KategorieEinsinken ins Land

Tagtraum


1
Phantasieren. Mich in andere Zeiten versetzen. Tagsüber im Pyjama durch Haus und Garten streunen.

Den Garten ab und zu pflegen. Mir meinen Körper bewusst machen. Kunst machen.

Jetzt zufrieden sein, nicht erst später. Glühendes Licht. Redundant, reichlich viel von allem.
2
HÖLDERLIN:
Oh ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt,
und ein Bettler, wenn er nachdenkt

Ein Zeichen sind wir, deutungslos.
Komm, ins Offene, Freund!
3
Nachttraum: Aus meinem Körper wachsen lauter Pilze und so sehe ich aus wie ein Coronavirus. Derlei Gestalt stelle ich all meine Fehlgeburten in Rexgläsern in der Speisekammer auf.
4
Ihr Versuch, nur jede zweite Nacht zu schlafen, und so der latenten Schlaflosigkeit zu entkommen, gefällt mir. Ich mache ähnliche Erfahrungen – wenn ich so richtig, richtig müde bin, schlafe ich wunderbar. Und wenn ich nur jede zweite Nacht schlafen kann … ja, warum nicht? Vor Mitternacht für ein, bis zwei Stunden rasten, dann einfach wieder aufstehen und bis zum Morgengrauen in Ruhe Dinge erledigen, die sonst liegen bleiben. Ordnen. Schlichten. Sichten. Nach dem Frühstück dem Tagwerk nachgehen.
5
Er sagt, ich soll Dankbarkeit aus den Gelegenheiten schöpfen, die mir das Leben bietet, schöpfen. Ereignisse sind zweitranging.
6
Meine Trolle schauen im finsteren Keller besser aus als im Grünen. Ich trage etwas Düsteres in mir. Und viel zweckfreies Spiel.
7
Im Wirtshaus: Die Frau am Nebentisch sagt: In meine Wohnung lasse ich nur noch Leute, die ich mag.
8
Ich richte mein Vertrauen auf das Geheimnis.

Wut


1
Es bereitet keine Freude, genau 1400 Zeichen zu schreiben, um einen Förderantrag für ein Kulturereignis (in ferner Zukunft) zu stellen. Die Förderstelle will mich erziehen. In genau eine Richtung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Immer brav tun, was verlangt wird. Und eine Business-Kostüm dazu tragen, möglichst ein farbenfrohes!
2
Die (fast schon vergessene/verdrängte) Pandemie hat latente Verrücktheiten aufgedeckt: Es gibt viele Einsame, die Welt hält nicht zusammen, Bescheidenheit hat keinen Reiz und nur für die Armen macht es Sinn, über diesen Reiz nachzudenken; die Reichen werden reicher und das sehr schnell, Hierarchien werden ausgebaut, ja zu Massentourismus und wachsender Wirtschaft, nein zur Menschenfreundlichkeit und Ehrfurcht vor der Natur.
Und jetzt einigen wir uns wieder darauf, dass es bequemer ist, die Welt so zu lassen, wie sie ist??
3
Ich will einen Sabotageakt tätigen!
4
Ich brauche keinen anregenden Wochenausklang!, schreie ich der Ö1 Moderatorin zu.
5
Ich verschwende mich an Nichtigkeiten. Zum Beispiel an aggressives Grüßen.
6
Ich habe überhaupt keine Lust auf meine Gedanken.

Grenzen


1
Es ist nicht gut, ständig auf mich zu schauen, darauf, was ich jetzt möchte, was ich jetzt brauche. Erklär mir die Welt. Gleichzeitig die Idee gut zu finden, Sex ausschließlich positiv zu sehen, als selbstverständlichen Lebensausdruck, als Geschenk, das mich weiterbringt, mich erhellt und darin zum Beispiel Hingabe weiterzuentwickeln. Erklär mir die Welt.vAlles miteinander zeigt mich so gar nicht selbstlos.

2
Demenz. Darüber möchte ich mehr erfahren. Ich treffe auf zwei Frauen. Einmal Angst und Freundlichkeit und einmal Angst und Aggression. Ich komm mir vor wie ein neugieriger Haufen.

3
Wie unverblümt offen sie über eigene Erfahrungen spricht und über ihre privaten Pläne. Es ist mir zu intim. Sie spricht laut und alle, die wollen, können mithören. Intim ist auch, die Nase zu rümpfen bei einer Begegnung.

4
„Man hat mich in einem Büro abseits vom Schuss abgestellt. Ohne Infrastruktur, ohne Anbindung. Sie bezahlen mich fürs Nichtstun.“ Die Entrüstung der Sekretärin ein paar Monate vor der Pension ist nicht gespielt.

5
Auf einem Foto sehe ich Körper auf weißen Laken.

6
Der Satz „Ich bin so!“ gilt bei dir nicht.

7
Ich komm mir manchmal sehr bescheiden vor, weil ich mich darin eingefunden habe, einfach und bescheiden zu leben.

8
Das ist ein steter, neuer Auftrag an mich: Geh an die eigenen Grenzen. Und staune darüber, was dann passiert. Staune darüber, wie tief das Loch ist, in das du manchmal fällst oder wie schwach die Brücke ist, die einstürzt, wenn du zur falschen Jahreszeit drübergehst, und was passiert, wenn du dir selbst genügst.

Stille


1
Man darf nie ganz erwachsen werden, denn wenn es eng wird, ist Unbefangenheit eine stille Reserve, auf die man dann zurück greifen muss.

2
Der Winter verströmt am Meer keine Stille wie am See, wo sogar die Vögel lautlos auf den Stromleitungen sitzen und stumm hinausblicken übers verschneite Land. Ein kleines Rauschen vernimmt man zwar auch dort, doch das Wasser am See hüllt sich in Schweigen. Hier am Strand wogt das Meer selbst in seiner Ruhe hin und her.

3
Mit ihrer Aufmerksamkeit scheint alles in Ordnung. Doch sie bleibt stumm. Die Frage, warum sie schweigt ist keine dumme Frage, sie ist nicht beantwortbar.

4
Wir wohnen zusammen und arbeiten in aller Stille.

5
Im Angesicht des Sternenhimmels ist das Fliegen auf einen anderen Kontinent gar keine Bewegung.

6
Es ist ein schöner Jänner. Immer wieder fällt Schnee im Weinviertel und mir stellen sich Wintergefühle ein. Behaglichkeit. Reinheit. Einsamkeit.

7
Der Buchfink beginnt kurz vor Sonnenaufgang mit seinem Gesang.

Tun

1
Wie bezeichne ich den Raum, der sich zwischen mir und meinem Tun befindet? Ich kenne das Bedürfnis nach diesem Raum, der mich zum Beispiel vor grenzenloser Müdigkeit schützt. Nenne ich diesen Raum Fest oder nenne ich ihn Lassen oder nenne ich ihn Vor-dem-Tun oder nenne ich ihn Gesang oder nenne ich ihn Zugfahren?

2
Solange es etwas zu erledigen gibt, ist alles leichter zu ertragen. Das Leben. Deshalb ist jeder Tag besser als die Nächte, in denen ich daliege und lausche. Und jeder Morgen eine kurze Rettung ins Tun.

3
Die Frau erzieht fünf Kinder und gibt dafür freiwillig die Berufstätigkeit auf.

4
Es ist heftig. Tun bis zum Umfallen und dann umfallen. 
Das Heraustreten aus jeglicher Gemütlichkeit.

5
Dampf ablassen

6
Sie kauft sich eine Schreckpistole, bedroht einen Busfahrer damit, wird dafür dreienhalbJahre eingesperrt. Endlich hat sie Ruhe.

7
Muss Arbeit immer anstrengend sein? Weshalb kann mir denn verdammt noch mal ein Gedicht nie ganz leicht von der Hand gehen?

8
Heute ist mein schwacher Tag.

9
Kleine Fabel von Franz Kafka:
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

10
Es ist Ende Jänner. Es hat drei cm geschneit. Alle sind glücklich und ziehen sich Schihosen, sportliche Daunenjacken, stylische Hauben und Handschuhe an, schnallen sich den Überlebensrucksack auf den Rücken und gehen zum Bäcker, um zwei Frühstücksemmeln zu kaufen.

Nein


1
In einem eindrucksvollen Stimmton erklärt mir ein Patient: „Das Gute am Alter ist, ich kann besser erkennen, wenn mich Menschen für sich vereinnahmen, aussaugen. Da gibt es nur ein klares Nein! Jetzt, im Älterwerden kommt mir das leicht über die Lippen.“

2
Als Vertreterin für irgendeine Firma zu arbeiten, das stelle ich mir unangenehm vor. Ich habe heute Mitleid mit jenem, der mir im Kaffeehaus im Krankenhaus gegenübersitzt und wartet, bis der Herr Primar Zeit für ihn findet.

3
Diskussionen über die Schule machen mich mittlerweile aggressiv. Ich werde in Zukunft keine Aussage mehr darüber machen, weil ich überhaupt nichts davon verstehe. Der Abstand zu meiner eigenen Schulzeit und zur Schulzeit meiner Kinder ist schon zu groß.

4
Das befreundete Paar bringt zwei tote Fasane und einen toten Hasen vorbei. Eine Woche später trennen sie sich. Und streiten darüber, wer die Hunde kriegt.

5
Sind wir bei jedem Hundsaustreiben dabei?

6
Ich werde mich viel weniger in den Weltenlauf einmischen und auf mich konzentrieren, auf meine Gedanken, auf die Essenz, die in mir steck, mich freischälen, mich fokussieren auf Mitgefühl und Erkenntnis …weil ich so vieles noch nicht geliebt habe…(Thomas Somlo)

7
Wenn es die richtigen sind, diene ich ihnen gerne.

Tag Zeit


1
Wach zu sein, bedeutet, das Leben in voller Lebendigkeit leben.
Und in diesem Sinne ist man immer Anfängerin – ich habe ja diesen Tag noch nie erlebt. Heute starre ich ins Meer. Entscheidungen treffe ich nur bezüglich Nahrungsaufnahme und Alkoholzufuhr. Wann nehme ich den ersten Drink zu mir? Was esse ich zu Mittag? Von wem lasse ich mir das alles servieren?

2
Ich genieße es, in der Natur zu sein. Die partielle Sonnenfinsternis, wie poetisch, sie durch eine einfache Lochkamera zu betrachten! Die Herbstwärme am Abend im Garten tut mir gut. In der Asten ist schon Schnee gefallen. Sonst ist heute nicht viel passiert.

3
Ich stehe nicht mehr zur Verfügung!

Unterbrechung


1
Ich stelle mir den Wecker jede Stunde. Dann atme ich ein paarmal aus und ein. Danach kommt ein neuer Anlauf für meine tägliche Routine. (Das ist doch krank, …oder?)

2
Das Auto in die Waschstraße fahren. Einen Coffee-to-go trinken.

3
Ich bin auf Kriegsfuß mit dem Bewegungsmelder im Vorraum unseres Hauses.

4
Jeder Nachttraum unterbricht meine Tagesroutine.
Ich träume vom bürokratischen Aufwand beim Anstellen fürs Essen im Krankenhaus. Ich schaffe es nicht, bis zur Suppe vorzudringen und verlasse unverrichteter Dinge den Speisesaal.
Ich träume einen Schultraum mit Prüfungsstress: Wissenschaftler in weißen Mänteln stellen unbeantwortbare Fragen. Mein ehemaliger Physiklehrer ist auch dabei.
Da bin ich doch lieber wach und geschäftig!

5
Das Leben besteht aus dem, was man den ganzen Tag denkt.

Allein


1
All-Ein-Sein: All eins sein.

2
Im günstigsten Fall komme ich in Kontakt mit allem, wenn ich allein bin. Von innen her. Weil ich nicht abgelenkt bin. Nicht vom Faulsein oder vom Zorn oder von den vielen Dingen. Das Alleinsein ist ein schönes Tun, das mich freut. Es ist nie Zeitverschwendung. Ich stehe nackt da. Ich konfrontiere mich mit dem Sternenhimmel und der kleinsten Nichtigkeit.

3
So aus dem Nichts heraus kommen mir die schönsten Ideen für die Unvernunft. Es ist eine Torheit, an die Liebe zu glauben. Es ist eine Torheit, die Position der souveränen Ohnmacht einzunehmen.

4
Frau D. sagt zu mir: „Wir sind doch alle allein. Bis zum Schluss!“

5
Jemanden in seiner Einsamkeit besuchen.

6
Im Krankenhaus legt sich in den frühen Abendstunden eine entspannte Stimmung über die Zimmer und Gänge. Wie viel Einsamkeit ist hier im Haus? Es gibt Menschen, die wollen ihre Ruhe. Andere möchten einen anderen Menschen neben sich atmen hören.

7
Das Bild des grauen Waldes in Hallstatt werde ich mir lange vor Augen halten. Es stimmt traurig. In der Werkstatt Radio hören ist gut.

8
Dem Augenblick und der Lust huldigen. Gerecht sein. Werden.

Reichtum

1
Am allerwenigsten Künstlerin bin ich beim Einkaufen.

2
Ich will glaubhaft behaupten, dass Phantasie in vielen Belangen wichtiger als Wissen ist.

3
Heute hole ich glückliche Kinder von einer Party ab. Glücklich deshalb, weil dort so viele ruhige, feinsinnige Jugendliche versammelt waren.

4
Das habe ich nicht geschafft in meinem Leben. Einmal so richtig viel Geld zu verdienen. Es hätte mir passieren müssen. Passieren können. Wär gar nicht so schlimm gewesen.

5
Kultur, das ist alles, was wir im Alltag machen, so, wie wir es eben machen.

6
Ich schaue während des Konzertes vor allem auf die zarten Hände der zwei Musiker und höre zu. Mit den wenigsten Worten sprechen sie in die Vollen, sagen alles und lassen alles offen. Und ich weiss ganz genau, was gemeint ist. Und darüber legt sich wie ein Zuckerguss der Flügelhornist, flüsternd mit seinem Instrument, so leise, wie es Sprache kaum kann.

7
An jedem meiner 10 Finger steckt ein Ring. Jenden Ring ordne ich einer Person zu . So trage ich sie alle wie kleine Moleküle mit mir herum.

8
Ich muss mein körperliches und mein seelisches Heil schützen!

9
Für den Herbst bleibt mir, geistige Reisen zu unternehmen.