Autormartha

Gewicht


1
Die Anstrengung der Trauerrede ist vorbei. Worte haben Gewicht, wenn man es ihnen gibt. Ich weiß mittlerweile, dass ich dazu in der Lage bin aber es ist gut, sich dessen ab und zu zu vergewissern.
Ich kann das, und ich finde es effizient, mit relativ großem Einsatz eine große Menschenschar im Inneren zu erreichen. Da geht meine Überheblichkeit mit mir durch. Wenigstens kostet es mich was!

2
An der Führung durch die Ausstellung im Dommuseum finde ich Gefallen, obwohl sie nicht tiefgreifend auf mich wirkt.

3
Ein Mittagessen mit Freunden. Es hat sich in den vergangenen 20 Jahren was verändert: Alle nehmen ab bzw. haben extrem abgenommen. Das Schlanksein der Intellektuellen. Alle haben Angst vor den neuen Politikern. Die eine Freundin zockt seit geraumer Zeit. Und zwei andere Freunde unterbrechen stets, wenn wir Frauen am Tisch reden. Das hat allerdings Tradition. Wahrscheinlich reden wir Frauen so langweiliges Zeug.

4
Er trägt mich auf Händen. Wie schwer bin ich?

5
Ich habe viel zu wenig Energie für all das, was ich noch tun und schreiben und lesen und lernen möchte. Zum Beispiel die 88 Sternenbilder zu erkennen oder mithilfe von Duolingo Italienisch zu üben, ohne von der App beschimpft zu werden.
Ich habe außerdem viel zu wenig Energie für all das, was schon war. Sirius, Wega, Arktur, Deneb, Aldebaran.

6
Hikikomori bezeichnet einen Trend in Japan, sich voll in die Einsamkeit zurückzuziehen. Das ist konsequent.

7
Wovon ich wirklich lebe, was mich im Tiefsten nährt, schenkt sich mir freigiebig wie von selbst. Der Schatten des Baumes, der Apfel, der mir in den Schoß fällt, der Zauber des Abendhimmels, die Hand auf meiner Schulter, das Schweigen das für immer gilt…

Ordnung


1
Aus: Thomas Bernhard, Einfach kompliziert: „Wir existieren nur wenn wir sozusagen der Mittelpunkt der Welt sind.“

2
Leibhaftige Bewusstheit. Präsenz.

3
Das Begräbnis des Nachbarn ist ein kleines Fest. Zum Totenmahl werden wieder einmal Zuckerkipferl serviert. Das ist schon selten geworden, und ich finde es schön. Trotzdem ist mir dabei unwohl, weil ich „so früh schon!“ die Tischgemeinschaft verlasse, um nach Hause zu gehen, weil ich genug habe. Alle schauen mich komisch an. Oder schau nur ich komisch auf die Menschen und täusche mich in der Annahme, dass sie der Ursprung alles Komischen sind?

4
Es braucht großen Mut, sich zu zeigen. Niemand zeigt sich gerne unbarmherzig so, wie er ist, niemand wird gerne so gesehen, wie er ist, mit einer nie ganz zu unterdrückenden Tendenz zum Kleinherzigen, zur Überheblichkeit. Aber es ist doch die Wahrheit, und man wird sie nicht los.

5
Beim Gang aufs Klo sehe ich im Vorbeigehen, wie eine Küchengehilfin an ihrer Unterhose herumfummelt – und das mitten in der Wirtshausküche! Sie erschrickt, als sich unsere Blicke treffen.

6
Manche Leute nehmen sich einfach, was sie brauchen, indem sie gegenüber Eindringlingen ihre Ellenbogen benutzen. Es ist die Magie von Autorität, Geld, Penissen.

7
Ein „In-den-Tag-hineinleben“ gibt es nicht mehr, denn die Einflüsse auf unsere Gehirne sind mittlerweile sehr komplex. Wir haben praktisch Zugang zu allem und müssen auf kaum etwas mehr warten. Bücher, Lieder, Filme … Alles ist sofort verfügbar. Wie soll man da mit der Zeit zurechtkommen? Und diese ganzen Festivals und aalglatten Partys in Grafenegg, Lunz, Litschau und so weiter. Und solche, die spontan aus dem Boden schießen, gibt es kaum noch – oder höchstens einmalig. Bei der Wiederholung ist alles schon wieder glänzend oder verboten, weil es den vielen gesetzlichen Auflagen nicht gerecht wird.

8
Was war noch heute? Nichts, was ich für erwähnenswert halte.

foto: Lea Linhart

Harmoniesucht


1
Im Bahnhof von Mistelbach sitzen und auf den Zug warten. Die Bänke im Warteraum hier sind auch nicht bohemien- und sandlertauglich. Der Bahnhofkiosk hat schon lange geschlossen und der dafür vorgesehene Raum hat immer noch keinen alternativen Zweck gefunden. Er ist leer, es gibt offene Elektrobüchsen und die Kabel hängen aus der Wand. Der Boden wird nicht gereinigt. Ich sehne mich nach einer Tasse Kaffee.

2
Heute spüre ich ganz deutlich, wie sehr ich auszugleichen versuche, während sich die beiden anderen unseres Dreiergespanns kaum um Kompromisse bemühen. Sie verlassen sich auf meine Harmoniebedürftigkeit. Dem will ich mich entziehen. So weit wie möglich. Was kümmern mich die Konflikte anderer!

3
Meine Schwester lässt sich am Straßenrand auf einer schwach befahrenen Landesstraße 50 Euro abknöpfen. Die britische Familie scheint zu herzergreifend echt: eine weinende Frau, ein weinendes Kleinkind, ein engagiert jammernder Vater. Daheim angekommen, hört sie in den Medien, dass solche Betrüger unterwegs sind.

4
Beim Krankenhaus Lilienfeld gibt es Extraparkplätze für Leitungspersonen. Das ist in Mistelbach auch so. Wenn ich so etwas sehe, möchte ich am liebsten nach Schweden oder Dänemark auswandern.
Dort gibt es diese verrückten hierarchischen Frechheiten nicht.

5
Wie geht das, meinen Charakter so zu festigen, dass er von keinem Menschen beleidigt und herabgesetzt werden kann? Derart ausgestattet wäre ich dann vielleicht frei von Ärger und Wut? Zum Beispiel auf Golfrasen?

6
Wir reden über unsere Sommerfrischen in unserer Kindheit. Also, alle anderen reden. Ich hör zu. Immer, wenn ich mir etwas denke, das passend dazu zu sagen wäre, kommt schon ein nächste Gesprächswendung daher und meine Geschichte passt nicht mehr.

7
Indifferent, dieses Wort ist nicht in meinem Wortschatz verfügbar. Ich treffe einen Mann, für den genau diese Bezeichnung zu passen scheint. Ein Freund hilft mir, den richtigen Begriff dafür zu finden. Sowohl der Mann als auch Indifferenz sind mir suspekt.

8
Traismauer. Kaffeehaus. Zwei Kellnerinnen und ein Mann unter sich. Ich sitze am Nebentisch und höre ganz deutlich, was die miteinander reden: „Du trägst ja keine Unterhose!“, sagt die eine zur anderen, die keine Unterhose unter dem kurzen, schwarzen Strickkleid trägt. „Natürlich trag ich eine Unterhose!“

Regression

1
Vom Almgasthaus, in dem wir noch ein Abendessen bekommen (die Küche ist nur bis 18 Uhr geöffnet), wandere ich nach Lilienfeld. Das sind knapp vier Kilometer. Auf dem letzten Kilometer beginnt es heftig zu regnen. Ich suche Schutz unter dem Schirm eines großen Nussbaumes. So nahe am Stamm wie möglich, spüre ich, er bietet echten Schutz. Ich bin schon ein sehr degeneriertes Kind, die Natur quält mich zu oft, und ich vertraue mich ihr kaum mehr an.

2
Der Mühlbach vor dem Zimmerfenster rauscht so, wie das Bacherl, das ich durch das Fenster meines Jugendzimmers gehört habe.
Die Triesting ist zu wild für unser kleines Paddelboot. Wir folgen dem Geheimtipp des „Goodgirls“ von der Rezeption im Stift – also auf ins Naturbad Türnitz! Nachdem der Mann an der Kasse sein Kreuzworträtsel gelöst hat, kann er endlich freundlich sein. So freundlich, wie man es hier von den Menschen gewohnt ist. In der Zwischenzeit beginnt es wieder zu regnen. Es ist warm. Im strömenden Regen schwimmen. In einem wogenden Meer von Seerosen liegen. Was für ein Wohlgefühl

3
Beim Spar in Lilienfeld kaufen wir Himbeeren. Ich hatte so großen Appetit drauf. Einen Tag später bei einer Wanderung ganz in der Nähe durchqueren wir in einen Himbeerschlag voller Früchte. Hier scheinen alle die Himbeeren im Geschäft zu kaufen. Sie selber zu pflücken ist aus der Mode gekommen.

4
In der Kleiderschürze meiner Großmutter, fühle ich mich wohl. Sie steht mir sehr gut, auch wenn ich drunter etwas trage.

5
Willi Puchner spricht im Radio von seiner Liebe zur Natur. Von seinem Leben mit ihr. Zu seinem Leben mit der Natur. Seine Katze ist gleichzeitig domestiziert und Symbol für die Natur. Sie tröstet ihn – außer, wenn sie das angepflanzte Gemüse in Form von Schnecken frisst. Das Meer ist seine zweite große Liebe. Er ist ein Wahrnehmungssüchtiger.

6
In meinem kleinen, niedrigen Gartenkeller haben sich die Rotschwänzchen eingenistet. Ich kann auf Augenhöhe ins Nest schauen und mir schauen schwarze Kulleraugen entgegen. Unerschrocken. Im Radio hör ich, dass Rotschwänzchen im Dialekt singen und ihn an die Nachkommen weitergeben!

7
Ich verwende ein neues Shampoo. Es ist gänzlich ohne Zusatzstoffe. Es ist dreimal so teuer wie eines mit Zusatzstoffen. Meine Tochter sagt, beim Wein sei es auch so. Verkehrte Welt.

Schockverliebt


1
Wer außer den wirklich Betroffenen versteht denn schon die Lebensgemeinschaft zweier Menschen?
Wir – sofern wir nicht schon getrennt leben – haben uns auseinanderentwickelt, auch wenn wir ein gutes Team sind. Das scheint normal zu sein. In unserem Alter. Das gemeinsame Essen genießen wir trotzdem.

2
Sie findet bei Amazon ein Gerät für Umarmungen. Wenn man genau diese Worte ins Internet eingibt, wird das vorgeschlagen. Sie bestellt es über den Amazon-Account ihres Mannes. Kaufen ist in vielerlei Hinsicht eine krückenhafte Ersatzhandlung für nicht eingelösten körperlichen Ausdruck von Zuneigung: Schöne Kleidungsstücke die ganz genau zu ihr und an ihr passen, liegen dann auf ihrer bedürftigen Haut. Die berühmte Therapeutin Virginia Satir sagte, dass wir am Tag vier Umarmungen zum Überleben, acht für Wohlbefinden und zwölf für Wachstum brauchen.

3
Sie können über all das nicht offen reden. Obwohl sie im selben Zimmer sitzen, kommunizieren sie über die WhatsApp.

4
Was bedeutet „aktive“ Trauer?

5
Wir telefonieren ein bisschen und verbleiben in inniger Distanz.

6
Ich schlafe sehr schlecht, weil mich ein lang anhaltender Kopfweh und eine Nackenverspannung peinigen. Ich mache mir wieder einmal Sorgen, welche Krankheit das schon wieder ist, welches Insekt mir welches Nervengift schon wieder gespritzt hat … Am liebsten würde ich zu ihm ins Bett kriechen, unterlasse es aber, um ihn nicht auch noch zu wecken.

7
Wir sind ein miteinander alt werdendes Paar, wir versuchen ein bisschen weniger miteinander zu kämpfen.

8
Phoebe Violet gibt alles her. Ihr beim Singen zuzuhören und zuzuschauen ist uns allen ein Vergnügen. Ich lasse alles laufen. Auch das Hören. Phoebe singt vor allem von der Liebe. Wir verstehen den Text nicht. Wir verstehen, was sie sagen will.

9
Jetzt, nachdem unsere Schockverliebtheit vorbei ist, können wir uns ernüchtert anderen Dingen zuwenden.

Krematorium


1
Die Tochter nimmt sich von Omas letzten Dingen drei Mäntel, zwei Hüte, zwei Paar Schuhe, eine Jacke, ein paar Leiberl, Schmuck und einen Rosenkranz. Dass wir nun endgültig ihr Haus ausräumen, berührt uns alle auf unsere eigene Art und Weise. Man ist durch den Wind, traurig, möchte möglichst schnell alles hinter sich bringen. Der Auftrag, bescheiden zu leben und freundliche Kompromisse zu finden, liegt in der Luft. Wir sind alle mittendrin im Sterben.

2
Erst heute sehe ich zum ersten Mal die Spinnerin am Kreuz. Ich besuche eine Ausstellung im nahen Wasserturm. Der Park rundherum ist gut gepflegt. Der Bezirk rundherum ist nicht meins.

3
Erst heute besuche ich zum ersten Mal ein Krematorium. Ich bin Teil einer Gruppe von 20 Menschen; wir nehmen an einer Führung teil: In Österreich gibt es 17 Krematorien, davon vier in Niederösterreich. Unseres hat eine Ofenlinie. Am Ende bleiben von uns drei bis fünf Kilogramm Asche übrig. So viel Gewicht wie zu Beginn unseres Lebens. In zwei Stunden ist alles vorbei, dann wird aussortiert und gemahlen. Diese Asche sollte nicht geteilt werden. Es gibt Ausnahmen. Manchmal für Handschmeichler oder manchmal 300 Gramm für einen Stein. Die Urnenkapsel wird oft von der Post verschickt. In dieser Verbrennungs- und Versandkette gibt es derart viele Möglichkeiten, Fehler zu machen, dass man das Ganze nun doch nicht zu ernst nehmen sollte. Das ist mein Resümee nach dem Besuch.

4
Erst heute besuchen wir das Grab eines von vor einem Jahr verstorbenen Freundes in Plavecky Štvrtok. „Du bist im Angesicht der Menschen, doch kann man deinen Weg nicht sehen. Echnaton“, lesen wir auf dem Grabstein. Wir sehen die stilisierte Darstellung der ägyptischen Sonnenscheibe. Ihre Strahlen führen nach unten, jeder Strahl endet in einer kleinen Hand. Wir sehen auf einem anderen Bild zwei herabhängende Arme mit geöffneten Händen. Unser Freund umarmt uns.

5
Die Grabpflege gehört zu den wichtigsten Dingen in einem Dorf. Ich setze nachts heimlich ein paar Pflanzen auf das Grab meiner Schwiegermutter. Ich möchte dabei nicht gestört werden. Sie fehlt mir nicht. Das ist eine Erkenntnis, die mich sehr wundert.

6
„Es blühte hinter ihr her“ – sagt eine Freundin über ihre verstorbene Mutter.

7
Ich liebe die scharfe Latwerge in den Buchteln.

Laufen


1
Das Schönste daran ist, dass man weiß, man kann fünf Stunden lang laufen, ohne dass man daran stirbt. Oder man weiß, dass man ohne weiteres dazu in der Lage ist, von Niedersulz nach Wien zu laufen.

2
Straßen- und Autofahrkonzepte sind männerdominiert. Die Deutsche Bahn liegt deshalb so im Argen, weil sich die Männer und Verkehrsminister nur um das Auto kümmern.

3
Es macht mir keine Freude, auf Essen zu verzichten. Überhaupt keine Freude.

4
Im Schlafzimmer geht eine Maus spazieren. Da muss ich natürlich ausziehen.

5
Sagt eine Einheimische beim Heurigen zu meinem Mann: „Sie lässt dich schon wieder allein!“, und meint damit mich. Es ist zum Davonlaufen aus diesem Kaff!

6
Ein schöneres Leben führen. Ein schöner Gedanke.

7
Ein gutes Buch langsam lesen; stocken, nicht nur zögern!

8
In Malacky entscheiden wir uns für einen Kaffeehaussitzplatz unter den Bäumen. Es ist schön kühl. Wir bleiben länger als geplant.

Bernstein


1
Ich wandere mit der Tochter rund um den Hutsaulberg in Althöflein. Sie wird als erste Wanderung in meinem neu erworbenen Weinviertel-Wanderbuch beschrieben. Eine alte Kopfweide und der Ausblick von der Hutsaulbergwarte sind unsere Höhepunkte der Wanderung. Beim Radltreff in St. Ulrich trinken wir einen Abschlussschluck.

2
Der Mann ist beim Feuerwehrfrühschoppen versumpft.

3
Teamarbeit ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man alles zu persönlich nimmt. Nach meinem Geschmack ist es freundlicher, bei den zwischenmenschlichen Abgründen ein bisschen schlampig zu sein und sich davor zu hüten, voll hineinzugehen in eine Missstimmung. Denn aus so etwas kommt man nie wieder raus.

4
Der Arbeitskreis macht mir Freude. Es sind Menschen, die wie ich mit bestimmten rituellen und sprachlichen Traditionen aufgewachsen sind und versuchen, diese regelmäßig auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Überall wird so genau hingehört und hingesehen.

5
Er schenkt mir einen durchsichtigen Halbedelstein, der sehr gut in der Hand liegt. Über den Feiertag liegt er neben einem Rosenkranz aus ähnlichem Material. Sie duellieren sich. Das Match gefällt mir.

6
Der Priester muss keine Kommunion zur Krankensalbung mitnehmen. Die Kranke kann nur noch mit eingedickter Flüssigkeit ernährt werden, sagt die diensthabende Diplomkrankenschwester am Telefon. In welchem Kontext hat solch ein Satz Bestand?

7
Ich muss einen neuen Menschen kennenlernen! Sofort!

Kniehoch


1
… ist nicht knietief
2
Die überreifen, nicht gepflückten Feigen entwickeln sich am Baum zu sonderbaren Gestalten. Manche erinnern an Fledermäuse, andere hängen wie kleine Leichensäcke vom Ast.
3
Eines seiner Lieblingsworte: „Sauber!“

Kitt


1
Manchmal langweilt mich mein Zuhören. Nicht das, was ich höre, langweilt mich, sondern das Zuhören selbst, diese komische aktive Zurückhaltung.  Mich langweilen meine Ohren, weil sie nicht anders können, als zuzuhören.

2
Ich erhasche zwischendurch Minuten, manchmal sogar Stunden der Innigkeit. Ich bin müde, lasse es zu, beobachte es. Ich schaue auf den Teich. Den Schwan. Die Enten im Flug. Die sprießenden Weiden.

3
Viele gehen weg aus unserem Dorf. Diejenigen, die zurückbleiben, leben in einer Welt aus verlassenen Gräbern und ungeborenen Kindern. Da bricht Panik aus. Wir brennen Schnaps im Sommer, um im Herbst einen Portwein anzusetzen und gründen einen Taschenfeitelverein. Der Griff meines Taschenmessers ist dunkelrot.

4
Ich finde ein ziemlich aktuelles Kinderbuch von Stephen Hawking im Büchertauschkasten in Niedersulz.

5
Jetzt bin ich schon den zweiten Tag am Stück im Haus in Niedersulz. Ich zünde im Hof ein kleines Feuer und Räucherstäbchen an. Der Mann füllt mit einem Freund den Souvignier Gris und die Donausorten in Flaschen ab. Anschließend essen wir gemeinsam zu Abend.  Wir reden über Christine Lavant und darüber, dass sie die Gedichtform für ihre Texte gewählt hat, damit im Dorf niemand genau versteht, wen oder was sie in ihrer Lyrik beschreibt. So schützte sie sich vor Angriffen.

6
Ich bin dieser temporären Selbstauswilderung vollkommen schutzlos ausgeliefert. Wir alle sind es. Nichts wird gut, nur weil es uns gut geht. Voller Verzweiflung suche ich nach dem passenden Symbol oder Wort, das ich auf die Fahne hefte, die ich unbedingt in Zukunft hissen muss!

7
Ich folge einer Geburtstagseinladung in ein Weinviertler Dorf, in dem ich zuvor noch nie war.  Das Navi führt mich über eine einspurige Kellergasse direkt zur Kirche.  Ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „Vorsicht! Ziesel queren“ fällt mir auf dem Weg dorthin auf. In der Kirche warten viele Menschen auf die Liturgie, die das Geburtstagsfest einläutet. Der Jubilar sieht in seinem weißen Leinenanzug aus wie ein Priester, was er in früheren Zeiten ja auch war. Der Mann bezeichnet diese Zusammenkunft als Veteranentreffen. Wir wissen, es sind viele beseelte Menschen anwesend. Das Buffet zum Teilen ist reichhaltig, und ich mag es nach wie vor, dass jeder Gast etwas dazu beiträgt. Alles ist bunt. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns zu verschwenden.