch das Wasser am See hüllt sich in Schweigen. Hier am Strand wogt das Meer selbst in seiner Ruhe hin und her.

3
Mit ihrer Aufmerksamkeit scheint alles in Ordnung. Doch sie bleibt stumm. Die Frage, warum sie schweigt ist keine dumme Frage, sie ist nicht beantwortbar.

4
Wir wohnen zusammen und arbeiten in aller Stille.

5
Im Angesicht des Sternenhimmels ist das Fliegen auf einen anderen Kontinent gar keine Bewegung.

6
Es ist ein schöner Jänner. Immer wieder fällt Schnee im Weinviertel und mir stellen sich Wintergefühle ein. Behaglichkeit. Reinheit. Einsamkeit.

7
Der Buchfink beginnt kurz vor Sonnenaufgang mit seinem Gesang.

Tun

1
Wie bezeichne ich den Raum, der sich zwischen mir und meinem Tun befindet? Ich kenne das Bedürfnis nach diesem Raum, der mich zum Beispiel vor grenzenloser Müdigkeit schützt. Nenne ich diesen Raum Fest oder nenne ich ihn Lassen oder nenne ich ihn Vor-dem-Tun oder nenne ich ihn Gesang oder nenne ich ihn Zugfahren?

2
Solange es etwas zu erledigen gibt, ist alles leichter zu ertragen. Das Leben. Deshalb ist jeder Tag besser als die Nächte, in denen ich daliege und lausche. Und jeder Morgen eine kurze Rettung ins Tun.

3
Die Frau erzieht fünf Kinder und gibt dafür freiwillig die Berufstätigkeit auf.

4
Es ist heftig. Tun bis zum Umfallen und dann umfallen. 
Das Heraustreten aus jeglicher Gemütlichkeit.

5
Dampf ablassen

6
Sie kauft sich eine Schreckpistole, bedroht einen Busfahrer damit, wird dafür dreienhalbJahre eingesperrt. Endlich hat sie Ruhe.

7
Muss Arbeit immer anstrengend sein? Weshalb kann mir denn verdammt noch mal ein Gedicht nie ganz leicht von der Hand gehen?

8
Heute ist mein schwacher Tag.

9
Kleine Fabel von Franz Kafka:
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

10
Es ist Ende Jänner. Es hat drei cm geschneit. Alle sind glücklich und ziehen sich Schihosen, sportliche Daunenjacken, stylische Hauben und Handschuhe an, schnallen sich den Überlebensrucksack auf den Rücken und gehen zum Bäcker, um zwei Frühstücksemmeln zu kaufen.

Kochen


1
Meine Bekannte hat sich einen Kochroboter gekauft. Sie, die Kochen stets auch als Mittel gegen allzu depressiv-traurige Gedanken einsetzt, setzt jetzt auf Unterstützung durch intelligente Technik. Intelligent war meine Bekannte vorher schon. Wie wird jetzt von ihr zubereitetes Essen schmecken?

2
Heute werde ich daran erinnert, dass man Polsterzipf backen könnte. Und Äpfelknödel mit Zimt und Butter. Meine Küche ist im Alltag viel zu aufwändig.

3
Ich lese ein Stück Papier von der Straße auf. Es ist eine Einkaufsliste. Drauf steht: Leberpastete, Zitronen, Fischfilets, Rosinen, Striezel, Katzendosen. Ich komme nicht umhin, darüber nachzudenken, welcher Haushalt dahinter stecken mag.

4
Der Portier im Krankenhaus schenkt mir ein Stück Kardinalschnitte und kocht mir einen Espresso.