Autormartha

Werkstättentext Brixen


1
Venedig im Nacken, Dorsoduro, unser Sechstel. Die Alpen vor Augen, Übergang in unser Viertel.

2
Wir setzen uns an den gedeckten Tisch und essen. Ich kenne mich. Nur nicht zu viel davon! Schon kosten. Und schon auch einmal satt werden, vielleicht über die Stränge schlagen. Jedoch nicht als Allgegenwart. Ein gedeckter Tisch macht schwer. Ich schmecke Fisch. Ich trinke Wein. Ich fühle Haut. Ich fühle Wasser. Ich fühle mich kräftig aufgeladen vom Begehrensgewitter und der Zeit, die drängt.

3
Wir nähern uns an. Rienz und Eisack sind kaum zu hören. Auf dem Hinweg von der Wohnung zum Atelier treffen wir zwei blaue Schafe – ich kenne sie schon von einer Insel am Zürichsee. Der Blauschäfer Bonk hat sie kreiert. Die Schutzengelkirche, die Schutzengelgasse, der Hochzeitsbrunnen, die Pflasterung der Steine. Heute ist Tag- und Nachtgleiche. Die Hausnummer 6a. Rechts neben der Ateliertür befindet sich ein Postschlitz. Da hinein kommt Dienstpost für die Künstlerin. Wir treten über die Schwelle zur Goldschmiede.

4
Werkstatt. Edelsteine. Halbedelsteine. Vergoldung. Rohdiamant. Maschinen stehen da, die Werkbank. Schmuckstücke liegen wartend in den Vitrinen. Manchmal gehen sie weg wie die warmen Semmeln. Offenheit und Psychologie werden genannt. In jedem Schmuckstück steckt Begegnung.
Die Gastgeberin nennt diesen Raum eine Viaggio, eine Reise, die verzaubert, die dich zu einer anderen werden lässt, als du glaubst zu sein. Sie sagt Großvater zu ihm, wenn er beim Frühstückskaffee sitzt und Kreuzworträtsel löst. Damit lässt sich so schön die Zeit vertreiben. Jeden Donnerstag kauft er sich das neue Heft. Er hat mit einer neuen Arbeit begonnen. Er bewegt sich dafür weg aus der Kleinstadt und findet Gefallen an der täglichen Reise. Er sagt: Oase, Kunst und Individualität zu ihrer Werkstatt und verbirgt seinen Stolz hinter seinem Schweigen.
Das eine Kind besucht die Kunstschule. Hier wächst es unter Gleichgesinnten. Das wohlbehütete Nest verlassend, seine eigenen Farben entdeckend attestiert es der Mutter einladend bezaubernde Geschicklichkeit.
Das andere Kind sagt, dass es sich noch unsicher sei, wohin sein Berufsweg führen solle. Das Atelier der Mutter, so sagt das Kind, sei klein, aber fein und edel und Mutters Platz.All das wird im Atelier verschmolzen.

5
Bei der Goldschmiedin liegen viele Ringe in der Vitrine. Einem davon gibt sie den Titel Corazon fortunato, glückliches Herz. Ich sehe Verbundenheit. Ich sehe Öffnung. Fragilität in den zarten Zeichen.  Zeichen, die Halt geben im Schwanken. Hier gehen Weggefährten ein und aus, die nicht auf Schiene sind, sondern auf Liebe. Hier wartet Familienschmuck, der hineinwirkt in die großen Dinge, die wir entscheiden oder bleiben lassen. Ich denke bei all dem hier an eine Schatzkiste und an den Schatz im Acker. Zwei Anhänger aus Gold fallen auf. Sie werden wie ungeborene Kinder in den Grübchen am Ansatz des Halses liegen. Es schläft ein Bild in allen Dingen. Ich habe Respekt vor dir, dass du dich so weit fort bewegst. Meine Liebe wartet nicht mehr. Woher kennst du mich? Ich habe dich gesehen!

6
Sollen wir den Boden mit Heu auslegen? Oder mit Sand? Sollen wir den Himmel vom Firmament holen oder die Möll importieren? Oder sollen wir Wiesenblumensamen ausstreuen? Sollen wir gar die Unproduktivität preisen?

7
Die beiden Nebenräume sind durch Vorhänge abgetrennt. Sogar Wasser gibt es. Sollen wir das mitbedenken? Werden wir eine Projektion installieren? Eine Flut von Geschmeiden an den Hausmauern draußen auf der Straße, verschwommene Bilder von Schmuckstücken, aufgenommen mit der Lieblingskamera des Photographen, die über die gekalkten Wände huschen. Allen Prinzessinnen der Stadt zur Morgengabe? Und sollen wir einen Teppich über die Straße hinüber zum Atelier des Nachbarkünstlers legen? Der Freund dort zählt nur die wolkenlosen Tage. Er arbeitet mit Terrakotta und mit der Goldschmiedin. Heute ist er aufgeregt, weil er nicht zum Ohrenarzt gehen mag. Was ihm sonst noch Sorgen bereitet, sagt er nicht. Er trägt wohlgeformte Falten im Gesicht. Ich sehe ihn denken mit rotem Faden, er spricht nur Bruchteile davon laut aus. Er lässt Raum, um zu erahnen, was genau er sagen möchte. Der Lorbeerkranz steht ihm gut!

8
Ein Albatros schafft es, bis zu drei Monate lang in der Luft zu bleiben. Das heißt, er schläft auch während des Fluges. Die Flügel „rasten“ ein, sein Herzschlag verlangsamt sich, er lässt sich von der Luft tragen. Der Himmel über dem Atelier ist heute lichtblau. Die Sonne strahlt. Ich bin aus der Bahn geworfen durch so viel Vergoldung. Ich denke an die Einfachheit als Kontrast.

9
Wir halten uns einen Raum offen;
vielleicht wird all das einmal Deutung erlangen.

10
In der Nacht habe ich einen Traum. Ich bin daheim und werde nicht weggelassen. Dabei hatte ich diese Reise geplant. Nach Südtirol. Die Koffer mit den Keramiken sind schon lange gepackt, doch ich muss einer Essenseinladung folgen, Theaterkarten tauchen plötzlich auf, ich werde in Gespräche verwickelt, die keinen Aufschub dulden. Der Weg in den Süden ist unüberwindbar, so wie es aussieht, komme ich dort nie an.

Jammern


1
Bin im Gefängnis gelandet. Gefängnisseelsorgerin.
Jedes Auto darf parken, wo es will, jeder Rabe sich setzten, wohin er möchte. Ich habe mich eingesperrt in eine Struktur, die immer starrer wird.

2
Weshalb nicht auf Arbeit verzichten? Anstelle von Kunst, Kultur, Wirtshaus, Denken, all den Dingen, die uns in den Sinn kommen? In China gibt es eine neue Art, wie Jugendliche Widerstand leisten: Flachliegen.
Ich tendiere dazu, in meiner Einzigartigkeit zu denken, dass viele Menschen rund um mich Ähnliches erleben wie ich. Ich tendiere zur Absonderung, damit ich diesen Zwiespalt wieder für eine Weile aushalte.

3
Sie schreibt schon am Montag in der Früh, heute beginnt das Wochenende.

4
Träge. Träge. Trage.

5
Ich meine, wir sollten nicht so viel Aufsehen wegen des Klimaschutzes machen. Je schneller der Mensch sich aus dem Universum verabschiedet, desto besser. Für den Menschen. Er ist so klein.

7
Sie sagen zu mir: Chill doch ein bisschen! Meinen tun sie: Wir zählen auf Dich.

8
Er vertrödelt seine Zeit mit Arbeit.

9
Tun bis zum Umfallen und dann umfallen.

10
„Das Glück ist abgebaut und somit auch der Neid. Die Möglichkeiten sind klein geworden und somit auch die Wünsche. Die Hoffnungen sind auf ein Mindestmaß reduziert und somit auch die Enttäuschungen.“ Alfred Polgar

11
Jene Gesellschaft ist reich, die Schmerz aushält. Das hätte man bis vor einem halben Jahr nicht in einer Zeitung gelesen bzw. hätte man es nicht geglaubt. Jetzt ist es das einzig Richtige

12
Darüber jammere ich besonders gerne: dass der Kapitalismus in alle Systeme eingreift, vor allem in das Gehirn von Menschen, die sich eher der Muse hingeben sollten.

Klarheit

1
Mich am Morgen nach bestimmten Vorgaben zu bewegen, das sichert mich. Einfach den Kopf nach vorne kippen zu lassen, ihn auf die linke Schulter zu legen, auf die rechte Schulter zu legen, ihn zwischen die Schultern zurückzuführen. Den Arm zu kreisen, hoch und weit nach hinten um anschließend den Handrücken in meinem Rücken abzulegen, mich zu strecken, das Kinn in Position zu bringen, Stand und Spannung zu haben.

2
Ich kann mein Leben an tausend einfachen Dingen ausrichten, zum Beispiel daran, dass dieselbe Sonne, die meine Früchte im Garten reifen lässt, zugleich ein ganzes System von Himmelskörpern wie unsere Erde beleuchtet. Mich regelmäßig daran zu erinnern, würde mir manche Umwege ersparen.

3
Es ist schrecklich, dass ich keine andere sein kann, als ich bin.
Ich würde lieber daran glauben, dass ich darin frei bin, mich jeden Moment neu zu erschaffen, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Gleichzeitig ist diese Vorstellung die strengste meiner Fesseln. Unbedeutend zu sein und zerbrechlich, ausschließlich vergänglich und klein, wie einfach scheint das!

4
Oberflächlich empfunden wünsche ich mir manchmal die Geborgenheit einer Großfamilie.

5
Ich möchte nicht, dass an meinem Krankenbett Radio NÖ, Radio Wien oder 88,6 gespielt wird.

Leere

1
Aus heutiger Sicht habe ich etwas übrig für die totale Leere.

2
Nashornbulle, Riesenschildkröte, Fransenzehen-Laubfrosch, Chinesischer Flussdelfin, Gelblinge, Brillenbär und Gelber Enzian.

3
Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.

4
Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern bei denen, die noch später sein werden. Kohelet 1,11

5
Das Misstrauen über sich selbst lohnt sich ausschließlich dann, wenn man die Leere aushält.

6
Von den Nöten bestimmter Bedürfnisse erlöst sein.

7
Ich kann‘s nicht leiden, wenn du krank bist, mir ist dann so langweilig!

8
Sie ganz leer denken, unsere Erde.

Offenbarung

1
Das Leben hat keine Handlung.

2
Da bin ich unerschrocken!

3
Und?“, sagt der Bruder zur Schwester. Das waren seine klugen Worte.

4
Ich finde mehr und mehr zu einem Ablauf der Dinge, der mich glauben lässt, es sei immer schon so gewesen. Mehr noch: genau das habe ich immer schon gesucht. Als sei es immer schon so in mir angelegt gewesen und jetzt habe ich jenen Ort gefunden, wo ich mich so richtig entfalten kann. Er befindet sich unter meinen Füßen. Am frühen Morgen stecke ich die Füße in ein warmes Bad, creme sie danach ein und stelle mich dem Tag.

6
Zufälle sind zuverlässig.

5
Irgendwann ist man zu alt fürs Kino.

7
Ich schaue mir keine Serien an, lebe selber in einer.

Staub


1
Der Wind saust wieder ums Haus. Es macht gar keine Freude, im Hof zu sitzen, um zu schreiben. So suche ich das Zimmer im oberen Stock auf. Hier ist alles voller Staub. Man muss dran bleiben an der Putzerei, damit das Gefühl wohnlich bleibt.

2
Es ließ sich nicht verbergen, dass meine Fingernägel schmutzig waren.

3
Sie hat damit angefangen, jedem Jahr einen eigenen Namen zu geben.

4
Ich werde nicht die gekränkte Eitle spielen. Ich lasse die Kirche links liegen und freue mich über das Geistvolle, das sie nach wie vor heimlich zeigt und das ich manchen Menschen und ihrem Treiben entlocken kann. In meinem metaphorischen Tagebuch wird dann unter heute stehen: Sie wollten es nicht anders.

5
Seit sie ein Stück versteinertes Holz geschenkt bekommen hat, denkt sie in unüberschaubaren Zeitsprüngen. Eine Hand, die findet, wird immer da sein.

Kisten

 

 

2021
brauner und weißer Ton, Rakubrand

Keramik ist dem Alltag deutlich näher als etwa Ölmalerei, kann sich diesem durch abstrakte Formen, die überdies keinen praktischen Nutzen erlauben, auch wieder völlig entziehen.

Wut


1
Es bereitet keine Freude, genau 1400 Zeichen zu schreiben, um einen Förderantrag für ein Kulturereignis (in vager Zukunft) zu stellen. Die Förderstelle möchte mich erziehen. In genau eine Richtung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Immer brav machen, was verlangt wird. Und ein Businesskostüm dazu tragen, möglichst ein farbenfrohes!

 2
Die Pandemie hat viele latente Verrücktheiten freigelegt.Es gibt viele Einsame, die Welt hält nicht zusammen, Bescheidenheit hat keinen Reiz und nur für die Armen macht es Sinn, über diesen Reiz nachzudenken; die Reichen werden reicher und das sehr schnell, Hierarchien werden ausgebaut, ja zu Massentourismus und wachsender Wirtschaft, nein zur Menschenfreundlichkeit. Es ist bequemer, die Welt so zu lassen, wie sie ist.

3
Ich will einen richtigen Sabotageakt tätigen!

4
Ich brauche keinen anregenden Wochenausklang!, schreie ich der Ö1 Moderatorin zu.

Unsinn


1
Vernünftig sein macht tendenziell keinen Spaß. Unsinn schon. Meistens und kurzfristig. Ich muss immer mit allem rechnen und ich möchte mich nicht immer entscheiden müssen.

2
Auf Genuss oder auf körperliche Nähe zu verzichten, weil das gesünder ist, um letztendlich mein Überleben zu sichern, scheint mir nicht zielführender zu sein, als mit Genuss und menschlicher Nähe dem natürlichen Verlauf des Lebens entgegenzublicken. Ich will mich jetzt noch nicht freiwillig selbst abschaffen.

3
Heute in der Früh höre ich im Radio einen Mann sprechen. Er redet übers Schönschreiben. Dass es oft monatelanger Übung bedarf, um in einen Rhythmus zu kommen. Mit einer Stunde am Tag sei es da nicht abgetan. Manchem sei es schon passiert, dass er jahrelang übte um zum Entschluss zu kommen, dass es nichts sei für einen.
Schönschreiben hat eine doppelte Bedeutung, mit der Hand schön schreiben oder inhaltlich schön schreiben.
Überhaupt schreiben: Wenn das alles nur Unsinn ist?

4
Kinder müssen immer wieder herhalten und ein Lied singen oder einen Spruch aufsagen, wenn eine dubiose Gemeinheit ( zum Beispiel eine Hubertusmesse/der Parteitag/eine Flucht…) organisiert wird.

5
Bist du katholisch? Aber sicher doch!