Autormartha

Nackt II


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In Ö1 gestalten die RadiomacherInnen eine Sendung über das Nacktsein auf der Bühne.

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Der Mann im Stehkaffee an der Tankstelle ist verwahrlost gekleidet. Er zählt sicher schon an die 80 Jahre und weckt ein mitleidiges Gefühl in mir. Weil ich vergangenes Wochenende nur geprasst habe, nicht darüber nachgedacht habe, was das alles kostet. Der Mann zahlt mit einem zerknitterten 5 Euroschein. Die Hände sind voller Sommersprossen.  

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Er onaniert im Bett. Sie onaniert in der Badewanne. Ich onaniere nirgendwo gern. Außer ich erwache mit einem aufdringlichen Vibrieren zwischen den Beinen und es fast gar keiner mechanischen Unterstützung mehr bedarf, zu einem Lustgefühl zu kommen. Ansonsten ist mir das zu anstrengend und ein bisschen zu blöd.

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Mammographie, das ist noch blöder.

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Zwei ausführliche Gespräche im Krankenhaus:
Einmal sind Kinder Thema.
Ihre verlorenen Kinder. Kinder, die nur kurz leben und kurz nach der Geburt sterben.
Sein Thema sind seine Zähne und das Unglück.

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Hab schon wieder gebrauchte Klamotten geschenkt bekommen. Gut, dass ich diesbezüglich keine Berührungsängste verspüre und einfach reinschlüpfe ohne zu wissen, wer das vorher in welcher Art und Weise getragen hat. Auf manchen Teilen hängen noch Haare. In einer Tasche finde ich eine Lesebrille. Ich rieche mindestens zwei Parfumdüfte in den Stoffen.

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Sie legt ihre Hände auf die feuchten Erdkrumen, gräbt mit den Fingern hinein. Sie zieht wie eine Pflanze, Kraft aus der Erde.

Unterbrechung


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Ich stelle mir den Wecker jede Stunde. Dann atme ich ein paarmal aus und ein. Danach kommt ein neuer Anlauf für meine tägliche Routine. (Das ist doch krank, …oder?)

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Das Auto in die Waschstraße fahren. Einen Coffee-to-go trinken.

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Ich bin auf Kriegsfuß mit dem Bewegungsmelder im Vorraum unseres Hauses.

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Jeder Nachttraum unterbricht meine Tagesroutine.
Ich träume vom bürokratischen Aufwand beim Anstellen fürs Essen im Krankenhaus. Ich schaffe es nicht, bis zur Suppe vorzudringen und verlasse unverrichteter Dinge den Speisesaal.
Ich träume einen Schultraum mit Prüfungsstress: Wissenschaftler in weißen Mänteln stellen unbeantwortbare Fragen. Mein ehemaliger Physiklehrer ist auch dabei.
Da bin ich doch lieber wach und geschäftig!

5
Das Leben besteht aus dem, was man den ganzen Tag denkt.

Mitteilung

 

1
Wir kaufen ein neues Haus. Auf dem Dachboden finden wir eine Urne voll mit Asche.

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Ich denke manchmal daran, dass ich „Meines“ schon geleistet habe.
Dass mein Nichtleisten wiederum eine herausfordernde Leistung darstellt, darauf macht mich kaum jemand aufmerksam.…
…ich gehöre zu jenen Menschen, die gerne eine Spur hinterlassen.

3
Es gibt keine Priester mehr. Es gibt keine Philosophen mehr. Meine einzige Hoffnung sind die Künstler. GERHARD RICHTER

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Wie komme ich dazu, allen eine Burnout-Kur zu zahlen, nur weil sie sich mit dem eigenen Lebensstil finanziell und ressourcenmäßig übernehmen, gleichzeitig schlecht über jene Menschen reden, die nicht in diesem Hamsterrad Geld scheffeln und dann schlussendlich doch einsehen müssen, dass die Kraft ausgeht? (und somit tappe auch ich in die Falle, meine Gefühle in Geld aufzuwiegen…)

5
Diese Worte richte ich heute an mich, um mein Handeln zu verstehen: Ich habe ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Ich habe ein Recht auf gelingende Beziehungen. Ich habe ein Recht aufs Alleinsein.
Weil ich mein Leben lang schon so versuche zu leben, dass ich Niemandem absichtlich Schaden zufüge.
Weil ich bald sterben werde.

Inbrunst

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Dein Geburtstag erinnert mich daran, dass wir nicht mehr alle Zeit der Welt haben.

2
Menschen meines Alters sagen Liebe und meinen Ewiges Leben.

3
Nicht veröffentlichtes Abendgebet von CHRISTINE NÖSTLINGER:

Lieber Herr im Himmel,
ich greif mir oft an den Pimmel,
Kann das wirklich Sünde sein?
Ich bin mir sicher, du sagst nein.

Moment

1
…jener, an dem Du es wagtest, mich anzusprechen.

2
Ich kann ruhig langsamer werden.

3
Ich kehre am Morgen mit einem Besen unseren Küchenboden. Holzspäne. (Du hast gestern im Wald Holz gemacht und sie mit deinem Hemd ins Haus gebracht) Zwiebelschalen vom Abendessenkochen. Rote Blütenblätter. (Der Sonnenhutstrauss am Tisch lässt Federn.) Staub.

4
Martha, denk an die Musiker, an den Puppenspieler, an den Zauber des Abends, an den feinen Stoff der Puppenkleider, die Figur der Nacht in ihrem hauchdünnen, schwarze Glitzer. Denk an die Träume, die wie Würmer und Kröten und Fabelwesen über die Bühne schweben. Der Drache speit eine Rauchwolke aus. Sie bleibt als schwebendes Monument in der Luft stehen, bewegt sich, verändert laufend die Form, steigt auf und verschwindet schließlich wieder.

Dummheit

1
Das Gegenteil von Dummheit ist Weisheit.

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„Der Klügere gibt nach.“ Das ist eine falsche Einstellung. Wenn alle Klügeren den Mund halten, dann kommen die Dummen durch.

3
„Och, wär ich doch etwas dümmer“, sagte damals meine Mölltaler Großmutter im Anbetracht der verwirrenden Nachkriegsjahre.  

 4
Wissenszuwachs kann einem den Schlaf rauben. Nachrichtenhören auch.

5
Es ist grundsätzlich fraglich, weshalb man recht haben sollte. Und es ist gefährlich, Dummes laut auszusprechen, weil es immer auch einen zweiten gibt, der da ist und sich nicht geniert, das zu bestätigen.

 

Kaffeehaus

1
Ich begehe den schweren Fehler und frage nach WLAN. „Natürlich haben wir kein WLAN und keine Steckdosen und keine Kartenzahlung! Wir sind hier das Weidinger!“ Und natürlich ist es still hier. Kein Radio, die Kaffeehausgäste flüstern beim Reden. Das Lauteste ist der Autolärm, der vom Gürtel hereinbrummt und nur von der Rotphase unterbrochen wird. Gleich gefolgt vom Besteckgeklapper und der Kaffeemaschine.

Ein Gast fühlt sich von der Septembersonne, die am frühen Vormittag ins Lokal scheint, geblendet. Er bittet den Kellner, den Vorhang vorzuziehen. Er macht es.

Ich bestelle eine Marmeladensemmel. Ich bekomme sie fix und fertig aufgestrichen serviert.

In dieses Kaffeehaus geht man am besten alleine.

Früher sind da vor dem Kaffeehaus die Damen gestanden und es gab „a Beiz neben der anderen“, sagt der Kellner zu mir. Anscheinend hat er mir das mit dem WLAN schon verziehen.

2
Ich habe erst spät begonnen, dem Genuss des Kaffeetrinkens zu frönen. Mein Einstieg als Kind war das Sammeln von Plastikfiguren in der Malzkaffeepackung.
Mein Kaffee zu Hause aus dem Espressokocher schmeckt – nach ernst zu nehmenden Aussagen mancher Gäste – schrecklich. Das wundert mich. Ich beziehe den Kaffee aus dem Weltladen und das Wasser aus der Leitung. Ich mag ihn sehr! Mindestens viermal am Tag.
Ich mag auch den Kaffee, der in vielen Häusern in Wien serviert wird. Oder jenen an der Tankstelle in Schrick. Auch in Amsterdam schmeckt er gut und in Brixen und Triest.

3
Wir schlendern den Kanal entlang und kehren ein. Wir trinken schlichten Wein und gutes Wasser. Nicht zu viel. Das WC ist unzumutbar, für Männer ist das einfacher. Die Sonne scheint durch die großen Fenster in den Gastraum, Gläser klirren, meine Hände liegen im Schoß. Ich ruh mich aus. Wir leben im Luxus.

Sammeln

1
Mich sammeln.

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In der U –Bahn setzt sich ein Mann neben mich. Im Schwung des Hinsetzens hält er mir ein kleines Büschel Eibenäste unter die Nase: „Eiben. Die blühen jetzt“. Der Zufall will es, ich lese gerade in einem Buch, das von den ältesten Bäumen der Welt erzählt. Darunter gibt es ein Kapitel über die Ankerwycke Yew, eine 2500 Jahre alte europäische Eibe, die in Großbritannien wächst. Ich zeige dem Mann wortlos ein Bild dieser Eibe, die auch im Buch abgebildet ist. Er nickt. Wir verstehen einander, weil wir voneinander wissen, dass wir Bäume mögen und mit und von ihnen leben. „Ich hoffe, sie essen sie nicht, die Eiben!“ „Aber nein, sie würden mir nicht bekommen.“ Zwei Stationen später beim Aussteigen, winkt er mir mit dem Eibenbüschel zu. Unscheinbar verschwindet er.

3
Es kommt nicht oft vor, dass das zusammenpasst. Meistens will man nicht in Kontakt treten mit Fahrgästen, wollte man es aber, dann findet man grad keinen.

4
Eine mögliche Art, auf Dokumentation zu reagieren: Was ist hier eigentlich die Frage?

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Ich will Ombudsfrau zur Endbürokratisierung sein.

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Wissenschaft bedeutet: Sammeln, Sammeln, Sammeln …ohne vorerst genau zu wissen, wofür und für wen. Welch schöne Beschäftigung!

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Kunst. Warum so etwas Nutzloses?
(Sie…erinnert, irritiert, enthüllt, befreit, deutet Herkunft, Gegenwart, Zukunft, hilft mir, mich selbst zu verstehen…?)

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Die Früchte eines großen Obstgartens ernten, einkochen, vergehen lassen… Eine große Wanne füllen mit tiefroter Emotion.

9
Wenn wir sonst schon nichts im Leben weitergebracht haben, wir haben einen Keller voll mit gutem Wein!

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Weshalb sollte man innerhalb der Familie überhaupt Affinitäten zwischen den Mitgliedern finden?

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Ich könnte jeden Tag skizzieren, jede nur erdenkliche Auffälligkeit oder Bemerkung festhalten. Das alles einer poetischen Reflexion zuführen. Genaues Schauen hilft, die Perspektive zu ändern.

Allein


1
All-Ein-Sein: All eins sein.

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Im günstigsten Fall komme ich in Kontakt mit allem, wenn ich allein bin. Von innen her. Weil ich nicht abgelenkt bin. Nicht vom Faulsein oder vom Zorn oder von den vielen Dingen. Das Alleinsein ist ein schönes Tun, das mich freut. Es ist nie Zeitverschwendung. Ich stehe nackt da. Ich konfrontiere mich mit dem Sternenhimmel und der kleinsten Nichtigkeit.

3
So aus dem Nichts heraus kommen mir die schönsten Ideen für die Unvernunft. Es ist eine Torheit, an die Liebe zu glauben. Es ist eine Torheit, die Position der souveränen Ohnmacht einzunehmen.

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Frau D. sagt zu mir: „Wir sind doch alle allein. Bis zum Schluss!“

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Jemanden in seiner Einsamkeit besuchen.

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Im Krankenhaus legt sich in den frühen Abendstunden eine entspannte Stimmung über die Zimmer und Gänge. Wie viel Einsamkeit ist hier im Haus? Es gibt Menschen, die wollen ihre Ruhe. Andere möchten einen anderen Menschen neben sich atmen hören.

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Das Bild des grauen Waldes in Hallstatt werde ich mir lange vor Augen halten. Es stimmt traurig. In der Werkstatt Radio hören ist gut.

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Dem Augenblick und der Lust huldigen. Gerecht sein. Werden.

Perfektionismus

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…geht mir voll auf die Nerven

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Und wenn ich auf andere auch so wirke?
Wieso kann ich mir denn nicht freundschaftlich eingestehen, dass ich so bin, wie ich bin, weil ich weiß, dass ich nicht perfekt sein kann. Nie.

3
Sie schreibt mir:
„Die spannendsten Entwicklungen meinerseits: 

  • Ich nehme Abstand vom Perfektionismus.
  • Ich ziehe weg.“