Autormartha

Tod

1
Auch das geht vorbei.

2
… heute denke ich dabei vor allem an die, die ich mitnehmen muss, weil nur noch ich mich an sie erinnere. Solange ich lebe, gibt es diese Menschen und diese Bilder von ihnen noch, danach nicht mehr.

3
… der schwarze Rabe, den sie auf dem Fensterbrett der Wohnung der Tante am Tage ihres Todes begrüßt …

… die Maus im Todeskampf am Schlafzimmerboden mitten in der Nacht …

… eine große, weiße Vogelfeder auf dem Gehsteig vor mir … ein unvermutetes Zeichen von Stillstand mitten im geschäftigen Treiben …

4
Der Tod ihres Mannes hat sie in einen Abgrund fallen lassen. Die Witwe erhofft sich durch die Feier eines Abschiedsrituals zu ihrem Hochzeitstag einen Lichtblick. Aspekte der neu gewonnenen Freiheit stehen dabei im Mittelpunkt. Zum Beispiel die Erleichterung darüber, dass sie nun keine Beziehungsarbeit mehr leisten muss. „Bis dass der Tod Euch scheidet“.

5
Sie haben ein kleines Loch gegraben, keine zwei Meter tief. Die Urne der Tochter wird an zwei Schnürchen hinuntergelassen. Im Nachhinein wird der Vater sagen: „Selbst meine Katze habe ich würdevoller begraben!“

6
Eine Arbeitskollegin sagt treffender Weise zu mir: „Ich möchte mich nicht kennen, würde ich nicht diesen Krankenhausseelsorgejob machen! Ich würde meinen kleinen Wehwehchen viel zu viel Raum geben.“

7
Ich möchte die Melancholie vertreiben. Wenn ich an mein Leben und meine Liebsten denke, denke ich daran, wie wir wohl sterben werden. Das ist meinem Beruf geschuldet. Nachdem mir der Tod immer näher rückt, und der Gedanke daran immer selbstverständlicher erscheint, möchte ich mich darin einüben, ihn links liegenzulassen. Also nicht den Tod, aber das stete Definieren über ihn und das Planen aus ihm heraus. Er kommt ohnehin. Also ist er kaum so wichtig wie das Leben, weil er ja Teil davon ist und nicht das alles Bestimmende. Ich meditiere mit mehr Leichtigkeit.

8
Wir begleiten meinen Onkel auf seinem letzten Weg von der Kirche über den leicht ansteigenden Weg hinauf zum Friedhof. Etwa auf halber Strecke steht eine brennende Kerze an jener Stelle, an der er vor einer Woche während dieses Ganges von der Kirche zum Friedhof zusammengebrochen und gestorben ist. Er hatte selbst einem Begräbnis beigewohnt, mitten in der Schar der anderen Teilnehmenden erlitt er einen Herzinfarkt. Da half nichts mehr. Es waren nur mehr 100 Meter bis zur Leichenhalle, die Bestatter waren sowieso anwesend und konnten ihn gleich dorthin bringen. Wie gesagt, ich war ja nicht dabei, die brennende Kerze auf halbem Weg, die hat mich sehr berührt …

„Ich bin gleich so weit, muss noch sprengen!“, sagt der Mann, bevor er vom Friedhof herauf zu uns auf die Straße kommt.

Meine Nichte zeigt uns ein Foto eines riesigen Friedhofs an der Küste Marokkos, unmittelbar neben dem Badestrand. Meine Mutter meint, ob da wohl alle Leichensäfte ins Meer fließen?

Auf dem St. Marxer Friedhof sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Grünspechte. Eine Ratte sehe ich auch. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Es ist liebenswert, dass die grantigen Wiener Geld dafür freigeben, einen seit rund 200 Jahren stillgelegten Friedhof zu pflegen. Auf den Grabsteinen finden sich unter anderem folgende Inschriften:„Auf irdische Trennung folgt seelische Vereinigung“; „Alexandrine Petruzzi, betrauert von ihren Eltern und Geschwistern“; „Karoline Eckstein, beweint von ihrer Mutter“.

9
Friedrich II (ca. 1783+) wurde letztendlich nach vielen Umwegen und auf seinen Wunsch hin neben seinen Jagdhunden in Potsdam begraben. Ich kenne da jemanden, der möchte das auch, neben seinen Hunden begraben werden. Er lebt noch. Wir sind gerade dabei, das zu organisieren.

10
Sie lässt sich ihre Urne töpfern. Der Bestatter, dem sie davon erzählt, sagt: „Da verlange ich dann aber Stoppelgeld!“

11
Das Leben jenseits des Todes interessiert mich nicht, darüber nachzudenken ist eine Zeitverschwendung, es gibt im Jetzt so unendlich viel zu erleben.

12
Wenn ich einmal tot bin, freue ich mich sicher am meisten darüber, dass ich nie wieder in einem Warteraum bei einem Arzt sitzen muss!

13
Ich richte mir ein Erinnerungsglas, in dem ich lauter Knöpfe sammle.

14
„Wir können jetzt so weiterleben, nebeneinander, bis zur Kiste, oder …“

Musik fehlt

1
Musik ist (m)ein tief verwurzeltes ästhetisches Bedürfnis. Trotzdem dringt es schon seit Monaten nicht durch zu mir.

2
Eine Freundin versucht zu helfen: „Falls du es am Sonntag nicht gehört hast, Martha, eine absolut empfehlenswerte Musiksendung für deine Sehnsüchte: …“

3
Madame Baheux versucht zu helfen.

4
Die Tochter zeigt mir ein Foto von Florence and the Machine … und ich sehe, was ich eh schon vermutete: da habe ich nichts zu suchen!

5
Er, der Songwriter, geht in Pension und wird Zeit haben für Mußestunden. Sie, die Weggefährtin, lässt ihn in aller Ruhe so sein, wie er ist.

6
Die Streaming-Kultur und die mobile Technik haben ein Bedürfnis geschaffen, von dem vorher niemand wusste, dass es existiert.

7
Er setzt das Musikhören als Werkzeug ein. Um sich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, lässt er eine spezielle Playlist laufen. Malen ohne Musik kommt so gut wie nicht vor.

8
Mein Bruder, der Musiker, fragt sich, weshalb man immer wieder die Klassiker spielt und dabei auf alle anderen verzichtet. Beethovens Medizinlöffel, genossen im Musikverein in Wien, gibt eine dezente Antwort. Sein Streichquartett in a-Moll. Das Adagio. Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart.

9
„Um diesen Dominant – Sept – Akkord nicht länger in der Luft zu halten, wollen wir ihn sofort auflösen.“ – Diese Nachricht kommt unmittelbar im Anschluss an die Information, dass beim Erdbeben in der Türkei und Syrien an die 50.000 Menschen verunglückten. Danach geht’s in Dur weiter.

10
Es gab in der Antike die Theorie, dass Menschen die Musik erfunden haben, weil ihnen der Vogelgesang so gefiel.

Wehen


1
Der Verstand kehrt zurück, doch du setzt ihn nicht ein. DIE FANTASTISCHEN VIER.

2
Im Radio höre ich jemanden sagen, dass es wenige Lebensmodelle gibt, die sich nicht am Kapitalismus, sondern an der Einfachheit orientieren, ohne sich dabei arm vorzukommen. Ich halte mich an Sternenfotos. Sterne und Poesie. Das James-Webb-Weltraumteleskop. Das Sternenlicht, das wir dadurch sehen, ist viel älter als alles Leben auf der Erde.

3
Meine Schwester macht sich hauptsächlich Gedanken zu ihren Kindern. Was sonst noch da ist, das müssen wir ein nächstes Mal besprechen.

4
Mein Sohn überlegt, die schmerzenden Stellen auf seinem Körper mithilfe einer schwarzen Tätowierung zu kennzeichnen.

5
Ich halte mich daran zu wissen, dass wir nichts in der Hand haben und ich das schon lange weiß. Ich halte mich daran, dass ich spüre, wenn etwas Sinn für mich macht. Ich halte mich daran, dass ich als Kind gelernt habe, mich an etwas zu halten. Solidarität ist nicht neu für mich.

6
Neu für mich ist der Hinweis, dass eine richtige Gemeinschaft nicht aus vielen Menschen bestehen muss.
Die Weltengemeinschaft ist eine Katastrophengemeinschaft, der es manchmal gelingt, die Katastrophen abzuwenden. Aber nie im Leben wird das eine Solidargemeinschaft!

7
Meine Welt wird immer kleiner.

8
Nachwehe.

Dorf 3

1
Mein zugereister Freund und ich finden in ein Gespräch darüber, wie viel Kitt wir bereit sind, für die Dorf-Gesellschaft beizusteuern. Im Sparverein. In der Nachbarschaft. Im stillen Kämmerlein.

In einem Dorf verändert sich nicht so viel, wie man bereit wäre, an sich selber zu verändern. In einem Dorf am Laufenden zu sein heißt, sich im Kreis zu drehen. Man muss der Natur und den Menschen trotzen. Alle wollen dir an die Wäsche, beurteilen, kontrollieren, mit partizipieren, alles über dich wissen, mitnaschen. Alle wollen eine Familie sein. Neid ist Thema, da kann man nicht darüber hinwegsehen. Mit „allen“ meine ich 90 Prozent. Und die Kirche lasse ich vorerst auch einmal im Dorf.

2
Host du ka daham ned?, fragt mich der Kellner, weil ich meine Zeit schon wieder im Wirtshaus verbringe.

3
Im Wirtshaus sitzen lauter wohlgenährte, laute Marchfeldbauern. Da nehme ich mir jetzt kein Blatt vor den Mund. Außer der „Rudl, der is nimma do, der is schon am Onstond!Breitbeinig sitzen sie an den rustikalen Tischen und grölen einander zusammenhanglose Sätze zu. „Um 22 Uhr is Happy Hour … am Faschingdienstag in Lassee !“  Da gehen dann 16 Leute aus der Truppe hin. Der Kellner ist jung, hübsch und schwarzhäutig. Er muss jetzt „Gin Tonic mit viel Liebe machen.“  Dass dann einer von den Lustigen ungeniert der Kellnerin auf Hintern klopft, wundert mich nicht. Auch sie kommentiert es nicht.

4
Der Weinbauvereinsobmann verteilt die Einladung für die Weinkost an alle Haushalte und übersieht dabei, dass er die Vorlage vom Vorjahr vervielfältigt hat. Ein aufmerksamer Leser ruft an und sagt, dass er da schon gewesen sei, ob er nun heuer noch einmal dahin gehen solle und ob die Zeitmaschine vom Weinbauverein zur Verfügung gestellt würde.

Beim Raiffeisen Lagerhaus wurden drei neue Getreidesilos aufgestellt. Sie sollen gesegnet werden. Der Dienststellenleiter hat schon ein Kreuz gekauft, das ganz oben angebracht wird.

Die Nachbarkinder und deren Eltern und Großeltern sind unerträglich laut. Sie reden so, dass man alles mithören kann und muss. Das ist Absicht!

5
Meine Mutter und ich reden heute beim Telefonieren über die neue Koalition in Niederösterreich und darüber, dass man am Rettenbach (im Mölltal) von den Einheimischen mit dem Gewehr verjagt wird, wenn man auf einer Almwiese Grant‘n klaubt (Preiselbeeren pflückt).

6
Sie erzählt von den deutschen Gästen, die in ihrer Jugend schon ins Mölltal kamen. Sie hatten Geld und eine Sprache, die uns völlig fremd war. Der Wortschatz übertraf den unseren um ein Vielfaches und selbst wenn sie den größten Blödsinn von sich gaben, war jeder geblendet von genau dieser Sprache und wir glaubten, etwas sehr Geistreiches gehört zu haben.

7
Versöhnlich bin ich später mal, vielleicht …

Demut


1
Man darf sich halt nicht immer alles wünschen, zum Beispiel dass man in der Nacht durchschlafen möchte.

2
Nach seiner Fußoperation will er nicht über das Gehen reden, sondern über die Demut.

3
Sie arbeitet schon seit 43 Jahren im Krankenhaus. Hier hat sie ihren Lehrberuf erlernt und hier wird sie in Pension gehen.

4
Ein junger Mensch weiß nicht, wie es ist, alt zu sein. Ein alter hingegen schon, wie es ist, jung zu sein.

5
Wenn man etwas realisiert, beginnt schon der Kompromiss. In Tagträumen kann man sich die Welt noch so ausmalen, wie man sie haben möchte.

 

Übersetzen


1
Kunst ist keine Macht, sie kann nur Trost sein. Wenn sie frei sein soll, darf sie auch keine Aufgabe haben. Was nicht heißen sollte, dass sie keine Kraft hat, im Gegenteil.

2
Der Andere ist die Begründung für das eigene Leben. Vielleicht ist es einfacher, wenn man nicht liebt.

3
Liebe

4
Psychogeographie

5
Ich werde nicht damit aufhören, den Aspekt Spiritualität in meinem Leben zu pflegen.

6
Wir treffen einander zufällig bei der Mutter im Pflegeheim. Heute sitzen wir das erste Mal im Kaffeehaus. Hier ist es doch entspannter und persönlicher als in der Wohngruppe. Der Kuchen ist frisch gemacht und schmeckt uns allen gut. Der Kaffee ist lauwarm. Die Betreuerin hätte uns eh einen Spritzer empfohlen…

7
Auf der Rolltreppe zur S-Bahn sagt ein Mann zu uns: „Lasst Euch nicht stören“

8
Er meint, er denke gar nicht so viel. Es sehe nur so aus.

9
Wenn Du nicht genau hinschaust, meinst Du, ich hinke. Aber, ich hinke nicht! Ich bin einfach nur ernst.

10
Du bist auf der Flucht, sagt er zu mir

11
Rote Stöckelschuhe in Passau kaufen.
Die Farben der drei Flüsse von oben fotografieren.
Sodbrennen haben.

12
Jupiter und Venus waren so nah beieinander, wie schon lange nicht mehr.

Gebärmutter

1
Die Frau hat ein Kind mit einem Trinker. Mittlerweile ist dieses Kind eine Jugendliche. Sie wollte es nicht und hat deshalb ein schlechtes Gewissen, weil sie meint, die seelischen Probleme der Tochter lägen in dieser vorgeburtlichen Ablehnung begründet. Wer ihr das wohl einredet? Mit 30 hat die Frau zu Gott gefunden. Vorher dürfte sie ein normales Leben gelebt haben. Sie sieht wunderschön aus – eine natürliche Schönheit mit einem üppig-warmen Körperbau.

2
Der Mann ist im Krieg. Der Sohn steht knapp davor, im Krieg mitzukämpfen. Die Frau lebt mit den zwei volksschulpflichtigen Kindern seit einigen Monaten als Flüchtlingsfamilie im Weinviertel. Das allein klingt schon wie einem dystopischen Film entliehen. Jetzt verlässt sie auch ihre Gesundheit. Sie liegt im Krankenzimmer, in das die Krankenschwestern gar nicht hineinwollen, weil sie es nicht aushalten, dass so junge Frauen dieses schicksalsschwere Leben ertragen müssen. Leben müssen. Mit Sinn erfüllen müssen. – Nein, damit müssen sie es nicht erfüllen.

3
Meine Reise durch das Krankenhaus führt mich in die Gebärmutter einer Rumänin. Darm, Gebärmutter, Eierstöcke sind miteinander verwachsen, bilden eine hochexplosive Insel mitten in ihrem Körper. Sie ist vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Mann und halbwüchsigem Sohn in das halbfertige Haus eines Scheidungspaares gezogen. Das kann man sich leisten. Seit der Diagnose steht ihr Leben Kopf. Über allem stehen Schock und Ende.
Ich suche Luft zwischen den Gesprächen mit ihr, finde Windhauch …

4
Der Mensch braucht sehr viel Kraft, um das Leben zu überstehen.

5
Meine Mutter: „Mach es mit Freude, auch das, was Du machen musst.“
Ihre Mutter: „S‘ is wia’s is.“

6
Meine Mutter weiß, dass es ein spezielles Training für Frauen gibt, um ihre Sprechstimmen tiefer zu legen. Angeblich ist es so, dass man Männern aufgrund ihrer tieferen Stimmlage lieber zuhört. Ich weiß nicht …

7
Wer kann nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was sein könnte?

8
… vor mich hin werkeln …

Verborgenes


1
Die Liebe ist nicht ohne Leiden zu haben.

2
Hoffentlich seid Ihr jetzt über den Berg und die vielgerühmte doppelte Kraft nach einer überstandenen Krankheit hält Einzug bei Euch! Ich trinke Hirtentäscheltee. Aber sonst geht’s mir sehr gut!

3
Mit der Zeit, also im Laufe der vergangenen 57 Jahre, gelingt es, mir einen Sinnierraum einzurichten. Einen Raum, den ich überall hin mitnehmen kann. Die Fähigkeit des Schauens von etwas, das bislang den Augen verborgen geblieben war, ist somit ein Vorzug des Älterwerdens.

4
Ich sehe eine Wildschweinfamilie quer über die Straße laufen. Ich sehe einen Silberreiher in der sumpfigen Brache stehen. Ich sehe Fledermäuse bei Nacht und Mauersegler bei Tag. Was haben wir einander zu sagen, was bedeuten wir einander?

5
An manchen Tagen muss ich verstummen, weil kaum Blut bleibt, um durch Herz und Hirn zu fließen.

6
Wenn man auf einen hohen Berg steigt, hat man schon einen Teil der Erdatmosphäre unter sich.

7
Je mehr ich nachdenke, desto mehr geht mir durch den Kopf. Heute trinke ich schon am Vormittag ein Glas Frizzante. Das benebelt mich ein bisschen.

8
Am Nachbarbalkon sitzt eine Krähe immer an derselben Stelle in derselben Haltung. Ich brauche zwei Tage, um zu bemerken, dass es eine Attrappe ist. Bei einem genaueren Rundblick auf das Häuser-Dächermeer aus der Dachgeschosswohnung entdecke ich noch eine zweite Plastikkrähe dieser Art. Sollen sie bewirken, dass sich weniger Tauben niederlassen? Sie lassen sich nicht abschrecken.

9
Er empfiehlt mir, zwischen den Zeilen zu leben, jetzt, hier in der Stadt, nicht „zu mir zu kommen“ (ist schon ziemlich abgelutscht, dieser Ausdruck!), sondern zwischen die Zeilen. Das ist ein ungewöhnlicher Wunsch, den ich mir auf die Stirn schreibe. Im Normalfall wiederhole ich mich zu oft. Neue Saiten aufziehen sei mir Programm!

10
Die Straßenbahngleise vom 71er beim Zentralfriedhof werden saniert. Tolles Werkzeug liegt neben den herausgerissenen Schienen. Und massive Holzpflöcke. Die Arbeiter sehen in dieser aufgeräumten Stadt aus, wie einer anderen Welt entstiegen. Zwischen den Schienen liegen lauter Betonplatten. Zum Teil sind sie herausgehoben. Darunter liegt blanke Erde. Die Abflussrohre werden neu verlegt. Hoffentlich wissen die Tiefbauer, was sie tun. Alles sieht trotz der massiven Baustoffe sehr verletzlich aus, leicht zerstörbar. Die Natur scheint mir bei diesem Anblick ungleich stärker gegenüber dem, was Menschen machen können.

11
Zuneigung zu Steinen empfinden…

Krank sein, gesund sein, meistens irgendetwas dazwischen sein …

Der Frau zuhören, die in der Nacht bei offenem Fenster lauthals in einer mir unbekannten Sprache mit irgendjemandem stundenlang telefoniert …

Daran glauben, dass es auf dieser Welt keinen uninteressanten Menschen gibt …

12
Viele Bücher liegen neben meinem Bett. In einigen lese ich. Hab diesbezüglich eine gute Phase. Was meinen wir, wenn wir das Wort »Liebe« in den Mund nehmen, worum geht es, wenn von »lieben« die Rede ist? Die zu lesenden Texte und die Figuren, die in ihnen zu Wort kommen, lassen verschiedene Interpretationen dieses Wortes zu. Was verdient es, »Liebe« genannt zu werden?

Wertschätzung

 


1
Wertschätzung, muss man sich selber entgegenbringen und manchmal von anderen bekommen. Sie muss körperlich erfahrbar sein. Ich stelle mit Erstaunen fest, dass es auch mit mir so ist.

2
Wo ist die Grenze zwischen Jammern auf hohem Niveau und echter Not?

3
Um einen so aggressiven Moralismus zu vertreten, wie er heute üblich ist, muss ich meiner eigenen Vortrefflichkeit schon sehr sicher sein.

4
Wenn ich jeden Menschen, den ich treffe, so ernst nehme, wie er es verdient, kann ich nicht so weitermachen mit meinen Menschenbegegnungen. Ich kann nur einer Person pro Tag begegnen. Mehr geht nicht. Was sollen sie sonst denn denken von mir oberflächlichen Frau?

7
… ein Gruß, ein Dank, ein richtiges Wort zu gegebener Zeit …

… Ansehen verliehen bekommen, beim Namen genannt werden, ermächtigt werden, Verantwortung tragen dürfen, einer sinnvollen Aufgabe nachgehen können, wichtige Arbeit leisten, gerecht entlohnt werden, …

8
Werden wir schwermütig, wenn wir zu wenig Aufmerksamkeit bekommen?

5
Die Tankstelle in Schrick findet immer Personal, das freundlich ist. Der Tankstelle in Hochleithen passiert das Gegenteil.

6
Die Dinge beim Namen nennen. Mariendistel. Baldrian. Alant. Herzgespann. Malve. Storchenschnabel. Minze. Bergbohnenkraut. Ysop. Meertraubenstrauch. Ich bestelle französischen und russischen Estragon zum Auspflanzen. Zum Kochen verwende ich ihn kaum. Mutterkraut. Thymian. Rosmarin. Lorbeer. Den lasse ich heuer im Garten überwintern – es ist einen Versuch wert. Ringelblumen. Holler …

9
Heute begegnet mir ein müder Mann. Er ist es satt, als erwerbsmäßiger Ernährer funktionieren zu müssen, Vollzeit zu arbeiten, dafür nicht wertgeschätzt zu werden. Er beschreibt mir sein Sehnsuchtsbild vom sinnvollen Leben: Holz schneiden und Erdäpfel setzen.

10
Ich kann das Buch von Daniela Dröscher nicht lesen: „Lügen über meine Mutter“. Weil wir noch mitten drinnen stecken in der vom Patriarchat zerfurchten Welt.

11
Die Literatin Tanja Maljartschuk um 6.55 auf Ö1: … dann werden auch Frauen zu Diktatoren, auch sie werden einmal die Welt zerstören dürfen.

 

Weben


foto: Christa Plößnig

1
Milena aus Prag kündigt ihren Besuch an. Sie kommt aus einem anderen Jahrhundert zu mir und sie wird nicht viel Zeit mitbringen. Wir werden sie zu nutzen wissen. Sie ist ein lebendiges Feuer. Sie sagt, zwei Stunden Leben sind mehr als zwei Seiten Schrift. Sie wird sehr früh mit dem Zug anreisen, so plane ich, sie am Hauptbahnhof in Wien abzuholen und bei einer Tasse Kaffee im Café am Heumarkt eine erste Plauderstunde einzulegen. Vielleicht mag sie einen Apfelstrudel. Oder doch lieber Reisfleisch mit grünem Salat?

2
Ich werde Milena bitten, mit mir ein bisschen durch die Stadt zu streunen, an jene Plätze, die ihr von früher in Erinnerung geblieben sind, die Bedeutung für sie haben. Sie war schon viele Jahre nicht mehr hier zu Gast, was sie wohl heute von dieser Stadt hält?
Ich nehme mir vor, sie nicht mit allzu vielen Fragen zu bedrängen, weil ich weiß, dass sie ungefragt erzählen wird, weil sie wachsam ist und in meinen Augen lesen kann…Sie wird mir erzählen von den Frauen in ihrem Leben, ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter, von ihren Arbeitskolleginnen im Verlag und ihren Mitstreiterinnen im Lager. Sie wird mir davon erzählen, wie sie es immer wieder verstanden hat und versteht, ihre Angst zu überwinden, um unerschrocken für Gerechtigkeit oder das Stillen einer Sehnsucht zu kämpfen. Sie wird mir sehr ausführlich von ihrer Tochter erzählen, von deren Entwicklung und den kleinen, feinen Geschichten, die sie beide einander zuflüstern, wenn sie sich nicht sehen können … was wünscht sie sich für diesen jungen Menschen?
Und spätestens nach dem zweiten Achterl Wein im Café Carmen wird sie mir davon erzählen, was es für sie bedeutet, ein Leben zu führen, in dem nichts fehlt, das durchtränkt ist von Einsamkeit, Glück und Liebe, ein Leben, das der Erde sehr nahe ist. Und ich, redselig geworden durch den Alkohol, werde nun doch von ihr wissen wollen, ob es eine Form der Beziehung gibt, die größer ist als die Liebe.

3
Ob wir es danach noch schaffen, pünktlich zum Abendessen mit Janosch, Fuzzman und meinem Mann im JüdischeMuseum zu erscheinen?

4
In der „Goldenen Spinne“ habe ich ein Zimmer für sie reserviert. Es bleiben ihr nur ein paar Stunden Schlaf, da ist dieses Hotel die richtige Wahl. Ich habe das Zimmer mit der goldenen Wand genommen. An ihr hängt ein Spiegel mit goldenem Rahmen und eine Frauenporträt. Das große Fenster lässt viel Licht herein. Sie kann den Blick auf Stadtpark und  Stephansdom richten. Sie wird ein Bad in der großen Wanne nehmen, das wird ihr guttun nach dem langen Tag.

5
Wohin wird ihre Reise sie nach dem Wienaufenthalt weiterführen? Sie hält sich diesbezüglich bedeckt.

6
Ich fahre heuer im Sommer an die Ostsee. Ich plane die Route so, dass ich am Schwedtsee eine kurze Rast einlegen kann.