KategorieEinsinken ins Land

Logbuch


1
Wir treffen uns vor der Abreise am Brunnenmarkt und essen zu Abend bei einem unkomplizierten Türken. Wien schillert. Wien glüht. Ich bin sofort in Urlaubsstimmung. Ein Mitarbeiter der MA 48 fährt mit einem Wassertank über den Markt und spritzt Wasser auf die aufgeheizte Straße.

2
Morgens um fünf Uhr: 31 Grad Celsius. Wir verschwitzen die Nacht. Als wir am Flughafen ankommen, hat die Cafeteria gerade erst geöffnet. Weder die Kaffeemaschine noch der junge Mann, der sie bedient, sind schon in Schwung. Das Warten auf den ersten Espresso fällt uns allen nicht schwer.
Der Flug verläuft unspektakulär. Umwelttechnisch hat es keinen Sinn, mit dem Flugzeug unterwegs zu sein.  Obwohl diese Fortbewegungsart zur Gänze selbstverständlich daherkommt, wenn man sich schon einmal auf dem Flughafen befindet. Werden wir in Zukunft nur mehr zu Fuß gehen? Drei Paare, die mitfliegen und hinter uns sitzen, sind leicht alkoholisiert. Die Männer müssen lustig sein.

3
Wir haben Glück damit, am Samstag in Hilversum einen Zwischenstopp zu machen. Es ist Markttag und das Gemüse schmeckt nach echt. Die Fritten mit Mayo und Zwiebeln auch.

4
Alle Räder, die auf das Hausboot geschnallt sind, haben den gleichen Schlosscode. Bei der Übernahme des Bootes bekommen wir drei Wasserkarten überreicht. Sie sind aus speziellem, wasserfestem Papier. Die Karten fühlen sich gut an. Unser Boot heißt Haastrecht. Dieses Städtchen liegt in der Nähe von Gouda, das wir nicht anvisieren.

5
Am Wasser sein. Im Gespräch sein. Zusammensuchen und -finden. Auf kleinem Raum leben und vollen Luxus genießen. Hier verliere ich meine Mitte. Ich bin gar nicht so wichtig und kann leicht werden. Konzentration ist nicht das Hauptwort. Am Wasser sein und mich treiben lassen, das schon. Am Wasser ist es üblich, sich zu grüßen.

6
Jumbo. Ein Erlebniseinkauf. Mit einem Mal ist Holland billiger als Österreich. Wir kaufen auch Fleisch. Die Wurst und der Leberaufstrich schmecken nach Zimt. Die Salate legen wir fertig gewaschen, geschnitten oder gehobelt im Plastiksack abgepackt in den Einkaufswagen.

7
Die ersten Vögel, die mir besonders auffallen sind die Haubentaucher.
Ein niederländischer Freund meint, dass es in seiner Heimat sehr viele Vögel gibt, wenn man sich mit Vögeln auskennt. Unser erster Fluss, den wir befahren, heißt Vecht. Die Brücken sind mitunter 1,60 Meter hoch. Die muss dann ein williger Brückenwächter aufklappen. Nach den ersten beiden Manövern hat noch niemand der Crew Lust auf einen Manövertrunk. Die Kirchenglocken läuten um 10 Uhr. Jetzt schaue ich den Wildgänsen zu.Sonntags sind auf den Booten viele Paare unterwegs. Manche auch ohne Hund. Ich frage mich in den kurzen Momenten des Aneinandervorbeifahrens, in welchen Beziehungen sie zueinanderstehen. Noch intensiver sind meine Blicke auf die tiny houses an den Ufern gerichtet. Hier gibt es Vielfalt. Man winkt sich kurz zu, sieht Bootsausstattung, Badekleidung und Kaffeegeschirr. Was nicht gezeigt wird, liegt unter Deck.

 8
Wir gehen durchs Städtchen Weesp. Ein Willkommensgruß durch Glockenspiel. Es kommt uns immer ein Rad entgegen. Das Land funktioniert sehr gut. Wenn das so weitergeht, muss ich sehr genau schauen, dass mir nicht langweilig wird. „Hier kann man nicht verloren gehen“, wird uns am letzten Tag unserer Reise ein schiffsbrüchiger Deutscher aus seinem Rettungsboot zurufen. Ein älteres Paar schlendert an uns vorbei. Ganz deutlich zu erkennen ist ein goldener Hundeanhänger, den die Frau an einem Kettchen um den Hals trägt.
In der St. Laurentiuskirche ist eine Brauerei untergebracht. Am frithof vor der Kirche bekommen wir Essen und Trinken serviert. Um 495 Euro könnten zwei von uns für eine Nacht im Kirchturmzimmer übernachten.

9
Wir reden über Angst. War sie in den 80erJahren kleiner? Wir erahnen, was uns hält. Wie klein können wir unsere Abhängigkeiten machen im Verhältnis zu dem, wie groß wir lieben? Wir reden nicht über Yoga. „Du brauchst keinen Arzt, sondern jemanden, der Dir hilft!“

 10
anderswild, in welchem Zusammenhang kann ich dieses Wort denn verwenden?!

 11
Wir schlafen in einem Hafen in Weesp, nahe den zwei Windmühlen, angeleint an eine Luxemburger Familie. Wenn wir an Land gehen, müssen wir über das Deck der Nachbarschaft spazieren. Zurück auch wieder. Die akustische Kulisse am Boot, wenn es Abend wird: Kinder spielen Volleyball. Vogelrufe. Wassergeplätscher. Ein paar Motorengeräusche. Ruhiges Stimmengewirr. Auf einem der Boote legen sich zwei Kinder an Deck schlafen. Sie haben die Matratzen nach oben getragen. Eine Frau, die wohl deren Mutter ist, bringt die weißen Laken zum Zudecken. Das Boot ist meine Hafenkneipe.

12
Ein blinder Mann will von der versperrten Marina hinaus auf die Straße. Er findet ganz ohne Hilfe den Knopf, damit sich das große Gittertor öffnet.

13
Wir tun miteinander. Ich schau zu und bin mittendrinnen im Tun. Ich beobachte mich dabei, wie ich meine Distanz zu all dem in der räumlichen Dimension dieses Bootes halte.
Leben die Spinnen, die sich am späten Nachmittag an Deck begeben die andere Zeit im Unterbauch des Bootes? Sie haben hier ihren Hauptwohnsitz.
Die Kids kaufen zwei Joints, um den Eltern eine Freude zu bereiten. Einmal up und einmal down. Um im Rijksmuseum aufzugehen, dazu fehlt uns die volle Aufmerksamkeit. Mich faszinieren die Gemälde, auf denen Segelschiffe zu sehen sind.
Amsterdam ist groß und laut. Und doch ist die Nacht in Amsterdam meine Lieblingsnacht auf dieser Reise.

14
Wir fahren am Museumsdorf Zaans Schans vorbei. Die Windmühlen sind die ersten, die sich auf unserer Reise drehen. Abgesehen von den vielen Windrädern, die wir bei unserer Flugzeuglandung beobachtet haben.
Wir befinden uns auf einem Kanal der Gerüche: Schokolade, Fermentation, Kakao, Müll. Auch riecht es nach Diesel und einmal nach Stall. Oder habe ich das geträumt, weil der Vater (= ein holländischer Bauer aus meiner Reiselektüre, der seinen Sohn beim Eislaufen verlor) immer nach Stall riecht, sogar nach dem Duschen.

15
AMALIABRUG lese ich vom Kajütenfenster aus. Schilf und Wasser. Die Weiden schimmern silbern. Die Eschen, die im ganzen Land wachsen, tragen orange Früchte. Die Nebelwolken tragen grau.Ich weiß nicht, worauf ich mich konzentrieren soll. Der Mangel ist es nicht. Die Fülle ist es nicht.

16
Rücksichtsvoll zu sein ist auf jeden Fall einfacher, als es nicht zu sein.

17
Wir nehmen den Bus, um an die Nordsee zu gelangen. Wellen wie Wasserfälle. Salz. Kraft. Ferialpraktikanten, die versuchen, verwehten Sand wie Schnee von der Aussichtsterrasse wegzuschaufeln. Wieder und wieder eine Scheibtruhe voll. Zwischendurch gibt‘s als Belohnung für getane Sisyphusarbeit einen Mojito.

18
In der Früh werden alle Boutiquen in Alkmaar gesaugt und geputzt.Der Fluss, der in eine langen Kanal gesperrt ist, heißt Vinehop.
Jeder längere Gedanke wird von einem Ausblick abgelenkt. Obwohl alles flach ist, ist jeder Augenblick anders. Ich komme nicht zum Denken. Den Schwalben fehlt es hier an nichts. Mittlerweile kann ich die wichtigsten Wasservögel schon am Gekreische erkennen. Von Singen ist in diesem Zusammenhang nie die Rede!

19
Ich habe das (fast) nie gefühlt, die weltumspannende Kraft einer Glaubens- oder Interessensgemeinschaft.  Es wäre ein schönes Gefühl gewesen sich überall auf der Welt willkommen zu fühlen. Dieser Gedanke kommt mir beim Anblick eines schlank geschnittenen Bootes mit dem Namen Pastorale. Auf einem anderen Hausboot lese ich: Ora et labora. Und sooner or later. Ich zähle auf die weltumspannende Kraft der Menschlichkeit. Aber auch da bin ich arm dran. Schließlich lese ich auf einem weiteren Boot: why not?

20
In den Niederlanden muss man als LandbewohnerIn stets die Wartezeiten an den vielen Brücken miteinberechnen. In PURMERENG warten auch wir am Wasser sehr ausgiebig auf die Brücken- und Schleusenwärterin.

21
Wir machen Halt bei einem Milchbauern, der gemeinsam mit seiner Frau einen kleinen Ausschank betreibt Hier riecht es nach Bauernhof, so wie ich es in Erinnerung habe. Wir essen Joghurteis und kaufen 7 Laib Käse. Ich genieße das. Und mache auf dem Weg zum WC ein Foto von einem Ölgemälde, das eine Kuh zeigt. Allzu lange wird es Milchbauern ja gar nicht mehr geben.

22
Ich schwimme eine letzte Runde in der Dämmerung.

23
Am Flughafen lese ich „Philosophers, do your thing“, aufgedruckt auf ein großes Transparent. Nachdem sich dieser Satz als Werbung für eine Bank erweist, gefällt er mir gleich nicht mehr.
Im Flugzeug ist es ruhig. Wir sind ruhig. Noch einmal eine andere Perspektive. Holland von oben. Hier ist am deutlichsten zu sehen, wie zerfurcht von Kanälen, Wasserstraßen und Seen dieses Land ist.

 

 

 

 

Klarheit

1
Mich am Morgen nach bestimmten Vorgaben zu bewegen, das sichert mich. Einfach den Kopf nach vorne kippen zu lassen, ihn auf die linke Schulter zu legen, auf die rechte Schulter zu legen, ihn zwischen die Schultern zurückzuführen. Den Arm zu kreisen, hoch und weit nach hinten um anschließend den Handrücken in meinem Rücken abzulegen, mich zu strecken, das Kinn in Position zu bringen, Stand und Spannung zu haben.

2
Ich kann mein Leben an tausend einfachen Dingen ausrichten, zum Beispiel daran, dass dieselbe Sonne, die meine Früchte im Garten reifen lässt, zugleich ein ganzes System von Himmelskörpern wie unsere Erde beleuchtet. Mich regelmäßig daran zu erinnern, würde mir manche Umwege ersparen.

3
Es ist schrecklich, dass ich keine andere sein kann, als ich bin.
Ich würde lieber daran glauben, dass ich darin frei bin, mich jeden Moment neu zu erschaffen, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Gleichzeitig ist diese Vorstellung die strengste meiner Fesseln. Unbedeutend zu sein und zerbrechlich, ausschließlich vergänglich und klein, wie einfach scheint das!

4
Oberflächlich empfunden wünsche ich mir manchmal die Geborgenheit einer Großfamilie.

5
Ich möchte nicht, dass an meinem Krankenbett Radio NÖ, Radio Wien oder 88,6 gespielt wird.

Wut


1
Es bereitet keine Freude, genau 1400 Zeichen zu schreiben, um einen Förderantrag für ein Kulturereignis (in vager Zukunft) zu stellen. Die Förderstelle möchte mich erziehen. In genau eine Richtung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Immer brav machen, was verlangt wird. Und ein Businesskostüm dazu tragen, möglichst ein farbenfrohes!

 2
Die Pandemie hat viele latente Verrücktheiten freigelegt.Es gibt viele Einsame, die Welt hält nicht zusammen, Bescheidenheit hat keinen Reiz und nur für die Armen macht es Sinn, über diesen Reiz nachzudenken; die Reichen werden reicher und das sehr schnell, Hierarchien werden ausgebaut, ja zu Massentourismus und wachsender Wirtschaft, nein zur Menschenfreundlichkeit. Es ist bequemer, die Welt so zu lassen, wie sie ist.

3
Ich will einen richtigen Sabotageakt tätigen!

4
Ich brauche keinen anregenden Wochenausklang!, schreie ich der Ö1 Moderatorin zu.

Kraft

1
Ich suche den Ort, an dem ich an eine bessere Welt denken kann. An dem irgendwelche gewagten Gedanken die Chance erhalten, Wirklichkeit zu werden.

2
Ich muss mich sehr oft in meinem Leben verabschieden. Ich muss mich sehr oft von jemandem verabschieden, von dem ich weiß, dass wir uns jetzt das letzte Mal sehen.

3
Beim Blick über die Landschaft kann ich sagen: So weit mein Auge reicht, bin ich die Königin! Ja!

4
Du

5
Außerdem macht es mich glücklich, dass ich Pflanzen setzen darf.

Gehen

1
Heute, beim ziellosen Draufloswandern, komme ich drauf, dass ich Rundwege gar nicht gern mag. Am liebsten gehe ich in eine Richtung ohne umzudrehen, weg vom Ausgangspunkt.

2
Kommt es zu einem längeren Aufenthalt in der Welt des Profanen, dann geht’s bergab.

3
Die Philosophin pflanzt Granatapfel- und Feigenbäume. Sie schaut, woher der Wind weht. Sie steht mit beiden Beinen in der Welt. Sie wendet sich vermehrt den Göttinnen zu. Von all dem erwartet sie sich Klarheit. Und in der Mittagspause nimmt sie ihre Scheibtruhe und geht einkaufen.

4
Die Fischer am Teich campen im Schlamm. Teilweise im strömenden Regen. Auch ich bin wetterfest gekleidet, ich, die Spaziergängerin. Wenn ich auf diese Landschaft blicke, dränge ich die verbürokratisierte und versicherte Welt zurück in den Traum einer vergangenen Nacht.

5
Ich überlege mir, welchen Unterschied es für Kinder macht, in der Nähe von Wien aufzuwachsen oder – im Vergleich dazu – am Ende eines Hochgebirgstales. Einer ist, dass man vom Bergdorf mindestens einmal wegziehen muss. Da stehen die Chancen, jener Mensch zu werden, von dem man noch nichts geahnt hat, ziemlich gut. Andererseits ist das beständige Plätschern des Baches, der neben dem Kinderzimmerfenster vorbeirauscht, mit keinem anderen Geräusch der Welt aufzuwiegen.

6
Wir gehen ständig unter, damit verbringen wir unser Leben.

 

Regen


1
Man muss sich nur eine Katze ansehen. Eine Katze, die den ganzen Tag schläft. Da weiß man, dass der Sinn des Lebens das Leben ist. RUTH KLÜGER

2
Hilft es, wenn man weiß, dass sehr intelligente Persönlichkeiten unter dieser Krankheit litten?

3
Ich genieße es, daheim herumzuräumen. Meine Keramiken ins Trockene zu bringen.

4
Es reizt mich darüber zu schreiben, wie sinnlos und lächerlich jede menschliche Anstrengung und jeder Ehrgeiz sind.

5
Es stürmt draußen, wo ist bitte dieser Schirm, mit dem ich jetzt fliegen kann?

Kostbarkeit

1
Seit seinem Unfall meditiert er die beiden Worte Demut und Dankbarkeit.
Widerwärtige Situationen schenken uns ungefragt die Gelegenheit, dagegen kreativ zu protestieren.

 2
Er trägt das Hemd, das seine Schwiegermutter für ihren Mann genäht hat. Es ist blau weiß grün kariert und es steht ihm hervorragend.

3
Sie hat ein Kosewort für ihn gefunden: Schatzkästchen

4
Ich will nicht leben, was kein Leben ist.

5
Ich werde eine neuen Korb kaufen, einen geräumigen, groß genug für alle Möglichkeiten.

 

 

 

 

 

Zerknirschte Reue

1
Maßlosigkeit, ihr fühle ich mich verwandt. Ergriffenes Dasein führt dahin und das hedonistische Hamsterrad. Und dass ich mich an positive Dinge schnell gewöhne und immer mehr davon brauche. Der hohe Druck, den ich mir mache, immer glücklich zu sein und viele Erfahrungen zu machen. Mir zu erlauben, nicht so glücklich sein zu müssen, wäre ein Ausweg.

2
Das Mühsame und Verbindliche der Wahrheit.

3
Ein Stück Zerdepschtes.

4
Seine Zwillingsschwester ist plötzlich gestorben. Mit einem Mal erkennt er wieder viele Ähnlichkeiten, die er mit ihr teilt, sogar idente körperlichen Beschwerden – alle Symptome spürt auch er – nur viel schwächer. Er lebt ja noch.

5
Alles was ich angreife ist immer nur Mittelmaß. Ich mag sie nicht, meine Unbeholfenheit im Betrachten von Details, meine Ungeduld, im genauen Hinschauen erst wieder zu verkrampfen und alles hinschmeißen zu wollen, weil es viel leichter und richtiger ist, einen florierenden Gemüsegarten zu betreiben oder jeden Tag das beste Essen zu kochen.

6
Es komme auf die innere Einstellung an, postulierte der Philosoph, darauf, Herr über die eigenen Begierden und Emotionen zu sein – denen man in Maßen aber nachgeben müsse. Ach, Epikur! 

Poesie

1
Man erzählte von einer Ärztin, die glaubte, dass Poesie nahezu jede Krankheit heilen oder zumindest viel zur Heilung beitragen könne. Sie verschrieb ihren PatientInnen Gedichte, wie andere Arzneien verschrieben.

2
Ich sitze nun schon über drei Jahre lang an meinem Honigtisch, Seite an Seite mit ihm und lasse mich beatmen von seinem Geist.

3
Ich frage ihn, was ihn beschäftigt. Arbeit und Poesie, meint er.

4
Er zeigt mir ein Foto von seinen Eltern. Ich suche Spuren von ihm in ihren Gesichtszügen.

5
Der Mann in der U-Bahn spricht in sein Smartphone: Das hat schon etwas, Obst zu verschenken!

6
Die wohlüberlegten Worte eines Gedichtes machen die Welt noch komplizierter, als sie ohnehin ist. Nur so kann man ihr gerecht werden.

7
Den Tod dieses besonderen Menschen nehme ich zum Anlass, hemmungslos zu weinen. Ich weine über sein Weggehen. Ich weine über den langsamen Untergang seines Berufungsstandes, der, so wie er ihn gelebt hatte, Poesie als Überschrift trug, über seine Handlungen legte. Er, dem es genügte, nichts in der Hand zu haben außer ein paar Worte, vor allem die Stille und das Schweigen. Er verkörperte das Ahnen, über das nicht gesprochen werden kann.
Er sah das Grandiose am Verzicht, dass Zeit und Raum bleiben, für den größten Reichtum – menschliche Substanz. Er liebte die neue alte Erzählung, wie Menschen miteinander eine Weise des Fühlens erdenken. Er behauptete, es genüge, dass man da ist. Darin war er sich sicher.
Darüber zu klagen, dass es ein tiefes, dunkles Tal ist, durch das er immer wieder schreiten musste, mutete er kaum jemandem zu.
Ich weiß, dass jetzt eine Zeit zum Weinen ist. Die großen Ströme stehen noch aus.