Autormartha

Verhängnis


1
Ich kriege das mit Hunden nicht auf die Reihe. Ihn zum Gefährten haben und gleichzeitig über ihn verfügen, wie geht das denn?

2
Wir müssen darauf beharren, dass die Lüge eine Gewalttat ist.

3
Stress bedeutet für mich, dass ich immer wieder Gedächtnisverlusten ausgesetzt bin …

4
Mir geht wieder einmal durch den Kopf, wie sich Bildung – konkret die Schulpflicht – in einen Menschen einschreibt. Einprägt. Wie schmal doch der Grat zwischen Selbstermächtigung und Unterjochung ist. Ich war meistens knapp daneben. Bin meistens der Unterdrückung auf den Leim gegangen. Schule war ein Ort der Domestizierung, des Kleinmachens bzw. des Nursogroßwachsens, wie es den Lehrpersonen gefiel. Also nie größer als sie selber. Zur gefälligen Dienerin des hierarchischen Systems erzogen werden, das war ungeschriebenes Gesetz. Das liegt dahinter. Auch wieder nur knapp. Die paar wenigen (wer war das überhaupt?), die das Große in den Menschen, das Leuchtende sahen, hatten nicht die Kraft, gegen die Regeln zu verstoßen. Waren zuvor ja selbst Schüler.

5
Einfach draufloszugehen ist nicht langweilig. Und ein ernsthaftes Gespräch zu führen, ist auch nicht langweilig. Aber zehn ernsthafte Gespräche zu führen, das ist zu viel.

6
Zwei Tage in Wien und ich bemerke – jeder bleibt in seinem Grätzel. Im Kaffeehaus, im Supermarkt, im Bad. Und im Weidinger traust dich wirklich nur zu flüstern …

7
Ich hör’ mir gerne die Meinung von Menschen an, die in meinem Alter sind. Da gibt es eine Übereinkunft.

Inspiration


1
Der Gesang der Mönchsgrasmücke gibt dem Morgen einen Sinn. Ein kleiner Vogel mit ausgeprägt heller Stimme.

2
Als Landpomeranze erlebt man sehr viel in Wien.

3
Was gibt es Spannenderes und Befriedigenderes als eine gute Idee? Meine Kinder liefern gleich:  „Brauchst‘ nur uns zwei Heulenden anschauen. Das ist Dein Stoff!“

4
Ich lerne gerne freie und selbstbewusste Leute kennen, deren Leben sich sowohl im Glück wie in der Katastrophe auf differenzierte Weise entfaltet.

5
Mit ihm ist alles so, wie nach einem echt guten Witz. Und der Witz ist natürlich von ihm …

6
Meine Schwester wohnt gegenüber den Dolomiten. Ein kleiner Wasserfall ist von ihrem Balkon aus zu sehen. Er wird von allen „Blick zwischen die Beine einer Frau“ – oder so ähnlich – genannt.

8
Verrückte interessieren mich am meisten. Solche, die Scherze machen, die ins Mark gehen. Solche, die alles wollen und nicht nach der Vernunft fragen und solche, die brennen, brennen an beiden Enden.

9
Ich liebe den Alltag mit seinem Rhythmus, weil ich das dann für eine universale Wirklichkeit halte. Also: alles scheint irgendwie gut zu sein. Weil alles geordnet ist. Deshalb wäre es angebracht, eine weite Reise zu machen. In ein fremdes Land. Um zu sehen, es ist auch alles ganz anders. Die Sprache, die Kleidung, das Tempo und der Wein.

10
Während ich Nachrichten höre, drängt sich mir die Frage auf: Zahlt es sich überhaupt noch aus, in die Arbeit zu fahren, wenn rund um mich die Welt einbricht?  … Keine großen Fragen stellen, oder?

11
Sie hat schon gestöbert und festgestellt, dass ihr die stressige Voranschlag Zeit nicht mehr richtig gefällt und sie sich nach Ruhe und Genuss ihrer Habseligkeiten sehnt.

12
Mit alten Menschen aufmerksam zusammen sein bedeutet mehr als jedes Achtsamkeitstraining!

13
Während ich mich am Buffet im Speisesaal anstelle, fliegen mir folgende Worte zu: „… Ich interessiere mich in letzter Zeit immer mehr für …“. Leider kann ich den zweiten Teil des Satzes nicht mehr hören.

14
Vieles, das ich während meiner Dienste zu Ohren bekomme, sollte vertont werden:
„Die Brüste wohnen im Dekolleté dicht beieinander.“
„Seine Augen hören!“
„Ich will hier nicht übernachten! Zu viel fremder Kummer treibt sich zwischen den Fenstern, der Wand, der Decke, den Vorhängen.“

15
Ich will im Freien am Wasser übernachten. Ich kaufe mir eine aufblasbare Matratze und einen leichten Schlafsack.

16
Lebendig sein ist überhaupt ein rechter Übermut. Eine Frau sein, die ein gesegnetes Leben führt, eine Frau, die jeden Tag das Leben ausprobiert, als wäre es immer wieder neues, überraschendes Geschenk.
So gesehen ist das Leben einfach nur ein Glück, solange es währt. Nämlich ein richtiges Leben, in dem man sich Niederlagen und Siege erlaubt, bei denen keine siegt und keiner unterliegt.

17
Er will sich einen Papierdrachen – einen Oktopus – basteln und ihn fliegen lassen …

Mutter

1
Muttersein macht die Illusion der totalen Autonomie deutlich.

2
Eine gute Mutter ist die personifizierte heile Welt?!

3
Eine gute Mutter bereitet auf die Welt vor und sie lehrt, diese Welt in allen ihren Schattierungen, von schwarz bis bunt, zu sehen. Und sie wartet nicht immer zuhause mit Trost und Suppe, sondern begleitet durch die Welt von schwarz bis bunt – und sie ist dort als eigenständiger Mensch unterwegs.

4
Mutterschaft ist eine Beziehung, die nicht verhandelbar ist, weil das Gegenüber zumindest in den ersten Jahren nicht verhandlungsfähig ist.

5
Sonst noch was????

6
Nützliche Menschen sind eine Seltenheit. Das ist eine Tatsache, die ich wertfrei und emotionslos zur Kenntnis nehme.

7
Die Kinder meiner Schwester sind aus der Kirche ausgetreten. Ab jetzt kriegen die nichts mehr von ihr zu Weihnachten geschenkt. Das zeugt von der humorvollen und theologisch konsequenten Einstellung meiner Schwester.

8
Mutterwerden ist keine Kunst. Ein schönes Kleid nähen schon, das sagt meine Mutter immer wieder zu mir. Sie ist mittlerweile an die 80 Jahre alt. Ich schätze diese nüchterne Betrachtung einer Gegebenheit. Und bin stolz darauf, von solch einer Frau geboren worden zu sein.

9
Ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich für meine Kinder mehr als für jeden Menschen dieser Welt zu tun bereit wäre…

10
Meine Mutter ist der einzige Mensch, dem ich zeitlebens vertraue. Hoffentlich geht das noch lange so.

Toleranz


1
Wer darf Bruder zu mir sagen?“ „Meine Schwester. Und sonst genau niemand!“ 

2
Meine Schwester sagt sich selber immer öfter einen kurzen Befehl, bevor sie mit bestimmten Menschen telefoniert. Der Befehl hängt mit den zu erwartenden Gesprächsinhalten und der Gesprächspartnerin zusammen.
Milde!“,Atmen, atmen, atmen!“,Freundlich bleiben!“, oder „Pfeif di nix! sind u.a. solche Mantras.

3
Mein Mann hat einfach vergessen, mich zu verlassen.

4
Ich sitze an der Simmeringer Hauptstraße. Der 71er fährt zwischen Kaiserebersdorf und der Börse. All das hier ist Klischee: Die MA 48 holt den Mist ab. Wien macht gutes Klima. Der Postler bringt die Post. Frei von CO₂. (Kolleg*innen gesucht). Eine im Tschador versucht gemeinsam mit drei Kindern die Straße zu überqueren. Sie kichern, weil es so lange nicht gelingt, weil immer wieder ein Auto daher kommt. Die Kaffeehausbesitzerin wird in einem Jahr in Pension gehen. Ob das Lokal von ihrer jüngeren Schwester weiter geführt wird, ist fraglich. Sie serviert zur Marmeladesemmel ein Erfrischungstuch, das ich sehr gut gebrauchen kann, weil ich mir natürlich die Finger mit Sauerkirschmarmelade klebrig mache. Jetzt legt meine Kaffeehausbesitzerin grüne Tischdecken auf die Stehtische, die sie am Tischfuß festbindet. Auf den Tischen liegen grüne Mitteldeckchen. Alles passt adrett zusammen und wirkt trotzdem abgelebt. Kurz vor der Pension. Die grau-beigen gegenüberliegenden Fassaden wirken genauso abgenutzt. Sie haben Alufenster mit verschlissenen Jalousien davor, die die Sommerhitze aussperren sollten. Drei Stöcke hat das Haus. Das Erdgeschoss wird von einer Billig-Supermarktkette eingenommen. Da herrscht reges Kommen und Gehen. Die Platanen wurden vor geschätzten 50 Jahren zwischen Straße und Tram-Fahrbahn gepflanzt. Sie beherrschen die Situation und kompensieren die Baufälligkeit der Umgebung. Hier möble ich auch meine Vorurteile gegenüber muslimischen Männern auf. Er, das Oberhaupt der Familie, kommt in Turnschuhen, kurzärmeligem T-Shirt und einer smarten Uhr am rechten Handgelenk daher. Sie, die Frau trägt die Ganzkörperverhüllung, die nur das Gesicht freilässt. Sie trägt die zwei gefüllten Einkaufstaschen. Zur Kleingruppe gehören auch sechs Kinder. Es sieht nach Söhnen aus. Können natürlich auch zufällig eingesammelte Jungscharkinder sein.  Alle acht Personen betreten die Bank, vor der schon die ganze Zeit ein Wachebeamter die Stellung hält.

5
Spontane Schönheiten. Jetzt. Sammeln.

Leidenschaft


1
Lange Gespräche mit wenigen Patient*innen und danach müde sein. Das liebe ich.

 2
Cohen: Da ist ein Riss, durch den ein Licht fällt.

3
„Aneignung“ ist ein kapitalistisches Wort. Kulturelle Aneignung, das ist ja gar nicht möglich, wenn man Kultur zu verstehen versucht.

4
Ideologiefreiheit. Soweit möchte ich kommen.

5
Meine Freundin, die gar nicht weiß, dass sie meine Freundin ist, hat 3600mal das Wort Nein auf weiße Blätter Papier geschrieben. Mit der Hand. Depressionsprophylaxe, meint sie.

6
Meine Mutter meint, vielleicht sollte man Kinder nicht zu lange stillen, sie neigen laut ihrer Erfahrung zur Verweichlichung. Milupa sei besser als sein Ruf. Die durchaus widerlegbaren Thesen meiner Mutter liebe ich. Sie versucht mit großem Erfolg die Welt zu verstehen und den Laden zu schupfen.

Grenzen


1
Es ist nicht gut, ständig auf mich zu schauen, darauf, was ich jetzt möchte, was ich jetzt brauche. Erklär mir die Welt. Gleichzeitig die Idee gut zu finden, Sex ausschließlich positiv zu sehen, als selbstverständlichen Lebensausdruck, als Geschenk, das mich weiterbringt, mich erhellt und darin zum Beispiel Hingabe weiterzuentwickeln. Erklär mir die Welt.vAlles miteinander zeigt mich so gar nicht selbstlos.

2
Demenz. Darüber möchte ich mehr erfahren. Ich treffe auf zwei Frauen. Einmal Angst und Freundlichkeit und einmal Angst und Aggression. Ich komm mir vor wie ein neugieriger Haufen.

3
Wie unverblümt offen sie über eigene Erfahrungen spricht und über ihre privaten Pläne. Es ist mir zu intim. Sie spricht laut und alle, die wollen, können mithören. Intim ist auch, die Nase zu rümpfen bei einer Begegnung.

4
„Man hat mich in einem Büro abseits vom Schuss abgestellt. Ohne Infrastruktur, ohne Anbindung. Sie bezahlen mich fürs Nichtstun.“ Die Entrüstung der Sekretärin ein paar Monate vor der Pension ist nicht gespielt.

5
Auf einem Foto sehe ich Körper auf weißen Laken.

6
Der Satz „Ich bin so!“ gilt bei dir nicht.

7
Ich komm mir manchmal sehr bescheiden vor, weil ich mich darin eingefunden habe, einfach und bescheiden zu leben.

8
Das ist ein steter, neuer Auftrag an mich: Geh an die eigenen Grenzen. Und staune darüber, was dann passiert. Staune darüber, wie tief das Loch ist, in das du manchmal fällst oder wie schwach die Brücke ist, die einstürzt, wenn du zur falschen Jahreszeit drübergehst, und was passiert, wenn du dir selbst genügst.

Intuition


1
Ich erkenne natürlich das Risiko an, das darinnen wohnt!

2
Das mit der Objektivität ist eine Illusion. Es gibt keinen fixen Punkt, von dem aus sich die Welt beschreiben ließe. Es gibt eine Vielzahl von Standorten. Von welchen aus betrachtet, die Wirklichkeit sich stets unterschiedlich präsentiert.

3
Ich entdecke eine lustige Idee, der Filmemacher Alexander Kluge hat sie präsentiert. Man solle doch ausgerüstet mit der Straßenkarte von London den Harz durchwandern.

4
Manchmal frage ich mich, ob die ganze Psychologisierung nicht ein Irrtum ist, eine permanente Überinterpretation von mehr oder weniger gewöhnlichen Seelenzuständen.

5
Wenn ich mich nicht vorbereite auf eine bestimmte Situation, bin ich in der Situation selber viel wacher.

7
Eine Kollegin von mir betrauert, dass in unserer Sprache nicht nur das spirituelle, sondern mittlerweile auch das existentielle Vokabular verloren geht.

6
Ich habe ganz genaue Vorstellungen, wie meine Seele ausschaut. Sie ist sehr hell und tiefblau.

 

Öffnen


1
Endlich! Heute habe ich in der Zeitung jene Formulierung gelesen, mit welcher ich in Zukunft zu uns einladen möchte: Kommen Sie vorbei, wir leben in einer Scheune!

2
Auf meinen wiederholten Spaziergängen zum St. Marxer Friedhof biege ich in die Hugo von Hofmannsthalstraße ein und sehe in einem schlichten Häuserblock nun schon zum wiederholten Mal einen Mann im Pensionsalter auf dem kleinen Eckbalkon. Er bewegt sich bedächtig zwischen seinen Topfpflanzen und kontrolliert scheinbar deren Wohlbefinden. Jeden Tag trägt er einen weißen Morgenmantel über Hemd und Gilet. Vielleicht wohnt er über den Sommer da draußen auf 4 m2? Der Häuserblock ist kein Krankenhaus, ich habe mich vergewissert.

3
Das Buch über das Patriarchat/Matriarchat: Das Paradies ist weiblich, tut es mir an. Sehr viele Gedankengänge, über die es sich lohnt zu grübeln. Das Schlechteste an dieser Textsammlung ist der Titel. Im Inneren geht es viel diverser und vielfältiger zu. Ich muss schon wieder einmal im Interlexikon nachsehen, was diese vielen Begriffe genau bedeuten. Cis, und Transfrau und Queer und Bi und Gay und LGBGQ+ … Fucking noch einmal. Was bin denn ich?

4
Viel von dem, was uns gegeben scheint, ist in Wirklichkeit gemacht. In Zukunft muss man sagen: Wir können! Aber wir wollen nicht. Ein Möglichkeitsraum ist immer offen … ins Offene gehen …

5
Und unsere Liebe, sie reicht für unser Leben. Sie wirkt zurück auf all die Jahre vorher und sie wirkt hinein in all die Jahre, die uns nicht mehr bleiben. Wir sind frei in unserer Zuneigung.
Was bleibt, sind unsere Namen, ein paar Briefe, Bilder, Fotos und das, was unsere Nachkommen über uns zu erzählen wissen.

Wende


1
Es ist gut zu wissen, auf welcher Seite man steht, bevor man sich umdreht.

2
Das einzige Machtmittel, das junge Menschen zu haben scheinen, ist die Regulierung von Sprech- und Verhaltensweisen. Die Rollen sind getauscht. Früher kämpften Jugendliche für etwas, dass sie unbedingt wollten, zum Beispiel sexuelle Freiheit, um sie dann selbst zu praktizieren. Jetzt setzen sich Jugendliche für den Verzicht, die Beschränkung ein. Und müssen dann auch selbst danach leben.

3
Da, wo es weh tut, liegen unsere Aufgaben, da werden wir uns engagieren!

4
Ich trete diesem Niedergang stolz entgegen.

5
Heute beschäftige ich mich mit Banalitäten.

6
Ich möchte nicht aus der Gesellschaft fallen, nur weil ich älter werde und mir mehr Rückzug gönne. Ich bin nicht eingebildet, ich möchte immer öfter meine Ruhe haben.

7
Auf der Mariahilfer Straße stolpert eine Frau über den Stock einer Blinden.

8
Die Wiese lacht.

 

 

 

 

 

 

Widerspruch


1
Ein widersprüchlicher Mensch zu sein, das kann eine große Stärke sein. Sie ist verbunden mit dem Recht, auch eine andere zu werden. Ein widersprüchlicher Mensch zu sein bedeutet, ein durstiger Mensch zu sein, hungern nach dem, was über die eigenen Grenzen hinaus geschieht. Widersprüchlichkeit meint dann eine mystische Gleichzeitigkeit von traurig und glücklich, bitter und süß, verbindend und zerstörerisch und sie überrascht mit gegensätzlichen Meinungen, Eigenschaften, Ideen.

2
Die Gefahr, dass mein Denken und Fühlen auseinanderbrechen, ist bei mir nicht sehr groß. Bis jetzt.

3
Zweifel ist eine geöffnete Tür.

4
Burnout geht gut. Alkoholismus geht nicht.

5
Zu denken, dass alles gut wird, wenn wir von Ort zu Ort reisen, ist Unsinn. Gleichzeitig reisen wir von Ort zu Ort.