Autormartha

Harmoniesucht


1
Im Bahnhof von Mistelbach sitzen und auf den Zug warten. Die Bänke im Warteraum hier sind auch nicht bohemien- und sandlertauglich. Der Bahnhofkiosk hat schon lange geschlossen und der dafür vorgesehene Raum hat immer noch keinen alternativen Zweck gefunden. Er ist leer, es gibt offene Elektrobüchsen und die Kabel hängen aus der Wand. Der Boden wird nicht gereinigt. Ich sehne mich nach einer Tasse Kaffee.

2
Heute spüre ich ganz deutlich, wie sehr ich auszugleichen versuche, während sich die beiden anderen unseres Dreiergespanns kaum um Kompromisse bemühen. Sie verlassen sich auf meine Harmoniebedürftigkeit. Dem will ich mich entziehen. So weit wie möglich. Was kümmern mich die Konflikte anderer!

3
Meine Schwester lässt sich am Straßenrand auf einer schwach befahrenen Landesstraße 50 Euro abknöpfen. Die britische Familie scheint zu herzergreifend echt: eine weinende Frau, ein weinendes Kleinkind, ein engagiert jammernder Vater. Daheim angekommen, hört sie in den Medien, dass solche Betrüger unterwegs sind.

4
Beim Krankenhaus Lilienfeld gibt es Extraparkplätze für Leitungspersonen. Das ist in Mistelbach auch so. Wenn ich so etwas sehe, möchte ich am liebsten nach Schweden oder Dänemark auswandern.
Dort gibt es diese verrückten hierarchischen Frechheiten nicht.

5
Wie geht das, meinen Charakter so zu festigen, dass er von keinem Menschen beleidigt und herabgesetzt werden kann? Derart ausgestattet wäre ich dann vielleicht frei von Ärger und Wut? Zum Beispiel auf Golfrasen?

6
Wir reden über unsere Sommerfrischen in unserer Kindheit. Also, alle anderen reden. Ich hör zu. Immer, wenn ich mir etwas denke, das passend dazu zu sagen wäre, kommt schon ein nächste Gesprächswendung daher und meine Geschichte passt nicht mehr.

7
Indifferent, dieses Wort ist nicht in meinem Wortschatz verfügbar. Ich treffe einen Mann, für den genau diese Bezeichnung zu passen scheint. Ein Freund hilft mir, den richtigen Begriff dafür zu finden. Sowohl der Mann als auch Indifferenz sind mir suspekt.

8
Traismauer. Kaffeehaus. Zwei Kellnerinnen und ein Mann unter sich. Ich sitze am Nebentisch und höre ganz deutlich, was die miteinander reden: „Du trägst ja keine Unterhose!“, sagt die eine zur anderen, die keine Unterhose unter dem kurzen, schwarzen Strickkleid trägt. „Natürlich trag ich eine Unterhose!“

Regression

1
Vom Almgasthaus, in dem wir noch ein Abendessen bekommen (die Küche ist nur bis 18 Uhr geöffnet), wandere ich nach Lilienfeld. Das sind knapp vier Kilometer. Auf dem letzten Kilometer beginnt es heftig zu regnen. Ich suche Schutz unter dem Schirm eines großen Nussbaumes. So nahe am Stamm wie möglich, spüre ich, er bietet echten Schutz. Ich bin schon ein sehr degeneriertes Kind, die Natur quält mich zu oft, und ich vertraue mich ihr kaum mehr an.

2
Der Mühlbach vor dem Zimmerfenster rauscht so, wie das Bacherl, das ich durch das Fenster meines Jugendzimmers gehört habe.
Die Triesting ist zu wild für unser kleines Paddelboot. Wir folgen dem Geheimtipp des „Goodgirls“ von der Rezeption im Stift – also auf ins Naturbad Türnitz! Nachdem der Mann an der Kasse sein Kreuzworträtsel gelöst hat, kann er endlich freundlich sein. So freundlich, wie man es hier von den Menschen gewohnt ist. In der Zwischenzeit beginnt es wieder zu regnen. Es ist warm. Im strömenden Regen schwimmen. In einem wogenden Meer von Seerosen liegen. Was für ein Wohlgefühl

3
Beim Spar in Lilienfeld kaufen wir Himbeeren. Ich hatte so großen Appetit drauf. Einen Tag später bei einer Wanderung ganz in der Nähe durchqueren wir in einen Himbeerschlag voller Früchte. Hier scheinen alle die Himbeeren im Geschäft zu kaufen. Sie selber zu pflücken ist aus der Mode gekommen.

4
In der Kleiderschürze meiner Großmutter, fühle ich mich wohl. Sie steht mir sehr gut, auch wenn ich drunter etwas trage.

5
Willi Puchner spricht im Radio von seiner Liebe zur Natur. Von seinem Leben mit ihr. Zu seinem Leben mit der Natur. Seine Katze ist gleichzeitig domestiziert und Symbol für die Natur. Sie tröstet ihn – außer, wenn sie das angepflanzte Gemüse in Form von Schnecken frisst. Das Meer ist seine zweite große Liebe. Er ist ein Wahrnehmungssüchtiger.

6
In meinem kleinen, niedrigen Gartenkeller haben sich die Rotschwänzchen eingenistet. Ich kann auf Augenhöhe ins Nest schauen und mir schauen schwarze Kulleraugen entgegen. Unerschrocken. Im Radio hör ich, dass Rotschwänzchen im Dialekt singen und ihn an die Nachkommen weitergeben!

7
Ich verwende ein neues Shampoo. Es ist gänzlich ohne Zusatzstoffe. Es ist dreimal so teuer wie eines mit Zusatzstoffen. Meine Tochter sagt, beim Wein sei es auch so. Verkehrte Welt.

Schockverliebt


1
Wer außer den wirklich Betroffenen versteht denn schon die Lebensgemeinschaft zweier Menschen?
Wir – sofern wir nicht schon getrennt leben – haben uns auseinanderentwickelt, auch wenn wir ein gutes Team sind. Das scheint normal zu sein. In unserem Alter. Das gemeinsame Essen genießen wir trotzdem.

2
Sie findet bei Amazon ein Gerät für Umarmungen. Wenn man genau diese Worte ins Internet eingibt, wird das vorgeschlagen. Sie bestellt es über den Amazon-Account ihres Mannes. Kaufen ist in vielerlei Hinsicht eine krückenhafte Ersatzhandlung für nicht eingelösten körperlichen Ausdruck von Zuneigung: Schöne Kleidungsstücke die ganz genau zu ihr und an ihr passen, liegen dann auf ihrer bedürftigen Haut. Die berühmte Therapeutin Virginia Satir sagte, dass wir am Tag vier Umarmungen zum Überleben, acht für Wohlbefinden und zwölf für Wachstum brauchen.

3
Sie können über all das nicht offen reden. Obwohl sie im selben Zimmer sitzen, kommunizieren sie über die WhatsApp.

4
Was bedeutet „aktive“ Trauer?

5
Wir telefonieren ein bisschen und verbleiben in inniger Distanz.

6
Ich schlafe sehr schlecht, weil mich ein lang anhaltender Kopfweh und eine Nackenverspannung peinigen. Ich mache mir wieder einmal Sorgen, welche Krankheit das schon wieder ist, welches Insekt mir welches Nervengift schon wieder gespritzt hat … Am liebsten würde ich zu ihm ins Bett kriechen, unterlasse es aber, um ihn nicht auch noch zu wecken.

7
Wir sind ein miteinander alt werdendes Paar, wir versuchen ein bisschen weniger miteinander zu kämpfen.

8
Phoebe Violet gibt alles her. Ihr beim Singen zuzuhören und zuzuschauen ist uns allen ein Vergnügen. Ich lasse alles laufen. Auch das Hören. Phoebe singt vor allem von der Liebe. Wir verstehen den Text nicht. Wir verstehen, was sie sagen will.

9
Jetzt, nachdem unsere Schockverliebtheit vorbei ist, können wir uns ernüchtert anderen Dingen zuwenden.

Krematorium


1
Die Tochter nimmt sich von Omas letzten Dingen drei Mäntel, zwei Hüte, zwei Paar Schuhe, eine Jacke, ein paar Leiberl, Schmuck und einen Rosenkranz. Dass wir nun endgültig ihr Haus ausräumen, berührt uns alle auf unsere eigene Art und Weise. Man ist durch den Wind, traurig, möchte möglichst schnell alles hinter sich bringen. Der Auftrag, bescheiden zu leben und freundliche Kompromisse zu finden, liegt in der Luft. Wir sind alle mittendrin im Sterben.

2
Erst heute sehe ich zum ersten Mal die Spinnerin am Kreuz. Ich besuche eine Ausstellung im nahen Wasserturm. Der Park rundherum ist gut gepflegt. Der Bezirk rundherum ist nicht meins.

3
Erst heute besuche ich zum ersten Mal ein Krematorium. Ich bin Teil einer Gruppe von 20 Menschen; wir nehmen an einer Führung teil: In Österreich gibt es 17 Krematorien, davon vier in Niederösterreich. Unseres hat eine Ofenlinie. Am Ende bleiben von uns drei bis fünf Kilogramm Asche übrig. So viel Gewicht wie zu Beginn unseres Lebens. In zwei Stunden ist alles vorbei, dann wird aussortiert und gemahlen. Diese Asche sollte nicht geteilt werden. Es gibt Ausnahmen. Manchmal für Handschmeichler oder manchmal 300 Gramm für einen Stein. Die Urnenkapsel wird oft von der Post verschickt. In dieser Verbrennungs- und Versandkette gibt es derart viele Möglichkeiten, Fehler zu machen, dass man das Ganze nun doch nicht zu ernst nehmen sollte. Das ist mein Resümee nach dem Besuch.

4
Erst heute besuchen wir das Grab eines von vor einem Jahr verstorbenen Freundes in Plavecky Štvrtok. „Du bist im Angesicht der Menschen, doch kann man deinen Weg nicht sehen. Echnaton“, lesen wir auf dem Grabstein. Wir sehen die stilisierte Darstellung der ägyptischen Sonnenscheibe. Ihre Strahlen führen nach unten, jeder Strahl endet in einer kleinen Hand. Wir sehen auf einem anderen Bild zwei herabhängende Arme mit geöffneten Händen. Unser Freund umarmt uns.

5
Die Grabpflege gehört zu den wichtigsten Dingen in einem Dorf. Ich setze nachts heimlich ein paar Pflanzen auf das Grab meiner Schwiegermutter. Ich möchte dabei nicht gestört werden. Sie fehlt mir nicht. Das ist eine Erkenntnis, die mich sehr wundert.

6
„Es blühte hinter ihr her“ – sagt eine Freundin über ihre verstorbene Mutter.

7
Ich liebe die scharfe Latwerge in den Buchteln.

Laufen


1
Das Schönste daran ist, dass man weiß, man kann fünf Stunden lang laufen, ohne dass man daran stirbt. Oder man weiß, dass man ohne weiteres dazu in der Lage ist, von Niedersulz nach Wien zu laufen.

2
Straßen- und Autofahrkonzepte sind männerdominiert. Die Deutsche Bahn liegt deshalb so im Argen, weil sich die Männer und Verkehrsminister nur um das Auto kümmern.

3
Es macht mir keine Freude, auf Essen zu verzichten. Überhaupt keine Freude.

4
Im Schlafzimmer geht eine Maus spazieren. Da muss ich natürlich ausziehen.

5
Sagt eine Einheimische beim Heurigen zu meinem Mann: „Sie lässt dich schon wieder allein!“, und meint damit mich. Es ist zum Davonlaufen aus diesem Kaff!

6
Ein schöneres Leben führen. Ein schöner Gedanke.

7
Ein gutes Buch langsam lesen; stocken, nicht nur zögern!

8
In Malacky entscheiden wir uns für einen Kaffeehaussitzplatz unter den Bäumen. Es ist schön kühl. Wir bleiben länger als geplant.

Bernstein


1
Ich wandere mit der Tochter rund um den Hutsaulberg in Althöflein. Sie wird als erste Wanderung in meinem neu erworbenen Weinviertel-Wanderbuch beschrieben. Eine alte Kopfweide und der Ausblick von der Hutsaulbergwarte sind unsere Höhepunkte der Wanderung. Beim Radltreff in St. Ulrich trinken wir einen Abschlussschluck.

2
Der Mann ist beim Feuerwehrfrühschoppen versumpft.

3
Teamarbeit ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man alles zu persönlich nimmt. Nach meinem Geschmack ist es freundlicher, bei den zwischenmenschlichen Abgründen ein bisschen schlampig zu sein und sich davor zu hüten, voll hineinzugehen in eine Missstimmung. Denn aus so etwas kommt man nie wieder raus.

4
Der Arbeitskreis macht mir Freude. Es sind Menschen, die wie ich mit bestimmten rituellen und sprachlichen Traditionen aufgewachsen sind und versuchen, diese regelmäßig auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Überall wird so genau hingehört und hingesehen.

5
Er schenkt mir einen durchsichtigen Halbedelstein, der sehr gut in der Hand liegt. Über den Feiertag liegt er neben einem Rosenkranz aus ähnlichem Material. Sie duellieren sich. Das Match gefällt mir.

6
Der Priester muss keine Kommunion zur Krankensalbung mitnehmen. Die Kranke kann nur noch mit eingedickter Flüssigkeit ernährt werden, sagt die diensthabende Diplomkrankenschwester am Telefon. In welchem Kontext hat solch ein Satz Bestand?

7
Ich muss einen neuen Menschen kennenlernen! Sofort!

Kniehoch


1
… ist nicht knietief
2
Die überreifen, nicht gepflückten Feigen entwickeln sich am Baum zu sonderbaren Gestalten. Manche erinnern an Fledermäuse, andere hängen wie kleine Leichensäcke vom Ast.
3
Eines seiner Lieblingsworte: „Sauber!“

Kitt


1
Manchmal langweilt mich mein Zuhören. Nicht das, was ich höre, langweilt mich, sondern das Zuhören selbst, diese komische aktive Zurückhaltung.  Mich langweilen meine Ohren, weil sie nicht anders können, als zuzuhören.

2
Ich erhasche zwischendurch Minuten, manchmal sogar Stunden der Innigkeit. Ich bin müde, lasse es zu, beobachte es. Ich schaue auf den Teich. Den Schwan. Die Enten im Flug. Die sprießenden Weiden.

3
Viele gehen weg aus unserem Dorf. Diejenigen, die zurückbleiben, leben in einer Welt aus verlassenen Gräbern und ungeborenen Kindern. Da bricht Panik aus. Wir brennen Schnaps im Sommer, um im Herbst einen Portwein anzusetzen und gründen einen Taschenfeitelverein. Der Griff meines Taschenmessers ist dunkelrot.

4
Ich finde ein ziemlich aktuelles Kinderbuch von Stephen Hawking im Büchertauschkasten in Niedersulz.

5
Jetzt bin ich schon den zweiten Tag am Stück im Haus in Niedersulz. Ich zünde im Hof ein kleines Feuer und Räucherstäbchen an. Der Mann füllt mit einem Freund den Souvignier Gris und die Donausorten in Flaschen ab. Anschließend essen wir gemeinsam zu Abend.  Wir reden über Christine Lavant und darüber, dass sie die Gedichtform für ihre Texte gewählt hat, damit im Dorf niemand genau versteht, wen oder was sie in ihrer Lyrik beschreibt. So schützte sie sich vor Angriffen.

6
Ich bin dieser temporären Selbstauswilderung vollkommen schutzlos ausgeliefert. Wir alle sind es. Nichts wird gut, nur weil es uns gut geht. Voller Verzweiflung suche ich nach dem passenden Symbol oder Wort, das ich auf die Fahne hefte, die ich unbedingt in Zukunft hissen muss!

7
Ich folge einer Geburtstagseinladung in ein Weinviertler Dorf, in dem ich zuvor noch nie war.  Das Navi führt mich über eine einspurige Kellergasse direkt zur Kirche.  Ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „Vorsicht! Ziesel queren“ fällt mir auf dem Weg dorthin auf. In der Kirche warten viele Menschen auf die Liturgie, die das Geburtstagsfest einläutet. Der Jubilar sieht in seinem weißen Leinenanzug aus wie ein Priester, was er in früheren Zeiten ja auch war. Der Mann bezeichnet diese Zusammenkunft als Veteranentreffen. Wir wissen, es sind viele beseelte Menschen anwesend. Das Buffet zum Teilen ist reichhaltig, und ich mag es nach wie vor, dass jeder Gast etwas dazu beiträgt. Alles ist bunt. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns zu verschwenden.

Budapest, Fragment


Siehst du, die Bilder bewegen sich. [1]
1
Wir nehmen den Zug und lassen uns im Speisewagen nieder und verbringen die Fahrt mit der Rede über die eigenen Befindlichkeiten. Der Ostbahnhof ist unser Zielbahnhof. Er nimmt uns großzügig auf. Er ist mondän. Die ganze (Innen-) Stadt ist mondän. Es gibt nicht genug Geld, um alles abzureißen und mehr oder weniger aufregende Neubauten hinzustellen. Es gibt genug Geld, um manche schöne alte Bauten mit einer neuen Fassade auszustatten.

2
Im Hotel Astoria wohnt man gemeinsam mit der Geschichte einer Radioquizsendung von anno dazumal: „Wer gewinnt heute? Spiel und Musik in 10 Minuten vor 12.“ In der Hotellobby fand fast über 40 Jahre lang eine Sendung mit Livebeteiligung statt. Die Signation dazu klingt entzückend. Man kann sie im Internet nachhören.

3
Wir finden traditionelles Essen in einem Gasthaus mit schlichter Einrichtung: Pörkölt mit Spätzle und Topfennudel, Turos csuszas. Diese bereitet man aus Nudeln, Bröseltopfen, Sauerrahm und gebratenem Speck zu.

4
Im Nationalmuseum in Pest werden Bilder von Magyar Tivadar Csontvary Kosztka gezeigt, einem Maler, der für seine eigenwilligen Phantasiegemälde von Orten bekannt ist, die er selbst nie besucht hat. Bilder mit Titeln wie: „Die Zedern des Libanon“ oder „Das Griechische Theater in Taormina“. Wir sehen „Eine (verträumte) Dame in Lila“ von Pal Szinyei Merse, „Drei steinewerfende Jungs am Wasser“ von Karoly Ferenczy oder „Ein Paar beim Kukuruzschälen“ von Simon Hollósy. Besonders liebe ich ein Bild von Sándor Bihari aus dem Jahr 1890, das drei nähende Frauen auf einer Veranda darstellt. Ein Mann sitzt dabei und wir scherzen, dass er wahrscheinlich besonders Geistreiches von sich gibt und den Frauen Ratschläge für die Herstellung der Handarbeiten erteilt.

5
Das Ludwigmuseum liegt etwas außerhalb des Zentrums. Wir nehmen die Tram und übersehen die Zeit, sodass sich nur ein paar Augen – Blicke auf zeitgenössiche Kunst der SiegerInnen des Esterhazy Art Award 2025 ausgehen. Ich brauch sehr lange, um zu kapieren, dass es für die Entwertung der Tramkarte noch das alte Lochsystem gibt.

6
Die Donau begleitet uns während des ganzen Tages. Am Abend finden wir “Liz & Chain“, eine erfreulich schlichte Bar direkt am Fluss. Wasser, Fähren, Kreuzschiffe, Boote, Menschen. Alles fließt. Man fragt sich, welche Touristen außer uns Budapest besuchen? Und bekommt darauf ein paar Antworten.

7
Ich darf ein paar Längen im Gelertbad schwimmen. Für einen Moment werde ich an „Perfect Days“ erinnert, während ich verstohlen einen japanischen Gast dabei beobachte, wie er mit großer Langsamkeit und genussvoll in ein Becken mit heißem Wasser steigt.

Und ich habe gesehen, wie ein Fest ist, wenn alle Angst haben.
8
Beim Streifen durch die Straßen, beim Betrachten bestimmter Häuser, ziehen vergangene Künstlerfreundschaften vorbei.

Sie waren die größten Künstler aller Zeiten.
Sie waren zornig.
Sie waren Einheizer auf der Hochschule.
Sie bauten eine simple Lokomotive aus Blechdosen und wurden nicht von der Schule geschmissen, obwohl der Arbeitsauftrag ein ganz anderer war.
Sie legten provokativ ein weißes Blatt Papier über die neue grafische Arbeit, damit der Professor nicht in die Zeichnung pfuschte, sondern seine Verbesserungsvorschläge auf dem Extrablatt skizzierte.

Das Begräbnis des Kunsttheoretikers und Künstlers Ernö Tolvay liegt viele Jahre zurück. Es ist eiskalt. Einer aus der Gruppe schlägt vor, noch etwas trinken zu gehen. Daraufhin driften alle erschrocken auseinander und verschwinden. In Ungarn endet Trinken immer im Desaster. Das wissen alle. Es gibt kaum jemanden in der Runde, dem Alkohol nicht ein schlechter Freund war oder ist. „Wir feiern, bis wir in der Traurigkeit untergehen!“ Immer fließen Tränen.

Und ich habe den alten Mann gesehen, mit dem Stock in der Hand, damit er nicht allein ist.
9
Hier in Ungarn sind wir Nationalhelden, aber 500 Meter weiter über der Grenze kennt uns niemand“, sagt Gabor Presser, der Sänger von Locomotiv GT.
Natürlich gibt es die Wiese in Pest noch, auf der – besonders in den kommunistischen Jahren –  wichtige Konzerte stattgefunden haben. Gabors Lieder mit den versteckten Botschaften, die für viele Tausende junger Menschen Hoffnung und Trost bedeuteten, hängen noch in den Bäumen. Lieder mit Texten, wie aus der Seele gestochen.

Ich habe es gesehen, mein Leben ist nicht genug, um nicht zerrissen zu werden.
10
Ein paar Wochen später höre ich daheim im Radio Fatima Szalay‘s Konzert beim Festival „Glatt und Verkehrt“. Die junge Musikerin lebt  in Budapest und all ihre Lieder klingen so melancholisch und traurig, wie es Lieder in Ungarn seit eh und jäh tun. Sie singt von rohen Verhältnissen. Sie singt von der Armut, davon, ohne festen Wohnplatz zu sein, immer bei Bekannten oder in leerstehenden Häusern unterzukommen und morgens ein Sackerl mit Milch und ein Stück Brot zu stehlen, um etwas in den Magen zu kriegen. Sie singt davon, einen streunenden Hund zum Freund zu haben, ihn Baghira zu nennen, mit ihm zur Erfrischung an die Donau zu gehen und Hühnerkrägen zu organisieren, die dieser im Ganzen verschluckt.
Sie singt vom Sohn, den die Eltern aus der gemeinsamen Wohnung aussperren, weil er zu teuer kommt, sie singt von Ungarn, in dem die Menschen immer schwermütig, enttäuscht und alkoholisiert sind. „Zuerst haben uns die Türken belagert, dann die Habsburger, die Russen und nun die EU.“ Es ändert sich im Grunde gar nichts!

Denn du bist noch da, und unsere Hände sind noch nicht auseinandergerissen.
11
Kann es in dieser Stadt sein, dass sich irgendetwas Bedeutsames in großer Klarheit zeigt, die Schönheit der Welt, die Größe einer Liebe oder die Tiefe einer Trauer? Oder muss man dazu wieder weg von ihr?
Was außerhalb der Norm ist, hat eine besondere Kraft, sagt die Geschichtsschreibung. Wenn wir wüssten, wie sehr wir einander brauchen, würden wir das nicht aushalten.

12
… und der grinsende Erwachsenen lernte, wie man leben muss.

[1] Gabor Presser/ Horvath Peter/ Mozi/ Kino

Erdbeeren

1
Unser Haus birgt viele Fallstricke. Immer gibt es etwas zu tun. Eine Lampe geht kaputt, der Rauchfang bekommt einen Riss. Das Holz geht aus. Die Zentralheizung springt plötzlich an. Und immer kommen noch mehr elektronische Geräte dazu. Die Neuerwerbung: Ein Heißluftfrittierer. Im Grunde ist es ein kleines Backrohr. Geht so Stromverbfrauch senken?

Die Tochter meint, sie brauche keinen Wohnungsbesitz. Sie schickt ihre Energie lieber auf Reisen. Ich liebe die Freiheit mehr als die Sicherheit. Hoffentlich bleibt das noch lange so! Und hoffentlich behält sie recht.

Mein Lieblingslinker hat sich jetzt auch schon die zweite Eigentumswohnung gekauft.

Es gefällt mir, die Häuser meines Lebens vor Augen zu führen.

2
Auf der Straße höre ich einen älteren Herrn ganz aufgeregt erzählen: „Und wie gerne er sich auf meine Brust legt und sich hineinkuschelt! Nur das Handy mag er nicht.“ Ich denke mir: Wie schön, er sprich über sein Enkelkind. Nachdem er weiterspricht „…ja, das Handy versucht er dann immer mit seinen Pfoten wegzuschubsen“, wird mir klar, dass er vom Hund redet. Auch gut.

3
Der junge Mann nimmt sich das Leben. Ganz bedacht. Sodass nichts schiefgehen kann.  Für die Personen, die ihn später in der Wohnung finden werden, hängt er einen Zettel an die Tür: „Ich bin tot. Man kann ungehindert eintreten, das Gas hängt nicht im Raum.“

Die Flucht ist geglückt.

4
Intuition oder Gefühl – dieses Zeug ist nicht in Mode.

5
Küsst euch lieb und küsst euch wild. Es gibt nichts, das eine Beziehung lebendiger hält, als sich viel zu küssen, sagt der Psychotherapeut.

6
Er kauft Erdbeeren und Spargel für mich.

7
Wir wissen nichts voneinander. Wir können nur raten.