Autormartha

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Bringen einzelne die Welt weiter oder doch die Vielen?

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Freudvolle Kreisläufe des Teilens und Anteilnehmens bilden…

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Ich bin mit genügend Talent ausgestattet, und habe nicht allzu viel daraus gemacht. An manchen Tagen ist das meine Conclusio. Das sind zugleich jene Tage, an denen Langsamkeit nicht zählt und Unsicherheit nicht zählt.
Zufriedenheit zählt nicht. Kranksein zählt nicht. Behutsamkeit zählt nicht. Unsicherheit zählt nicht. Fragenstellen zählt nicht. Suchen zählt nicht. Unwissenheit zählt nicht. Bescheidenheit zählt nicht. Poesie zählt nicht. Das sind jene trüben Tage, an denen ich mir meine Haltungen und Lebensweise selber schlecht rede.

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Jeder möge seinen Mist so breit streuen, wie das Auge reicht! Stinken tut’s eh schon überall!

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Das Paar betreibt eine kleine Gastwirtschaft. Die Frau kocht in der Küche. Der Mann berät und bedient die Gäste im Gastraum. Ich beobachte die beiden dabei, wie sie ihn zwischen Küche und Schank einen Löffel Suppe reicht, wohl um ihn zu fragen, ob sie gut abgeschmeckt ist. Er kostet, überlegt kurz und nickt zustimmend.

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Ein Bekannter schenkt uns eine ganze Kiste voller Wiesenchampignons. Wir füllen Teigtaschen damit und essen sie. Obwohl ich mit dem Pilze-Buch kontrolliere, gehört Vertrauen dazu, das zu tun.

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Sie ist in ihrem verantwortungsvollen Beruf erfolgreich. Gleichzeitig glaubt sie nicht daran, dass sie auch ohne Leistungserbringung geliebt wird. Es rührt sie nur für kurze Zeit, wenn man es ihr sagt.

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Der Kupelwieser Walzer rührt mich an.

Klima

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Montagmorgen um 7.35 Uhr im Radio zu hören: Dann werfen wir doch einmal einen Blick aufs Wetter vom Wochenende.

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Einer der großen Verlierer dieser Krise ist das Wort „unmöglich“. Es ist möglich, die Wirtschaft teilweise lahm zu legen und innerhalb kürzester Zeit riesige Milliardenbeträge aus dem Boden zu stampfen, es ist anscheinend fast alles möglich, wenn man es nur will (außer dem ewigen Leben).

„Alternativlos!“ und „unmöglich!“ können wir ab jetzt vergessen. Es wird eine vergessene Kulturtechnik, jene des Argumentierens zurückkehren!

Die Traurigkeit bleibt, denn sie erscheint als angemessene Beziehung zur Welt. Sie ist realistisch. Darin steckt ihre Kraft und Würde: Wer der Traurigkeit in der Klimakrise Raum gibt, verabschiedet sich von unrealistischen Hoffnungen und öffnet den Sinn für die Wirklichkeit.

Wenn die Menschheit über ein mächtiges Talent verfügt, dann ist es die ruhelose Suche nach Alternativen und der Drang zum Neubeginn. Es braucht keine höhere Moral, um die Katastrophe abzuwenden, die härteste Währung der Welt reicht völlig aus – das Interesse am nackten Leben.

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Oder noch besser: Ein Wunder geschieht.

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Eine junge isländische Sängerin die „up“ ist, singt Lieder über das Wetter. Sie heißt Arny Margret.

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Der Morgen ist die schönste Zeit. Und noch schöner ist es, wenn die Musik im Pasticcio genau die Stimmung trifft.

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Sie: Ist die Maus auch heilig, wenn sie eine Reliquie gefressen hat?
Er: Endlich werden die wichtigen Dinge angegangen – hat Konsequenzen. I Love it .

 

Geschmack


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Schmunzelnd nehme ich die beiden Unterscheidungen für das Gewürz Estragon zur Kenntnis:  französisch – kapriziös und russisch – brachial

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Ich verwende Zeit dafür, mich in der Früh je nach Lust und Laune entweder gegensätzlich oder passend anzuziehen! Eine weitere Spielart ist, ein Kleidungsstück mit etwas Schrägem zu kombinieren um die Leute, denen ich begegne, ein wenig zu irritieren. Ich sollte wieder einmal ein Dirndl anziehen!

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Mam zu den Dutt‘s auf unseren Köpfen: „Was wollt ihr denn mit diesen Komposthaufen ausdrücken?“

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Manchmal falle ich in ein gestelztes Gasthaus. Das kann inspirierend sein. Oder ich bemitleide die Wirtsleute, weil sie nicht merken, wie lächerlich diese rutschfeste Decke unter dem schönen, weißen Tischtuch wirkt. Wie auch immer, im Grunde kann ich mir das gar nicht leisten.

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Riechen wir besser als wir denken?

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Das Mundstück einer E-Zigarette hat große Ähnlichkeiten mit einem Schnuller. An der Tankstelle sehe ich eine Frau daran saugen. Ich schnüffle Benzin.

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Das Leben schmeckt immer ein bisschen nach Tod.

Angst

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Alle haben Angst vor dem maßlosen Verzicht. Selbst jene, die sonst sehr vernünftig scheinen.

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Er wollte als Kind nicht ins Kaufhaus nebenan gehen, weil am Eingang ein großes, türbreites Gitter als Fußabstreifer angebracht war, über das er sich nicht zu gehen traute. Er hatte Angst vor dem, was er nicht sehen konnte.

3
Machterhalt baut auf Jugendarbeit und Aufmärsche.

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Die Sommersonnenwende ist der ideale Zeitpunkt, um Zirbennüsse zu pflücken. Sie sollten nicht vom Boden aufgelesen werden, sondern vom Baum gepflückt. Vor meinem Elternhaus stehen vier hohe Bäume. Und niemand nimmt das Wagnis auf sich, da rauf zu klettern, um die Nüsse zu holen.

 

 

 

Reisigbesen

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Verschämt nehme ich ein Buch aus der Wühlkiste vor der Buchhandlung und trage es zur Kasse. „Die Magie von Mutter Natur. Handbuch für die moderne Hexe.“ Erscheinungsjahr auf Englisch: 2021. Auf Deutsch: 2023. Ein solcher Titel hat mich zuletzt in den 1980er Jahren angesprochen. Jetzt liegt es bei mir daheim und ich blättere darin.

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Wie komme ich zu einem Reisigbesen?

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Seit ich denken kann, berührt mich der Kult rund um das Fronleichnamsfest unangenehm. Bis mich eine Freundin darauf hinweist, wie sinnlich dieses Geschehen für sie als Kind war. Die vielen Blumen, das Gras auf der Straße, die Birkenbäumchen am Rand des Weges. Die Buntheit der Altäre. Wenn ich den katholischen Überbau weglasse und mir das alles als „Vodou Haiti“ vorstelle, bekommt es eine verspielt größere Dimension. Derart geöffnet baue ich mir dieses Jahr einen Fronleichnamaltar. Räucherwerk steht da. Ein paar Fetische, Federn und die Zweige vom Palmsonntag. Rosenblätter, Kräuter, Kerzenlicht und eine Opferschale. In sie lege ich zwei Zigarillos. Rum im Glas. Außerdem hänge ich ein Schild an unsere Haustür: „Hier wird Voodoo-Zauber für eine handverlesene Kundschaft hinter verschlossenen Türen vollzogen!“ Abends rufe ich dreimal meinen Namen, um sicherzustellen, dass er nicht gestohlen wird.

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Die heutige Körperpflege zeigt, dass sich ein Zeck in meine Brust verbissen hat.

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Manches Mal wirft man sich der Anerkennung zum Fraß vor.

Fledermaus


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Man will mich zwingen, an Festlichkeiten teilzunehmen um mich zu benebeln mit ausgelassenen Tänzen und gutem Wein und wie gerne habe ich das in früheren Zeiten getan und jetzt, um wie viel lieber nähme ich einen Faden und schlänge ihn mir um den Finger und strickte eine Runde – sogar im Kino, in das ich manchmal ginge um einen herz- und geisterwärmenden Film zu sehen, obwohl ich den dunklen Saal lieber ganz alleine für mich hätte und mich im Anschluss an den Zauber niemand fragen könne, weshalb ich bei dieser oder jener Stelle zum Lachen kam oder gar Tränen geflossen sind. Eine Flattermaus, ja die könnte ich als Gesellschaft noch akzeptieren, dieses nächtliche Geschöpf, ich würde es Hermann nennen und es, also er, würde mich gar nicht beim Namen nennen, sondern in seinem Winterquartier engen Körperkontakt zu mir suchen um einen Schlafverband mit mir zu bilden gegen die kalte Welt. Hermann würde schlecht sehen, irgendetwas wäre mit seinem Echoortungssystem nicht in Ordnung, trotzdem wäre es ihm ein Anliegen, mir eine kleine Bachschmerle zu fangen, doch schnappte er beim Fischen jedes Mal knapp daneben und wäre somit ganz auf die Solidarität seines Weibchens angewiesen. Ich würde ihm im Frühjahr ein Huhn für uns schlachten und mich im Anschluss an die Schmauserei in seinen Flügeln bergen, kurz rasten, bevor wir abheben, das Flattertier und ich, und sein Ruf nach unbändiger Ausgelassenheit würde die erlaubten 140 Dezibel um ein Vielfaches überschreiten.

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In einem einzigen Wort kann die ganze Welt transportiert werden.

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Das wird kein Honiglecken!

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Ich hänge einen Fledermauskasten in den Baum. Er hängt in 5 Meter Höhe und ist nach Südosten ausgerichtet. Bei großer Hitze im Sommer kann ein kühler Hangplatz überlebenswichtig sein. Ich habe darauf geachtet, dass der Anflug frei ist, damit die Fledermäuse vor dem Kasten schwärmen können. Unter dem Baum wachsen Leimkraut, Wegwarte und Seifenkraut.

Hand

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Er zeigt auf einen Stern und sagt Jupiter. Er zeigt auf einen Stern und sagt Saturn. Ich glaube es ihm.

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Schneidet man einem Axolotl die Hand ab, wächst sie wieder nach. Verliert ein Axolotl ein Körperteil, weil es von einem Fressfeind abgebissen wurde, kann er es innerhalb weniger Monate vollständig und ohne Narben nachbilden. Er kann sogar ganze Organe wie das Herz oder Teile des Gehirns ersetzen, wenn diese verletzt sind.

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Du warst einer von uns.

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Ich bin eine Pore meiner Haut.

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Ich bin genug, um bis jetzt von dir geliebt zu werden.

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Meine Taschen sind voll.

Bittgang


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Ich liebe G’stanzln: „Des gonze Weihwasser in Mariazell hab i mit LSD veseicht, des is tragisch aber es is glogn“ (gehört von den Strottern)

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In welche Richtung gehen wir nun wirklich?

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Ich suche traditionelle Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft. Ich finde und verwerfe: die parlamentarische Monarchie der Briten, die katholischen Bittgänge rund um Christi Himmelfahrt, die Venus von Dolnî Vêstonice und den Hollerstrauch vor meinem Haus, der jetzt in voller Blüte steht.

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Ich bleibe an der Spinnwirtel hängen, die unlängst im Urzeit-Museum von Stillfried an der March meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Ich bleibe an diesem (scheibenförmigen) Objekt mit dem Loch in der Mitte hängen, Jahrtausende alt, bis mindestens ins 14. Jahrhundert verwendet zum Spinnen von Fäden für Kleidung und andere Textile … Textur … Text … Ich darf sie natürlich nicht in die Hand nehmen, so bleibt es beim Lesen des Textes, der als Erklärung angebracht wurde: wenn ich dem glauben darf, ist sie an die 7500 Jahre alt. Dieses Artefakt liegt also nur in der Phantasie in meiner Hand, schwer, um zu Boden zu gehen, um einen Faden zu spinnen, der verwoben wird mit vielen anderen, um dann zu halten oder zu tragen oder getragen zu werden von unzähligen Frauen und Männern und Kindern. Die Welt überhaupt als ein Gewebe zu sehen, in dem alles mit allem verbunden ist, das ist für mich die Geschichtsdeutung dieser Tage. Die Welt ist ein Netz. Was eine Einzelne/ein Einzelner tut oder lässt, hat Auswirkungen auf alle. Wir existieren nicht ohne einander, wir können nur miteinander und füreinander existieren.

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Meine Mutter hat mir ein neues Kleid aus rotem Stoff genäht. Die Knöpfe fehlen noch. Ich werde sie aus Ton formen, brennen und an den dafür vorgesehenen Stellen anbringen.

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Sehr gerne spinne ich mir in den zu seltenen Tagträumen (m)eine Welt zusammen. Sie trägt mich. Ich lasse mich in sie fallen. Sie hält ewig.

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Du am Meer und ich nicht online. So sieht die Realität aus.

Trauer

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Ein gebrochenes Herz sieht anders.

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Der Begriff „Trauerarbeit“ impliziert, dass es mit den richtigen Werkzeugen ein Leichtes ist, Trauer abzuhandeln und bei Seite zulegen. Man sollte sich nicht täuschen lassen.

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Die Künstlerin Evgenia Tsanana betreibt ein „Büro öffentlicher Entlastung“. Hier kann man ihr schlechte Träume erzählen oder „Grüße nach drüben“ schicken. Sie sitzt dabei an einem Holztisch unter freiem Himmel und ritzt auf Wunsch der Besucher*innen die Namen ihrer Toten in Holzstäbe. Die Angehörigen können dazu einen Gruß an die Verstorbenen formulieren oder einen Wunsch für sie verfassen. Hinterher verbrennt Tsanana die Stäbe und lädt ein, gemeinsam eine Totenspeise zu essen.

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Wann wird das Begräbnis sein, damit ich eine Kerze anzünden kann?

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Manchmal möchte ich, wenn ich aus dem Krankenhaus rausgehe, nur mehr unversehrte Körper sehen.

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Ereignisarmut passt nicht zu Erlebnishunger. Ereignisarmut lebt von Nähe. Erst dann entfaltet das Nichtssagende seine Kraft.

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Es gibt nichts Erregenderes, als beim Verlassen eines Landes mit dem Schiff, von einer wohligen Trauer durchrieselt zu werden, die alles umfasst, das ganze Leben, das ganze Sein, die Welt, und zu fühlen, wie viel mir fehlt, ohne sagen zu können, worin es besteht.

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Trauer braucht Schonung; man spürt sie erst, wenn sie weg ist.

Abfall


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Seit im Krankenhaus wieder Besuche erlaubt sind, wird wieder mehr Dreck ins Spital gebracht.

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Eine Person verrichtet ihre Notdurft in der Kapelle.

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Die Blätter auf dem Boden vor der physikalischen Ambulanz lassen sich nicht bändigen. Immer wenn die Tür zum Hof aufgeht, weht es ein paar neue herein. Der Gang wirkt wie eine Allee mitten in der Krankenhaussterilität.

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Sollen wir weiterhin Hühner halten, damit wir Mist zum Düngen haben?