Autormartha

Zumutungen

1
Ich unterhalte mich sehr gerne mit unseren Kindern! Zum Beispiel darüber, welche Musik sie gerne hören oder warum man heutzutage noch Kinder bekommen sollte.
2
Ich kenne einen Künstler, er ist derart verletzlich, dass er sich jeder Form von Kritik entzieht,  weil ihn Kritik nicht nur verletzt, sondern vernichtet. Deshalb geht er mit seinen Werken nicht an die Öffentlichkeit, er zeigt sie niemandem außer seiner Frau. Ich halte ihn für einen beseelten, begnadeten Künstler mit vielen Kunstwerken, die niemand sehen darf. Ich denke gerne an ihn und an seine mir unbekannten Arbeiten.
3
Kann man ein Luftschloss zerstören, das man sich in der Vergangenheit gebaut hat?
4
Dass junge Menschen von ihren Eltern über alle Maßen behütet werden, dass sie dann beim ersten Menschen, der ihnen einen Wunsch nicht erfüllt, zum Beispiel die Liebe nicht erwidert, in einen derart großen Kummer verfallen, dass sie in der Psychiatrie landen oder im schlimmsten Fall sogar unter einem fahrenden Zug, das fällt auf.
5
Veranstalterin: „Martha, vertrittst du die Hohe Geistlichkeit?“
Ich: „????“
6
Wie soll das denn gelingen? Wertschätzung des immer größer werdenden Angewiesenseins?
7
Weglassen. Loslassen. Zulassen. Einlassen.
Es stimmt.
8
Ich höre, dass die junge Frau ihr Kind abtreiben lässt. Es wurde das Downsyndrom diagnostiziert. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht. Ich versuche, sie zu stützen. Eigentlich versuche ich, ihr familiäres Umfeld zu stützen. Der Zufall will es so, dass ich gerade heute beim Mittagessen einem Mann gegenübersitze, der mit dieser Krankheit (?) lebt.
9
Weint mein Kollege manchmal?
10
Die rote Gartenbank bricht unter uns zusammen. Der Nachbar geht mir gut zu. Meine Mutter geht mir nicht gut zu. Aber alles ist, wie es ist. Ich bemühe mich, wertfrei zu bleiben. Die Muse küsst mich nicht. Was soll ich sagen, ich falle dann in ein Loch. Und meine Tochter sagt, in jedem Loch ist es scheiße. Es gibt kein gutes Loch.
11
Nüsse vergolden hilft heute nicht.
12
Ich messe mit zweierlei Maß. Und diese Frechheit erlaube ich mir voll und ganz.
13
Was ist los mit mir? Einmal am Tag weinen? Was alles ist mir zu viel? Ich fühle mich hin und hergeschubbst.
14
Er findet Bologna sehr schön – ist das die schönste Stadt Italiens?
15
Sie möchte über Sex reden. Sie möchte nicht über Sex reden. Sie möchte Sex haben.

Spinne


1
Ein ganzer Freitag, der nur mir und meinen Ideen gehört. Und wie lautet der erste Gedanke in der Früh? „Soll ich einen Tisch im Stundenhotel reservieren oder selbst ein Fünf-Gänge-Menü kochen?“ Ich habe Lust darauf, unprätentiös und fein, geschmacklich komplex und perfekt aufeinander abgestimmtes Essen zu mir zu nehmen und mit allen Sinnen in einer zeremoniellen Langsamkeit zu genießen.
2
Plötzlich sitze ich im Dorfkaffee und wohne einer seichten Theateraufführung bei. Es kommt mir vor, als müsste ich jeden Sonntag bei meiner Schwiegermutter zu Mittag essen (was nie der Fall war!) In diesem Zusammenhang lerne ich, dass unser Gehirn offenbar keine Überraschungen mag. Stimmt das? Und wenn es gute sind?
3
Ich trinke mit meiner Tochter einen hervorragenden Welschriesling aus dem Südburgenland. Ich unterhalte mich mit ihr über die Grenzen des Dorflebens, über ihre Zukunft an der Uni und darüber, dass sie ihre Wohnung in Wien neu einrichten will. Die Leute rund um uns meinen: „Monogamie, das klingt so verführerisch!“
4
In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es laut. Man setzt sich in die U-Bahn, um mit der Familie in einem fernen Land zu chatten. Oder um Videos zu schauen (ohne Kopfhörer). Oder alles auf einmal.
5
Das Café am Heumarkt bleibt unverändert außergewöhnlich. Ruhig. Verschroben. Wir essen zusammen ein Menü. Nudelsuppe und einen Schweinsbraten mit Knödeln, Sauerkraut. Und einen Schnaps, den trinken wir dazu.Es ist still im Raum. Nur eine große Säule, ein Nistplatz aus Heu unter den Heizkörpern für die Mäuse und ein paar Gäste, die sich ruhig verhalten, und immer wieder zum Rauchen vor die Tür gehen.
6
Trennen oder zusammenbleiben? Diese Frage stellt sich oft. Und es ist das Einzige, worüber wir reden wollen, wenn es nichts mehr gibt, was noch vor uns liegt. Vielleicht sind wir nur auf der Welt, um die Menschen zu lieben, die wir kennen, um uns um sie zu kümmern, und selbst dann noch zu lieben und uns um sie zu sorgen, wenn es Wichtigeres zu tun gäbe.
7
Wir machen vieles deshalb, weil wir es können.
8
Ich lasse mich von seinem wachen Geist ein bisschen hin- und herschubsen. Zwei Gläser Prosecco, ein gefülltes Salzstangerl und die Nusskekse meiner Freundin sind unsere Nahrung, um abzunehmen. Wir sitzen in einem Raum mit dunkler Tapete und Fotografien mit grünen Motiven an den Wänden. Die Fenster sind weiß und der Ausblick auf den Stephansdom ist einzigartig.
9
Es ist da ein Innenraum, ausgespannt mit jenen Fäden, die meine sind, die mein Hirngespinst sind, meine Gedankenfäden, mein Spinnennetz. Der Boden unter meinen Füßen wird fester, wenn ich diesen Raum manchmal aufräume, ausräume, nur mit jenen Gespinsten bestücke, die mir gefallen. Mein kurzes, kostbares Leben erkennend, selbstvoll … der Raum einer Liebenden.
10
Weiterspinnen
11
Faulenzen macht nur Sinn, wenn man ausgeschlafen ist.

Erzähl mir eine Geschichte! Eine wahre oder eine erfundene?


Diese Kiste ist ein Aufbewahrungsort für die Bilder und Fotos von Tibor Kulcsar und für meine Gedichte.

Sie beherbergt zusätzlich Fragmente, die in den Texten keinen Platz gefunden haben, Erweiterungen eines nicht zu Ende gedachten Gedankens und haptische Ergänzungen.

Sie ist eine zerbrechliche Hülle für gefundene Zaubersprüche, für kostbare Kleinigkeiten, unverfügbar und genau wie für mich geschaffen.

In ihr verbirgt sich eine leise Antwort auf das Weltverstummen.

In ihr klingen Melodien nach, opulente Fülle vergangener Jahreszeiten und Worte, die jederzeit wieder verschwinden können, Habseligkeiten eben.

Und rundherum: ein Keller, ein Haus, ein Garten, ein Horizont; ein Kokon wie ein geborgener Raum für Abenteuer. Ich kann mich getrost zurücklehnen und entspannen.

 

Texte

[zwischen zwei]
ein wunder, so nah gebaut an der wunde
auf diesem stern mein

zwischen den schenkeln die hand, immer schon
das sprechen, ohne zu sprechen
das alles offen lässt, alles zusammenhält

es ist alles nicht lange her
das verschwundengeglaubte
fortwährende strömen
sich vermuten, sich aufrichten
in das hereinfallende licht

[brennen lernen 1]
gummistiefel steigen aus dem foto, zöpfe, zähne, lücken
steigen dohlen aus dem niedermoor
und ernste blicke, die der aufgestaute see gebiert

die kleidung riecht nach tag und nacht
alle blicken in die kamera
einer schaut hinab ins tal

nächstes jahr wird er sterben
ihn tragen vier männer
über die höhe ins gegenüberliegende tal

verpassen dem bach einen tritt
er mäandert weiter
richtung graben, richtung schlund

wer lässt die berge stürzen
wer streut holzasche über den ersten schnee
wer rettet die letzte ernte?

hier geht’s ums gehen
sie roden, sie ziehen, sie überqueren
spät erst baut der bürgermeister einen güterweg

mir entfällt das letzte wort
taurisker, es füllt den mund
in der mulz versunken

heute fegt der wind im birnbaum
wir steigen höher hinauf
sammeln die rosenwurz

ich bevorzuge gold
schwefelkies zieht der säumer
über den waschgang zur verhüttung

du, erschöpf dich nicht!
musst noch brennsuppe kochen
in vier monaten wird das heu geholt

[brennen lernen 2]
der hund weicht nicht von der seite
nur der lockstab fliegt davon
brennholz für das lagerfeuer

zirbenholz statt ebenholz
glut und feuerwerk der späten stunde
die bachsteine sind aufgeladen

schnür das paket aus baumhaar
zähl die verglühenden am himmel
und fertige ein nest aus wilden beeren

wachs doch parallel zur wiese
verwechsle wetter mit meerwind
und zieh das netz über die haut

der mensch ist eine sau
das wort fährt ein und geht
raus beim rechten ohr

stört nicht!
sind in meinen bergen

[brennen lernen 3]
erkennen wir den wasserfall, den urschrei
zieht wind über den bergkamm, haar und schleier
die spalte im gneis glänzt zwischen den fingern
gegen den fels gehalten

grün ist da alles, salzig, feucht
grün spannt sich über alm, leuchtet die tauern aus
hängen herz und harz am lärchenzaun
beide sind alt genug fürs frieren

ich will schnee sehen
bevor er den bach hinunterrinnt
blutschnee; genau jetzt, nur ich
genau jetzt, nur ich

befragst du den eisvogel neun sommer lang
danach keine weiteren aussichten
zeigt er keinen traum? nicht alles ist horizont –
glaub ihm nicht!

wo sich die quellen mischen, ist hier
im graben, im gartenschlauch, über das geröll verlegt
wir trinken kuhmilch und vogelbeer
und halten andacht

Vertonung Heinz Stadlbacher


[fischteich, besitzen]
bekommst tourismus serviert
am warteplatz am teich
freundschaft mit kellner und ente
glitzernde weite

weiße leinen auf den tischen
gardinen aus weidenzweigen
alles wird noch heller
wenn der mond aufgeht

im flachmeer tummeln sich muscheln
und schlammschnecken
abu dhabi liegt nahe
auch die bahamas und die schweiz

hier ist also das meer über uns
hochgebirge, auf dem wir wandern
die welt steht kopf und
unüberhörbar sind die fernen tage

bestellst futtermittel für geflügel
seltene wirbelknochen von delfinen
gemahlen, vermischt, bewachsen
machst mit freiem auge flache dünen aus

der graureiher fädelt
blitzblaue schnürsenkel in die alten schuhe
was wäre jetzt ungewöhnlich?
ein zilpzalp auf der angelrute?

ich trage aus verlegenheit
ein rotes kleid, ein schwarzes tuch
von der stange. hab sommer gefunden
es sitzt. es passt

ich habe tee gezuckert, getrunken
ein warmes gesicht, einen kalten schoß
hauche wiederholt worte in den sand
es ist vieles schon geschehen

[trag die dose]
in der tasche, nah am körper
samtig in der hand
abgegriffenes metall, silbern, matt
das ornamentmuster rankt
über weiche kanten
riecht nach großvater, holzarbeit und wolle
schmieröl. zwei tabakbraune finger
greifen hinters ohr

öffne die dose
nehme die kubanische
rauche unbeirrt
asche in den ascher

verbrenne nicht, brenne
dahin in dieser wärme, hitze
glut. mein freund, glosende glut
bliebe doch der leib gänzlich unversehrt
halte deine asche
sorgfältig bereit für die letzte reise
wer räumt dieses elend weg?
die luftfeuchtigkeit muss passen
dagegen ist nichts zu machen

von staub zu staub
trage die kleinen steinchen
in meinen schuhen
das gefäß ist steinhart

[groß sein im wünschen]
geruch nach kaffee
sanftheit, verblüffende zärtlichkeit

du hast rosen besorgt
zur hand genommen, aufs wasser gelegt

am teich treiben sie, driften ab
tragen dein lied

wieder ein spiegel, wieder ein spiel
sprich leiser! summ!

schreib ich alles noch kleiner?
die guten jahre, die bitteren jahre

vom dichten nebel
in die nase hinein kriecht er

den klammen fingern bleibt
in der jacke nichts verborgen

trauerweiden, weißpappeln
reißen den blick weg vom nabel

ich sehe den ersten haarriss im schloss
nach sechs jahrzehnten

ein puls im schoß der mutter
ich werde den vorhang nie zuziehen

[ich beneide den biber]
in einer nacht
ist der wald auf den kopf gestellt
sein akt dauert einen
wimpernschlag lang
der boden
hält den feuchten bärlauchstock
der verwesung entgegen.
hat temperatur. schlägt wurzeln.
zurück in den sumpf! ich bin eine pflanze

Vertonung Heinz Stadlbacher

 

[die falten]
ein ginkoblatt, bild ich mir ein

in wirklichkeit
ist es die ulme, die ruste
fällt dem stier auf das horn

transleithanien
war immer schon wild

stets nur fünf gehminuten
bis zum wasser
fisch raus den wels!

zwischen schwimmhäuten
sternenglitzer der wellen

die eitle wirft
funkeln auf den kanal
und wie sie sich spiegelt!

nenn dein zwei nackte füße
zwei zahme tiere

nenn dein die enten
den kormoran und die schwäne
nenn dein den kanal

der fisch auf dem grill
die arbeiter unter der brücke

schichten wetter um wetter
im graupelsturm im frühling
reihum der flachmann

wo ich jetzt bin, war ich noch nie
ich darf das

[hinauswachsen]
wacholder, der wilde, zottiger spitzkiel
über die steine treten meine blanken füße

vier füße
zwei voller geruch
und zwei
voller stacheln

aufgestachelt, die beißschrecke
rattert am grau-andorn: willst du?

Vertonung Heinz Stadlbacher


[wir bestellen den garten auf der fensterbank]
ahnen zukunft, erdenken einander ein hühnervolk

beim genauen betrachten ist der blumenwiesensamen
voller farben und formen, nicht eintönig, sondern schillernd

er läuft dem sommer und der verheißung voraus
außerdem ist das abglanz und retro, überall neuauflage

ich hab im winter schon ausgepflanzt, ohne zögern
grasgrün kommt schon, die stauden bleiben für immer

die himbeere im ausschnitt der bluse rutscht tiefer
verschmiert den rand zwischen haut und stoff mit rot

[einen sonntag ehren]
hält er doch ein fenster offen
ich sammle insekten
für das mittagessen
selektiere pigmente
für die dünne brühe
wurzeln kriechen durch
meinen harten gartenboden
hier wohnt frost
hier wohnt behaglichkeit
lass nicht locker!

die pfeffermühle flüstert
zwei zitronen säuern vor sich hin
gelockt zu werden
in die vogelabteilung
des naturhistorischen museums
in die kirche auf dem hügel
am ende gezerrt und gezogen
diese zähen sonntage
unfähig, eine harmlose
entscheidung zu treffen
unfähig, sich da nichts anzutun

[es funkelt, glimmer, firn]
das schloss vor unseren augen
stockt uns der atem
es taut in unserer stadt

anderswilde stille, schweigen
wortgewalt im akt und zittern
ist zartes auf der zunge
ist frühling in der stadt

[anstrengung im schlaf, meine haut]
um den körper eines säuglings wickelnd
von neuen gesichtern träumend

der schmerz im kopf ins innerste gewebe
eine leichte hand auf den bauch legend
mein hab und schutz: ein wissen

die augen bloß noch nicht öffnen
das meer ist vorher schon da
dazu braucht es kein versprechen

nicht hineinpassen ins kleid
ich bin schwer, das ist wahr!
mein beruf: ein tag am meer

wir können alles, du hast ja zwei hände
eine für mich und eine als platzhalter
irgendwann teilen wir ein sterbebett

ein poem zum frühstück, mit butterbrot
herz in der stadt, haut in der stadt
ein weiches ei am ufer, kein detail am rande

tipp: schütte einen liter milch
über mich, dann schau ich aus
wie ein kälbchen

[samen. zurücktreten gilt nicht!]
vor dem spiegel ein schwarzes nichts, blind vom licht
der kopf, berstend und kaum lärm auf der straße
die straße schrumpft zusammen, hat platz in der faust
dem becken, schütte wasser ins klo und gurgle
einladung und aufregung weg

mars bei den plejaden, links die hyaden mit aldebaran
der nicht zu dem haufen gehört
vor das goldene tor hintreten, richtigstellen
mit zaghafter geste, zeigefinger an der schläfe, die bahnen
detaillierter umkreisen

es fehlt der weiße saft, der ein sternenbild zeichnet
die milchstraße gibt auf, tritt zurück
neu ist die sprache, schleicht sich an, dringt ein
in zukunft erkenne den weg am verlorenen haar

[der überdachte raum, dunkel]
dieses grab geht mir nun schon seit tagen nicht aus dem kopf
als gäbe es nie wieder eine geburt!
tulpen welken weiß und gelb vor sich hin
so schnell verwest es nicht in der grube

das beste aus zwei welten
erweck nicht zum leben, erkenn kein geschöpf
den geschmack von blut auf der zunge schleck ich, schluck ich
wein weg das geschenk, die gabe im park
zieh meine roten pfade

sammle den müll, stopf in den sack
stopf in den kübel – neuer fluchtpunkt im park
rotbuche, kastanie, kalabrische kiefer
zeichnen die äste darüber hinweg, sie bilden ein dach
so kannst du es lassen

[kraft, hinan!]
durchströmen, erkunden

nicht wach werden, neben mir
der einsame bettler im schlafsack

harmlose geräusche am morgen
motorsäge und straßenlärm, platschen

relief aus sonne, kristall
eisgarten am fensterbrett

die stadtwildnis ist nicht genug
weiter geht die reise

mir schwebt island vor
mir schwebt urwald vor

 es kitzelt, es kribbelt
bin warm, bin kalt, atme, tropfe

ein nest in der baumkrone
träum ich storchenflug, graugans, falke

reisen aus dem nichts
ins fleischdelta, die höhle, die schlucht

mir schwebt island vor
island im sommer

das zelt mitnehmen, die decke
den wanderstock und ein versteck

zwergwacholder, silberwurz
das nordische berufskraut stehen lassen

lass dich [an]schauen!
lass dich anschauen

es staubt gold auf den altar
überschwang, verneigung, ein schaugefäß

in rituale gebettete splitter –
kratze den ganzen tag nach tau

der dunkelheit zurückgeben
was sie schenkt

wir sind für die anderen
erwachsen

[limes mit mangopüree]
bringt mich in stimmung
für den großen satz
brösel kommen in den blog
die essenz gelangt ins buch
kein mensch weiß alles
nur ich weiß alles über mich
ich quetsche mich aus
wie eine orange für die torte

[nacht ist]
wo ich mir
selbst gehöre
und stille

[ein gedicht schreiben]
auf ein blatt papier,
das so groß ist wie ich
169 zentimeter

[auf die piazze der schönen]
basare, ein träumender
spalt, hinaufsteigen, hinuntersteigen, ein schwarm
gedanken, hochgehoben, zu blumensträußen
gebunden, mit einer zigarette im mund
schräg, den hut auf dem kopf weht der wind davon
spielt ein pappbecher mit den wellen
der regen auf den schirmen, auf der nackten wange
spritzt ins gesicht. setze den fuß in die luft
will stehen bleiben, finde mit dem boot den weg im kreis
nicht vor und nicht zurück
es klappern die stöckel auf dem pflaster
wir, unversehrte gebilde
und wenn nicht: arm und schultern wachsen nach
wir sind nachkommen der axolotl

schon etwas verrücken. schon kosten
und schon einmal auch ein voll gedeckter tisch
tücke und 100 gesänge der glocken von sanct nicolai
ich weiß, wie oft am tag, damit nichts verloren geht
wird der himmel über mir verschüttet
es ist kein zeichen, kein widerstand
entkoffeiniert. gnade passiert
blasiert wie wir, denken dem licht nach durch eine brille
beten ohne text und laut, salben jede ritze, jeden spalt
in dorsoduro erscheint uns
eine lokomotive ohne schienen

[ein atelier betreiben ]
lass mich den turm
hochklettern! (er ragt
trotz zerrüttung in
das strahlen) belohn die
ferne mit aussicht

wirf doch noch schatten
auf den auszug
spiel, trotz und zappel!
ignorier die absperrbänder
kämpf ums überleben

du hörst ja
wie die herzen schlagen
sie pumpen blut an land
wer beklemmung fühlt
sucht die überraschung nicht

raab und donau dunkeln,
ruder blättern schläge
in die gischt
und stöckchen schreiben in den sand
das ist eine feine lüge

mutterland, das blüht dir nicht
kunstblumen zieren die gräber
auf körpern aus papier
malst öl und zeichen. am brunnen
tanzt kein zauder, keine sorge

bau ein haus im milchorangenbaum,
salz nach den fisch, den roten brei
leg maulbeeren auf die lippen,
dann: geh! am bahnhof
spielt das wetter keine rolle

[möll]
die reise rückt näher, der traum:
es wird eng, ausweglos
zurück in die enge des tales gedrängt

ich spüle das geschirr in mutters küche
die nicht mehr ihre küche ist
ich betätige die klospülung
im haus, das auf geröll gebaut ist
wasser rinnt in die möll
bis hin zum möllplatz
wo mein auto parkt

das ist die hölle: in einem dorf
das man verlassen sollte, begraben sein
ich entscheide mich, fahr nicht heim

depression ist keine pflicht
lass mir die kindheit nicht nehmen
es springen frösche als metaphern
aus dem starren, suchen essensreste
es fließt in einem schwung
ein wortschwall in die strömung
angelesener rhythmus: mutter, butter, bächlein

[er legt mir fotos vor, atemberaubende]
das vertraute erkenn ich darin nicht
retouchiert, um welten schöner als in erinnerung
landschaft, um welten schöner, als das auge sieht
ich wünsch mir sicht und einen fluss als grabbeigabe

er führt niedrigwasser, kleine wirbel
in tieferen zügen und rinnen
ist die strömung meist sehr stark
steigt der pegel, ist das ufer unerreichbar
geschenkt, das ganze spektrum, wie wir es wollen

platz finden: jänner, feber, tau und anger
schlanke gischt, wasserspritzer in allen farben
tauchen ein in bewegung, windung,
wendig fließt es weg, bruchkante, quer zur welle
brücke hin zum schwarzen meer

das helle darin für äsche, bachforelle
ganz selten fängt man auch noch einen saibling
am ufer kleine gärten, höhlen, licht und dunkelstreifen
hier lass ich dem zaunkönig seinen auftritt
den leichten flug zum erlenast

fotos wie ein kirchenfenster
die kirche mit dem roten dach
türkis und ein braun wie gelb
silberweiß, glasklar in seinem fall
ich schaue das mosaik mit weichen augen

[zum fünfuhrtee beim bruder]
keine wickel haben wollen
die warme stube nicht verspielen

zwischen den jahren streunen
hinausgehen zum baum, zur quelle
schlick zwischen den zähnen

zwischen den felsstücken, tauernfenster
schieferhüllen über zentralgneis
nur unten am fluss ist ewigkeit

bin nur mehr für acht jahre
mit inbrunst und pfauenaugenaufschlag
in der freundschaft mit ihm

ein alter schuh
wird dann nicht genügen
ja! sorry, ausgerutscht!

plejaden im nussbaum –
heb deinen kopf
ab in den nacken mit ihm!

ich pflücke sterne
mit klammen fingern
gold war immer schon

[zwei gelbe flecken nur]
der orkan fegt uns den flussabwärts
wir sausen aus dem hirngespinst
gehen entlang der fotozeile
wandern den wald ab zum wasserfall
wäre nicht die kleine lawine abgegangen
wäre er fast zu übersehen
wie eine grafik, diese bäume
weißer schnee und schwarze stämme
die hand behutsam auf die rinde legen
wie eine grafik, ein paar hohe pflanzenhalme
aus dem weißen waldboden hervorgestochen
fester schnee und luftiger schnee wiederholen
überholen den schneefall
selbst auf den stämmen legt er sich ab
vom wind angetrieben, aufgestaubt, losgepulvert
schmeck die kälte auf der zunge
wer könnte sagen, grau sei hier alles?

[jede zweite nacht]
mein gedicht liegt
im schlafrock
auf dem boden

[hallstatt]
die wellen meiner trauer ruhen unter eis
so ähnlich hätte ich es dir geschrieben
wenn du mich je gefragt hättest
wir versäumen die kurze zeitspanne
in der das beinhaus offen ist
hierher hätten wir den totenkopf zurückbringen sollen
der seit geraumer zeit ein obdach sucht
einen bleistiftstrich fürs zeitliche
vor 30 jahren war ich schon im salzbergwerk
leben hier noch echte menschen?
im winter bleibt das tor geschlossen
und die festtagskrapfen im gebirge
sind aus schmalz herausgebacken, angezuckert

von der tante hätte ich erzählt
wie sie krapfen formt, nebenher
links liegen sieb und schöpfer
ob sie wohl noch in der hölle schmort?
wir essen und zahlen einen wochenlohn
das fährpaar empfiehlt die spätere überfuhr
zwischen berg und abgrund
überall legt er sich ab, der frost

hätte erzählt vom weg der schwester
über die promenade, zum markt
eines kalten steges entlang
von der hängebrücke
dem hinweis zur tiefsten stelle
tanzt mein spiegelbild am see

[butterteich]
es gibt von mir nichts neues zu berichten
außer: camping am viktor-adler-markt
dann mit der straßenbahnlinie 6 zu annegrett‘s cafe

trinke dreimal schnaps am butterteich
versenke alles im weiher, an dem du mir mit dem skalpell
große flecken haut aus meinem rechten unterarm schneidest
du transplantierst sie mir auf den linken oberschenkel
mal mir ein bisschen leben drauf, schrei ich

du trägst verlust in den händen. sie sind groß wie zwei laibe brot
aus einem teller essen wir suppe zum trotz und trost
das neu! neu! macht kleine schritte
du setzt vorerst auf weltuntergang, weil tropfen fallen
desinfiziere die fragmente meiner wunde

auf der bank vorm böhmischen prater liegt unterwäsche
nass und vergessen von zaungästen von damals
am westbahnhof steig ich um

[schade, kein gras für meine füße]
bin eingetaucht in räume eines anderen
lege mir die haut des fremden an
vor dem fenster wiegen sich zweige
schwalben huschen vorbei
vom acker herein weht ein irrlicht
es riecht nach tier. es riecht nach holz
es riecht nach alm und nassem heuboden
der dauerregen bedeutet fünfzigmal warten

natürlich steinschleudern. natürlich stampfen
mit beiden beinen je einmal auf lehm

in meiner schreibstube lass ich mich nicht stören
hier muss ich die gebeutelte welt nicht fassen
die kellervorräte gehen allmählich zur neige
ich betrinke mich mit altem rotwein
trage einen meteoriten um den hals und weiß
diese sternschnuppe passt. ich denke mir ein holpern
einen troll. jederzeit. zieh doch mal hierher
und wirf den herbstmantel über die nackte schulter

sei ein eindringling! wer will denn schon
so spät herumstreunen, andauernd fehlen

[zwei besoffene männer]
auf der rollfähre
der schnaps steht offen
zwischen dem objekt der begierde
und dem abtauchkurs schwitzen sie
daubelfischer hinter pflanzendickicht
wasservögel tragen beine, schnäbel
unterschiedlich lang herum
graureiher. flussregenpfeifer. bachstelze
den seeadler seh ich nicht
schwarzstorch. sperber. kormoran
ich gurre ohne unterbrechung
halte das gesicht in den äther
das handtelefon klingelt
der rotmilan ist dran

ich bade
lege mich
buchstaben für buchstaben
in den marchsand
wer hier nicht schwimmt
ist selber schuld
spinnen verweben
den uferbereich
diamantenbesetzte netze
schwemmholz. pappeln. ulmen
schwemmholz
schwemmholz
zum abschied
kleben an der scheibe
winzige tiere

[eine wahre geschichte erzählte das kind]
zuvor unterm strauch verscharrt
der blick wanderte die gesichtszüge ab
die hand legte sich warm auf den stein
keiner wird es jemals stören
das land, gelobt durch unverbindlichkeit
dahinter das glitzern von gibraltar

sand weht, marmoriert sich bis zum rand
weiter hinten ein schmaler streifen licht
schiffe tragen stellvertretergedanken vorbei
moleküle sind spürbar, drängen dank auf
ein geschenk des alters, unerwartete zugabe
hoffentlich tritt niemand drauf

[einmal im jahr]
wenn die sonne vom schornstein rinnt
und du schläfst und ich mich in deine seele lege und lausche
dann ist das leben der gegenzauber für das fieber, die kopfqualen
dann kann mir die göttin des wechsels aller dinge gestohlen bleiben
weil alles im moos ist, im quellmoos. endlich daheim in zahorska ves

[alles wie nie]
wir wissen nicht, wo wir sind
man verliert ja ständig etwas –
gegenstände, einkaufslisten, das wesentliche
aus den augen, die durchblutete schleimhaut im bauch –
aber jetzt, unter diesem zelt, bin ich nicht infrage gestellt
als hätte ich das wort armselig noch nie gehört

die muttersprache zwängt sich aus ihrem versteck ins ohr
nichts wird vergessen, nichts in den hintergrund gedrängt
sammeln sich die splitter meiner selbst wie von alleine auf
skizzen, gekritzel, verlorene gesten in grün und gold
ich höre dir neu zu, gebe etwas für etwas, lösche den punkt

Mestre


1
Zum Auftakt im RJ, der uns nach Venecia St. Lucia bringt, verschütte ich einen Cappucinotogo. Einen großen. Er ergießt sich über das halbe Zugabteil. Trotzdem fährt der Zug durch Lieblingslandschaften. Meine Stimmung wird mit jedem Kilometer heiterer. Ich sehe die ersten Palmen.
2
Mestre empfängt uns mit aufgeblasenen Lippen, einem opulenten Markt, dem Geruch von Fisch und Huhn und dem Uhrturm.
Mittwoch und Freitag: Markt in Mestre. Was für eine harte Arbeit! Zweimal die Woche diese ganze Zelt- und Tischlandschaft aufzubauen! Und dann natürlich noch die Waren heranschaffen und für das Auge schön drapieren. Der Verkauf beginnt erst gegen 9 Uhr. Vorher sind alle mit Vorbereitungen beschäftigt. Wir kaufen uns einen großen Topf. Darin hat ein ganzes Hühnervolk auf einmal Platz. Karden, lila Karfiol, eine mir unbekannte Art von Herbstspargel, Mini-Zucchini und Mini-Melanzani. Spinat in allen erdenklichen Formen.
3
Heute ist Sonntag. Heute kommen sie aus ihren Wohnungen, die Hunde und ihre Herrchen und Frauchen, nebenan auf die Piazza del Ferretto. Der Grundton auf der Piazza: der Brunnen plätschert. Ja, das Flanieren auf den Piazze hat Tradition. Alle sind herausgeputzt und sind fein gekleidet. Egal welchen Alters. Mindestens ein Jackett und mindestens eine tolle Frisur. Und Brillen, Brillen, Brillen. Heuer sind hohe, schwarze Stiefel modern, die trotz der spätsommerlich warmen Temperaturen getragen werden.

Ich setze mich in die Bar Antico Stendardo. Ich beobachte einen Mann, der sich – vermutlich mit seiner Mutter – unter einen Sonnenschirm der Bar setzt, um ein paar wenige Worte zu wechseln und zu schauen. Die Einheimischen tun das mit einer unverwechselbaren Aufmerksamkeit, einer extravaganten Mischung aus Neugier, Interesse und Gelassenheit. Das kriegen wir TouristInnen nicht hin. Höchstens die Italiener. Es tut mir gut, von der Kellnerin als Seniora angesprochen zu werden. Aus dem Zelt der Zivilschutzinformation, das mitten am Platz Stellung bezogen hat, wehen Seifenblasen her.

Ein Protestzug der moldauischen Minderheit zieht singend an mir vorbei. Ein Mann hat sich Pappkartons mit Protestparolen vor und hinter den Oberkörper gehängt. Soweit ich das übersetzen kann, ist er gegen so ziemlich alles. Er steht ruhig da. Er irritiert nur mich. Alle anderen scheinen ihn zu kennen.
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Das Hotel Venezia lebt von Spiegeltäuschungen
(- der Frühstücksraum ist mit Spiegelwänden ausgekleidet. Wahrscheinlich ist der Raum ein dunkles Loch – mit Hilfe von Spiegeln, Lichtern und Scheinarchitektur wird er zu einem hellen Raum. Der Schein kann trügen!)
und sehr zuvorkommendem Personal. Vor allem die Herren an der Rezeption machen ihrem Namen alle Ehre. Elegant zurückhaltend, freundlich kühl und verständnisvoll bei Anfragen aller Art. Die vorauseilende Antwort auf eine (noch) nicht gestellte Frage: „So kommen Sie am besten nach Venedig!“
Mit einem Ticket um 65 Euro kann man sich hier frei mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen. Am besten richte ich mein Büro auf einem Vaporetto ein. Diese Wasserbusse fahren sehr rustikal und wild durch die Gegend. Ich staune, man muss sehr gut auf den Beinen stehen, um da mithalten zu können und nicht zu wackeln oder umzufallen.
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Das Bier wird hier natürlich auch schon wie Wein serviert. Die Flaschen sind klein und extrem aufgemotzt, aber auf schön. Heute habe ich die ersten Maroni auf dem Ofen gesehen. Schwertfisch mit Avocado und Kürbissülzchen. Meeresfrüchte. Risotto. Prosecco.
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Das M9 erinnert mich sehr an das Kunsthaus Graz. Es ist mitten hinein in die Stadt gebaut – gut gebaut – neu in schöner Umgebung. Der Raum ist auch innen passabel. Die Ausstellung ist multimedial und für mein Hirn zu verwirrend. Der Künstler Emilo Vedova macht nur „alten“ Trash.
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Es ist die perfekte Lösung, in Mestre zu wohnen. Venedig hält auf Dauer ja kein Mensch aus. Die ganze Welt trifft sich hier. Die ganze Welt ist auf Reisen. Ganz klar.
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Der Wein, den wir am Abend in einer Osteria trinken, kommt vom Weinbau ORTO auf St. Erasmo. Ein extraktreicher, würziger Malvasier. Dunkelgelb. Vom Salzwasser, in dem die Rebe wächst, schmecke ich nichts – man erwartet ja, dass er salzig anmutet, er schmeckt. Einige dieser Weingärten sehen wir auf unserer Kajaktour – von Burano aus – auf der Insel Mazzorbo. Torzello … auch eine Insel. Auf ihr könnten wir über die älteste Brücke Venedigs gehen. Wir sehen Flamingos. Wie gut, dass mein Reisegefährte sie nicht mit dem Fotoapparat erwischt. So bleiben sie uns in dem Moment in Erinnerung, als sie alle zusammen – es sind wohl an die 35 weiß-rosa Vögel, die da auffliegen und in geordneter Formation Richtung Nordosten ziehen. Zwei Kormorane schließen sich an. Was für ein Glück, das alles zu sehen. Der Touristenstrom auf Burano und Torzello ist abstoßend unerschöpflich. Auf Torzello leben 8 Personen. Wahrscheinlich sind es 500 bis 1000 Menschen, die täglich auf die Insel kommen. Geld stinkt nicht.
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Ich trage heute schwere Schultern. Das kommt daher, dass ich bei der Kajaktour die Paddel nicht mit Armen im rechten Winkel zur Paddelstange gehalten habe. Die Übung war also nicht kraftsparend – aber vielleicht trotzdem gut für meinen Körper. Ich liebe es, den ganzen Tag draußen zu sein.
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Die Fliegen sind ganz schön frech.
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Bis zum Lido ist es nicht weit. Es lockt die Sonne, das Glitzern auf der salzigen und klaren Adria dorthin. Beim Mittagessen in einer kleinen Osteria am Kanal servieren sie uns die besten Tagliatelli des Jahres. Das ist sicher, obwohl, das Jahr ist noch nicht zu Ende ist. Nebenan wird ein Film gedreht. In St. Nikolaus feiern wir eine kleine Andacht. Diese Kirche werde ich auch bei meinen nächsten Besuchen wieder finden. Der Garten davor – ein kleines Paradies. Die Atmosphäre in der Kirche: still und ewig. Das zweite Mal in Venedig ist schon leichter zu ertragen.
Peggy Guggenheim macht mich grantig. Schöne Kunst in öffentlichen Räumen zu sehen, das liebe ich. Bei privaten Räumen allerdings hört sich der Spaß für mich auf. Im Essel Museum, im Liaunig Museum und hier… diese privaten Stiftungen können mich mal.
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Wo heute die letzte Gondelwerft Venedigs steht, befand sich früher der Platz der öffentlichen Denunziation (Dorso Duro/harter Knochen/Orso duro). Zeit für einen Aperol Spritz.
Letzte Vaporetto-Fahrt auf dem Canale Grande. Ein Besuch bei Tizian. Mariä Himmelfahrt. Mariä Himmelfahrt. Madonna von Pesaro. Vera und Igor Stranwinsky in San Michele begraben.
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Schnitt.
Eine Freundin wird am Darm operiert. Ihr Leben hängt am seidenen Faden. Wie soll ich das in Verbindung bringen mit dem schönen Leben, das ich hier in Mestre genieße?
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Wieder im Zug zurück nach Wien. Es zeigt sich eine breite Palette an Mitreisenden: Angesoffene. Eine extrovertierte Mutter, die uns zuhören lässt, was sie über die steuerliche Absetzbarkeit von Babysitting durch Verwandte zweiten Grades zu sagen hat. Ein Lehrer, der hier sein Büro aufschlägt und ohne Scheu 2 Stunden lang einen Online-Sprachkurs abhält. So benimmt sich ein richtiger Trottel. Das ist ein Wort, das ich sonst nicht benutze. Mir fällt kein besseres ein. Ich bin überhaupt nicht cool.
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Alles in allem – Isabella Guanzini fällt mir ein. Ihr Pamphlet für die Zärtlichkeit.
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Wir können vieles. Zum Beispiel nahtlos wechseln zwischen intimer Nähe und meilenweiter Entfernung. Wehmut ist nicht das Gebot der Stunde, sie drängt sich allerdings auf. Was sonst. Ein ausführliches Gespräch gegen die Melancholie. Trüffel-Salami-Brötchen und Sauvignon.
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Ein Gedicht auf meinem Körper zu tragen, steht mir gut.
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Die nächste Reise dahin wird im Winter sein, wenn sich der Nebel wie ein beruhigender Schleier über die Landschaft, über die Stadt legt. Ich habe gehört, dass Venedig im Winter seinen besonderen Charakter offenbart.
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Mich nicht aufsparen.
Das Schöne nicht aufsparen.

Grado

1
In Ljubljana regnet es die meiste Zeit. Das hebt meine Stimmung. In einem sehr kleinen Strumpfladen finde ich farbenfrohe Socken und Strümpfe und für meine Tochter einen altmodischen Schlafanzug.
2
Grado ist ein sehenswertes Städtchen. Etwas kühler und rauer als Mestre, weniger Brillen, weniger schöne Kleider, dafür ein wilderes Meer und genauso viele Touristen. Alles ist auf diese Gäste ausgerichtet. Der Kellner trägt eine Brille wie ein Venezianer. Alle anderen nicht. Auffallend viele Sportler tummeln sich und laufen in Funktionskleidung hin und her. Die Altstadt und die Seite zum Meer hin sind für das Auge sehr ansprechend. Ich bilde mir ein, das nahe Karstgebirge und die anstrengende Lebensweise in der Landwirtschaft oder am Meer deutlich zu spüren.
3
Ich nutze die Morgenstunde, sitze auf dem Balkon unseres Zimmers und hör die Adria rauschen. Die Sonne geht auf, die Wolken färben sich rot.
4
Vier Männer sitzen auf den Gastgartenstühlen vor der Bar und trinken schon um 9 Uhr morgens je zwei Achtel Weißwein zum Frühstück. An zwei weiteren Tischen steht ein Espresso und – wie mir scheint – ein Glas Wasser. Im Laufe der Stunde, in der ich mich vom Aufstehen erhole, erfahre ich, es wird hier Grappa zum Espresso serviert, nicht Wasser. Das bestelle ich mir jetzt auch. Ist ja schon 10 Uhr.
5
2000 Jahre alte  Mosaike und Aquileia in Sicht.
6
Im Supermarkt klopft mir die Verkäuferin auf die Finger, weil ich zu nah auf die von mir gewünschten Oliven zeige. Nachdem sie mir ein kleines Plastikgefäß mit dem gewünschten Gut aushändigt, ist uns beiden nicht wohl zumute und wir verabschieden uns knapp mit Grazie und Prego.
7
Mein Mann sagt, das ganze Leben ist eine Baustelle. Bis zum Tod.
8
Ich werde älter. Es entstehen Zonen der Gelassenheit; ich finde Gelassenheit. Die liegt neuerdings da einfach so herum.
9
Aqua Alta und ich ziehe mich zurück
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Maribor, dieses kleine slowenische Städtchen, liegt an der Drau. Die Drau fließt breit dahin und seit neuestem führt eine dezente Fußgängerinnenbrücke über den Fluss. Wenn man auf ihr steht oder geht, glaubt man, auf einem Holzboot zu sein. Das ist eine überraschende Sinnestäuschung.

Wolkersdorf

1
Wir finden am Bahnhof ein schönes Steinwaschbecken. Unscheinbar versteckt hinterm Fahrradparkplatz. Ein paar Pflanzen haben sich im Becken angesiedelt und obwohl der Wasserhahn abmontiert ist, können wir es uns gut vorstellen, wie das Wasser hier alles noch weicher macht. Am Bahnhofskiosk kaufen wir Whisky und stellen die Whiskygläser auf diese Steinbar. Die Sonne scheint auf uns. Sie macht uns froh, einander etwas zu schenken. Einsamkeit zum Beispiel.
2
Einstimmung ist nötig.
Vor fast jedem Gespräch.
3
Muss ich wissen, dass es die Spiegelneutronen sind, die mich empathiefähig machen?
4
Frank Drake entdeckte die Drake-Gleichung. Er berechnete 7 Unbekannte. Die Gleichung untersucht, auf wie vielen Planeten in unserer Galaxie Zivilisation möglich ist. Auf einigen, lautet das Ergebnis.
5
Es flog mir einfach zu, ein Bild des Tages, für das ich dankbar war. Es fiel mir nie schwer, an etwas Schönes zu denken, das ich gesehen oder gehört hatte. Die Worte flogen mir zu, weil mein einziges Ziel war, das Bild klar und schlicht aufzuschreiben, damit ich mich später daran erinnern konnte, wie es sich angefühlt hatte.

Györ

 


1
Wie wäre das, eine Beziehung ohne eine vorgegebene Form zu gestalten? Einfach nur das Wasser auszugießen und fließen zu lassen. Ich vermute, es würde keine Form annehmen und in alle Richtungen laufen. Es gäbe keinen offensichtlichen Weg, den man kennt und dem man vertrauensvoll folgen könnte. Es gäbe nur einen Weg, den man voller Neugierde und Entdeckerlust tastend sucht.
2
Der Auftrag, nach Deinem Tod in „Deine“ Stadt zu fahren, um zu schreiben, der macht mich zutiefst traurig.
3
Wovon kann ich mich befreien, um das zu genießen, was bleibt?

Geschichtenerzähler



1
Ich liebe die Zeit zwischen den Jahren

2
Wir brauchen mehr utopische Erzählungen, sagen Ilija Trojanow und meine Freundin.
Sind wir für dieses lebendige, chaotische, intuitive Wissen begabt, frage ich mich? Sind wir nicht besser darin, analytische Distanz zu gehen und unser Wissen in unendlich viele Teile zu zerlegen?

3
Meine Geschichte ist eine komplizierte.

4
Sie gibt ihre Rolle als „älteste Schwester“ auf und pflanzt einen Feigenbaum an der Grundstücksgrenze zu einer ihrer jüngeren Schwestern.

5
Jemandem etwas zu erzählen, mündlich weiterzugeben, das ist eine Form von lebendiger Tätigkeit. Ein Kollege erzählt mir, dass er sich manchmal neben ein Krankenbett setzt und still ist. Weil er sonst gar nichts mehr tun kann. Einmal wurde er dabei von einer Frau vom Nachbarbett beobachtet und darauf angesprochen. Er solle doch auch für sie still sein. Aber laut! Sonst wirkt es nicht!

6
Ein Künstler redet im Radio über das Warten im Krankenhaus. Dass dieses Warten etwas sehr, sehr Antikapitalistisches hat.

7
Im Angesicht von Liebe und Tod beginnen wir Geschichten zu erzählen. Alles andere greift nicht.

8
Ich rechtfertige es nicht, es ist ein großes Spiel der Zuneigung. Es ist schön, was ich mit diesem Spiel treibe. Schönheit braucht sich nicht zu rechtfertigen. Die tiefsten Lebenswahrheiten werden erzählt, gespielt, gesungen, gemalt oder erahnt.

9
Wird man in einem Gespräch andere Akzente setzen, wenn man die Grenze zwischen Trauer und Trauma erkennt? Wird man anders aufmerksam sein? Und wie fügt sich der Traum dazu? Wird man über Geschichten miteinander reden?

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Mein Schwager stürzt neun Meter tief von einer Kletterwand und seine Frau kommt aus dem Schock nicht heraus.

11
Normalerweise erlebe ich in öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder, dass die Leute sehr wenig Respekt voreinander haben. Eine Frau, die über beide Ohren grinst, ist in der U6 eine sehr seltene Erscheinung. Ich kann meine Augen gar nicht von ihr lassen, weil das so schön aussieht. Sie bemerkt es und grinst weiter.

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Wie zuverlässig der Wind in Wien weht!

13
Von Dir wird gesagt, du liebst ohne Ende.

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Die Menschheit ist verrückt aufeinander. Worüber soll man schreiben, wenn nicht über Sex und Freundschaft? Dafür sind wir auf der Welt.

Brno

 

1
Wie schön, dass der Jahresbeginn viel Zeit bereithält.

2
Mit getrennten Betten bleibt man länger verheiratet. Tut mir leid, aber es ist wahr. Das steht heute Morgen in der Zeitung.

3
Er sagt: “Das machen wir schon!“

4
Ich zweifle an mir, weil mir die vielen Termine und Menschen über den Kopf wachsen. Dann steige ich in einen Zug nach Brünn … Dürnkrut … Breclav … Brünn.

5
Durch unsere Reisen habe ich das Gefühl, in sein Leben getreten zu sein. Wenn auch nur kurz. Und etwas von ihm gesehen zu haben, was ich nie zuvor gesehen habe, so dass ich mich jetzt anders kenne.

6
Von außen sind die Kirchen schön anzusehen. Innen tragen sie Weihnachtsschmuck.

7
Die  Moravsky Galery for Art Design & Fashion trägt Ohrringe und beschwört das Feuer.

8
Die Straßen sind mit ganz kleinen Steinen gepflastert. Das sieht fast liebevoll aus.

9
Mein Reisebegleiter redet von flüssigem Kuchen, bevor ich an einem der Punschstandl‘n am Hauptplatz einen „Turbomost“ bestelle. Mir schmeckt das.

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Im Cafe Pilat fragt ein junger Geiger die Kellnerin, ob er ein paar Stücke einspielen dürfe, packt dann sein Instrument aus und fiedelt drauflosEr sitzt zwischen den Mittaggästen am Wirtshaustisch. Die Augen geschlossen. Er macht seine Aufnahme mit dem Handy. Niemand ist wirklich irritiert, man isst in Ruhe weiter, traut allerdings seinen Ohren nicht, ob der exzellenten musikalischen Darbietung. Trotzdem klatscht niemand. Wir sind gerührt. Vermutlich hat er in diesem nach gutem Essen riechenden Raum, den dezenten Geräuschen, der hell-heimeligen Atmosphäre des Lokals das perfekte Nest für seine Melodien gefunden.

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In einem Bierlokal mit dem perfekten Logo serviert man vier verschiedene, geräucherte Wurstsorten zum goldgelben Getränk. Das schmeckt mir.

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Im Cafe Tungsram trinke ich ein Glas Absinth und kaufe zwei Gläser Leberpastete als Mitbringsel für die Lieben daheim.

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Irgendwohin zu reisen, wo einem nichts vertraut ist, ist spannend. Genauso hat eine Fahrt in die Nähe ihren Reiz. Die Geborgenheit gesellt sich zur kleinen Aufregung. Diese Reise ist wie ein Packerl.

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Am Abend, wieder zurück im Gewohnten, finde ich in der Post einen sehr schönen Brief und eine Vase. Was ist gegen eine Brieffreundschaft zu sagen?