Autormartha

Haushalten

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Ich werde meinem Mann von meiner Reise ein Haushaltsgerätmitbringen. Kurz vor meiner Abreise antwortete er auf meine Frage, ob wir ein gemeinsames Hobby hätten: „Ja, den Haushalt“.

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Mein Alltag ist viel zu viel Verschiedenes. Das erschöpft mich, macht mir Verspannungen im Nacken und im Kopf.

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Ihre Bilder, die sie im Kopf trägt – Prinzessinnenvorstellungen vom Leben, vom geplanten Schönen, von einer perfekten und heilen Welt – sie machen ihr Angst.

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Er mag das Abenteuer. Er mag es, glücklich zu sein. Dieses Jahr macht er nur das Nötigste im Garten, weil er zu wenig Zeit zum Gießen haben wird. Vielleicht steckt er Zwiebeln. Wenn er wandert und zeltet, trägt er höchstens einen 9 kg schweren Rucksack auf dem Rücken. Wenn er ihm zu schwer wird, denkt er an all jene, die Tag für Tag Lasten schleppen, am Bau, im Lager, in der Gastro, im Gesundheitswesen, … Gesundheit, das wünscht er für uns alle. Wir trinken spanischen Sekt, stoßen auf seine Pensionierung an und bleiben bis 1 Uhr nachts zusammen.

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Wir sollten Respekt voreinander haben.

Mehr Bologna, Martha!


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Ideen für die Reise:
Tröstlich wohnen. Die alten Plätze besuchen. Morandi besuchen. Zeitgenössische Museen besuchen. Natürlich essen und trinken. Einen Tagesausflug nach Florenz machen. Über Mestre und Venedig wieder nach Hause fahren.

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Viele Kleinigkeiten
daheim lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Das nennt man wohl Reisefieber. Ich verzettle mich mit Reiseführern und dem Kofferpacken und der Idee, die Vorbereitungsphase doch zu genießen. Der Wetterbericht sagt für das Reiseziel Regen voraus. Bologna ist dafür die geeignetste Stadt. Die Laubengänge von Bologna entstanden fast spontan, wahrscheinlich im frühen Mittelalter, als Vorsprünge privater Gebäude auf öffentlichem Grund errichtet, um den Wohnraum zu vergrößern. Wir werden trockenen Fußes vorankommen. Mein Sohn, der die Stadt von einer Reise vor einiger Zeit kennt, schwärmt bei der Verabschiedung vom Platz am höchsten, schiefen Turm und vom Essen und den Märkten …

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Mein Reisegefährte hat Kunstkarten vorbereitet,
die wir als „Spuren“ hinterlassen können.
Worüber denken sie gerade nach? A che cosa sta pesando in questo momento?
Worin besteht ihr Schmerz? Qual e in tuo dolore?
Ich schreibe hier nicht über den Schmerz. Ich wende mich der Veränderung zu.

Welche Geschichten werden wir einander später erzählen?

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Der frühe Reisemorgen ist aufregend. Die Schnürsenkel meiner Schuhe sind fest ineinander verknotet. Ich arbeite mit zwei spitzen Gabeln, um sie aufzulösen. Der Kaffee schmeckt mir heute nicht. Qualitytime liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor mir

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Seit ich fliege,
sind die Sicherheitskontrollstellen zum ersten Mal mit freundlichem Personal besetzt. So geht alles viel leichter. Wir haben Zeit am Flughafen, noch (k)ein Ottakringer und einen Kaffee zu trinken – der Flug vergeht rasch und am Ankunftsflughafen wartet der erste italienische Kaffee auf uns. Jetzt schmeckt er. Busfahren, die ersten Eindrücke der Stadt. Die Unterkunft lässt einen Blick auf eine Straßenkreuzung, den ich sofort liebgewinne. Dieser Blick wird mir in sehr guter Erinnerung bleiben, das weiß ich jetzt schon.

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Bologna, die Rote und Bologna, die Fette,
das sieht man bereits am ersten Tag. Unglaublich gutes Essen – leider kann man nicht so viel davon nehmen, wie man gerne möchte. Wir essen sehr spät zu Mittag. Einfach, am Markt. Mit den besten Fischzutaten, direkt vom Fischhändler nebenan. Ribola Chialla und Friulano dazu. Die Stadt ist nicht zu vergleichen mit Venedig, dort weist uns ja der Tourismus in die Schranken. Hier in Bologna kann man auch leben.

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Torre del Orologio, Piazza Maggiore, Basilika San Petronio, Gewürzmarkt.
Für mich im Mittelpunkt: das Uhrwerk und ein Fensterbrett als Sonnenuhr. Tauben. Eine Abendsonne und fahles Licht. Der Aufstieg auf den Uhrturm, um über die Stadt zu blicken, ist leicht und schön steil. Von oben wirkt die Stadt kompakt, massiv, die Häuser im Stadtkern sind mit roten Ziegeln gedeckt. Der erste Eindruck übertrifft meine Erwartungen. Das hat einen beglückenden Effekt. Vom Uhrturm aus sehen wir sogar das Stadion und eine Figur, die hoch oben in den Lüften schwebt – wahrscheinlich ein Engel. Er kommt mir surreal vor, so mitten im Himmel platziert, ohne erkennbaren Zweck, außer der Schönheit zu dienen. Wir haben Glück, die Sonne kommt raus. Ich bin jetzt schon müde, aber vielleicht trinken wir doch noch ein Glas Wein … nicht nur Tee. Am Ende des Tages sind wir an die 12 Kilometer weit gegangen.

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Im Theatro Anatomica fühle ich mich vorerst wohl.
Ein ganz mit Holz ausgekleideter Raum schafft Geborgenheit. Die Holzstufen im Saal sind abgenutzt, und ich stelle mir eine Leiche vor, wie sie da in der Mitte auf dem Seziertisch liegt, zur Schau gestellt, umringt von Männern, die etwas sehen wollen, etwas lernen wollen oder es treibt sie noch etwas ganz anderes an, diesem Schauspiel beizuwohnen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es mir als Frau nicht möglich gewesen, hier drinnen zu sitzen. Ich stelle mir hier eine Supervisionssitzung im großen Stil vor, ein Treffen von Menschen, die sich für die Psyche des Menschen interessieren, von dem mir eine Freundin immer wieder erzählt. Ein ständiges Kommen und Gehen und Mitreden, ohne das Gesagte zu bewerten. Ich höre den Regen aufs Dach trommeln. In Florenz ist Hochwasser, südlich von Bologna auch. In einem nächsten Raum fällt mein Blick durch eine vergitterte Tür in einen elendslangen Gang der Bibliothek.

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Am Abend tummeln sich viele Menschen
vor und in den Gassenlokalen. Obwohl es regnet. Wir gehen trockenen Fußes durch die Laubengänge zurück in unser Quartier. Vorher trinken wir richtig gut in der Osteria del Sole. Hier ist es üblich, das Essen selbst mitzubringen und nur die Getränke in Selbstbedienung zu holen. Die Bude ist gedroschen voll. Nachdem wir das System durchschaut haben, besorgen wir uns in der Fleischhauerei und beim Bäcker nebenan eine Kleinigkeit zu essen und tun bei diesem bunten Treiben mit. Mir fällt ein, dass die Wiener Heurigenlokale in ihrer Ursprünglichkeit auch so organisiert waren. Zum Rauchen geht man vor die Tür. Dort ist der Platz sehr knapp und so stehen alle Raucher in der Tür. Chi non bene fuori … steht auf einem Schild an der Tür – wir befinden uns also in einem Lokal für die Nicht-Wohlhabenden.

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Ein Brandteigkrapferl
mit einem knochentrockenen Prosecco im besten Sinne genießen wir im Cafe Gamberini. Die Vitrine mit den süßen und pikanten Bäckereien ist eine Augenweide. Ich denke laut nach und frage mich, was mit den appetitlich angerichteten Häppchen nach Dienstschluss geschieht? So etwas kann man doch nicht wegschmeißen. Aber haltbar ist das Ganze auch nicht … Zwei Tage später bekomme ich durch Zufall die Antwort geliefert: In der letzten Stunde vor Dienstschluss werden die nicht verkauften kleinen Köstlichkeiten auf 4 großen Etageren und 7 Tabletts an der Theke angeboten (Minibrötchen, Chicettis, Pastetchen, Balls, Frittiertes, …) und jeder Gast darf sich davon nehmen. Wieder ein „System“, das mir sehr imponiert.  Wie einige andere Touristinnen bin ich von diesem Angebot freudig überrascht. Andere wissen davon: Neben mir setzt sich kurz vor der Sperrstunde eine feine Lady in hochbetagtem Alter, bestellt sich ein Glas Prosecco, nimmt sich ausführlich von den Appetizern, trinkt noch ein Glas Prosecco und geht dann wieder, nachdem sie ein ordentliches Trinkgeld hinterlassen hat. Passend zum Ambiente hat sie sich fein herausgeputzt: gefärbte Fingernägel, gefärbte Lippen, Schmuck an Fingern, Ohren und um den Hals.
Ich hingegen überlege mir, ob es Sinn macht, für irgendein Fest solche Etageren zu töpfern? Ganz schlicht in der Ausführung, damit die Speisen wirken können? Aber, wer bereitet dann bloß die ganzen Köstlichkeiten vor? Ich bin begeistert, auch wenn der Anblick der Bar im Vergleich zu den Obdachlosen draußen auf der Straße sehr dekadent ist. Es regnet.

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Das Beste kommt noch: das Museo Morandi.
Ein bildender Künstler, der mich an Christine Lavant erinnert, nachdem ich etwas über ihn erfahren und vor allem seine Bilder im Original gesehen habe. Sehr zurückgezogen machte er unbeirrt sein Ding. Stillleben bis hin zur Abstraktion, ohne laut zu werden. Zurückhaltend und haltend. Man kann sich darin verlieren und wird doch getragen von ihm, von dem Leben, das er geführt haben mag, das sehr asketisch schien… Es ist auch ein Glück, seine Bilder im Original zu sehen. Seine Krüge und Dosen. Die zarten Pastellfarben. Grafik und Malerei. Frühe und späte Werke. Ein Himmel. Eine Stromleitung, die ihn teilt. Ein Haus.
Das Museum befindet sich in einer verlassenen städtischen Bäckerei, dem forno del pane di Bologna. In einem Raum des Museums läuft ein Film über die Teppichherstellung in dieser Gegend in früheren Zeiten. Auch er zieht mich in seinen Bann. Eine Künstlerin hat ihn in Schwarzweiß mit ihrer Mutter als Hauptfigur gedreht. Er zeigt diese Frau bei verschiedenen halbmechanischen Tätigkeiten an großen Maschinen. Ständig flimmert eine leichte Staubschicht durch den Film. Die Mutter hat lange, lackierte Fingernägel und bewegt sich dennoch mutig zwischen Maschinen und Wolle.
Wir kaufen einen Morandi-Katalog. Ein darin abgebildetes Foto zeigt einen langen Trauerzug durch die Via Sant Alo, die Straße, an deren Ende die beiden Türme stehen. Das Foto ist ein beeindruckendes Zeugnis von Morandis Beliebtheit in der Heimatstadt.

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Wir essen frisches Brot vom Markt,
frische Salami vom Markt. Ein gekochtes Ei. Wir reden über Morandi. Und seine Einfachheit, seine Suche nach Einfachheit. In der Stadt fand er diese Schlichtheit wohl nicht, sie ist üppig und stark und reich an Ornamenten. Es macht Freude, zuzuschauen, wie in den Auslagen Nudeln per Hand hergestellt werden, es macht Freude, die vielen verführerischen Brötchen, Speisen to go und Süßigkeiten anzuschauen. Es scheint so, dass man es sich in Bologna nicht erlaubt, etwas nicht Gutes aus der Hand zu geben. Dahinter steckt viel eintönige Kleinarbeit.

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Bologna, die Gelehrte. Wir freuen uns über die vielen Lorbeerkränze und die noch schöneren Blumensträuße, die die frisch gebackenen DoktorandInnen bekommen haben und nun stolz in Händen tragen. Sie sind in der Stadt unterwegs, um mit ihren Familien zu feiern. Der schönste Strauß ist der mit Artischocken, Spargel, Radicchio und Lorbeer. Die junge Frau, die ihn bekommt, ist außergewöhnlich gekleidet. Obwohl sie mindestens 180 cm groß ist, trägt sie Clogsschlapfen mit sehr hohen Absätzen.

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Schade, dass mein Tablet nicht sehen kann! Wir sitzen vor den beiden schiefen Türmen, Le dui Torre, in der Via Rizzoli zwischen den Arkaden und ich versuche, diesen Eindruck festzuhalten. Die Türme reißen meinen Blick immer wieder nach oben. Mitten in der kleinen Fußgängerzone hat ein Künstler eine Poesiebox installiert. Ich nehme ein Gedicht heraus. Es ist auf ein weißes Blatt geschrieben, zusammengerollt, mit einem kurzen roten Band zusammengebunden. Der Künstler heißt Antonio Melis:

Nell’aria sobria
di pensieri non pensati…
Medito un mondo, liberarsi nella sua natura semplice…
improvvisa…
gli oceani salgono
la superficie del mondo
abbandonato da tiranni e sudditi
il divino ha il potere di far morire e rinascere le anime in pena,
su questa terra…
vedo un dipinto di arcobaleno riflettere le vite risorte degli
uomini
in virtù del coraggio…

In der nüchternen Luft
Von ungedachten Gedanken…
Ich meditiere eine Welt,
befreie mich in ihrer einfachen Natur …
Plötzlich…
Die Ozeane steigen
Die Oberfläche der Welt
Verlassen von Tyrannen und Untertanen
Das Göttliche hat die Macht, Seelen in Trauer sterben und wiedergeboren zu lassen,
Auf dieser Erde…
Ich sehe ein Regenbogengemälde, das das auferstehene Leben der
Männer
Aufgrund von Mut…

Der Künstler kommt auf uns zu, spricht uns an, fragt, wo wir herkommen, erwähnt, dass er heute schon mit Leuten aus Österreich gesprochen hat. Heute sind viele Menschen unterwegs. Vielleicht bleiben sie auf dem Weg nach Florenz hier hängen, weil es wegen des Hochwassers nicht ratsam ist, dorthin zu fahren?

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Klamotten sind hier wichtig.
So wie fast überall in Italien. Heuer trägt man weite Hosen – ich kenne sie von New York im Vorjahr: da gab es auffallend viele weite Jeans zu sehen. Wir sehen jede Menge junger Frauen mit einem Hang zum Tussihaften.
Ich sehe eine Frau, sie trägt ein langes T-Shirt, ein kurzes Leiberl drüber und ein warmes Kleid ohne Ärmel, und dann noch einen ärmellosen Mantel. Alles in dezenten Farben.
Eine andere Frau trägt ein buntes, kurzärmeliges Kleid, darunter ein langärmeliges Shirt, eine gestrickte Kette, eine sehr bunte Tasche. Ich sehe eine sehr, sehr weite Hose. Das alles gefällt mir.

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Rot, orange, braun, ziegelfarben. So würde ich die Stadt in Farbe beschreiben. Ein Kontrast dazu: Eine Bettlerin. Ihr Gesicht ist weiß geschminkt, sie trägt weiße Kleidung und sieht aus wie eine Bäckersfrau. Sie spricht kein Wort, macht einen pantomimischen Gruß und hält dann die offene Hand hin, um Almosen zu empfangen.
Es gibt auffallend viele Büchereien in dieser Stadt und auch einige Männer mit Hut. Die Arkaden lassen alle Menschen mit der gleichen Würde durch die Straßen gehen. Man hat ein erhabenes Gefühl, wenn man durch diese Gänge geht, die sich manchmal über zwei Stockwerke erstrecken. Die nach oben strebenden Bögen und Säulen lenken, genauso wie die Türme, den Blick nach oben. Unter den Arkaden ist es kälter als draußen auf der Straße, das sollte man bedenken, wenn man sich einen Platz zum Sitzen und Verweilen sucht.

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In einer kleinen Kapelle
treffe ich auf eine Nonne, die sich in heller Aufregung mit einem (vermutlich) Obdachlosen unterhält. Es sieht so aus, als hätte er hier übernachtet, zumindest riecht es danach. Wie und ob sie ihn überzeugen kann, diesen warmen Ort zu verlassen, erfahre ich nicht mehr, es zieht mich weiter.

Über der Kirche des Heiligen Franziskus hat sich ein Regenbogen gebildet. Auf dem Platz davor spielen Kinder Fußball, trotz des leichten Regens. Ich koste vom Eis, das hier besonders professionell angeboten wird. Den Hinweis auf diesen Laden, mit dem besten Eis der Stadt, habe ich in von einem deutschen Podcaster gehört. Vermutlich lügt er nicht.

In der Kirche des Heiligen Bartholomä, gleich neben dem höchsten Turm, beim heiligen Josef, zünden wir zwei Kerzen für uns an. Diese Kirche war bisher die schönste. Weil sie im Inneren dunkel ist und das Gold dann besser wirkt. Alle Kirchen – und derer gibt es viele – sind sehr groß und relativ ruhig eingerichtet. Die Stile sind zum Teil sehr gemischt – eh klar – vom Romanischen bis in den Barock.

Die Basilika San Petronio mit ihrer aufwendigen Backsteinfassade schmückt den Hauptplatz Sich an einem Brunnen zu verabreden ist sehr poetisch, poetischer, als zu sagen, wir treffen uns in der Straße XY/ Ecke Soundso.

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In unmittelbarer Nähe des Neptunbrunnens
sehe ich einige Menschen, die ihr Ohr an das Gewölbe legen. Ich spreche eine Frau daraufhin an und erfahre, dass es sich um ein besonderes Klangspiel handelt, das die Stimme wie ein schnurloses Telefon von einer Ecke in die andere leitet. Später lese ich nach, dass Mayors Vault zu einem der sieben Geheimnisse Bologna zählt.

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Wir bleiben bis zur Sperrstunde in der Osteria del Sole:
Der Oberkellner läuft mit einem selbstgebastelten Schild herum, auf dem ein Kondom klebt, darunter steht: Sperrstunde! Ora di chiusura! Geht ficken!

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Sonntagsausflug nach Florenz.
Das klingt gut! Unsere Anreise mit dem Zug klappt sehr gut – sowohl hin als auch zurück. Hin brauchen wir knapp 35 Minuten – der Zug fährt ein paar Kilometer mit 300 km/h! – Zurück fahren wir mit dem Regionalzug ca. 1 1/2 Stunden.

Santa Maria del Fiore,  Ponte Vecchio (älteste Brücke Europas), Brunelleschi-Kuppel, das Babtisterium St. Giovanni mit dem Goldenen Tor – geschaffen von Lorenzo Ghiberti – alttestamentarische Szenen an der Ostseite, Uffizien, Pallazo Veggio, …  an all diesen Sehenswürdigkeiten schlendern wir vorbei. Um hineinzukommen, müsste man für manche Räume Wochen vorher einen „Timeslot“ buchen. Florenz ist ein Museum.

In einem Café vor dem Dogenpalast lassen wir die Stadt auf uns wirken. Mit dem Einsermenü: Bier, Grappa, Espresso.

Wir verbringen auch hier viel Zeit auf dem Markt. Mit drei wunderbaren Brötchen. Ich soll die jeweils 4 Köche beschreiben, die mit Professionalität und Leichtigkeit, Freude und Stolz zeigen. Sie bereiten die angebotenen Speisen in der Schauküche zu. Die Köche schauen zum Anbeißen aus.

Florenz protzt. Diese machtgierigen Dogen und Päpste vergangener Tage kann ich mir nicht wegdenken. Sie verstellen die Künstler, obwohl von denen natürlich mehr bleibt als von den Machthabern, und von den Frauen ist hier gar nichts zu sehen. Eine neuere Figur steht vor den Uffizien, eine riesengroße Bronzefigur einer Frau aus diesem Jahrtausend, die ein Handy in Händen hält. Naja….kommt nicht durch, aber immerhin.

Bologna ist mehr meine Stadt (entschuldige, Florenz, natürlich habe ich dich und deinen geistigen Reichtum nicht erfassen können … ). Auf dem Heimweg vom Bahnhof fällt auf, dass trotz der vielen Straßenlokale das meiste Essen wohl vom Lieferservice gebracht wird. Sogar von MacDonalds wird geliefert.

21
Ich schaue mir den preisgekrönten Film No Other Land in einem Kino in der Innenstadt an. In Originalsprache (hebräisch, arabisch) mit italienischen Untertiteln. Ich langweile mich keine Sekunde lang, obwohl ich die Worte nicht verstehe. Ein Dokumentarfilm, der im Westjordanland spielt. Man muss ihn, obwohl er mich fasziniert hat, nicht gesehen haben, er zeigt die Sinnlosigkeit dieses Landes. Aber, wo geht es schon sinnvoll zu? In Amerika? Nach so einem Film kann man nur Nestroy zitieren. „Mein einziger Trost ist die Verzweiflung“.

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Es gibt kein Meer in Bologna,
ich kann keine Muscheln am Strand sammeln.

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Vor der Abreise kaufen wir a
m frühen Morgen auf dem Markt ein. Artischocken. Radicchio. Spargel, Käse. Zitronen, Salami. Das sind meine Mitbringsel. Sogar wilden Brokkoli nehme mit, die wilden Mohnblätter lasse ich liegen. Alles sieht ähnlich aus wie in Galipoli im Jänner – allerdings ist hier alles „schöner“ fürs Auge hergerichtet. Es gibt unglaublich viel Fisch und Meerestiere zu sehen und es ist mir ein Vergnügen, meinen Reisegefährten über Fisch reden zu hören! Die Unterscheidung zwischen Orangen zum Essen und Orangen zum Auspressen schmeckt man. Ich teste es. Tatsächlich kaufe ich sehr viel gutes, frisches Zeugs. Es erfüllt mich mit Freude, dass ich Gemüse mit nach Hause nehmen, das ich später dann die Reise einkochen kann. Das alles wird uns daheim noch wochenlang erfreuen.

24
Es ist gut, dass noch etwas offen bleibt
… Hinter dem Bahnhof liegt die monumentale Church of de Secret Heart Of Jesus. Ich esse noch einmal Tagliatelle Bolognese und wir trinken einen Grappa in einer Spelunke. Gut schmeckt es!

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Mit der Trenitalia zu
fahren, das ist richtig komfortabel. Von Bologna über Ferrara, Padua, … nach Mestre. Kurz hinter Ferrara überqueren wir den Fluss Po. Die flachen Felder sind vom Regen durchtränkt, selbst die kleinen Kanäle voller Wasser. Hier wird bereits Spargel gestochen. Zu Hause werde ich Bärlauch pflücken. Bärlauchnudeln kochen, Bärlauchschnitzel, Bärlauchcremesuppe.

Bei Padua denke ich automatisch an den heilige Antonius, der für die verlorenen Dinge steht, der uns hilft, das Verlorene wieder zu finden. Und ich denke an Bodo Hell. Er hat ihn oft in seinen Texten erwähnt und ist nun selbst verloren gegangen. Es klingt wie Musik in meinen Ohren, wenn die Chris Lohner der Italienischen Bahn ansagt: Venezia Santa Lucia!

Die vergangenen Tage zieht gleichzeitig mit der norditalienischen Landschaft am Fenster vorbei. Ein Industriegebiet vor Pordenone, ein ungepflegter, riesiger Weingarten mit Weingartenhütte. Viel Müll und Traktorspuren zwischen den Zeilen. Der Boden bei den Weinstöcken ist aufgebrochen, er ist steinig, die Erde  dunkelbraun. Dazwischen weiden ein paar Kühe.

Wir überqueren den Piave, den breiten, türkisfarbenen Fluss. Nach den vergangenen Regentagen ist das Flussbett gut gefüllt. Der Zug trägt uns. Ich drücke meiner Tochter die Daumen für einen Vitiforst-Vortrag, den sie heute hält.

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Im M9
in Mestre zeigen sie eine Ausstellung über „gerettete Kunst“/Arte Salvata. Das Museum hat sich mit dieser Ausstellung richtig herausgeputzt, wir sehen Bilder, die vor dem Anschlag 1944 in Le Havre aus dem Museum für Moderne Kunst gerettet wurden. Mein Reisegefährte ist vor allem von den beiden Monetbildern begeistert: eine Ansicht aus der Serie über das Londoner Parlament und ein Landschaftsbild mit Sonne, Busch und Wiese. Monet konnte besonders gut mit Farben umgehen, meint er. Blickfang des Ausstellungsplakats ist ein Mädchenporträt von Renoir. Eines meiner Lieblingsbilder ist von Pierre Bonnard. Auf ihm scheint alles verrückt zu sein: ein Tisch, darauf zwei Tischdecken und ein Tablett mit ein paar leeren Gefäßen. Ein Fenster, durch das man auf ein Geländer schaut, dahinter Wasser und ein Boot. Ganz unten rechts in der Ecke, nur schemenhaft zu erkennen, ein Mädchenkopf.

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Der Zug Venedig-Wien hält in Pordenone. Mein Reisegefährte zeigt mir auf seinem Handy die Bilder der Live-Kamera, die auf den Hauptplatz von Bologna gerichtet ist. Er liebt es, jeden Tag die Live-Kameras seiner Lieblingsdestinationen zu sehen. So vermischen sich Traum und Wirklichkeit. Nächster Halt: Udine. Italienisch lernen wäre eine Option.
Wir überqueren den Tagliamento, den zweiten großen Fluss, der aus den Bergen Friauls herabfließt, türkis und wieder in einem sehr breiten Flussbett.
Der Grenzberg zwischen Arnoldstein und Italien heißt Ofen. Im Friaul mit dem Zug Richtung Villach zu fahren, ist ein Vergnügen. Die Berge sind schon da, diesmal mit Schnee bedeckt. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Unbeirrt sein. Das ist sehr oft das Wichtigste.

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Sohn: Wie ist die Mama so, wenn sie reist?
Reisegefährte: Wie eine Sechzehnjährige!

Verrückt

1
Durch die Stadt gehen und mich dabei streng an diese Vorgaben halten: 1 x rechts abbiegen, danach 2 x links abbiegen – und das solange es geht. Oder mich einfach treiben lassen? Das ist bedeutend schwieriger. Am einfachsten finde ich den Vorschlag: Picknick im Wohnzimmer!

2
Ich belausche ungewollt das Gespräch eines Ehepaares, das am Tisch neben mir mit Blick auf den See sitzt.
Sie: Siehst du den Schwan da hinten? Der brütet da.
Er: Nein, der sitzt einfach so da
Sie: Woher willst du das wissen?
Er: Weil es ungewöhnlich wäre, dass hier ein Schwan brütet.
Sie: Du weißt immer alles besser!“
_
_

Sie: Weshalb sprichst du nicht?
Er: Weil ich nicht sprechen will.
Sie: Du willst nur mit mir nicht sprechen! Nie willst du mit mir reden.
Er: Nein, ich will mit der ganzen Welt nicht sprechen!
_
_

Sie: Wir hätten nicht hierher fahren sollen. Es gefällt dir hier nicht. Gib es zu.
_

Sie: Hätten wir nach Mistelbach fahren sollen? Oder nach Gaweinstal? Wäre dir das lieber gewesen?
_

Sie: Ich merke es doch. Ich habe es vorher schon gespürt, es war ein Fehler, hierher zu fahren. Es gefällt dir hier nicht.

Er geht, kommt mit einem Stapel Zeitungen wieder und legt ihr ein paar davon hin.
Sie: Danke dir. Wie gut du dich kümmerst!

Kleinkram


0
Die Tochter sagt: Freundlichkeit zahlt sich aus.

1
Ich esse so viel vom perfekten Schweinsbraten mit Krustenschwarte und trinke so viel vom Wein, dass meine Galle übergeht und ich ohnmächtig werde.

2
Du machst nichts falsch, wenn niemand weiß, was du tust.“  Das glaube ich nicht!

3
Ich höre zum ersten Mal etwas von Pataphysik – absurdistisches Philosophie, die so viel bedeutet wie: „Professionelle haben nur einen Weg, den Dilettanten stehen alle offen.Aber auch solch eine Einstellung bedarf der Übung. Wieder kein aufputzendes Mäntelchen für mein Dahintümpeln …

4
All die Wahlmöglichkeiten treiben mich in den Überforderungswahnsinn. Bin jeden Tag mindestens einmal ohne Orientierung, Bedeutung, Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Ich räume viel in Haus und Garten herum.  „Religiosität, Spiritualität, soziales Engagement, Verbundenheit zur Natur, Selbsterkenntnis, Gesundheit, Herausforderung, Individualismus, Macht, Entwicklung, Leistung, Freiheit, Wissen, Kreativität, Tradition, Bodenständigkeit, Moral, Vernunft, Gemeinschaft, Spaß, Liebe, Wellness, Fürsorge, bewusstes Erleben, Harmonie; Liebe in die Zukunft tragen“
ihr könnt mich alle einmal gernhaben!

5
Mein Armreifen ist kurz davor in zwei Teile zu brechen.

6
Ich versage bei Belastung.

Verlorengehen

1
Ich kleide mich neue ein. Inklusive Mantel und Schuhe. Ich möchte mir eine neue Seele überziehen. Ich bin zwar noch nicht kalt, aber Feuer hab ich keines mehr. Holt mich ab und bringt mich zur nächsten Demo gegen Rechts!
2
Ich sperr mich in meinen Ritualen ein, die sich immer mehr verselbständigen und schleichend jegliche Flexibilität verscheuchen.Einfach losgehen – ohne vorher Gymnastik gemacht zu haben, ohne Zeitung gelesen zu haben, ohne Gesicht, Hände, Füße eingegcremt zu haben, ohne Zähne geputzt zu haben, ohne ein paar „wichtige“ Sätze aufgeschrieben zu haben – das ist jetzt unmöglich.
3
Mein Vater starb an einem Herzinfarkt, zwei Wochen nachdem bei der ärztlichen Untersuchung nichts Auffälliges festgestellt worden war.
4
Der Freund zeigt mir eine neue Gegend: Das Blumenthal und den Heurigen Vielnascher in Kollnbrunn. Man fährt einfach in Kollnbrunn beim Bauernladen rein. Der hat auch am Donnerstag offen, genau wie der Heurige. Die Weinviertler Hügellandschaft ist eingeklemmt zwischen der Autobahn, der Brünnerstraße und noch ein paar anderen Wegen. Man kann also nicht verlorengehen.
5
Mittlerweile wünschen mir schon mehrere Menschen von Herzen eine Wohnung in Wien. Es geht in Richtung ein Zimmer für mich allein.
6
Bin ich in 5 Jahren auch so? neugierig?
7
Meine Nachbarin sagt: „Ich bin sehr einsam, mir ist aber nie langweilig, weil ich so viel zu tun habe.“

Apulien


1
Frage an den Ökonomen Donato Di Carlo: Sie sind im Süden Italiens aufgewachsen. Welche Optionen gibt es dort? Antwort: Emigration, organisierte Kriminalität, Schwarzarbeit oder Arbeit im öffentlichen Sektor. Na dann: fai buon viaggio!

  1. Dezember 2024

2
Wien Schwechat. Um 5 Uhr morgens ist der Flughafen molto occupato. Das Flughafengeschäft funktioniert bis auf ein paar Sicherheitskram mittlerweile digital. Jede Fluglinie hat ihre App, die Bordkarte ist sowieso auf dem Handy, das Einchecken des Koffers erledigt auch eine Maschine. Wir leisten uns allerdings eine persönliche Assistenz: Sie navigiert uns durch diese kleinen und großen Abenteuer. Der ungarische Kellner, der uns noch am Boden ein kleines Frühstück serviert, ist sehr guter Dinge und unterstreicht unsere Vorfreude.
Für mich: Zum ersten Mal nach Bari fliegen. Abflug: 6.30 Uhr. Im Flugzeug geht die Sonne auf. Der Schneeberg leuchtet am Horizont, weil der Schnee das Licht reflektiert. Wir bestellen (auch digital!) zwei Bordgetränke: Whisky und Capri Um 7.05 Uhr wird angestoßen!

3
Bari. Wir mieten uns ein Auto mit allen Versicherungen. Und uns gefällt das. Dass uns der Mann von Sixt die Bäckerei Fiore empfiehlt, erkennen wir erst während des Besuchs dort als freundlichen Tipp. Der erste Parkplatz, den wir anvisieren, entpuppt sich als weiteres erheiterndes Erlebnis: Wir können gar nicht so schnell schauen und Auto samt Schlüssel sind in fremder Hand. Die Parkwächter leisten ganze Arbeit. Es ist früher Vormittag und die Stadt wacht gerade auf. Ein erster Espresso plus ein erstes Germteiggebäck mit viel Zucker im Stehen genossen. Der erste Prosecco im Sitzen. Natürlich besuchen wir die Nikolauskirche und zünden Kerzen an. Wir kaufen ein Sackerl mit „hergeschnittenem Gemüse“ – am Abend wird es damit ein Leichtes sein, die beste Minestrone zu kochen. Die „älteren“ Frauen, die vor ihren Wohnungen direkt auf der Straße frisch zubereitete Orecchiette verkaufen, sehen wir leider nicht.

4
Auf der zweistündigen Fahrt Richtung Brindisi gewöhnen wir uns noch nicht daran, dass uns die vorbeiziehende Landschaft weniger „niederkultiviert“ und die Bebauung triste vorkommt. Die Gegend wird immer zerlumpter. Die alten Olivenbäume machen uns (hier noch) staunen – weiter im Süden stehen sie als Baumruinen herum, weil sie von einem Feuerbakterium getötet werden. Aus den vielen halbfertigen und verlassenen Bauruinen schließen wir, dass immer wieder das Geld zu knapp wird. Das Meer begleitet uns ein Stück weit, die tief stehende Sonne wird unsere liebste Reiseführerin. Der Espresso im Barocco Cafe schmeckt natürlich hervorragend. Am Strand Pizzo springen zwei Delphine in den Sunset. Dieser Augenblick wird zu einem der Höhepunkte unserer Reise.

5
Man wird im Alter einsam. Einsamer. Beginnt das jetzt schon? Ich kann mich noch so gut an meine Jugend-Einsamkeit erinnern – als ob es gestern gewesen wäre… und jetzt soll das schon wieder anfangen? Man kann hier und in Erdpreß einsam sein. Die Einsamkeit gehört zu unser aller Lebensweg. Aus ihr erwächst Kraft, Kreativität. Wir müssen Raum für sie schaffen, sie einladen, anstatt sie in einer Angst beliebig zu füllen. Wir sollten sie öfter aufsuchen, als sie mit Unwichtigem zu verdrängen.

6
Taviano, Villa Li Giannelli, Province of Lecce. Wir finden die Villa des Freundes. Wir finden fast alle passenden Schlüssel zu den Schlössern der vielen Tore und Türen. Im Laufe der Tage finden wir Gefallen an all den Lampen und Lichtern, die überall im Haus verteilt sind. Wir kommen dem Vermieter, näher, obwohl wir ihn kaum kennen. Ich hasse Überwachungskameras. Mit so was können Jugendliche nicht einmal mehr nachts von daheim wegschleichen. Hauptsache, potenzielle Einbrecher werden nicht abgeschreckt! Die Nachbarn und Haus- und Hofkümmerer Guiseppe und Gabriela besuchen uns zweimal, um uns mit Warmwasser und Heizung unter die Arme zu greifen. Gabriela war schon einmal die Befane zu Heiligendreikönigen. Das erzählt sie stolz.

  1. Dezember

7
Die Schönheit des Gartens wird mir erst am zweiten Tag bewusst. Hier hat jemand schon viel Liebe hineingesteckt. Granatapfelbäume, Zitronenbäumchen, frisch gepflanzt, Olivenbäume, gelb blühender Sauerklee. Die Wege sind geschottert, Büsche, deren Namen ich nicht kenne, säumen sie. Viele Pflanzen werden bewässert. Oleander, Kakteen, Gräser. Verschiedene Arten von Palmen. Hoch, majestätisch. Ich lese im Buch über die Liebe von Baum-Schüchternheit: Bei einigen Baumarten wird beobachtet, dass sich die vollen Baumkronen nebeneinader stehender Pflanzen nicht berühren. Pflanzen sind also sehr wohl in der Lage, die Grenzen ihres Selbst und die des Nachbarn wahrzunehmen und zu wahren. Huhhh! Artischocken aus Beton oder Keramik zieren die Stiegenaufgänge. Überall Sitzplätze und Hängesessel. Diese werden hauptsächlich Rossino und Madame Miau aufgesucht.

8
Die Entdeckung des Schwedenofens: Es wird jetzt richtig warm im Wohnzimmer. Die Tochter sagt mir zu, dass es zu den Menschenrechten zählt, einen Espresso zu trinken. Mir kann nichts mehr passieren.

9
Im Supermarkt lernen wir neue Freunde kennen. Sie sprechen uns an, weil sie gerne Deutsch hören. 20 Jahre haben sie als Gastarbeiter in Hamburg gelebt und gearbeitet, zwei Töchter geboren und großgezogen. In die Pension sind sie zurückgekehrt. Hier ist es ruhiger. Sie wohnen nur vier Kilometer vom Meer entfernt. Die Töchter sind geblieben… Katja und Sabine …. Wohl auch wegen des Bildungssystems und der wirtschaftlichen Situation …. Sie vermehren sich weiter. Heute, kurz vor Silvester, werden die Großeltern wehmütig, so weit weg von ihren Lieben.

10
Wildgemüse und Obst am Standl von Sandro Spennato. Ein einfacher Holzverschlag und unverstellte Freundlichkeit empfangen uns. Käse und Ricotta bei Margheritas Caseificio versteckt sich hinter einem Friseurgeschäft. Beide Einrichtngen empfiehlt uns unser Vermieter, wir hätten diese einfachen Verkaufsstände nie ohne genaue Adressangabe gefunden! Und wie glücklich es uns macht, hier einzukaufen. Gerade weil die Auswahl nicht so groß ist. Die Qualität, wir werden es später noch merken, ist hervorragend. Das Gemüse und der Käse sind sogar eine Woche später -zurück im Weinviertel – wunderbar zu essen. Claudios Bar. Pasticceriea. Der bestenPannetone ever! Einmal gefüllt mit Schokolade, einmal mit kandierten Orangen. Tonis Kuchen! Grappa, Frizzante. Foccacia. Pasticciotto con crema. Was wollen wir mehr.

11
Wir entdecken die Dachterrasse.
Wir baden in der Bucht, nahe unserer Villa, in Sonne, Meer und guter Luft.

12
Ich habe mich in den wilden Broccoli verliebt. Orecchiette con cima di rapa.
Das Leitungswasser schmeckt salzig. Das Wasser kommt über ein Rohrsystem (Acquedotto Pugliese ) aus der Basiliata. Das Salz schummelt sich ins Trinkwasser – entweder sind die Leitungen undicht oder es vermischt sich mit dem Grundwasser. Dieses salzige Wasser muss eine Herausforderung für die Hausfrauen und -männer und ihre Küchengeräte sein.

13
In Gallipoli ist immer Weihnachten.

  1. Dezember

14
Wir suchen den südlichsten Teil Apuliens auf. Santa Maria De Leuca. Eine Wanderung zum Ende des apulischen Aquädukts, der als Wasserfall angelegte Hang führt kein Wasser. Ich wage ein kleines Tänzchen zu „Last Christmas“, das aus einem Lautsprecher über dem Meer erschallt.

15
Die Sonne scheint betörend hell. Zu jeder Tageszeit. Ich beginne damit, ein Buch über die Liebe zu lesen. Die Liebe zu Menschen, zu Tieren, zu Dingen. Ein Weihnachtsgeschenk. Natürlich bin ich mit Menschen unterwegs, die ich liebe. Die zwei Katzen, die in der Villa daheim sind, liebe ich nicht, wahrscheinlich. Das Exquisite der frittierten Mohnblätter (- sind wohl eher gedünstet, zum Frittieren fehlt das Fett -) müsste sich erst noch zeigen. Liebe ist, mit der eigenen Einsamkeit freundlich und wohlwollend umzugehen, lese ich in meinem Buch. Ich salze zu viel. Zumindest das Silvesteressen. Welt versalzen. Die lieben Mitreisenden finden einen Neujahrsvorsatz für mich: kein Salz verwenden. Ich weiß, das schaffe ich keinen halben Tag.

16
Tarotkarten ziehen und den Zauber des neuen Jahres erahnen … hoffentlich werden wir leichtfüßig auftreten. Das ist mein Platz im Kosmos, ein Staubkorn, ein Schnappschuss – federleicht und flüchtig. Und das Wintersternenbild Orion ist natürlich auch hier deutlich zu sehen. Die Tochter geht zu Mitternacht baden im Pool.

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Je länger ich lebe, desto klarer wird, dass die Liebe siegt. Ob wir sie nun Freundschaft, Familie oder Romantik nennen – darin besteht, das Licht des anderen zu spiegeln und zu vergrößern (James Baldwin)

1. Jänner 2025

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In Lecce spielt eine französische Mutter mit ihren beiden Kindern „Donner, Wetter, Blitz“ auf der Straße. Wir sitzen im scheinbar ersten Lokal, das in Lecce öffnet. Doppia zero. 00. Erst später lesen wir im Reiseführer, dass es ein sehr unfreundliches Restaurant ist. Und das spüren wir auf den ersten Blick. Zu viel Erfolg? Laut Reiseführer sind die Leute in Lucca generell so eingestellt: „Lecce ist eine Stadt der Kunst. Uns ist scheißegal, wer kommt und wer geht!“ Diese Stadt rinnt also nicht in mich. Barock. Es wird viel gebettelt. Wir finden den Fanshop von AC Lecce und das Stadion. Von außen gesehen: ein Betonbunker. Die Frau vom kleinen Stand mit selbstgemachtem Schmuck ist der freundlichste Mensch, dem wir begegnen. Sie leuchtet ganz bescheiden in einem Winkel an einer Hauswand. Ihr Rad lehnt neben dem provisorisch aufgebauten Standl. Sie verkauft uns einen Hals- und einen Armreifen. Sorgfältig packt sie alles ein und entfacht ein kleines Gespräch.

19
Am Abend kocht die Freundin endlich viel Pasta mit viel Soße! Und ich versuche, die Minestrone nicht zu versalzen. Nach dem Essen genieße ich die Zeit, an der am Nebentisch irgendein Spiel gespielt wird und ich in Ruhe lesen kann. Wir sind einander freundlich zugewandt und verstehen uns auch ohne Worte. Meine Meinung wird relativiert. Sie ist nicht die wichtigste, na so was! ?!?

  1. Jänner

20
Im Weinviertel ist’s jetzt frostig kalt. Ich entdecke dazu ein paar Fotos im WA Status oder auf Insta. Auch unsere Reisegruppe ist diesmal in den sozialen Medien aktiv. (Wieder zu Hause zurück werde ich sehr oft gefragt, wie es denn im Urlaub war. Und denke mir: woher wissen die Leute das?! Es ist auch ein lustiges Spiel, dieser Tratsch im Netz. Dieses Anteilhaben aneinander, kann man auch sagen!) Trotzdem werden die Menschen, denen ich zu Hause fehle, immer weniger. Was wird in 20 Jahren sein?

21
In der Nacht sucht mich ein ausführlicher erotischer Traum heim. Lehrer, Kaffeehäuser, meine neue karierte Jacke und Penisse spielen eine Rolle. Ich schlafe schlecht. Wahrscheinlich sind auch die vielen Flugzeuge, die tagsüber über uns kreisen, ein Grund dafür; sie irritieren mich, erzeugen ein beklemmendes Gefühl. Nichts mehr mit „in der eigenen Einsamkeit daheim sein“. Lecce hat einen Militärflughafen.

  1. Jänner

22
Ein kühler Wind begleitet uns heute auf unserem Ausflug zu den Trulli. Alberobello heißt der Ort, den wir besuchen. Rundhäuser, um der Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Ansonsten lebt die Architektur hier von Licht und Steinmauern. Das Dorf erinnert uns alle ein wenig an die Kellergassen im Weinviertel. Sich von einem Raum, von der Architektur des Raumes umarmt zu fühlen, das gelingt in kleinen Einheiten leichter. Die Idee, ein zwischenmenschliches Gefühl in Architektur, in Kunst umzusetzen, ist uralt, ein Urinstinkt des Menschen. Es passiert sehr viel an einem Tag. Schokoladeeis wärmt uns alle und alle wollen bald wieder einmal nach Monopoli.

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Die Hupschwelle der AutofahrerInnen liegt viel niedriger als in Wien. Ich sehe ein Artischockenfeld nach dem anderen vorbeiziehen. Oder sind es Karden? Der Sohn hält eine Vorlesung über die berühmtesten Menschen Apuliens. Ich merke mir nur Tito Shipa, einen Opernsänger. Er empfiehlt uns die Krimiserie Lolita Lobosco. Sie spielt in Bari. Wer Prime hat, möge in den Genuss kommen … Rita Levi Montalcini, die Mikrobiologin und Alda Merine, eine Poetin aus Bari,muss ich ihm aus der Nase ziehen. Im Netz finde ich ein Gedicht, das gut zu meiner anderen Reiselektüre passt:

„Ich liebe dich“

Ich liebe dich,
wie die Nacht den Tag liebt,
wie der Wind die Blätter liebt,
wie das Wasser die Steine liebt.

Ich liebe dich,
mit der Kraft der Stürme,
mit der Zärtlichkeit der Wellen,
mit der Stille der Sterne.

Ich liebe dich,
in der Einsamkeit und im Lärm,
in der Freude und im Schmerz,
in der Hoffnung und der Verzweiflung.

Ich liebe dich,
und das ist mein Leben,
meine Freiheit,
mein ganzes Sein.

  1. Jänner

24
Am Frühschoppen dominiert zum Ausgleich der Weltverdruss. Auch andere neue Ideen liegen auf dem Frühstückstisch. Wir machen die Prozesse hinter den Dingen und Gefühlen sichtbar.

25
Die Sonne und das viele Gehen tun mir nach wie vor sehr gut. Der letzte Spaziergang zum Wasser. Die Natur in Form von Meer, Palmen, Olivenhainen, Orangenbäumen, Wintergemüse, Radicchio, Fenchel. Raukenblättriger Doppelsame als Gründüngung. Immer wieder einmal die Bourgainvillea, der Flieder des Südens. Bei jedem Spaziergang erhalten wir mehr als wir suchen. Schwimmen im kalten Meer. Nase und Rachen sind vom Salzwasser durchgeputzt.

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Ein sehr gutes Abendessen in Galipuli. Wie es im Buche steht. Mit frischem Fisch in allen möglichen Variationen. Cozze-Suppe. So gut, wie noch nie. Selbst die ungehobelte Blöd-Frau am Nachbartisch gehört dazu. Der Aperitif vorher in der Bar – ein bisschen kühl, trotz Heizstrahler – belebt uns. Wir reden über große und kleine Hunde und über Katzen. Mit frischem Fisch ist leicht gut kochen! Es ist ein Festmahl. Wir können es den Jungen nicht oft genug und früh genug sagen, dass sie richtig sind, wo und wie sie sind. Dann kommen sie gut durch Pubertät und Wechsel und Veränderung und andere Höhen und Tiefen im Leben, meint die Freundin. Wir ermutigen uns gegenseitig in dem Glauben, jenseits von Produktivität existieren zu dürfen.

  1. Jänner

27
Ich sehe die Berge Montenegros am Horizont. Sie sind schneebedeckt. Mitten in der Nacht aufzustehen (3 Uhr), um Richtung Flughafen zu reisen, gefällt mir. Es rüttelt mich noch einmal aus dem Alltäglichen. Die Inseln vor Split laden zum Urlauben ein. Später einmal. Aber dabei denke ich an Einsamkeit. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich zu den Bäumen, den Insekten, dem Himmel und dem Wasser gehöre, bin ich nie allein. Die androgyne Stewardess fällt mir auf. Der Haarschnitt ist akkurat – wie auf dem Hinflug. Jetzt, eine Woche später, trägt er/sie viele Ringe und ist sehr freundlich. Christine Lavant schwindelt sich in meine Gedanken. Es ist mehr als genug für alle da. Wir sind für diese Zeit bestimmt.

Wachau


1
Ein aus der Zeit gefallenes Haus mit dicken Mauern, das uns vom blasmusikumwobenen Sturmfest abschirmt, beherbergt uns für zwei Nächte. Ein bisschen Lust auf Zuhören haben wir dann doch. Wir stellen fest, dass die Einheimischen alle gleich aussehen, auch die Kinder. Und sie sind freundlicher als ihr Ruf.

Auf meiner Wanderung sehe ich die Schäden, die der Regen angerichtet hat. Zum Beispiel sind diese für die Wachau so typischen Steinmäuerchen, die die Weinterrassen bilden, teilweise durch den Starkregen eingebrochen und haben Drähte, Steher und Reben mitgerissen. An vielen Stellen sehe ich noch Schlammspuren.

Ich freue mich sehr über den Champignongfund, putze die Pilze gleich und schau dann doch noch einmal im Internet nach, weil ich mir bei einigen mit der Bestimmung nicht sicher bin. Und dann: Ja, es haben sich da wohl ein paar Karbolchampignons daruntergemischt. Die sind giftig. Also übergebe ich meinen so knackig-frischen Fund wieder der Wiese.

Das Gehen tut mir gut. Die Kirche von St. Michael lädt mich zu keiner ausführlichen Rast ein. Der Heurige nebenan schon. Zumindest zu einem Achterl Weißen.

In meinem Buch lese ich von den Geräuschen, die ein Liebespaar im Nebenzimmer macht, und hier in der Wachau erlebe ich es in Wirklichkeit.  Realität und Phantasie verschwimmen. Genau wie beim Lesen der Biografie von Christine Lavant. So vieles erinnert mich an sie. Zum Beispiel, wie sehr sie die Einfachheit ihres Aufwachsens geprägt hat. Lavant blieb zeitlebens der Lyrik treu, um sich gegen Angriffe der Menschen aus dem Dorf zu widersetzten. Die Prosa war oft zu verständlich, und die Leute brüskierten sich, wenn sie sich in ihren Texten wiederzufinden glaubten. Spaziergänge waren nur nachts möglich. Tagsüber fürchtete sie sich vor der Verleumdung, sie sei verrückt und faul.

Während der Wanderung finde ich eine Schraubenmutter auf dem Weg liegen. Ich hebe sie auf und nehme sie zu mir. Christine Lavants Mutter hat für andere genäht und gestrickt (oft für Gottes Lohn). Sie war Beichtmutter für viele Kundinnen, die sich da ausgeweint und ausgekotzt haben und dann verrichtete Dinge, mit einem neuen Gewand und einer reinen Seele von dannen gezogen sind. In der Nähstube unserer Mutter erlebte ich Ähnliches. Ähnliches habe ich in der Schneiderei meiner Mutter erlebt. Kein Wunder also, dass es mir seltsam vorkommt, dass es mittlerweile fast 160 Euro kostet, sich mit jemandem zusammenzusetzen und über Seelisches zu reden. Von einem neuen Gewand ist dabei auch überhaupt keine Rede.

Das Wachaumuseum tut sich vor unserer Quartiertür auf. Es befindet sich in einem mächtige Gebäude, dem Teisenhoferhof. Die Frau an der Kassa gibt uns eine gastfreundliche Einführung.  Sie erzählt von der Zeit Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die neue Wachauerstraße gebaut wurde. Auffallend viele Bilder des Wachauer Heimatmalers Erich Giese hängen an den Wänden. Im Laufe des Urlaubs stelle ich fest, dass viele seiner Motive auf Weinetiketten oder als Raumschmuck in den unterschiedlichsten Räumlichkeiten verwendet werden. Am besten gefallen mir die Bleistiftzeichnungen aus seiner frühen Zeit und ein kleinformatiges Aquarell, auf dem Zermatt zu sehen ist.

2
Die Minibar am Ostufer des größten Nexinger Teiches ist eröffnet. Wir beobachten einen Fledermaustanz am Abendhimmel. Außer den Fledermäusen ist niemand da. Sie kommen uns sehr nahe.

3
Ich nehme mich hoffentlich nicht allzu wichtig und lache mich ab und zu kräftig über all meine Unzulänglichkeiten aus.

4
Es kommt auf die Idee an und auf das Wissen, dass Worte Konsequenzen haben.

5
Ein altes, weises Wort (?): Am besten ist es, niemanden zu lieben.

 

Brille tragen

1
Ein paar Einblicke in Galerien im ersten Bezirk sind uns gewährt. Hohe, weiße Räume mit ausgewählter Kunst an den Wänden. Ich kann mich heute nicht auf eine neue, fremde Biografie einlassen. Es ist ähnlich, wie in einem Buch zu lesen. Es lenkt ab. Von der Stille im Rosengarten, die ja immer Saison hat. Der Franziskanerplatz, das Kleine Café sind die Entdeckung des Tages. Der Inhaber des Kaffeehauses ist ein Schauspieler, der im Film „Before sunrise“ mitgespielt hat, so wie sein Café. In der Jesuitenkirche binde ich mir die Schnürsenkel meiner roten Stiefel zu. Die Herbstsonne und ein leichter Wind machen Wien bezaubernd – wir gehen zufrieden durch die kleine Allee im Innenhof des AKH wieder zurück zur U-Bahn und fahren nach Hause. Das tu ich gern, nach Hause fahren, wenn ich weiß, daheim ist es warm.

2
Die Ausbildung zur Lehrerin geht völlig an der Praxis vorbei, sagt die Lehramtsanwärterin, es gibt kein Handwerkszeug für die Aufgaben, die auf sie zukommen. Für Mathe vielleicht am ehesten noch, aber sonst schon gar nixi. Sie sammelt lustige Brillen und anschauliche Bilder: „Diese schicken Eltern von den Kindern auf dem Land sind unausstehlich. Da fühle ich mich doch in den Brennpunktschulen der Großstadt viel wohler! Und das Meer in Porto hat bis zu 35 Meter hohe Wellen!

3
Wie man eine gute Ehefrau ist: Mindestens 90 Prozent der Dinge, die einen nerven, hinter sich lassen. Daran arbeite ich. Ich bin bei etwa neun Prozent angelangt.Und die Frage, ob ich eine gute Ehefrau sein will, sollte ich mir wohl nicht mehr stellen.

4
Hoffentlich kommt die rosa Brille rechtzeitig an, die ich ihm zum Geburtstag bestellt habe.

5
Ich überlege, die eigenen Kinder, Männer und Frauen wieder viel mehr zu berühren, als Selbstverständlichkeit. Ich überlege, Monologe zu halten und anderen zuzuhören, die monologisieren, ausführlich über Kunst zu sprechen und dann zu tun, wofür wir auf der Welt sind.

Adventkranz

1
Die Kinder sind zu Besuch, wir essen zu Abend. Wir haben Muscheln vorbereitet. Und Salat und ein selbstgebackenes Knäckebrot. Der Käse, den uns die Freundin aus der Steiermark mitgebracht hat, passt auch dazu. Es gibt immer noch Feigen vom Baum aus dem Garten. Später mache ich doch noch ein paar Gläser Marmelade daraus. In der Nacht kann ich nicht schlafen, weil ich ans Geld denken muss. Dass es immer knapp ausgeht und wir diesbezüglich den Kindern nicht wirklich eine Hilfe sind. Es ist und bleibt nur ein Herantasten an ein ausgewogenes Dasein. Stabilität gibt’s im Grab.

2

Sonst ist die Nacht voller Träume und am Nachmittag bin ich müde. Wenn jemand vertrauensvoll in die Richtung seiner Träume vorwärtsschreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildet, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nicht zu träumen wagt. Ich bin noch nicht so weit.

3
Ein kleines Stück vom Kuchen. Ein berührender Film. Ohne Schnörkel. Aus dem Iran. Wenigstens ein paar Bilder, die nicht abschrecken!

4
Eine Gottesanbeterin sitzt auf dem Fensterrahmen. Bei meinen Morgenübungen, die ich mit Blick auf den Garten verrichte, sehe ich ihr direkt in die Augen.

5
Eine Kollegin erzählt, dass zum Adventskranzbinden bei ihr zu Hause jedes Jahr an die 30 Leute kommen.  Es ist ein Sehnsuchtsbild, so viele Menschen um sich zu versammeln und es miteinander gut zu haben. Gleichzeitig weiß ich, wie viel Kraft es kostet, sich diesen Menschen auszuliefern UND Gastgeberin zu sein. Da, wo ich jetzt bin und wie ich jetzt bin, geht das nicht mehr. Diese Kraft ist nicht mehr da, außerdem benötige ich sie für Reflexion.

6
Es ist manchmal gar nicht möglich, in der kurzen Zeit, in der wir ohne einander sind, neuen Wert füreinander zu erlangen. Eine andere Kollegin sagt dazu etwas Wichtiges: Es kommt, wie es kommen muss. Und ohne Depression ist alles möglich.

7
Ich brauche ein wenig Alleinsein. Jenen Anteil an Ewigkeit.

8
Rasten. Zu Gast sein.

9
Ein Sofa im Zimmer und zeichnend denken.