Autormartha

Bruch


1
Niemand muss irgendwo hinziehen. Niemand muss bleiben, wo er ist. Niemand muss festsitzen.

2
Im Dorf kümmert man sich gerne um frisch gebackene, junge Witwen und Witwer. Ohne Rücksicht auf Verluste. Einkochen. Ans Fenster klopfen. Behaupten: Du willst doch nicht allein bleiben, oder?

3
Im Krankenhaus:

Opfer und Täter, das liegt hier sehr nahe beieinander.

Nach der erschreckenden Diagnose ist sie natürlich außer sich. Sie wird zur kontrollierenden Beobachterin ihrer selbst und ihrer Liebsten.

Jede Gesunde ist für jede Kranke eine Zumutung.

müdes Geschöpf


1
Ich bin ein schwitzendes, müdes Geschöpf. Mir ist schwindelig. Ganz egal, woran ich denke, was zu tun wäre, es würde zu viel Energie kosten.
2
Beim Wandern um die Fischteiche stellt mir ein Mann nach. Ich halte davon gar nichts. Es muss für ihn eine andere Lösung geben, um seine Triebe und seiner Einsamkeit in den Griff zu bekommen. Ich ärgere mich darüber, dass ich mich darüber ärgern muss, wie plump er daherkommt.
3
Der Kellner in Wien Mitte ist rotzfrech. Ich gebe ihm einen Zwanzigeuroschein und er probiert, mir auf einen Zehner herauszugeben. Ich schau ihn an und nach kurzem Zögern gibt er mir den fehlenden Schein. Schnell verlässt er meinen Tisch.
4
Der halbe Tag an der March war perfekt. Wir entdecken den Flusseinstieg in Stillfried, indem wir beim Stillfrieder Bahnhof über den Bahnübergang und dann gleich links in den Auweg hinein ins Fahrverbot fahren. Dann gibt es noch einen verwunschenen Vogelteich bei Stillfried. Am besten überquert man den Bahnübergang vor Grub und fährt auf dem Feldweg in südlicher Richtung. Der Teich hat die Form eines Kipferls. Wenn ich mich recht erinnere, sieht man ihn auch von der Bahn aus.
5
In der Nacht holt mich die Melancholie ein. Ich sehe mir unser Hochzeitsfoto an. Die Nacht ist ein faszinierendes System. Ich sollte auf die Wiese hinaus gehen und schauen, wie sich die Grasnelken oder der Waldstorchenschnabel im fahlen Licht der Dunkelheit zeigen. Dann könnte sich die Melancholie verflüchtigen.
6
Vier Tage nach meiner Rückkehr aus Deutschland wasche ich mich zum ersten Mal.
7
Der Tod wird unwirklich, wenn es nur mehr wenige Tagesreisen bis hin zu ihm sind. Mit dem Verstand kann ich nicht begreifen, dass der Verstand sterben wird.
8
Ich will nicht sterben, ich will, dass das Leben sich noch ein weniger länger durch die Risse quetscht, ich will den Sonnenstrahl auf dem Handrücken spüren.
Auch wenn ich nichts hätte als tränengetränkte Erinnerung, die ich wiederkäuen kann, will ich noch eine Weile leben.
9
Dieser Mensch ist reine Empfindung.

Wechsel

1
Es fällt schwer, sich von gewohnten Umständen, aus sinnvollen Beschäftigungen, aus erfüllenden Aufgaben zu verabschieden. Die Zuschauer*innen dieser Beobachtung mögen sich in Demut zurückhalten und Zeit und Raum lassen, für einen sanften Rückzug, Umzug, Übergang.

2
Ich höre Gerhard Roth im Radio sprechen. Er mag am Landleben den „Kalender“, den er vor der Tür hat, er mag die Jahreszeiten, die sich zeigen.

3
Wir halten „einander die Wahrheit“ sagen für Blödsinn. Wir gehören beide einer anderen Welt an, einer, in der ein Geheimnis dazu da ist, gewahrt zu werden anstatt entblößt. Ohne Geheimnis hat nichts Gewicht. Das Schweigen, das Zögern, das Zurückhalten – das gefällt uns. Jemand, der nichts zu verbergen hat, ist uns zuwider. Wir misstrauen der Transparenz.

4
Einmal im Leben muss man alles, alle Moral über Bord werfen. Das erleichtert. Man kann sich selber grundsätzlich in Frage stellen. Das befreit.

5
Ich suche die Göttin des Wechsels aller Dinge, ein sehr abstraktes Unterfangen.

6
Imre Kertesz: „Ich glaube, ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig und ich bin trotzdem immer noch da“.

Gesicht

1
Wir sehen ein Frühlings-Adonisröschen. Für mich das erste Mal in meinem Leben. Große gelbe Blüte. Blätter wie beim rot blühenden Adonisröschen.

2
Sind Zärtlichkeit und Liebe wirklich so revolutionär, wie behauptet wird? Eine menschliche Ökologie, die auf die Hände und Gesichter , auf die Stimmen und Körper in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit und Wahrheit achtet. Was wir sind, ist kostbar, mehr als alle Werke hinter Panzerglas. Wir sind empfindsam und verletzlich.

3
Ich höre im Zug ein altes Paar darüber sprechen, dass sie ihren beiden Enkelkindern zwei Puppen geschenkt haben. Die eine trägt ein Hörgerät, die andere einen Blindenstock.

4
Sie: Ich will mich nicht für jemanden ganz und gar aufgeben.

Er: Und worum geht’s es sonst in der Liebe deiner Meinung nach?

5
An ihrem Gesicht kann ich sehen, dass sie sich sattgelebt hat.

6
Ich möchte Dir nicht zu nahe kommen sondern Dir im genau richtigen Abstand in die Augen schauen, um darin die ganze Welt zu sehen.

7
Valie Export hatte die Idee, sich Speisereste ins Gesicht tätowieren zu lassen.

Traum


1
Für Verrücktheiten muss ich selbst sorgen. Das kannst nicht Du für mich erledigen. Ich hake mich bei Dir unter und schließe die Augen. So gehe ich ein Stück des Weges mit Dir als Blindenführer. Für Augenblicke bin ich im Reinen mit der Welt, mit uns.

2
Ist es möglich, dass vorhin eine Ringelnatter hier drinnen war?

Hat sie Dich geweckt?

Gut, dann habe ich das schon mal nicht geträumt.

3
Meine Träume beschäftigen mich. Vergangene Nacht hatte ich einen sehr schönen. Ich habe von Bäumen geträumt, alten Bäumen, die in meiner Nähe wuchsen. Ich glaube, es war im Hochgebirge, an einem Ort, den ich kannte. Uralte Kopfweiden waren es, Bäume als Ungeheuer und Bäume als Wesen, als Sehnsuchtsobjekte. Heute verstehe ich diesen zuweilen wunderlich anmutenden Wunsch, dass jemand Bäume umarmen möchte. Ich will auch!

4
Einmal erkannt sein: das ist nicht schrecklich, sondern ein unglaubliches Glück.

5
Eine Zaubernacht am Wasserbiotop. Unzählige Glühwürmchen tanzen am Waldrand, in der Wiese. „Leuchtkäfer haben sehr wenig Leben und dieses bisschen verbringen sie hauptsächlich mit der Partnersuche.

6
Ich kann nur an ihn denken. Vielleicht noch ein bisschen an alle Namenstagkinder dieser Erde und an eine neue Skulptur in der Werkstatt. Und an das Zucchinirelish, das ich um diese Jahreszeit einzukochen pflege, und daran, ob der Garten zu gießen sei. Ich denke an die durch Krankheit geforderte Freundin und daran, ob die Kinder heil von den Urlaubsreisen zurückkehren. Ich denke daran, was ich für den nächsten Ausflug in die Hohen Tauern alles in den Koffer packen muss, ob es dort kalt, warm oder unwirtlich sein wird. Die Wetter-App ist nicht immer verlässlich. Ob die Wäsche wohl noch trocknet, wenn ich sie morgen früh aufhänge? Ich denke daran, die Böden aufzuwischen und an den Traum vergangener Nacht. Er war voller Gurken.

7
Nicht alles ist einfach mit ihr. Heute Morgen passen ein paar Blatt Papier zwischen uns.

8
Was lege ich auf meinen Altar?

Zwecklos


1
Kraft meiner Person rufe ich nun im Bereich Seelsorge die vollkommene Zwecklosigkeit aus. So ist es!
2
Ein möglicher Zweck, geradezu der Sinn des Lebens, könnte darin liegen, als Martha eine Variation des Lebens ins Spiel zu bringen und zu erproben, ob das geht.
3
Ich mache die Erfahrung, dass die Intensität der Verwirklichung (und Erfüllung) meiner Ideen in direktem Verhältnis zur Länge und Schwierigkeit des Weges steht.
4
Es ist zwecklos, einen genauen Plan zu haben, es kommt ohnehin so, wie es kommen muss.

Geduld


1
Der Beruf einer Profitaucherin schwirrt mir öfter durch den Kopf. Das wäre eine richtige Alternative zu dem, was ich jetzt mache.
2
Das Gefühl ist viel schneller als der Verstand.
3
Bevor man mit einem Menschen spricht, doch lieber mit dem Herrgott sprechen. Das war wohl über lange Zeit das Motto der „typischen“ Weinviertler Bevölkerung. Liege ich dmita richtig? Und mit wem wird heute gesprochen?
4
Der Arzt fragt: „Was war denn am 25. Dezember los? Welche Aufregung hat da Ihr Herz belastet?“
„Das war der 20. Todestag meines Sohnes.“
5
Meine Eltern waren nicht die besten Eltern der Welt. Sie waren nur die einzigen Eltern in meiner Welt. So geht es uns allen.
6
Er ist Optimist, weil er nicht jeden Morgen daran denken möchte, was ihm ohnehin bekannt ist. Dass die Welt ungerecht und die Menschen grausam sind.
7
„Ich bin sehr dankbar für Deine Geduld. Heulsuse Martha“

Tagtraum


1
Phantasieren. Mich in andere Zeiten versetzen. Tagsüber im Pyjama durch Haus und Garten streunen.

Den Garten ab und zu pflegen. Mir meinen Körper bewusst machen. Kunst machen.

Jetzt zufrieden sein, nicht erst später. Glühendes Licht. Redundant, reichlich viel von allem.
2
HÖLDERLIN:
Oh ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt,
und ein Bettler, wenn er nachdenkt

Ein Zeichen sind wir, deutungslos.
Komm, ins Offene, Freund!
3
Nachttraum: Aus meinem Körper wachsen lauter Pilze und so sehe ich aus wie ein Coronavirus. Derlei Gestalt stelle ich all meine Fehlgeburten in Rexgläsern in der Speisekammer auf.
4
Ihr Versuch, nur jede zweite Nacht zu schlafen, und so der latenten Schlaflosigkeit zu entkommen, gefällt mir. Ich mache ähnliche Erfahrungen – wenn ich so richtig, richtig müde bin, schlafe ich wunderbar. Und wenn ich nur jede zweite Nacht schlafen kann … ja, warum nicht? Vor Mitternacht für ein, bis zwei Stunden rasten, dann einfach wieder aufstehen und bis zum Morgengrauen in Ruhe Dinge erledigen, die sonst liegen bleiben. Ordnen. Schlichten. Sichten. Nach dem Frühstück dem Tagwerk nachgehen.
5
Er sagt, ich soll Dankbarkeit aus den Gelegenheiten schöpfen, die mir das Leben bietet, schöpfen. Ereignisse sind zweitranging.
6
Meine Trolle schauen im finsteren Keller besser aus als im Grünen. Ich trage etwas Düsteres in mir. Und viel zweckfreies Spiel.
7
Im Wirtshaus: Die Frau am Nebentisch sagt: In meine Wohnung lasse ich nur noch Leute, die ich mag.
8
Ich richte mein Vertrauen auf das Geheimnis.

Dreck


1
Ungezählte Male am Tag schmiere ich mir die Hände mit Desinfektionsmittel ein.

2
Meiner Tochter fällt in den Weinkellern des Jura-Weinbaugebietes der viele Schimmel auf. Zudem lassen die Winzer*innen Naturhefen im Keller arbeiten und ziehen die Kellerkatze den Nirosta-Hygienevorschriften vor.

3
Wir sind uns einig darüber, dass es mit der Digitalisierung und Robotisierung gleichzeitig ein anderes Programm geben muss. Ein dreidimensionales. Er spürt es in seiner Reinigungsfirma, ich spüre es im Krankenhaus. Je hygienischer die Abläufe werden, desto mehr bröselt der Mensch weg. Vor allem jene Menschen, die schon etwas länger auf der Welt sind. Manche Menschen werden selber zur Oberfläche, zum Hygienegegenstand, zu einer hygienischen Figur. Manche Menschen werden hochsensibel. Eine Zeit der Dreidimensionalität klopft an. Und eine Zeit der Fokussierung.

4
Heute Morgen war ich im Jörgerbad. Schwimmen. In Unterwäsche. 20 Minuten lang. Das darf man zwar nicht, aber geschehen ist geschehen. Woher soll ich das auch wissen, bin ja fremd hier. Wie gut, dass ich nie nachfrage.

5
Weil wir‘s grade so schön haben, breche ich einen Streit vom Zaun.

6
Meine Mutter behauptet unter anderem, dass sich die Leute bei ihr im Haus so wohlfühlen, weil sie sich vor der Tür die Schuhe nicht ausziehen müssen. So geschah es unlängst, dass die beim Nachbarn arbeitenden Handwerker in den Pausen zu ihr zum Kaffeetrinken kamen und nicht zur Nachbarin. Das erfüllte sie mit stillem Stolz. 

Die Häufchen Dreck, die sie dann am Abend immer mit einem Besen zusammenkehrt, lässt sie einfach liegen. Zum Einsammeln mit Kehrschaufel und Beser‘l hat sie keine Lust oder das Bücken in jedem Raum ist ihr zu anstrengend.

Auch ich lebe in einem Haushalt ohne Staubsaugerroboter. Auch ich ertappe mich dabei, diese Kehr-Häufchen zu machen, mit dem Unterschied, dass ich nicht allein lebe und deshalb die Hoffnung hege
a) mein Mann sieht, wie fleißig ich bin und
b) er es in anerkennender Weise wegkehrt.

Ist das Ganze eine vererbte Verhaltensweise? Auf jeden Fall ist sie ziemlich durchgeknallt.

7
Ich krieg‘ die dunkel gefärbten Ränder unter meinen Fingernägeln nicht weg. Hab beim Hollerausdrücken vergessen, Handschuhe anzuziehen.

8
… wieder eine Tür in mir, hinter die ich nicht schauen mag?

Libido


1
In ihren Jugendjahren war es schon ein kleines Drama, die Blusenenden keck mit einem Knopf zusammenzubinden. Eh nicht über dem Bauchnabel, sondern über der Hüfte. Die Mutter hatte es verboten.

2
Sex und Liebe sind nicht mehr der Schauplatz, an dem sich das Selbst der Gesellschaft widersetzt. Alles, was gratis ist, wird bis ins kleinste Detail reguliert, reglementiert oder verboten. Alles andere auch.

3
PEA (Penylethylamin) ist beim Menschen ein körpereigenes Hormon, das für das Glücksempfinden mitverantwortlich ist. Neben dem weithin bekannten Kribbeln im Bauch kann es in einigen Fällen zum Rausch führen, der die Liebenden sprichwörtlich blind macht. Die „Blindheit“ entsteht, weil PEA im Gehirn die Bereiche, die für das rationelle Denken verantwortlich sind, hemmt. Der Zustand des Rausches kann bis zu 4 Jahren anhalten. Sinkt der PEA-Spiegel, kommt es zu einer Entzugserscheinung, bei der meist ein depressives Verhalten wahrzunehmen ist.

4
Der Sinn der Ehe – einander ein besserer Mensch werden? Sexy ist das nicht!

5
Wos schaugst denn so traurig, …

6
Routine wegblasen

7
mit gutem Beispiel vorangehen und eigene Bedürfnisse erfüllen

8
zwei Reiherpaare an den Nexinger Teichen und der betörende Duft der Traubenkirsche