Autormartha

Kraft

1
Ich suche den Ort, an dem ich an eine bessere Welt denken kann. An dem irgendwelche gewagten Gedanken die Chance erhalten, Wirklichkeit zu werden.

2
Ich muss mich sehr oft in meinem Leben verabschieden. Ich muss mich sehr oft von jemandem verabschieden, von dem ich weiß, dass wir uns jetzt das letzte Mal sehen.

3
Beim Blick über die Landschaft kann ich sagen: So weit mein Auge reicht, bin ich die Königin! Ja!

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Du

5
Außerdem macht es mich glücklich, dass ich Pflanzen setzen darf.

Wandlung

Wandlung

1
Um 8. 56  Uhr läuten die Glocken zur Wandlung. Ich sitze in meinem Garten über den Dächern des Dorfes, das Fernglas neben mir. In den Büschen und Bäumen die Distelfinke und Spatzen. Die Ringeltauben, die der Nachbar züchtet, die Hausrotschwänzchen, Amseln und  Kohlmeisen. Da ist keine Leerstelle mehr. Ich denke mit Staunen darüber nach, dass es Menschen gibt, die Wandlung symbolhaft vollziehen. Dazu gehöre ich nicht. Wandlung geschieht in mir täglich. Sie überholt mein Denken. Am Abend nimmt mir die hohe Silbertanne in Nachbars Garten die untergehende Frühjahrssonne weg. So viel Schatten muss auch ihn stören. Das Vogelgezwitscher hüllt mich ein.

2
Ein Buntspecht hat sich in ihre Hand gesetzt. Langsam hat er sich angenähert, jeden Tag ist er ein Stückchen näher gekommen. Vom entfernt stehenden Baum zum Vogelhaus. Von da zum Strauch und dann war es nur mehr ein Flügelschlag bis in ihre Hand. Als nächstes wagen sich die Rehe vor. Sie fressen schon von der Hauswurz, die in der Kräuterspirale vor ihrem Haus wächst. Von der Kräuterspirale bis zu ihrem Sitzplatz auf der Terrasse sind es nur mehr zwei Meter. Es wird sie nicht wundern, wenn sich eines von ihnen in ihren Schoß setzt.

 

 

 

Gespinst

2022
weißer Ton, Rakubrand

Mein Lieblingskunstwerk ist eines der Gespinste. Als ich es in die Vitrine stellen wollte, brach ein kleines Stück davon ab. Dieses Bruchstück, das ist es. Nun liegt es  zerbröselt am Boden.

 

Spur

1
Man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man nach ihren Vorschriften lebt. Ein Leben in Einfachheit, Unabhängigkeit, Großzügigkeit und Vertrauen.

2
Sie erzählt mir ihr Leben in Briefen, das große Leben in ein kleines Format gebracht.
Die Eltern sterben schnell hintereinander. Von einem gewalttägigen Mann flüchten. Töchter großziehen und loslassen. In der politischen Gemeinde mitarbeiten. Auch des notwendigen Geldes wegen. Geld überhaupt. Zuerst keines haben und dann viel haben. Freundinnen haben. Irgendwann dann doch in einem leitenden Job arbeiten. Geschwister haben, mit denen es einen Beziehungseinbruch gibt. Kitten wollen. Aber vor allem eines: Nicht mehr spuren wollen. Hilfe benötigen. Eine Raphaela kennenlernen. Sie ist grün und nur ein Schleier. Ihr Gesicht nicht sehen. Sie beschützt. Geführt und beschützt sein. Und doch nicht mehr spuren wollen. Schwer krank sein. Es nicht mehr aushalten. Ein Glas Honig über den Körper gießen. Ummantelt sein mit süßer, klebriger Masse.

3
Wie kann ein neues Gewand passen, wenn der Mensch nicht neu ist?

4
Du hilfst mir, eine neue Sprache zu lernen, jene, die die Vögel sprechen und die Sterne.

 

 

Versuchung

1
Neue, ekstatische Wahrheiten über das Leben festhalten

2
Ein Krankenbesuch. Eine Frau von 80 Jahren singt mir ein Lied vor:
„i kumm heit zu dir, oba net durch die tür, i klopf an die fenstal an. i muass da wos sogn und muass di wos frogn, es hängt unsa glück davon ob.“

Das habe ihr verstorbener Mann immer wieder gesungen, wenn er schlafen ging. Unabhängig davon, ob sie selber noch wach war oder schon geschlafen habe. Mit zunehmendem Alter habe er immer öfter und frohlockender gesungen.

3
Ilse Aichinger: Schreiben kann man wie beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.

4
Frage: Soll ich mir den Briefwechsel von Camus und Maria Casares, Schreib ohne Furcht und viel, kaufen? Antwort: Schreib lieber!

5
Es macht keinen Sinn, am Abend fernzusehen.
Es macht Sinn, den ganzen Tag und den Abend im Freien zu verbringen.

 

 

 

 

Verletzlichkeit

1
Verletzlichkeit und Sterblichkeit sind kein Defekt des Menschen. Sie sind unsere wichtigste Ressource, weil sie uns miteinander auf das Innigste verbinden. Man sollte meinen, sie seien dazu in der Lage, unser Leben zu verdichten und zu vertiefen. Das Sterbenmüssen konfrontiert uns mit der Nichtigkeit unseres Daseins.

2
Ich hab keine Lust auf Unbeholfenheit und Dilettantismus, obwohl ich selber mittendrinnen stecke, mit den Füßen in der Luft statt am Boden.

3
Immer wieder bin ich auf der Flucht vor Menschen. Diese Selbsterkenntnis erschüttert mich. Ich suche nach allen möglichen Ausreden, damit ich eine Stunde für mich habe. Noch lieber ist es mir, einen ganzen Tag für mich zu haben. Da hat sich Wesentliches verändert in mir, die nichts lieber tat, als zu kommunizieren. Jetzt genügt mir schon oft die Kommunikation mit einer Pflanze oder einem Berg. Oder mit mir, wenn ich so laut vor mich hinbrabble. Natürlich, das Alter. Und natürlich, die unendlich vielen Einflüsse im Alltag, die sich in mir einnisten. Sobald ein zweiter Mensch in meiner Nähe ist, spüre ich immer öfter und deutlich Verzweiflung.

3
Wenn du im Traum der anderen gefangen bist, dann bist du erledigt.

4
Beschreibe mir Deine Not.

 

 

Bescheidenheit

1
Ich werde gar nicht erst über Bescheidenheit nachdenken. Ich bleibe Zeit meines Lebens in der Hütte wohnen. Ich lege das Augenmerk ganz woanders hin. Auf die Geschichte, die meine ist. Auf deren Unfassbarkeit.

2
Ignoriert zu werden, das hat Vorteile.

3
Ich beobachte eine Strömung in der jungen Weinbauszene, in der es keine Scheu vor der Handarbeit gibt oder davor, mit den Händen in der Erde zu sein und an der Pflanze, obwohl die Schaffenden aus ganz anderen Lebensbereichen kommen. Sie kennen sich theoretisch gut aus und können nächtelang Wein trinken und sich über Wein unterhalten. Sie sind weltoffen. Und bescheiden.

4
Geld ist nur eine Form von Energie. Eine andere ist Langeweile.

5
Ich mache einen Tagesausflug mit ihm. Wir vertreiben uns die Stunden mit einer Ausstellung und einigen Wirtshausbesuchen. Nach monatelangem Abstand nähern wir uns so einander an. Mich drückt mein Bauch ein bisschen. Weil er davon erzählt, wie ihm seine Verdauung zu schaffen macht. Er ist mit sich selbst beschäftigt. Sich mit anderen Menschen zu befassen, fällt ihm schwer. Viel Angst steckt in ihm. Und viele Tränen. Ihn belebt der neue Job, ihn belebt ein volles Haus daheim, ihn beleben Menschen, ihn belebt der Unterricht mit SchülerInnen, die ihn fordern. Er ist ein Gestalter. Und er würde wieder einmal gern auf dem Sofa liegen und einfach nur fernsehen und etwas in sich hineinessen. Zwei Wochen später am Telefon sagt er, auf einer Zufriedenheitsskala von 10 sei er bei 6 gelandet! Er hat sich vertrauensvoll dem Sofa angenähert.

 

 

Meer

1
Die March bringt uns in Stimmung, der Fluss, der stetig neben uns rinnt. Ein Rotmilan, ein Graureiher, die singende Meise, die Weidenbachmündung und die tanzenden Bäume, das Schwemmholz, der Sand unter den Füßen. Den Kreislauf der Natur vor Augen, das Leben vergehen sehen, dich an meiner Seite wissen. Limoncello im Picknickkorb. Alles wie ein Tag am Meer.

2
Ich werde nie ankommen. Immer wieder. Der Jenseitsgedanke hat sich aufgelöst.

3
Wir nehmen die Fähre. Das Paar, das die Fähre betreibt, muss nicht zwangsläufig ein Ehepaar sein. Eine Frau und ein Mann. Sie bringen im Halbstundentakt Menschen von einem Seeufer zum anderen. Von der Zugstation zum Ortskern. Und wieder zurück. Den ganzen Tag lang bei (wahrscheinlich) jedem Wetter. Den Fahrgästen geben sie bereitwillig Auskunft darüber, wo die besten Wirtshäuser im Dorf zu finden sind, darüber, ob die Berge eine Gefahr für die Menschen, die da leben, darstellen, wie viel Kriminalität es hier gibt, wo sich das nächste Krankenhaus befindet.
Ungefragt beschreiben sie, wie wir die tiefste Stelle des Sees zu Fuß erreichen können. Wir finden den Weg zur Hängebrücke, die über besagte Stelle führt.  Wir bleiben stehen und staunen in die Tiefe.

4
Der Zaunkönig huscht wie eine Maus im Gebüsch von Strauch zu Strauch. Wir stören ihn kurz im Vorbeigehen. Er bleibt hier über den Winter, ihn zieht nichts Richtung Süden.